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  • Brasília — Jung, anders und schnell gewachsen
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Erwachet! 1998
g98 8. 9. S. 14-18

Brasília — Jung, anders und schnell gewachsen

Von unserem Korrespondenten in Brasilien

IN WELCHER Hauptstadt der Welt konnte man mit dem Mann telefonieren, der die Originalpläne für diese Stadt gezeichnet hat? In welcher Hauptstadt konnte man bis vor kurzem den Architekten treffen, der die ersten Regierungsgebäude jener Stadt entworfen und deren Bau überwacht hat? Und in welcher Hauptstadt weiß man bei einem Spaziergang, daß jeder über 40jährige, der einem begegnet, mit Sicherheit nicht dort geboren wurde? In Brasília, der Hauptstadt Brasiliens — einer jungen, in ihrer Art unvergleichlichen Stadt, die einen zweiten Blick wert ist.a

Eine lange Vorgeschichte

Der Flug von São Paulo nach Brasília dauert rund eineinhalb Stunden. Mit einem bequemen Bus ist man in etwa zwölf Stunden da. Ich entschied mich für die Busfahrt. Dadurch hatte ich viel Zeit, mich in die Geschichte der Stadt einzulesen.

Schon seit der Zeit der ersten organisierten Rebellion gegen die portugiesische Herrschaft Ende des 18. Jahrhunderts bestand in Brasilien der Wunsch, eine neue Hauptstadt zu errichten. Kurz nach Erlangen der Unabhängigkeit 1822 empfahl der brasilianische Staatsmann José Bonifácio de Andrada e Silva, die künftige Hauptstadt Brasília zu nennen — ein Name, der bereits im 17. Jahrhundert von Kartographen verwendet wurde, um das gesamte Land zu bezeichnen.

Im Jahr 1891 hieß es in der neuen Verfassung des Landes, daß 14 000 Quadratkilometer Savanne in der zentralen Hochebene abgesteckt werden sollten. Dort, etwa 1 000 Kilometer von der Küste entfernt, würde die neue Hauptstadt erbaut werden. Politiker versprachen sich von der Verlegung der Hauptstadt von Rio de Janeiro ins Landesinnere eine Erschließung des riesigen Binnenlands. Doch vergingen noch einmal 50 Jahre, ohne daß ein weiterer Schritt folgte. Schließlich endete 1955 die lange Vorgeschichte Brasílias, und eine Zeit voller Betriebsamkeit wurde eingeläutet.

Ein Wettbewerb und ein Plan

In jenem Jahr versprach der Präsidentschaftskandidat Juscelino Kubitschek, daß im Fall seiner Wahl die neue Hauptstadt noch vor dem Ablauf seiner fünfjährigen Amtszeit Realität würde. Im April 1956 wurde Kubitschek gewählt.

Einige Monate zuvor hatte die Regierung einen Wettbewerb ausgeschrieben; in Brasilien ansässige Architekten, Ingenieure und Stadtplaner wurden aufgefordert, einen Plan für die Struktur der neuen Hauptstadt zu entwerfen. Innerhalb von wenigen Monaten hatten 26 Kandidaten ihre Version einer idealen Hauptstadt eingereicht. Im März 1957 gab eine internationale Jury den Gewinner bekannt: Stadtplaner Lúcio Costa.

Im Gegensatz zu den anderen Mitbewerbern bestand Costas Eingabe nur aus einigen wenigen Zeichnungen und einer Handvoll Seiten mit gekritzeltem Text — eine ganze Stadt in einem braunen Briefumschlag! Er entschuldigte sich bei der Jury für den dürftigen Entwurf, fügte aber hinzu: „Ist er nicht angemessen, so kann man sich seiner leicht entledigen, und ich habe weder meine Zeit noch die Zeit eines anderen verschwendet.“ Doch der Jury gefiel sein Plan, sie hielt ihn für „klar, direkt und grundsätzlich einfach“. Was sah sein Plan vor? Wie entstand daraus eine Stadt aus Beton?

Ein „Flugzeug“ im Staub

Eine gute Möglichkeit, dies herauszufinden, ist ein Besuch im Museu Vivo da Memória Candanga (Museum zum Gedenken an das Leben der Candangos). Da das Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, ursprünglich das erste Krankenhaus der Hauptstadt war, ist es regelrecht die Wiege Brasílias. Die ersten Babys, die vor 40 Jahren in Brasília geboren wurden, erblickten genau hier das Licht der Welt. Heute erzählt das ehemalige Krankenhaus allerdings die Geschichte der Wiege und Kindheit Brasílias. Auf einer Schautafel heißt es, es handle sich um eine Geschichte von „Staub, Zelten und Beton“.

Laureti Machado, eine Museumsangestellte, geht mit mir zunächst durch die „Staub“-Periode. Sie bleibt vor einem 1957 aufgenommenen Bild stehen, auf dem zwei staubige Straßen zu sehen sind, die durch die Savanne verlaufen und sich mitten im Niemandsland rechtwinklig überschneiden. „Dieses Foto“, sagt sie, „hat den allerersten Schritt der Bauarbeiten eingefangen.“ Danach erkennen wir auf den Entwürfen Costas, daß er eine der Straßen in einem Bogen verlaufen ließ, so daß später, als die Arbeiter, die candangosb, diese Straße in die Savanne trieben, sich die Form eines Flugzeugs aus dem Staub erhob.

Diese eigentümliche Form blieb Brasílias Grundriß: ein Flugzeug, dessen Cockpit nach Osten zeigt und dessen gebogene Tragflächen sich nach Norden und nach Süden ausstrecken. Die Regierungsgebäude der drei Gewalten bilden das Cockpit, das Geschäftszentrum den Rumpf und die Wohngebiete die Tragflächen.

Vom Zelt zum Beton

Die Museumsbereiche „Zelt“ und „Beton“ erzählen davon, wie Arbeiter in ganz Brasilien Hab und Gut verkauften, um die Reise zur Baustelle unternehmen zu können. „Mein Vater kaufte einen Lkw, verfrachtete unsere gesamte Familie darauf — über 20 Personen — und war 19 Tage lang unterwegs, um hierherzukommen“, erinnert sich ein Arbeiter, der im August 1957 ankam. Andere fuhren mit dem Bus, dem Ochsenkarren oder per Anhalter. Insgesamt trafen 60 000 Arbeiter ein.

Dieser Bautrupp, der in zeltartigen Unterkünften wohnte, wurde dringend benötigt, denn die Einweihung der neuen Hauptstadt war für den 21. April 1960 angesetzt. Das bedeutete, daß die Ingenieure, Techniker und Bauarbeiter eine Hauptstadt in 1 000 Tagen abliefern sollten — eine Monumentalaufgabe! Doch als das Datum der Einweihung herangekommen war, hatten die Arbeiter den Wettlauf mit der Zeit gewonnen. Die jüngste Hauptstadt der Welt war aus dem Staub der Savanne gestampft worden.

Als erste und einzige

Bewunderung für die Stadt und ihre Erbauer ist im Büro der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) in Brasília noch immer zu spüren. „Es gibt kein anderes Beispiel einer Stadtplanung, die derart originalgetreu ausgeführt worden wäre wie Costas Plan“, erzählt mir Dr. Briane E. Bicca, Kulturattaché der UNESCO. „Das ist ein Grund, warum Brasília als erste und einzige Stadt des 20. Jahrhunderts von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.“c

Brasília ist außerdem die einzige immer noch im Bau befindliche Stadt, die zum Weltkulturerbe zählt. Wie Dr. Bicca sagt, ergibt sich daraus eine Herausforderung: „Wie schafft man es, trotz der sich verändernden Stadt die Originalstadtplanung zu bewahren?“ Der Architekt Lúcio Costa stellte sich dieser Herausforderung auch noch, als er schon in den 90ern war. Er behielt neue Bauprojekte im Auge, um sicherzugehen, daß sein Grundkonzept nicht verunstaltet wurde. Als Costa zum Beispiel von den Plänen für eine S-Bahn in Brasília erfuhr, bestand er darauf, daß die Bahn unterirdisch läuft.

Panoramablick

Es wird Zeit für eine Stadtrundfahrt. Selbst wenn man zum allerersten Mal die Stadt besucht, findet man sich problemlos zurecht. Es gibt zwei Hauptstraßen, und die zentrale Stadtomnibusstation ist am Schnittpunkt dieser beiden Straßen untergebracht. Eine Straße verläuft von Westen nach Osten (vom Heck des „Flugzeugs“ bis zum Cockpit); sie bietet Zugang zu Hotels, Theatern, Banken und Geschäften. Die andere verläuft von Norden nach Süden (von einer Tragflächenspitze bis zur anderen) und bringt einen in die Wohngebiete.

Den besten Ausblick auf Brasília hat man vom Fernsehturm, einer 224 Meter hohen Konstruktion, die im Flugzeugrumpf gleich hinter den Flügeln zu finden ist. Der kostenlose Fahrstuhl führt 75 Meter in die Höhe, von wo aus man einen Panoramablick auf das Stadtzentrum Plano Piloto hat. Wenn man über die ausgedehnten Rasenflächen blickt, die so weit und leer sind, daß sie bis zum Horizont reichen, ist man beeindruckt von Brasílias Weite. Der Landschaftsgestalter Roberto Burle-Marx hat Brasílias Parks und Rasenflächen tatsächlich derart großzügig angelegt, daß die Stadt den Anspruch erhebt, mehr Grünflächen pro Einwohner zu haben als irgendeine andere Hauptstadt der Welt.

Nach Osten erstreckt sich ein breiter Grünstreifen, den auf jeder Seite eine Straße flankiert. An den Straßen stehen 17 gleich aussehende Gebäude. In jedem dieser kastenförmigen Konstruktionen ist ein anderes Ministerium untergebracht. Am Ende des Grünstreifens erhebt sich das Wahrzeichen Brasílias: zwei Kuppeln — eine aufrecht, eine trichterförmig —, die sich am Fuß der beiden 28geschossigen Gebäude befinden, in denen Brasiliens Legislative, der Nationalkongreß, untergebracht ist.

Die Form des Nationalkongresses erinnert ein wenig an das Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York, und das nicht ohne Grund. Ein Architekt, der bei der Planung des UNO-Gebäudes mitgewirkt hat, ist der Brasilianer Oscar Niemeyer — der gleiche Architekt, der den Nationalkongreß und fast alle anderen Hauptgebäude Brasílias entworfen hat. Einige seiner schönsten Konstruktionen, wie zum Beispiel das Außenministerium (Palacio Itamaraty) und das Justizministerium (Palacio da Justiça), stehen in der Nähe der beiden Hochhäuser des Nationalkongresses.

Warum man sich nicht verirren kann

Brasília ist allerdings mehr als nur ein architektonischer Park. Es ist auch die wohlgeordnete Heimatstadt Tausender von Menschen. Während wir durch den Wohnsektor fahren, bemerkt Paulo, ein in Brasília lebender Rechtsanwalt: „Die meisten Leute, die nach Brasília gezogen sind, empfinden diese Ordnung als eine willkommene Ruhe nach dem Chaos, das sie in anderen Städten gewohnt waren.“

Die Einwohner Brasílias leben in Apartmenthäusern. Eine Gruppe solcher Häuser ist um einen Hof angesiedelt und bildet einen Superblock. Reihen von Superblöcken füllen den Nord- und den Südflügel der Stadt aus. Adressen lassen sich leicht bestimmen. „N-102-L“ zum Beispiel findet man im Nordflügel der Stadt, Superblock 102, Wohngebäude L. Und wenn man im Kopf behält, daß die Blocknummern in Richtung Flügelspitze höher werden (von 102 bis 116), kann man sein Ziel kaum verfehlen.

Damit Ordnung und Behaglichkeit Hand in Hand gehen, hat kein Wohnblock mehr als 6 Stockwerke. Dadurch, so Senhor Costa, ist ein Kind, das im Hof spielt, immer in Hörweite der Mutter, wenn sie aus dem Fenster ruft: “Manoel, vem cá!” (Manuel, komm her!)

Wachstumsschmerzen

Zwar rühmt sich Brasília, eine Stadt zu sein, die genau nach Plan errichtet wurde, doch hatte man die Arbeiter, die Brasília gebaut hatten, bei den Planungen nicht berücksichtigt. Man war davon ausgegangen, daß nach der Einweihung der Stadt die Handwerker ihr Bündel schnüren und wieder an ihren Heimatort zurückkehren würden. In ein Gebiet zurückzugehen, in dem es keine Krankenhäuser, keine Schulen oder keine Arbeit gab, erschien den Arbeitern einleuchtenderweise nicht verlockend. Sie wollten lieber in Brasília bleiben. Aber wo?

Die hohen Mieten für die von ihnen gebauten Apartments konnten sie sich nicht leisten, daher siedelten sie sich rund um den Grüngürtel Brasílias an. Schon nach kurzer Zeit waren mehrere Städte entstanden, die größer waren als Brasília. Heute leben nur 400 000 Menschen in der geplanten Stadt, und viele Apartments stehen leer, aber fast 2 Millionen Menschen haben sich in den ungeplanten Satellitenstädten niedergelassen. Trotz der egalitären Absicht hinter der Stadtplanung ist die Bevölkerung, bedingt durch die Einkommensunterschiede, in komplett getrennte Städte aufgeteilt.

Unvorhergesehenes explosionsartiges Bevölkerungswachstum und Klassenschranken wiederum fördern die Kriminalität und andere sozioökonomische Probleme, wie sie jede große Stadt kennt. Brasiliens junge Hauptstadt hat Wachstumsschmerzen. Wohlgeordnete Straßen und innovative Architektur genügen auf gar keinen Fall, damit Menschen ihr Herz und ihr Benehmen ändern.

Das „Herz Brasiliens“?

Reklameschilder entlang der Umgehungsstraße Brasílias erinnern den ankommenden Reisenden, daß er sich gerade dem „Herzen Brasiliens“ nähert. An dem Slogan ist etwas Wahres: Obwohl Brasília geographisch gesehen nicht im Zentrum des Landes liegt, ist die Entfernung zu allen wichtigen Städten des Landes nahezu gleich. Worin liegt jedoch die tiefere Bedeutung des Slogans? Schlägt in Brasília wirklich das „Herz Brasiliens“? Darüber ist man geteilter Meinung. Nur ein Besuch dieser in ihrer Art unvergleichlichen Stadt kann einem persönlich die Frage beantworten. Doch sollte man daran denken, daß man Brasília nicht auf die Schnelle beurteilen darf. Geben wir der Stadt etwas Zeit, um auf uns zu wirken, denn, wie eine Bewohnerin es ausdrückte: “Brasília seduz gradualmente” (Brasília betört schrittweise).

[Fußnoten]

a Der Stadtplaner, Lúcio Costa, starb im Juni 1998 im Alter von 96 Jahren, kurz nachdem dieser Artikel verfaßt worden war.

b Ein Wort angolanischen Ursprungs (früher benutzten es Afrikaner, um die Portugiesen zu beschreiben), das zum Kosenamen für Brasílias Bauarbeiter wurde.

c Insgesamt 552 Stätten auf der ganzen Welt, „die von einzigartiger Wichtigkeit sind, was das Natur- oder Kulturerbe betrifft“, sind von der UNESCO in die Liste des Welterbes aufgenommen worden.

[Bild auf Seite 15]

Eine Geschichte von „Staub, Zelten und Beton“

[Bildnachweis]

Arquivo Público do Distrito Federal

[Bild auf Seite 15]

Parade der „candangos“

[Bildnachweis]

Arquivo Público do Distrito Federal

[Bild auf Seite 16, 17]

Panoramablick auf Brasília

1 Ministerien

2 Bürogebäude des Kongresses

3 Oberster Gerichtshof

4 Platz der Drei Gewalten

5 Bürogebäude der Exekutive

[Bildnachweis]

Secretaria de Turismo, Brasília

[Bild auf Seite 18]

Platz 1 unter den Hauptstädten der Welt in puncto Grünflächen

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