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Hoffnung für BetroffeneErwachet! 2004 | 8. Januar
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Lucia, die in dieser Artikelserie bereits erwähnt wurde, ist dankbar für die ausgezeichnete medizinische Versorgung, die sie erhalten hat. Sie kommt zu dem Schluss: „Der Gang zum Spezialisten war für mich absolut wichtig. Ich lerne, mit den Hochs und Tiefs meiner Krankheit umzugehen und sie durchzustehen.“ Außerdem betont Lucia den Wert des Schlafs. „Bei Manien spielt Schlaf eine ganz wichtige Rolle“, erklärt sie. „Je weniger ich schlafe, desto aufgedrehter bin ich. Ich habe es mir angewöhnt, liegen zu bleiben und mich auszuruhen, auch wenn ich nicht einschlafen kann.“
Sheila, von der ebenfalls schon die Rede war, findet es gut, ein Tagebuch zu führen, in dem sie ihre Gefühle frei äußern kann. Sie ist sichtlich positiver geworden, obwohl gewisse Schwierigkeiten geblieben sind. „Wenn ich müde werde, kommen aus irgendeinem Grund negative Gedanken in mir hoch“, erklärt Sheila, „aber ich habe gelernt, sie ganz oder zumindest teilweise zu unterdrücken.“
Trost aus Gottes Wort
Die Bibel ist eine Hilfe und eine Kraftquelle für viele, die von „beunruhigenden Gedanken“ geplagt werden (Psalm 94:17-19, 22). Cherie zum Beispiel hat besonders aus Psalm 72:12, 13 Mut geschöpft. Dort sagt der Psalmist über den von Gott eingesetzten König Jesus Christus: „Er wird den Armen befreien, der um Hilfe ruft, auch den Niedergedrückten und jeden, der keinen Helfer hat. Es wird ihm Leid sein um den Geringen und den Armen, und die Seelen der Armen wird er retten.“ Auch die Worte des Apostels Paulus in Römer 8:38, 39 machten Cherie Mut: „Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben noch Engel noch Regierungen noch Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte noch Höhe noch Tiefe noch irgendeine andere Schöpfung imstande sein wird, uns von Gottes Liebe zu trennen.“
Elaine, die an einer bipolaren Störung leidet, betrachtet ihr Verhältnis zu Gott als einen Anker. Sie findet die folgenden Worte des Psalmisten sehr tröstlich: „Ein gebrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten“ (Psalm 51:17). „Es ist mir immer ein Trost gewesen, dass unser liebevoller himmlischer Vater Jehova uns versteht“, sagt sie. „Wenn ich im Gebet seine Nähe gesucht habe, hat mir das besonders in Zeiten voller Kummer und Sorgen immer Kraft gegeben.“
Mit einer Gemütskrankheit zu leben bedeutet für die Betroffenen ganz offensichtlich außergewöhnliche Herausforderungen. Cherie und Elaine haben jedoch festgestellt, dass das vertrauensvolle Gebet zu Gott und eine entsprechende Behandlung in ihrem Leben eine Wendung zum Positiven gebracht haben. Wie können nun Angehörige und Freunde jemandem helfen, der an einer bipolaren Störung oder einer Depression leidet?
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Hoffnung für BetroffeneErwachet! 2004 | 8. Januar
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[Kasten auf Seite 9]
Beobachtungen eines Ehemannes
„Bevor Lucia diese Krankheit bekam, waren viele von ihrer überaus verständnisvollen Art sehr angetan. Besucher fühlen sich jetzt noch durch die Wärme, die meine Frau in Phasen der Ruhe ausstrahlt, sichtlich angezogen. Die meisten wissen allerdings nicht, dass Lucia abwechselnd in extreme Depressionen und Manien verfällt. Sie sind Folgen einer bipolaren Erkrankung, an der sie nun seit vier Jahren leidet.
Während der manischen Phasen ist es nichts Ungewöhnliches, dass sie bis ein, zwei oder sogar drei Uhr nachts auf ist und den Kopf voller kreativer Ideen hat. Sie sprüht nur so über vor Energie. Bagatellen lassen sie überreagieren und sie gibt unkontrolliert Geld aus. Sie bringt sich in die gefährlichsten Situationen, weil sie denkt, nichts könne ihr moralisch, physisch oder sonst wie schaden. Mit dieser Impulsivität geht auch ein gewisses Selbstmordrisiko einher. Auf eine Manie folgt immer unmittelbar eine Depression, die an Stärke normalerweise der vorausgehenden Manie entspricht.
Mein Leben hat sich von Grund auf geändert. Obwohl Lucia in Behandlung ist, können wir nie sagen, ob wir heute oder morgen das Gleiche leisten können wie gestern. Das hängt ganz von den jeweiligen Umständen ab. Ich bin zwangsläufig flexibler geworden, flexibler, als ich es je für möglich gehalten hätte“ (Mario).
[Kasten/Bild auf Seite 11]
Wenn Medikamente verschrieben werden
Für manche ist die Einnahme von Medikamenten ein Zeichen von Schwäche. Betrachten wir jedoch folgendes Beispiel: Ein Diabetiker muss sich einer systematischen Behandlung unterziehen und vielleicht auch Insulinspritzen bekommen. Ist das aber als Versagen zu werten? Bestimmt nicht, sondern durch solche Maßnahmen wird lediglich der Nährstoffhaushalt des Körpers im Gleichgewicht gehalten, sodass weitere Schäden verhindert werden.
Ähnlich verhält es sich mit der Einnahme von Medikamenten bei Depressionen oder bipolaren Störungen. Ein Beratungsprogramm hat zwar vielen Patienten zu einem besseren Verständnis ihrer Krankheit verholfen, doch ist in dieser Hinsicht ein Wort zur Vorsicht angebracht. Wenn nämlich ein chemisches Ungleichgewicht im Körper vorliegt, kann die Krankheit nicht einfach durch logische Argumentation beseitigt werden. Steven, der an einer bipolaren Störung leidet, erzählt: „Die Ärztin, die mich behandelte, veranschaulichte das folgendermaßen: Man kann einem Fahrschüler so viele Fahrstunden geben, wie man will — sie würden kaum etwas nützen, wenn man ihn dann in ein Auto ohne Lenkrad oder Bremsen setzt. Genauso führt eine Beratung allein bei Menschen mit Depressionen möglicherweise nicht zum erhofften Erfolg. Ein wichtiger Schritt besteht darin, zunächst die Chemie im Gehirn ins Gleichgewicht zu bringen.“
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Wie andere helfen könnenErwachet! 2004 | 8. Januar
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Wie andere helfen können
KENNEN wir persönlich jemanden, der an Depressionen oder einer bipolaren Störung leidet? Wenn ja, wie können wir ihm helfen? D. J. Jaffe von der National Alliance for the Mentally Ill gibt folgenden guten Rat: „Halten Sie die Krankheit und den Kranken auseinander; hassen Sie die Krankheit und lieben Sie den Menschen.“
Susanna brachte die Liebe und Geduld auf, genau das zu tun. Eine ihrer Freundinnen litt an einer bipolaren Psychose. Susanna berichtet: „Zeitweise konnte sie es einfach nicht ertragen, wenn ich in ihrer Nähe war.“ Susanna überließ ihre Freundin nicht einfach sich selbst, sondern informierte sich eingehend über bipolare Störungen. „Ich weiß jetzt, wie sehr das Verhalten meiner Freundin durch ihre Krankheit bedingt war“, sagt Susanna. Sie findet es wirklich lohnend, wenn man sich die Mühe macht, den Kranken zu verstehen. „Es kann einem helfen, die wunderbare Person hinter der Krankheit noch mehr zu lieben und zu schätzen.“
Ist jemand aus der Familie erkrankt, braucht er dringend die volle Unterstützung seiner Angehörigen. Mario — er wurde in dieser Artikelserie bereits erwähnt — lernte diese Lektion schon früh. Seine Frau Lucia, von der ebenfalls schon die Rede war, leidet an einer bipolaren Störung. Mario erzählt: „Anfangs hat es mir geholfen, meine Frau zum Arzt zu begleiten und mich über diese seltsame Krankheit eingehend zu informieren, sodass ich schon ziemlich genau wusste, was da auf uns zukam. Lucia und ich sprachen auch viel miteinander und bewältigten nach und nach die verschiedenen Situationen, die sich im Lauf der Zeit einstellten.“
Unterstützung von der Christenversammlung
In der Bibel werden alle Christen ermahnt: „Redet bekümmerten Seelen tröstend zu, . . . seid langmütig gegen alle“ (1. Thessalonicher 5:14). Wie könnte das in der Praxis aussehen? Zunächst ist es wichtig, zu erkennen, ob sich jemand nicht wohl fühlt, weil sein Verhältnis zu Gott beeinträchtigt ist, oder ob er an einer Gemütskrankheit leidet. Der Schreiber des Bibelbuches Jakobus wies beispielsweise darauf hin, dass denen, die sich in geistiger Hinsicht ‘nicht wohl fühlen’, das Gebet helfen kann (Jakobus 5:14, 15). Jesus räumte jedoch ein, dass physisch Kranke einen Arzt brauchen (Matthäus 9:12). Es ist natürlich immer angebracht und hilfreich, bei Sorgen aller Art — auch gesundheitlichen — zu Jehova zu beten (Psalm 55:22; Philipper 4:6, 7). Allerdings wird in der Bibel nicht gesagt, bestehende medizinische Probleme würden allein durch vermehrte Bemühungen dieser Art beseitigt.
Christen, die ein gutes Urteilsvermögen besitzen, vermitteln also Depressiven nicht den Eindruck, sie seien an ihrem Leid selbst schuld. So etwas wäre ebenso wenig von Nutzen wie die Worte der falschen Tröster Hiobs (Hiob 8:1-6). In Wirklichkeit kann Depressionen oft erst durch eine ärztliche Behandlung abgeholfen werden. Das gilt besonders für schwere Depressionen, bei denen vielleicht sogar die Neigung zum Selbstmord besteht. In solchen Fällen ist ärztliche Hilfe unentbehrlich.
Dennoch können auch Mitchristen viel tun. Aber ohne Geduld geht das freilich nicht. Es kann zum Beispiel sein, dass Christen, die an einer Gemütskrankheit leiden, vor gewissen christlichen Tätigkeiten besonders Angst haben. Diane, die an einer bipolaren Störung leidet, berichtet: „Für mich ist der Predigtdienst ein Kampf. Es fällt mir schwer, anderen von der guten, freudigen Botschaft der Bibel zu erzählen, wenn ich mich selbst nicht gut fühle und mir die Freude fehlt.“
Um solchen Menschen eine Hilfe zu sein, müssen wir uns bemühen, einfühlsam zu sein (1. Korinther 10:24; Philipper 2:4). Betrachten wir die Dinge möglichst nicht von unserer Warte, sondern aus der Sicht des Kranken. Belasten wir ihn auch nicht durch unvernünftige Erwartungen. Carl, der mit Depressionen zu kämpfen hat, stellt fest: „Wenn man mich so nimmt, wie ich jetzt bin, bekomme ich langsam wieder das Gefühl, dazuzugehören. Einige ältere Freunde haben mir mit viel Geduld geholfen, ein engeres Verhältnis zu Gott zu entwickeln und auch andere freudig dabei zu unterstützen.“
Wenn Kranken Mut gemacht wird, erleichtert das ihre schwierige Lage ganz erheblich. So erging es Brenda, einer Christin, die ebenfalls an einer bipolaren Störung leidet. Sie erzählt: „Die Brüder und Schwestern in der Versammlung waren wunderbar hilfsbereit und verständnisvoll, wenn ich Tiefs hatte, und sie gaben mir nie zu verstehen, dass mein Glaube nachgelassen hätte. Manchmal nahmen sie mich in den Predigtdienst mit und ließen mich einfach nur zuhören, oder sie hielten mir einen Platz im Königreichssaal frei, sodass ich kommen konnte, wenn alle schon saßen.“
Für Cherie, die an einer Depression leidet und im vorigen Artikel erwähnt wurde, war der Beistand liebevoller, einfühlsamer Ältester aus der Versammlung eine große Hilfe. Sie sagt: „Wenn mir die Ältesten versichern, dass mich Jehova liebt, wenn sie mir aus Gottes Wort, der Bibel, vorlesen und von Jehovas Vorsatz erzählen, von einem Paradies, in dem Frieden herrscht und es allen gut geht, wenn sie mit mir — manchmal sogar am Telefon — beten, dann fühle ich, wie eine Last von mir weicht. Ich weiß, dass mich Jehova und meine Brüder nicht fallen lassen, und das gibt mir Kraft.“
Angehörige und Freunde können durch sinnvolle Unterstützung ohne Zweifel sehr viel für das Wohlergehen der Betroffenen tun. „Ich denke, ich habe mein Leben jetzt ziemlich gut im Griff“, urteilt Lucia. „Mein Mann und ich haben uns sehr bemüht, alles gemeinsam durchzustehen, und nun laufen die Dinge besser als je zuvor.“
Viele Menschen, die mit einer der zahlreichen Gemütskrankheiten zu kämpfen haben, wissen, wie langwierig der Kampf gegen diese schrecklichen Leiden ist. Doch in der Bibel heißt es über Gottes neue Welt: „Kein Bewohner wird sagen: ‚Ich bin krank‘ “ (Jesaja 33:24). All die bedrückenden Gebrechen und Krankheiten, die heutzutage so viele Menschen plagen, werden dann verschwunden sein. Es wird einem wirklich warm ums Herz, wenn man über Gottes Verheißung von dieser neuen Welt nachdenkt, einer Welt, in der alle Krankheiten — auch Gemütskrankheiten — für immer und ewig vergangen sein werden. Dann, so sagt die Bibel, wird weder „Trauer noch Geschrei noch Schmerz mehr sein“ (Offenbarung 21:4).
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