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„Wenn die Trompete einen undeutlichen Ruf erschallen läßt“Erwachet! 1987 | 8. September
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Vor allem Deutschland ist seit Jahrzehnten ein ausgesprochener Jungbrunnen protestantischen Zweifels. Doch vergangene Woche entschied die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, daß sie irgendwo eine Linie ziehen müsse, ... und untersagte Pastor Paul Schulz wegen Ketzerei jede amtliche Tätigkeit. ... Seit 1971 predigt er die Existenz eines personalen Gottes als ‚eine tröstliche Erfindung von Menschen‘. ... Das Gebet? Nur eine ‚Selbstbesinnung‘. ... Jesus? Ein ganz normaler Mensch, der Gutes redete und von den frühen Christen zum Sohn Gottes hochgelobt wurde.“ Daß „die Vorstellungen von Pastor Schulz weder neu noch selten sind“, wurde deutlich, als er während der Anhörungen „auf eine hin und wieder Beifall spendende Schar von Theologiestudenten setzte“. Trotz seines Einschreitens „versicherte das Kollegium, daß es nach wie vor ‚ein breites Spektrum‘ individueller Auslegung begrüße“.
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Die Zukunft des Protestantismus — und deine ZukunftErwachet! 1987 | 8. September
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„DA ICH selbst mittlerweile sieben Semester evangelische Theologie studiere, also ein zukünftiger Pfarrer der Kirche werden soll“, so begann ein Leserbrief in einer deutschen Zeitung von November 1986, „möchte ich darauf aufmerksam machen, daß unsere Ausbildung im wesentlichen darin besteht, die Bibel bis auf die Buchdeckel zu demontieren ... Indem so dem Studenten der Glaube bzw. das Fundament des Glaubens, die Schrift, zertrümmert wird und ihm gleichzeitig von fast allen Dozenten der Sozialismus statt dessen als ‚neues Evangelium‘ beigebracht wird, entsteht eine Kirche mit einem völlig neuen Inhalt. Gott ist erledigt — es lebe der Sozialismus! Jesus ist im Grab vermodert, wir müssen uns selbst helfen! Mit diesem Wissen steht heute so mancher Pfarrer Sonntag für Sonntag auf der Kanzel. Wir brauchen dringend neue, biblische Ausbildungsstätten, die allerdings derzeit noch von kirchlicher Seite unterdrückt werden!“
Ist zu erwarten, daß sich die Kirche und ihre Gemeindemitglieder von der geistlichen Zersetzung erholen werden, wenn das Wort Gottes derart entwürdigt wird? Ein Bibelübersetzer des 18. Jahrhunderts bemerkte: „So entspricht dem Zustand der Kirche ihr Umgang mit der Schrift.“
Kann ein neuer Reformator helfen?
„Dietrich Bonhoeffer wird heute mehr gefeiert und zitiert als irgendein anderer Theologe des Jahrhunderts“, schreibt der Theologe Professor Georg Huntemann. Bonhoeffer, ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, wurde 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet und 1945 wegen angeblicher Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler hingerichtet. Nach Ansicht Huntemanns könnte Bonhoeffer eben dieser neue Reformator, den die Kirche benötigt, gewesen sein. Beachtenswert sind einige Auszüge aus seinen Predigten. Man könnte sich fragen: Was würde es für die evangelische Kirche bedeuten, wenn sie Bonhoeffers Worte beherzigte? Was würde es für meine Kirche bedeuten?
„Darum ist es wichtig ..., daß es der Religion wesentlich nur auf eins ankommt, nämlich wahr zu sein.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4:24; siehe auch Johannes 8:32; 14:6; 16:13).a
Kann ich sicher sein, daß alles, was meine Kirche lehrt, wirklich wahr ist? Lehrt sie, daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat — eine Seele, die nicht sterben kann —, oder lehrt sie, was die Bibel sagt, nämlich: „Welche Seele sündigt, die soll sterben.“ (Hesekiel 18:4, Lutherbibel, 1950)? Lehrt meine Kirche, daß Gott namenlos ist oder daß er Jesus heißt, oder stimmt ihre Lehre mit der Bibel überein, die sagt: „Damit sie erkennen, daß Du, Dein Name, Jehova allein, der Höchste über die ganze Erde.“ (Psalm 83:19, Parallel-Bibel)? Lehrt meine Kirche, daß alle Guten in den Himmel kommen, wenn die Erde mit Feuer vernichtet wird, oder stimmt sie mit der Bibel überein, die sagt: „Die Gerechten werden das Land ererben und darin wohnen allezeit.“ (Psalm 37:29; siehe auch Psalm 104:5)?
„Sie [die Kirche] muß um die Reinheit der Lehre bemüht sein.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Hütet euch ... vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Matthäus 16:11, 12; siehe auch 1. Korinther 5:8).
Begrüßt meine Kirche „ein breites Spektrum individueller Auslegung“, oder befolgt sie den göttlichen Rat: „Brüder, daß ihr euch in acht nehmt vor denen, die Zwietracht und Ärgernis anrichten entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und euch von ihnen abwendet.“ (Römer 16:17; siehe auch 2. Timotheus 2:16-18; 2. Johannes 9, 10)?
„Gott wird uns am Jüngsten Tage gewiß nicht fragen: Habt ihr repräsentative Reformationsfeste gefeiert?, sondern: Habt ihr mein Wort gehört und bewahrt?“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun“ (Lukas 8:21; siehe auch Matthäus 7:21; Johannes 15:14).
Legt meine Kirche mehr Wert auf Riten, Zeremonien und Gebäude als auf eine genaue Erkenntnis des Wortes Gottes? Hält man es für ausreichend, hin und wieder an Feiertagen zur Kirche zu gehen, statt dem Rat zu folgen: „Laßt uns ... nicht verlassen unsre Versammlungen ..., und das um so mehr, als ihr seht, daß sich der Tag [des Gerichts] naht.“ (Hebräer 10:24, 25)?
Ermuntert mich meine Kirche, täglich in Gottes Wort zu lesen, und hilft sie mir persönlich, ja motiviert sie mich, das zu tun, was gemäß der Bibel erforderlich ist?
„Religion ist Arbeit. Und vielleicht die schwerste und gewiß die heiligste Arbeit, die ein Mensch tun kann.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Johannes 4:34).
Lehrt meine Kirche, daß Gott den Christen Arbeit aufgetragen hat, nämlich das „Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“ zu predigen? (Matthäus 24:14; siehe auch Matthäus 28:19). Hält sie mich dazu an, diese herrliche Botschaft vom Reich Gottes ‘jedermann, der von mir Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in mir ist’, mitzuteilen? (1. Petrus 3:15).
Zumindest was die obigen Beispiele betrifft, hat Bonhoeffer seine Kirche gut beraten. „Aber warum werden seine Worte, wird seine reformatorische Mahnung an die Kirche überhaupt nicht angenommen?“ fragt Huntemann. Noch wichtiger ist die Frage: Warum werden die machtvollen Worte Jesu Christi weit weniger beachtet?
Der Theologe Dr. Ulrich Betz sagt, die westdeutsche Gesellschaft lebe und denke „nachchristlich, um nicht zu sagen neuheidnisch“. Die evangelische Kirche muß diesbezüglich die Schuld für mindestens 25 Millionen Mitglieder dieser Gesellschaft auf sich nehmen, die evangelisch sind.
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