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KolumbienJahrbuch der Zeugen Jehovas 1990
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Antioqueños, streng katholische Leute
Wenden wir uns jetzt dem international bekannten Medellín zu, einer Stadt in der Provinz Antioquia, die von Cartagena aus landeinwärts mit dem Flugzeug in 45 Minuten zu erreichen ist. Spanische Basken und Asturier besiedelten dieses Gebiet in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Ihre heutigen Nachkommen sind ein stolzes, tatkräftiges und streng katholisches Volk, das den Ruf hat, klug und sparsam, aber auch freundlich und vor allem redselig zu sein. Vor mehr als einem Jahrhundert fingen Antioqueño-Farmer an, Kaffee anzubauen, wodurch sie dazu beitrugen, daß sich Kolumbien nach Brasilien zum zweitgrößten Kaffee-Erzeuger der Welt entwickelte.
Medellín, die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, liegt in einem Tal, das von 500 m hohen Hügelketten im Osten und Westen begrenzt ist. Überall stößt man auf Zeichen des Wohlstands: Industrie und Handel, ein fast fertiggestelltes Hochbahnsystem für den Nahschnellverkehr (das erste in Kolumbien), Autobahnkreuze, attraktive Einkaufszentren und im Südwesten Hochhäuser mit Luxuswohnungen. Es gibt aber auch Armut. Elendsviertel dehnen sich an den kahlen Hängen immer mehr aus. Die Bewohner denken oft nicht an die Gefahr, von jahreszeitlich bedingten Erdrutschen und Lawinen verschüttet zu werden.
Eugene Iwanycky ist der Stadtaufseher. Er wurde in Österreich geboren, lernte aber die Wahrheit in Kanada kennen und zog 1969 mit seiner Familie nach Kolumbien. Wie er berichtet, gibt es jetzt 33 schnellwachsende Versammlungen in der Stadt — würde man die Vororte dazuzählen, wären es noch mehr.
Religiöse Hauptstadt
Am Mittwoch, den 1. Oktober 1958 trafen die ersten Gileadabsolventen in Medellín ein, um im Evangelisierungswerk dort die Führung zu übernehmen. Obwohl die Diktatur zu Ende war und Jehovas Zeugen bereits in anderen Städten des Landes Fuß gefaßt hatten, war die Situation in Medellín anders. Medellín stand damals in dem Ruf, die religiöse Hauptstadt Kolumbiens zu sein. Trotzdem freuten sich die Missionarehepaare nach einem Jahr im heißen, tropischen Barranquilla über ihre neue Zuteilung in Medellín, das ein mildes, frühlingshaftes Klima hatte und eine saubere Stadt mit zahlreichen bunten Blumen war, darunter viele Orchideen.
Richard und Virginia Brown war eines dieser Missionarehepaare. Richard, der heute als Koordinator des kolumbianischen Zweigkomitees dient, beschreibt, wie die Missionare empfanden: „Man hatte uns erzählt, die Bewohner der Stadt seien ausgesprochen religiös, was sich durchaus bestätigte. Überall sah man schwarzgekleidete Priester und Nonnen — an den Straßen, in den Geschäften, in den Bussen. In der Stadt sah man überall Kirchen, Kapellen und Konfessionsschulen. Trotz unserer begrenzten Spanischkenntnisse versuchten wir, informell Zeugnis zu geben, wurden aber mit mißbilligenden Blicken abgewiesen.
Wir waren zwar nur vier Missionare in der Stadt, aber dennoch erschienen Äußerungen über unsere Tätigkeit in den Zeitungen: ‚Warnung an alle Katholiken: Jehovas Zeugen haben einen großen Feldzug gestartet ... Lehnen Sie jegliche Literatur ab, oder vernichten Sie sie, falls sie Ihnen in die Hände fällt.‘ Trotzdem wurde Interesse vorgefunden, und im Juni 1959 wurde mit 23 Verkündigern die erste Versammlung in Medellín gegründet. 5 von ihnen waren gekommen, um dort zu dienen, wo Hilfe not tut.“
„Bewerft die Zeugen mit Steinen“
Im März 1960 traf ein neuer Missionar in Medellín ein — George Koivisto aus Kanada. Er war finnischer Herkunft, blond und ledig. Nach einem Monat intensiven Spanischunterrichts im Missionarheim ging er zum erstenmal in den Predigtdienst. George wird nie seinen ersten Morgen im Zeitschriftendienst vergessen.
„Ich arbeitete gerade mit einer kleinen Gruppe von Pionieren und einheimischen Verkündigern zusammen“, erzählt George, „und ich konnte nur sehr wenig Spanisch sprechen und verstehen. Der Verkündiger, den ich begleitete, verstand kein Englisch. Am späten Vormittag kam eine schreiende Rotte von Schulkindern auf uns zu und bewarf uns mit Steinen und Lehmklumpen.
Die Wohnungsinhaberin nahm uns schnell in ihr Haus und knallte gerade noch rechtzeitig die hölzernen Fensterläden zu. Größere und kleinere Steine hagelten gegen die Vorderseite des Hauses, auf das Lehmziegeldach und in den Innenhof.
Kurze Zeit später fuhr ein Streifenwagen vor. Die Polizei wollte wissen, wer den Aufruhr angezettelt habe. Einige erklärten lautstark, der Lehrer sei es gewesen. Lange vor der Mittagspause hatte er ungefähr 300 Kindern freigegeben. Ein anderer rief: ‚Nein! Es war der Pfarrer! Er hat über Lautsprecher gesagt, die Schüler sollten hinausgelassen werden, um „die Protestantes mit Steinen zu bewerfen“.‘ “
Nach dem Vorfall änderten die Leute in dem ganzen Gebiet ihre Einstellung, und bald stießen die Zeugen auf Interesse und richteten Bibelstudien ein.
Im Jahre 1961 heiratete George eine einheimische Pionierin, und bald darauf wurden ihnen zwei Söhne geboren. Die Koivistos blieben weitere 18 Jahre in Kolumbien. 1980 zog George mit seiner Familie zurück nach Kanada. Die Koivistos — George, Leonilde und ihre beiden Söhne — dienen seit 1983 im kanadischen Bethel.
Schuljungen verblüfft
Bei einer anderen Gelegenheit war eine Missionarin in Medellín gerade allein im Predigtdienst, als eine Gruppe Jugendlicher der Wohnungsinhaberin zurief, sie solle der Missionarin nicht zuhören. Die Frau bekam es mit der Angst zu tun. Also beendete die Missionarin ihr Gespräch und wollte ruhig das Gebiet verlassen, aber die Jungen umringten sie und ließen sie keinen Schritt weitergehen.
Sie fragten, ob sie protestantische Literatur in ihrer Tasche habe. Die Schwester erwiderte, sie habe die Bibel dabei, und fragte die Jungen, ob die Bibel ein protestantisches Buch sei. Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, weshalb sie behaupteten, die Zeugen würden nicht an die Jungfrau glauben. Die Missionarin nahm gelassen ihre Bibel heraus und bat die Jugendlichen, ihr zu zeigen, wo die Jungfrau in der Bibel erwähnt werde. Aber keiner war dazu imstande.
Hierauf sagte die Schwester: „Ich weiß wo. Möchtet ihr, daß ich es euch zeige?“ Dann schlug sie Lukas 1:26-38 auf und ließ sie den Bericht über den Besuch des Engels Gabriel bei der Jungfrau Maria vorlesen. Daraufhin versicherte sie ihnen, daß Jehovas Zeugen glauben, was in der Bibel steht. Die Jungen entgegneten, man habe ihnen erklärt, Jehovas Zeugen würden nicht an die Jungfrau glauben. Nun waren sie verblüfft und wußten wieder nicht, was sie sagen sollten. Die Schwester steckte ihre Bibel in ihre Literaturtasche und ging ruhig fort, während die Schuljungen ganz verdutzt und nachdenklich dastanden.
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KolumbienJahrbuch der Zeugen Jehovas 1990
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Richard und Virginia Brown richteten 1958 das erste Missionarheim in Medellín ein.
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