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EinigungsbestrebungenErwachet! 1991 | 22. Februar
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Einigungsbestrebungen
Von unserem Korrespondenten in Frankreich
SCHANDE! Ja, der Anlaß für die Gründung der ökumenischen Bewegung war eine Schande. Worin bestand diese Schande? Darin, daß die Christenheit der nichtchristlichen Welt den peinlichen Anblick eines gegen sich selbst entzweiten Hauses bot.
Auf der ersten Vollversammlung des ÖRK (Ökumenischer Rat der Kirchen) sagte der damalige Generalsekretär Dr. W. A. Visser ’t Hooft: „Wir sind ein Rat der Kirchen, nicht der Rat der einheitlichen Kirche. Unser Name deutet unsere Schwäche und unsere Schande vor Gott an, denn es kann und wird schließlich nur eine christliche Kirche auf der Erde geben.“
In einer vor kurzem herausgegebenen französischen katholischen Enzyklopädie wird folgendes zugegeben: „Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde man sich immer deutlicher bewußt, welch ein Skandal das Getrenntsein der Kirchen ist. Besonders den Missionaren wurde das bewußt, deren gegenseitige Feindschaft dem Evangelium widersprach, das den Nichtchristen zu predigen sie gekommen waren. ... Der große Schock kam mit der Entwicklung der afrikanischen und der asiatischen Missionen, wodurch die Entzweiung der Christen, die die Missionsarbeit behinderte, ins Rampenlicht gerückt wurde.“
Die Anfänge
Das Wort „ökumenisch“ leitet sich von dem griechischen Wort oikouménē (bewohnte Erde) her. Das Ziel der ökumenischen Bewegung, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln begann, ist die weltweite Einheit der „christlichen“ Kirchen. Man war sich bewußt, daß die Uneinheitlichkeit der Kirchen ein großer Nachteil war, weshalb Reformer im 19. Jahrhundert und zu Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene interkonfessionelle Vereinigungen ins Leben riefen.
Für die Missionare, die ausgesandt wurden, um Nichtchristen zu bekehren, war die Uneinheitlichkeit der Kirchen besonders problematisch. Sie konnten schlecht auf die dunklen Kapitel der Kirchengeschichte hinweisen als Beweis dafür, daß ihre Religion besser sei. Wie konnten sie das Dasein so vieler verschiedener Kirchen rechtfertigen, die alle behaupteten, christlich zu sein, während sie gleichzeitig Jesus oder den Apostel Paulus zitierten, die beide die Notwendigkeit der christlichen Einheit unterstrichen? (Johannes 13:34, 35; 17:21; 1. Korinther 1:10-13).
Diese Situation trug zweifellos zur Bildung der modernen ökumenischen Bewegung bei, die 1910 die 1. Weltmissionskonferenz nach Edinburgh (Schottland) berief. Später, im Jahre 1921, wurde der Internationale Missionsrat gegründet. In dem Werk New Catholic Encyclopedia heißt es: „Der Internationale Missionsrat wurde gebildet, nicht nur, um über wirksame Missionsmethoden zu informieren, sondern auch, um dem Skandal des Getrenntseins der christlichen Kirchen dadurch entgegenzuwirken, daß sie einander in nichtchristlichen Ländern keine Konkurrenz mehr machen.“
Die katholische Kirche bleibt reserviert
Was unternahm indessen die römisch-katholische Kirche, um dem Skandal des Getrenntseins der „christlichen“ Kirchen entgegenzuwirken? Im Jahre 1919 wurde die katholische Kirche zu einer interkonfessionellen Konferenz für Glauben und Kirchenverfassung eingeladen, auf der die Unterschiede in der Lehre und in der kirchlichen Struktur besprochen werden sollten. Doch Papst Benedikt XV. lehnte die Einladung ab. Im Jahre 1927 wurde die katholische Kirche wieder eingeladen, dieses Mal, um an der 1. Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, die in Lausanne (Schweiz) abgehalten werden sollte, teilzunehmen. Delegierte mehrerer protestantischer Kirchen sowie von Ostkirchen kamen zusammen, um über Hindernisse für die Einheit zu sprechen, aber Papst Pius XI. erlaubte den Katholiken nicht, daran teilzunehmen.
Unter dem Stichwort „Papst Pius XI.“ schreibt die New Catholic Encyclopedia: „Der Heilige Stuhl nahm eine ablehnende Haltung gegenüber der ökumenischen Bewegung der nichtkatholischen Christenheit ein.“ Aus dieser ablehnenden Haltung entwickelte sich offene Gegnerschaft, die dann in der 1928 vom Papst veröffentlichten Enzyklika Mortalium animos ihren Niederschlag fand. Darin verurteilte er die ökumenische Bewegung und verbot den Katholiken, solche Bestrebungen in irgendeiner Weise zu unterstützen.
Im Jahre 1948 wurde der ÖRK gegründet. Bei seiner Gründung hatte er knapp 150 Mitglieder — fast alles protestantische Kirchen. Auch einige Ostkirchen gehörten dazu, und weitere schlossen sich ihm später an. Alle diese Kirchen erkannten als Basis für die Mitgliedschaft folgende Erklärung an: „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die unseren Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen.“ Trotz der eindeutig trinitarischen Formel lehnte es Papst Pius XII. ab, die katholische Kirche dem Ökumenischen Rat zuzuführen.
Ein Umschwung im katholischen Lager?
Johannes XXIII., der 1958 im Alter von nahezu 77 Jahren zum Papst gewählt wurde, war in den Augen vieler Katholiken lediglich ein papa di passaggio oder Übergangspapst. Es stellte sich jedoch dann heraus, daß er die Fenster des Vatikans öffnete, um frischen Wind hereinzulassen, was in katholischen Kreisen bis auf diesen Tag eine Ursache für Unruhe ist. Eine der ersten Entscheidungen, die Papst Johannes früh im Jahre 1959 traf, war, ein ökumenisches Konzil — was im Sprachgebrauch der Kirche eine Versammlung der Bischöfe der gesamten katholischen Kirche bedeutet — einzuberufen.
Der Zweck dieser Versammlung war erstens, „die Kirche zu erneuern“, und zweitens, „den Weg für die Wiedervereinigung der getrennten Brüder in Ost und West in der einen Hürde Christi zu öffnen“. In Übereinstimmung mit dem zweiten Zweck schuf Papst Johannes XXIII. 1960 im Vatikan das Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen. Das wurde freudig als „die erste Anerkennung des Vorhandenseins der ökumenischen Bewegung durch die römisch-katholische Kirche“ begrüßt.
Der frische Wind schien kräftig zu blasen. War aber die römische Kurie — die einflußreiche Gruppe von Prälaten, die die Kirche leiten — für solche Veränderungen? Und wenn ja, was verstand sie unter der christlichen Einheit?
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Ein Dilemma für die Katholische KircheErwachet! 1991 | 22. Februar
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Ein Dilemma für die Katholische Kirche
„EIN ZWEITES PFINGSTEN.“ Das war die Hoffnung, die Papst Johannes XXIII. mit dem ökumenischen Konzil verknüpfte, das 1962 begann und als 2. Vatikanisches Konzil bekannt wurde. Er hoffte, es würde eine Erneuerung des Glaubens der Katholiken zur Folge haben und Änderungen herbeiführen, die den Weg zu einer Wiedervereinigung der Christenheit ebneten.
Aber der Gedanke von einem aggiornamento (Anpassung) war nicht allen Prälaten im Vatikan genehm. In dem Werk The New Encyclopædia Britannica wird berichtet: „Die Entscheidung des Papstes wurde daher von seiner konservativen Kurie kühl aufgenommen, die überzeugt war, daß die Kirche unter der Führung von Pius XII. Gedeihen hatte, und die keinen guten Grund für die Änderungen sah, wie sie Johannes vorschwebten. Einige Kurienkardinäle taten sogar alles ihnen Mögliche, das Konzil hinauszuzögern, bis der alte Mann von der Bildfläche verschwunden wäre und man das Vorhaben in aller Stille fallenlassen könnte.“
Dekret über den Ökumenismus des 2. Vatikanums
Papst Johannes XXIII. lebte noch so lange, daß er das 2. Vatikanische Konzil in Gang setzen konnte; allerdings starb er kurz danach, nämlich im Juni 1963, lange ehe das Konzil im Dezember 1965 zu seinem Abschluß kam. Doch Papst Paul VI. promulgierte am 21. November 1964 das Dekret über den Ökumenismus. In der Einleitung dieses Dekrets wird gesagt: „Die Förderung der Wiederherstellung der Einheit unter allen Christen ist eine der hauptsächlichen Aufgaben des 2. Vatikanischen Konzils.“
Der Jesuitenpriester Walter M. Abbott schrieb bezeichnenderweise in dem Werk The Documents of Vatican II: „Das Dekret über den Ökumenismus kennzeichnet den vollen Einstieg der römisch-katholischen Kirche in die ökumenische Bewegung.“ Etwas Ähnliches schrieb die New Encyclopædia Britannica unter der Überschrift „Der römische Katholizismus folgt dem 2. Vatikanischen Konzil“: „Die römisch-katholische Kirche hat offiziell ihren Standpunkt, die alleinseligmachende Kirche zu sein, aufgegeben.“
Hat die katholische Kirche aber diesen Standpunkt wirklich aufgegeben? Unter welchen Bedingungen sollte die Einheit herbeigeführt werden? In dem Dekret über den Ökumenismus wird zuerst dargelegt, bis zu welchem Grad sich Katholiken an der ökumenischen Arbeit beteiligen können, und dann wird folgendes zur Bedingung gemacht: „Das heilige Konzil mahnt die Gläubigen, jede Leichtfertigkeit wie auch jeden unklugen Eifer zu meiden ... Ihre ökumenische Betätigung muß ganz und echt katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und den Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholische Kirche immer bekannt hat.“
Hindernisse für die Einheit
In Wirklichkeit hat die römisch-katholische Kirche ihren Standpunkt, die alleinseligmachende Kirche zu sein, nicht aufgegeben. In dem Dekret über den Ökumenismus des 2. Vatikanums wird gesagt: „Nur durch die katholische Kirche Christi, die ,das allgemeine Hilfsmittel des Heiles‘ ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut.“
In dem vor kurzem erschienenen französischen Werk Théo — Nouvelle Encyclopédie Catholique (1989) heißt es: „Für die Katholiken stellt der Papst als Nachfolger des Petrus, theologisch gesehen, das zeitlose Element der Einheit von Kirche und Bischöfen dar. Die nüchterne Tatsache aber ist, daß der Papst das Haupthindernis für eine Einigung der Christen ist.“
Das für die Einheit hinderliche Dogma vom päpstlichen Primat ist eng verwandt mit den Dogmen von der päpstlichen Unfehlbarkeit und der apostolischen Sukzession der katholischen Bischöfe — beide sind für die meisten nichtkatholischen Kirchen der Christenheit unannehmbar. Hat das 2. Vatikanische Konzil irgend etwas getan, um den katholischen Standpunkt in bezug auf diese Lehren zu modifizieren?
Die vom 2. Vatikanum verabschiedete Dogmatische Konstitution über die Kirche gibt in Absatz 18 folgende Antwort: „Indem die gegenwärtige Heilige Synode in die Spuren des ersten Vatikanischen Konzils [das das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündete] tritt, lehrt und erklärt sie feierlich mit diesem, daß der ewige Hirte Jesus Christus die heilige Kirche gebaut hat, indem er die Apostel sandte wie er selbst gesandt war vom Vater (vgl. Joh 20, 21). Er wollte, daß deren Nachfolger, die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung der Weltzeit Hirtendienste tun sollten. Damit aber der bischöfliche Dienst selbst einer und ungeteilt sei, hat er den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes Prinzip und Fundament der Einheit des Glaubens und der Kommunioneinheit gesetzt. Diese Lehre über Einrichtung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem römischen Bischof zukommenden heiligen Primates sowie über dessen unfehlbares Lehramt legt die Heilige Synode abermals allen Gläubigen fest zu glauben vor. Das damals Begonnene fortführend hat sie sich entschlossen, nun die Lehre von den Bischöfen, den Nachfolgern der Apostel, die mit dem Nachfolger Petri, dem Stellvertreter Christi und sichtbaren Oberhaupt der ganzen Kirche zusammen das Haus des lebendigen Gottes leiten, vor aller Angesichte zu bekennen und zu erklären.“
Bezeichnenderweise wurde die Dogmatische Konstitution über die Kirche von Papst Paul VI. an dem Tag promulgiert, an dem er auch das Dekret über den Ökumenismus unterzeichnete. Und an diesem gleichen 21. November 1964 proklamierte der Papst „Maria zur ,Mutter der Kirche‘, d. h. aller Gläubigen und aller Pastoren“. Wie kann behauptet werden: „Das Dekret über den Ökumenismus kennzeichnet den vollen Einstieg der römisch-katholischen Kirche in die ökumenische Bewegung“, wenn der Papst ausgerechnet an dem Tag, an dem das Dekret veröffentlicht wurde, beliebte, Dogmen zu bestätigen, die für die Mehrheit der Mitglieder des ÖRK (Ökumenischer Rat der Kirchen) absolut unannehmbar sind?
Das Dilemma der Kirche
Dr. Samuel McCrea Cavert, früherer Generalsekretär des Nationalrates der Kirchen, der eine führende Rolle bei der Bildung des Ökumenischen Rates der Kirchen spielte, sagte: „Das Dekret [über den Ökumenismus] bringt eigentlich die ökumenische Auffassung nicht mit der Behauptung, die römisch-katholische Kirche sei die alleinseligmachende Kirche, in Einklang. ... Damit verbunden ist die weitere Behauptung vom Primat des Petrus und von seiner Jurisdiktion über die ganze Kirche. Diese Behauptungen scheinen anzudeuten, daß bei dem römisch-katholischen Verständnis des Ökumenismus Rom nach wie vor im Mittelpunkt steht.“
Dr. Konrad Raiser, stellvertretender Generalsekretär des ÖRK, erklärte: „Der Papst [Johannes Paul II.] gibt viele ökumenische Erklärungen ab, aber er wird von einer Mission inspiriert, die ihn in eine ganz andere Richtung führt.“
Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen dem angeblichen Ökumenismus des Vatikans und dessen hartnäckigem Festhalten an seinen traditionellen Auffassungen offenbart lediglich, daß sich die römisch-katholische Kirche in einem Dilemma befindet. Wenn sie den aufrichtigen Wunsch hat, sich an der ökumenischen Bewegung zu beteiligen, um die christliche Einheit zu erreichen, muß sie ihren Standpunkt, die alleinseligmachende Kirche zu sein, aufgeben. Weigert sie sich, von diesem Standpunkt abzugehen, so muß sie zugeben, daß ihr sogenannter Ökumenismus lediglich ein taktischer Schachzug ist, durch den sie die orthodoxen und die protestantischen Kirchen verlocken will, in die katholische Hürde zurückzukehren.
Ganz offen: Die katholische Kirche muß entweder zugeben, daß ihre jahrhundertealten Behauptungen falsch sind oder daß ihre gegenwärtige Teilnahme an der ökumenischen Bewegung nichts als Heuchelei ist. Doch was auch immer der Fall ist, viele aufrichtige Mitglieder der Kirchen der Christenheit sind verwirrt. Sie fragen sich, ob die Einheit der Christen je zustande kommen kann.
[Herausgestellter Text auf Seite 8]
„Das Dekret über den Ökumenismus kennzeichnet den vollen Einstieg der römisch-katholischen Kirche in die ökumenische Bewegung“
[Bild auf Seite 7]
Durch das 2. Vatikanum ist die katholische Kirche in ein Dilemma geraten
[Bildnachweis]
UPI/Bettmann Newsphotos
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Ist die christliche Einheit möglich?Erwachet! 1991 | 22. Februar
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Ist die christliche Einheit möglich?
DIE Christenheit ist ein entzweites Haus. Sie umfaßt schätzungsweise mehr als 1 500 000 000 Personen, die der römisch-katholischen Kirche, den Ostkirchen, den protestantischen Kirchen sowie verschiedenen anderen Kirchen und Sekten angehören, die alle behaupten, christlich zu sein. Viele aufrichtige Menschen fragen sich, ob die christliche Einheit je möglich sei.
In einem Dokument des 2. Vatikanischen Konzils wird die religiöse Uneinigkeit wie folgt beklagt: „Sie [die verschiedenen christlichen Gemeinschaften] alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Lebenswege, als ob Christus selber geteilt wäre (vgl. 1Kor 1, 13). Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen.“
Die katholische Kirche und die Einheit
Die katholische Kirche, der etwa die Hälfte aller sogenannten Christen angehören sollen, hat ihre eigene Auffassung von der christlichen Einheit. Um die Jahrhundertwende wurden verschiedene „Gebetsvereine“ gegründet, z. B. die Erzbruderschaft Unserer Lieben Frau des Mitleids für die Rückkehr Englands zum katholischen Glauben, der Fromme Gebetsverein für Unsere Liebe Frau des Mitleids für die Bekehrung der Ketzer und die Erzbruderschaft der Gebete und guten Werke für die Wiedervereinigung der östlichen Schismatiker mit der Kirche.
Im Jahre 1908 wurde auf die Initiative eines anglikanischen Priesters, der zum Katholizismus übergetreten war, eine alljährliche katholische Gebetswoche (18. bis 25. Januar) „für die Bekehrung und Rückkehr der getrennten Brüder“ veranstaltet. Daraus entwickelte sich die alljährliche Gebetswoche für die Einheit der Christen, der sich Anfang der 50er Jahre der ÖRK (Ökumenischer Rat der Kirchen) angeschlossen hat.
In dem katholischen Werk The Documents of Vatican II wird gesagt: „Die Katholiken beten seit Jahrzehnten jedes Jahr acht Tage lang um die Einheit der Kirche. Bis 1959 erhoffte man sich von diesen Gebetstagen — 18. bis 25. Januar —, daß die Protestanten in die alleinseligmachende Kirche ‚zurückkehren‘ würden und daß das orthodoxe Schisma enden würde.“
Hat das 2. Vatikanum die Ansicht der katholischen Kirche bezüglich der Einheit der Christen grundlegend verändert? Papst Paul VI., der Nachfolger von Papst Johannes, promulgierte die vom 2. Vatikanum verabschiedete Dogmatische Konstitution über die Kirche. Darin heißt es: „Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. ... Diese Kirche, die in dieser Welt als gesellschaftliches Gebilde verfaßt und geordnet ist, hat ihre konkrete Existenzform in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“
Die Auffassung der katholischen Kirche in bezug auf die Einheit der Christen ist also nicht grundlegend anders geworden. Die auf dem 2. Vatikanischen Konzil zum Ausdruck gebrachte Meinung besagt im Grunde: Was immer außerhalb der katholischen Kirche gut ist, sind der Kirche Christi eigene Gaben, die, wie die Dogmatische Konstitution über die Kirche sagt, „auf die katholische Einheit hindrängen“.
Befähigt, die Einheit zu fördern?
Was ist zu dem von der katholischen Kirche oft gehörten Bekenntnis zu sagen, sie sei „die eine, heilige, katholische und apostolische“ Kirche? Erstens wird die Behauptung, sie sei die „eine“ Kirche, durch das kürzlich durch die Traditionalisten unter Führung von Erzbischof Lefebvre entstandene Schisma und die offene Rebellion von Hunderten katholischer Theologen Lügen gestraft.a
Zweitens beweist die Vergangenheit der katholischen Kirche mit ihrem Antisemitismus, den Folterungen von „Ketzern“, ihrer Befürwortung „heiliger Kriege“ und ihrer Verwicklung in die Politik und in schmutzige Finanzskandale, daß sie alles andere als heilig ist.
Drittens kann die römisch-katholische Kirche kaum den Anspruch erheben, „katholisch“ oder „allgemein“ zu sein, wenn ihr nur etwa die Hälfte der sogenannten Christen oder ungefähr 15 Prozent der Weltbevölkerung angehören.
Schließlich berechtigen weder die geschichtlichen Tatsachen noch die Vergangenheit des Papsttums, noch der Reichtum, die Unmoral und die politische Betätigung mancher katholischer Prälaten die katholische Kirche zu der Behauptung, „apostolisch“ zu sein. Offensichtlich hat die katholische Kirche kein Recht zu sagen, sie gehe in der Förderung der wahren christlichen Einheit führend voran.
Der Ökumenische Rat und die Einheit
Dem Ökumenischen Rat der Kirchen gehören über 300 protestantische und orthodoxe Kirchen mit mehr als 400 Millionen Mitgliedern in über hundert Ländern an. Das Ziel des Rates ist, „das wesenhafte Einssein der Kirche Christi zu verkünden und den Kirchen ihre Verpflichtung zur Sichtbarmachung dieser Einheit und ihre dringende Notwendigkeit um des Werkes der evangelischen Verkündigung willen vor Augen zu halten“. Bietet der ÖRK mehr Hoffnung auf wahre christliche Einheit als die römisch-katholische Kirche?
Auf welcher Grundlage hofft der ÖRK die Christen zu vereinen? In einer Enzyklopädie heißt es: „Der Ökumenische Rat der Kirchen. ... Die Mitglieder sind sich im allgemeinen darin einig, daß die Trennung der Christen gegen Gottes Willen ist und daß sie ein großes Hindernis für Nichtchristen ist, das Christentum anzunehmen. ... Die Überzeugung ist stärker geworden, daß die Einheit auf Wahrheit basieren muß.“ Was gilt jedoch bei den über 300 Mitgliedskirchen des ÖRK als Wahrheit?
Im Jahre 1948 betrachteten einige Kirchen die ursprüngliche Basisformel für die Mitgliedschaft im ÖRK nicht als trinitarisch genug. Daher wurde 1961 diese Formel wie folgt verändert: „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Kursivschrift von uns).
Diese Basis für die Mitgliedschaft im ÖRK ist ein Widerspruch in sich selbst. Warum? Weil der Glaube an „Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist“ nicht „gemäß der Heiligen Schrift“ ist. In der Encyclopedia of Religion wird gesagt: „Die heutigen Theologen stimmen darin überein, daß die Trinitätslehre in der hebräischen Bibel nicht zu finden ist.“ Ferner erklärt das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament: „Das alles zeigt, daß das Urchristentum noch keine ausgeprägte Trinitätslehre hat.“ Und in der New Encyclopædia Britannica heißt es: „Weder das Wort ‚Trinität‘ noch die Lehre als solche ist im Neuen Testament zu finden, noch haben Jesus und seine Nachfolger die Absicht gehabt, dem Schema im Alten Testament: ‚Höre, o Israel: Der Herr, unser Gott, ist e i n Gott‘ zu widersprechen (5. Mo. 6:4).“
Außerdem ist der ÖRK stark in politischen Auseinandersetzungen engagiert. Zum Beispiel hat er Gelder an militante Befreiungsbewegungen vergeben. Das Werk The New Encyclopædia Britannica schreibt: „Daß sich ÖRK-Gruppen mit verschiedenen revolutionären Bewegungen identifiziert haben, hat bei einigen dem Rat angehörenden Kirchen Kritik hervorgerufen.“ Ein unchristliches Engagement in der Politik vermag die wahre christliche Einheit ebensowenig herbeizuführen wie eine die Basis bildende unbiblische Lehre.
Wahre Einheit ist möglich
Interessanterweise heißt es in dem französischen Werk Encyclopædia Universalis (1989), daß der Zweck des Ökumenismus darin besteht, „der gespaltenen Familie von Christen die feste und sichtbare Einheit zurückzugeben in Einklang mit den Lehren Jesu. ... Wenn die Nichtchristen sehen, wie die Christen einander lieben, werden sie von Glauben erfüllt werden und sich der Kirche anschließen. Das wird dann eine Ahnung der neuen Welt vermitteln, in der Dienst, Gerechtigkeit und Frieden die Leitsätze sein werden, was von Christus vorhergesagt und vorgelebt wurde. ... Es ist bemerkenswert, daß ... der Brief an die Hebräer (II, 5) von einer ‚künftigen oikouménē [bewohnten Erde]‘ spricht, wodurch betont wird, daß die Hoffnung des Christen keine außerirdische, geistige Welt ist, sondern diese bewohnte Welt [Erde], die mit ihrem Schöpfer versöhnt ist.“
Immer mehr Mitglieder der Kirchen der Christenheit kommen zu der Erkenntnis, daß die Lehren ihrer Kirche nicht in Einklang mit den Lehren Jesu sind. Sie empfinden es als eine Schande, daß sich die „Christen“ untereinander nicht lieben. Viele von ihnen haben jedoch eine christliche Familie kennengelernt, die fest geeint ist, und sie sehen, daß sich die Glieder dieser Familie untereinander wirklich lieben. Ja, sie haben in der weltweiten Familie der Zeugen Jehovas echte christliche Einheit und eine wirkliche Hoffnung gefunden.
Das hat dazu geführt, daß nun Millionen ehemalige Mitglieder von Kirchen der Christenheit auf Gottes geeinte neue Welt hoffen, in der Dienst, Gerechtigkeit und Frieden die Leitsätze sein werden.
[Fußnote]
a Einzelheiten darüber findet der Leser in Erwachet! vom 22. Juni 1990, „Warum die Spaltungen in der katholischen Kirche?“
[Herausgestellter Text auf Seite 11]
Viele Menschen haben eine weltweite christliche Familie kennengelernt, die bereits geeint ist
[Bild auf Seite 10]
Dieses Denkmal am Sitz des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf versinnbildet die Gebete für kirchliche Einheit, die aber bis jetzt nicht erhört worden sind
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