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Verschwundene Kinder — Wie groß ist die Tragödie?Erwachet! 1995 | 8. Februar
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Verschwundene Kinder — Wie groß ist die Tragödie?
„MEIN KIND IST VERSCHWUNDEN!“
Wohl kaum etwas könnte den meisten Eltern mehr Angst einjagen als die Tatsache, daß ihr Kind verschwunden ist. Zwar liegen keine genauen Zahlen darüber vor, wie viele Kinder weltweit von den Eltern vermißt werden, aber Statistiken aus vielen Ländern lassen das Ausmaß der Tragödie erahnen.
IN DEN Vereinigten Staaten werden je nach Klassifikation jedes Jahr zwischen 500 000 und 1 000 000 Kinder als vermißt registriert. Dazu zählen Kinder, die nur vorübergehend vermißt werden, und Kinder, die auf Dauer vermißt werden. Gemäß Berichten verschwinden in England jährlich fast 100 000 Kinder; manche sagen allerdings, die Dunkelziffer liege viel höher. Die ehemalige Sowjetunion meldete Zehntausende von Kindern als vermißt. In Südafrika soll die Zahl über 10 000 liegen. Und in Lateinamerika sind Millionen Kinder von dieser Tragödie betroffen.
Ein Sprecher des italienischen Innenministeriums deutete an, welche Dimensionen dieses Problem in Italien angenommen hat, als er in der Zeitung L’Indipendente schrieb: „Sie verlassen ihr Zuhause an einem Tag wie jedem anderen. Sie gehen zur Schule oder gehen spielen, aber sie kommen nicht mehr zurück. Sie verschwinden, lösen sich in nichts auf. Familienangehörige suchen verzweifelt nach ihnen, stoßen aber nur auf schwache Spuren, ungenügende Hinweise und wenige — dazu noch ungesicherte — Augenzeugenberichte.“
Gemäß einer neueren Studie in den Vereinigten Staaten über das Ausmaß dieser Problematik läßt sich der Oberbegriff „verschwundene Kinder“ in Wirklichkeit in mehrere Kategorien aufteilen. Unter eine Kategorie fallen Kinder, die von Fremden entführt werden. Zu einer weiteren gehören Kinder, die beispielsweise im Streitfall um das Sorgerecht von einem Elternteil entführt werden. Unter eine andere Kategorie fallen die sogenannten verlassenen Kinder, die bei ihren Eltern oder ihrem Vormund nicht mehr erwünscht sind. Eine weitere große Gruppe stellen die Ausreißer. Und dann gibt es noch Kinder, die nur ein paar Stunden oder ein paar Tage vermißt werden oder von ihren Eltern getrennt sind — meistens bleiben die Kinder einfach länger als vereinbart fort, oder es handelt sich um ein Mißverständnis zwischen Eltern und Kindern. Sehr wenige von diesen Kindern werden auf Dauer vermißt.
Aber wie ergeht es den Kindern, die wirklich verschwunden sind? Wie kommt es zu einer derartigen Tragödie? Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift Erwachet! wird verschiedene Aspekte untersuchen und die Frage beantworten: „Wann wird die Tragödie enden?“
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Wenn Kinder von Fremden entführt werdenErwachet! 1995 | 8. Februar
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Wenn Kinder von Fremden entführt werden
„BITTE HELFEN SIE UNS, SARA ZU FINDEN! BITTE, BITTE HELFEN SIE SARA!“
Mit dieser inständigen Bitte, die quer durch die Vereinigten Staaten im Fernsehen ausgestrahlt wurde, versuchte ein verzweifeltes Elternpaar, seine zwölfjährige Tochter, Sara Ann Wood, wiederzufinden. Sie war drei Wochen zuvor entführt worden, als sie auf der Landstraße, an der sie wohnte, nach Hause radelte.
EINE riesige Suchmannschaft durchkämmte Wälder, Felder und nahe gelegene Seen, um von dem verschwundenen Mädchen eine Spur zu finden. Ungefähr zur gleichen Zeit trat in einem Nachbarstaat eine andere angsterfüllte Mutter namens Tina Piirainen vor die Kamera und flehte um Hilfe bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter. Die zehnjährige Holly war in den Wald gelockt worden und in weniger als einer Stunde verschwunden. Später fand man auf einem Feld den Leichnam des Mädchens.
Für die Eltern von verschwundenen Kindern wird das Leben zur Qual. Täglich leben sie in der Ungewißheit, ob ihr Kind noch lebt, ob es möglicherweise gerade mißhandelt oder mißbraucht wird oder ob es bereits tot ist, wie das bei der kleinen Ashley der Fall war. Ashley war mit der ganzen Familie zu einem Fußballspiel gegangen, bei dem ihr Bruder mitspielte. Als sie keine Lust mehr hatte zuzusehen, ging sie zum Spielplatz — und verschwand. Später fand man die Leiche auf einem nahe gelegenen Feld. Ashley war erwürgt worden.
Ein entsetzlicher Alptraum
Jedes Jahr durchleben 200 bis 300 Familien in den Vereinigten Staaten den entsetzlichen Alptraum, daß ihr Kind gekidnappt wird und sie es wahrscheinlich nicht mehr lebend wiedersehen. Im Vergleich zu anderen Gewaltverbrechen erscheint diese Zahl vielleicht niedrig, doch die Angst sitzt Tausenden von Menschen in ganzen Gemeinden in den Gliedern. Sie fragen sich schockiert: „Wie kann es bei uns zu einer solchen Tragödie kommen? Wird mein Kind das nächste Opfer sein?“
Die Zahl der Kinder, die jedes Jahr in den Vereinigten Staaten entführt werden, liegt laut Meldungen bei 3 200 bis 4 600. Mindestens zwei Drittel dieser Kinder werden sexuell mißbraucht. Ernest E. Allen, Leiter des Nationalen Zentrums für vermißte und mißbrauchte Kinder, bemerkte: „Das primäre Tatmotiv ist sexueller Natur, gefolgt von Mordabsichten.“ Außerdem finden nach Angaben des Justizministeriums jährlich über 110 000 weitere Entführungsversuche statt, zumeist von Autofahrern — gewöhnlich Männer —, die ein Kind in ihr Auto locken möchten. Auch in anderen Ländern ist eine Welle der Gewalt gegen Kinder zu beobachten.
Ist die Gesellschaft mitschuldig?
Die Ermordung von Kindern ist gemäß den Worten eines australischen Forschers „kein willkürlicher Akt“. Wie Paul Wilson in seinem Buch Murder of the Innocents—Child-Killers and Their Victims erklärt, „sind sowohl Mörder als auch Ermordete Opfer eines Teufelskreises, den die Gesellschaft in Gang gesetzt hat“.
Der Gedanke, die Gesellschaft sei für solche Tragödien verantwortlich oder trage zumindest dazu bei, kommt einem vielleicht seltsam vor, denn die meisten Menschen finden den Mißbrauch und die Ermordung von Kindern grauenvoll. Doch die Gesellschaft in den industrialisierten Ländern und auch in zahlreichen weniger entwickelten Ländern ist mit Filmen, Fernsehproduktionen, Büchern und Zeitschriften durchsetzt, die Sex und Gewalt verherrlichen.
Es gibt inzwischen immer mehr Hardcorefilme mit Kindern und sogar mit Erwachsenen, die als Kinder verkleidet sind. Solche Filme stellen Sex und Gewalt in Verbindung mit Kindern dar. Wie Wilson in seinem Buch weiter schreibt, lauten manche Filmtitel: Tod eines Kindes, Qualvolle Folter und Verstümmelungstechniken für Anfänger. Wie beliebt sind derartige von sadistischer Gewalt und Pornographie strotzende Darstellungen? Es handelt sich um ein Milliardengeschäft!
Die explizite Darstellung von Gewalt und Pornographie hat einen enormen Einfluß auf das Leben von Menschen, die Kinder mißbrauchen. Ein Triebtäter, der des Mordes an fünf kleinen Jungen überführt wurde, gab zu: „Ich bin ein pädophiler Homosexueller und ein Mörder; Pornographie trug entscheidend dazu bei, daß ich so tief gesunken bin.“ Professor Berit Ås von der Universität Oslo beschrieb die Auswirkungen von Kinderpornographie wie folgt: „Ende der 60er Jahre haben wir einen großen Fehler begangen. Wir dachten, Pornographie könne ein Ersatz für Sexualverbrechen sein, weil sie Triebtätern ein Ventil biete, und so lockerten wir die Bestimmungen. Heute wissen wir, daß wir falschlagen: Pornographie leistet Sexualverbrechen Vorschub. Der Täter kommt zu dem Schluß: ‚Wenn ich mir so etwas ansehen kann, kann wohl auch nichts dabei sein, wenn ich es tue.‘“
Wenn ein Erwachsener pornographiesüchtig wird, steigert sich sein Drang nach Erregung. Als Folge davon schrecken manche sogar nicht davor zurück, Kinder unter Zwang in ihre Gewalt zu bringen, um sie für ihre perversen Zwecke bis hin zu Vergewaltigung und Mord zu mißbrauchen.
Es gibt noch andere Motive für Kindesentführungen. In einigen Ländern ist die schlechte Wirtschaftslage ein Grund für die Zunahme an Entführungen. Kidnapper entführen Kinder, weil sie die riesige Geldsumme reizt, die reiche Familien für die Rückgabe ihres Kindes zahlen. Jedes Jahr werden unzählige Babys gestohlen und an Adoptionsringe verkauft, die die Kinder aus dem Land schaffen.
Wer macht den Großteil der verschwundenen Kinder aus? Wie ergeht es diesen Kindern? Davon handeln die beiden nächsten Artikel.
[Kasten auf Seite 6]
Millionen Fälle von Kinderprostitution
Nach Angaben der Vereinten Nationen werden rund zehn Millionen Kinder, zumeist in Entwicklungsländern, zur Prostitution gezwungen; viele von ihnen sind entführt worden. Dieses schmutzige Geschäft floriert in Afrika, Asien und Lateinamerika parallel zum Anstieg des Ferntourismus. In manchen Gegenden sind zwei Drittel der Millionen von Touristen, die vornehmlich aus reichen Ländern kommen, „Sextouristen“. Es gibt jedoch einen Tag der Abrechnung, denn die Verbrechen der Menschen sind „bloßgelegt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben“, Jehova Gott (Hebräer 4:13).
[Bild auf Seite 5]
Die Entführung eines Kindes ist ein entsetzlicher Alptraum
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Wenn Eltern Kinder entführenErwachet! 1995 | 8. Februar
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Wenn Eltern Kinder entführen
NACH jahrelanger Ehe, in der ihr Mann sie immer wieder heftig geschlagen, seelisch mißhandelt und zu guter Letzt mit einer anderen Frau hintergangen hatte, reichte Cheryl die Scheidung ein.a Als ihr das Gericht das Sorgerecht für die Kinder übertrug, begann sich ihr Leben wieder zu normalisieren und allmählich Ruhe einzukehren — bis eines Tages das Telefon klingelte. Es war ihr Exmann. Er sagte: „Wenn du die Kinder wiedersehen willst, mußt du mich wieder heiraten.“ Der Vater ließ die Kinder, die ihn einen Monat lang in seinem Heimatland besucht hatten, nicht wieder zu ihrer Mutter zurück; er hatte sie sozusagen entführt.
Voller Verzweiflung wandte sich Cheryl an das Außenministerium der Vereinigten Staaten, fand aber keinen gesetzlichen Weg, ihre Kinder aus dem anderen Land zurückzuholen. Das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit, das sie während all der Jahre, in denen sie geschlagen wurde, verspürt hatte, überkam sie wieder. „Das Gefühl ist fast dasselbe“, erklärt sie. „Man weiß nicht, wie man dem Ganzen ein Ende machen kann.“
„Psychoterror“
Elterliche Kindesentführung oder Kindesentziehung ist als „die höchste Form von Psychoterror“ bezeichnet worden, der auf einen Elternteil oder ein Kind ausgeübt werden kann. Carolyn Zogg, Geschäftsführerin der Organisation Child Find of America, Inc., sagte über die Entführer: „Viele Eltern, die so etwas tun, wollen es dem anderen damit heimzahlen, und zwar auf die schlimmste Weise und an der empfindlichsten Stelle, an einer Stelle, die ... [den sorgeberechtigten Vätern und Müttern] am meisten am Herzen liegt — ihr Goldstück, ihr Kind. ... Sie denken also nicht an das Kind, sondern nur an sich und ihre Rachegefühle — an Vergelten und Heimzahlen.“
Kindesentziehung ruft nicht nur im Vater oder in der Mutter Gefühle der Wut, des Verlusts, der Hilflosigkeit und der Angst hervor, sondern schadet bis zu einem gewissen Grad auch fast immer dem psychischen Wohl des Kindes. In manchen Fällen ist das Kind vielleicht gezwungen, auf der Flucht zu leben, und darf mit niemandem Freundschaft schließen, oder es muß sich Verleumdungen und Lügen über den anderen Elternteil anhören. Ein solches Erlebnis kann eine Vielzahl von Störungen hervorrufen wie Bettnässen, Schlaflosigkeit, übertriebene Anhänglichkeit, Furcht vor Fenstern und Türen oder extreme Angstzustände. Sogar bei älteren Kindern kann es tiefe Traurigkeit und Wut auslösen.
In den Vereinigten Staaten gibt es jedes Jahr über 350 000 Fälle, in denen ein Elternteil ein Kind entgegen der gerichtlichen Sorgerechtsregelung zu sich holt oder es nicht innerhalb der angeordneten Zeitspanne zurückbringt. In über 100 000 dieser Fälle wird das Kind von einem Familienangehörigen versteckt, um es auf Dauer von dem anderen Elternteil fernzuhalten. Manche Kinder werden sogar in einen anderen Bundesstaat gebracht oder außer Landes geschafft.
Andere Motive
Werden Kinder immer nur aus dem Wunsch nach Versöhnung oder aus einem Rachegefühl heraus entführt? Wie Michael Knipfing von Child Find erklärte, befürchten einige Eltern, das Sorgerecht an den Exgatten zu verlieren, und „nehmen vor lauter Angst die Sache selbst in die Hand“. In anderen Fällen hingegen ist die Frage um das Sorgerecht vielleicht geklärt, aber ein Elternteil verweigert dem anderen das Umgangsrecht; die Folge ist Frustration. Knipfing sagte dazu: „Wenn man sein Kind liebt und es nicht sehen darf, kommt man leicht auf den Gedanken, die einzige verbleibende Alternative sei, sich das Kind zu schnappen und unterzutauchen.“
Außerdem bemerkte er, die meisten seien sich über die Folgen einer Kindesentführung nicht im klaren. Sie würden sich nicht vergegenwärtigen, daß es schwer wird, eine Arbeit zu finden, und daß gegen sie ein Haftbefehl erlassen wird. Für sie sei das Ganze eine Sache zwischen ihnen und dem anderen Elternteil. Sie würden nicht darüber nachdenken, daß die Polizei ins Spiel kommt. Schließlich benötigten sie zwei Anwälte, weil sie nun außer einem Zivilverfahren wegen des Sorgerechts für ihr Kind auch noch ein Strafverfahren am Hals hätten.
Manche Eltern hegen vielleicht den Verdacht, daß der andere Elternteil ihrem Kind etwas zuleide tut. Reagiert das Rechtssystem nur langsam, könnte es sein, daß eine verzweifelte Mutter oder ein verzweifelter Vater ungeachtet der Folgen auf eigene Faust handelt. Das konnte man im Fall der fünfjährigen Hilary Morgan beobachten. Auf Anraten eines Kinderpsychiaters sollten die Besuche von Hilary bei ihrem Vater aufhören, da „klare und eindeutige“ Beweise für Mißbrauch vorlagen. Das Gericht entschied jedoch, die Beweise für Mißbrauch seien nicht überzeugend genug, und verfügte unbeaufsichtigte Besuche. Entgegen der gerichtlichen Verfügung versteckte Hilarys Mutter, Dr. Elizabeth Morgan, ihre Tochter. Ein Elternteil, der in einem solchen Fall sein Kind entführt und sich mit ihm in Sicherheit bringt, stößt in der Öffentlichkeit auf großes Mitgefühl.
Für Elizabeth Morgan bedeutete diese Entführung jedoch den Verlust ihrer chirurgischen Praxis, über zwei Jahre Gefängnis und infolge von Arzt- und Gerichtskosten über 1,5 Millionen Dollar Schulden. Sie erklärte gegenüber der Zeitung U.S.News & World Report: „Fachleute sagen mir, mein Kind hätte einen bleibenden geistigen Schaden davongetragen, hätte ich damals dem Mißbrauch keinen Riegel vorgeschoben. ... Ich mußte tun, was das Gericht nicht tun wollte: mein Kind retten.“
In bezug auf elterliche Entführungen bemerkten die beiden Forscher Greif und Hegar treffenderweise: „Hierbei handelt es sich um ausgesprochen vielschichtige Ereignisse, die sich wie tiefes Wasser je nach Blickwinkel immer etwas anders darstellen; jedesmal, wenn man ins Wasser schaut, entdeckt man etwas Neues“ (When Parents Kidnap—The Families Behind the Headlines).
Außer den Kindern, die von einem Elternteil oder von einem Fremden entführt worden sind, gibt es weltweit noch Millionen andere verschwundene Kinder — die sogenannten verlassenen Kinder und die Ausreißer. Was sind das für Kinder, und wie ergeht es ihnen?
[Fußnote]
a Der Name wurde geändert.
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Verlassene Kinder und AusreißerErwachet! 1995 | 8. Februar
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Verlassene Kinder und Ausreißer
„ICH ließ mir die Haare kurz schneiden, zog mich an wie ein Mann, hängte mir Ketten und Vorhängeschlösser um den Hals und durchbohrte eine meiner Wangen mit einer Sicherheitsnadel; damit begann mein Leben als Punk“ (Tamara).
Wenn wir Tamara auf der Straße gesehen hätten, hätten wir dann gedacht, sie sei ein einsames, geschundenes Mädchen, das zu Hause nie die Aufmerksamkeit oder Zuneigung erhalten habe, nach der es so sehr hungerte? Hätten wir gedacht, sie sei ein aufsässiges Mädchen, das auf dem besten Weg sei, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten und vielleicht kriminell zu werden? Tamara berichtete Erwachet!, welche schrecklichen Umstände dazu beitrugen, daß sie von ihrem 15. Lebensjahr an ein Leben führte, das sie so nie gewollt hatte.
Verlassene Kinder
Tamara erzählte: „Ich wuchs in einem kleinen Gebirgsdorf in Italien auf, in einer Familie, für die Zuneigung ein Fremdwort war. Leider mußte ich oft miterleben, wie sich meine Eltern heftig stritten, und mir die unflätigen Beleidigungen anhören, die sie sich bei solchen Gelegenheiten an den Kopf warfen. Oft wurde ich in den Streit verwickelt und von meinem herzlosen Vater unbarmherzig geschlagen. Die Striemen waren meist noch wochenlang zu sehen.
Als ich 14 war, drückte mir mein Vater etwas Geld und eine einfache Zugfahrkarte in die Hand; ich sollte in die nächstgelegene Stadt fahren, in der das Leben sehr gefährlich war. Dort freundete ich mich mit anderen Jugendlichen an, die ebenfalls niemanden hatten, dem sie etwas bedeuteten. Viele von uns wurden alkoholabhängig. Ich wurde arrogant, ordinär und aggressiv. Oft hatte ich nichts zu essen. An einem Winterabend verbrannten meine Freunde und ich die Möbel, um es etwas warm zu haben. Wie gern hätte ich in einer Familie gelebt, die für mich gesorgt und sich für meine Gefühle, Ängste und Sorgen interessiert hätte. Aber ich war allein, schrecklich allein.“
In der heutigen Welt gibt es Hunderttausende solcher „Tamaras“. Auf jedem Kontinent sind Kinder von Eltern, die ihrer Verantwortung nicht nachgekommen sind, im Stich gelassen worden.
Ausreißer
Andere Jugendliche beschließen, von zu Hause wegzugehen, weil „das Leben dort einfach unerträglich ist; es ist zu qualvoll, zu gefährlich, und sie flüchten sich auf die Straße“ (New York State Journal of Medicine).
Mit 9 Jahren wurde Domingos in ein Waisenhaus gesteckt, weil seine Mutter wieder heiratete. Da er im Waisenhaus von den Priestern geschlagen wurde, plante er davonzulaufen. Seine Mutter holte ihn wieder nach Hause, doch nun bezog er von seinem Stiefvater ständig Prügel. Auszureißen war die einzige Möglichkeit, der Quälerei zu Hause zu entkommen.
Leider „können Millionen Kinder von den Erwachsenen, mit denen sie unter einem Dach leben, nicht einmal ein Mindestmaß an Sicherheit erwarten“, schrieb Anuradha Vittachi in ihrem Buch Stolen Childhood—In Search of the Rights of the Child. Des weiteren bemerkte sie: „In den Vereinigten Staaten sterben jeden Tag schätzungsweise drei Kinder infolge von Mißhandlung durch die Eltern.“ Nur allzuoft kommt es eher vor, daß ein Kind von einem Familienangehörigen sexuell mißbraucht wird, als daß es von diesem vor solchen Übergriffen geschützt wird.
Ausgebeutet und traumatisiert
Domingos war gezwungen, mit anderen Straßenkindern zusammenzuleben, Kindern, die mit Raub und Diebstahl zu tun hatten, die Drogen nahmen und verkauften. Traurigerweise werden Kinder, die wegen der schlechten häuslichen Verhältnisse davonlaufen, von Zuhältern, Pädophilen und der Pornobranche ausgebeutet. Ein „fürsorglicher“ Erwachsener bietet den hungrigen und einsamen Kindern eine Bleibe an und vermittelt ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl; später müssen die Kinder dann feststellen, daß sie dafür ihren Körper verkaufen und mit Prostitution bezahlen müssen. Viele haben keine beruflichen Fertigkeiten und lernen, auf der Straße irgendwie zu überleben — und sei es durch Prostitution. Einige überleben nicht. Drogen, Alkohol, Mord und Selbstmord fordern bei vielen jungen Leuten ihren Tribut.
Eine ehemalige Kinderprostituierte sagte über das Leben der Straßenkinder: „Da draußen hat man Angst. Wissen Sie, mich ärgert, daß viele denken, wenn sie Kinder im Zug schlafen sehen oder wenn sie Kinder ständig auf der Straße herumlungern sehen, daß sie dann denken, die wolln das ja nicht anders. Jetzt, wo ich älter bin, sehe ich das nicht so. Jedes Kind schreit auf seine ihm eigene Weise nach Hilfe. Sie wolln nicht so sein, aber ihre Eltern möchten sie nicht haben.“
Auf der Suche nach „Freiheit“
Vermißt werden außerdem Hunderttausende junger Leute, die es auf die Straße gezogen hat, weil sie sich von dem Leben dort mehr Freiheit versprechen. Einige wünschen sich Freiheit von Armut. Andere möchten sich nicht mehr der elterlichen Autorität beugen und sich Regeln unterwerfen, die sie ihrer Meinung nach viel zu sehr einschränken.
Emma war eine Jugendliche, die ihre sogenannte Freiheit von der elterlichen Kontrolle und von den Grundsätzen eines christlichen Zuhauses auskostete. Sie ging von zu Hause fort, um wie ihre Freunde zu leben, und wurde drogensüchtig. Nachdem Emma jedoch erlebt hatte, wie brutal das Leben auf der Straße ist, äußerte sie den Wunsch, wieder nach Hause zurückzukehren und mit den Drogen aufzuhören. Leider brach sie den Kontakt zu ihren schlechten Freunden nicht ab; als sie an einem Sommerabend mit ihnen zusammen war, spritzten sie Heroin. Für Emma war es das letzte Mal. Sie fiel ins Koma und starb am darauffolgenden Tag, allein und verlassen von ihren „Freunden“.
Können Kinder, die unter ihren Eltern oder unter anderen zu leiden haben, eine bessere Zukunft erwarten? Wird es jemals eine Welt geben, in der Jugendliche nicht ausgebeutet werden? Kann das Familienleben verbessert werden und so wertvoll sein, daß junge Leute nicht davonlaufen möchten? Die Antworten auf diese Fragen sind im nächsten Artikel zu finden.
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Wann wird die Tragödie enden?Erwachet! 1995 | 8. Februar
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Wann wird die Tragödie enden?
WANN wird es damit aufhören, daß Kinder entführt, mißbraucht und mißhandelt, ausgebeutet oder von Freunden zum Schlechten beeinflußt werden? Wären eine strengere Durchsetzung der Gesetze und härtere Strafen für Straftaten gegen Kinder ein Schutz für die Kinder? Würde ein größeres Angebot an Sozialprogrammen für Ernährung, Wohnung und Bildung den Mißhandlungen und dem Problem des Ausreißens ein Ende machen? Könnten Eltern, denen ihre Kinder am Herzen liegen, den jugendlichen Illusionen von einem aufregenden Leben entgegenwirken und verhindern, daß ihre Kinder in schlechte Kreise geraten, indem sie als Eltern lernen, bessere Gesprächspartner zu sein?
Obwohl solche Maßnahmen recht hilfreich sein können, wird Kindern nach wie vor großes Leid widerfahren, sofern nicht das Grundübel dieser Tragödie beseitigt wird. Ein Jugendlicher meinte, jeder Versuch, das Problem des Ausreißens anzugehen, ohne den Mißbrauch, die Mißhandlungen und die Vernachlässigung von Kindern im Elternhaus zu verhindern, sei wahrscheinlich nicht sehr effektiv, da bereits Schaden angerichtet worden sei.
Das Grundübel
Was ist das Grundübel all dieser Probleme? Wie wird es beseitigt werden? Wie die Bibel erklärt, ist die Familieneinrichtung die Zielscheibe unsichtbarer böser Geistermächte — Satan und seine Dämonen —, die sich an Brutalität, sexuellem Mißbrauch und Perversion weiden (1. Mose 6:1-6; Epheser 6:12). Als Jesus auf der Erde war, griffen Dämonen Kinder an. Ein kleiner Junge litt Qualen, weil er immer wieder in Krämpfe fiel und sogar ins Feuer geworfen wurde (Markus 9:20-22).
Schon Jahrhunderte bevor Jesus auf der Erde war, ergötzten sich die Dämonen daran, daß kleine Kinder scheußlichen heidnischen Göttern wie Baal, Kamos oder Molech geopfert wurden, indem man sie quälte und bei lebendigem Leib verbrannte (1. Könige 11:7; 2. Könige 3:26, 27; Psalm 106:37, 38; Jeremia 19:5; 32:35). Es sollte daher nicht überraschen, daß Kinder in der heutigen Welt, die immer mehr entartet, ebenfalls die Zielscheibe der Dämonen sind und daß deren menschliche Handlanger sich dazu benutzen lassen, Kinder zu demütigen, zu verletzen und zu töten. Personen, die solche Greueltaten verüben, füttern ihren Sinn oft mit pornographischem Gedankengut, das ihre Perversität nur noch steigert.
Der Druck, den die Dämonen auf die Menschheit ausüben, hat sich in unserer Zeit verstärkt, denn die Bibel bezeichnet diesen Abschnitt der Geschichte als die „letzten Tage“ des gegenwärtigen bösen Systems der Dinge. Wie sie sagt, würde es in den letzten Tagen „kritische Zeiten“ geben, „mit denen man schwer fertig wird“. Heute führt der Einfluß der Dämonen mehr denn je dazu, daß Menschen das entartete Wesen dieser bösen Geistermächte widerspiegeln. Die Bibel sagt auch, daß die Menschen in unserer Zeit brutal, ohne Selbstbeherrschung, ohne natürliche Zuneigung und ohne Liebe zum Guten sein würden (2. Timotheus 3:1-5, 13).
Welch eine treffende Beschreibung habgieriger Menschen, die Filme, Aufnahmen, Zeitschriften und Bücher herstellen, in denen Ehebruch, Drogen, Selbstmord, Mord, Vergewaltigung, Blutschande, Bondagea und Folter verherrlicht werden. Durch derartige Mittel haben die Dämonen eine Kultur gefördert, die ähnlich wie verpestete Luft Sinn und Herz von Jung und Alt gleichermaßen vergiftet und das Familienleben sowie ein gottgefälliges Moralempfinden untergräbt.
Die Zunahme an Kindesentführungen, sexuellen Belästigungen und Mordtaten ist ebenfalls ein Teil des Zeichens der letzten Tage. Außerdem sagt die Bibel, daß ‘die Menschen eigenliebig, für keine Übereinkunft zugänglich, nicht loyal und Verräter’ sein würden. Deshalb gehen heutzutage viele Ehen, kurz nachdem sie geschlossen worden sind, in die Brüche. Je mehr Scheidungen es gibt, desto häufiger kommt es zu Kindesentziehungen. Auch nimmt das Mißhandeln und Töten von Ehepartnern oder Exehepartnern überhand, wobei die Opfer meistens Frauen sind. Wir erleben eine Generation von Kindern, die von ihren Eltern vernachlässigt, mißhandelt oder mißbraucht und dadurch aus dem Haus getrieben werden. Außerdem ist es ein Zeichen unserer Zeit, daß Kinder „unbesonnen“ und „den Eltern ungehorsam“ sind und lieber mit Gleichaltrigen mitziehen als gottgefällige Werte hochhalten (2. Timotheus 3:2-4).
Die Tragödie wird bald enden
Der Einfluß Satans und seiner Dämonen wird jedoch bald enden (Offenbarung 12:12). Aus der in Offenbarung 20:1-3 aufgezeichneten Prophezeiung geht hervor, daß Gott sowohl Satan als auch die Dämonen unschädlich machen wird. Danach wird Gottes himmlisches Königreich unter der Leitung Jesu Christi die Erde in Gerechtigkeit regieren, es wird die Rechte aller wahren und den Menschen ein Leben in Sicherheit garantieren (Psalm 72:7, 8; Daniel 2:44; Matthäus 6:9, 10). Dann wird es keinen habgierigen Kommerz mehr geben, der Arme unterdrückt und aus menschlichen Schwächen Profit schlägt, denn „die Welt vergeht und ebenso ihre Begierde“ (1. Johannes 2:17). Alle Menschen, die Böses tun, werden gemäß Sprüche 2:22 beseitigt werden: ‘Die Bösen werden von der Erde weggetilgt.’
In Micha 4:4 finden wir die Erklärung, daß in Gottes neuer Welt jeder in Frieden und Sicherheit leben wird: „Da wird niemand sein, der sie aufschreckt.“ Wie ist das möglich? Durch das königliche Gesetz der Liebe. Dieses unübertroffene Gesetz wird die Gedanken und Handlungen bestimmen. Alle, die dann leben, werden gelernt haben, die Persönlichkeit Jesu und seines Vaters, Jehova Gott, widerzuspiegeln, denn wenn sie es nicht tun, wird ihnen nicht gewährt, weiterhin am Leben zu bleiben. Dadurch, daß sie sich mit ‘der innigen Zuneigung des Erbarmens, mit Güte, Demut und Milde’ kleiden, wird die Selbstsucht aus der menschlichen Natur ausgemerzt (Kolosser 3:12). Überall wird ungetrübtes Glück herrschen; alle Menschen werden ein Zuhause haben, wo sie Wärme und Zuneigung verspüren.
Gemäß Jesaja 65:21-23 wird verheißen, daß es für jeden Nahrung in Fülle und gute Wohnbedingungen geben wird: „Sie werden gewiß Häuser bauen und sie bewohnen; und sie werden bestimmt Weingärten pflanzen und deren Fruchtertrag essen. ... Sie werden sich nicht umsonst abmühen, noch werden sie zur Bestürzung gebären.“ Keine Mißhandlungen mehr. Kein Leid mehr für Kinder und Eltern.
Nutzen für die Gegenwart
Die Erkenntnis über Jehova und über seinen Vorsatz, die Erde wieder in ein Paradies umzuwandeln, kommt einem sogar heute, in der Endphase des gegenwärtigen bösen Systems, zugute. Durch diese Erkenntnis haben viele junge Leute und viele Eltern Hoffnung erlangt und einen Grund zum Glücklichsein gefunden, auch wenn sie in der heutigen Zeit Schweres durchmachen mußten. Tamara, die im vorhergehenden Artikel erwähnt wurde, erzählt, wie es in ihrem Leben weiterging.
„Mit 18 heiratete ich und gab mehr oder weniger meine ‚Freunde‘ auf, von denen einige später im Gefängnis landeten, Drogen verfielen oder der Prostitution nachgingen. Meine Persönlichkeit änderte sich aber nicht, und so begann ich, mich mit meinem Mann zu streiten. Kurz nach der Geburt unseres Sohnes geschah jedoch etwas, was mein Leben völlig umkrempelte. Ich fand eine Bibel und begann, darin zu lesen. Eines Abends las ich in einem Kapitel der Sprüche, daß das Finden von Weisheit wie das Finden von verborgenen Schätzen ist (Sprüche 2:1-6). Bevor ich an jenem Abend zu Bett ging, betete ich um diese Weisheit. Am nächsten Morgen klingelten Zeugen Jehovas an der Tür. Von da an studierten sie mit mir die Bibel; ich brauchte allerdings geraume Zeit, bis ich das, was ich aus der Bibel lernte, in die Praxis umsetzte. Schließlich entschloß ich mich, den christlichen Lebensweg zu gehen, und ließ mich taufen. Zusammen mit meinem Mann helfe ich heute anderen Menschen, bei Gott Trost zu finden.“
Ja, Tamara fand den Quell allen Trostes, Jehova Gott. Unser himmlischer Vater wird keinen, der an ihm festhält, jemals im Stich lassen. In Psalm 27:10 lesen wir: „Falls mein eigener Vater und meine eigene Mutter mich verließen, würde ja Jehova selbst mich aufnehmen.“
Auch Domingos, von dem die Rede war, fand eine echte „Familie“, die ihm Geborgenheit, neuen Mut und Rückhalt gab. Er erzählt: „Eines Tages erhielt ich ein Exemplar des Buches Auf den Großen Lehrer hörenb; ich war überrascht zu erfahren, daß Gott einen Namen hat, Jehova. Ich besuchte eine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas und war erstaunt, daß es bei ihnen keine Klassenunterschiede gab. Trotz meiner ärmlichen Kleidung, meiner rauhen Manieren und meines ewigen Mißtrauens studierten die Zeugen mit mir die Bibel. Schritt für Schritt halfen sie mir, meinen früheren Lebenswandel aufzugeben. Sie halfen mir sogar bei der Arbeitssuche. Schließlich hatte ich mit ihrer Hilfe so weit Fortschritte gemacht, daß ich mich taufen lassen konnte.“
Die Versammlungen der Zeugen Jehovas sind für junge Leute wie ein Sicherheitsnetz. Die Zeugen sind gern jedem behilflich, der etwas über die wunderbare Zukunftshoffnung erfahren möchte. Da sie geschult werden, Rat und Anleitung aus Gottes Wort, der Bibel, zu vermitteln, finden diejenigen, die ein Verhältnis zum himmlischen Vater aufbauen möchten, großen Trost. Wie ein Zeuge erklärte, muß jungen Leuten vor Augen geführt werden, daß Jehova die schreckliche Situation, in der sie sich möglicherweise befinden, ebenfalls schrecklich findet. Der Zeuge sagte: „Jehova möchte nicht, daß Kinder mißhandelt oder mißbraucht werden. Er möchte nicht, daß sie unglücklich sind. Aber er möchte auch nicht, daß sie ein Übel gegen ein anderes eintauschen und ihnen auf der Straße das gleiche widerfährt. Sie können sich an reife Menschen in Jehovas Organisation wenden und mit ihnen über ihre Schwierigkeiten und den Ausweg aus ihren Problemen sprechen.“
Für Kinder mit einem willigen Herzen ist Gottes Wort ein starker Ansporn, nicht in die Falle des Gruppenzwangs zu gehen. Frances, ein siebzehnjähriges Mädchen, wurde von Schulkameraden dazu angestiftet, ein paarmal die Schule zu schwänzen, ohne ihren Eltern etwas davon zu sagen. Schließlich riß sie von zu Hause aus. Ihre Eltern standen einige Stunden lang große Angst aus, bis Frances wieder nach Hause kam. Danach wurde sie von zwei Zeugen aus ihrer Versammlung besucht. Sie stellten fest, daß die Ursache des Problems nicht im Familienklima zu suchen war, und gaben ihr liebevoll Rat. Sie erklärten ihr, daß Jugendliche die christliche Verpflichtung haben, ihre Eltern zu respektieren (Epheser 6:1, 2), daß sie nicht unehrlich sein dürfen, so wie sie, die ohne das Wissen ihrer Eltern die Schule geschwänzt hatte (Epheser 4:25), und daß es wichtig ist, schlechten Umgang zu meiden (1. Korinther 15:33). Frances nahm sich das zu Herzen.
Hilfe von oben
Auch Cheryl verspürte die Hilfe Jehovas, als ihr Exmann ihre Kinder entführt hatte.c Auf die Frage, was ihr geholfen habe, mit diesem Alptraum fertig zu werden, erwiderte sie: „Als erstes las ich die Psalmen, vor allem Psalm 35. Es war tröstlich, zu wissen, daß Jehova sah, welche Ungerechtigkeit mir widerfuhr.“ In Psalm 35:22, 23 heißt es: „Du hast es gesehen, o Jehova, schweig nicht, o Jehova, halte dich nicht fern von mir. Rege dich, und wach auf zu meinem Recht, ... zu meinem Rechtsfall.“
Mit der Hilfe Jehovas und der Unterstützung der Zeugen stand Cheryl zwei Jahre später vor ihrem Mann und besuchte ihre Kinder. Sie konnte sie beruhigen und ihnen erklären, warum das passiert war, sowie ihnen versichern, daß sie sie nicht im Stich gelassen habe. Cheryl hatte ihre Kinder gelehrt, Jehova zu ehren; sie konnte ihnen daher sagen, daß sie sich auf sie verlassen habe. Sie erklärte: „Ich weiß, daß meine Kinder Jehova lieben, und er wird nicht zulassen, daß ihnen bleibender Schaden zugefügt wird.“
Und so kam es dann auch. Cheryl ließ bei der ausländischen Einwanderungsbehörde nicht locker und vertraute auf Jehova, zu dem sie flehentlich betete; sie bekam ihre Kinder zurück. Cheryl meinte: „Eigentlich muß ich sagen, daß ich es allein Jehova zu verdanken habe, daß meine Kinder wieder bei mir sind.“
Wie wichtig ist es daher, unsere Kinder jetzt zu lehren, wer Jehova ist und wie man ihn anbetet! Die Bibel sagt gemäß 1. Petrus 3:12, Jehovas Augen seien „auf die Gerechten gerichtet und seine Ohren auf ihr Flehen“. Jehova ist für unsere Kinder eine echte Zuflucht. Sein Name ist „ein starker Turm. Der Gerechte läuft hinein und wird beschützt“ (Sprüche 18:10).
Wir leben zwar in äußerst gefährlichen Zeiten und wissen nicht, was unseren Kindern noch alles widerfahren wird, aber Eltern, die Jehova anbeten, wissen, daß ihre Kinder, sofern diese treu sind, keinen dauerhaften Schaden davontragen werden. Jehova hat sogar verheißen, diejenigen, die ein Opfer unserer Zeit geworden sind, von den Toten aufzuerwecken und das Leid und die Schmerzen, die sie erdulden mußten, auszumerzen (Jesaja 65:17, 18; Johannes 5:28, 29).
Die Hoffnung auf Gottes neue Welt ist eine großartige Hoffnung. Ebenso großartig ist es, zu wissen, daß Gott die Erde bald von Satan und seinem bösen System befreien wird. Dann werden unsere Kinder nie mehr bedroht werden. In einem der Lieder, die Jehovas Zeugen in ihren Zusammenkünften singen, wird dieses neue System wie folgt geschildert: „Ein Kinderlachen uns entzückt, und Frieden ständig uns beglückt, ja auferweckt sind Kind und Greis. Den Blick richtet fest auf den Preis!“
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