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Wenn man von einer Krankheit überwältigt wirdErwachet! 2001 | 22. Januar
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Wenn man von einer Krankheit überwältigt wird
„Es war wie ein Keulenschlag“ (John, nachdem er erfahren hatte, daß er Invalide werden würde).
„Ich hatte Angst“ (Beth, als ihr die Schwere ihrer Krankheit bewußt wurde).
ZU DEN schmerzhaftesten Erlebnissen im Leben eines Menschen gehört es, zu erfahren, daß man chronisch krank ist und dadurch stark eingeschränkt sein wird oder daß man auf Grund von Unfallverletzungen bleibend behindert sein wird. Ob dem Patienten der Befund in einem ruhigen Sprechzimmer mitgeteilt wird oder ob jemand in der Hektik einer Notaufnahme erfährt, daß er behindert sein wird, wahrscheinlich wird er es einfach nicht glauben können. Die meisten sind kaum darauf vorbereitet, mit den heftigen Gefühlen fertig zu werden, die sie überwältigen, wenn das Leben von einer schweren Krankheit erschüttert wird.
Um denjenigen eine Hilfe zu bieten, die selbst vor kurzem einen solchen Schlag erlitten haben, hat Erwachet! mit Betroffenen in verschiedenen Ländern gesprochen, denen es schon viele Jahre gelingt, mit einer chronischen Krankheit oder einer Behinderung und deren Folgen zurechtzukommen. Sie wurden um Auskunft zu Fragen gebeten wie: Welche Gefühle hat man? Welche Hilfen gab es, um mit dem Problem fertig zu werden und wieder das Gleichgewicht zu erlangen? Welche Schritte haben geholfen, das Leben wieder in den Griff zu bekommen? Zum Nutzen chronisch Kranker möchten wir diese Erfahrungen aus erster Hand sowie einige Resultate wissenschaftlicher Untersuchungen über die Auswirkungen chronischer Krankheiten weitergeben.a
[Fußnote]
a Diese Artikelserie richtet sich in erster Linie an Kranke oder Behinderte. Dagegen enthält die Artikelserie „Chronisch krank! Als Familie mit der Situation zurechtkommen“ (Erwachet! vom 22. Mai 2000) Informationen besonders für diejenigen, die sich um Kranke kümmern.
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In einem Strudel der Gefühle gefangenErwachet! 2001 | 22. Januar
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In einem Strudel der Gefühle gefangen
„ALS man mir sagte, ich hätte eine lebensbedrohliche Krankheit, versuchte ich, meine Befürchtungen zu verdrängen, aber das Gefühl der Ungewißheit hat mich zermürbt“, erinnert sich ein älterer Mann. Seine Worte unterstreichen die Tatsache, daß eine Krankheit den Betroffenen nicht nur in körperlicher, sondern auch in emotionaler Hinsicht angreift. Dennoch gibt es Menschen, die gut mit solchen Angriffen zurechtkommen. Viele von ihnen bestätigen gern, daß es gelingen kann, einer chronischen Krankheit entgegenzutreten. Doch bevor wir uns damit beschäftigen, was man machen kann, wollen wir uns einigen Gefühlen zuwenden, mit denen neu Betroffene wahrscheinlich konfrontiert werden.
Unglaube, Nichtwahrhabenwollen, Dysphorie
Die Gefühle können sich von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden. Nichtsdestoweniger stellen Fachleute und Betroffene fest, daß Personen, die plötzlich schwer erkranken, oft dieselben Gefühle durchleben. Als erstes sind sie wahrscheinlich schockiert und können es nicht glauben, doch dann wollen sie einfach nicht wahrhaben, was mit ihnen los ist: „Das kann nicht wahr sein.“ „Da muß irgendein Fehler passiert sein.“ „Bestimmt hat jemand die Laborergebnisse verwechselt.“ Eine Frau beschreibt die Gefühle, die sie in dem Moment hatte, als sie erfuhr, daß sie krebskrank ist, wie folgt: „Man will sich am liebsten die Bettdecke über den Kopf ziehen in der Hoffnung, daß alles nur ein böser Traum ist.“
Wenn man anfängt, die Wirklichkeit zu begreifen, wird das Nichtwahrhabenwollen vielleicht von Dysphorie abgelöst, einem bedrückenden Gefühl, das einen überschattet wie eine böse Vorahnung. „Wie lange habe ich noch zu leben?“ „Werde ich den Rest meines Lebens Schmerzen haben?“ Diese und ähnliche Fragen mögen auf den Kranken einstürzen, und er wünscht sich vielleicht zurück in die Zeit vor der Diagnose, aber das ist unmöglich. Vermutlich brechen bald noch andere schmerzliche und heftige Gefühle wie eine Sturzflut über ihn herein. Welche Gefühle gehören dazu?
Ungewißheit, Sorge, Angst
Durch eine schwere Krankheit treten plötzlich große Ungewißheit und Sorge ins Leben. „Das Unvorhersehbare meiner Situation frustriert mich manchmal ungemein“, sagt ein Parkinson-Patient. „Ich kann immer nur abwarten und schauen, was der neue Tag bringt.“ Eine Krankheit kann auch angst machen. Falls sie plötzlich und unerwartet auftritt, mag die Angst einen niederschmettern. Wurde die Krankheit allerdings erst erkannt, nachdem falsch gedeutete Symptome schon jahrelang Probleme bereitet haben, kann die Angst heimtückischer sein. Anfangs ist man vielleicht sogar etwas erleichtert, weil andere einem endlich glauben, daß man wirklich krank ist und sich nicht nur etwas einbildet. Aber sobald einem die Tragweite der Diagnose bewußt wird, weicht das Gefühl der Erleichterung vermutlich der Ernüchterung und Angst.
Vielleicht fürchtet man auch einen etwaigen Kontrollverlust. Besonders Menschen, die eine gewisse Unabhängigkeit schätzen, erschrecken wahrscheinlich bei dem Gedanken, mehr und mehr von anderen abhängig zu werden. Sie fürchten womöglich, die Krankheit werde anfangen, das Leben zu beherrschen und jeden Schritt zu bestimmen.
Zorn, Scham, Einsamkeit
Ein zunehmender Kontrollverlust kann auch Gefühle des Zorns auslösen. Womöglich fragt man sich: „Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient?“ Dieser Schlag gegen die Gesundheit scheint so unfair und sinnlos zu sein. Scham und Verzweiflung mögen ebenfalls über einen hereinbrechen. Ein gelähmter Mann erinnert sich: „Wie sehr ich mich dafür schämte, daß mir das alles wegen eines dummen Unfalls widerfahren ist!“
Unter Umständen wird man immer einsamer. Wer sich räumlich absondert, gerät leicht in soziale Isolation. Wenn jemand durch eine Krankheit ans Haus gefesselt ist, kann er vielleicht nicht mehr mit alten Freunden zusammenkommen. Doch mehr als jemals zuvor sehnt man sich nach Kontakt zu Menschen. Nachdem zuerst ständig Besucher gekommen sind und viele angerufen haben, schauen später womöglich immer weniger vorbei oder rufen an.
Es ist eine schmerzliche Erfahrung, wenn sich Freunde zurückziehen, und mancher hat sich deswegen vielleicht abgekapselt. Es ist natürlich verständlich, daß man erst einmal niemand sehen möchte. Zieht man sich in dieser Phase jedoch immer mehr von anderen zurück, besteht die Gefahr, von der sozialen Isolation (man bekommt keinen Besuch) in die emotionale Isolation (man wünscht keinen Besuch) abzurutschen. In beiden Fällen mag man sich schrecklich einsam fühlen.a Manch einer fragt sich vielleicht ab und zu, wie er den nächsten Tag überleben soll.
Von anderen lernen
Dennoch gibt es Hoffnung. Wer vor kurzem von einer gesundheitlichen Krise erfaßt worden ist, kann durch praktische Schritte sein Leben wieder in gewissem Umfang in den Griff bekommen.
Durch diese Artikelserie können die Probleme, die eine chronische Krankheit, welcher Art auch immer, bereitet, sicherlich nicht beseitigt werden. Dennoch mögen die dargelegten Informationen dabei helfen, Mittel und Wege zu finden, damit zurechtzukommen. Eine Frau, die an Krebs leidet, beschreibt, welche Gefühle sie durchmachte: „Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, dann kam großer Zorn, und dann erst begann ich, nach meinen Möglichkeiten zu suchen.“ Man kann sich ebenfalls auf die Suche machen und von Menschen, die bereits das gleiche erlebt haben, lernen, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen.
[Fußnote]
a Selbstverständlich erleben viele diese unterschiedlichen Gefühle in anderer Intensität und Reihenfolge.
[Herausgestellter Text auf Seite 5]
„Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient?“
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Trotz eines Gebrechens gut zurechtkommen — Wie?Erwachet! 2001 | 22. Januar
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Trotz eines Gebrechens gut zurechtkommen — Wie?
DIE Sturzflut der Gefühle, die wahrscheinlich über einen hereinbricht, ist völlig verständlich und berechtigt. Obwohl man unleugbar krank oder behindert ist, will man einfach nicht wahrhaben, daß durch die Krankheit vieles anders wird. Vielleicht kommt es einem so vor, als befände man sich mit der Krankheit in einem Tauziehen, in einem Wettstreit zwischen dem Menschen, der man einmal war, und dem, der man werden könnte. Und momentan scheint die Krankheit die Oberhand zu haben. Aber das Blatt läßt sich wenden. Wie?
„Ein Verlust durch Krankheit wird fast so wie ein Verlust durch den Tod empfunden“, sagt Dr. Kitty Stein. Für jemand, der etwas so Wertvolles wie die Gesundheit verloren hat, ist es also ganz normal, eine Weile zu trauern und zu weinen, beinahe so, als ob ein lieber Mensch gestorben wäre. Der Betreffende mag sogar mehr als die Gesundheit verloren haben. Eine Frau erklärte: „Ich mußte meine Arbeit aufgeben. . . . Ich mußte die Unabhängigkeit aufgeben, die ich immer genossen habe.“ Dennoch ist es wichtig, das Verlorene richtig einzuordnen. Dr. Stein, die selbst an multipler Sklerose leidet, sagt weiter: „Verlorenes muß betrauert werden, aber man sollte sich auch der verbliebenen Möglichkeiten bewußt sein.“ Ist die tränenreiche Anfangszeit erst einmal durchgestanden, gilt es zu entdecken, was einem tatsächlich alles noch möglich ist — beispielsweise, sich anzupassen.
Ein Segler kann zwar einen Sturm nicht beeinflussen, aber er kann ihn durch Anpassung der Segel abwettern. Ebenso kann ein Mensch an der Krankheit, die wie ein Sturm über ihn hereingebrochen ist, eventuell nichts ändern, aber er kann damit zurechtkommen, wenn er seine „Segel“, das heißt seine körperlichen, geistigen und emotionalen Möglichkeiten, richtig nutzt. Was hat anderen chronisch Kranken geholfen, das zu tun?
Sich über seine Krankheit informieren
Ist nach der Diagnose der erste Schreck vorüber, denken viele, daß es besser ist, die schmerzliche Wahrheit zu kennen, als mit einer unterschwelligen Angst zu leben. Zu verstehen, was vor sich geht, statt vor Angst wie gelähmt zu sein, erleichtert es eventuell, sich mögliche Schritte zu überlegen — und das allein wirkt sich oft schon positiv aus. „Sorgen sind viel besser zu verkraften, wenn man einen Plan entwickelt, mit ihnen umzugehen“, sagt Dr. David Spiegel von der Stanford-Universität. „Schon lange bevor man überhaupt etwas unternimmt, wird das Unbehagen dadurch nachlassen, daß man überlegt, was zu tun ist.“
Vielleicht möchte man mehr über das Leiden wissen. „Ein Mann von Erkenntnis verstärkt Kraft“, heißt es in der Bibel (Sprüche 24:5). Ein bettlägeriger Patient rät: „Man kann sich Bücher ausleihen und versuchen, soviel wie möglich über seine Krankheit zu lernen.“ Sich über die verfügbaren Behandlungsmethoden zu informieren sowie über Methoden, mit der Krankheit zurechtzukommen, mag manchen erkennen lassen, daß es gar nicht so schlimm um ihn steht, wie er befürchtet hat. Möglicherweise findet man sogar Gründe, optimistisch zu sein.
Die eigene Krankheit zu verstehen ist aber nicht das eigentliche Ziel. Dr. Spiegel erklärt: „Das Sammeln von Informationen ist Teil eines wichtigen Prozesses, der darin besteht, die Krankheit zu akzeptieren, sie zu begreifen und richtig einzuordnen.“ Hinzunehmen, daß das Leben sich zwar geändert hat, aber dennoch weitergeht, ist ein heikler und oft langwieriger Vorgang. Doch dieser Schritt nach vorn — die Krankheit nicht nur zu verstehen, sondern sie auch gefühlsmäßig hinzunehmen — ist möglich. Wie?
Das innere Gleichgewicht finden und bewahren
Möglicherweise muß man seine Ansicht darüber ändern, was es heißt, eine Krankheit hinzunehmen. Zu akzeptieren, daß man krank ist, bedeutet keineswegs, daß man gescheitert ist, genausowenig wie ein Segler versagt hat, weil er erkennt, daß er in einen Sturm geraten ist. Aber eine realistische Einschätzung des Sturms wird ihn veranlassen zu handeln. Eine Krankheit hinzunehmen ist also kein Versagen, sondern es bedeutet, wie eine chronisch kranke Frau es nannte, „einen anderen Kurs einzuschlagen“.
Wenn man auch körperlich nachgelassen hat, mag es nötig sein, sich daran zu erinnern, daß die psychischen, emotionalen und geistigen Qualitäten dadurch nicht unbedingt beeinträchtigt werden. Wahrscheinlich hat man weder seine Intelligenz noch die Fähigkeit, zu planen und zu argumentieren, eingebüßt. Das freundliche Lächeln, die aufrichtige Sorge um andere sowie die Kunst, ein guter Zuhörer und ein wahrer Freund zu sein, sind wahrscheinlich immer noch vorhanden. Das trifft vor allem auf den Glauben an Gott zu.
Außerdem ist es gut, daran zu denken, daß die persönlichen Umstände zwar größtenteils nicht zu ändern sind, die Reaktion darauf aber immer noch von einem selbst abhängt. Irene Pollin vom amerikanischen Krebsinstitut stellt fest: „Der Patient ist selbst dafür verantwortlich, wie er auf seine Krankheit reagiert. Diese Macht hat jeder, ganz gleich, wie die Krankheit sich sonst auswirkt.“ Helen, eine 70jährige Frau mit multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium, kann das bestätigen: „Ob man sein Gleichgewicht wiederfindet, hängt weniger von der Krankheit an sich ab als von der Reaktion darauf.“ Ein Mann, der seit einigen Jahren behindert ist, sagt: „Eine positive Einstellung ist wie der Kiel, der das Boot vor dem Kentern bewahrt.“ Tatsächlich heißt es in Sprüche 18:14: „Der Geist eines Mannes kann seine langwierige Krankheit ertragen; was aber einen niedergeschlagenen Geist betrifft, wer kann ihn tragen?“
Die Kontrolle zurückgewinnen
Wenn das emotionale Gleichgewicht wiederhergestellt ist, lautet die Frage wahrscheinlich nicht mehr: „Warum mußte mir das passieren?“, sondern eher: „Was werde ich angesichts dessen tun, daß mir das nun einmal passiert ist?“ An diesem Punkt angelangt, nimmt man sich vielleicht weitere Schritte vor, um aus der jetzigen Situation herauszukommen. Betrachten wir einige solche Schritte.
Die Lage beurteilen, überlegen, welche Änderungen nötig sind, und versuchen, mögliche Änderungen vorzunehmen. „Die Krankheit ist kein Totengeläut, sondern ein Weckruf, der die Gelegenheit bietet, das Leben neu zu bewerten“, sagt Dr. Spiegel. Fragen wie: „Was war mir wichtig, bevor ich krank wurde? Hat sich daran etwas geändert?“ sollten nicht dazu dienen, die verlorenen, sondern die vorhandenen Möglichkeiten herauszufinden, selbst wenn man jetzt manches anders angehen muß. Kehren wir noch einmal zu dem Beispiel von Helen zurück.
In den letzten 25 Jahren wurden ihre Muskeln durch die multiple Sklerose immer schwächer. Zuerst benutzte sie einen Stock, um weiterhin gehen zu können. Als die rechte Hand ihr mit der Zeit nicht mehr gehorchte, benutzte sie die linke. Dann versagte auch die linke Hand den Dienst. Seit etwa 8 Jahren kann sie überhaupt nicht mehr gehen. Heute müssen andere sie waschen, anziehen und ihr zu essen geben. Obwohl sie deshalb traurig ist, sagt sie: „Mein Motto ist und bleibt: ‚Denke an das, was du machen kannst, und nicht an das, was du einmal machen konntest.‘ “ Mit der Unterstützung ihres Mannes, der Krankenschwestern, die sie zu Hause versorgen, und dank ihres Einfallsreichtums schafft sie es immer noch, einiges von dem zu tun, was ihr stets Freude bereitet hat. Beispielsweise gehört es seit dem 11. Lebensjahr zu ihrem Leben, mit anderen über die biblische Verheißung einer friedlichen neuen Welt zu sprechen, und das macht sie auch heute noch jede Woche. Wie schafft sie das?
„Ich bitte eine der Krankenschwestern, die sich um mich kümmern, mir die Zeitung zu halten. Wir lesen gemeinsam die Todesanzeigen und wählen einige aus. Dann sage ich der Pflegerin, welche Gedanken ich gerne in einem Brief an die Hinterbliebenen erwähnen würde, und sie tippt dann den Brief für mich. Zusammen mit dem Brief sende ich ihnen die Broschüre Wenn ein geliebter Mensch gestorben ista, in der die tröstliche biblische Hoffnung der Auferstehung erklärt wird. Das mache ich jeden Sonntagnachmittag. Ich freue mich, daß ich anderen immer noch die gute Botschaft von Gottes Königreich überbringen kann.“
Sich vernünftige und erreichbare Ziele setzen. Warum versucht Helen, zu ändern, was sich ändern läßt? Weil sie sich dadurch Ziele setzen und sie erreichen kann. Das ist für jeden wichtig. Wieso? Wer sich Ziele setzt, schaut nach vorn, in die Zukunft, und das Erreichen der Ziele verschafft einem ein Erfolgserlebnis. Dadurch kann auch das Selbstvertrauen gestärkt werden. Allerdings sollte man sich ein klares Ziel setzen. Zum Beispiel mag man beschließen: „Heute werde ich ein Kapitel in der Bibel lesen.“ Auch müssen die persönlichen Ziele realistisch sein. Die Körperkräfte und die Gemütsverfassung sind nicht bei allen chronisch Kranken gleich, und nicht jeder wird dasselbe schaffen können (Galater 6:4).
„Ganz gleich, wie bescheiden ein Ziel erscheinen mag, es zu erreichen ist ein Ansporn, noch mehr zu tun“, sagt Lex, der in den Niederlanden lebt. Seit einem Unfall, den er vor über 20 Jahren als 23jähriger hatte, ist er gelähmt. Bei den zahlreichen physiotherapeutischen Behandlungen wurde ihm eingeschärft, sich Ziele zu setzen, wie etwa sich das Gesicht mit einem Waschlappen zu waschen. Es war mühsam, doch er schaffte es. Als es ihm gelungen war, dieses Ziel zu erreichen, setzte er sich ein weiteres: ohne Hilfe eine Zahnpastatube auf- und zuzuschrauben. Wieder schaffte er es. Er sagt: „Es war zwar nicht einfach, aber ich merkte, daß ich mehr tun konnte, als ich gedacht hatte.“
Mit Hilfe seiner Frau Tineke erreichte Lex sogar noch größere Ziele. Heute macht er sich, begleitet von seiner Frau, im Rollstuhl auf den Weg von Haus zu Haus, um mit den Menschen über das zu sprechen, was er aus der Bibel gelernt hat. Außerdem besucht er jede Woche einen sehr schwer behinderten Mann, um ihn aufzumuntern und mit ihm die Bibel zu studieren. „Es ist sehr befriedigend, anderen zu helfen“, sagt Lex. Die Bibel bestätigt, daß ‘Geben beglückender ist als Empfangen’ (Apostelgeschichte 20:35).
Warum sich nicht ebenfalls das Ziel setzen, anderen Menschen zu helfen? Die eigene Krankheit oder Behinderung mag einem helfen, wirklichen Trost zu spenden, weil man dadurch noch feinfühliger für das Leid anderer wird.
Sich nicht zurückziehen. Medizinische Untersuchungen zeigen, daß soziale Kontakte gesundheitsfördernd sind. Das Gegenteil trifft jedoch auch zu. „Der Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und der Sterbeziffer ist so . . . eng wie der Zusammenhang zwischen dem Rauchen . . . und der Sterbeziffer“, stellte ein Forscher fest. Weiter sagte er: „Die sozialen Beziehungen zu verbessern kann so wichtig für die Gesundheit sein, wie das Rauchen aufzugeben.“ Kein Wunder, daß er zu dem Schluß kam, unsere Fähigkeit, soziale Kontakte zu pflegen, sei „überlebenswichtig“ (Sprüche 18:1).
Wie jedoch im vorhergehenden Artikel erwähnt wurde, haben einige Freunde vielleicht ihre Besuche eingestellt. Zum eigenen Vorteil muß man sich gegen die zunehmende Isolation wehren. Nur wie? Man könnte damit anfangen, seine Freunde zu sich einzuladen.
Einen angenehmen Besuch ermöglichen.b Nicht immer nur über die Krankheit zu sprechen kann bewirken, daß die Besucher dessen nicht überdrüssig werden. Eine chronisch kranke Frau hat dieses Problem dadurch gelöst, daß sie sich mit ihrem Mann nicht länger als eine festgesetzte Zeit über ihre Krankheit unterhält. „Wir mußten es einfach einschränken“, sagt sie. Die eigene Krankheit braucht wirklich nicht alle anderen Gesprächsthemen zu ersticken. Nach einem Gespräch über Kunst, Geschichte und persönliche Gründe für den Glauben an Jehova Gott sagte der Besucher eines bettlägerigen Mannes über seinen Freund: „Er läßt sich nicht von seiner Krankheit beherrschen. Wir haben uns prima unterhalten.“
Sich einen gesunden Humor zu bewahren trägt ebenfalls dazu bei, daß Freunde gern mal vorbeikommen. Abgesehen davon, nützt das Lachen einem selbst. „Humor hilft, in vielen Situationen und mit vielen Situationen zurechtzukommen“, sagte ein Parkinson-Patient. Lachen kann wirklich gute Medizin sein. In Sprüche 17:22 heißt es: „Ein Herz, das freudig ist, tut Gutes als Heiler.“ Schon ein paar Minuten zu lachen tut gut. Darüber hinaus „hat Lachen im Gegensatz zu anderen Mitteln keine Nebenwirkungen, ist ungiftig und macht Spaß“, schreibt Susan Milstrey Wells, die selbst chronisch krank ist. „Außer schlechter Laune gibt es dabei nichts zu verlieren.“
Den Streß vermindern. Untersuchungen bestätigen, daß die körperlichen Symptome einer Krankheit durch Streß noch verschlimmert werden können, wohingegen sie durch verminderten Streß erträglicher werden. Schon deshalb sind gelegentliche Pausen angebracht (Prediger 3:1, 4). Das Leben sollte sich nicht einzig und allein um die Krankheit drehen. Falls man nicht aus dem Haus gehen kann, löst es vielleicht innere Spannungen, wenn man sich ruhige Musik anhört, ein Buch liest, ein ausgedehntes Bad nimmt, Briefe oder Gedichte schreibt, ein Bild malt, Musik macht, mit einem vertrauten Freund spricht oder etwas Ähnliches unternimmt. Dadurch schafft man zwar keine dauerhafte Lösung für sein Problem, aber es mag zu zeitweiliger Entspannung beitragen.
Wer beweglicher ist, kann einen Spaziergang machen oder einkaufen gehen, im Garten arbeiten, einen Ausflug machen oder, falls möglich, sogar verreisen. Natürlich mag es durch die Krankheit komplizierter werden zu reisen, aber mit entsprechender Vorbereitung und etwas Improvisation können Hindernisse überwunden werden. Lex und Tineke, die bereits erwähnt wurden, schafften es beispielsweise, eine Auslandsreise zu machen. „Zuerst waren wir etwas angespannt, doch dann hatten wir einen tollen Urlaub“, erzählt Lex. Die Krankheit mag zum Leben gehören, sie muß aber nicht das ganze Leben beherrschen.
Aus dem Glauben Kraft schöpfen. Wahre Christen, die trotz einer schweren Krankheit oder Behinderung gut zurechtkommen, bestätigen, daß ihr Glaube an Jehova Gott sowie die Gemeinschaft in der Christenversammlung ihnen beständig Trost und Kraft geben.c Es folgen einige Äußerungen über den Wert, den das Gebet, das Bibelstudium, das Nachsinnen über die Zukunft und der Besuch christlicher Zusammenkünfte im Königreichssaal haben.
● „Gelegentlich bin ich noch niedergeschlagen. Dann bete ich zu Jehova, und er erneuert meine Entschlossenheit, weiterhin das zu tun, was ich kann“ (Psalm 55:22; Lukas 11:13).
● „In der Bibel zu lesen und über das Gelesene nachzudenken hilft mir wirklich, meinen inneren Frieden zu bewahren“ (Psalm 63:6; 77:11, 12).
● „Das Bibelstudium erinnert mich daran, daß das wirkliche Leben noch vor mir liegt und daß ich nicht für immer behindert sein werde“ (Jesaja 35:5, 6; Offenbarung 21:3, 4).
● „An die in der Bibel verheißene Zukunft zu glauben gibt mir die Kraft, das Leben Tag für Tag zu bewältigen“ (Matthäus 6:33, 34; Römer 12:12).
● „Die Zusammenkünfte im Königreichssaal helfen mir, mich auf positive Gedanken zu konzentrieren statt auf meine Krankheit“ (Psalm 26:12; 27:4).
● „Durch den ermunternden Umgang mit Glaubensbrüdern wird mir warm ums Herz“ (Apostelgeschichte 28:15).
Die Bibel sichert uns zu: „Jehova ist gut, eine Feste am Tag der Bedrängnis. Und er weiß um die, die Zuflucht bei ihm suchen“ (Nahum 1:7). Ein enges Verhältnis zu Jehova Gott und die Gemeinschaft mit der Christenversammlung schenken Trost und Kraft (Römer 1:11, 12; 2. Korinther 1:3; 4:7).
Sich Zeit lassen
Mit einer schweren Krankheit oder einer Behinderung gut zurechtzukommen „kostet Zeit und geht nicht von heute auf morgen“, wie eine Sozialarbeiterin sagte, die Betroffenen hilft, mit langfristigen Erkrankungen umzugehen. Ein anderer Fachmann rät, sich Zeit zu lassen, denn es gelte, „eine ganz neue Fertigkeit zu erwerben: den Umgang mit einer schweren Krankheit“. Man sollte sich darüber im klaren sein, daß es trotz einer optimistischen Einstellung schwere Zeiten geben wird, in denen die Krankheit einen tage- oder wochenlang besonders bedrückt. Mit der Zeit mag sich das jedoch bessern. So erging es einer Frau, die sagte: „Ich habe mich so gefreut, als ich merkte, daß ich einen ganzen Tag lang nicht an Krebs gedacht habe. . . . Vor einiger Zeit hätte ich das niemals für möglich gehalten.“
Sind die ersten Ängste überwunden und hat man sich neue Ziele gesetzt, wird man vielleicht ganz überrascht sein, wie gut es einem gelingt zurechtzukommen — wie der folgende Artikel zeigt.
[Fußnoten]
a Herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft.
b Die Vorschläge für das Verhalten gegenüber Besuchern gelten natürlich mindestens genauso für den Umgang mit dem Ehepartner, den Kindern oder dem Pflegepersonal.
c Interessanterweise wurde in verschiedenen medizinischen Studien festgestellt, daß der Glaube die Gesundheit und das Wohlbefinden fördert. Laut Professor Dale Matthews von der medizinischen Fakultät der Universität Georgetown „hat es sich erwiesen, daß der Faktor Glaube wertvoll ist“.
[Bild auf Seite 7]
Sich über die Krankheit zu informieren kann helfen, sie zu akzeptieren
[Bild auf Seite 8]
Helen schreibt mit der Hilfe anderer ermunternde Briefe
[Bild auf Seite 8]
„Anderen Menschen die gute Botschaft von Gottes Königreich mitzuteilen macht mich glücklich“
[Bilder auf Seite 9]
„Ich habe festgestellt, daß ich trotz meiner Lähmung mehr tun kann, als ich dachte“ (Lex)
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Mit Rückschlägen fertig werden, indem man sich Ziele setztErwachet! 2001 | 22. Januar
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Mit Rückschlägen fertig werden, indem man sich Ziele setzt
DIE Eheleute William (Bill) und Rose Meiners wohnen in New York in der Nähe des LaGuardia-Flughafens. Besucher werden von Rose, einer liebenswürdigen Gastgeberin in den Siebzigern, sehr herzlich willkommen geheißen. In der Wohnung fällt einem sofort das gemütliche Wohnzimmer auf, das ihr heiteres Gemüt widerspiegelt. Die schön arrangierten Blumen bei der Tür und die farbenfrohen Gemälde an der Wand vermitteln ein Gefühl von Lebensfreude.
In dem hellen Zimmer nebenan steht das Bett von Bill, der schon 77 Jahre alt ist. Bill liegt im Bett, den Rücken durch eine verstellbare Matratze gestützt. Beim Anblick des Besuchers leuchten seine Augen auf, und ein breites Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht. Gern würde er aufstehen, dem Besucher die Hand schütteln und ihn umarmen, aber er kann nicht. Mit Ausnahme des linken Armes ist Bill vom Hals an abwärts gelähmt.
Seit seinem 27. Lebensjahr hat Bill gesundheitliche Schwierigkeiten. Was hat ihm geholfen, mehr als 50 Jahre mit Krankheiten zurechtzukommen? Bill und Rose wechseln verschmitzte Blicke. „Wer soll hier krank sein?“ fragt Rose und fängt an, herzhaft zu lachen. Bills Augen funkeln vergnügt; er lacht vor sich hin und nickt beifällig. „Hier ist niemand krank“, sagt er langsam mit kehliger Stimme. Rose und Bill scherzen weiter miteinander, und binnen kurzem haben sie mich mit ihrem Lachen angesteckt. Man merkt deutlich, daß ihre Liebe immer noch so lebendig ist wie im September 1945, als sie sich kennenlernten. Auf die neuerliche Frage: „Ganz im Ernst, Bill, welche Rückschläge gab es? Wie ist es dir gelungen, zurechtzukommen und das Leben positiv zu sehen?“ läßt er sich noch etwas bitten, doch dann willigt er ein, seine Geschichte zu erzählen. Es folgen Auszüge aus mehreren Gesprächen, die Erwachet! mit Bill und seiner Frau führte.
Wie es anfing
Im Oktober 1949 — drei Jahre nachdem er Rose geheiratet hatte und drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter Vicki — wurde Bill eröffnet, daß eines seiner Stimmbänder von Krebs befallen sei. Der Tumor wurde entfernt. Einige Monate später teilte Bills Arzt ihm die nächste schlechte Nachricht mit — jetzt war der ganze Kehlkopf vom Krebs angegriffen. „Man sagte mir, daß ich ohne eine Laryngektomie, das heißt ohne operative Entfernung des gesamten Kehlkopfes, nur noch zwei Jahre zu leben hätte.“
Bill und Rose wurde erklärt, was diese Operation bedeuten würde. Der Kehlkopf ist der Bereich von der Zungenwurzel bis zum Eingang der Luftröhre. Im Kehlkopf befinden sich zwei Stimmbänder. Wenn die Luft aus der Lunge an ihnen vorbeiströmt, vibrieren sie und erzeugen so die Stimme. Bei Entfernung des Kehlkopfes wird das obere Ende der Luftröhre mit einer dauerhaften Öffnung verbunden, die sich an der Vorderseite des Halses befindet. Nach der Operation atmet der Patient durch diese Öffnung, seine Stimme hat er allerdings verloren.
„Als mir das alles erklärt wurde, war ich wütend“, sagt Bill. „Wir hatten eine kleine Tochter, ich hatte einen guten Beruf, wir hatten hohe Erwartungen an das Leben, doch jetzt mußten wir all unsere Hoffnungen begraben.“ Da eine Laryngektomie jedoch sein Leben retten könnte, stimmte Bill dem Eingriff zu. Er erinnert sich: „Nach der Operation konnte ich nicht schlucken und kein einziges Wort reden. Ich war stumm.“ Wenn Rose ihn besuchte, war es Bill nur mit Hilfe eines Notizblocks möglich, sich mit ihr zu verständigen. Das war eine schlimme Zeit. Um mit diesem Schlag fertig zu werden, mußten sie sich neue Ziele setzen.
Ohne Sprache und ohne Arbeit
Durch die Laryngektomie verlor Bill nicht nur die Fähigkeit zu sprechen, sondern auch noch seine Arbeit. Er hatte im Maschinenbau gearbeitet, doch weil er durch die Öffnung am Hals atmen mußte, hätten der Staub und die Dämpfe seine Lunge angreifen können. Er mußte sich eine andere Arbeit suchen. Immer noch unfähig zu sprechen, begann er eine Ausbildung als Uhrmacher. „Das war in etwa wie meine alte Arbeit“, sagt Bill. „Ich wußte, wie man Maschinenteile zusammensetzt, und als Uhrmacher setzt man ebenfalls Teile zusammen. Nur, daß die Teile keine 50 Pfund wogen!“ Gleich nach Abschluß der Uhrmacherschule fand er Arbeit als Uhrmacher. Ein Ziel war erreicht.
In der Zwischenzeit hatte Bill begonnen, Unterricht im Sprechen mit der „Speiseröhrenstimme“ zu nehmen. Bei dieser Art des Sprechens entsteht der Klang nicht durch die Stimmbänder, sondern durch Vibrationen in der Speiseröhre. Zuerst lernt man, Luft zu schlucken und sie in die Speiseröhre zu pressen. Dann läßt man durch kontrolliertes Aufstoßen die Luft entweichen. Dadurch wird der Eingang der Speiseröhre in Schwingungen versetzt. So entsteht ein kehliger Ton, der durch Mund und Lippen moduliert werden kann, so daß Wörter hörbar werden.
„Früher mußte ich nur aufstoßen, wenn ich zuviel gegessen hatte“, sagt Bill lächelnd, „aber jetzt mußte ich lernen, andauernd aufzustoßen. Anfangs konnte ich nur ein Wort auf einmal hervorbringen. Das ging ungefähr so: ‚[einatmen, schlucken, aufstoßen] Wie [einatmen, schlucken, aufstoßen] geht’s [einatmen, schlucken, aufstoßen] dir?‘ Das war nicht einfach. Dann hat mein Lehrer mir geraten, reichlich Ginger-ale zu trinken, weil die Kohlensäure mir helfen würde aufzustoßen. Immer wenn Rose mit Vicki spazierenging, habe ich ununterbrochen getrunken und gerülpst. Ich habe mich echt angestrengt.“
Obwohl es etwa 60 Prozent der Laryngektomie-Patienten nicht gelingt, das Sprechen mit der Speiseröhrenstimme zu erlernen, machte Bill Fortschritte. Vicki, die damals fast 2 Jahre alt war, zwang ihn unbewußt dazu. Bill erklärt: „Vicki sagte etwas zu mir, schaute mich an und wartete auf eine Antwort. Aber ich konnte kein einziges Wort erwidern. Sie redete weiter, und wieder erhielt sie keine Antwort. Verärgert sagte Vicki dann immer zu meiner Frau: ‚Mach, daß Papi mit mir spricht!‘ Ihre Worte versetzten mir einen Stich, und ich beschloß, wieder sprechen zu lernen.“ Zur Freude von Vicki, Rose und anderen schaffte Bill es. Ein weiteres Ziel war erreicht.
Ein neuer Schlag
Gegen Ende des Jahres 1951 standen Bill und Rose erneut vor einem Dilemma. Da die Ärzte fürchteten, der Krebs würde zurückkehren, rieten sie Bill zu einer Bestrahlung. Bill war einverstanden. Nach der Behandlung brannte er darauf, wieder am Leben teilzunehmen. Er wußte nicht, daß seiner Gesundheit bereits ein weiterer Schlag drohte.
Etwa ein Jahr verging. Dann fühlten sich Bills Finger eines Tages taub an. Später konnte er keine Treppen mehr steigen. Kurz darauf fiel er beim Gehen hin und konnte nicht mehr aufstehen. Untersuchungen ergaben, daß die Bestrahlung, die Bill erhalten hatte (damals konnten Bestrahlungen nicht so genau durchgeführt werden wie heute), das Rückenmark geschädigt hatte. Man teilte ihm mit, sein Zustand werde sich noch verschlechtern. Ein Arzt sagte ihm sogar, seine Überlebenschancen seien „keinen Pfennig wert“. Bill und Rose waren völlig niedergeschmettert.
Trotz allem versuchte Bill, sich auch dieses Mal nicht unterkriegen zu lassen, und ging für eine sechsmonatige physikalische Therapie ins Krankenhaus. Durch die Behandlung änderte sich für Bill zwar nichts am Krankheitsverlauf, was sich hingegen durch den Krankenhausaufenthalt änderte, war sein Lebensweg — eine Änderung, durch die er schließlich Jehova kennenlernte. Wie kam es dazu?
Die Frage nach dem Warum geklärt
Bill verbrachte die sechs Monate in einem jüdischen Krankenhaus in einem Zimmer zusammen mit 19 gelähmten Männern, die alle orthodoxe Juden waren. Jeden Nachmittag unterhielten sich die Männer über die Bibel. Bill, ein Baptist und regelmäßiger Kirchgänger, hörte einfach nur zu. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte er genug gehört, um zu schlußfolgern, daß der allmächtige Gott nur eine einzige Person sein kann und daß die Dreieinigkeitslehre der Bibel widerspricht. Die Folge war, daß Bill nicht mehr zur Kirche ging. Ihm wurde jedoch bewußt, daß Gott ihm den Weg weisen müßte, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden. „Ich bat Gott fortwährend, mir zu helfen“, sagt Bill, „und meine Gebete wurden erhört.“
Eines Samstags im Jahr 1953 kam Roy Douglas, der von Bills Lage gehört hatte, auf einen Besuch vorbei. Roy, ein älterer Zeuge Jehovas und ein ehemaliger Nachbar, schlug Bill vor, mit ihm die Bibel zu studieren, und Bill erklärte sich einverstanden. Das, was Bill in der Bibel und in dem Buch „Gott bleibt wahrhaftig“a las, öffnete ihm die Augen. Er sprach mit Rose über das Gelernte, worauf sie sich am Bibelstudium beteiligte. Sie erinnert sich: „In der Kirche hatte man uns gelehrt, Krankheiten seien eine Strafe Gottes, aber durch unser Studium der Bibel erkannten wir, daß das nicht stimmt. Wir waren sehr erleichtert.“ Bill erzählt weiter: „Als wir an Hand der Bibel die Ursache aller Schwierigkeiten, einschließlich meiner Krankheit, verstehen lernten und herausfanden, daß eine bessere Zukunft bevorsteht, konnten wir beide meinen Zustand besser ertragen.“ Im Jahr 1954 erreichten Bill und Rose ein weiteres Ziel. Sie ließen sich als Zeugen Jehovas taufen.
Weitere Anpassung
Zwischenzeitlich war Bills Lähmung so weit fortgeschritten, daß er nicht länger arbeiten konnte. Damit für den Lebensunterhalt gesorgt wäre, wurden die Rollen getauscht: Bill blieb zu Hause bei Vicki, und Rose fing an, bei dem Uhrenhersteller zu arbeiten — 35 Jahre lang.
„Mich um unsere Tochter zu kümmern hat mir große Freude bereitet“, erzählt Bill. „Der kleinen Vicki gefiel es auch. Voller Stolz verkündigte sie allen Leuten: ‚Ich kümmere mich um Papi!‘ Als sie später zur Schule ging, konnte ich ihr bei den Hausaufgaben helfen, und wir spielten auch oft zusammen. Außerdem war das eine schöne Gelegenheit, sie biblisch zu unterweisen.“
Die Zusammenkünfte im Königreichssaal zu besuchen trug ebenfalls zur Freude von Bill und seiner Familie bei. Er brauchte zwar eine Stunde, um von der Wohnung in den Königreichssaal zu humpeln, aber er versäumte die Zusammenkünfte nicht. Als Bill und Rose später in einem anderen Stadtteil wohnten, kauften sie sich ein kleines Auto, und Rose fuhr die Familie zum Saal. Obwohl Bill jeweils nur für kurze Zeit sprechen konnte, ließ er sich in die Theokratische Predigtdienstschule eintragen. Er erklärt: „Ich schrieb meine Ansprache auf, und ein anderer Bruder trug sie für mich vor. Hinterher gab mir der Schulaufseher Rat zu dem Inhalt.“
Verschiedene Glaubensbrüder unterstützten Bill auch dabei, regelmäßig am Predigtdienst teilzunehmen. Wer Bills Ergebenheit beobachtete, war daher nicht überrascht, als er in der Versammlung zum Dienstamtgehilfen ernannt wurde. Als seine Beine versagten und die Lähmung immer weiter fortschritt, mußte er zu Hause bleiben und wurde schließlich bettlägerig. Gelang es ihm, auch damit fertig zu werden?
Eine befriedigende Ablenkung
„Als ich nun den ganzen Tag zu Hause war, suchte ich nach einer Ablenkung“, sagt Bill. „Früher, bevor ich gelähmt war, habe ich gern fotografiert. Daher habe ich mir überlegt, es vielleicht einmal mit dem Malen von Bildern zu versuchen, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nichts gemalt hatte. Außerdem bin ich Rechtshänder, aber die ganze rechte Hand und zwei Finger der linken Hand waren gelähmt. Trotzdem kaufte Rose einen Stapel Bücher über Maltechniken. Ich las sie durch und versuchte dann, mit der Linken zu malen. Viele meiner Bilder landeten im Ofen, doch schließlich begann ich, es zu lernen.“
Die schönen Aquarelle, die heute die Wohnung von Bill und Rose schmücken, zeigen, daß Bill erfolgreicher war, als er gedacht hatte. Er erklärt: „Vor 5 Jahren begann meine linke Hand so sehr zu zittern, daß ich endgültig mit dem Malen aufhören mußte, aber dieses Hobby hat mich viele Jahre sehr befriedigt.“
Ein bleibendes Ziel
Bill erzählt weiter: „Es ist mittlerweile über 50 Jahre her, daß meine Beschwerden angefangen haben. Ich schöpfe immer noch Trost aus dem Lesen in der Bibel, besonders aus den Psalmen und dem Buch Hiob. Die Veröffentlichungen der Watch Tower Society lese ich auch sehr gern. Wenn mich Brüder aus unserer Versammlung oder reisende Aufseher besuchen und erbauende Erfahrungen erzählen, ermutigt mich das ebenfalls sehr. Auch kann ich durch eine Telefonverbindung zum Königreichssaal die Zusammenkünfte mitverfolgen, und ich bekomme sogar Videoaufnahmen von den Kongressen.
Ich bin sehr dankbar dafür, daß ich mit einer liebevollen Frau gesegnet wurde. Die ganzen Jahre hindurch war sie meine enge Gefährtin. Unsere Tochter, die jetzt mit ihrer Familie Jehova dient, bereitet mir nach wie vor große Freude. Besonders dankbar bin ich Jehova, weil er mir geholfen hat, ihm nahe zu bleiben. Heute, wo mein Körper und meine Stimme immer schwächer werden, denke ich oft an die Worte des Apostels Paulus: ‚Darum lassen wir nicht nach, sondern wenn auch der Mensch, der wir äußerlich sind, verfällt, wird gewiß der Mensch, der wir innerlich sind, von Tag zu Tag erneuert.‘ Geistig wach zu bleiben, solange ich lebe — das bleibt mein Ziel“ (2. Korinther 4:16).
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