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Seite 2Erwachet! 1987 | 8. September
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Die folgende Artikelreihe handelt zwar hauptsächlich von der Evangelischen Kirche in Deutschland, doch vielen wird schnell auffallen, daß die beschriebenen Verhältnisse den wahren Zustand des Protestantismus in den meisten Teilen der Welt widerspiegeln. Der veröffentlichte Aufschluß soll Menschen aller Glaubensrichtungen veranlassen, darüber nachzudenken, wie sehr ihr Leben vom Glauben an Gott geprägt ist, und ihnen helfen, ein engeres Verhältnis zu Gott zu erlangen.
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Sterben die Evangelischen in Deutschland aus?Erwachet! 1987 | 8. September
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Sterben die Evangelischen in Deutschland aus?
Von unserem Korrespondenten in der Bundesrepublik Deutschland
EINIGE waren wahrscheinlich bestürzt, als sie im deutschen Fernsehen folgende Worte hörten: „Die evangelische Kirche hat keine Zukunft und wird auch in Zukunft keine Zukunft haben.“ Weit bestürzender war, daß jene Worte in der Heimat von Martin Luther geäußert wurden, dem Urheber dieser Kirche und Vater der Reformation.a
Zugegeben, die evangelische Kirche ist bei weitem die größte protestantische Religionsgemeinschaft in Deutschland, denn gemäß den neuesten Angaben zählt sie immerhin ungefähr 25 Millionen Mitglieder. Und dennoch liegt sie in Trümmern, wofür die Ruine der ausgebombten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in West-Berlin (Titelbild) ein geeignetes Symbol ist.
Im Jahre 1961 waren über die Hälfte aller Deutschen evangelisch, 1970 nur noch 49 Prozent und 1980 noch 46 Prozent. Danach schien es wieder aufwärtszugehen. Eine bundesdeutsche Tageszeitung meldete Anfang 1981: „Nach den Rückschlägen vor einem Jahrzehnt hat sich in der Bundesrepublik Deutschland die evangelische Kirche wieder gefangen. ... Die Kirchenaustritte ... haben ihr bedrohliches Ausmaß verloren.“
Die Mitgliederzahl im Jahre 1984 bewies allerdings, daß dieser Optimismus verfrüht war. Neueren Schätzungen zufolge wird die Kirche innerhalb der nächsten zehn Jahre weitere 4 500 000 Mitglieder einbüßen. Im Jahre 2030 sei höchstens noch ein schwaches Drittel der Bürger im Bundesgebiet evangelisch.
Warum verlassen sie die Kirche?
In der erwähnten Fernsehsendung, die 1986 ausgestrahlt wurde, nannten sieben ehemalige Kirchenmitglieder als Gründe für ihre Verstimmung folgendes: der Widerstand der Kirche gegen den Sport am Sonntag, die Unterstützung kommunistischer Guerilla-Bewegungen mit Kirchengeldern, die Einstellung zur Verteidigungspolitik des Staates, die Entlassung von zwei homosexuellen Pastoren und die Vernachlässigung des Tierschutzes. Jemand anders war verärgert, weil den Mitgliedern die Kirchensteuer direkt vom Verdienst abgezogen wird. Es fiel auf, daß nur zwei von ihnen Gott überhaupt erwähnten. Geht es aber in der Religion nicht vor allem um Gott?
Der führende evangelische Theologe Johannes Hansen betrachtet den Mitgliederschwund zwar als ernst, doch weit besorgniserregender ist für ihn „die wahrhaft desolate religiöse Verfassung der Kirchenmitglieder“. Dieser Verfassung ist es zuzuschreiben, daß der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes unter 6 Prozent liegt; in Großstädten sogar noch darunter. Nur jeder vierte Gläubige meint, daß der Gottesdienst und das Bibellesen für einen Christen unerläßlich seien. Acht von zehn Protestanten sagen, es reiche für einen guten evangelischen Christen aus, getauft und konfirmiert zu werden und ein anständiger, zuverlässiger Mensch zu sein. Daher überrascht es nicht, daß die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem gut plazierten Artikel schrieb: „Die Gefahr für die evangelische Kirche stammt nicht aus den Zahlen. Sie kommt aus dem Mangel an geistlicher Kraft.“
Die Kirchenmitglieder, denen es an geistlicher Kraft mangelt, sind gegenüber ihrer Kirche dementsprechend eingestellt. Sie bewundern deren Geschichtsträchtigkeit, rühmen sich ihrer Prachtbauten und nutzen ihre sozialen Angebote. Wenn es aber darum geht, „Gott zu finden“, suchen ihn viele lieber im Waldesrauschen als in der Kirche. Das brachte eine Oberkirchenrätin so weit, daß sie ihren aushäusigen Gläubigen empfahl, sich statt vom Pfarrer doch lieber gleich vom Oberförster beerdigen zu lassen.
„Was anscheinend fehlt“, schrieb vor nicht allzu langer Zeit eine amerikanische Zeitschrift, „ist die Leidenschaft für Gott und seine Wahrheit — ein charakteristisches Merkmal der Ur-Lutheraner.“ Warum sehen viele evangelische Gläubige in ihrer Kirche nur noch einen willkommenen Rahmen für die Taufe ihrer Kinder, die Konfirmation und die Trauung? Warum suchen sie Gott im Waldesrauschen und wenden sich der Kirche erst später wieder zu, wenn sie „würdig“ beerdigt werden möchten? Warum fehlt ihnen die geistliche Kraft?
[Fußnote]
a Um korrekt zu sein, sei gesagt, daß Luther in einem Teil Deutschlands geboren wurde, der heute in der Deutschen Demokratischen Republik liegt, und er verbrachte auch die meiste Zeit seines Lebens dort.
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„Wenn die Trompete einen undeutlichen Ruf erschallen läßt“Erwachet! 1987 | 8. September
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„Wenn die Trompete einen undeutlichen Ruf erschallen läßt“
„WER wird sich zur Schlacht rüsten, wenn die Trompete einen undeutlichen Ruf erschallen läßt?“ (1. Korinther 14:8). Sind die evangelischen Gläubigen in Deutschland — die Fußsoldaten der Kirche — etwa deshalb so gleichgültig, weil ihre Kirche nur einen undeutlichen Ruf erschallen läßt? Betrachten wir die Beweise.
Eine Identitätskrise
In den vergangenen 200 Jahren hat der Protestantismus nach den Worten von Diakoniepfarrer Wolfram Lackner den Boden seines ursprünglichen Bekenntnisses immer mehr verlassen. Daher sei es nicht zuviel gesagt, wenn man behaupte, daß „sich der Protestantismus in Deutschland in einer lebensgefährlichen Identitätskrise befindet“.
Diese Identitätskrise trat, wie William L. Shirer in dem Buch Aufstieg und Fall des Dritten Reiches erklärt, in den 30er Jahren deutlich zutage. Er schreibt: „In Deutschland waren die Protestanten ... stark gespalten. ... Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus kam es zu weiteren Spaltungen. Die fanatischen Nationalsozialisten unter den Protestanten gründeten 1932 die Glaubensbewegung Deutsche Christen ... Die Deutschen Christen vertraten glühend die Rassenlehre und das Führerprinzip ... Gegen die Deutschen Christen stand eine andere Gruppe auf, die sich die Bekennende Kirche nannte. ... Zwischen den beiden Gruppen stand die Mehrheit der Protestanten, die ... sich aufs Abwarten verlegte und schließlich größtenteils in Hitlers Armen landete.“
Tatsächlich arbeitete man aufgrund einiger Lehren Luthers Hitler direkt in die Hände. Luthers Zweireichelehre, wonach Gott die Welt sowohl durch sein geistliches Regiment als auch durch sein weltliches Regiment regiere, ebnete der Obrigkeitshörigkeit den Weg. Daher gibt man in dem evangelischen Sonntagsblatt Unsere Kirche zu, daß „der überwiegende Teil des deutschen Protestantismus, die Landeskirchen, die Freikirchen und ihre Leitungen mit großer Begeisterung das Ende der Weimarer Demokratie gefeiert ... [und] dem neuen Diktator zugejubelt ... haben“. Die Kirche tat sich angesichts der judenfeindlichen Geisteshaltung Luthers nicht schwer, Personen nichtarischer Abstammung vom geistlichen Dienst auszuschließen.
Wie stand es aber um die Bekennende Kirche? Sie nahm 1934 die Barmer Theologische Erklärung an, in der eine oppositionelle Haltung gegenüber der Ideologie des Nationalsozialismus zum Ausdruck kam. Eine Berliner Ausstellung zum Thema Protestantismus im Dritten Reich brachte allerdings ans Tageslicht, daß die Bekennende Kirche nur auf ein Drittel der protestantischen Geistlichen zählen konnte. Hinzu kommt, daß selbst von diesen nicht einmal alle Hitler aktiv widerstanden. Offenbar hatte Hitler den aktiven Widerstand einzelner Mitglieder als Widerstand der gesamten Kirche mißverstanden. In dem Buch Der deutsche Widerstand 1933—1945 wird deshalb der Standpunkt vertreten, die evangelische Kirche sei eines politischen Widerstandes bezichtigt worden, den sie selbst nicht gewollt habe.
Nach Hitlers Sturz lag auch die Kirche in Trümmern. Welche der gegensätzlichen Splittergruppen hatte die wahre Identität der Kirche widergespiegelt? Warum war der Ruf ihrer Trompete so undeutlich gewesen?
Um diese Fragen zu klären, trafen sich im Oktober 1945 elf führende Vertreter der evangelischen Kirche, darunter der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, um das sogenannte Stuttgarter Schuldbekenntnis abzulegen. Obwohl sie dem nationalsozialistischen Regime Widerstand geleistet hatten, bekannten sie: „Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Diese Geistlichen und kirchlichen Amtsträger hofften, die Erklärung werde ein deutlicher Trompetenruf zur Tat sein und einen neuen Anfang auslösen.
Ein religiöser oder ein politischer Trompetenschall?
Viele evangelische Bundesbürger sind heute wahrscheinlich deshalb so schnell bereit, die Regierungspolitik anzugreifen, weil ihre Kirche damals zu wenig gegen Hitler unternommen hat. So gehörten evangelische Geistliche beispielsweise zu den Organisatoren der europäischen Anti-Atombewegung. Im Jahre 1984 begann eine Gruppe norddeutscher Pfarrer, Wehrpflichtige zur Kriegsdienstverweigerung aufzurufen. Ein solches Vorgehen wird von der Kirche mit der Begründung verurteilt, es sei mit einer „erheblichen politischen Intoleranz andersdenkenden Christen gegenüber verbunden“. Auf der 86er Generalsynode verteidigte die Kirche ihren Anspruch auf das Recht, politische Themen zu diskutieren, und tat es dann auch. Sie bedauerte den Ausgang der Gipfelgespräche in Island und debattierte ausführlich das Verhalten der Regierung in bezug auf die Asylantenproblematik, die Arbeitslosigkeit und die Kernkraftwerke.
Mit diesem politischen Aktivismus stößt man natürlich nicht überall auf Gegenliebe. Der Lutherexperte Professor Heiko Oberman ist der Meinung, daß Luther — lebte er heute — gewiß dagegen wäre. Und der Dekan Rolf Scheffbuch beschwerte sich darüber, daß die Echtheit des christlichen Glaubens heute zu rasch an jemandes Einstellung zur Apartheid oder zur Raketenstationierung gemessen wird.
Es liegt auf der Hand, daß politische Meinungsverschiedenheiten die Kirche spalten. Nicht weniger offensichtlich ist, daß die „alte Liebe“ zwischen Staat und Kirche „Ermüdungserscheinungen“ und immer mehr „Rostansätze“ aufweist. So formulierte es Bischof Hans-Gernot Jung vor etwa einem Jahr. Das erklärt auch, warum im Jahre 1986 ein maßgeblicher deutscher Politiker die Kirche mit den Worten rügte: „Wenn über das Waldsterben ausführlicher als über Jesus Christus gesprochen wird, dann löst sich der Kern der kirchlichen Aufgabe auf.“
Der Protestantismus kam, wie schon der Begriff erkennen läßt, durch das Bestreben auf, gegen Geschehenes zu protestieren. Seit seiner Entstehung neigt er daher zur Liberalität, ist neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen, ist unvoreingenommen und bereit, momentane Normen zu übernehmen. Dafür gibt es kein beredteres Beispiel als die protestantische Theologie. Da ein Lehramt mit eigener Autorität fehlt — auf katholischer Seite wacht die Glaubenskongregation des Vatikans —, darf jeder Theologe seine persönliche Auslegung hinaustrompeten.
Theologische Trompetenmißklänge
Das hat eigenartige Klänge ergeben. In der Zeitschrift Time war 1979 zum Beispiel zu lesen: „Muß man an Gott glauben, um evangelischer Pfarrer werden zu können? Die Antwort lautet, wie es heute oft der Fall ist: ‚Ja und nein.‘ Vor allem Deutschland ist seit Jahrzehnten ein ausgesprochener Jungbrunnen protestantischen Zweifels. Doch vergangene Woche entschied die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, daß sie irgendwo eine Linie ziehen müsse, ... und untersagte Pastor Paul Schulz wegen Ketzerei jede amtliche Tätigkeit. ... Seit 1971 predigt er die Existenz eines personalen Gottes als ‚eine tröstliche Erfindung von Menschen‘. ... Das Gebet? Nur eine ‚Selbstbesinnung‘. ... Jesus? Ein ganz normaler Mensch, der Gutes redete und von den frühen Christen zum Sohn Gottes hochgelobt wurde.“ Daß „die Vorstellungen von Pastor Schulz weder neu noch selten sind“, wurde deutlich, als er während der Anhörungen „auf eine hin und wieder Beifall spendende Schar von Theologiestudenten setzte“. Trotz seines Einschreitens „versicherte das Kollegium, daß es nach wie vor ‚ein breites Spektrum‘ individueller Auslegung begrüße“.
Eine bekannte Zeitung machte jenes breite Spektrum individueller Auslegung zum Zielpunkt der Erörterung; sie bescheinigte der protestantischen Theologie, daß ihr die „begriffliche Klarheit und theoretische Genauigkeit“ fehle, und sprach von ihr als einer „elementaren Müsli-Theologie, die nicht minder steril wirkt als abgestandener Dogmatismus“. Im Schweizerischen Evangelischen Pressedienst heißt es dazu: „Das ‚Entweder-Oder‘ der christlichen Glaubenserkenntnis ... wird durch ein ‚Sowohl-Als-auch‘ ersetzt.“ Wen wundert es noch, daß die Theologen geteilter Meinung sind?a
Steht Luthers Kirche vor dem völligen Zusammenbruch?
Die Krise der Kirche ist in Wirklichkeit eine Glaubenskrise. Wie soll in Menschen der Glaube wachsen können, wenn sie mit einer „elementaren Müsli-Theologie“ abgespeist werden und ihnen eine schwammige „Sowohl-als-auch“-Richtung gewiesen wird? Darf der Protestantismus erwarten, daß seine Fußsoldaten den Kampf eines Christen aufnehmen, wenn seine Trompeter einen derart undeutlichen Ruf erschallen lassen?
Schon 1932 klagte der Theologiedozent Dietrich Bonhoeffer: „Sie [die evangelische Kirche] will überall sein und ist darum nirgends.“ Ist es für die Kirche bereits zu spät, ihre Identität zu finden? Die Mehrheit der Kirchenvertreter ist sich darin einig, daß die üblichen Erneuerungsmethoden fehlschlagen werden. Gebraucht werde etwas Neues, etwas ganz anderes. Aber was? Bischof Hans-Otto Wölber sagte: „Die Zukunft der Kirche ist keine Methodenfrage, sondern eine inhaltliche Frage. ... es kommt auf die Botschaft an. ... Einmal ganz anders gesagt: Wir stehen und fallen mit der Bibel.“
Wie wahr!
[Fußnote]
a Karl Barth, einer der bekannten protestantischen Theologen unseres Jahrhunderts, bezeichnete einige Theorien seines Kollegen Paul Tillich als „abscheulich“. Er widersprach auch heftig dem Theologen Rudolf Bultmann, der die Buchstäblichkeit mancher Bibelberichte in Frage stellte.
[Kasten auf Seite 7]
Wer hat einen deutlichen Ruf im Interesse christlicher Neutralität erschallen lassen?
„Wir wissen noch sehr wenig über das Schicksal von Kriegsdienstverweigerern im Zweiten Weltkrieg; bis jetzt ist nur folgendes bekannt: Auf evangelischer Seite hat neben Hermann Stöhr noch Martin Gauger kompromißlos den Kriegsdienst verweigert ... Auf katholischer Seite werden sieben Namen genannt ... Die deutschen Mennoniten, die man traditionell zu den Friedenskirchen zählt, haben entsprechend eines Beschlusses ihrer Ältesten- und Predigerversammlung vom 10. 1. 1938 ‚den Grundsatz der Wehrlosigkeit‘ im Dritten Reich nicht mehr ‚geübt‘. Von zwei Quäkern in Deutschland ist bekannt, daß sie den Kriegsdienst verweigert haben. ... Sieben Mitglieder der Siebenten-Tages-Adventisten-Reformationsbewegung, die wegen Fahneneidverweigerung ... den Tod fanden, kennen wir namentlich. Die größte Zahl an Opfern hatten die Zeugen Jehovas (Ernste Bibelforscher) zu beklagen. 1939 zählten sich im ‚Großdeutschen Reich‘ noch etwa 20 000 Menschen zu dieser ... Religionsgemeinschaft. Man schätzt, daß im Zweiten Weltkrieg allein in Deutschland etwa 6 000 bis 7 000 Zeugen Jehovas den Kriegsdienst verweigert haben. Darum richtete sich das Hauptaugenmerk der Gestapo und des Sicherheitsdienstes der SS auf diese Gruppe“ (Sterben für den Frieden von Eberhard Röhm, 1985).
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Die Zukunft des Protestantismus — und deine ZukunftErwachet! 1987 | 8. September
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Die Zukunft des Protestantismus — und deine Zukunft
„DA ICH selbst mittlerweile sieben Semester evangelische Theologie studiere, also ein zukünftiger Pfarrer der Kirche werden soll“, so begann ein Leserbrief in einer deutschen Zeitung von November 1986, „möchte ich darauf aufmerksam machen, daß unsere Ausbildung im wesentlichen darin besteht, die Bibel bis auf die Buchdeckel zu demontieren ... Indem so dem Studenten der Glaube bzw. das Fundament des Glaubens, die Schrift, zertrümmert wird und ihm gleichzeitig von fast allen Dozenten der Sozialismus statt dessen als ‚neues Evangelium‘ beigebracht wird, entsteht eine Kirche mit einem völlig neuen Inhalt. Gott ist erledigt — es lebe der Sozialismus! Jesus ist im Grab vermodert, wir müssen uns selbst helfen! Mit diesem Wissen steht heute so mancher Pfarrer Sonntag für Sonntag auf der Kanzel. Wir brauchen dringend neue, biblische Ausbildungsstätten, die allerdings derzeit noch von kirchlicher Seite unterdrückt werden!“
Ist zu erwarten, daß sich die Kirche und ihre Gemeindemitglieder von der geistlichen Zersetzung erholen werden, wenn das Wort Gottes derart entwürdigt wird? Ein Bibelübersetzer des 18. Jahrhunderts bemerkte: „So entspricht dem Zustand der Kirche ihr Umgang mit der Schrift.“
Kann ein neuer Reformator helfen?
„Dietrich Bonhoeffer wird heute mehr gefeiert und zitiert als irgendein anderer Theologe des Jahrhunderts“, schreibt der Theologe Professor Georg Huntemann. Bonhoeffer, ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, wurde 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet und 1945 wegen angeblicher Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler hingerichtet. Nach Ansicht Huntemanns könnte Bonhoeffer eben dieser neue Reformator, den die Kirche benötigt, gewesen sein. Beachtenswert sind einige Auszüge aus seinen Predigten. Man könnte sich fragen: Was würde es für die evangelische Kirche bedeuten, wenn sie Bonhoeffers Worte beherzigte? Was würde es für meine Kirche bedeuten?
„Darum ist es wichtig ..., daß es der Religion wesentlich nur auf eins ankommt, nämlich wahr zu sein.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4:24; siehe auch Johannes 8:32; 14:6; 16:13).a
Kann ich sicher sein, daß alles, was meine Kirche lehrt, wirklich wahr ist? Lehrt sie, daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat — eine Seele, die nicht sterben kann —, oder lehrt sie, was die Bibel sagt, nämlich: „Welche Seele sündigt, die soll sterben.“ (Hesekiel 18:4, Lutherbibel, 1950)? Lehrt meine Kirche, daß Gott namenlos ist oder daß er Jesus heißt, oder stimmt ihre Lehre mit der Bibel überein, die sagt: „Damit sie erkennen, daß Du, Dein Name, Jehova allein, der Höchste über die ganze Erde.“ (Psalm 83:19, Parallel-Bibel)? Lehrt meine Kirche, daß alle Guten in den Himmel kommen, wenn die Erde mit Feuer vernichtet wird, oder stimmt sie mit der Bibel überein, die sagt: „Die Gerechten werden das Land ererben und darin wohnen allezeit.“ (Psalm 37:29; siehe auch Psalm 104:5)?
„Sie [die Kirche] muß um die Reinheit der Lehre bemüht sein.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Hütet euch ... vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Matthäus 16:11, 12; siehe auch 1. Korinther 5:8).
Begrüßt meine Kirche „ein breites Spektrum individueller Auslegung“, oder befolgt sie den göttlichen Rat: „Brüder, daß ihr euch in acht nehmt vor denen, die Zwietracht und Ärgernis anrichten entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und euch von ihnen abwendet.“ (Römer 16:17; siehe auch 2. Timotheus 2:16-18; 2. Johannes 9, 10)?
„Gott wird uns am Jüngsten Tage gewiß nicht fragen: Habt ihr repräsentative Reformationsfeste gefeiert?, sondern: Habt ihr mein Wort gehört und bewahrt?“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun“ (Lukas 8:21; siehe auch Matthäus 7:21; Johannes 15:14).
Legt meine Kirche mehr Wert auf Riten, Zeremonien und Gebäude als auf eine genaue Erkenntnis des Wortes Gottes? Hält man es für ausreichend, hin und wieder an Feiertagen zur Kirche zu gehen, statt dem Rat zu folgen: „Laßt uns ... nicht verlassen unsre Versammlungen ..., und das um so mehr, als ihr seht, daß sich der Tag [des Gerichts] naht.“ (Hebräer 10:24, 25)?
Ermuntert mich meine Kirche, täglich in Gottes Wort zu lesen, und hilft sie mir persönlich, ja motiviert sie mich, das zu tun, was gemäß der Bibel erforderlich ist?
„Religion ist Arbeit. Und vielleicht die schwerste und gewiß die heiligste Arbeit, die ein Mensch tun kann.“ Das stimmt mit den Worten Jesu überein, der sagte: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Johannes 4:34).
Lehrt meine Kirche, daß Gott den Christen Arbeit aufgetragen hat, nämlich das „Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“ zu predigen? (Matthäus 24:14; siehe auch Matthäus 28:19). Hält sie mich dazu an, diese herrliche Botschaft vom Reich Gottes ‘jedermann, der von mir Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in mir ist’, mitzuteilen? (1. Petrus 3:15).
Zumindest was die obigen Beispiele betrifft, hat Bonhoeffer seine Kirche gut beraten. „Aber warum werden seine Worte, wird seine reformatorische Mahnung an die Kirche überhaupt nicht angenommen?“ fragt Huntemann. Noch wichtiger ist die Frage: Warum werden die machtvollen Worte Jesu Christi weit weniger beachtet?
Der Theologe Dr. Ulrich Betz sagt, die westdeutsche Gesellschaft lebe und denke „nachchristlich, um nicht zu sagen neuheidnisch“. Die evangelische Kirche muß diesbezüglich die Schuld für mindestens 25 Millionen Mitglieder dieser Gesellschaft auf sich nehmen, die evangelisch sind. Ebenso, wie Zweifel über die Qualität eines Baumes aufkommen, wenn er schlechte Früchte trägt, so kommen auch Zweifel an einer Kirche auf, die Scheinchristen hervorbringt. Jesus erklärte: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen“ (Matthäus 7:16-18).
Man sollte sich deshalb ehrlich fragen: Was für Früchte bringt meine Kirche hervor? Wirkt sich ihr Einfluß positiv auf die Persönlichkeit ihrer Mitglieder aus? Fördert sie Frieden und Einheit in der Familie, in der Gemeinde und weltweit? Ist sie ein Bollwerk gegen Drogenmißbrauch, Unmoral und Kriminalität? Kann ich ohne Zögern sagen, daß es sich auf der Erde besser leben ließe, wenn jeder meiner Kirche angehörte?
Beachtenswert sind die auf der nächsten Seite genannten Gründe, die einige ehemals evangelische Gläubige aus Deutschland anführen, warum sie, nachdem sie sich ähnliche Fragen gestellt hatten, woanders nach geistiger Anleitung suchten.
Persönlich etwas unternehmen, wenn die Kirche nichts tut?
Falls jemand mit dem, was er sieht, nach einer ehrlichen Prüfung alles andere als zufrieden ist, ist es nicht damit getan, daß er sich über den Mißstand beschwert. Ein Journalist, der die Worte Karl Barths kommentierte, wonach die Gläubigen selbst ja die Kirche seien, kam zu folgendem logischen Schluß: „Wer zur Kirche gehört, ist ... dafür verantwortlich, was die Kirche sagt und tut.“ Man sollte sich daher fragen: Bin ich bereit, die Verantwortung für alles mit zu übernehmen, was meine Kirche sagt und tut? Kann ich auf alle Mitglieder meiner Kirche stolz sein?
Bei der Erwägung dieser Fragen darf die Tragweite der Worte aus Offenbarung 18:4, 8 nicht übersehen werden. Auf das Weltreich der falschen, Gott mißfallenden Religion Bezug nehmend, heißt es: „Geht hinaus aus ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen! ... [Denn] ihre Plagen [werden] an einem Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet.“
Jemand könnte aufrichtig glauben, seine Kirche habe mit der falschen Religion, von der Gott sagt, er werde sie bald vernichten, nichts gemein. Aber man muß absolut sicher sein. Bist du dir so sicher?
Die falsche Religion hat keine Zukunft, auch ihre Unterstützer nicht. Die wahre Religion wird für immer bestehenbleiben, bleiben werden auch diejenigen, die sie ausüben. Triff dementsprechend deine Wahl.
[Fußnote]
a Die Bibelzitate sind, soweit nicht anders angegeben, der Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984 entnommen.
[Kasten/Bild auf Seite 9]
Auf Kongressen — zum Beispiel durch Dramen (siehe Bild) — werden Jehovas Zeugen unterwiesen, wie biblische Grundsätze im täglichen Leben praktisch anzuwenden sind. Dieser deutliche Trompetenruf, der nicht durch politische Rangeleien oder Meinungsverschiedenheiten über Lehren verzerrt ist, stärkt ihre Zukunftshoffnung und fordert zu einem christlichen Lebenswandel und zu christlichen Tätigkeiten auf. Überzeuge dich auf einem solchen Kongreß selbst!
[Kasten auf Seite 11]
Ehemalige Protestanten erklären, warum sie jetzt Zeugen Jehovas sind
„Aufgefallen ist mir am Anfang die Sauberkeit und die Ehrlichkeit der Zeugen Jehovas auf einem Kongreß. Ich empfehle anderen, einmal einem ihrer Kongresse beizuwohnen, um selbst zu erleben, welche echte Liebe unter den Zeugen herrscht“ (W. R., ehemaliger Küster).
„Ich ging jeden Sonntag zur Kirche. Aber in den höchstens 20 Minuten dauernden Predigten wurde nur selten etwas angesprochen, was meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und über das Leben nach dem Tod beantwortet hätte. Die Zeugen Jehovas hatten diese Antworten aus der Bibel; ich konnte mit ihnen von Mensch zu Mensch reden. Mit dem Gottesdienst sollte es wirklich mehr auf sich haben, als beim Glockengeläut am Sonntagmorgen in die Kirche zu gehen, zu singen und eine Predigt zu hören. Ein aufrichtig Suchender kann damit nicht zufrieden sein! Er möchte doch etwas tun“ (E. B., ehemalige Helferin im Kindergottesdienst).
„Bei meiner Tätigkeit als Kirchenältester wurden überhaupt keine biblischen Themen behandelt, sondern nur rein geschäftliche. Am meisten hat mir geholfen, daß ich den Namen Gottes, Jehova, kennengelernt habe, der in der Kirche nie erwähnt wird. Mich beeindruckte die Fülle der Wahrheiten, die die Bibel lehrt“ (E. M., ehemaliger Kirchenältester).
„Die Unterschiede zwischen der evangelischen Kirche und den Zeugen Jehovas waren mir sofort klar, als zum erstenmal ein Zeuge Jehovas bei mir vorsprach. Er wollte mit mir über biblische Dinge sprechen. Das war mir völlig neu und fremd. Meine erste Frage war deshalb, ob er für diese Tätigkeit bezahlt werde. Das verneinte er. Meine zweite Frage war, ob Jehovas Zeugen den Krieg mitgemacht hätten. Er erzählte mir, daß viele Zeugen damals im Konzentrationslager waren. Endlich hatte ich die Menschen gefunden, die, wenn nötig, bereit waren, für ihren Glauben zu sterben“ (H. M., ehemaliger Küster).
„Als ich mit meinem Pastor darüber sprach, warum jeder Pastor seine eigene Auslegung habe, sagte er: ‚Jeder Pastor hat das Recht, sich seinen Gott so vorzustellen, wie er ihn für seine Gemeinde am besten verwenden kann.‘ Später besuchte ich abwechselnd Zusammenkünfte von zwei verschiedenen Versammlungen der Zeugen Jehovas. Mir fiel die völlige Übereinstimmung beider Versammlungen auf. Und welch wertvollen Inhalt die Vorträge und Ansprachen hatten — immer auf die Bibel gestützt mit Angabe von Bibelstellen, die man sofort in der eigenen Bibel mitlesen konnte. Welch ein Unterschied im Vergleich zu den vielen Predigten, die ich schon gehört hatte!“ (J. P., ehemalige Sozialbetreuerin und Gemeindeschwester).
[Bild auf Seite 10]
Auf Bezirkskongressen werden Jehovas Zeugen dazu angeregt, das Königreich Gottes zu verkündigen
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