Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Wachtturm
ONLINE-BIBLIOTHEK
Deutsch
  • BIBEL
  • PUBLIKATIONEN
  • ZUSAMMENKÜNFTE
  • Demut beim letzten Passah
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 113

      Demut beim letzten Passah

      PETRUS und Johannes sind auf Anweisung Jesu nach Jerusalem vorausgegangen, um Vorbereitungen für das Passah zu treffen. Jesus kommt — offensichtlich mit den zehn anderen Aposteln — am späten Nachmittag dort an. Die Sonne beginnt bereits am Horizont zu sinken, als er und seine Begleiter den Ölberg hinuntergehen. Zum letztenmal vor seiner Auferstehung bietet sich Jesus von diesem Berg aus der Anblick der Stadt bei Tageslicht.

      Bald sind Jesus und seine Begleiter in der Stadt, und sie begeben sich zu dem Haus, in dem sie das Passah feiern werden. Sie steigen die Treppen zu dem großen Obergemach hinauf, wo alle Vorbereitungen für ihre private Passahfeier getroffen wurden. Jesus hat dieser Gelegenheit erwartungsvoll entgegengesehen, denn er sagt: „Ich habe sehnlich begehrt, dieses Passah mit euch zu essen, bevor ich leide.“

      Gemäß der Tradition werden von den Teilnehmern des Passahs vier Becher Wein getrunken. Wahrscheinlich nach Empfang des dritten Bechers sagt Jesus Dank und spricht: „Nehmt diesen, und reicht ihn unter euch von einem zum anderen; denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht wieder von dem Erzeugnis des Weinstocks trinken, bis das Königreich Gottes gekommen ist.“

      Irgendwann im Verlauf des Mahls erhebt sich Jesus, legt seine äußeren Kleider ab, nimmt ein Tuch und füllt ein Becken mit Wasser. Gewöhnlich würde ein Gastgeber dafür sorgen, daß seinen Gästen die Füße gewaschen werden. Doch da bei dieser Gelegenheit kein Gastgeber anwesend ist, verrichtet Jesus diesen persönlichen Dienst. Jeder der Apostel hätte die Gelegenheit ergreifen können, das zu tun, aber alle haben es unterlassen, möglicherweise weil unter ihnen immer noch eine gewisse Rivalität besteht. Sie sind verlegen, als Jesus beginnt, ihnen die Füße zu waschen.

      Als Jesus zu Petrus kommt, protestiert dieser: „Du wirst mir bestimmt niemals die Füße waschen!“

      „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Teil mit mir“, sagt Jesus.

      Darauf erwidert Petrus: „Herr, nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und den Kopf.“

      „Wer gebadet ist“, antwortet Jesus, „braucht weiter nichts mehr, als sich die Füße zu waschen, sondern ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.“ Er sagt dies, weil er weiß, daß Judas Iskariot ihn verraten will.

      Nachdem Jesus den Zwölfen — auch Judas, seinem Verräter — die Füße gewaschen hat, zieht er seine äußeren Kleider an und legt sich wieder zu Tisch. Dann fragt er: „Wißt ihr, was ich euch getan habe? Ihr redet mich mit ‚Lehrer‘ und ‚Herr‘ an, und ihr sagt es mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich euch, obwohl Herr und Lehrer, die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr verpflichtet, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit so, wie ich euch getan habe, auch ihr tun sollt. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr, noch ist ein Abgesandter größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr diese Dinge wißt, glücklich seid ihr, wenn ihr sie tut.“

      Welch eine wunderbare Lektion in demütigem Dienen! Die Apostel sollten nicht danach trachten, den ersten Platz einzunehmen, und nicht denken, sie seien so wichtig, daß andere sie stets bedienen müßten. Für sie gilt das Beispiel, das Jesus gab, denn hier ging es nicht um eine rituelle Fußwaschung, sondern um die Bereitschaft zu dienen, ohne Parteilichkeit zu bekunden, ungeachtet wie niedrig oder unangenehm die Aufgabe sein mag. Matthäus 26:20, 21; Markus 14:17, 18; Lukas 22:14-18; 7:44; Johannes 13:1-17.

      ▪ Was ist das Besondere an dem Anblick, den Jerusalem bietet, als Jesus in die Stadt kommt, um das Passah zu feiern?

      ▪ Welchen Becher reicht Jesus offensichtlich den 12 Aposteln, nachdem er Dank gesagt hat?

      ▪ Welcher persönliche Dienst wird zur Zeit Jesu gewöhnlich Gästen erwiesen, aber warum ist dies bei Jesus und den Aposteln anläßlich der Passahfeier unterblieben?

      ▪ Welchen Zweck verfolgt Jesus damit, daß er den niedrigen Dienst verrichtet, seinen Aposteln die Füße zu waschen?

  • Das Abendmahl
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 114

      Das Abendmahl

      NACHDEM Jesus seinen Aposteln die Füße gewaschen hat, zitiert er Psalm 41:9 mit den Worten: „Der sich stets von meinem Brot ernährte, hat seine Ferse gegen mich erhoben.“ Danach wird er im Geist beunruhigt, und er erklärt: „Einer von euch wird mich verraten.“

      Die Apostel werden sehr betrübt, und einer nach dem anderen sagt zu Jesus: „Ich bin es doch nicht etwa?“ Selbst Judas Iskariot schließt sich dieser Frage an. Johannes, der direkt neben Jesus am Tisch liegt, lehnt sich an die Brust Jesu zurück und fragt: „Herr, wer ist es?“

      „Einer von den Zwölfen ist es, der mit mir in die gemeinsame Schüssel eintaucht“, antwortet Jesus. „Allerdings geht der Menschensohn weg, so wie über ihn geschrieben steht, wehe aber jenem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre besser für diesen Menschen, wenn er nicht geboren worden wäre.“ Daraufhin fährt Satan wieder in Judas, wobei er es sich zunutze macht, daß dessen Herz böse geworden ist und sich ihm geöffnet hat. Später in dieser Nacht nennt Jesus Judas daher passenderweise den „Sohn der Vernichtung“.

      Doch jetzt sagt Jesus zu Judas: „Was du tust, tu schneller.“ Keiner der anderen Apostel versteht, was Jesu Worte bedeuten. Einige meinen, weil Judas die Kasse führe, habe Jesus zu ihm sagen wollen: „Kaufe, was wir für das Fest benötigen“ oder daß er gehen und den Armen etwas geben solle.

      Nachdem Judas gegangen ist, führt Jesus in Gegenwart seiner treuen Apostel eine völlig neue Gedenkfeier ein. Er nimmt ein Brot, spricht ein Dankgebet, bricht das Brot und gibt es ihnen mit den Worten: „Nehmt, eßt!“ Dann erklärt er: „Dies bedeutet meinen Leib, der zu euren Gunsten gegeben wird. Tut dies immer wieder zur Erinnerung an mich.“

      Als jeder von dem Brot gegessen hat, nimmt Jesus einen Becher mit Wein, offensichtlich den vierten beim Passahfest verwendeten Becher. Wieder spricht er ein Dankgebet. Er reicht ihnen den Becher, fordert sie auf zu trinken und erklärt: „Dieser Becher bedeutet den neuen Bund kraft meines Blutes, das zu euren Gunsten vergossen werden wird.“

      Bei der Feier handelt es sich also in Wirklichkeit um ein Gedenken an Jesu Tod. Jedes Jahr soll sie am 14. Nisan, wie Jesus sagt, in Erinnerung an ihn wiederholt werden. Sie wird diejenigen, die sie begehen, an das erinnern, was Jesus und sein himmlischer Vater getan haben, damit die Menschen von der Verurteilung zum Tod befreit werden können. Für die Juden, die Christi Nachfolger werden, wird diese Feier das Passah ersetzen.

      Der alte Bund oder Gesetzesbund wird durch den neuen Bund ersetzt, der durch Jesu vergossenes Blut in Kraft tritt und dessen Mittler Jesus Christus ist. Die zwei Parteien dieses Bundes sind auf der einen Seite Jehova Gott und auf der anderen 144 000 geistgezeugte Christen. Der Bund sorgt nicht nur für die Vergebung von Sünden, sondern ermöglicht auch die Bildung einer himmlischen Nation von König-Priestern. Matthäus 26:21-29; Markus 14:18-25; Lukas 22:19-23; Johannes 13:18-30; 17:12; 1. Korinther 5:7.

      ▪ Welche biblische Prophezeiung bezüglich eines Gefährten zitiert Jesus, und wie wendet er sie an?

      ▪ Warum werden die Apostel sehr betrübt, und was fragen sie alle?

      ▪ Wozu fordert Jesus Judas auf? Doch wie deuten die anderen Apostel die Aufforderung?

      ▪ Welche Feier führt Jesus ein, nachdem Judas gegangen ist? Welchem Zweck dient sie?

      ▪ Welche Parteien gibt es in dem neuen Bund, und was wird durch den Bund erreicht?

  • Ein Wortstreit bricht aus
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 115

      Ein Wortstreit bricht aus

      IM Verlauf des Abends hat Jesus seinen Aposteln eine wunderbare Lektion in demütigem Dienen erteilt, indem er ihnen die Füße wusch. Anschließend führte er die Gedenkfeier an seinen unmittelbar bevorstehenden Tod ein. Doch nun kommt es zu einem überraschenden Zwischenfall, überraschend vor allem angesichts dessen, was sich kurz zuvor abgespielt hat. Unter seinen Aposteln bricht ein hitziger Wortstreit aus, wer von ihnen der Größte zu sein scheint. Offensichtlich handelt es sich dabei um die Fortführung einer seit längerer Zeit schwelenden Auseinandersetzung.

      Wir erinnern uns, daß sich die Apostel, nachdem Jesus auf dem Berg umgestaltet worden war, bereits darüber gestritten hatten, wer von ihnen der Größte sei. Und Jakobus und Johannes erbaten sich prominente Stellungen im Königreich, was zu weiterer Zwietracht unter den Aposteln führte. Wie traurig muß Jesus sein, daß sie sich wieder zanken, besonders jetzt, in seiner letzten Nacht mit ihnen. Was tut er?

      Statt die Apostel wegen ihres Verhaltens zu schelten, versucht Jesus erneut voller Geduld, sie durch Argumente zu überzeugen: „Die Könige der Nationen spielen sich als Herren über sie auf, und die, die Gewalt über sie haben, werden Wohltäter genannt. Ihr aber sollt nicht so sein ... Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Ist es nicht der zu Tisch Liegende?“ Er erinnert sie dann an sein Beispiel: „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.“

      Die Apostel haben trotz ihrer Unvollkommenheiten mit Jesus in seinen Prüfungen durchgehalten. Daher sagt er: „Ich mache einen Bund mit euch, so wie mein Vater einen Bund mit mir gemacht hat, für ein Königreich.“ Dieser persönliche Bund zwischen Jesus und seinen loyalen Nachfolgern bindet sie an ihn und gewährt ihnen einen Anteil an seiner königlichen Herrschaft. Nur eine begrenzte Zahl von 144 000 Menschen wird letztlich in diesen Bund für ein Königreich aufgenommen.

      Obwohl die Apostel die wunderbare Aussicht haben, an Christi Königreichsherrschaft beteiligt zu sein, sind sie gegenwärtig geistig schwach. „Ihr alle werdet in dieser Nacht meinetwegen zum Straucheln gebracht werden“, sagt Jesus. Jedoch gibt er Petrus zu verstehen, daß er für ihn gebetet hat, und fordert ihn auf: „Bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder.“

      „Kindlein“, fährt Jesus fort, „noch eine kleine Weile bin ich bei euch. Ihr werdet mich suchen; und so, wie ich zu den Juden gesagt habe: ‚Wohin ich gehe, könnt ihr nicht hinkommen‘, sage ich jetzt auch zu euch. Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe, daß auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe unter euch habt.“

      „Herr, wohin gehst du?“ fragt Petrus.

      „Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen“, erwidert Jesus, „du wirst aber später folgen.“

      „Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen?“ möchte Petrus wissen. „Ich will meine Seele zu deinen Gunsten hingeben.“

      „Deine Seele willst du zu meinen Gunsten hingeben?“ fragt Jesus. „Wahrlich, ich sage dir: Selbst du wirst mich heute, ja diese Nacht, bevor ein Hahn zweimal kräht, dreimal verleugnen.“

      „Selbst wenn ich mit dir sterben müßte, will ich dich auf keinen Fall verleugnen“, protestiert Petrus. Und während die anderen Apostel dasselbe sagen, prahlt Petrus: „Wenn auch alle anderen deinetwegen zum Straucheln kommen, werde ich niemals zum Straucheln gebracht werden!“

      Jesus bezieht sich nun auf die Zeit, als er die Apostel ohne Geldbeutel und ohne Speisetasche auf eine Predigtreise durch Galiläa aussandte, und fragt: „Ihr [hattet] doch nicht an etwas Mangel?“

      „Nein!“ antworten sie.

      „Jetzt aber nehme der, der einen Geldbeutel hat, ihn an sich, ebenso auch eine Speisetasche“, sagt er, „und wer kein Schwert hat, verkaufe sein äußeres Kleid und kaufe eins. Denn ich sage euch, daß das, was geschrieben steht, an mir vollendet werden muß, nämlich: ‚Und er wurde unter die Gesetzlosen gerechnet.‘ Denn das, was mich betrifft, hat eine Vollendung.“

      Jesus weist hier darauf hin, daß er zusammen mit Übeltätern oder Gesetzlosen an den Pfahl gebracht werden wird. Er deutet auch an, daß seine Nachfolger danach heftiger Verfolgung ausgesetzt sein werden. „Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter“, sagen sie.

      „Es ist genug“, antwortet er. Wie wir noch sehen werden, wird Jesus dadurch, daß sie die Schwerter dabeihaben, eine weitere wichtige Lektion erteilen können. Matthäus 26:31-35; Markus 14:27-31; Lukas 22:24-38; Johannes 13:31-38; Offenbarung 14:1-3.

      ▪ Warum ist der Wortstreit der Apostel so überraschend?

      ▪ Wie reagiert Jesus auf den Wortstreit?

      ▪ Was wird durch den Bund bewirkt, den Jesus mit seinen Jüngern schließt?

      ▪ Welches neue Gebot gibt Jesus seinen Jüngern, und wie wichtig ist es?

      ▪ Wie bekundet Petrus ein übersteigertes Selbstvertrauen, und was sagt Jesus?

      ▪ Warum unterscheiden sich die Anweisungen Jesu über das Tragen eines Geldbeutels und einer Speisetasche von seinen früheren Anweisungen?

  • Jesus bereitet die Apostel auf seinen Weggang vor
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 116

      Jesus bereitet die Apostel auf seinen Weggang vor

      DAS Gedächtnismahl ist vorüber, aber Jesus und seine Apostel befinden sich immer noch in dem Obergemach. Obwohl Jesu Weggang kurz bevorsteht, hat er ihnen noch vieles zu sagen. „Euer Herz werde nicht beunruhigt“, tröstet er sie. „Übt Glauben aus an Gott.“ Doch er fügt hinzu: „Übt auch Glauben aus an mich.“

      „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, fährt Jesus fort. „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten ..., damit dort, wo ich bin, auch ihr seid. Und wohin ich gehe, dahin kennt ihr den Weg.“ Da die Apostel nicht verstehen, daß Jesus über den Weggang in den Himmel spricht, fragt Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie kennen wir denn den Weg?“

      „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, antwortet Jesus. Ja, nur wer ihn annimmt und seine Handlungsweise nachahmt, kann in das himmlische Haus des Vaters eintreten, denn, so sagt Jesus: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

      „Herr, zeige uns den Vater“, bittet Philippus, „und es genügt uns.“ Er wünscht offensichtlich, daß Jesus für sie eine sichtbare Offenbarung Gottes bewirkt, wie sie in alter Zeit Moses, Elia und Jesaja in Visionen gewährt wurde. Die Apostel haben allerdings etwas viel Besseres als Visionen dieser Art, wie Jesu Erwiderung erkennen läßt. „So lange Zeit bin ich bei euch gewesen, und dennoch hast du mich nicht kennengelernt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen.“

      Jesus ist ein vollkommenes Ebenbild der Persönlichkeit seines Vaters, so daß man gleichsam den Vater sieht, wenn man mit Jesus zusammen ist und ihn beobachtet. Doch der Vater steht über dem Sohn, wie Jesus anerkennt: „Die Dinge, die ich zu euch spreche, rede ich nicht aus mir selbst.“ Richtigerweise gibt Jesus alle Ehre für sein Lehren seinem himmlischen Vater.

      Wie ermunternd muß es für die Apostel sein, von Jesus jetzt folgendes zu hören: „Wer Glauben an mich ausübt, der wird auch die Werke tun, die ich tue; und er wird größere Werke als diese tun.“ Jesus meint damit nicht, daß seine Nachfolger größere Wundertaten vollbringen werden als er. Nein, sie sollen den Dienst wesentlich längere Zeit und in einem weit größeren Gebiet durchführen und viel mehr Menschen erreichen.

      Jesus wird seine Jünger nach seinem Weggang nicht im Stich lassen. „Worum immer ihr in meinem Namen bittet, das will ich tun“, verspricht er ihnen. Des weiteren versichert er: „Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Helfer geben, damit er für immer bei euch sei: den Geist der Wahrheit.“ Später, nach seiner Auffahrt in den Himmel, gießt Jesus den heiligen Geist, diesen anderen Helfer, auf seine Jünger aus.

      Jesu Weggang ist nahe, daher sagt er: „Noch eine kleine Weile, und die Welt wird mich nicht mehr sehen.“ Als Geistgeschöpf wird Jesus für Menschen unsichtbar sein. Doch erneut verspricht er seinen treuen Aposteln: „Ihr aber werdet mich sehen, weil ich lebe und ihr leben werdet.“ Ja, Jesus wird ihnen nach seiner Auferstehung nicht nur in Menschengestalt erscheinen, sondern zur gegebenen Zeit wird er sie auferwecken, damit sie als Geistgeschöpfe mit ihm im Himmel leben.

      Nun stellt Jesus eine einfache Regel auf: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich will ihn lieben und mich ihm deutlich zeigen.“

      Daraufhin wirft der Apostel Judas, der auch Thaddäus genannt wird, ein: „Herr, was ist geschehen, daß du dich uns und nicht der Welt deutlich zeigen willst?“

      „Wenn jemand mich liebt“, erwidert Jesus, „wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben ... Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht.“ Im Gegensatz zu seinen gehorsamen Nachfolgern läßt die Welt die Lehren Jesu außer acht. Deshalb offenbart er sich ihr nicht.

      Während seines irdischen Dienstes hat Jesus seine Apostel vieles gelehrt. Wie werden sie sich an all das erinnern können, vor allem, da sie bis zu diesem Zeitpunkt so vieles noch nicht einmal begriffen haben? Zum Glück verheißt Jesus ihnen folgendes: „Der Helfer ..., der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, dieser wird euch alle Dinge lehren und euch an alle Dinge erinnern, die ich euch gesagt habe.“

      Dann gibt Jesus die trostreiche Zusicherung: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. ... Euer Herz werde nicht beunruhigt.“ Ja, Jesus muß sie verlassen, doch er erklärt: „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater hingehe, denn der Vater ist größer als ich.“

      Jesus kann nur noch kurze Zeit bei ihnen sein. „Ich werde nicht mehr viel mit euch reden“, sagt er, „denn der Herrscher der Welt kommt. Und er kann mir nicht beikommen.“ Satan, der Teufel, der in Judas fahren und diesem beikommen konnte, ist der Herrscher der Welt. Jesus weist dagegen keinerlei sündige Schwäche auf, die Satan ausnutzen könnte, um ihn davon abzubringen, Gott zu dienen.

      Sich eines vertrauten Verhältnisses erfreuen

      Im Anschluß an das Gedächtnismahl hat Jesus seine Apostel durch eine offene Aussprache ermuntert. Es ist nun möglicherweise schon nach Mitternacht. Daher drängt Jesus: „Steht auf, laßt uns von hier weggehen.“ Doch bevor sie den Ort verlassen, fühlt sich Jesus aus Liebe zu ihnen veranlaßt, noch einiges zu sagen, und er legt einen anspornenden Vergleich dar.

      „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner“, beginnt er. Jehova Gott, der große Weingärtner, pflanzte diesen symbolischen Weinstock, als er Jesus bei seiner Taufe im Herbst 29 u. Z. mit heiligem Geist salbte. Jesus zeigt jedoch mit seinen weiteren Worten, daß nicht nur er allein durch den Weinstock dargestellt wird: „Jeden Zweig an mir, der nicht Frucht trägt, nimmt er weg, und jeden, der Frucht trägt, reinigt er, damit er mehr Frucht trage. ... So, wie der Zweig nicht von sich selbst Frucht tragen kann, es sei denn, er bleibe am Weinstock, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in Gemeinschaft mit mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Zweige.“

      Zu Pfingsten, 51 Tage später, werden die Apostel und andere Jünger durch die Ausgießung des heiligen Geistes zu Zweigen des symbolischen Weinstocks, deren Zahl sich letztlich auf 144 000 belaufen soll. Zusammen mit dem Stamm, Jesus Christus, bilden sie einen sinnbildlichen Weinstock, der die Früchte des Königreiches Gottes hervorbringt.

      Jesus zeigt, welche Voraussetzung erfüllt sein muß, damit Frucht hervorgebracht werden kann: „Wer in Gemeinschaft mit mir bleibt und ich in Gemeinschaft mit ihm, der trägt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr gar nichts tun.“ Falls jemand keine Frucht hervorbringt, sagt Jesus, „wird er wie ein Zweig hinausgeworfen und verdorrt; und man sammelt diese Zweige und wirft sie ins Feuer, und sie werden verbrannt“. Andererseits verheißt Jesus: „Wenn ihr in Gemeinschaft mit mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so bittet, was immer ihr wünscht, und es wird für euch geschehen.“

      Des weiteren sagt Jesus zu seinen Aposteln: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, daß ihr fortwährend viel Frucht tragt und euch als meine Jünger erweist.“ Als Frucht erwartet Gott von den Zweigen christusähnliche Eigenschaften, vor allem Liebe. Da Christus außerdem ein Verkündiger des Königreiches Gottes war, schließt die gewünschte Frucht auch ein, daß sie wie Jesus Jünger machen.

      „Bleibt in meiner Liebe“, fordert Jesus sie nun auf. Doch wie können seine Apostel das tun? „Wenn ihr meine Gebote haltet“, sagt er, „werdet ihr in meiner Liebe bleiben.“ Des weiteren erklärt Jesus: „Dies ist mein Gebot, daß ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Niemand hat größere Liebe als die, daß einer seine Seele zugunsten seiner Freunde hingebe.“

      In wenigen Stunden wird Jesus diese alles übertreffende Liebe beweisen, indem er sein Leben zugunsten seiner Apostel und all derer hingibt, die Glauben an ihn ausüben. Sein Beispiel sollte seine Nachfolger veranlassen, untereinander dieselbe aufopfernde Liebe zu bekunden. Diese Liebe wird sie kennzeichnen, wie Jesus bereits erwähnte: „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe unter euch habt.“

      Jesu weitere Worte zeigen, wer zu seinen Freunden gehört: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn ein Sklave weiß nicht, was sein Herr tut. Ich habe euch aber Freunde genannt, weil ich euch alle Dinge, die ich von meinem Vater gehört habe, bekanntgegeben habe.“

      Welch ein kostbares Verhältnis — vertraute Freunde Jesu zu sein! Seine Nachfolger müssen allerdings ‘fortgesetzt Frucht tragen’, um dieses Verhältnis zu bewahren. Wie Jesus zeigt, wird dadurch folgendes möglich: „Was immer ihr den Vater in meinem Namen bittet, [wird] er euch gebe[n].“ Bestimmt ein großartiger Lohn dafür, Königreichsfrüchte zu tragen! Nachdem Jesus die Apostel ein weiteres Mal aufgefordert hat, ‘einander zu lieben’, erklärt er, daß die Welt sie hassen wird. Doch er tröstet sie: „Wenn die Welt euch haßt, wißt ihr, daß sie mich gehaßt hat, bevor sie euch haßte.“ Jesus zeigt dann, warum die Welt seine Nachfolger haßt: „Weil ihr ... kein Teil der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, deswegen haßt euch die Welt.“

      Er erklärt den Grund für den Haß der Welt noch eingehender: „Alle diese Dinge ... werden sie euch um meines Namens willen antun, weil sie den [Jehova Gott] nicht kennen, der mich gesandt hat.“ Jesus macht deutlich, daß diejenigen, die ihn hassen, durch seine Wunderwerke verurteilt werden: „Wenn ich unter ihnen nicht die Werke getan hätte, die niemand sonst getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie sowohl mich als auch meinen Vater gesehen und gehaßt.“ Dadurch hat sich, wie Jesus sagt, das Schriftwort erfüllt: „Sie haben mich ohne Ursache gehaßt.“

      Wiederum tröstet Jesus die Apostel durch das Versprechen, den Helfer, den heiligen Geist oder Gottes wirksame Kraft, zu senden. „Dieser [wird] Zeugnis von mir ablegen; und auch ihr sollt Zeugnis ablegen.“

      Weitere Abschiedsermahnungen

      Jesus und die Apostel sind im Begriff, das Obergemach zu verlassen. Er sagt: „Ich habe diese Dinge zu euch geredet, damit ihr nicht zum Straucheln gebracht werdet.“ Dann kündigt er ihnen mit ernsthaften Worten an: „Man wird euch aus der Synagoge ausschließen. Ja die Stunde kommt, da jeder, der euch tötet, meinen wird, er habe Gott einen heiligen Dienst erwiesen.“

      Die Apostel sind offensichtlich wegen dieser Ankündigung sehr beunruhigt. Jesus hat ihnen zwar schon früher gesagt, daß die Welt sie hassen würde, daß sie getötet würden, hat er ihnen jedoch nicht direkt enthüllt. „Ich [habe] euch [dies] zuerst nicht gesagt“, erklärt Jesus, „weil ich bei euch war.“ Doch wie gut, daß er ihnen das mitteilt, bevor er weggeht!

      „Jetzt aber“, fährt Jesus fort, „gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und doch fragt mich keiner von euch: ‚Wohin gehst du?‘ “ Am frühen Abend hatten sie sich erkundigt, wohin er gehen würde, aber jetzt sind sie so erschüttert über das, was er ihnen erzählt hat, daß sie ihn nicht weiter darüber befragen. Treffend sagt Jesus: „Weil ich aber diese Dinge zu euch geredet habe, hat Kummer euer Herz erfüllt.“ Die Apostel sind nicht nur bekümmert, weil sie erfahren haben, daß sie unter schrecklicher Verfolgung zu leiden hätten und getötet würden, sondern auch, weil ihr Herr sie verlassen würde.

      Jesus erklärt: „Es ist zu eurem Nutzen, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, wird der Helfer keinesfalls zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, will ich ihn zu euch senden.“ Als Mensch kann Jesus jeweils nur an einem Ort sein, wenn er jedoch im Himmel ist, kann er seinen Nachfolgern den Helfer, Gottes heiligen Geist, senden, wo immer sie auf der Erde sein mögen. Daß Jesus sie verläßt, ist somit zu ihrem Nutzen.

      Der heilige Geist, sagt Jesus, „wird ... der Welt überzeugende Beweise hinsichtlich Sünde und hinsichtlich Gerechtigkeit und hinsichtlich Gericht geben“. Die Sünde der Welt, ihr Versäumnis, Glauben an den Sohn Gottes auszuüben, wird aufgedeckt werden. Außerdem wird der überzeugende Beweis der Gerechtigkeit Jesu durch seine Auffahrt zum Vater erbracht. Daß Satan und seine böse Welt Jesu Lauterkeit nicht brechen konnten, ist ein überzeugender Beweis dafür, daß der Herrscher der Welt gerichtet worden ist.

      „Ich habe euch noch vieles zu sagen“, fährt Jesus fort, „aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“ Daher verheißt Jesus ihnen, daß er den heiligen Geist, Gottes wirksame Kraft, ausgießen wird und daß dieser ihnen gemäß dem, was sie begreifen können, zu einem Verständnis dieser Dinge verhelfen wird.

      Die Apostel können vor allem nicht verstehen, daß Jesus sterben wird und ihnen, nachdem er auferstanden ist, erscheinen wird. Sie fragen einander: „Was bedeutet dies, daß er zu uns sagt: ‚In einer kleinen Weile werdet ihr mich nicht schauen, und wieder in einer kleinen Weile werdet ihr mich sehen‘ und: ‚Denn ich gehe zum Vater.‘?“

      Jesus erkennt, daß sie ihn befragen wollen, und so erklärt er ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird in Freude verwandelt werden.“ Als Jesus am Nachmittag desselben Tages getötet wird, freuen sich die weltlichgesinnten religiösen Führer, die Jünger sind indes bekümmert. Doch sobald Jesus auferstanden ist, schlägt ihr Kummer in Freude um. Sie freuen sich weiterhin, als er zu Pfingsten Gottes heiligen Geist auf sie ausgießt und sie ermächtigt, seine Zeugen zu sein.

      Jesus vergleicht die Situation der Apostel mit der einer Frau, die Geburtsschmerzen hat, indem er sagt: „Eine Frau hat Kummer, wenn sie gebiert, weil ihre Stunde gekommen ist.“ Aber Jesus bemerkt, daß sie nicht mehr an die Drangsal denkt, sobald ihr Kind geboren ist, und er ermuntert seine Apostel mit den Worten: „So habt auch ihr jetzt tatsächlich Kummer; doch werde ich euch wiedersehen [wenn er auferstanden ist], und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird niemand von euch nehmen.“

      Bis zu dieser Zeit haben die Apostel niemals etwas in Jesu Namen erbeten. Jetzt sagt er jedoch: „Wenn ihr den Vater um etwas bittet, so wird er es euch in meinem Namen geben. ... Denn der Vater selbst hat Zuneigung zu euch, weil ihr Zuneigung zu mir gehabt und geglaubt habt, daß ich als Vertreter des Vaters ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und bin in die Welt gekommen. Ferner verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.“

      Jesu Worte sind für seine Apostel eine großartige Ermunterung. Sie erklären: „Deswegen glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist.“ „Glaubt ihr jetzt?“ fragt Jesus sie. „Seht! Die Stunde kommt, ja sie ist gekommen, da ihr zerstreut werdet, jeder zu seinem eigenen Haus, und ihr werdet mich allein lassen.“ Das geschieht, so unglaublich es auch klingt, noch bevor die Nacht vorüber ist!

      „Ich habe euch diese Dinge gesagt, damit ihr durch mich Frieden habt.“ Jesus sagt abschließend: „In der Welt habt ihr Drangsal, doch faßt Mut! Ich habe die Welt besiegt.“ Jesus hat die Welt besiegt, indem er trotz all dem, was Satan und seine Welt versucht haben, um seine Lauterkeit zu brechen, treu Gottes Willen getan hat.

      Das abschließende Gebet im Obergemach

      Jesus hat tiefe Liebe zu seinen Aposteln, daher bereitet er sie auf seinen baldigen Weggang vor. Nachdem er sie ausführlich ermahnt und getröstet hat, erhebt er die Augen zum Himmel und bittet seinen Vater: „Verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn dich verherrliche, so wie du ihm Gewalt über alles Fleisch gegeben hast, damit er der ganzen Anzahl derer, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe.“

      Welch ein aufrüttelndes Thema Jesus hier anschneidet — ewiges Leben! Da Jesus „Gewalt über alles Fleisch“ erhalten hat, kann er der gesamten sterblichen Menschheit den Nutzen seines Loskaufsopfers zugute kommen lassen. Er gewährt allerdings nur denjenigen „ewiges Leben“, die der Vater anerkennt. Auf dem Thema „ewiges Leben“ aufbauend, fährt Jesus in seinem Gebet fort:

      „Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus.“ Ja, Rettung hängt davon ab, daß wir Erkenntnis über Gott und seinen Sohn in uns aufnehmen. Es ist jedoch mehr erforderlich als bloßes Kopfwissen.

      Wir müssen Gott und seinen Sohn genau kennenlernen und eine innige Freundschaft zu ihnen entwickeln, über alles genauso denken wie sie und die Dinge mit ihren Augen sehen. Und vor allem müssen wir uns bemühen, im Umgang mit anderen ihre unvergleichlichen Eigenschaften nachzuahmen.

      Jesus betet weiter: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und habe das Werk vollendet, das du mir zu tun gegeben hast.“ Da er seinen Auftrag bisher erfüllt hat und zuversichtlich ist, ihn erfolgreich zu Ende zu führen, bittet er: „Vater, verherrliche mich an deiner Seite mit der Herrlichkeit, die ich an deiner Seite hatte, ehe die Welt war.“ Ja, er bittet hier darum, durch eine Auferstehung seine frühere himmlische Herrlichkeit zurückzuerhalten.

      Sein hauptsächliches Werk auf der Erde faßt Jesus wie folgt zusammen: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbar gemacht, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort gehalten.“ Jesus hat Gottes Namen, Jehova, in seinem Dienst gebraucht und gezeigt, wie man ihn richtig ausspricht, aber er hat mehr getan, als seinen Aposteln lediglich Gottes Namen offenbar zu machen. Er hat auch ihre Erkenntnis über Jehova, über seine Persönlichkeit und über seine Vorsätze erweitert, was ihre Wertschätzung vertieft hat.

      Demütig anerkennt Jesus, daß Jehova über ihm steht und er unter ihm dient, als er sagt: „Die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie empfangen und haben wirklich erkannt, daß ich als dein Vertreter ausgegangen bin, und sie haben geglaubt, daß du mich ausgesandt hast.“

      Im weiteren Verlauf seines Gebets macht Jesus einen Unterschied zwischen seinen Nachfolgern und der übrigen Menschheit: „Ich bitte sie betreffend; nicht hinsichtlich der Welt bitte ich, sondern hinsichtlich derer, die du mir gegeben hast ... Als ich bei ihnen war, pflegte ich über sie zu wachen ...; und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist vernichtet worden, ausgenommen der Sohn der Vernichtung“, nämlich Judas Iskariot. Judas ist gerade in seiner niederträchtigen Mission unterwegs, Jesus zu verraten. Auf diese Weise erfüllt Judas unwissentlich die Schriften.

      „Die Welt hat sie gehaßt“, fährt Jesus fort zu beten. „Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt wegzunehmen, sondern um dessentwillen, der böse ist, über sie zu wachen. Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin.“ Jesu Nachfolger sind in der Welt — der von Satan beherrschten organisierten menschlichen Gesellschaft —, aber sie müssen sich von ihr und ihrer Bosheit stets getrennt halten.

      „Heilige sie durch die Wahrheit“, bittet Jesus weiter, „dein Wort ist Wahrheit.“ Hier nennt Jesus die inspirierten Hebräischen Schriften, aus denen er ständig zitierte, die „Wahrheit“. Das, was er seine Jünger lehrte und was sie später unter Inspiration als die Christlichen Griechischen Schriften aufzeichneten, ist natürlich ebenfalls die „Wahrheit“. Diese Wahrheit kann einen Menschen heiligen, sein Leben völlig verändern und ihn veranlassen, sich von der Welt getrennt zu halten.

      Jesus betet jetzt „nicht nur in bezug auf diese, sondern auch in bezug auf diejenigen, die durch ihr Wort an ... [ihn] glauben“. Er bittet somit sowohl für seine gesalbten Nachfolger als auch für andere künftige Jünger, die noch in die „e i n e Herde“ eingesammelt werden. Was erbittet er für sie?

      Daß „sie alle eins seien, so wie du, Vater, in Gemeinschaft bist mit mir und ich in Gemeinschaft bin mit dir, ... damit sie eins seien, so wie wir eins sind“. Jesus und sein Vater sind nicht buchstäblich e i n e Person, aber sie sind sich in jeder Hinsicht einig. Jesus betet darum, daß unter seinen Nachfolgern dieselbe Einheit herrsche, damit „die Welt Kenntnis davon habe, daß du mich ausgesandt und daß du sie geliebt hast, so wie du mich geliebt hast“.

      Hinsichtlich seiner gesalbten Nachfolger bittet Jesus seinen himmlischen Vater, daß sie einmal bei ihm seien, „damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, weil du mich vor der Grundlegung der Welt geliebt hast“. Schon in ferner Vergangenheit, lange bevor Adam und Eva Nachkommen hatten, liebte Gott seinen einziggezeugten Sohn, der später Jesus Christus wurde.

      Am Schluß seines Gebets betont Jesus erneut: „Ich habe ihnen deinen Namen bekanntgegeben und werde ihn bekanntgeben, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in Gemeinschaft mit ihnen.“ Die Apostel haben dadurch, daß sie den Namen Gottes kennengelernt haben, auch die Liebe Gottes kennengelernt. Johannes 14:1 bis 17:26; 13:27, 35, 36; 10:16; Lukas 22:3, 4; 2. Mose 24:10; 1. Könige 19:9-13; Jesaja 6:1-5; Galater 6:16; Psalm 35:19; 69:4; Sprüche 8:22, 30.

      ▪ Wohin zu gehen, steht Jesus im Begriff, und welche Antwort erhält Thomas, was den Weg dorthin betrifft?

      ▪ Was erbittet sich Philippus offensichtlich von Jesus?

      ▪ Warum hat jemand, der Jesus sieht, auch den Vater gesehen?

      ▪ Inwiefern werden Jesu Nachfolger größere Werke verrichten als er?

      ▪ In welchem Sinne kann Satan Jesus nicht beikommen?

      ▪ Wann pflanzte Jehova den symbolischen Weinstock, und wann und wie werden andere ein Teil des Weinstocks?

      ▪ Wie viele Zweige hat der symbolische Weinstock schließlich?

      ▪ Welche Frucht erwartet Gott von den Zweigen?

      ▪ Wie können wir Freunde Jesu sein?

      ▪ Warum haßt die Welt Jesu Nachfolger?

      ▪ Welche Ankündigung Jesu beunruhigt seine Apostel?

      ▪ Warum fragen die Apostel Jesus nicht, wohin er geht?

      ▪ Was können die Apostel vor allem nicht verstehen?

      ▪ Wie veranschaulicht Jesus, daß der Kummer der Apostel in Freude umschlagen wird?

      ▪ Was werden die Apostel bald tun, wie Jesus sagt?

      ▪ Wie besiegt Jesus die Welt?

      ▪ In welchem Sinne erhält Jesus „Gewalt über alles Fleisch“?

      ▪ Was bedeutet es, Erkenntnis über Gott und seinen Sohn in sich aufzunehmen?

      ▪ Auf welche Weise macht Jesus Gottes Namen offenbar?

      ▪ Was ist die „Wahrheit“, und wie ‘heiligt’ sie einen Christen?

      ▪ Inwiefern sind Gott, sein Sohn und alle wahren Anbeter eins?

      ▪ Wann war die „Grundlegung der Welt“?

  • Sorgenvolle Erregung im Garten
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 117

      Sorgenvolle Erregung im Garten

      NACHDEM Jesus sein Gebet beendet hat, singt er mit seinen 11 treuen Aposteln Lieder zum Lobpreis Jehovas. Dann verlassen sie das Obergemach, begeben sich hinaus in die kühle, dunkle Nacht und gehen durch das Kidrontal in Richtung Bethanien. Unterwegs machen sie jedoch halt an einem beliebten Ort, dem Garten Gethsemane. Dieser liegt an oder auf dem Ölberg. Jesus hat sich dort schon des öfteren mit seinen Jüngern unter den Olivenbäumen eingefunden.

      Acht der Apostel läßt er — möglicherweise nahe dem Eingang des Gartens — zurück und weist sie an: „Setzt euch hier nieder, während ich dorthinüber gehe und bete.“ Mit den drei anderen — Petrus, Jakobus und Johannes — geht er tiefer in den Garten hinein. Jesus ist betrübt und schmerzlich beunruhigt. „Meine Seele ist tief betrübt, ja bis zum Tod“, sagt er zu diesen Aposteln. „Bleibt hier und wacht mit mir.“

      Jesus geht ein wenig weiter, wirft sich nieder und beginnt mit zu Boden gerichtetem Angesicht inbrünstig zu beten: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Becher an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Was meint er damit? Warum ist er „tief betrübt, ja bis zum Tod“? Möchte er seine Entscheidung, zu sterben, um das Lösegeld zu erbringen, rückgängig machen?

      Keineswegs. Jesus bittet nicht darum, vom Tod verschont zu bleiben. Allein der Gedanke, nicht einen Opfertod zu sterben, was ihm ja einmal von Petrus nahegelegt wurde, ist ihm zuwider. Grund für seine sorgenvolle Erregung ist vielmehr die Befürchtung, daß dadurch, wie er in kurzem sterben wird — als verachteter Verbrecher —, Schmach auf den Namen seines Vaters gebracht wird. Ihm ist nun bewußt, daß er in wenigen Stunden als ein Mensch übelster Art — als Gotteslästerer — an einen Pfahl genagelt werden wird. Das ist es, was ihn so tief betrübt.

      Nachdem Jesus längere Zeit gebetet hat, kehrt er zu den drei Aposteln zurück und findet sie schlafend. Er fragt Petrus: „Konntet ihr denn nicht auch nur e i n e Stunde mit mir wachen? Wacht und betet unablässig, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“ In Anerkennung der Belastungen, unter denen sie standen, und der späten Stunde sagt er jedoch: „Der Geist ist zwar voller Eifer, aber das Fleisch ist schwach.“

      Jesus geht dann ein zweites Mal hin und bittet Gott, „diesen Becher“ — das heißt Jehovas Willen ihn betreffend oder den Teil, den er für ihn bestimmt hat — von ihm zu entfernen. Als er zu den dreien zurückkehrt, schlafen sie wiederum, statt darum zu beten, nicht in Versuchung zu geraten. Sie vermögen Jesus auf das, was er ihnen sagt, nichts zu erwidern.

      Schließlich begibt sich Jesus ein drittes Mal etwa einen Steinwurf weit von ihnen weg, beugt seine Knie und betet unter starkem Schreien und Tränen: „Vater, wenn du willst, entferne diesen Becher von mir.“ Jesus empfindet wirklich heftige Schmerzen wegen der Schmach, die sein Tod als Verbrecher auf den Namen seines Vaters bringen wird. Als Gotteslästerer — jemand, der Gott flucht — angeklagt zu werden ist fast unerträglich für ihn.

      Dennoch fährt Jesus fort zu beten: „Nicht, was ich will, sondern was du willst.“ Jesus unterwirft seinen Willen gehorsam dem Willen Gottes. Daraufhin erscheint ein Engel vom Himmel und stärkt ihn mit einigen ermunternden Worten. Wahrscheinlich versichert er Jesus, daß er die volle Anerkennung seines Vaters hat.

      Doch welch eine Last auf Jesu Schultern ruht! Sein eigenes ewiges Leben und das der gesamten Menschheitsfamilie steht auf dem Spiel. Die emotionale Belastung ist enorm. Daher fährt Jesus fort, noch inbrünstiger zu beten, und sein Schweiß wird wie Blutstropfen, die zur Erde fallen. „Es ist zwar ein sehr seltenes Phänomen“, hieß es in der Zeitschrift The Journal of the American Medical Association, „aber blutiger Schweiß ... kann in extremen emotionellen Streßsituationen auftreten.“

      Ein drittes Mal kehrt Jesus zu seinen Aposteln zurück, und wiederum schlafen sie. Sie sind allein schon durch die Trauer erschöpft. „Zu einer solchen Zeit, wie diese es ist, schlaft ihr und ruht euch aus!“ tadelt er sie. „Es ist genug! Die Stunde ist gekommen! Seht! Der Menschensohn wird in die Hände von Sündern verraten. Steht auf, laßt uns gehen! Seht! Mein Verräter hat sich genähert.“

      Während er noch redet, nähert sich Judas Iskariot in Begleitung einer großen Volksmenge mit Fackeln, Lampen und Waffen. Matthäus 26:30, 36-47; 16:21-23; Markus 14:26, 32-43; Lukas 22:39-47; Johannes 18:1-3; Hebräer 5:7.

      ▪ Wohin führt Jesus die Apostel, nachdem sie das Obergemach verlassen haben, und was tut er dort?

      ▪ Was tun die Apostel, während Jesus betet?

      ▪ Was ist der Grund für Jesu sorgenvolle Erregung, und welche Bitte richtet er an Gott?

      ▪ Was wird dadurch angezeigt, daß Jesu Schweiß wie Blutstropfen wird?

  • Verrat und Festnahme
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 118

      Verrat und Festnahme

      ES IST schon weit nach Mitternacht, als Judas eine große Volksmenge, zu der unter anderem Soldaten, Oberpriester und Pharisäer gehören, in den Garten Gethsemane führt. Die Priester wollen Judas 30 Silberstücke geben, wenn er Jesus verrät.

      Judas war nach dem Passahmahl fortgeschickt worden und hatte sich offensichtlich unverzüglich zu den Oberpriestern begeben. Diese riefen sofort ihre Beamten und eine Abteilung Soldaten zusammen. Möglicherweise führte Judas sie zunächst dorthin, wo Jesus mit seinen Aposteln das Passah gefeiert hatte. Da diese allerdings schon fort waren, folgte die bewaffnete große Volksmenge, die Lampen und Fackeln trug, Judas aus Jerusalem hinaus und durchquerte das Kidrontal.

      Als Judas die Schar den Ölberg hinaufführt, ist er sich sicher, wo Jesus zu finden ist. Im Laufe der vergangenen Woche haben Jesus und die Apostel auf dem Weg zwischen Bethanien und Jerusalem häufig im Garten Gethsemane haltgemacht, um sich auszuruhen und sich zu unterhalten. Aber wie werden die Soldaten Jesus erkennen, falls er sich in der Dunkelheit unter den Olivenbäumen verbirgt? Sie haben ihn vielleicht noch nie gesehen. Daher verabredet Judas mit ihnen folgendes Zeichen: „Wen immer ich küsse, der ist es; nehmt ihn in Gewahrsam und führt ihn sicher ab.“

      Judas geleitet die große Volksmenge in den Garten, und als er Jesus mit seinen Aposteln sieht, geht er direkt auf ihn zu. „Guten Tag, Rabbi!“ sagt er und küßt ihn sehr zärtlich.

      „Freund, zu welchem Zweck bist du hier?“ will Jesus von ihm wissen, beantwortet seine Frage dann jedoch selbst: „Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuß?“ Doch genug von diesem Verräter! Jesus tritt vor in das Licht der brennenden Fackeln und Lampen und fragt: „Wen sucht ihr?“

      „Jesus, den Nazarener“, lautet die Antwort.

      „Ich bin es“, entgegnet Jesus, der unerschrocken vor ihnen allen steht. Die Männer weichen zurück und fallen zu Boden, weil sie über seine Kühnheit erstaunt sind und nicht wissen, was sie erwartet.

      „Ich habe euch gesagt, daß ich es bin“, fährt Jesus ruhig fort. „Wenn ihr also mich sucht, so laßt diese gehen.“ Kurz zuvor im Obergemach hat Jesus im Gebet zu seinem Vater erwähnt, daß er seine treuen Apostel bewahrt hat und keiner von ihnen verlorengegangen ist, „ausgenommen der Sohn der Vernichtung“. Damit sich seine Worte erfüllen, bittet er nun darum, seine Nachfolger gehen zu lassen.

      Als die Soldaten ihre Fassung wiederfinden, aufstehen und beginnen, Jesus zu binden, wird den Aposteln klar, was vor sich geht. „Herr, sollen wir mit dem Schwert zuschlagen?“ fragen sie. Ohne Jesu Antwort abzuwarten, greift Petrus mit einem der beiden Schwerter, die die Apostel bei sich haben, Malchus, einen Sklaven des Hohenpriesters, an. Der Schlag des Petrus verfehlt zwar den Kopf des Sklaven, trennt diesem jedoch das rechte Ohr ab.

      „Laßt ab, nicht weiter“, schreitet Jesus ein. Er rührt das Ohr des Malchus an und heilt die Wunde. Dann erteilt er eine wichtige Lektion, indem er Petrus gebietet: „Stecke dein Schwert wieder an seinen Platz, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder denkst du, ich könne nicht meinen Vater anrufen, daß er mir in diesem Augenblick mehr als zwölf Legionen Engel sende?“

      Jesus ist bereit, sich festnehmen zu lassen, denn er sagt: „Wie ... würden ... die Schriften erfüllt werden, daß es so geschehen muß?“ Und er fügt hinzu: „Sollte ich den Becher, den der Vater mir gegeben hat, nicht unter allen Umständen trinken?“ Er geht völlig mit Gottes Willen ihn betreffend einig.

      Dann wendet sich Jesus an die Volksmenge. „Seid ihr mit Schwertern und Knüppeln wie gegen einen Räuber ausgezogen, um mich festzunehmen?“ fragt er. „Tag für Tag pflegte ich im Tempel zu sitzen und zu lehren, und doch nahmt ihr mich nicht in Gewahrsam. Aber all dies ist geschehen, damit die Schriftworte der Propheten erfüllt werden.“

      Daraufhin ergreifen die Soldaten, der Militärbefehlshaber und die Beamten der Juden Jesus und binden ihn. Als die Apostel das sehen, verlassen sie Jesus und fliehen. Ein junger Mann — vielleicht der Jünger Markus — bleibt jedoch bei der Volksmenge. Er könnte sich in dem Haus aufgehalten haben, wo Jesus das Passah gefeiert hat, und später von dort der Volksmenge gefolgt sein. Jetzt wird er allerdings erkannt, und man versucht, ihn zu ergreifen. Doch er läßt sein leinenes Kleid zurück und entkommt. Matthäus 26:47-56; Markus 14:43-52; Lukas 22:47-53; Johannes 17:12; 18:3-12.

      ▪ Warum ist sich Judas so sicher, Jesus im Garten Gethsemane zu finden?

      ▪ Wodurch zeigt Jesus, daß er sich um seine Apostel sorgt?

      ▪ Was tut Petrus, um Jesus zu verteidigen, aber was sagt Jesus diesbezüglich zu Petrus?

      ▪ Wie zeigt Jesus, daß er mit Gottes Willen ihn betreffend völlig einiggeht?

      ▪ Wer bleibt zurück, als die Apostel Jesus verlassen, und was geschieht mit ihm?

  • Erst zu Annas, dann zu Kaiphas gebracht
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 119

      Erst zu Annas, dann zu Kaiphas gebracht

      JESUS wird wie ein gemeiner Verbrecher gebunden zu Annas geführt, dem einflußreichen ehemaligen Hohenpriester. Er hatte dieses Amt inne, als der 12jährige Jesus die Lehrer im Tempel, die Rabbis, in Erstaunen versetzte. Mehrere Söhne des Annas dienten später als Hohepriester, und gegenwärtig bekleidet sein Schwiegersohn Kaiphas dieses Amt.

      Man bringt Jesus wahrscheinlich deshalb zuerst zum Haus des Annas, weil dieser Oberpriester im religiösen Leben der Juden seit langem eine bedeutende Rolle spielt. Dieser Zwischenaufenthalt bei Annas gibt dem Hohenpriester Kaiphas außerdem Zeit, den Sanhedrin, das 71 Mitglieder zählende hohe Gericht der Juden, einzuberufen und falsche Zeugen beizubringen.

      Der Oberpriester Annas befragt Jesus inzwischen über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus entgegnet ihm jedoch: „Ich habe öffentlich zur Welt geredet. Ich habe immer in einer Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen; und ich habe nichts im verborgenen geredet. Warum fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen redete. Siehe! Diese wissen, was ich gesagt habe.“

      Daraufhin gibt einer der dabeistehenden Beamten Jesus einen Backenstreich und sagt: „So antwortest du dem Oberpriester?“

      „Wenn ich unrecht geredet habe“, erwidert Jesus, „so lege Zeugnis über das Unrecht ab, wenn aber recht, warum schlägst du mich?“ Nach diesem Wortwechsel sendet Annas Jesus gebunden zu Kaiphas.

      Währenddessen versammeln sich alle Oberpriester, die älteren Männer und die Schriftgelehrten, ja der gesamte Sanhedrin. Der Ort ihres Zusammenkommens ist offensichtlich das Haus des Kaiphas. Eine solche Gerichtsverhandlung in der Passahnacht abzuhalten verstößt eindeutig gegen das jüdische Gesetz. Die religiösen Führer lassen sich dadurch jedoch nicht von ihrem bösen Tun abhalten.

      Einige Wochen zuvor war Jesu Tod im Sanhedrin bereits beschlossen worden, nämlich nachdem er Lazarus auferweckt hatte. Und erst zwei Tage vorher, am Mittwoch, waren die geistlichen Führer übereingekommen, Jesus durch einen listigen Anschlag zu ergreifen und ihn zu töten. Man stelle sich das einmal vor: Das Urteil stand bereits vor dem Gerichtsverfahren fest!

      Angestrengt bemüht man sich nun, Zeugen beizubringen, aus deren Falschaussagen sich eine Anklage gegen Jesus konstruieren läßt. Es finden sich jedoch keine Zeugen, deren Zeugnis übereinstimmt. Schließlich treten zwei vor, die versichern: „Wir hörten ihn sagen: ‚Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht wurde, niederreißen, und in drei Tagen will ich einen anderen bauen, der nicht mit Händen gemacht ist.‘ “

      „Gibst du keine Antwort?“ fragt Kaiphas. „Was ist das, worin diese gegen dich zeugen?“ Doch Jesus schweigt. Zur Schande des Sanhedrins stimmen auch die Berichte dieser Zeugen nicht überein. Daher versucht es der Hohepriester mit einer anderen Taktik.

      Kaiphas weiß, wie empfindlich die Juden reagieren, wenn jemand behauptet, der Sohn Gottes zu sein. Bei zwei Gelegenheiten hatten sie Jesus bereits unverzüglich zum Gotteslästerer gestempelt, der den Tod verdiente, wobei sie einmal irrtümlicherweise dachten, er würde behaupten, Gott gleich zu sein. Voller Hinterlist fordert Kaiphas Jesus jetzt auf: „Bei dem lebendigen Gott stelle ich dich unter Eid, uns zu sagen, ob du der Christus, der Sohn Gottes, bist!“

      Jesus ist, ungeachtet dessen, was die Juden denken, tatsächlich Gottes Sohn. Würde er schweigen, könnte man meinen, er leugne, daß er der Christus ist. Deshalb erklärt Jesus mutig: „Ich bin es; und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.“

      Daraufhin zerreißt Kaiphas theatralisch seine Kleider und ruft aus: „Er hat gelästert! Wozu brauchen wir weiter Zeugen? Seht! Jetzt habt ihr die Lästerung gehört. Was ist eure Meinung?“

      „Er ist des Todes schuldig“, verkündet der Sanhedrin. Dann beginnt man, Spott mit Jesus zu treiben und viele Dinge in lästerlicher Weise gegen ihn zu sagen. Einige schlagen ihm ins Gesicht und speien ihn an. Andere verhüllen sein Gesicht vollständig und schlagen ihn mit den Fäusten, worauf sie ihn sarkastisch auffordern: „Prophezeie uns, du Christus: Wer ist es, der dich schlug?“ Zu solch einem beleidigenden, ungesetzlichen Verhalten kommt es während der nächtlichen Gerichtsverhandlung. Matthäus 26:57-68; 26:3, 4; Markus 14:53-65; Lukas 22:54, 63-65; Johannes 18:13-24; 11:45-53; 10:31-39; 5:16-18.

      ▪ Zu wem wird Jesus zunächst geführt, und was geschieht dort mit ihm?

      ▪ Wohin bringt man Jesus anschließend, und zu welchem Zweck?

      ▪ Wie kann Kaiphas den Sanhedrin veranlassen, zu verkünden, daß Jesus des Todes schuldig sei?

      ▪ Zu welchem beleidigenden, ungesetzlichen Verhalten kommt es während der Verhandlung?

  • Verleugnungen im Hof
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 120

      Verleugnungen im Hof

      PETRUS und Johannes sowie die übrigen Apostel haben Jesus im Garten Gethsemane im Stich gelassen und sind aus Furcht geflohen. Jetzt beenden die beiden ihre Flucht. Sie holen Jesus wahrscheinlich ein, als er zum Haus des Annas gebracht wird. Während Annas Jesus abführen und zum Hohenpriester Kaiphas bringen läßt, folgen Petrus und Johannes Jesus in gutem Abstand. Offensichtlich sind sie hin und her gerissen zwischen der Angst um ihr Leben und der großen Sorge, was mit ihrem Herrn geschehen wird.

      Als Johannes zu dem großen Palast des Kaiphas kommt, gelingt es ihm, den Hof zu betreten, weil er dem Hohenpriester bekannt ist. Petrus aber bleibt draußen an der Tür. Kurz darauf kommt Johannes zurück und redet mit der Türhüterin, einem Dienstmädchen, und Petrus wird gestattet hereinzukommen.

      Weil es mittlerweile kalt geworden ist, haben die Diener des Hauses und die Beamten des Hohenpriesters ein Kohlenfeuer angezündet. Petrus begibt sich zu ihnen, um sich zu wärmen, während er auf den Ausgang des Verhörs Jesu wartet. Im Licht des hellen Feuers kann die Türhüterin Petrus, den sie hereingelassen hat, etwas genauer sehen. „Auch du warst bei Jesus, dem Galiläer!“ ruft sie aus.

      Bestürzt darüber, daß er erkannt worden ist, leugnet Petrus vor allen Anwesenden, Jesus jemals gekannt zu haben. „Ich kenne ihn nicht und verstehe auch nicht, was du sagst“, antwortet er.

      Danach geht er zum Torhaus hinaus. Als ein anderes Mädchen ihn bemerkt, sagt sie ebenfalls zu den Dabeistehenden: „Dieser war bei Jesus, dem Nazarener.“ Petrus leugnet es nochmals und schwört: „Ich kenne den Menschen nicht!“

      Petrus bleibt im Hof und versucht, sowenig wie möglich aufzufallen. Vielleicht ist jetzt der Moment, wo Petrus im Morgengrauen durch einen Hahnenschrei aufgeschreckt wird. Inzwischen ist das Verhör Jesu im Gange, und es wird offensichtlich in einem oberen Teil des Hauses, der dem Hof zugewandt ist, durchgeführt. Zweifellos warten Petrus und die anderen unten und beobachten das Kommen und Gehen der verschiedenen Zeugen, die hineingebracht werden, um auszusagen.

      Ungefähr eine Stunde ist vergangen, seit Petrus zuletzt als ein Gefährte Jesu erkannt wurde. Nun kommen einige der Herumstehenden zu ihm und sagen: „Bestimmt bist auch du einer von ihnen, denn dein Dialekt macht dich tatsächlich kenntlich.“ Einer davon ist ein Verwandter des Malchus, dem Petrus das Ohr abgehauen hat. „Sah ich dich nicht im Garten bei ihm?“ fragt er.

      „Ich kenne den Menschen nicht“, beteuert Petrus. Tatsächlich versucht er, sie durch Fluchen und Schwören davon zu überzeugen, daß sie alle einem Irrtum erliegen, ja er ruft Übles auf sich herab, falls er nicht die Wahrheit gesagt habe.

      Gerade als Petrus zum dritten Mal leugnet, kräht ein Hahn. Genau in diesem Augenblick erscheint Jesus — offensichtlich auf einem Balkon über dem Hof —, dreht sich um und sieht ihn an. Sofort erinnert sich Petrus an das, was Jesus nur wenige Stunden zuvor im Obergemach gesagt hat: „Selbst du wirst mich ..., bevor ein Hahn zweimal kräht, dreimal verleugnen.“ Niedergeschmettert durch die Last seiner Sünde, geht Petrus hinaus und weint bitterlich.

      Wie konnte das geschehen? Wie konnte Petrus, obwohl er von seiner geistigen Stärke derart überzeugt war, seinen Herrn dreimal kurz hintereinander verleugnen? Petrus ist ohne Zweifel von den Umständen überrascht worden. Die Wahrheit ist verdreht worden, und Jesus hat man als gemeinen Verbrecher hingestellt. Was richtig ist, wird als falsch dargestellt, der Unschuldige als schuldig. Unter dem Druck der Verhältnisse ist Petrus aus dem Gleichgewicht geraten; plötzlich ist sein Loyalitätsempfinden gestört. Zu seinem Leidwesen ist er vor Menschenfurcht wie gelähmt. Möge uns das niemals widerfahren! Matthäus 26:57, 58, 69-75; Markus 14:30, 53, 54, 66-72; Lukas 22:54-62; Johannes 18:15-18, 25-27.

      ▪ Wie ist es Petrus und Johannes möglich, den Hof des Hohenpriesters zu betreten?

      ▪ Was geschieht im Haus, während Petrus und Johannes im Hof sind?

      ▪ Wievielmal kräht ein Hahn, und wievielmal leugnet Petrus, Christus zu kennen?

      ▪ Was bedeutet es, daß Petrus flucht und schwört?

      ▪ Was veranlaßt Petrus, zu leugnen, daß er Jesus kennt?

  • Vor dem Sanhedrin, dann zu Pilatus
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 121

      Vor dem Sanhedrin, dann zu Pilatus

      DIE Nacht geht zu Ende. Petrus hat Jesus zum drittenmal verleugnet, die Mitglieder des Sanhedrins haben ihren Scheinprozeß beendet und sind auseinandergegangen. Am Freitag bei Tagesanbruch kommen sie jedoch wieder zusammen, diesmal im Saal des Sanhedrins. Sie haben wahrscheinlich vor, dem nächtlichen Prozeß einen einigermaßen rechtsgültigen Anschein zu verleihen. Als Jesus ihnen vorgeführt wird, sagen sie wie schon in der Nacht: „Wenn du der Christus bist, so sag es uns.“

      „Auch wenn ich es euch sagte, würdet ihr es gar nicht glauben“, antwortet Jesus. „Überdies, wenn ich euch fragte, würdet ihr ... nicht antworten.“ Jesus weist indes mutig darauf hin, wer er ist, wenn er sagt: „Der Menschensohn wird von nun an zur machtvollen Rechten Gottes sitzen.“

      „Bist du also der Sohn Gottes?“ wollen alle wissen.

      „Ihr selbst sagt, daß ich es bin“, erwidert Jesus.

      Für diese Männer, die Mordabsichten haben, reicht die Antwort aus. Sie betrachten sie als Gotteslästerung. „Wozu brauchen wir ein weiteres Zeugnis?“ fragen sie einander. „Denn wir haben es selbst aus seinem eigenen Mund gehört.“ Daher binden sie Jesus und führen ihn ab, um ihn dem römischen Statthalter Pontius Pilatus zu übergeben.

      Judas, der Verräter Jesu, hat das Verfahren beobachtet. Als er sieht, daß Jesus verurteilt wird, hat er Gewissensbisse. Er geht daher zu den Oberpriestern und den älteren Männern, um die 30 Silberstücke zurückzugeben, und erklärt: „Ich habe gesündigt, als ich gerechtes Blut verriet.“

      „Was geht das uns an? Das ist deine Sache!“ erwidern sie herzlos. Da wirft Judas die Silberstücke in den Tempel, geht weg und versucht sich zu erhängen. Der Ast, um den er den Strick gebunden hat, bricht aber offensichtlich ab, und Judas stürzt auf die tiefer liegenden Felsen, wo sein Körper entzweibirst.

      Die Oberpriester sind sich nicht sicher, was sie mit den Silberstücken anfangen sollen. „Es ist nicht erlaubt, sie in den heiligen Schatz zu werfen“, folgern sie, „denn sie sind der Blutpreis.“ Nachdem sie sich miteinander beraten haben, kaufen sie mit dem Geld das Feld des Töpfers, um darauf Fremde zu begraben. Das Feld wird daher „Blutfeld“ genannt.

      Es ist immer noch früh am Morgen, als Jesus zum Palast des Statthalters gebracht wird. Die Juden, die ihn begleiten, weigern sich jedoch hineinzugehen, da sie glauben, ein solch vertrauter Umgang mit den Heiden verunreinige sie. Aus Gefälligkeit kommt Pilatus heraus. „Welche Anklage bringt ihr gegen diesen Menschen vor?“ fragt er sie.

      „Wenn dieser nicht ein Missetäter wäre, so hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert“, geben sie ihm zur Antwort.

      Pilatus möchte sich nicht in die Sache hineinziehen lassen und erwidert: „Nehmt ihn selbst, und richtet ihn nach eurem Gesetz.“

      Die Juden offenbaren ihre mörderische Absicht, indem sie behaupten: „Uns ist es nicht erlaubt, jemand zu töten.“ Wenn sie Jesus tatsächlich während des Passahfestes töteten, käme es wahrscheinlich zu einem öffentlichen Aufruhr, da Jesus von vielen sehr geachtet wird. Sollten sie aber die Römer dazu bringen können, ihn aus politischen Gründen hinzurichten, wären sie letztlich in den Augen des Volkes ohne Schuld.

      Die religiösen Führer haben Jesus während des vorausgegangenen Prozesses wegen Gotteslästerung verurteilt, erwähnen es aber nicht und erfinden nun andere Anklagen. Sie klagen ihn in drei Punkten an: „Wir fanden, daß dieser Mensch [1.] unsere Nation aufwiegelt und [2.] verbietet, Cäsar Steuern zu zahlen, und [3.] sagt, er selbst sei Christus, ein König.“

      Der Anklagepunkt, mit dem sich Pilatus befaßt, ist, daß Jesus behauptet, ein König zu sein. Er betritt daher wieder den Palast, läßt Jesus zu sich rufen und fragt ihn: „Bist du der König der Juden?“ Mit anderen Worten: Hast du das Gesetz übertreten, indem du dich zum König erklärst, der gegen Cäsar ist?

      Jesus möchte wissen, wieviel Pilatus bereits über ihn gehört hat. Deshalb fragt er ihn: „Sagst du das aus dir selbst, oder haben dir andere von mir erzählt?“

      Pilatus gibt zu, daß er nichts über ihn weiß, und möchte die Wahrheit erfahren. „Ich bin doch nicht etwa ein Jude?“ erwidert Pilatus. „Deine eigene Nation und die Oberpriester haben dich mir ausgeliefert. Was hast du getan?“

      Jesus versucht keinesfalls, der Streitfrage in bezug auf das Königtum auszuweichen. Pilatus ist von der Antwort, die Jesus daraufhin gibt, zweifellos überrascht. Lukas 22:66 bis 23:3; Matthäus 27:1-11; Markus 15:1; Johannes 18:28-35; Apostelgeschichte 1:16-20.

      ▪ Zu welchem Zweck kommt der Sanhedrin am Morgen wieder zusammen?

      ▪ Wie stirbt Judas, und was geschieht mit den 30 Silberstücken?

      ▪ Warum wollen die Juden Jesus nicht selbst töten, sondern es den Römern überlassen?

      ▪ Welche Anklagen bringen die Juden gegen Jesus vor?

  • Von Pilatus zu Herodes und wieder zurück
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 122

      Von Pilatus zu Herodes und wieder zurück

      JESUS macht vor Pilatus zwar keinen Hehl daraus, daß er ein König ist, stellt allerdings klar, daß sein Königreich für Rom keine Bedrohung darstellt. „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt“, sagt Jesus. „Wäre mein Königreich ein Teil dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königreich nicht von daher.“ Jesus bestätigt somit dreimal, daß er ein Königreich hat, obgleich es kein irdisches ist.

      Doch Pilatus bedrängt ihn weiter: „Nun denn, bist du ein König?“ Er will also von ihm wissen, ob er ein König ist, auch wenn sein Königreich kein Teil dieser Welt ist.

      Jesus gibt Pilatus zu verstehen, daß er die richtigen Schlüsse gezogen hat, denn er antwortet: „Du selbst sagst, daß ich ein König bin. Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“

      Ja, der eigentliche Zweck der Existenz Jesu auf der Erde ist, für die „Wahrheit“ Zeugnis abzulegen, besonders für die Wahrheit über sein Königreich. Jesus ist bereit, dieser Wahrheit treu zu bleiben, selbst wenn es ihn das Leben kostet. Pilatus fragt zwar noch: „Was ist Wahrheit?“, wartet aber keine weitere Erklärung ab. Er hat genug gehört, um ein Urteil zu fällen.

      Er kehrt zu den Volksmengen zurück, die vor dem Palast warten. Offensichtlich steht Jesus bei ihm, als er den Oberpriestern und deren Begleitern erklärt: „Ich finde kein Verbrechen an diesem Menschen.“

      Verärgert über diese Entscheidung, behaupten die Volksmengen nun: „Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa lehrt, ja von Galiläa angefangen bis hierher.“

      Der sinnlose Fanatismus der Juden muß Pilatus verwundern. Während die Oberpriester und die älteren Männer ihr Geschrei fortsetzen, wendet er sich an Jesus und fragt: „Hörst du nicht, wie vieles sie gegen dich bezeugen?“ Jesus gibt auch darauf keine Antwort. Daß er trotz der wüsten Anschuldigungen so ruhig bleibt, versetzt Pilatus in Erstaunen.

      Als Pilatus erfährt, daß Jesus ein Galiläer ist, sieht er eine Möglichkeit, sich der Verantwortung zu entziehen. Herodes Antipas (der Sohn Herodes’ des Großen), der Herrscher über Galiläa, hält sich anläßlich des Passahs in Jerusalem auf, und Pilatus läßt Jesus zu ihm bringen. Herodes Antipas hatte einige Zeit zuvor Johannes den Täufer enthaupten lassen und war daher in Furcht geraten, als er von den Wundern Jesu hörte, da er befürchtete, Jesus sei in Wirklichkeit der von den Toten auferstandene Johannes.

      Herodes freut sich nun sichtlich über die Möglichkeit, Jesus zu sehen. Das tut er jedoch nicht, weil er sich um Jesu Wohlergehen sorgt oder weil er wirklich herausfinden will, ob die Anklagen gegen ihn zutreffen. Er ist tatsächlich nur neugierig und hofft, ein Wunder Jesu mitzuerleben.

      Jesus weigert sich jedoch, die Neugier des Herodes zu befriedigen. Ja, er sagt nicht ein Wort, als Herodes ihn befragt. Aus Enttäuschung darüber beginnen Herodes und seine Wachmannschaften, Spott mit Jesus zu treiben. Sie bekleiden ihn mit einem hellglänzenden Kleid und verhöhnen ihn. Dann senden sie ihn zu Pilatus zurück. Daraufhin werden Herodes und Pilatus, die früher verfeindet waren, gute Freunde.

      Bei Jesu Rückkehr ruft Pilatus die Oberpriester, die jüdischen Vorsteher und das Volk zusammen und sagt: „Ihr habt mir diesen Menschen gebracht als einen, der das Volk zur Auflehnung reizt, und seht, ich habe ihn vor euch verhört, habe aber an diesem Menschen keinen Grund für die Beschuldigungen gefunden, die ihr gegen ihn vorbringt. Tatsächlich fand auch Herodes keinen, denn er hat ihn zu uns zurückgesandt; und seht, nichts, was den Tod verdient, ist von ihm begangen worden. Ich will ihn daher züchtigen und ihn freigeben.“

      Somit erklärt Pilatus Jesus zweimal für unschuldig. Er ist darauf bedacht, ihn freizugeben, denn er erkennt, daß die Priester ihn lediglich aus Neid überliefert haben. Pilatus erhält in seinem Bemühen, Jesus freizugeben, sogar noch einen starken Ansporn. Während er auf seinem Richterstuhl sitzt, erreicht ihn eine Botschaft seiner Frau, die ihn auffordert: „Habe nichts mit diesem gerechten Menschen zu schaffen, denn ich habe heute seinetwegen in einem Traum [offensichtlich göttlichen Ursprungs] viel gelitten.“

      Pilatus weiß, daß er den unschuldigen Mann freilassen müßte. Aber wie kann er das tun? Johannes 18:36-38; Lukas 23:4-16; Matthäus 27:12-14, 18, 19; 14:1, 2; Markus 15:2-5.

      ▪ Was antwortet Jesus auf die Frage über sein Königtum?

      ▪ Was ist die „Wahrheit“, über die Jesus während seines irdischen Dienstes Zeugnis ablegt?

      ▪ Welches Urteil fällt Pilatus, wie reagieren die Volksmengen darauf, und was tut Pilatus mit Jesus?

      ▪ Wer ist Herodes Antipas, warum freut er sich sehr, Jesus zu sehen, und was tut er mit ihm?

      ▪ Warum ist Pilatus darauf bedacht, Jesus freizulassen?

  • „Seht! Der Mensch!“
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 123

      „Seht! Der Mensch!“

      PILATUS, der von Jesu Verhalten beeindruckt und von dessen Unschuld überzeugt ist, sucht nach einer anderen Möglichkeit, ihn freizulassen. „Bei euch [besteht] ein Brauch“, sagt er zu den Volksmengen, „wonach ich euch am Passah einen Menschen freigeben soll.“

      Ein berüchtigter Mörder namens Barabbas befindet sich gerade in Haft. Deshalb fragt Pilatus: „Wen soll ich euch nach eurem Willen freigeben, Barabbas oder Jesus, den sogenannten Christus?“

      Die von den Oberpriestern überredeten und aufgewiegelten Leute bitten darum, Barabbas freizulassen, Jesus dagegen zu töten. Pilatus gibt jedoch noch nicht auf und fragt erneut: „Welchen von den beiden soll ich euch nach eurem Willen freigeben?“

      „Barabbas“, schreien sie.

      „Was soll ich denn mit Jesus, dem sogenannten Christus, tun?“ fragt Pilatus bestürzt.

      Mit ohrenbetäubendem Geschrei antworten sie: „An den Pfahl mit ihm!“ „An den Pfahl! An den Pfahl mit ihm!“

      Da Pilatus weiß, daß sie den Tod eines Unschuldigen verlangen, fragt er: „Nun, was hat dieser Mensch denn Schlechtes getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; ich will ihn daher züchtigen und freilassen.“

      Seinen Bemühungen zum Trotz schreien die wütenden, von ihren geistlichen Führern angestachelten Volksmengen weiter: „An den Pfahl mit ihm!“ Die von den Priestern in Raserei versetzten Volksmengen wollen Blut sehen. Es ist kaum zu glauben — nur fünf Tage zuvor haben möglicherweise auch einige dieser Leute Jesus in Jerusalem als König willkommen geheißen! Währenddessen verhalten sich Jesu Jünger, sofern sie überhaupt zugegen sind, still und unauffällig.

      Als Pilatus sieht, daß seine Appelle nichts nützen, sondern statt dessen einen Aufruhr heraufbeschwören, nimmt er Wasser, wäscht sich vor der Volksmenge die Hände und sagt: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache.“ Darauf erwidern die Leute: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“

      Ihrer Forderung entsprechend — und mehr, um den Volksmengen zu gefallen, als das zu tun, was recht ist —, gibt Pilatus Barabbas frei. Er läßt Jesus abführen, entkleiden und geißeln. Das war kein normales Auspeitschen. Das Journal of the American Medical Association beschreibt die Geißelung nach Art der Römer wie folgt:

      „Das übliche Instrument war eine kurze Peitsche (flagrum oder flagellum) mit mehreren einzelnen oder geflochtenen Lederriemen unterschiedlicher Länge, an denen in bestimmten Abständen kleine Eisenkugeln oder scharfkantige Schafsknochenstücke befestigt waren. ... Wenn die römischen Soldaten wiederholt mit voller Kraft auf den Rücken des Opfers schlugen, verursachten die Eisenkugeln tiefe Quetschungen, und die Lederriemen mit den Schafsknochen schnitten in die Haut und das unter der Haut liegende Gewebe ein. Im weiteren Verlauf der Auspeitschung klafften die Wunden bis in die tiefer liegenden Skelettmuskeln, und es wurden zuckende Fetzen blutenden Fleisches herausgerissen.“

      Nach dieser qualvollen Auspeitschung wird Jesus in den Palast des Statthalters gebracht, und man ruft die ganze Truppeneinheit zusammen. Dort spielen ihm die Soldaten weiter übel mit, indem sie eine Krone aus Dornen flechten und ihm auf den Kopf setzen. Sie geben ihm ein Rohr in die rechte Hand und bekleiden ihn mit einem purpurnen äußeren Kleid, wie es von Königen getragen wird. Dann sagen sie spottend zu ihm: „Guten Tag, du König der Juden!“ Auch speien sie ihn an und schlagen ihn ins Gesicht. Sie nehmen ihm das massive Rohr weg und schlagen ihn damit auf den Kopf, wodurch sie die scharfen Dornen seiner entwürdigenden „Krone“ noch tiefer in seine Kopfhaut treiben.

      Jesu bemerkenswerte Würde und Kraft angesichts dieser Mißhandlung beeindrucken Pilatus so sehr, daß er sich zu einem weiteren Versuch, ihn zu retten, veranlaßt fühlt. „Seht! Ich bringe ihn zu euch heraus, damit ihr erkennt, daß ich keine Schuld an ihm finde“, sagt er zu den Volksmengen. Er glaubt möglicherweise, daß der Anblick des geschundenen Jesus ihr Herz erweichen wird. Als Jesus mit der Dornenkrone, dem purpurnen äußeren Kleid sowie seinem von Schmerz gezeichneten, blutenden Gesicht vor dem herzlosen Pöbel steht, ruft Pilatus aus: „Seht! Der Mensch!“

      Obwohl übel zugerichtet und mißhandelt, steht hier die herausragendste Person der gesamten Geschichte, der größte Mensch, der je lebte! Ja, Jesus offenbart eine stille Würde und eine Gelassenheit, die eine Größe verraten, die selbst Pilatus anerkennen muß, denn seine Worte sind offensichtlich eine Mischung aus Respekt und Mitleid. Johannes 18:39 bis 19:5; Matthäus 27:15-17, 20-30; Markus 15:6-19; Lukas 23:18-25.

      ▪ Wie bemüht sich Pilatus, Jesus freizugeben?

      ▪ Wie versucht Pilatus, die Verantwortung von sich zu weisen?

      ▪ Was bedeutet es, gegeißelt zu werden?

      ▪ Wie wird Jesus nach der Geißelung verspottet?

      ▪ Welchen weiteren Versuch unternimmt Pilatus, um Jesus freizugeben?

  • Ausgeliefert und abgeführt
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 124

      Ausgeliefert und abgeführt

      ALS Pilatus, gerührt von der stillen Würde des geschundenen Jesus, erneut versucht, ihn freizulassen, geraten die Oberpriester in noch größere Wut. Sie sind entschlossen, ihre bösen Absichten auf keinen Fall durchkreuzen zu lassen. Wieder schreien sie: „An den Pfahl mit ihm! An den Pfahl mit ihm!“

      „Nehmt ihn selbst, und bringt ihn an den Pfahl“, antwortet Pilatus. (Die Juden haben entgegen ihren früheren Behauptungen möglicherweise doch das Recht, Verbrecher wegen entsprechend schwerer religiöser Vergehen hinzurichten.) Dann erklärt Pilatus Jesus wohl zum fünftenmal für unschuldig, indem er sagt: „Ich finde keine Schuld an ihm.“

      Die Juden nun, da sie sehen, daß ihre politischen Anklagen nichts bewirken, greifen auf die religiöse Anklage der Gotteslästerung zurück, die schon einige Stunden zuvor bei der Verhandlung gegen Jesus vor dem Sanhedrin vorgebracht worden war. „Wir haben ein Gesetz“, sagen sie, „und nach dem Gesetz muß er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“

      Diese Anklage ist für Pilatus neu, und sie versetzt ihn in noch größere Furcht. Er erkennt jetzt, daß Jesus kein gewöhnlicher Mensch ist, was auch durch den Traum seiner Frau und durch die bemerkenswerte Stärke der Persönlichkeit Jesu bezeugt wird. Aber „Gottes Sohn“? Pilatus weiß, daß Jesus aus Galiläa stammt. Doch könnte er womöglich schon früher gelebt haben? Er nimmt ihn wieder mit in den Palast hinein und fragt ihn: „Woher bist du?“

      Jesus bleibt stumm. Er hat Pilatus bereits gesagt, daß er ein König ist, sein Königreich jedoch kein Teil dieser Welt ist. Jede weitere Erklärung zum jetzigen Zeitpunkt wäre sinnlos. Aber Pilatus fühlt sich durch die Verweigerung der Antwort in seinem Stolz verletzt, und er fährt Jesus mit den Worten an: „Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Gewalt habe, dich freizulassen, und Gewalt habe, dich an den Pfahl zu bringen?“

      „Du hättest gar keine Gewalt über mich, wenn sie dir nicht von oben her gewährt worden wäre“, entgegnet Jesus respektvoll. Er bezieht sich darauf, daß Gott menschlichen Herrschern Gewalt gewährt, damit sie sich der Angelegenheiten auf der Erde annehmen. Jesus fügt hinzu: „Deshalb hat der, welcher mich dir ausgeliefert hat, größere Sünde.“ Ja, der Hohepriester Kaiphas und seine Komplizen sowie Judas Iskariot tragen alle eine größere Verantwortung für die ungerechte Behandlung Jesu als Pilatus.

      Pilatus ist von Jesus nun noch mehr beeindruckt, und aus Furcht davor, daß Jesus möglicherweise göttlicher Herkunft ist, bemüht er sich nochmals, ihn freizulassen. Doch die Juden erteilen Pilatus eine schroffe Abfuhr. Sie wiederholen ihre politischen Anklagen und drohen hinterlistig: „Wenn du diesen Mann freiläßt, bist du kein Freund Cäsars. Jeder, der sich selbst zu einem König macht, redet gegen Cäsar.“

      Trotz der unheilverkündenden Andeutungen bringt Pilatus Jesus ein weiteres Mal hinaus. „Seht! Euer König!“ ruft er aus.

      „Weg mit ihm! Weg mit ihm! An den Pfahl mit ihm!“

      „Soll ich euren König an den Pfahl bringen?“ fragt Pilatus verzweifelt.

      Die Juden ärgern sich sehr über die Herrschaft der Römer. Ja, sie verachten die Herrschaft Roms. Doch heuchlerisch sagen die Oberpriester: „Wir haben keinen König außer Cäsar.“

      Da Pilatus um seine politische Stellung und seinen Ruf fürchtet, gibt er schließlich den unerbittlichen Forderungen der Juden nach. Er liefert ihnen Jesus aus. Die Soldaten ziehen ihm den purpurnen Mantel aus und bekleiden ihn mit seinem äußeren Gewand. Als Jesus abgeführt wird, um an den Pfahl gebracht zu werden, zwingt man ihn, seinen eigenen Marterpfahl zu tragen.

      An diesem Freitag, dem 14. Nisan, ist es inzwischen später Vormittag geworden; möglicherweise ist bald Mittag. Jesus ist seit dem frühen Donnerstagmorgen auf den Beinen, und er hat eine Quälerei nach der anderen durchgemacht. Verständlicherweise verlassen ihn unter dem Gewicht des Pfahls bald die Kräfte. Daher wird ein Passant, ein gewisser Simon von Kyrene (Afrika), gezwungen, den Pfahl für ihn zu tragen. Während sie weitergehen, folgen ihnen viele Menschen, darunter Frauen, die sich vor Leid schlagen und um Jesus wehklagen.

      Jesus wendet sich den Frauen zu und sagt: „Töchter Jerusalems, hört auf, über mich zu weinen. Weint im Gegenteil über euch und über eure Kinder; denn siehe, Tage kommen, an denen man sagen wird: ‚Glücklich sind die unfruchtbaren Frauen und die Schöße, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht genährt haben!‘ ... Denn wenn man diese Dinge tut, während der Baum saftig ist, was wird geschehen, wenn er verdorrt ist?“

      Jesus bezieht sich auf die jüdische Nation als einen Baum, der noch einen gewissen Lebenssaft in sich hat, weil Jesus gegenwärtig ist und weil ein Überrest an ihn glaubt. Aber wenn jene aus der Nation herausgenommen sein werden, wird nur ein geistig toter Baum zurückbleiben, ja eine verdorrte nationale Organisation. O welch einen Grund zum Weinen wird es geben, wenn die römischen Heere als Gottes Urteilsvollstrecker die jüdische Nation verwüsten werden! Johannes 19:6-17; 18:31; Lukas 23:24-31; Matthäus 27:31, 32; Markus 15:20, 21.

      ▪ Welche Anklage erheben die geistlichen Führer gegen Jesus, als ihre politischen Anklagen nichts bewirken?

      ▪ Warum gerät Pilatus in noch größere Furcht?

      ▪ Wer hat die größere Sünde in bezug auf das, was Jesus widerfährt?

      ▪ Wie veranlassen die Priester Pilatus, ihnen Jesus auszuliefern, um ihn hinzurichten?

      ▪ Was sagt Jesus zu den Frauen, die über ihn weinen, und was meint er damit, daß der Baum zunächst „saftig“ und dann „verdorrt“ ist?

  • Qualen am Pfahl
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 125

      Qualen am Pfahl

      ZUSAMMEN mit Jesus werden zwei Räuber zur Hinrichtung abgeführt. Nicht weit außerhalb der Stadt erreicht der Zug die Stätte, die Golgotha oder Schädelstätte genannt wird.

      Die Gefangenen werden entkleidet. Dann gibt man ihnen mit Myrrhe gewürzten Wein. Dieser ist offenbar von den Frauen Jerusalems zubereitet worden, und die Römer verwehren den zur Hinrichtung Bestimmten das schmerzbetäubende Getränk nicht. Als Jesus ihn probiert, lehnt er es jedoch ab, davon zu trinken. Warum? Offensichtlich möchte er in seiner schwersten Glaubensprüfung im Vollbesitz seiner Geisteskräfte sein.

      Die Hände über dem Kopf, wird Jesus nun auf den Pfahl gelegt. Die Soldaten schlagen dann lange Nägel durch seine Hände und Füße. Jesus windet sich vor Schmerzen, als die Nägel durch Fleisch und Sehnen dringen. Unerträglich sind die Schmerzen beim Aufrichten des Pfahls, weil das Gewicht des Körpers an den Nagelwunden zerrt. Doch statt zu drohen, betet Jesus für die römischen Soldaten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

      Pilatus hat an Jesu Pfahl ein Schild anbringen lassen mit der Inschrift: „Jesus, der Nazarener, der König der Juden“. Das hat er offensichtlich nicht nur aus Respekt vor Jesus geschrieben, sondern auch aus Abscheu vor den jüdischen Priestern, die ihm Jesu Todesurteil abgerungen haben. Damit alle das Schild lesen können, hat Pilatus es in drei Sprachen verfaßt — in Hebräisch, im offiziellen Latein und in der griechischen Gemeinsprache.

      Die Oberpriester, Kaiphas und Annas eingeschlossen, sind entsetzt. Diese positive Proklamation verdirbt ihnen die Stunde des Triumphs. Daher protestieren sie: „Schreibe nicht: ‚Der König der Juden‘, sondern daß er gesagt hat: ‚Ich bin König der Juden.‘ “ Verärgert darüber, daß er von den Priestern für deren Zwecke mißbraucht worden ist, antwortet Pilatus mit abgrundtiefer Verachtung: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“

      Die Priester versammeln sich nun mit einer großen Volksmenge an der Hinrichtungsstätte, und sie versuchen, das Zeugnis des Schildes zu bestreiten. Sie wiederholen das falsche Zeugnis, das bereits in den Verhandlungen vor dem Sanhedrin vorgebracht wurde. Es überrascht demnach nicht, daß Passanten lästerlich zu reden beginnen, spöttisch den Kopf schütteln und sagen: „Oh, der du den Tempel niederreißen und ihn in drei Tagen aufbauen wolltest, rette dich selbst! Wenn du ein Sohn Gottes bist, so steige vom Marterpfahl herab!“

      „Andere hat er gerettet; sich selbst kann er nicht retten!“ pflichten die Oberpriester und ihre geistlichen Kumpane bei. „Er ist König von Israel; er steige nun vom Marterpfahl herab, und wir wollen an ihn glauben. Er hat auf Gott vertraut; ER befreie ihn nun, wenn ER ihn haben will, denn er sagte: ‚Ich bin Gottes Sohn.‘ “

      Die Soldaten lassen sich von diesem Geist anstecken und machen sich ebenfalls über Jesus lustig. Höhnisch bieten sie ihm sauren Wein an, den sie ihm aber offensichtlich nur vor die ausgetrockneten Lippen halten. „Wenn du der König der Juden bist“, spotten sie, „rette dich selbst.“ Sogar die beiden Räuber, die zur Rechten und zur Linken Jesu an den Pfahl gebracht wurden, verhöhnen ihn. Man stelle sich das einmal vor! Der größte Mensch, der je lebte, ja derjenige, der gemeinsam mit Jehova Gott alle Dinge erschaffen hat, erträgt entschlossen alle diese Beleidigungen!

      Die Soldaten nehmen die äußeren Kleider Jesu und machen daraus vier Teile. Sie werfen Lose, um zu entscheiden, wer welches Teil erhält. Das innere Gewand ist jedoch ohne Naht, also von höchster Qualität. Daher sagen die Soldaten zueinander: „Laßt es uns nicht zerreißen, sondern laßt uns durch das Los darüber bestimmen, wem es gehören soll.“ Unwissentlich erfüllen sie dadurch das Schriftwort: „Sie verteilten meine äußeren Kleider unter sich, und über mein Gewand warfen sie Lose.“

      Nach einiger Zeit wird einem der Räuber bewußt, daß Jesus tatsächlich ein König sein muß. Er tadelt deshalb seinen Gefährten mit den Worten: „Fürchtest du Gott denn gar nicht, jetzt, da du im gleichen Gericht bist? Und wir allerdings gerechterweise, denn wir empfangen völlig das, was wir für unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Ungehöriges getan.“ Dann wendet er sich an Jesus mit der Bitte: „Gedenke meiner, wenn du in dein Königreich kommst.“

      „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein“, antwortet Jesus. Diese Verheißung wird sich erfüllen, wenn Jesus im Himmel als König regiert und den reumütigen Übeltäter zum Leben auf der Erde im Paradies auferweckt — das Paradies, das zu bebauen die Überlebenden von Harmagedon und ihre Gefährten bevorrechtet sein werden. Matthäus 27:33-44; Markus 15:22-32; Lukas 23:27, 32-43; Johannes 19:17-24.

      ▪ Warum weigert sich Jesus, den mit Myrrhe gewürzten Wein zu trinken?

      ▪ Wahrscheinlich aus welchem Grund wird ein Schild an Jesu Pfahl angebracht, und welchen Wortwechsel zwischen Pilatus und den Oberpriestern verursacht es?

      ▪ Welche weiteren Beleidigungen muß Jesus am Pfahl über sich ergehen lassen, und wodurch werden sie offensichtlich ausgelöst?

      ▪ Inwiefern wird durch das, was mit den Kleidern Jesu geschieht, eine Prophezeiung erfüllt?

      ▪ Welche Veränderung geht in einem der Räuber vor sich, und wie wird Jesus dessen Bitte erfüllen?

  • „Bestimmt war dieser Gottes Sohn“
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 126

      „Bestimmt war dieser Gottes Sohn“

      JESUS hängt noch nicht lange am Pfahl, als gegen Mittag eine unerklärliche, drei Stunden dauernde Dunkelheit eintritt. Eine Sonnenfinsternis kann es nicht sein, da eine solche nur bei Neumond möglich ist. Aber zur Passahzeit ist Vollmond. Sonnenfinsternisse dauern außerdem nur wenige Minuten. Diese Finsternis ist somit göttlichen Ursprungs. Möglicherweise bringt sie diejenigen, die Jesus verhöhnen, zum Nachdenken und macht ihrem Spott ein Ende.

      Falls das unheimliche Geschehnis eingetreten ist, bevor einer der Übeltäter seinen Genossen scharf zurechtwies und Jesus bat, seiner zu gedenken, könnten die Vorgänge zu seiner Reue beigetragen haben. Dem Marterpfahl nähern sich — vielleicht während der Finsternis — vier Frauen, nämlich Jesu Mutter und ihre Schwester Salome, Maria Magdalene sowie Maria, die Mutter des Apostels Jakobus des Geringeren. Johannes, der geliebte Apostel Jesu, ist bei ihnen.

      Wie das Herz der Mutter Jesu gleichsam ‘von einem Schwert durchdrungen’ wird, als sie den Sohn, den sie genährt und aufgezogen hat, von Qualen gepeinigt dort hängen sieht! Doch Jesus denkt weniger an seine Schmerzen als an ihr Wohl. Unter großen Anstrengungen deutet er mit dem Kopf auf Johannes und sagt zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und dann, auf Maria deutend, zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“

      Auf diese Weise beauftragt Jesus den Apostel, den er besonders liebt, sich um seine Mutter zu kümmern, die mittlerweile offenbar verwitwet ist. Er tut dies, weil die anderen Söhne Marias bis jetzt noch nicht an ihn glauben. Wirklich ein vorzügliches Beispiel, da er nicht nur für die physischen, sondern auch für die geistigen Bedürfnisse seiner Mutter sorgt.

      Gegen drei Uhr nachmittags sagt Jesus: „Mich dürstet.“ Jesus spürt, daß sein Vater sozusagen seinen Schutz von ihm zurückgezogen hat, damit seine Lauterkeit bis zum Äußersten geprüft werden kann. Daher ruft er mit lauter Stimme aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einige der Dabeistehenden sagen daraufhin: „Seht! Er ruft den Elia.“ Sofort läuft einer von ihnen hin, steckt einen in sauren Wein getauchten Schwamm an einen Ysopstengel und gibt ihm zu trinken. Andere sagen jedoch: „Laßt ihn! Wir wollen sehen, ob Elia kommt, um ihn herabzunehmen.“

      Nachdem Jesus den sauren Wein empfangen hat, ruft er aus: „Es ist vollbracht!“ Ja, er hat alles ausgeführt, wozu ihn sein Vater auf die Erde gesandt hat. Seine letzten Worte sind: „Vater, deinen Händen vertraue ich meinen Geist an.“ Jesus übergibt Gott damit seine Lebenskraft in dem Vertrauen, daß dieser sie ihm wiedergeben wird. Dann neigt er seinen Kopf und stirbt.

      Als Jesus seinen letzten Atemzug tut, ereignet sich ein schweres Erdbeben, das die Felsen spaltet. Das Erdbeben ist so stark, daß die außerhalb Jerusalems liegenden Gedächtnisgrüfte aufgebrochen und die Leichname herausgeschleudert werden. Vorbeigehende, die die freigelegten Toten sehen, gehen in die Stadt und berichten davon.

      Außerdem wird in dem Augenblick, wo Jesus stirbt, der Vorhang, der in Gottes Tempel das Heilige vom Allerheiligsten trennt, von oben bis unten entzweigerissen. Dieser schön bestickte Vorhang soll 18 Meter lang und sehr schwer gewesen sein. Das erstaunliche Wunder offenbart nicht nur Gottes Zorn über die Mörder seines Sohnes, sondern zeigt auch, daß durch Jesu Tod jetzt der Eingang in das Allerheiligste, den Himmel selbst, möglich geworden ist.

      Als die Menschen das Erdbeben spüren und Zeugen der Geschehnisse werden, geraten sie in große Furcht. Der für die Hinrichtung zuständige Offizier gibt Gott die Ehre. „Bestimmt war dieser Gottes Sohn“, verkündet er. Wahrscheinlich war er zugegen, als bei der Verhandlung vor Pilatus die Frage, ob Jesus Gottes Sohn sei, zur Sprache kam. Und nun ist er überzeugt, daß Jesus der Sohn Gottes war, ja tatsächlich der größte Mensch, der je lebte.

      Auch andere sind von den außergewöhnlichen Ereignissen überwältigt, und als sie sich auf den Heimweg machen, schlagen sie sich an die Brust als Zeichen dafür, daß sie zutiefst betrübt und beschämt sind. Viele Frauen, die Jünger Jesu sind, beobachten das Geschehen aus einiger Entfernung, und sie sind tief bewegt von diesen bedeutsamen Ereignissen. Der Apostel Johannes ist ebenfalls dort. Matthäus 27:45-56; Markus 15:33-41; Lukas 23:44-49; 2:34, 35; Johannes 19:25-30.

      ▪ Warum kann die dreistündige Dunkelheit nicht durch eine Sonnenfinsternis hervorgerufen worden sein?

      ▪ Welches vortreffliche Beispiel gibt Jesus kurz vor seinem Tod denjenigen, die betagte Eltern haben?

      ▪ Wie lauten die letzten vier Äußerungen Jesu, bevor er stirbt?

      ▪ Was bewirkt das Erdbeben, und was bedeutet es, daß der Vorhang des Tempels entzweigerissen wird?

      ▪ Wozu fühlt sich der für die Hinrichtung zuständige Offizier durch die Wunder bewogen?

  • Am Freitag bestattet — am Sonntag ein leeres Grab
    Der größte Mensch, der je lebte
    • Kapitel 127

      Am Freitag bestattet — am Sonntag ein leeres Grab

      AN DIESEM Freitag ist es inzwischen später Nachmittag geworden, und der bei Sonnenuntergang beginnende 15. Nisan ist ein Sabbat. Jesu Leichnam hängt schlaff am Pfahl; die beiden Räuber neben ihm leben dagegen noch. Der Freitag wird Vorbereitungstag genannt, da man dann die Mahlzeiten vorbereitet und andere dringende Arbeiten erledigt, die nicht bis nach dem Sabbat verschoben werden können.

      Der bald beginnende Sabbat ist kein gewöhnlicher Sabbat (der siebte Tag der Woche), sondern ein doppelter oder „großer“ Sabbat. Er wird so genannt, weil der 15. Nisan, der erste Tag des siebentägigen Festes der ungesäuerten Brote (und dieser ist immer ein Sabbat, ungeachtet auf welchen Wochentag er fällt), auf denselben Tag fällt wie der reguläre Sabbat.

      Gemäß Gottes Gesetz dürfen Leiber nicht über Nacht am Pfahl hängen gelassen werden. Deshalb bitten die Juden Pilatus, den Tod der Delinquenten dadurch zu beschleunigen, daß man ihnen die Beine bricht. Die Soldaten tun dies daher bei den beiden Räubern. Da Jesus offensichtlich schon tot ist, werden ihm die Beine nicht gebrochen. So erfüllt sich das Schriftwort: „Kein Knochen von ihm wird zermalmt werden.“

      Um allerdings jeden Zweifel auszuräumen, daß Jesus wirklich tot ist, stößt ihm einer der Soldaten einen Speer in die Seite. Der Speer dringt bis in die Herzgegend ein, und sofort kommt Blut und Wasser heraus. Der Apostel Johannes, der Augenzeuge davon ist, berichtet, daß sich dadurch eine weitere Schriftstelle erfüllt: „Sie werden auf DEN schauen, den sie durchstochen haben.“

      Die Hinrichtung beobachtet auch Joseph aus der Stadt Arimathia, ein geachtetes Mitglied des Sanhedrins. Er hatte dem ungerechten Vorgehen des obersten Gerichts gegen Jesus nicht zugestimmt. Joseph ist tatsächlich ein Jünger Jesu, obwohl er sich aus Furcht bisher noch nicht als solcher zu erkennen gegeben hat. Jetzt faßt er jedoch Mut, geht zu Pilatus und bittet ihn um den Leib Jesu. Pilatus läßt den verantwortlichen Offizier rufen, und nachdem dieser bestätigt hat, daß Jesus tot ist, überläßt Pilatus Joseph den Leib.

      Joseph nimmt den Leichnam und wickelt ihn zur Vorbereitung auf das Begräbnis in reine, feine Leinwand. Nikodemus, ein anderes Mitglied des Sanhedrins, hilft ihm dabei. Auch Nikodemus hat bisher noch nicht bekannt, daß er an Jesus glaubt, weil er befürchtete, seine Stellung zu verlieren. Doch nun bringt er eine Rolle, die etwa hundert römische Pfund (33 kg) Myrrhe und kostbare Aloe enthält. Jesu Leib wird mit Binden, zwischen die diese Gewürze gelegt werden, gebunden, so wie es bei den Juden Sitte ist, einen Leichnam für das Begräbnis vorzubereiten.

      Der Leib wird dann in Josephs neue Gedächtnisgruft gelegt, die in einem nahen Garten in den Fels gehauen war. Vor das Grab rollt man schließlich einen großen Stein. Um das Begräbnis vor Beginn des Sabbats zu vollenden, erfolgt die Vorbereitung des Leichnams in großer Hast. Daher eilen Maria Magdalene und Maria, die Mutter des Jakobus des Geringeren, die möglicherweise bei der Vorbereitung geholfen haben, nach Hause, um weitere Gewürze und wohlriechende Öle zu bereiten. Nach dem Sabbat wollen sie Jesu Leib weiter behandeln, damit dieser länger erhalten bleibt.

      Am nächsten Tag, dem Samstag (oder Sabbat), gehen die Oberpriester und die Pharisäer zu Pilatus und sagen: „Herr, wir haben uns daran erinnert, daß jener Betrüger, als er noch lebte, gesagt hat: ‚Nach drei Tagen werde ich auferweckt werden.‘ Daher gebiete, daß das Grab bis zum dritten Tag gesichert werde, damit nicht etwa seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: ‚Er ist von den Toten auferweckt worden!‘ und dieser letzte Betrug schlimmer werde als der erste.“

      „Ihr habt eine Wache“, erwidert Pilatus. „Geht und sichert es so, wie ihr es versteht.“ Da gehen sie hin und sichern das Grab, indem sie den Stein versiegeln und römische Soldaten als Wache aufstellen.

      Früh am Sonntagmorgen bringen Maria Magdalene und Maria, die Mutter des Jakobus, zusammen mit Salome, Johanna und anderen Frauen Gewürze zum Grab, um damit Jesu Leib zu behandeln. Unterwegs sagen sie zueinander: „Wer wird uns den Stein von der Türöffnung der Gedächtnisgruft wegwälzen?“ Doch bei ihrer Ankunft stellen sie fest, daß sich ein Erdbeben ereignet hat und daß Jehovas Engel den Stein weggerollt hat. Die Wache ist fort, und das Grab ist leer! Matthäus 27:57 bis 28:2; Markus 15:42 bis 16:4; Lukas 23:50 bis 24:3, 10; Johannes 19:14, 31-42; 20:1; 12:42; 3. Mose 23:5-7; 5. Mose 21:22, 23; Psalm 34:20; Sacharja 12:10.

      ▪ Warum wird der Freitag Vorbereitungstag genannt, und was ist ein „großer“ Sabbat?

      ▪ Welche Schriftworte erfüllen sich in Verbindung mit Jesu Leib?

      ▪ Was haben Joseph und Nikodemus mit dem Begräbnis Jesu zu tun, und welches Verhältnis haben sie zu Jesus?

      ▪ Was erbitten die Priester von Pilatus, und wie reagiert er darauf?

      ▪ Was geschieht am frühen Sonntagmorgen?

Deutsche Publikationen (1950-2025)
Abmelden
Anmelden
  • Deutsch
  • Teilen
  • Einstellungen
  • Copyright © 2025 Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania
  • Nutzungsbedingungen
  • Datenschutzerklärung
  • Datenschutzeinstellungen
  • JW.ORG
  • Anmelden
Teilen