Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Wachtturm
ONLINE-BIBLIOTHEK
Deutsch
  • BIBEL
  • PUBLIKATIONEN
  • ZUSAMMENKÜNFTE
  • Teil 15: 1095—1453 u.Z. — Mit gezücktem Schwert
    Erwachet! 1989 | 8. August
    • Mit gezücktem Schwert

      Im Jahre 1095 rief Papst Urban II. europäische Katholiken auf, zum buchstäblichen Schwert zu greifen. Der Islam mußte aus den heiligen Stätten des Nahen Ostens vertrieben werden, auf die die Christenheit alleinigen Anspruch erhob.

      Der Gedanke eines „gerechten“ Krieges war nicht neu. Zum Beispiel hatte man sich im Kampf gegen die Muslime in Spanien und auf Sizilien darauf berufen. Und mindestens ein Jahrzehnt vor Papst Urbans Aufruf, so schreibt Karlfried Froehlich vom Theologischen Seminar in Princeton, hatte Papst Gregor VII. „eine militia Christi für den Kampf gegen alle Feinde Gottes ins Auge gefaßt und bereits erwogen, ein Heer in den Osten zu senden“.

      Urbans Handlung war zum Teil eine Reaktion auf den Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios. Aber da sich die Beziehungen zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil der Christenheit zu verbessern schienen, zog der Papst wahrscheinlich auch die sich bietende Möglichkeit in Betracht, die zerstrittenen Schwesterkirchen wieder zu vereinen. Er berief das Konzil von Clermont ein, das den Teilnehmern an diesem „heiligen“ Unterfangen vollkommenen Ablaß versprach (Nachlaß aller Bußstrafen). Die Aufforderung fand unerwarteten Widerhall. Im Osten und im Westen lautete der Kampfruf „Deus volt“ („Gott will es“).

      Es begann eine Reihe von Feldzügen, die zum größten Teil in zwei Jahrhunderten geführt wurden. (Siehe Kasten auf Seite 24.) Zunächst hielten die Muslime die Eindringlinge für Byzantiner. Doch als sie ihre wahre Herkunft erkannten, nannten sie sie Franken — das germanische Volk, von dem Frankreich später seinen Namen erhielt. Um dem Angriff dieser europäischen „Barbaren“ zu begegnen, regte sich unter den Muslimen das Verlangen nach einem Schihad, einem heiligen Krieg oder Kampf.

      Der englische Professor Desmond Stewart schreibt: „Für jeden Gelehrten oder Kaufmann, der den Samen der islamischen Zivilisation durch Lehre und Beispiel pflanzte, gab es einen Soldaten, für den der Islam ein Aufruf zur Schlacht war.“ In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts hatte der muslimische Führer Nureddin durch die Vereinigung der Muslime in Nordsyrien und Obermesopotamien ein starkes Heer aufgebaut. „Ebenso, wie die Christen des Mittelalters zu den Waffen griffen, um die Religion Christi voranzubringen“, fährt Stewart fort, „so griffen die Moslems zu den Waffen, um die Religion des Propheten voranzubringen.“

      Natürlich war die Religion nicht immer die treibende Kraft. In dem Buch The Birth of Europe heißt es, daß die Kreuzzüge vielen Europäern „die unwiderstehliche Möglichkeit eröffneten, Ruhm zu erlangen, Beute zu machen, neue Besitztümer zu erhalten, ganze Länder zu regieren — oder als ruhmreiche Abenteurer einem eintönigen Leben zu entfliehen“. Italienische Kaufleute erkannten auch die Gelegenheit, im östlichen Mittelmeerraum Handelsstützpunkte aufzubauen. Doch ungeachtet ihres Beweggrundes waren anscheinend alle bereit, für ihre Religion zu sterben — sei es in einem „gerechten“ Krieg der Christenheit oder in einem muslimischen Schihad.

      Das Schwert bringt unerwartete Ergebnisse

      „Obwohl die Kreuzzüge den Muslimen im Osten galten“, schreibt die Encyclopedia of Religion, „richteten die Kreuzfahrer ihren Eifer gegen die Juden, die in den Gebieten lebten, aus denen die Kreuzfahrer herangezogen worden waren, das heißt gegen die Juden in Europa. Ein gern genannter Beweggrund der Kreuzfahrer war, den Tod Jesu zu rächen, und so wurden die Juden die ersten Opfer. Juden wurden 1096 in Rouen verfolgt, worauf bald Massaker in Worms, Mainz und Köln folgten.“ Dies waren sozusagen Vorboten des antisemitischen Geistes der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland.

      Durch die Kreuzzüge verstärkten sich auch die Ost-West-Spannungen, die seit 1054 zugenommen hatten, als der Patriarch Michael Kerullarios im Osten und Kardinal Humbert im Westen sich gegenseitig exkommunizierten. Dadurch, daß die Kreuzfahrer in den eroberten Städten die griechischen Geistlichen durch lateinische Bischöfe ersetzten, wirkte sich das Ost-West-Schisma auf das einfache Volk aus.

      Der Bruch zwischen den beiden Kirchen wurde während des 4. Kreuzzuges endgültig, als gemäß Herbert Waddams, ehemals anglikanischer Kanonikus von Canterbury, Papst Innozenz III. „ein Doppelspiel“ trieb. Einerseits war der Papst entrüstet über die Plünderung Konstantinopels. (Siehe Kasten auf Seite 24.) Er schrieb: „Wie kann von der Kirche der Griechen erwartet werden, zur Treue gegenüber dem Apostolischen Stuhl zurückzukehren, wenn sie gesehen hat, wie die Lateinischen ein schlechtes Beispiel geben und Teufelswerk vollbringen, so daß sie den Griechen bereits verhaßter sind als Hunde, und das mit gutem Grund.“ Andererseits verschaffte er sich aus der Lage rasch einen Vorteil, indem er im Osten ein lateinisches Königreich unter einem westlichen Patriarchen errichtete.

      Nach zwei Jahrhunderten fast ununterbrochenen Kampfes war das Byzantinische Reich so sehr geschwächt, daß es dem Ansturm der osmanischen Türken nicht gewachsen war, die am 29. Mai 1453 schließlich Konstantinopel eroberten. Das Reich war nicht nur durch das islamische Schwert niedergeschlagen worden, sondern auch durch das Schwert seiner Schwesterkirche in Rom. Die geteilte Christenheit erleichterte dem Islam das Vordringen in Europa.

      Das Schwert der Politik und der Verfolgung

      Die Kreuzzüge stärkten die religiöse und politische Machtstellung des Papsttums. Sie „verliehen den Päpsten einen starken Arm in der europäischen Diplomatie“, schreibt der Historiker John H. Mundy. Bald „war die Kirche die größte Regierungsmacht Europas ..., [imstande,] mehr politische Macht auszuüben als irgendeine der westlichen Regierungen“.

  • Teil 15: 1095—1453 u.Z. — Mit gezücktem Schwert
    Erwachet! 1989 | 8. August
    • Zeugten die Kreuzzüge von der vortrefflichen Kriegführung, zu der Christen aufgefordert werden? (2. Korinther 10:3, 4; 1. Timotheus 1:18).

      Der 1. Kreuzzug (1096—99) führte zur Rückeroberung Jerusalems und zur Errichtung von vier lateinischen Staaten im Osten: das Königreich Jerusalem, die Grafschaft Edessa, das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis. Ein von dem Historiker H. G. Wells zitiertes Werk sagt über die Einnahme Jerusalems: „Das Gemetzel war schrecklich; das Blut der Besiegten floß die Straßen hinunter und spritzte, wenn Männer hindurchritten. Bei Einbruch der Nacht kamen die Kreuzfahrer ‚im Freudentaumel‘ vom Treten der Weinkelter zum Heiligen Grab und falteten die blutbefleckten Hände zum Gebet.“

      Der 2. Kreuzzug (1147—49) wurde durch den Verlust der Grafschaft Edessa an syrische Muslime im Jahre 1144 ausgelöst; er endete, als die Muslime die „Ungläubigen“ der Christenheit erfolgreich abwehrten.

      Der 3. Kreuzzug (1189—92), der auf die Rückeroberung Jerusalems durch die Muslime folgte, wurde unter anderem von Richard I. Löwenherz von England angeführt. Der Kreuzzug löste sich gemäß der Encyclopedia of Religion zufolge von „Zermürbung, Zwist und mangelnder Zusammenarbeit“ bald auf.

      Der 4. Kreuzzug (1202—4) richtete sich wegen mangelnder Geldmittel auf Konstantinopel statt auf Ägypten; man versprach finanziellen Beistand als Gegenleistung für die Hilfe, den im Exil lebenden byzantinischen Thronanwärter Alexios an die Macht zu bringen. „Die [darauf folgende] Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer hat der orthodoxe Osten nie vergessen oder vergeben“, heißt es in der Encyclopedia of Religion. „Wollte man einen bestimmten Zeitpunkt für die deutliche Kundwerdung des Schismas angeben, so wäre — jedenfalls vom psychologischen Standpunkt aus gesehen — 1204 das passendste Jahr.“

      Der Kinderkreuzzug (1212) brachte Tausenden von deutschen und französischen Kindern den Tod, ehe sie überhaupt ihr Ziel erreichten.

      Der 5. Kreuzzug (1217—21), der letzte unter päpstlicher Gewalt, schlug wegen schwacher Führung und Einmischung der Geistlichkeit fehl.

      Der 6. Kreuzzug (1228/29) wurde von dem Staufenkaiser Friedrich II. angeführt, den Papst Gregor IX. zuvor mit dem Kirchenbann belegt hatte.

      Der 7. und der 8. Kreuzzug (1248—54 und 1270—72), die Ludwig IX. von Frankreich unternahm, scheiterten nach seinem Tod in Nordafrika.

Deutsche Publikationen (1950-2025)
Abmelden
Anmelden
  • Deutsch
  • Teilen
  • Einstellungen
  • Copyright © 2025 Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania
  • Nutzungsbedingungen
  • Datenschutzerklärung
  • Datenschutzeinstellungen
  • JW.ORG
  • Anmelden
Teilen