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Der Verfall der UmgangsformenErwachet! 1994 | 22. Juli
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Der Verfall der Umgangsformen
Nach wie vor besitzen Millionen von Menschen gute Umgangsformen. Millionen andere betrachten diese jedoch mit Geringschätzung.
GEMÄSS der New Encyclopædia Britannica nahm die Entwicklung der Etikette schon um die Jahrhundertwende einen ungünstigen Verlauf: „Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Einhaltung der banalsten Regeln der Etikette für die Oberschicht zum einen ein Zeitvertreib und zum anderen auch eine Hauptbeschäftigung, zumindest für die Frauen. Man dachte sich immer neue komplizierte Rituale aus, um neuen Mitgliedern der Oberschicht einen Eindruck von Exklusivität zu vermitteln und um die Unwürdigen in Unkenntnis zu lassen, sich von ihnen abzugrenzen.“
Das ist weit von dem entfernt, was gute Umgangsformen sein sollten. Amy Vanderbilt, eine in Fragen des Benehmens geachtete Autorität, schreibt in ihrem Buch New Complete Book of Etiquette: „Die besten Regeln des Benehmens sind im 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes zu finden, in der herrlichen Dissertation des hl. Paulus über die christliche Nächstenliebe. Diese Regeln haben nichts damit zu tun, daß man sich gut zu kleiden versteht oder in seinem Benehmen die Form wahrt, sondern mit dem Empfinden und der Einstellung, mit Güte und Rücksicht auf andere.“
Amy Vanderbilt bezieht sich hier auf die Passage in 1. Korinther 13:4-8, wo es heißt: „Die Liebe ist langmütig und gütig. Die Liebe ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht, bläht sich nicht auf, benimmt sich nicht unanständig, blickt nicht nach ihren eigenen Interessen aus, läßt sich nicht aufreizen. Sie rechnet das Böse nicht an. Sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sondern freut sich mit der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, erduldet alles. Die Liebe versagt nie.“
Wie herausragend es wäre, wenn diese Art von Liebe heute praktiziert würde! Überall würden sich die Menschen tadellos zu benehmen wissen. Die christliche Familie ist der Ausgangspunkt für gute Manieren, dort werden sie gelehrt und erlernt. Eine Familie gleicht einer empfindlichen Maschine, deren Teile in enger Verbindung zueinander stehen. Nur wenn die Maschine fachmännisch geölt wird, läuft sie reibungslos. Zu wissen, wie man hilfsbereit und zuvorkommend, freundlich und höflich sein kann, trägt viel dazu bei, aus dem Zuhause einen Ort des Glücks zu machen. Man kann viel dazu beisteuern, Reibereien im Umgang mit anderen auszuschalten, wenn man sich die üblichen Ausdrucksformen der Höflichkeit und Rücksichtnahme aneignet — zum Beispiel „Danke schön! “, „Bitte! “, „Entschuldigung! “ oder „Es tut mir leid! “ Diese kleinen Wörter sind von großer Bedeutung. Jeder kann sie sagen, wenn es angebracht ist; es kostet nichts, doch man gewinnt dadurch Freunde. Pflegen wir zu Hause täglich gute Manieren, dann werden sie uns nicht fehlen, wenn wir mit anderen Menschen außerhalb unseres Familienkreises Umgang pflegen.
Gutes Benehmen schließt auch ein, andere zu respektieren, auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen und sie so zu behandeln, wie wir selbst gern von ihnen behandelt werden möchten. Vielen ist jedoch aufgefallen, daß die guten Umgangsformen im Schwinden begriffen sind. Eine Autorin sagte: „Es fehlt uns an Höflichkeit, weil der Individualismus die Oberhand gewonnen hat.“ Und der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb, der Egoismus sei so garstig, daß man ihm die Höflichkeit als Feigenblatt vorstecke. Heutzutage meinen viele, ein höflicher Mensch zeige in Wirklichkeit Schwäche und wer anderen den Vorrang gebe, sei ein Versager. Haben wir es nicht dem Jahrzehnt des Egoismus — den 70er Jahren — zu verdanken, daß nun eine das Ich verherrlichende Lebensweise vorherrscht? In einer Großstadtzeitung war zu lesen: „Das Problem hat solch ein Ausmaß angenommen, daß übliche Anstandsregeln heute unüblich geworden sind.“
Wie die in London erscheinende Daily Mail berichtete, werden selbst fünfjährige Kinder immer aggressiver, sie mißachten das Eigentum anderer Kinder, haben kaum Respekt vor Erwachsenen und sprechen eine unanständige Sprache. Als Lehrer dazu befragt wurden, gaben die meisten an, ihrer Ansicht nach würden die Eltern ihre Kinder verziehen und deshalb würden sich diese immer unsozialer verhalten. Gemäß einer anderen Umfrage waren 86 Prozent der befragten Lehrer der Meinung, der Grund sei, daß die Eltern „keine klaren Maßstäbe festsetzen und ihren Kindern nicht sagen, was sie von ihnen erwarten“. 82 Prozent der Lehrer gaben dem fehlenden elterlichen Beispiel die Schuld. Zerrüttete Familien, Scheidungen, Ehen ohne Trauschein, fehlende Zuchtmaßnahmen und Verhaltensregeln sowie übermäßiger Fernsehkonsum — all das läuft letzten Endes auf den Zerfall der Familie hinaus.
Eine Grundschuldirektorin sagte: „Mich beunruhigt, daß Respekt unter den Kindern von heute Mangelware ist. Es scheint sie überhaupt nicht zu kümmern, wenn sie Gleichaltrige demütigen oder Erwachsene beleidigen. ... Ihre Respektlosigkeit kommt auf vielerlei Weise zum Ausdruck, zum Beispiel durch beleidigende Gesten, durch eine unanständige Sprache, durch die Weigerung, einfachen Anweisungen nachzukommen ..., oder dadurch, daß sie in einem Spiel den Ball nicht abgeben wollen ... [Andererseits] bringen Kinder aus einigen Familien anderen schon eher Respekt entgegen. Das müssen nicht unbedingt die Lieblingsschüler der Lehrer sein ..., aber sie behandeln ihre Mitmenschen respektvoll. Sie warten, bis sie an der Reihe sind, wogegen sich andere vordrängeln ... Entweder ist ... [einem Kind] gutes Benehmen beigebracht worden oder nicht.“
Ein langjähriger Grundschuldirektor wurde etwas deutlicher: „Wir beobachten eine Zunahme an purer Niederträchtigkeit. Auf dem Schulhof spielen die Schüler nicht mehr wie früher, sondern sie treiben sich in Banden herum. Sie machen schnell die Schwächeren aus, Kinder, die Außenseiter sind, die nicht die ‚richtigen‘ Turnschuhe oder Jeans tragen. Diese dienen als Zielscheibe und werden verspottet; unterschwellig ist immer Gewalt dabei. Wir haben versucht, etwas dagegen zu unternehmen, waren bisher allerdings nicht sehr erfolgreich.“
„Viele Leute fahren unglaublich rücksichtslos“, sagte Professor Jonathan Freedman von der Columbia-Universität. „Auf den Highways geht es beinahe zu wie auf einem Schlachtfeld.“ Im Monthly Letter der Royal Bank of Canada wurde von dem „erbarmungslosen Gemetzel auf den Straßen“ gesprochen und geschlußfolgert: „Der Kern des Problems ist die Unhöflichkeit. Höflichkeit, Rücksichtnahme, Nachsicht, Geduld und die Achtung vor den Menschenrechten — was eine Zivilisation ausmachen sollte — fehlen beschämenderweise.“
In der New York Times wurde der Straßenverkehr in New York wie folgt beschrieben: „Autofahrer kontra Ambulanzen“. Immer mehr Autofahrer in New York machen Rettungsfahrzeugen wie Krankenwagen und Feuerwehrautos keinen Platz und erhöhen dadurch die Gefahr, daß ein Schwerkranker oder ein Schwerverwundeter stirbt, weil er nicht schnell genug in ein Krankenhaus gebracht werden kann oder weil der Krankenwagen nicht zu ihm durchkommt. Ellen Scibelli, Leiterin eines medizinischen Rettungsdienstes, erzählte von einem Mann, der auf dem Pelham Parkway in der Bronx fuhr und sich weigerte, den Weg für einen Krankenwagen frei zu machen, der einen Notruf erhalten hatte und zu einer Patientin mit Herzstillstand unterwegs war. „Er markierte den starken Mann und fuhr nicht an die Seite; als er dann aber zu Hause ankam, merkte er, wie dumm das von ihm gewesen war. Es war nämlich seine Mutter, die einen Herzinfarkt erlitten hatte und zu der der Krankenwagen wollte.“
Die New York Times International berichtete von einer englischen Organisation namens Polite Society (Höfliche Gesellschaft), die gegründet wurde, „weil die Leute furchtbar rücksichtslos geworden sind, und dagegen muß etwas getan werden“. Ein Rundfunkkommentator beklagte sich in einer Kolumne des Evening Standard über folgendes: „Eine Nation, die einst für ihre höflichen Umgangsformen angesehen war, wird nach und nach zu einer Nation von Rüpeln.“ Eine schottische Versicherungsgesellschaft „kam zu dem Schluß, daß sich 47 Prozent aller Verkehrsunfälle auf irgendeine Form von Rücksichtslosigkeit zurückführen lassen“.
Einen Großteil der Schuld am Verfall der Umgangsformen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, trägt das Fernsehen. Es bringt ihnen bei, wie man sich kleidet, wie man spricht, wie man miteinander umgeht und daß Probleme immer wieder durch Gewalt gelöst werden. Wenn wir und unsere Kinder unseren Sinn ständig mit fiktiven und oberflächlichen Fernsehinhalten füttern, werden sich schließlich in unseren Umgangsformen die unverschämten, respektlosen und verletzenden Verhaltensweisen der Fernsehfiguren widerspiegeln. Im Fernsehen werden Eltern häufig als die Dummen abgestempelt, die Kinder dagegen sind die Klugen.
Es verschafft den Leuten innere Genugtuung, lauthals große Töne zu spucken, andere zu unterbrechen, sie zu provozieren, rüpelhaft und herablassend zu sein, und sie sind stolz darauf, wenn sie jemanden tyrannisieren. Früher wurde ein unverschämtes Verhalten im allgemeinen von der Öffentlichkeit mißbilligt, und der Täter wurde geächtet. In der heutigen Gesellschaft kann sich jemand eine Unverschämtheit erlauben, ohne daß sein Ruf leidet. Und sollte irgend jemand etwas einzuwenden haben, muß er damit rechnen, verbal oder tätlich angegriffen zu werden. Jugendliche, die in Gruppen lärmend umherziehen, verbreiten eine schmutzige Sprache, fallen durch obszöne Gesten auf und beleidigen andere durch ihr freches Verhalten; all das tun sie bewußt in dem Bemühen, die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf ihre Aufsässigkeit zu lenken und die Erwachsenen durch ihr unverhohlen rüdes Benehmen zu schockieren. Jemand hat jedoch einmal gesagt: „Durch Grobheit täuscht ein schwacher Mensch Kraft vor.“
Die Gesetze, die erlassen wurden, um das menschliche Verhalten zu regeln, könnten ganze Bibliotheken füllen, doch sie haben der Menschheit nicht die nötige Anleitung gegeben. Brauchen wir noch mehr Gesetze? Oder vielleicht weniger? Es heißt, je besser eine Gesellschaft funktioniere, desto weniger Gesetze brauche sie. Wie wäre es mit nur einem Gesetz? Zum Beispiel mit diesem: „Alles daher, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun; in der Tat, das ist es, was das Gesetz und die Propheten bedeuten“ (Matthäus 7:12).
Durch die Einhaltung dieses Gesetzes ließen sich fast alle heutigen Probleme beseitigen — allerdings müßte ihm ein noch wichtigeres Gesetz hinzugefügt werden, eines, das den Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft vollständig abhelfen würde: „Du sollst Jehova, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Sinn und mit deiner ganzen Kraft“ (Markus 12:30).
Der moderne Mensch tut diese beiden biblischen Erfordernisse sowie andere in der Bibel enthaltene Richtlinien als unnötig ab. In Jeremia 8:9 sagt die Bibel daher: „Die Weisen sind beschämt worden. ... Sie haben sogar das Wort Jehovas verworfen, und welche Weisheit haben sie?“ Ferner halten diese Menschen eine allgemein verbindliche Übereinkunft, was wahre Werte angeht, für überflüssig, Werte, die seit jeher als unentbehrlich anerkannt wurden, um der Menschheit Anleitung zu geben. Die neue Moral gleicht einer breiten Straße, die für jeden erdenklichen Lebensstil Platz bietet, den der einzelne wählen mag, und auf dieser Straße befinden sich viele Menschen; Jesus sprach davon als von dem Weg, der in die Vernichtung führt (Matthäus 7:13, 14).
Das vollkommene Beispiel
Jesus Christus, der „am Busenplatz beim Vater ist“, gab ein herausragendes, nachahmenswertes Beispiel (Johannes 1:18). Im Umgang mit anderen war er einerseits liebevoll und mitfühlend, andererseits aber auch fest und entschlossen; er behandelte jedoch niemanden grob oder unfreundlich. Über seine „außergewöhnliche Gabe, sich bei allen Arten von Menschen wohl zu fühlen“, heißt es in dem Buch The Man From Nazareth: „In der Öffentlichkeit wie im privaten Kreis verhielt er sich im Umgang mit Männern und Frauen wie jemand ihresgleichen. Er fühlte sich bei Kindern in ihrer Unschuld wohl und seltsamerweise auch bei Personen, denen das Gewissen schlug, weil sie sich durch Amtsmißbrauch bereichert hatten, wie zum Beispiel Zachäus. Geachtete Hausfrauen wie Maria und Martha konnten sich zwanglos und offen mit ihm unterhalten, aber auch Dirnen suchten ihn auf, als ob sie sich sicher waren, daß er sie verstand und sich ihrer annahm. ... Daß ihm Grenzen, die gewöhnliche Menschen einengten, seltsamerweise unbekannt waren, zählt zu den Eigenschaften, die ihn am meisten auszeichneten.“
Jehova Gott behandelt diejenigen, die unter ihm stehen, stets höflich, und häufig fügt er seinem Wunsch ein „Bitte! “ hinzu. Als er seinem Freund Abraham einen Segen verhieß, sagte er: „Erhebe bitte deine Augen, und schaue von dem Ort, wo du bist, nordwärts und südwärts und ostwärts und westwärts.“ Und wiederum: „Blicke bitte zu den Himmeln auf, und zähl die Sterne“ (1. Mose 13:14; 15:5). Als Gott Moses ein Zeichen seiner Macht gab, forderte er ihn auf: „Stecke bitte deine Hand in die obere Falte deines Gewandes“ (2. Mose 4:6). Viele Jahre später sagte Jehova durch seinen Propheten Micha sogar zu seinem Volk, das abgeirrt war: „Hört bitte, ihr Häupter Jakobs und ihr Befehlshaber des Hauses Israel. ... Hört dies bitte, ihr Häupter“ (Micha 3:1, 9). Sind wir in dieser Hinsicht „Nachahmer Gottes“, indem wir anderen gegenüber das Wort „bitte“ gebrauchen? (Epheser 5:1).
Welche Richtlinien oder sittlichen Regeln haben die Weisen der Welt als Ersatz für die in der Bibel enthaltenen Richtlinien zu bieten, die sie als unannehmbar von sich weisen? Damit wird sich der folgende Artikel befassen.
[Herausgestellter Text auf Seite 4]
Übliche Anstandsregeln sind heute unüblich geworden
[Herausgestellter Text auf Seite 5]
Der Krankenwagen war auf dem Weg zu seiner Mutter
[Herausgestellter Text auf Seite 6]
„Durch Grobheit täuscht ein schwacher Mensch Kraft vor“
[Bildnachweis auf Seite 3]
Links: Life; rechts: Grandville
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Verwirft die „neue Moral“ die guten Umgangsformen?Erwachet! 1994 | 22. Juli
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Verwirft die „neue Moral“ die guten Umgangsformen?
‘Wehe denen, die Böses als gut hinstellen, Finsternis als Licht, Bitteres als Süßes’ (Jesaja 5:20).
DAS 20. Jahrhundert hat miterlebt, wie sich die Umgangsformen und die Moral radikal verändert haben. In den Jahrzehnten, die den beiden Weltkriegen folgten, wurden die herkömmlichen Wertsysteme immer mehr als veraltet betrachtet. Aufgrund der sich wandelnden Lebensbedingungen und aufgrund neuer Theorien auf dem Gebiet des menschlichen Verhaltens und der Wissenschaft gelangten viele zu der Überzeugung, die bisher geltenden Werte seien nicht mehr gültig. Einst sehr geschätzte Umgangsformen legte man nun als Ballast ab. Früher geachtete biblische Richtlinien wurden als überholt abgetan. Sie engten die ungebundene, befreite Gesellschaft von hypermodernen Individuen des 20. Jahrhunderts viel zu sehr ein.
Dieser Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte trat im Jahr 1914 ein. Schriften von Historikern über jenes Jahr und über den Ersten Weltkrieg sind angefüllt mit Bemerkungen, die 1914 als ein Jahr beschreiben, in dem ein bedeutsamer Wandel stattfand — ein absoluter Einschnitt, der zwei Epochen voneinander trennte. Unmittelbar nach dem Krieg folgten die wilden zwanziger Jahre; während dieser Zeit versuchte man, die Vergnügungen, die in den Kriegsjahren gefehlt hatten, nachzuholen. Man warf die üblichen Wertvorstellungen und unbequeme moralische Zwänge über Bord, um sich in das Vergnügen stürzen zu können. Eine neue Moral, die Nachsicht mit denen übte, die sich selbstsüchtigen Neigungen und Wünschen hingaben, etablierte sich ganz unbemerkt — im Grunde war alles erlaubt. Es blieb nicht aus, daß der neue Sittenkodex veränderte Umgangsformen mit sich brachte.
Der Historiker Frederick Lewis Allen meint dazu: „Eine weitere Auswirkung dieser Revolution war, daß sich die guten Manieren nicht nur geändert hatten, nein, für einige wenige Jahre galten sie sogar als unmanierlich. ... In jenem Jahrzehnt mußten Hostessen feststellen, ... daß Gäste bei der Ankunft oder Abfahrt kein nettes Wort für sie hatten; bei Tanzveranstaltungen uneingeladen irgendwo aufzutauchen wurde ein allgemein anerkannter Brauch; es war ‚in‘, zu spät zum Essen zu kommen; noch brennende Zigaretten wurden einfach weggeworfen, und die Zigarettenasche ließ man ohne Entschuldigung auf den Teppich fallen. Die alten Schranken waren gefallen, es waren keine neuen errichtet worden, und die Rüpel hatten freie Hand. Vielleicht wird das Nachkriegsjahrzehnt irgendwann einmal treffenderweise als das Jahrzehnt des schlechten Benehmens bekannt sein. ... Wenn dieses Jahrzehnt sich durch schlechte Manieren auszeichnete, so war es auch ein unglückliches Jahrzehnt. Zusammen mit der alten Gesellschaftsordnung hatten sich Wertvorstellungen verabschiedet, die das Leben bereichert und ihm einen Sinn gegeben hatten; ein Ersatz dafür ließ sich nicht so einfach finden.“
Neue Werte, die dem Leben wieder einen Sinn verliehen und es bereichert hätten, wurden nie gefunden. Es wurde auch nicht danach gesucht. Der aufregende Alles-ist-erlaubt-Lebensstil der wilden zwanziger Jahre löste die Menschen aus moralischen Zwängen, was ihnen gerade recht kam. Nicht, daß sie die Moral völlig fallengelassen hätten — sie „revidierten“ sie lediglich, lockerten sie ein wenig. Im Laufe der Zeit wurde dieser Lebensstil in „neue Moral“ umbenannt. Das Motto lautet: Jeder tue das, was in seinen eigenen Augen richtig ist. Diese Menschen halten sich für die Nummer eins, sie tun, was ihnen Spaß macht, gehen ihren eigenen Weg.
Zumindest denken sie das. Doch der weise König Salomo sagte bereits vor dreitausend Jahren: „Es [gibt] nichts Neues unter der Sonne“ (Prediger 1:9). Sogar schon zur Zeit der Richter wurde den Israeliten bei der Wahl, dem göttlichen Gesetz zu gehorchen oder nicht, beträchtliche Entscheidungsfreiheit gelassen: „In jenen Tagen gab es keinen König in Israel. Jeder war es gewohnt zu tun, was in seinen eigenen Augen recht war“ (Richter 21:25). Die Mehrheit wollte dem Gesetz jedoch keine Beachtung schenken. Diese Handlungsweise hatte für das Volk Israel in späteren Jahrhunderten katastrophale Folgen. Ähnlich verhält es sich auch heute: Die Nationen haben in all den Jahrhunderten nichts als Schmerz und Leid geerntet — und das Schlimmste kommt erst noch.
Es gibt einen Ausdruck, der die neue Moral noch genauer beschreibt — „Relativismus“. Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary definiert ihn wie folgt: „Anschauung, nach der ethische Grundsätze von dem einzelnen oder von der Gruppe abhängen, der beziehungsweise die sie vertritt“. Kurz gesagt, die Anhänger des Relativismus behaupten, das, was für sie gut sei, sei auch moralisch einwandfrei. Ein Schreiber gab eine ausführliche Erläuterung über den Relativismus, indem er sagte: „Der Relativismus, der lange Zeit im verborgenen schlummerte, gab sich schließlich als die vorherrschende Philosophie des ‚Jahrzehnts des Ich‘ — die 70er Jahre — zu erkennen; und noch heute, in den 80er Jahren, beherrscht er die Yuppieszene. Wenn wir vielleicht auch nach wie vor ein Lippenbekenntnis zu den traditionellen Werten ablegen, so halten wir doch in der Praxis das für richtig, was wir für uns als gut empfinden.“
Das betrifft auch das Benehmen. „Wenn es mir gefällt, tu’ ich es; wenn nicht, lass’ ich es. Das ist nichts für mich, selbst wenn du es anständiger finden würdest. Es würde meinen radikalen Individualismus kaputtmachen, mich schwach aussehen lassen, mich zum Versager stempeln.“ Diese Einstellung bezieht sich anscheinend nicht nur auf Unhöflichkeiten, sondern auch auf kleine, alltägliche Freundlichkeiten wie „Bitte! “, „Es tut mir leid! “, „Verzeihung! “, „Danke schön! “, „Komm, ich öffne dir die Tür! “, „Nimm meinen Platz! “, „Ich nehm’ dir das Paket ab! “ Diese und andere Äußerungen sind wie Schmiermittel, die ein reibungsloses Miteinander ermöglichen. „Wenn ich andere höflich behandeln würde, würde das meinem Ruf, Nummer eins zu sein, schaden, und mein Image wäre angeschlagen“, würde der Egoist hier einwenden.
In einem Bericht schreibt der Soziologe James Q. Wilson die Zunahme an Spannungen und an kriminellen Handlungen dem Zusammenbruch dessen zu, was heute „spöttisch ‚Spießbürgerlichkeit‘ genannt wird“, und er fährt fort: „Der Untergang dieser Werte sowie die Ausbreitung des ethischen Relativismus scheinen in einer Wechselbeziehung mit der steigenden Kriminalität zu stehen.“ Sicherlich steht der Untergang der Werte mit dem modernen Trend in Wechselbeziehung, jegliche Einschränkung der Selbstdarstellung abzulehnen, ganz gleich, wie ungehobelt und beleidigend diese auch sein mag. Jared Taylor, ebenfalls Soziologe, meint dazu: „Unsere Gesellschaft ist langsam, aber stetig von der Selbstbeherrschung zur Selbstdarstellung übergegangen, und viele Leute tun altmodische Wertmaßstäbe als repressiv ab.“
Ein Verfechter des Relativismus beurteilt sein Verhalten selbst, er gibt nichts auf das Urteil anderer, auch nicht auf das Urteil Gottes. Er entscheidet für sich selbst, was richtig und was falsch ist, genauso wie das erste Menschenpaar in Eden, das Gottes Gebot außer acht ließ und selbst beurteilte, was richtig und was falsch war. Die Schlange verleitete Eva zu dem Gedanken, daß folgendes geschehen würde, wenn sie Gott ungehorsam werden und von der verbotenen Frucht essen würde: „Euch [werden] ganz bestimmt die Augen geöffnet werden, und ihr werdet ganz bestimmt sein wie Gott, erkennend Gut und Böse.“ Eva aß von der Frucht und gab auch Adam davon zu essen (1. Mose 3:5, 6). Die Entscheidung, von der Frucht zu essen, hatte für Adam und Eva und für ihre Nachkommenschaft verheerende Auswirkungen.
Nachdem ein Beobachter in seiner Rede vor der Harvard Business School ausgiebig über Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten, Sportlern und Wissenschaftlern gesprochen und einen korrupten Geistlichen sowie einen korrupten Nobelpreisträger erwähnt hatte, sagte er: „Mir scheint, unser Land macht gerade das durch, was ich eine Persönlichkeitskrise nennen möchte; es erfährt den Verlust dessen, was in der gesamten westlichen Zivilisation von jeher für jene inneren Widerstände und Tugenden gehalten wurde, die uns davor schützen, unseren niederen Instinkten allzusehr entgegenzukommen.“ Er sprach von „Wörtern, die in dieser Umgebung ausgesprochen seltsam klingen, Wörter wie Tapferkeit, Ehre, Pflicht, Verantwortung, Mitgefühl, Höflichkeit — Wörter, die fast außer Gebrauch gekommen sind“.
In den 60er Jahren sorgten gewisse Kernfragen in den Universitäten für Zündstoff. Viele behaupteten, es gebe keinen Gott, Gott sei tot, es existiere keine höhere Macht, es gebe auch keinen höheren Daseinszweck, das Leben sei völlig sinnlos und der Nichtigkeit des Lebens ließe sich nur durch einen heroischen Individualismus begegnen. Die Blumenkinder ließen sich entsprechend beeinflussen und versuchten, die Leere in ihrem Leben durch das Schnupfen von Kokain oder das Rauchen von Marihuana zu überwinden, durch freie Liebe und die Suche nach Seelenfrieden. Den fanden sie allerdings nicht.
Dann waren da noch die Protestbewegungen der 60er Jahre. Es handelte sich um mehr als nur um eine vorübergehende Erscheinung, sie wurden vom Hauptstrom der amerikanischen Kultur willkommen geheißen und führten in das „Jahrzehnt des Egoismus“, in die 70er Jahre. Der Sozialkritiker Tom Wolfe nannte jenes Jahrzehnt „das Jahrzehnt des Ich“. Es leitete in die 80er Jahre über, von einigen zynisch „das goldene Zeitalter der Habgier“ genannt.
Was hat all das aber mit den Umgangsformen zu tun? Nun, wenn man sich selbst zu wichtig nimmt, fällt es schwer, anderen den Vortritt zu lassen, ihnen den Vorrang zu geben und sie höflich zu behandeln. Wer sich selbst zu wichtig nimmt, läuft tatsächlich Gefahr, sich einer Art Selbstvergötterung hinzugeben, einer Anbetung des eigenen Ego. Wie wird eine solche Person in der Bibel bezeichnet? Als „Habgieriger — das heißt ein Götzendiener“, der Habsucht an den Tag legt, „die Götzendienst ist“ (Epheser 5:5; Kolosser 3:5). Wem dienen diese Menschen in Wirklichkeit? „Ihr Gott ist ihr Bauch“ (Philipper 3:19). Der schmutzige, alternative Lebensstil, den sich viele Menschen erwählt haben und den sie als „moralisch einwandfrei“ betrachten, sowie die schrecklichen, todbringenden Folgen dieses Lebensstils beweisen die Wahrhaftigkeit der Worte aus Jeremia 10:23: „Ich weiß wohl, o Jehova, daß nicht beim Erdenmenschen sein Weg steht. Es steht nicht bei dem Mann, der da wandelt, auch nur seinen Schritt zu richten.“
Die Bibel hat dies alles als ein Erkennungsmerkmal der „letzten Tage“ vorausgesagt, wie es in 2. Timotheus 3:1-5 gemäß der Guten Nachricht heißt: „Denk daran: Wenn das Ende dieser Welt vor der Tür steht, wird es schwere Zeiten geben. Dann werden die Menschen selbstsüchtig, geldgierig, prahlerisch und eingebildet sein. Sie werden ihre Mitmenschen beleidigen, ihren Eltern nicht gehorchen und vor nichts mehr Ehrfurcht haben. Sie sind undankbar, lieblos und unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht und gewalttätig, sie hassen das Gute, sind untreu und unzuverlässig und aufgeblasen vor Überheblichkeit. Sie kümmern sich nicht um das, was Gott Freude macht, sondern suchen nur, was ihre eigene Lust vermehrt. Sie geben sich zwar einen frommen Anschein, aber die Kraft wirklicher Frömmigkeit kennen sie nicht. Halte dich von diesen Menschen fern!“
Wir sind im Bilde Gottes erschaffen, doch von diesem Ideal haben wir uns weit entfernt. Liebe, Weisheit, Gerechtigkeit und Macht — diese Eigenschaften sind zwar noch unterschwellig in uns vorhanden, doch sie stehen nicht mehr in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Was wir zunächst tun müssen, um uns zu bessern, verrät der letzte Satz des oben zitierten Bibeltextes: „Halte dich von diesen Menschen fern! “ Suchen wir uns ein neues Umfeld, das sogar zur Wandlung unserer innersten Gefühle beiträgt. Sehr hilfreich in dieser Hinsicht sind die weisen Worte von Dorothy Thompson, die sie vor Jahren für die Zeitschrift The Ladies’ Home Journal schrieb. Sie begann mit der Feststellung, daß es, um die Jugendkriminalität zu bekämpfen, nötiger sei, die Emotionen eines Kindes zu formen, statt seinen Verstand, und sagte:
„Wie jemand als Kind handelt und welche Ansichten er als Kind hat, entscheidet weitgehend über seine Handlungen und Ansichten als Erwachsener. Jedoch nicht der Verstand, sondern die Gefühle bestimmen Handlungen und Ansichten. Was man einem Kind beigebracht hat, wird sich darauf auswirken, was es liebt, bewundert, anbetet, schätzt und wofür es Opfer bringt. ... Bei all diesem spielen die Umgangsformen eine wichtige Rolle, denn gute Umgangsformen sind ein Ausdruck der Rücksichtnahme auf andere, nicht mehr und nicht weniger. ... Die innersten Gefühle spiegeln sich im Benehmen wider, doch das Benehmen trägt zur Formung dieser Gefühle bei. Es fällt schwer, aggressive Gefühle zu hegen, wenn man rücksichtsvoll handelt. Gute Umgangsformen sind anfangs vielleicht nur oberflächlich, aber das bleibt selten so.“
Sie bemerkte außerdem, daß mit wenigen Ausnahmen sowohl Güte als auch Schlechtigkeit „nicht vom Verstand, sondern von den Gefühlen abhängig sind“ und daß „Verbrecher nicht durch Arterienverkalkung zu Verbrechern werden, sondern durch Herzensverhärtung“. Sie hob hervor, daß die Gefühle unser Benehmen öfter lenken als der Verstand und daß die durch Schulung anerzogene Handlungsweise — auch wenn sie uns zuerst „aufgezwungen“ wurde — unser inneres Empfinden beeinflußt und unsere Herzenseinstellung ändert.
Es ist hingegen die Bibel, die das von Gott stammende „Rezept“ enthält, das besagt, wie sich der innere Mensch ändern läßt.
In Epheser 4:22-24 lesen wir: ‘Ihr sollt die alte Persönlichkeit ablegen, die eurem früheren Wandel entspricht und die gemäß ihren trügerischen Begierden verdorben wird; ihr sollt aber erneuert werden in der Kraft, die euren Sinn antreibt, und die neue Persönlichkeit anziehen, die nach Gottes Willen in wahrer Gerechtigkeit und Loyalität geschaffen worden ist.’
Und in Kolosser 3:9, 10, 12-14 heißt es: „Streift die alte Persönlichkeit mit ihren Handlungen ab, und kleidet euch mit der neuen Persönlichkeit, die durch genaue Erkenntnis erneuert wird nach dem Bilde dessen, der sie geschaffen hat ... Kleidet euch somit als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte, mit der innigen Zuneigung des Erbarmens, mit Güte, Demut, Milde und Langmut. Fahrt fort, einander zu ertragen und einander bereitwillig zu vergeben, wenn jemand Ursache zu einer Klage gegen einen anderen hat. So, wie Jehova euch bereitwillig vergeben hat, so tut auch ihr. Außer allen diesen Dingen aber kleidet euch mit Liebe, denn sie ist ein vollkommenes Band der Einheit.“
Der Historiker Will Durant sagte einmal: „Der größte Streitpunkt in unserer Zeit lautet nicht Kommunismus kontra Individualismus, nicht Europa kontra Amerika und nicht einmal Ost kontra West; es geht vielmehr darum, ob der Mensch ohne Gott leben kann.“
Um ein erfolgreiches Leben zu führen, müssen wir Gottes Rat beachten: „Mein Sohn, mein Gesetz vergiß nicht, und meine Gebote möge dein Herz beobachten, denn Länge der Tage und Jahre des Lebens und Frieden werden dir hinzugefügt werden. Liebende Güte und Wahrhaftigkeit mögen dich nicht verlassen. Binde sie um deinen Hals. Schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, und finde so Gunst und gute Einsicht in den Augen Gottes und des Erdenmenschen. Vertraue auf Jehova mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen eigenen Verstand. Beachte ihn auf all deinen Wegen, und er selbst wird deine Pfade gerademachen“ (Sprüche 3:1-6).
Die guten Umgangsformen — wie Liebenswürdigkeit und Rücksichtnahme —, die das Leben über die Jahrhunderte gelehrt hat, sind also doch kein Ballast, und die biblischen Richtlinien zur Lebensführung sind ganz und gar nicht überholt, sondern sie werden zur ewigen Rettung der Menschheit beitragen. Ohne Jehova kann die Menschheit nicht fortbestehen, denn ‘bei Jehova ist der Quell des Lebens’ (Psalm 36:9).
[Herausgestellter Text auf Seite 11]
Unsere Handlungsweise — auch wenn sie uns zuerst „aufgezwungen“ wurde — beeinflußt unser inneres Empfinden und ändert unsere Herzenseinstellung
[Kasten auf Seite 10]
Tadellose Tischmanieren, an denen man sich ein Beispiel nehmen könnte
Zedernseidenschwänze — wunderschöne, gesittete und sehr gesellige Vögel — speisen zusammen in einem großen Busch voller reifer Beeren. Sie sitzen in einer Reihe auf einem Zweig und verspeisen eine Beere, allerdings sind sie dabei alles andere als gierig. Die Beere wandert von Schnabel zu Schnabel, hin und her, bis ein Vogel sie schließlich gnädigerweise verzehrt. Sie vergessen niemals ihre Kleinen, unermüdlich bringen sie ihnen eine Beere nach der anderen, bis endlich alle genug haben.
[Bildnachweis]
H. Armstrong Roberts
[Bild auf Seite 8]
Einige sagen: „Die Bibel und Sittenmaßstäbe gehören auf den Müll!“
[Bild auf Seite 9]
„Gott ist tot!“
„Das Leben hat keinen Sinn!“
„Rauche Hasch, schnupfe Kokain!“
[Bildnachweis auf Seite 7]
Links: Life; rechts: Grandville
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