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Familien ohne Vater — Ein Zeichen der ZeitErwachet! 2000 | 8. Februar
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Familien ohne Vater — Ein Zeichen der Zeit
„WAS halten Sie für das gravierendste gesellschaftliche Problem unserer Zeit?“ Bei einer Gallup-Umfrage in den Vereinigten Staaten gaben nahezu 80 Prozent der Befragten „das Fehlen des Vaters in der Familie“ an. Nach Aussage des Gallup-Instituts leben in den Vereinigten Staaten über 27 Millionen Kinder von ihrem biologischen Vater getrennt, und die Zahl steigt rapide. Laut einem Bericht vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen verbringt etwa die Hälfte der nach 1980 in den Vereinigten Staaten geborenen weißen Kinder „einen Teil ihrer Kindheit in einer Einelternfamilie. Bei den schwarzen Kindern beträgt der Anteil ungefähr 80 Prozent.“ In der Zeitung USA Today wurden die Vereinigten Staaten deshalb als „weltweit führend in der Rate der Familien ohne Vater“ bezeichnet.
In einem Artikel der Zeitschrift The Atlantic Monthly hieß es jedoch: „Der Anstieg zerrütteter Familien beschränkt sich nicht auf die amerikanische Gesellschaft. Er ist in so gut wie allen industrialisierten Staaten zu beobachten, Japan inbegriffen.“ Viele Entwicklungsländer scheinen sich einer ähnlichen Krise gegenüberzusehen, wenngleich kaum Statistiken darüber vorhanden sind. Der Zeitschrift World-Watch zufolge „kümmern sich allerdings viele Männer [in armen Ländern] nicht um Frau und Kinder, weil sie sie aus materieller Not verlassen müssen“. So hat eine Untersuchung in einem Karibikstaat ergeben, daß nur 22 Prozent der Väter von 8jährigen Kindern tatsächlich mit ihren Kindern unter einem Dach lebten.
Vaterlose Kinder waren schon in biblischen Zeiten nichts Außergewöhnliches (5. Mose 27:19; Psalm 94:6). Damals war jedoch der Hauptgrund für Vaterlosigkeit der Tod des Vaters. „Heute ist Vaterlosigkeit in erster Linie eine Sache der Entscheidung des Vaters“, schrieb der Publizist David Blankenhorn. Tatsächlich bezeugt die steigende Zahl vaterloser Kinder, wie wir noch sehen werden, daß heute viele Menschen „ohne natürliche Zuneigung“ sind. Nach der Bibel ist dies nur einer von vielen Beweisen dafür, daß wir in den „letzten Tagen“ leben (2. Timotheus 3:1-3).
Für jüngere Kinder ist das Verschwinden des Vaters aus ihrem Leben allerdings ein tragisches Erlebnis. Es löst einen Zyklus von Schmerz und Verzweiflung aus, der sich lange fortsetzen kann. In der vorliegenden Serie wollen wir diesen Zyklus nicht erörtern, um unsere Leser traurig zu stimmen, sondern wir möchten Informationen bieten, die Familien helfen können, den destruktiven Trend zu stoppen.
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Väter — Warum sie verschwindenErwachet! 2000 | 8. Februar
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Väter — Warum sie verschwinden
„Ich kann mich nicht erinnern, daß meine Eltern sich irgendwie gestritten hätten. Alles, was ich weiß, ist, daß mein Vater da war, und dann — peng! — war er auf einmal nicht mehr da. Ich hab’ bis heute keine Ahnung, wo mein Vater ist. Ich weiß nur, daß ich nichts für ihn empfinde“ (Bruce).
„In der Schule war ich die einzige, die nicht beide Eltern hatte und nicht in einem Haus gewohnt hat ... Ich bin mir immer wie eine Außenseiterin vorgekommen. Ich hatte immer das Gefühl, ganz anders zu sein als meine Mitschüler“ (Patricia).
DIE Krise der vaterlosen Familien hat ihre Wurzeln in der industriellen Revolution. Die Männer kamen durch die Arbeit in der Fabrik von zu Hause weg, so daß der väterliche Einfluß in der Familie zurückging, und die Mütter hatten einen größeren Anteil an der Kindererziehung.a Trotzdem blieben die meisten Väter bei ihrer Familie. Mitte der 1960er Jahre stiegen die Scheidungsziffern in den Vereinigten Staaten jedoch sprunghaft an. Religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Scheidungsbarrieren wurden allmählich abgebaut. Ermutigt durch die Behauptungen selbsternannter Experten, eine Ehescheidung schade den Kindern nicht, sondern könne im Gegenteil sogar gut für sie sein, entschlossen sich so viele Ehepaare wie noch nie zur Scheidung. In dem Buch Geteilte Familien von Frank F. Furstenberg und Andrew J. Cherlin heißt es: „In Belgien, Frankreich und der Schweiz haben sie [die Scheidungsziffern] sich [seit den 1960er Jahren] verdoppelt, in Kanada, England und den Niederlanden sogar verdreifacht.“
Obschon die Kinder nach der Scheidung in der Regel bei der Mutter bleiben, möchten die meisten Väter gern die Beziehung zu ihnen aufrechterhalten. Das gemeinsame Sorgerecht ist eine beliebte Lösung. Doch ein Großteil der Väter hat verblüffend wenig Kontakt zu den Kindern. Einer Erhebung zufolge sieht nur jedes sechste Scheidungskind seinen Vater wöchentlich. Fast die Hälfte der Kinder hatte den Vater ein ganzes Jahr lang nicht gesehen.
Das Scheitern des gemeinsamen Sorgerechts
Das Sorgerecht gemeinsam wahrzunehmen verlangt von Geschiedenen ein beträchtliches Maß an Kooperationsbereitschaft und Vertrauen, woran es allerdings oft hapert. Die Forscher Furstenberg und Cherlin sagen dazu: „Daß Väter ihre Kinder nicht mehr sehen, liegt zu einem guten Teil daran, daß sie nichts mehr mit ihren früheren Frauen zu tun haben wollen. Und viele Frauen nehmen gegenüber ihren Ex-Ehemännern die gleiche Haltung ein“.
Natürlich muß man einräumen, daß viele Väter ihre Kinder durchaus regelmäßig sehen. Aber da sie nicht mehr in das Alltagsleben ihrer Kinder eingebunden sind, fällt es manchen von ihnen schwer, sich beim Zusammensein mit ihren Kindern wie ein Vater zu verhalten. Viele übernehmen die Rolle eines Spielgefährten und füllen praktisch die ganze gemeinsame Zeit mit Freizeitaktivitäten und Einkäufen aus. Der 14jährige Ari beschreibt die Wochenendbesuche bei seinem Vater wie folgt: „Es gibt keinen festen Tagesablauf. Ich muß nicht um halb sechs zu Hause sein oder so was. Ich hab’ alle Freiheiten. Und mein Vater kauft mir andauernd Geschenke“ (Jill Krementz, How It Feels When Parents Divorce).
Ein liebevoller Vater sollte selbstverständlich seinen „Kindern gute Gaben zu geben“ wissen (Matthäus 7:11). Aber Geschenke sind kein Ersatz für die nötige Anleitung und Korrektur (Sprüche 3:12; 13:1). Wenn man die Rolle des Vaters gegen die eines Spielgefährten oder Besuchers eintauscht, wird die Vater-Kind-Beziehung zwangsläufig darunter leiden. Eine Studie führte zu dem Schluß: „Eine Scheidung kann die Vater-Kind-Beziehung endgültig auseinanderbrechen lassen“ (Journal of Marriage and the Family, Mai 1994).
Verletzt und wütend, weil sie vom Leben ihrer Kinder abgeschnitten sind, oder womöglich einfach kalt und gleichgültig, lassen manche Männer ihre Familie im Stich und enthalten ihr die notwendige finanzielle Unterstützung vor (1. Timotheus 5:8).b „Mir fällt echt nichts ein, was ich an meinem Vater gut finden könnte“, sagt ein verbitterter Teenager. „Er ist total von der Bildfläche verschwunden und unterstützt uns überhaupt nicht. Ich finde das ganz schön fies.“
Unverheiratete Eltern
Die Zunahme an vaterlosen Kindern geht in erster Linie auf den Rekord an unehelichen Geburten zurück. In dem Buch Fatherless America wird der Anteil der unehelichen Kinder in den Vereinigten Staaten mit einem Drittel angegeben. Von den annähernd 500 000 Babys, die jedes Jahr von 15- bis 19jährigen Müttern ausgetragen werden, kommen 78 Prozent unehelich zur Welt. Teenagerschwangerschaften sind allerdings ein globales Problem. Und Programme, die über Empfängnisverhütung aufklären oder zur Enthaltsamkeit aufrufen, haben das Sexualverhalten der Teenager kaum beeinflußt.
In dem Buch Teenage Fathers von Bryan E. Robinson heißt es: „Uneheliche Schwangerschaften sind nicht mehr in dem Maß wie in den 60er Jahren mit dem Stigma der Schande behaftet, weil die Einstellung zur Sexualität und zu vorehelichen Schwangerschaften liberaler geworden ist. ... Außerdem werden Jugendliche heute durch Werbung, Musik, Kino und Fernsehen unentwegt mit Sex bombardiert. Die amerikanischen Medien vermitteln Jugendlichen ein romantisches, erregendes und prickelndes Bild von der Sexualität, ohne jemals die realen Konsequenzen eines impulsiven und verantwortungslosen Sexualverhaltens aufzuzeigen.“
Viele Teenager haben naive Vorstellungen, was die Folgen unerlaubter Beziehungen angeht. Bezeichnend dafür sind Äußerungen, die Robinson von Jugendlichen hörte. Hier eine Auswahl: „Sie war nicht der Typ dafür [schwanger zu werden].“ „Wir hatten nur einmal die Woche Sex.“ Oder: „Ich dachte, beim ersten Mal könnte man nicht schwanger werden.“ Natürlich wissen manche junge Männer nur zu gut, daß sexuelle Beziehungen zu einer Schwangerschaft führen können. In dem Buch Young Unwed Fathers ist zu lesen: „Für eine ganze Anzahl Jungen [in den Innenstadtbezirken] ist Sex ein wichtiges Statussymbol. Sexuelle Eroberungen heben das Image. Viele Mädchen bieten ihren Körper an, um sich die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes zu erkaufen.“ In einigen Innenstadtkreisen werden Jungen, die noch kein Kind gezeugt haben, manchmal sogar als „Jungfrau“ verspottet.
Ein noch trostloseres Bild ergab eine Studie von 1993, die sich mit schulpflichtigen Müttern in Kalifornien befaßte. Wie sich herausstellte, waren zwei Drittel der Mädchen nicht von jugendlichen Freunden geschwängert worden, sondern von Männern über 20. Verschiedene Untersuchungen deuten auch darauf hin, daß viele unverheiratete Mütter im Teenageralter das Opfer von Vergewaltigungen oder sogar von Kindesmißbrauch sind. Diese weitverbreitete Ausbeutung läßt erkennen, wie krank und verdorben die moderne Gesellschaft geworden ist (2. Timotheus 3:13).
Warum junge Männer das Weite suchen
Jungen im Teenageralter, die Kinder zeugen, übernehmen selten langfristig Verantwortung für ihren Nachwuchs. Ein Junge, dessen Freundin schwanger wurde, meinte: „Ich hab’ einfach zu ihr gesagt: ‚Mach’s gut.‘ “ In einem Artikel der Zeitschrift Family Life Educator wird dagegen erklärt: „Die meisten jungen Väter äußern den ausdrücklichen Wunsch nach einer engen Beziehung zu ihrem Kind.“ Wie eine Studie mit jungen unverheirateten Vätern ergab, besuchten 70 Prozent ihr Kind einmal wöchentlich. Allerdings fährt der Artikel fort: „Wenn die Kinder größer werden, läßt die Häufigkeit der Besuche nach.“
Ein 17jähriger Vater brachte den Grund dafür auf den Punkt. Er sagte: „Wenn ich gewußt hätte, wie schwer es ist, hätte ich es nie soweit kommen lassen.“ Kaum ein Jugendlicher hat genug emotionale Reife oder Erfahrung, um den Anforderungen der Elternschaft gerecht zu werden. Auch haben nur wenige die nötige Ausbildung oder Berufserfahrung, um für den Lebensunterhalt sorgen zu können. Weil sie sich nicht mit der Blamage des Versagens konfrontiert sehen wollen, suchen viele junge Männer einfach das Weite. „Mein Leben ist ein einziges Durcheinander“, gibt ein junger Vater zu. Ein anderer klagt: „Ich komme kaum allein über die Runden. Ich wüßte nicht, wie ich es schaffen sollte, auch noch für ihn [seinen Sohn] zu sorgen.“
Saure Trauben
In biblischer Zeit gab es unter den Juden das Sprichwort: „Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf“ (Hesekiel 18:2, Einheitsübersetzung). Gott sagte den Juden, daß es nicht so zu sein brauchte. Vergangene Fehler müßten sich nicht in der Zukunft wiederholen (Hesekiel 18:3). Dennoch scheinen heute Millionen von Kindern den stumpfen Geschmack der ‘sauren Trauben’ ihrer Eltern auf der Zunge zu haben und für die Unreife, die Verantwortungslosigkeit und die ehelichen Versäumnisse ihrer Eltern büßen zu müssen. Zahlreiche Untersuchungen legen den Schluß nahe, daß Kinder, die vaterlos aufwachsen, einer Unmenge physischer und emotioneller Gefahren ausgesetzt sind. (Siehe Kasten auf Seite 7.) Besonders beklagenswert ist, daß sich die Vaterlosigkeit mitsamt dem Schmerz und Elend oft in den nächsten Generationen fortsetzt.
Sind vaterlose Familien zwangsläufig zum Scheitern verurteilt? Bestimmt nicht. Die gute Nachricht ist, daß sich der Trend aufhalten läßt. Der nächste Artikel geht näher darauf ein.
[Fußnoten]
a Interessanterweise richteten sich vor der Industrialisierung die Handbücher über Kindererziehung in den Vereinigten Staaten generell an Väter, nicht an Mütter.
b Die Forscher Sara McLanahan und Gary Sandefur berichten über die Lage in den Vereinigten Staaten: „Ungefähr 40 Prozent der Kinder, die theoretisch Anspruch auf Unterhaltszahlungen hätten, wurde [vom Gericht] überhaupt kein Unterhalt zugesprochen, und ein Viertel derer, denen Unterhalt zugesprochen wurde, sieht nichts davon. Weniger als ein Drittel der Kinder erhalten den vollen Betrag, der ihnen zusteht.“
[Kasten/Bild auf Seite 7]
DIE GEFAHREN, DIE ES MIT SICH BRINGT, VATERLOS AUFZUWACHSEN
Ohne Vater aufzuwachsen bringt für Kinder ernste Gefahren mit sich. Die nachstehenden Informationen sind für manch einen vielleicht schmerzlich, doch das Wissen um die Gefahren ist der erste Schritt, Schaden abzuwenden oder wenigstens gering zu halten. Und nicht zu vergessen: Statistiken beziehen sich auf Gruppen und nicht auf Einzelpersonen. Viele Kinder, die vaterlos aufwachsen, haben keines der beschriebenen Probleme. Wie im letzten Artikel dieser Serie gezeigt wird, können potentielle Schwierigkeiten durch den elterlichen Einfluß und das Beachten biblischer Grundsätze weitgehend gemindert werden. Befassen wir uns nun mit einigen möglichen Gefahren, denen vaterlose Kinder ausgesetzt sein können.
◼ Größere Gefahr sexuellen Mißbrauchs
Untersuchungen belegen, daß vaterlose Kinder eher Gefahr laufen, sexuell mißbraucht zu werden. Eine Studie, bei der 52 000 Fälle von Kindesmißbrauch erfaßt wurden, ergab, daß „72 Prozent der Kinder in einem Haushalt ohne ihre leiblichen Eltern oder mit nur einem biologischen Elternteil lebten“. In dem Buch Fatherless America wird behauptet: „Die eskalierende Gefahr sexuellen Mißbrauchs in unserer Gesellschaft ist hauptsächlich auf die zunehmende Abwesenheit der Väter zurückzuführen und auf die zunehmende Präsenz von Stiefvätern, Freunden und anderen nicht verwandten oder kurzzeitig präsenten Männern.“
◼ Größere Gefahr frühzeitiger sexueller Betätigung
Da in einer Einelternfamilie oft weniger elterliche Aufsicht gegeben ist, haben Jugendliche eher Gelegenheit zu unmoralischem Verhalten. Erziehungsdefizite können ebenfalls ein Faktor sein. „Bei Mädchen, in deren Leben es keinen Vater gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, zweieinhalbmal so hoch wie bei anderen Mädchen“, erklärt das US-Ministerium für Gesundheit und Sozialwesen.
◼ Armut
Eine Studie mit schwarzen jugendlichen Mädchen in Südafrika führt zu dem Schluß, daß Armut eine übliche Folge unehelicher Geburten ist. „In ungefähr 50 % der Fälle“, so die Autoren der Studie, „ist es unwahrscheinlich, daß die Jugendlichen weiter zur Schule gehen.“ Viele unverheiratete Mütter enden als Prostituierte oder Drogendealerinnen. In westlichen Ländern ist die Lage nicht unbedingt viel besser. 1995 sah es in den Vereinigten Staaten wie folgt aus: „10 Prozent der Kinder in Zweielternfamilien lebten in Armut gegenüber 50 Prozent der Kinder alleinerziehender Mütter“ (America’s Children: Key National Indicators of Well-Being 1997).
◼ Vernachlässigung
Viele Alleinerziehende, die für den Unterhalt aufkommen müssen, fühlen sich von ihren Pflichten erdrückt und sind nicht in der Lage, ausreichend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Eine Geschiedene meint dazu: „Tagsüber hab’ ich gearbeitet, und abends bin ich zur Schule gegangen und hab’ mich dabei total aufgerieben. Ich hab’ die Kinder eindeutig vernachlässigt.“
◼ Emotioneller Schaden
Verschiedene Experten behaupten zwar, Kinder würden nach einer Scheidung rasch wieder zu sich finden, doch Forscher wie Dr. Judith Wallerstein haben festgestellt, daß Scheidungen bleibende emotionelle Wunden reißen. „Über ein Drittel der jungen Männer und Frauen zwischen 19 und 29 zeigten zehn Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern wenig oder gar keinen Ehrgeiz. Sie ließen sich ohne Ziele, mit ... einem Gefühl der Hilflosigkeit durchs Leben treiben“ (Dr. Judith Wallerstein und Sandra Blakeslee, Gewinner und Verlierer). Bei vielen Scheidungskindern wurden Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen, kriminelle Verhaltensweisen und anhaltende Aggressionen beobachtet.
In dem Buch The Single-Parent Family heißt es: „Zahlreiche Studien belegen, daß sich Jungen, die ohne eine starke männliche Präsenz aufwachsen, in ihrer geschlechtlichen Identität unsicher sind, eine geringe Selbstachtung haben und im späteren Leben nur schwer enge Beziehungen eingehen können. Die Probleme, die bei Mädchen durch das Fehlen eines männlichen Rollenvorbilds entstehen, treten meistens erst in der Adoleszenz oder später auf und manifestieren sich unter anderem in Schwierigkeiten beim Aufbauen erfolgreicher Partnerschaften.“
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Familien ohne Vater — Den Trend aufhaltenErwachet! 2000 | 8. Februar
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Familien ohne Vater — Den Trend aufhalten
WENN der gegenwärtige Trend anhält, sind vaterlose Familien bald die Norm. In einem Bericht des US-Ministeriums für Gesundheit und Sozialwesen wird behauptet: „Kinder, die bei einem Alleinerziehenden aufwachsen, haben im allgemeinen schlechtere Noten, neigen eher zu Verhaltensauffälligkeiten und leiden häufiger an chronischen körperlichen oder psychischen Beschwerden. ... Bei Kindern alleinerziehender Mütter sind Teenagerschwangerschaften, vorzeitiges Abgehen von der Schule und Inhaftierungen vermehrt zu beobachten.“
Kein Wunder, daß Sozialwissenschaftler, Familienberater, Pädagogen und sogar Politiker verzweifelt nach Mitteln und Wegen suchen, diesen destruktiven Trend aufzuhalten! Man hat im großen Stil Tagungen für Männer abgehalten, um den Stolz auf die Vaterschaft zu fördern und auf die familiären Verpflichtungen des Mannes hinzuweisen. Bücher über Vaterschaft überschwemmen den Markt. Man hat sogar versucht, Väter zu zwingen, ihren Pflichten nachzukommen. In den Vereinigten Staaten sind zahlungsunwillige Väter von Richtern gemaßregelt, in Talk-Shows angegriffen und sogar öffentlich blamiert worden. Diese Methoden haben allerdings nur dürftige Ergebnisse gezeitigt.
Schnelle Lösungen
Auch schnelle Lösungen führen oft zu zweifelhaften Resultaten. Eine Geschiedene möchte sich vielleicht in aller Eile wiederverheiraten, damit ihre Kinder einen neuen Vater bekommen. Eine Wiederheirat mag zwar von Vorteil sein, aber es können auch Probleme auftreten. Bei manchen Kindern dauert es lange, bis sie den neuen Vater akzeptieren. Andere tun es nie. Aus einer Studie ging hervor, daß „fast zwei Drittel der Frauen, die einen Stiefelternteil hatten, von zu Hause ausgezogen waren, bevor sie 19 Jahre alt waren ..., gegenüber 50 % der Frauen aus intakten Familien“. Selbst in erfolgreichen Stieffamilien dauert es mitunter Jahre, bis der Stiefvater von den Kindern akzeptiert wird.a
Für das Problem der Teenagerschwangerschaften gibt es ebenfalls keine schnellen Lösungen. Abtreibung beispielsweise verstößt gegen Gottes Gesetz und verlangt von einer jungen Frau, die Tür ihrer Gefühle innigen Erbarmens vor dem winzigen Lebewesen, das in ihr heranwächst, zu verschließen (2. Mose 20:13; 21:22, 23; Psalm 139:14-16; vergleiche 1. Johannes 3:17). Kann man sich eine Abtreibung vorstellen, die keine emotionalen Narben hinterläßt? Das Kind zur Adoption freizugeben wird von vielen als humanere Lösung angesehen, aber auch dabei können emotionale Narben zurückbleiben — bei Mutter und Kind.
Nein, mit schnellen Lösungen läßt sich der Kreislauf nicht durchbrechen. Die gegenwärtigen Trends im Familienleben sind nur aufzuhalten, wenn die Menschen bereit sind, ihr Denkmuster, ihre Einstellung, ihr Verhalten und ihre Moral von Grund auf zu ändern. Um Menschen zu solch tiefgreifenden Veränderungen zu motivieren, braucht es allerdings etwas mehr als hochtönendes Gerede und populäre Psychologie. Dieses „etwas mehr“ ist in Gottes Wort, der Bibel, zu finden. Immerhin ist Gott der Urheber der Familie (Epheser 3:14, 15). Er weiß am allerbesten, was Kinder brauchen.
Biblische Grundsätze, die Familien weiterhelfen
Aber kann die Bibel vaterlosen Kindern wirklich helfen? Sind sie nicht ein für allemal geschädigt? Nein. Eingangs wurde ein US-Regierungsbericht über die zahlreichen Gefahren zitiert, denen diese Kinder ausgesetzt sind. Doch ungeachtet der traurigen Aussagen schließt der Bericht mit den Worten: „Trotz eindeutiger Hinweise auf größere Gefahren hat die Forschung auch ergeben, daß sich die Mehrheit der Kinder in Einelternfamilien normal entwickelt.“ Ja, die negativen Auswirkungen des Aufwachsens ohne Vater können vermieden oder wenigstens auf ein Minimum reduziert werden. Das trifft vor allem dann zu, wenn sich die Kindererziehung an biblischen Grundsätzen orientiert.
Das verlangt Alleinerziehenden einiges an Anstrengung ab — eine Aussicht, die auf den ersten Blick vielleicht erdrückend wirkt. Doch wer sich in dieser Lage befindet, kann lernen, sich völlig auf Jehova Gott zu verlassen (Sprüche 3:1, 2). In biblischer Zeit gab es Christinnen, die zum Beispiel durch den Tod ihres Mannes in eine schwierige Situation geraten waren. Die Bibel sagt über sie: „Die Frau nun, die wirklich Witwe ist und hilfsbedürftig hinterlassen wurde, hat ihre Hoffnung auf Gott gesetzt und verharrt Nacht und Tag im Flehen und in Gebeten“ (1. Timotheus 5:5). Schließlich bezeichnet sich Jehova selbst als „ein Vater von vaterlosen Knaben“ (Psalm 68:5). Mit Sicherheit steht er gottesfürchtigen Frauen in ihren Bemühungen, ihre Kinder zu erziehen, bei.
Ein regelmäßiges Bibelstudium mit den Kindern trägt entscheidend dazu bei, daß aus ihnen ausgeglichene, reife Erwachsene werden (5. Mose 6:6-9). Unter Jehovas Zeugen machen sich viele Alleinerziehende biblische Veröffentlichungen zunutze, die speziell für Jugendliche konzipiert sind, zum Beispiel das Buch Fragen junger Leute — Praktische Antwortenb. Die Informationen darin vermitteln Jugendlichen Moralbegriffe, die sie davor bewahren können, die Fehler ihrer Eltern zu wiederholen. Während die Kinder Jehova Gott kennenlernen, merken sie, daß sie einen himmlischen Vater haben, dem viel an ihnen liegt (Psalm 27:10). Dadurch können sie mit Gefühlen des Verlassenseins besser umgehen. Ein britisches Mädchen, das die Trennung der Eltern miterlebt hat, erzählt: „In der ganzen Zeit hat mir meine Mutter eingeschärft, wie wichtig es ist, zu beten und völlig auf Jehova zu vertrauen. Dadurch konnten wir mit allem besser fertig werden.“
Die Eltern-Kind-Bindung aufrechterhalten
Die Bibel sagt unmißverständlich, daß ein Kind seine Mutter und seinen Vater ehren muß (2. Mose 20:12). Und eine Scheidung hebt die Vater-Kind-Bindung nicht auf. Wenn der Vater auch nicht mehr zu Hause wohnt, können die Kinder doch von einer innigen Beziehung zu ihm profitieren.c Das Problem liegt oft darin, daß die Mutter wütend auf ihn ist und nicht möchte, daß er irgendwie auf die Kinder einwirkt. Wie kann sie mit solchen Gefühlen klarkommen?
Die Bibel gibt den guten Rat: „Gib acht, daß Wut dich nicht zu gehässigem ... [Verhalten] verlockt ... Sei auf der Hut, daß du dich nicht Schädlichem zuwendest“ (Hiob 36:18-21). Natürlich ist es nicht leicht, nett von jemandem zu sprechen, der einen verletzt und verlassen hat. Aber es wäre gut, sich zu fragen: Kann ein Mädchen lernen, einem Mann zu vertrauen, wenn ihr ständig gesagt wird, wie schlecht ihr Vater sei? Kann ein Junge eine gefestigte, männliche Persönlichkeit entwickeln, wenn ihm vorgehalten wird: „Du bist genau wie dein Vater!“? Können Kinder eine gesunde Ansicht über Autorität entwickeln, wenn man ihnen beibringt, ihren Vater zu verachten, oder sie davon abhält, ihn zu sehen? Ganz offensichtlich schadet es dem Kind, wenn die Beziehung zu seinem Vater unterminiert wird.
Mancher wird überrascht sein, zu erfahren, daß die Bibel gerechten Zorn nicht verurteilt. „Seid erzürnt“, sagt die Bibel, „und doch sündigt nicht“ (Epheser 4:26). Die Sünde besteht nicht darin, zornig zu sein, sondern sich von ‘Zorn, Wut, Schlechtigkeit und Lästerworten’ beherrschen zu lassen (Kolosser 3:8). Deshalb sollte eine Frau den Vater vor den Kindern nicht schlechtmachen. Wenn sie das Bedürfnis hat, mit jemandem über ihre Frustrationen zu sprechen, kann sie die biblische Anregung beachten, jemand anders ihre „angstvolle Besorgtheit“ mitzuteilen, aber nicht ihren Kindern, sondern vielleicht einer vertrauten Freundin (Sprüche 12:25). Es ist gut, sich eine positive Einstellung zu bewahren und nicht der Vergangenheit nachzutrauern (Prediger 7:10). Das kann wesentlich dazu beitragen, den Zorn abzubauen.
Auch darf man nicht vergessen, daß die Bibel Kindern gebietet, ihren Vater zu respektieren, auch wenn sein Verhalten nicht gerade vorbildlich ist (Epheser 6:2, 3). Deswegen sollte die Mutter versuchen, ihren Kindern zu helfen, die Fehler des Vaters in der richtigen Perspektive zu sehen. Eine junge Frau, die aus einer zerrütteten Familie stammt, sagt: „Dadurch, daß ich meinen Vater objektiv als unvollkommenen, mit Fehlern behafteten Menschen sah, bin ich letzten Endes mit ihm ins reine gekommen.“ Eine Frau, die ihr Kind anhält, seinen Vater zu respektieren, verhilft ihm außerdem zu einer gesunden Ansicht über ihre eigene elterliche Autorität.
Für die Mutter ist es auch wichtig, nicht die Grenzen zwischen sich und den Kindern zu verwischen. Die Kinder stehen nach wie vor unter dem ‘Gesetz ihrer Mutter’ (Sprüche 1:8). Söhne können sich überlastet fühlen, wenn von ihnen erwartet wird, der Mann im Haus zu sein, und Töchtern geht es ähnlich, wenn sie die Vertraute der Mutter sein sollen. Kinder brauchen die Gewißheit, daß die Eltern für sie sorgen, nicht umgekehrt. (Vergleiche 2. Korinther 12:14.) Diese Zusicherung kann ihnen ein Gefühl der Geborgenheit geben, obwohl die familiäre Situation nicht ideal ist.
Ersatzväter
Was aber, wenn der Vater völlig aus dem Leben der Kinder verschwunden ist? Experten sagen, daß Kinder von männlichen Bezugspersonen profitieren können. Das freundliche Interesse eines Onkels oder eines Nachbarn kann sich positiv auf das Kind auswirken, doch vor allem wird es ihm guttun, mit aufrichtigen Männern, die innerhalb der Christenversammlung zu finden sind, Gemeinschaft zu pflegen. Jesus verhieß, daß die Versammlung ähnlich wie eine Familie eine Stütze sein würde (Markus 10:29, 30).
Der junge Timotheus, der in biblischer Zeit lebte, wuchs zu einem herausragenden Glaubensmenschen heran, ohne daß er die Unterstützung eines gläubigen Vaters hatte. Die Bibel führt das zum großen Teil auf die liebevolle Erziehung durch seine Mutter und seine Großmutter zurück (Apostelgeschichte 16:1; 2. Timotheus 1:1-5). Doch er profitierte auch von dem Umgang mit einem christlichen Mann, dem Apostel Paulus. Paulus bezeichnete Timotheus als sein „geliebtes und treues Kind im Herrn“ (1. Korinther 4:17). Auch heute gilt für Zeugen Jehovas die biblische Aufforderung, „nach Waisen und Witwen ... zu sehen“ (Jakobus 1:27). Sie sind angehalten, ‘vaterlose Knaben zu befreien’, indem sie ein aufrichtiges, ausgewogenes Interesse an ihnen zeigen (Hiob 29:12). Annette, eine junge Frau, erinnert sich gern an das ehrliche Interesse, das ihr ein christlicher Ältester entgegenbrachte, als sie noch ein Kind war. Sie sagt: „Er war die einzige echte Vaterfigur in meinem Leben.“
Den Trend umkehren
Das Beachten dieser Grundsätze kann vaterlosen Kindern zum Erfolg verhelfen. Trotz ihrer nachteiligen Ausgangslage können sie ausgeglichene, leistungsfähige Erwachsene werden sowie liebevolle, verläßliche und engagierte Eltern. Dennoch ist Vorbeugen weit besser als Heilen. Letztlich kann der Trend nur aufgehalten werden, wenn Männer und Frauen ihr Leben nach der Bibel ausrichten und sich unter anderem an das biblische Verbot vorehelicher Beziehungen halten und die biblischen Richtlinien für Ehemänner beziehungsweise Ehefrauen beachten (1. Korinther 6:9; Epheser 5:21-33).
Heutzutage haben viele Kinder einen Vater zu Hause und können trotzdem als vaterlos bezeichnet werden. Ein Experte für Familienfragen behauptet: „Das größte Problem für ... Kinder von heute ist, daß die Eltern ihnen zuwenig Zeit und Aufmerksamkeit schenken.“ Gottes Wort spricht dieses Thema ganz offen an. Vätern wird mit Bezug auf ihre Kinder geboten: „Gebt ihnen die Anleitung und die Zurechtweisung, die zu einer christlichen Erziehung gehören“ (Epheser 6:4, New English Bible; Sprüche 24:27). Bei einem Vater, der sich nach der Bibel ausrichtet, brauchen die Kinder keine Angst zu haben, im Stich gelassen zu werden.
Ist es aber realistisch, davon auszugehen, daß sich die meisten mit der Bibel auseinandersetzen werden? Wohl kaum (Matthäus 7:14). Allerdings haben Jehovas Zeugen durch ein Bibelstudienprogramm, das im eigenen Zuhause stattfinden kann, Millionen Menschen zu einem glücklicheren Familienleben verholfen.d Zwar weist die Bibel warnend darauf hin, daß alle Ehepaare wegen ihrer Unvollkommenheit „Drangsal im Fleisch“ haben werden (1. Korinther 7:28). Paare, die Gottes Wort wirklich respektieren, bemühen sich jedoch, ihre Probleme zu lösen, und werden sich nicht beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten scheiden lassen. Zugegeben, es gibt Umstände, unter denen ein Christ zu Recht eine Trennung oder sogar eine Scheidung ins Auge faßt (Matthäus 5:32). Doch das Bewußtsein der möglichen Wirkung auf die Kinder wird ihn veranlassen, Mittel und Wege zu suchen, die Ehe wenn irgend möglich zu retten.
Nach der Bibel zu leben kann Familien nicht nur heute zusammenhalten, sondern ihnen sogar den Weg zu ewigem Leben eröffnen. Jesus sagte: „Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus“ (Johannes 17:3). Die Hinweise in Gottes Wort zu lesen und umzusetzen ist eine der besten Methoden, sicherzustellen, daß die eigene Familie für immer intakt bleibt.
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