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Ärzte in einer sich verändernden WeltErwachet! 2005 | 22. Januar
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Ein verändertes Verhältnis
Einige können sich noch an die Zeit erinnern, als ein Arzt in seiner schwarzen Tasche alle Arzneimittel bei sich hatte. Schon damals hatte man Ärzten gegenüber gemischte Gefühle. Ihr Können wurde meistens hoch geachtet, ihre Stellung respektiert und ihre ethischen Grundsätze bewundert. Gleichzeitig konnte es aber passieren, dass man ihre Honorare beanstandete, ihnen Fehler vorhielt und ihnen mangelndes Mitgefühl unterstellte.
Viele Ärzte empfanden es jedoch als zutiefst befriedigend, über Generationen hinweg der Hausarzt einer Familie zu sein. Gewöhnlich machten sie oft Hausbesuche und in ländlichen Gegenden blieben sie manchmal zum Essen. Wenn eine Geburt bevorstand, blieben sie gelegentlich sogar über Nacht. Viele legten die Rezepturen für die Arznei der Patienten selbst fest. Selbstlose Ärzte behandelten Arme kostenfrei und standen sieben Tage in der Woche rund um die Uhr zur Verfügung.
Natürlich arbeiten einige Ärzte immer noch so. Doch vielerorts hat sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient in den letzten paar Jahrzehnten stärker verändert als in vielen Jahrhunderten davor. Wie ist es dazu gekommen? Befassen wir uns zuerst mit den Hausbesuchen.
Was ist aus den Hausbesuchen geworden?
Patienten zu Hause zu besuchen war lange die gängige ärztliche Praxis. In einigen Ländern ist das zwar noch so, aber weltweit gesehen gehen Hausbesuche stark zurück. In der Times of India hieß es: „Der Hausarzt mit seiner beruhigenden, umgänglichen Art, der die Familie genau kennt und bereitwillig ins Haus kommt, wann immer man ihn ruft, stirbt im Zeitalter der Fachärzte und Spezialgebiete allmählich aus.“
Wegen der enormen Zunahme an medizinischen Kenntnissen haben sich viele Ärzte spezialisiert und arbeiten in einer Gemeinschaftspraxis. Daher gehen die Patienten vielleicht jedes Mal, wenn sie krank werden, zu einem anderen Arzt. Viele Ärzte haben also nicht mehr das langjährige Verhältnis zu Familien wie früher.
Die Abkehr von Hausbesuchen begann schon vor etwa hundert Jahren, als bei den Ärzten Laboranalysen und Diagnosegeräte üblicher wurden. Vielerorts sahen Gesundheitsbehörden Hausbesuche zunehmend als zu zeitaufwendig an. Heute ist es den meisten Patienten möglich, zum Arzt in die Praxis zu kommen. Außerdem wird jetzt vom Pflege- und Rettungsdienst einiges übernommen, was in der Vergangenheit Ärzten vorbehalten war.
Veränderter Status
Heutzutage gibt es weniger selbstständige Ärzte. Sie sind häufiger bei staatlichen Einrichtungen oder bei Gesundheitsunternehmen tätig. Viele Ärzte stört es jedoch, dass ihr Verhältnis zum Patienten noch durch einen Dritten beeinflusst wird. Oft wird von den Ärzten verlangt mehr Patienten zu behandeln. „Alle 7 bis 10 Minuten muss ich den nächsten Patienten aufrufen“, sagt Dr. Sheila Perkins, praktische Ärztin in Großbritannien. „Einen Großteil dieser Zeit verbringe ich damit, Informationen in den Computer einzugeben. Es bleibt also kaum Zeit, ein Verhältnis zum Patienten aufzubauen. Das kann äußerst frustrierend sein.“
Eine weitere Veränderung in der Arbeitswelt der Ärzte ist der größere Einfluss der Patienten. Früher stellte man ärztliche Verordnungen nicht infrage. Aber heute sind Ärzte in vielen Ländern verpflichtet, den Patienten über die Behandlungsmöglichkeiten sowie deren Erfolgsaussichten und Risiken zu informieren, bevor der Patient einer Behandlung zustimmt. Der Schwerpunkt im Arzt-Patient-Verhältnis hat sich verlagert. Einige sehen im Arzt nur noch einen Servicetechniker.
In unserer sich schnell verändernden Gesellschaft gibt es einen beträchtlichen Anteil Frauen unter den Ärzten. Ärztinnen sind oft beliebter, weil man sie für bessere Zuhörer hält. Wie es also scheint, verhelfen sie ihrem Berufsstand zu noch mehr Mitgefühl.
Die meisten Patienten schätzen einen Arzt, der versteht, wie sie empfinden und was sie belastet. Es ist jedoch angebracht, zu fragen: Wie viele Patienten haben Verständnis für die Gefühle und Belastungen des Arztes? Mehr Verständnis könnte sicherlich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient verbessern. Der nächste Artikel soll dazu beitragen.
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Ärzte im StressErwachet! 2005 | 22. Januar
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Ärzte im Stress
„Ein junges Ehepaar kam zu mir voller Hoffnung, dass ich etwas für ihr neugeborenes Baby tun kann. Ich untersuchte den Jungen und dabei wurde mir das Herz schwer. Er konnte nicht sehen und seine Krankheit war unheilbar. Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich das den jungen Eltern sagen musste. Als ich sie aus dem Sprechzimmer begleitete, war ich innerlich völlig aufgewühlt. Doch einen Augenblick später kam der nächste Patient herein und wollte freundlich begrüßt werden. Das ist für mich Stress“ (ein Augenchirurg in Südamerika).
PATIENTEN kommen gewöhnlich nicht ins Sprechzimmer, um sich die Probleme des Arztes anzuhören. Ihre Gedanken drehen sich nur um das, was ihnen fehlt. Daher merken nur wenige, wie viel Stress Ärzte haben.
Natürlich steht jeder unter Stress und nicht allein der Arztberuf ist anstrengend. Doch so gut wie jeder gelangt auf die eine oder andere Weise in ein Arzt-Patient-Verhältnis. Daher lohnt es sich bestimmt, zu verstehen, welchen Stress Ärzte haben und wie sich das auf sie auswirken kann.
Ärzte lernen bereits früh mit Stress umzugehen — schon wenn sie sich um einen Studienplatz bemühen. Aber wenn die medizinische Ausbildung beginnt, erleben sie gewöhnlich einen unvergesslichen Schock. Damit beginnt ein Lernprozess, der das Gefühlsleben eines Medizinstudenten verändern kann, ja sogar seinen Charakter.
Das Medizinstudium — eine traumatische Erfahrung
Der traumatische erste Besuch im Seziersaal fällt womöglich schon in die erste Woche des Studiums. Viele Studenten haben zuvor vielleicht noch nie eine Leiche gesehen. Der Anblick unbekleideter, schrumpeliger Körper, die unterschiedlich weit geöffnet sind, damit der anatomische Aufbau erkennbar wird, kann ziemlich abstoßend wirken. Die Studenten müssen erst lernen, damit gefühlsmäßig zurechtzukommen. Oft versuchen sie es mit Humor und geben jedem Leichnam eine ulkige Bezeichnung. Was für Außenstehende entsetzlich gefühllos und respektlos klingt, ist für die Studenten notwendig, da sie beim Anblick des Leichnams nicht mehr an den Menschen denken möchten, der er einmal war.
Später folgt die Ausbildung in einem Krankenhaus. Die meisten Menschen müssen sich, bevor sie ins mittlere Alter kommen, keine Gedanken darüber machen, wie kurz das Leben ist. Medizinstudenten haben jedoch bereits in jungen Jahren direkt mit unheilbaren Krankheiten und dem Tod zu tun. Die ersten Erlebnisse im Krankenhaus beschrieb ein Student als „widerlich bis abscheulich“. Auch kann es für Studenten sowohl in armen als auch in reichen Ländern recht schockierend sein, wenn ihnen bewusst wird, wie oft jemand die notwendige Behandlung nicht erhält, weil das Geld fehlt.
Wie meistern junge Ärzte den Stress? In der Medizin muss man sich oftmals gefühlsmäßig vom Patienten lösen und ihn rein sachlich betrachten. Man bezieht sich daher nicht auf eine Person, sondern sagt vielleicht: „In Kabine zwei ist ein gebrochenes Bein.“ Das kann für jemanden, der die Hintergründe nicht kennt, schon seltsam klingen.
Erschöpfung aus Mitgefühl
Ärzte werden wissenschaftlich ausgebildet. Aber bei vielen von ihnen machen Gespräche mit den Patienten den Großteil der Arbeit aus. Manche Ärzte halten sich, was die Gefühle im Arzt-Patient-Verhältnis betrifft, für unvorbereitet. Wie einleitend erwähnt, gehört das Mitteilen trauriger Nachrichten für Ärzte mit zum Schwierigsten. Einige müssen das leider täglich tun. Durchlebt ein Patient eine Krise, muss er meist mit jemandem darüber reden, und von einem Arzt wird erwartet, dass er zuhört. Mit besorgten, angsterfüllten Menschen zu tun zu haben, kann äußerst kräftezehrend sein. Einige Ärzte leiden daher an einer Form von Burn-out — sie sind vor lauter Mitgefühl total erschöpft.
Ein kanadischer Hausarzt schrieb rückblickend auf seine Anfangsjahre: „Die Arbeit stürzte nur so auf mich ein: Hilfsbedürftige wollten, dass ich Zeit für sie habe; Sorgenbeladene wollten ihre Sorgen bei mir abladen; Kranke brauchten Behandlungen; Einflussreiche bedrängten mich; man wollte mich sprechen; man bestand auf einem Hausbesuch; man rief mich zu Haus an — sogar nachts. Man ließ mir keine Ruhe. Ich wollte gerne helfen, aber das war der reinste Wahnsinn“ (A Doctor’s Dilemma von John W. Holland).
Lässt der Stress mit den Jahren nach? Das Alter bringt gewöhnlich mehr Verantwortung mit sich. Entscheidungen über Leben und Tod müssen oft sofort getroffen werden, manchmal trotz unzureichender Informationen. „Als ich jung war, beunruhigte mich das nicht“, erklärt ein britischer Arzt, „genauso wenig wie sich Jugendliche darüber Gedanken machen, wenn sie riskant fahren. Aber mit zunehmendem Alter schätzt man das Leben mehr. Behandlungsentscheidungen beunruhigen mich heute viel mehr als früher.“
Wie wirkt sich der Stress auf Ärzte aus? Die Gewohnheit, sich gefühlsmäßig vom Patienten zu trennen, kann auch das Familienleben beeinflussen. Das zu verhindern kann schwierig sein. Einige Ärzte sind besonders mitfühlend, wenn sie Patienten beistehen, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Doch wie weit können sie gehen, ohne sich aus Mitgefühl total zu erschöpfen? Vor diesem Dilemma stehen Ärzte.
Mit schwierigen Patienten zurechtkommen
Auf Stresssituationen im Arzt-Patient-Verhältnis angesprochen, schildern Ärzte oft schwierige Patienten. Einige der nachfolgenden Charaktere erkennt man vielleicht.
Als Erstes könnte man den Patienten nennen, der den Arzt unnötig Zeit kostet, weil er endlos redet, aber nicht zur Sache kommt und beschreibt, was ihm fehlt. Dann gibt es den fordernden Patienten, der den Arzt auch ohne Notfall nachts oder am Wochenende anruft oder der auf einer Behandlung besteht, die der Arzt nicht für ratsam hält. Außerdem gibt es den misstrauischen Patienten. Er sucht eventuell im Internet nach brauchbaren Informationen über seinen Zustand. Das kann sehr hilfreich sein. Doch durch solche Nachforschungen schwindet womöglich sein Vertrauen zu dem behandelnden Arzt. Dieser hat vielleicht nicht die Zeit, die Vor- und Nachteile von all dem zu besprechen, was der Patient herausgefunden hat. Für den Arzt ist es frustrierend, wenn sich ein Patient aus Misstrauen nicht an seine Empfehlungen hält. Schließlich ist da noch der ungeduldige Patient. Er bricht die Behandlung ab, bevor sie richtig wirken kann, und wendet sich an jemand anders.
In einigen Teilen der Welt verursachen jedoch nicht die Patienten den meisten Stress, sondern Anwälte.
Defensivmedizin
Viele Länder berichten von einer steigenden Zahl von Kunstfehlerprozessen. Einige Anwälte stellen hohe Schadenersatzforderungen, um sich zu bereichern. „Sie treiben die Prämien der ärztlichen Haftpflichtversicherung in die Höhe“, sagt der Präsident der American Medical Association. „Diese Prozesse verursachen auch noch ganz anderes Leid. Ein ungerechtfertigtes Verfahren kann einem Arzt viel Schaden zufügen — Unannehmlichkeiten, Zeitverlust, . . . Stress und Sorgen.“ Einige Ärzte haben sich sogar das Leben genommen.
Etliche Ärzte flüchten sich deswegen in die „Defensivmedizin“. Sie richten ihre Entscheidungen nicht nach dem, was das Beste für den Patienten ist, sondern danach, dass sie sich womöglich vor Gericht rechtfertigen müssen. Physician’s News Digest berichtete: „Mit Rückendeckung zu praktizieren ist für Mediziner jetzt das Normale geworden.“
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