Eine Entdeckung anderer Art auf den Bahamas
DIE Bahamas — wie Trittsteine im azurblauen Meer zwischen Florida und Kuba gelegen — standen nie zuvor derart im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit wie 1992. Weshalb? Die meisten Gelehrten vertreten die Ansicht, Christoph Kolumbus sei dort gelandet, als er bei seiner historischen Fahrt im Jahr 1492 Amerika entdeckte. Die Fünfhundertjahrfeier der Landung des Kolumbus am 12. Oktober fand weltweit Beachtung.
Die Begeisterung über die Fünfhundertjahrfeier war indes nicht ungetrübt. Wie berichtet wird, sagte der Politikprofessor John Carew vor der 23. Nationalen Konferenz Schwarzer Rechtsanwälte, Kolumbus habe „eine Welle des Todes“ über die Karibik hereinbrechen lassen (The Nassau Guardian).
Keiner der 250 000 einheimischen Bewohner der Bahamas kann heute seine Abstammung auf die friedlichen Ureinwohner zurückführen, die Kolumbus antraf und die er als „sehr anmutige Menschen mit Körpern von schöner Gestalt und sehr feinen Gesichtszügen“ beschrieb. Was widerfuhr jenen Inselbewohnern? Wie das Werk A History of the Bahamas erklärt, ist „zwischen 1500 und 1520 die gesamte Bevölkerung der Bahamas — wahrscheinlich etwa 20 000 Lucayas — verschleppt worden“, um als Sklaven in den spanischen Goldbergwerken auf Hispaniola zu arbeiten.
Nach dieser Entvölkerung wurden die Bahamas zunächst von den Engländern und später von einer großen Zahl Loyalisten sozusagen wiederentdeckt. Letztere waren hauptsächlich Plantagenbesitzer aus den amerikanischen Kolonien. Weil sie treu zur britischen Krone hielten, flohen sie vor dem damals auf dem Kontinent wütenden Unabhängigkeitskrieg. Die heutigen Bewohner der Bahamas sind größtenteils Nachkommen dieser Siedler und ihrer Sklaven. Viele Sklaven behielten nach ihrer Freilassung den Namen ihres früheren Herrn.
Eine Entdeckung anderer Art
Kolumbus betrachtete sich höchstwahrscheinlich als so etwas wie ein Missionar. Er soll gesagt haben: „Gott hat mich zum Boten des neuen Himmels und der neuen Erde gemacht. ... Er zeigte mir, wo ich sie finden würde.“ Die nachfolgende Verwüstung bewies jedoch genau das Gegenteil. Die von Gott verheißenen gerechten ‘neuen Himmel und die neue Erde’ mußten bis zu einer Entdeckung anderer Art warten (2. Petrus 3:13).
Edward McKenzie und seine Frau kamen 1926 auf die Bahamas. Im Gegensatz zu den Entdeckern vor ihnen suchte dieses demütige Ehepaar aus Jamaika nach ehrlichgesinnten Menschen, um ihnen einen Schatz zu bringen. Die beiden brachten als erste die gute Botschaft von Gottes Königreich auf die Bahamas (Matthäus 13:44; 24:14). Noch im gleichen Jahr schlossen sich ihnen Clarence Walters und Rachel Gregory an, zwei weitere Jamaikaner. 1928 gab es auf den Bahamas sieben Königreichsverkündiger. Vier Jahre lang predigten sie den Inselbewohnern eifrig die gute Botschaft.
Dann kam von Trinidad E. P. Roberts, ein begeisternder Redner. Die Vorträge, die er in öffentlichen Sälen hielt, trugen maßgeblich dazu bei, falsche Lehren zu widerlegen und die Herzen vieler mit der biblischen Wahrheit zu erreichen. Bei einer solchen Zusammenkunft saß ein Mann namens Donald Oscar Murray, später liebevoll D. O. genannt, voller Begeisterung unter den Zuhörern. Er sollte mit der Zeit die Führung in dem Werk übernehmen.
D. O. Murray sprach oft von seinen inständigen Gebeten um Hilfe beim Predigtwerk, wie sich die Missionarin Nancy Porter noch gut erinnern kann. Nancy und ihr Mann George wurden 1947 zusammen mit zwei anderen als erste Missionare von der Watch Tower Society auf die Bahamas gesandt. Sie erzählt: „Die erste Zusammenkunft, die wir besuchten, werden wir wohl nie vergessen. Etwa neun oder zehn Personen waren anwesend. Bruder Murray hatte den Vorsitz und sprach zu Beginn ein Gebet, in dem er Jehova für die Ankunft der Missionare dankte. Hilfe sei nötig, sagte er, und sie hätten so lange um Unterstützung gebetet. Die Gesellschaft hatte Hilfe versprochen, und jetzt waren wir hier. Das Gebet war so bewegend, daß wir alle hierbleiben und nie wieder weggehen wollten.“ Heute, nach 45 Jahren, predigt Schwester Porter den Inselbewohnern immer noch die tröstende Königreichsbotschaft, obwohl ihr Mann bereits verstorben ist.
Insbesondere seit 1947 ist das Werk des Predigens vom Königreich dank der Vollzeitdiener und anderer, die die Inseln per Schiff besuchten, gediehen. Oft mußten sie tückische Sandbänke und Untiefen umfahren und dann ans Ufer waten, um die gute Botschaft zu entlegenen Siedlungen zu bringen. Die Bemühungen jener Tage tragen noch heute Frucht.
Ein Meilenstein wurde im Jahr 1950 erreicht. Im Dezember besuchten zum erstenmal der damalige Präsident der Watch Tower Society, Nathan H. Knorr, und sein Sekretär, Milton G. Henschel, die Bahamas. Bruder Knorr sprach zu 312 Personen, die sich in der überfüllten Mother’s Club Hall, einem kleinen Holzgebäude in der Jail Alley, versammelt hatten. Darunter waren einige prominente Leute, wie zum Beispiel ein Parlamentsmitglied und der Herausgeber einer Tageszeitung. An jenem Abend gab Bruder Knorr die Gründung eines Zweigbüros der Gesellschaft auf den Bahamas bekannt.
Freundliche Resonanz der Inselbewohner
Die freundlichen Bewohner der Bahamas sind meist für die Königreichsbotschaft empfänglich. Dennoch ist es nicht so einfach, sie alle zu erreichen. Aus welchem Grund? Zwar leben die meisten in der Hauptstadt Nassau sowie auf der benachbarten Insel Grand Bahama, die anderen aber leben auf den 15 größeren Inseln verstreut und manche sogar auf den zur Inselgruppe gehörenden 700 kleinen Inseln und Atollen.
Immer mehr einheimische und ausländische Zeugen Jehovas haben den Bedarf erkannt und sind in kleine Inselgemeinden gezogen, um dort zu predigen. Sie haben beträchtliche Opfer bringen und Kosten auf sich nehmen müssen; dafür sind sie wirklich zu loben. Ihre Bemühungen sind aber auch reich belohnt worden.
Ein junges Ehepaar zog auf die große Insel Andros. Eines Tages trafen die beiden im Haus-zu-Haus-Dienst einen Einwanderer aus Haiti an. Von ihnen leben Tausende auf den Bahamas. Der Mann willigte gern in ein Heimbibelstudium ein. Noch am gleichen Abend wurde anhand eines englischen und eines französischen Exemplars des Buches Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben damit begonnen. Am nächsten Abend besuchte der Mann zum erstenmal eine christliche Zusammenkunft. Schon bald hörte er auf zu rauchen, machte schnell Fortschritte und begann, sich am Predigtwerk zu beteiligen.
An dem Tag, an dem er getauft werden sollte, erhielt er morgens ein Tonband von seinen Angehörigen in Haiti, von denen er schon seit fünf Jahren nichts mehr gehört hatte. Was hatten sie ihm zu sagen? Sie berichteten, wie sie Zeugen Jehovas geworden waren. Sie erzählten ihm, seine Schwester sei bereits ein allgemeiner Pionier, das heißt ein Vollzeitprediger, und sie ermunterten ihn, Jehovas Zeugen am Ort aufzusuchen und mit ihnen die Bibel zu studieren. Wie sich jeder denken kann, ließ sich der Mann an jenem Tag in der vollen Überzeugung taufen, das Richtige zu tun.
Über begeisterte Reaktionen wie diese haben sich die einheimischen Zeugen Jehovas sehr gefreut. Immer mehr haben als Evangeliumsverkündiger den Vollzeitdienst aufgenommen, und das hat die Zunahme beschleunigt. Als Folge davon erreichte man 1988 erstmals die Zahl von 1 000 Königreichsverkündigern. Heute gibt es etwa 1 300 Königreichsverkündiger in 19 Versammlungen auf praktisch allen größeren Inseln.
Für die Zukunft ausgerüstet
Wegen der stetigen Zunahme wurde es für die Zeugen immer schwieriger, geeignete und kostengünstige Räumlichkeiten für ihre jährlichen Bezirkskongresse zu finden. Zwei getrennte Kongresse mußten auf zwei verschiedenen Inseln abgehalten werden, damit alle Platz fanden. Deshalb plante man den Bau eines Kongreßsaals zusammen mit einem neuen Zweigbüro. Die Arbeiten begannen im Dezember 1989. Hunderte internationaler und einheimischer freiwilliger Helfer arbeiteten „mit ganzer Seele als für Jehova“ an dem Projekt (Kolosser 3:23).
Die bis dahin größte und freudigste Zusammenkunft der Zeugen Jehovas auf den Bahamas fand zweifellos anläßlich der Bestimmungsübergabe des neuen Zweigbüros und des Kongreßsaals am 8. und 9. Februar 1992 statt. Voller Erwartung bereiteten sich die Brüder in allen Gebieten der Inselgruppe auf das Ereignis vor. Es war ungewöhnlich kalt, und in der Nacht vor der Bestimmungsübergabe regnete es sogar. Aber nichts konnte die Freude der 2 714 begeisterten Anwesenden dämpfen, als John E. Barr, ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas, die Ansprache zur Bestimmungsübergabe hielt mit dem Thema „Das Lied von der Mehrung der Theokratie“.
Die Herzen flossen über vor Dankbarkeit gegenüber dem himmlischen Vater, Jehova Gott, wegen eines solch freudigen und begeisternden Ereignisses. Die Anwesenden waren um so entschlossener, sich mit ganzer Kraft weiter für das geistige Erziehungswerk einzusetzen, das die Ausdehnung nötig gemacht hatte.
Ob die Entdeckung durch Kolumbus für die Inseln eine Wende zum Besseren einleitete oder nicht, wird wahrscheinlich umstritten bleiben. Ungeachtet dessen sind Jehovas Zeugen auf den Bahamas Gott sehr dankbar, weil er für Königreichsverkündiger sorgte, deren aufopferungsvolle Einstellung sie dazu antrieb, tapfer ins Ungewisse vorzustoßen, um die herrliche gute Botschaft in bis dahin unerforschte geistige Gewässer zu bringen. Ihre Arbeit und ihre „Entdeckungen“ haben allen wahrheitssuchenden Menschen auf den Bahamas geistige Reichtümer ohnegleichen eingebracht.
[Karte/Bilder auf Seite 24, 25]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Grand Bahama
Abaco
Andros
New Providence
Nassau
Eleuthera
Cat Island
Great Exuma
Rum Cay
San Salvador
Long Island
Crooked Island
Acklins Island
Mayaguana
Little Inagua
Great Inagua
KARIBISCHES MEER
FLORIDA
KUBA
[Bilder]
Predigen auf dem Strohmarkt
Ans Ufer waten, um die gute Botschaft zu verkündigen
Das Zweigbüro liegt auf einem Hügel oberhalb des Kongreßsaals