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  • Ist es Schicksal oder purer Zufall?
    Erwachet! 1999 | 8. August
    • Ist es Schicksal oder purer Zufall?

      „DAS Schicksal hat viele Menschenleben gefordert und andere Menschen verschont“ — so stand es in der Zeitung International Herald Tribune zu lesen. Bei Terroranschlägen auf die amerikanische Botschaft in Kenia und in Tansania wurden im vergangenen Jahr fast 200 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Doch wie die Zeitung schrieb, hatten in Kenia „die meisten leitenden Botschaftsangestellten das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein“.

      Sie blieben verschont, weil sie einer Besprechung beiwohnten, die in einem der Explosion abgewandten Teil des Gebäudes stattfand. Ein hochrangiger Botschaftsbeamter jedoch nahm ausnahmsweise nicht daran teil und kam ums Leben, weil er sich gerade in der Nähe des Explosionsortes aufhielt.

      „Das Schicksal spielte auch Arlene Kirk übel mit“, hieß es in der Zeitung. Arlenes Rückflug aus dem Urlaub nach Kenia war überbucht, und sie hatte sich bereit erklärt, auf einen späteren Flug auszuweichen. Andere Passagiere waren ihr aber zuvorgekommen, so daß sie den Flug dennoch antreten konnte. So war sie am Tag des Attentats wieder an ihrem Arbeitsplatz in der Botschaft erschienen und wurde bei der Explosion getötet.

      Mit Unglücken ist der Mensch nur allzu vertraut. Die Frage nach dem Warum eines tragischen Ereignisses ist jedoch nie einfach zu beantworten. Immer wieder kommen weltweit bei Unfällen und Katastrophen Menschen ums Leben, während andere überleben. Aber nicht nur bei Unglücken fragt sich so mancher: „Warum gerade ich?“ Selbst was die guten Seiten des Lebens angeht, haben manche offenbar bessere Chancen als andere. Für viele ist das Leben ein stetiger Kampf, manchen hingegen fällt anscheinend alles in den Schoß. Vielleicht fragen wir uns unwillkürlich: „Könnte es sein, daß all das irgendwie vorherbestimmt worden ist? Wird mein Leben vom Schicksal bestimmt?“

      Auf der Suche nach Erklärungen

      Vor gut 3 000 Jahren fiel einem weisen König auf, wieviel Unerwartetes um ihn herum geschah. Er hatte für diese Ereignisse folgende Erklärung: „Zeit und unvorhergesehenes Geschehen trifft sie alle“ (Prediger 9:11). Manchmal geschieht das Unerwartete. Es läßt sich einfach nicht vorhersehen. Einschneidende Ereignisse — ob zum Vorteil oder zum Nachteil — sind häufig einfach eine Frage des Zeitpunkts.

      Vielleicht teilen wir aber die Ansicht derer, die solche Geschehnisse nicht als Produkt des Zufalls erklären, sondern sie dem Wirken einer anderen Macht zuschreiben: des Schicksals. Der Glaube an ein Schicksal oder eine Bestimmung gehört zu den ältesten und am weitesten verbreiteten religiösen Lehren überhaupt.a Professor François Jouan, Leiter des Zentrums für Mythologieforschung an der Universität Paris, sagt: „Ausnahmslos zu allen Zeiten und in allen Zivilisationen glaubte man an Gottheiten, die die Geschicke ... bestimmen, ... um all das zu erklären, was in unserem Dasein unerklärlich ist.“ Aus diesem Grund hört man häufig jemand sagen: „Seine Zeit war noch nicht gekommen“ oder: „Es hat nicht sollen sein.“ Doch was ist mit „Schicksal“ gemeint?

      Was versteht man unter „Schicksal“?

      Die deutschen Begriffe „Schicksal“ und „Geschick“ leiten sich ab von dem Verb „schicken“, das ursprünglich die Grundbedeutung hatte von „machen, daß etwas geschieht“. Unter dem Einfluß des lateinischen Wortes fatum, definiert als „Weissagespruch, Orakel, Götterspruch“, wurde „Schicksal“ zur Bezeichnung der Macht, die auf unvermeidliche und unerklärliche Weise die Zukunft bestimmt — von manchen als unpersönliche höhere Macht des Zufalls, meist jedoch als eine Gottheit angesehen.

      Der Religionshistoriker Helmer Ringgren erklärt: „Ein wesentliches Element der religiösen Einstellung ist die Überzeugung, daß das ‚Schicksal‘ des Menschen kein sinnloser Zufall ist, sondern von einer Macht herrührt, der man einen Willen oder eine Absicht zuschreiben kann.“ Auch wenn es oft für möglich gehalten wird, sein Schicksal bis zu einem gewissen Grad zu beeinflussen, glauben doch viele, der Mensch sei ein relativ machtloser Spielball des Schicksals. Deshalb „ergeben sie sich in ihr Schicksal“.

      Theologen und Philosophen haben seit langem große Mühe, den Schicksalsbegriff zu erklären. In der Encyclopedia of Religion wird gesagt: „Ganz gleich, in welcher Abwandlung, Sprache oder Bedeutungsschattierung der Schicksalsbegriff vorkommt, er enthält immer ein Grundelement des Rätselhaften.“ Indes zieht sich die Vorstellung von einer höheren Macht, die die Angelegenheiten des Menschen beherrscht oder leitet, wie ein roter Faden durch das Labyrinth der Ideen. Diese Macht, so glaubt man, bestimme die Geschicke von Einzelpersonen und ganzen Nationen voraus, weshalb sich an deren Zukunft genausowenig etwas ändern lasse wie an der Vergangenheit.

      Ein entscheidender Faktor

      Kommt es denn überhaupt darauf an, ob man an das Schicksal glaubt oder nicht? Der englische Philosoph Bertrand Russell schrieb: „Die Lebensumstände der Menschen bestimmen weitgehend ihre Philosophie; während umgekehrt auch ihre Philosophie in hohem Masse ihre Lebensumstände bedingt.“

      Entscheidend für unser Handeln kann tatsächlich sein, ob wir an das Schicksal glauben oder nicht. In dem Glauben, es sei der Wille der Götter, nehmen viele Menschen ihre Lage — und sei sie noch so ungerecht und bedrückend — gleichmütig hin, sozusagen als ihr unabänderliches Los im Leben. Schicksalsgläubigkeit wirkt somit der Idee entgegen, der einzelne sei für sein Handeln selbst verantwortlich.

      Andererseits hat der Glaube an ein vorherbestimmtes Geschick Menschen auch zu genau dem entgegengesetzten Handeln veranlaßt. Beispielsweise führen Historiker die Entwicklung des Kapitalismus und die industrielle Revolution neben einer Reihe anderer Faktoren auch auf den Glauben an die Vorherbestimmung zurück. Einige Strömungen im Protestantismus lehrten, Gott bestimme Einzelpersonen für die Rettung vorher. Dazu bemerkte der deutsche Soziologe Max Weber: „Die eine Frage mußte ja alsbald für jeden einzelnen Gläubigen entstehen und alle anderen Interessen in den Hintergrund drängen: Bin ich denn erwählt?“ Der einzelne suchte herauszufinden, ob er Gottes Segen hatte und demzufolge zur Rettung vorherbestimmt war. Weber zufolge tat man dies „im weltlichen Berufsleben“. Erfolg im Berufsleben und der Erwerb von Wohlstand wurden als Zeichen göttlicher Gunst gedeutet.

      Der Schicksalsglaube ist auch die treibende Kraft hinter manch extremen Handlungen. In dem Glauben an kamikaze, den „göttlichen Wind“, stürzten sich während des Zweiten Weltkriegs japanische Piloten mit ihren Flugzeugen in den Tod. Die Vorstellung, die Götter hätten einen Vorsatz und es sei möglich, darin eine Rolle zu spielen, war der religiöse Hintergrund zu jenem grausigen Tod. Im vergangenen Jahrzehnt machten im Nahen Osten häufig Selbstmordkommandos mit schrecklichen Terroranschlägen von sich reden. Wie eine Enzyklopädie bemerkt, spielt der Fatalismus bei derlei „religiös motivierten Selbstmordanschlägen“ eine maßgebliche Rolle.

      Warum aber ist der Schicksalsglaube so weit verbreitet? Eine kurze Betrachtung der Ursprünge beantwortet diese Frage.

      [Fußnote]

      a Wie tief verwurzelt der Schicksalsglaube ist, läßt der Umstand erkennen, daß in etlichen Sprachen etwas Verhängnisvolles oder Tödliches mit dem Wort „fatal“ beschrieben wird, abgeleitet von dem lateinischen Ausdruck für „vom Schicksal bestimmt“.

  • Der Mensch auf der Suche nach dem Schicksal
    Erwachet! 1999 | 8. August
    • Der Mensch auf der Suche nach dem Schicksal

      WARUM ist der Schicksalsglaube so weit verbreitet? Seit jeher hat der Mensch versucht, die Geheimnisse des Lebens zu enträtseln und den Sinn dessen zu ergründen, was um ihn herum geschieht. Der Historiker Helmer Ringgren erklärt: „Hier kommen die Kategorien ‚Gott‘, ‚Bestimmung‘ und ‚Zufall‘ ins Spiel, je nachdem, ob die Ereignisse auf eine persönliche Macht, eine unpersönliche Ordnung oder gar keine Ordnung zurückgeführt werden.“ Glaubensansichten, Sagen und Mythen, die von Schicksal und Bestimmung handeln, sind in der Geschichte reichlich belegt.

      Der Assyriologe Jean Bottéro sagt: „Wir sind in allen Aspekten unserer Kultur nachhaltig von der mesopotamischen Zivilisation geprägt“ und fügt hinzu, gerade im alten Mesopotamien oder Babylonien finde man „die ältesten erkennbaren Reaktionen und Reflexionen des Menschen in bezug auf das Übernatürliche, die ältesten nachweisbaren religiösen Strukturen“. Dort ist auch der Ursprung des Schicksalsglaubens zu finden.

      Die Wurzeln des Schicksalsglaubens im Altertum

      In den alten Ruinen von Mesopotamien, dem heutigen Irak, haben Archäologen einige der ältesten dem Menschen bekannten Aufzeichnungen gefunden. Tausende mit Keilschrift beschriebene Tafeln vermitteln uns ein deutliches Bild vom Leben in den alten Zivilisationen von Sumer und Akkad und in der berühmten Stadt Babylon. Gemäß dem Archäologen Samuel N. Kramer bewegte die Sumerer „das Problem des menschlichen Leids, besonders angesichts der ziemlich rätselhaften Ursachen“. Die Suche nach Erklärungen führte sie zu der Vorstellung vom Schicksal.

      Die Archäologin Joan Oates schreibt in ihrem Buch Babylon: „Jeder Babylonier hatte seine eigene, persönlich-private Gottheit“. Die Babylonier glaubten, daß die Götter „das Schicksal der Menschheit sowohl im einzelnen als auch im allgemeinen bestimmten“. Wie Kramer sagt, glaubten die Sumerer, „die den Kosmos beherrschenden Götter würden Bosheit, Lüge und Gewalttat als wesentlichen Bestandteil der Zivilisation planen und hervorrufen“. Der Glaube an das Schicksal war weit verbreitet und hoch angesehen.

      Die Babylonier hielten es für möglich, die Absichten der Götter durch Wahrsagung in Erfahrung zu bringen — „eine Art Kommunikation mit den Göttern“. Dazu gehörte der Versuch, die Zukunft vorauszusagen, indem wahrgenommene Erscheinungen und Ereignisse beobachtet und entschlüsselt oder gedeutet wurden. Gewöhnlich legte man Träume aus, deutete das Verhalten von Tieren und beschaute Eingeweide. (Vergleiche Hesekiel 21:21; Daniel 2:1-4.) Unerwartete oder ungewöhnliche Erscheinungen, aus denen man die Zukunft zu erfahren glaubte, wurden auf Tontafeln aufgezeichnet.

      Nach Aussage von Édouard Dhorme, französischer Gelehrter für Zivilisationen des Altertums, „stößt man schon in der frühesten mesopotamischen Geschichte auf Wahrsager und die Idee der Weissagung“. Wahrsagerei gehörte untrennbar zum Leben der Menschen. Professor Bottéro sagt sogar: „Man hielt alles mögliche für geeignet, daraufhin untersucht zu werden, ob sich eine Weissagung daraus ableiten ließe, galt doch im Grunde das gesamte materielle Universum als lohnenswertes Objekt aufmerksamer Studien, woraus man irgendwie auf die Zukunft schließen könne.“ Deshalb widmeten sich die Mesopotamier eingehend der Astrologie als Mittel, die Zukunft vorauszusagen. (Vergleiche Jesaja 47:13.)

      Darüber hinaus gebrauchten die Babylonier Würfel oder Lose zur Weissagung. Deborah Bennett erklärt in ihrem Buch Randomness, damit habe man „die Manipulierbarkeit von menschlicher Seite ausschließen und den Göttern einen eindeutigen Kanal bieten wollen, durch den sie ihren göttlichen Willen mitteilen konnten“. Allerdings galten die Entscheidungen der Götter nicht als unerbittlich. Um ein böses Schicksal abzuwenden, konnten die Götter um Hilfe angerufen werden.

      Schicksalsglaube im alten Ägypten

      Im 15. Jahrhundert v. u. Z. pflegten Babylonien und Ägypten enge Beziehungen. Der sich daraus ergebende kulturelle Austausch schloß auch die mit dem Schicksalsglauben einhergehenden Religionsbräuche ein. Warum übernahmen die Ägypter den Schicksalsglauben? Nach Auskunft von John R. Baines, Professor für Ägyptologie an der Universität Oxford, erstreckte sich die ägyptische Religion „in weiten Teilen auf das Bemühen, Unvorhersehbares und Unglück zu verstehen und damit umzugehen“.

      Unter den vielen ägyptischen Gottheiten galt Isis als „Herrin des Lebens, Gebieterin über Schicksal und Bestimmung“. Die Ägypter betrieben auch Wahrsagerei und Astrologie. (Vergleiche Jesaja 19:3.) Eine Historikerin sagt: „Ihr Einfallsreichtum beim Befragen der Götter kannte keine Grenzen.“ Indes war Ägypten nicht die einzige Zivilisation, die eine Anleihe bei den Babyloniern machte.

      Griechenland und Rom

      „Das antike Griechenland konnte sich der starken und gleichzeitig weitreichenden Ausstrahlung Babyloniens nicht entziehen“, bemerkt Jean Bottéro mit Bezug auf das Gebiet der Religion. Professor Peter Green erklärt, warum der Schicksalsglaube in Griechenland so populär war: „In einer Welt der Ungewißheit, in der die Menschen immer weniger geneigt waren, für ihre eigenen Entscheidungen verantwortlich zu sein, und sich sogar häufig wie Marionetten vorkamen, den Launen eines ebenso unerforschlichen wie unabwendbaren Schicksals hilflos ausgeliefert, erschienen orakelhafte göttliche Befehle als eine Möglichkeit, herauszufinden, was die Zukunft für den einzelnen bereithielt. Was durch das Schicksal festgelegt war, konnte — besondere Fähigkeiten oder Einblicke vorausgesetzt — vorhergesehen werden. Es war vielleicht nicht unbedingt das, was man gern gehört hätte, aber wer gewarnt ist, ist wenigstens gewappnet.“

      Der Schicksalsglaube diente indes nicht nur dazu, den einzelnen mit Blick auf die Zukunft zu beruhigen, sondern konnte auch zu wenig ehrenhaften Zwecken eingesetzt werden. Mit Hilfe der Lehre vom Schicksal ließen sich die Massen in Schach halten, und folglich, so der Historiker F. H. Sandbach, „war der Glaube, die Welt sei gänzlich von der Vorsehung beherrscht, für die herrschende Klasse eines herrschenden Volkes sehr reizvoll“.

      Warum? Wie Professor Green erklärt, war diese Lehre „eine automatische — sittliche, theologische, semantische — Rechtfertigung für die festgeschriebene gesellschaftliche und politische Ordnung: das mächtigste und raffinierteste Werkzeug zur Selbsterhaltung, das die herrschende hellenische Klasse je erdacht hat. Allein die Tatsache, daß etwas geschah, bedeutete, daß das Geschehen vorherbestimmt war; und da die Natur dem Menschen wohlwollend gesinnt war, konnte das durch die Vorsehung Bestimmte zu nichts anderem gereichen als zum Guten.“ In Wirklichkeit diente dies zur „Rechtfertigung skrupellosen Eigennutzes“.

      Welch hohe Akzeptanz der Schicksalsglaube in Griechenland hatte, wird an der griechischen Literatur deutlich. Zu den Literaturformen des Altertums gehörten das Epos, die Sage und die Tragödie, und darin spielte das Schicksal eine Schlüsselrolle. In der griechischen Mythologie lenkten drei Göttinnen, die sogenannten Moiren, das Schicksal des Menschen: Klotho, die den Lebensfaden spann; Lachesis, die über die Lebenslänge entschied; und Atropos, die den Lebensfaden abschnitt, wenn die zugeteilte Zeit abgelaufen war. Eine ähnliche Triade gab es unter den römischen Göttern; sie wurden die drei Parzen genannt.

      Griechen wie Römer waren darauf erpicht, ihr angebliches Schicksal zu erfahren. Deshalb griffen sie auf die Astrologie und die Wahrsagerei aus Babylon zurück und entwickelten sie weiter. Die Römer nannten Ereignisse, an Hand deren die Zukunft vorhergesagt wurde, portenta, was „Zeichen“ bedeutet. Die Inhalte dieser Zeichen nannte man omina. Im 3. Jahrhundert v. u. Z. hatte die Astrologie in Griechenland allgemein Anklang gefunden, und das früheste bekannte griechische Horoskop datiert aus dem Jahr 62 v. u. Z. Bei den Griechen stieß die Astrologie auf derart großes Interesse, daß Professor Gilbert Murray sagt: „Die Astrologie befiel den hellenistischen Geist, wie eine neue Krankheit ein fernes Inselvolk befällt.“

      In dem Bemühen, etwas über die Zukunft in Erfahrung zu bringen, machten die Griechen und die Römer ausgiebig von Orakeln und Medien Gebrauch. Sie wurden als Mitteilungskanäle der Götter angesehen. (Vergleiche Apostelgeschichte 16:16-19.) Wie wirkten sich diese Lehren aus? Wie der Philosoph Bertrand Russell schreibt, „wurde die Hoffnung von der Furcht verdrängt; der Sinn des Lebens war weniger, etwas positiv Gutes zu leisten, als vielmehr, dem Unglück zu entrinnen“. Ähnliche Themen wurden in der Christenheit Gegenstand von Kontroversen.

      „Christliche“ Debatten über das Schicksal

      Die ersten Christen lebten in einer Kultur, die in bezug auf Bestimmung und Schicksal stark von den griechischen und römischen Vorstellungen geprägt war. Die sogenannten Kirchenväter beispielsweise schöpften ausgiebig aus den Werken griechischer Philosophen wie Aristoteles und Platon. Unter anderem suchten sie folgende Problematik zu lösen: Wie läßt sich die Vorstellung von einem allwissenden, allmächtigen Gott, der „von Anfang an den Ausgang kundtut“, mit der Lehre von einem Gott der Liebe vereinbaren? (Jesaja 46:10; 1. Johannes 4:8). Wußte Gott von Anfang an den Ausgang, dann — so schlußfolgerten sie — mußte er doch den Sündenfall samt seinen katastrophalen Folgen vorhergewußt haben.

      Origenes, einer der produktivsten frühchristlichen Schriftsteller, argumentierte, eines der wichtigsten zu berücksichtigenden Elemente sei der Begriff der Willensfreiheit. Er schrieb: „Es gibt also zahllose Stellen in der Schrift, die ganz klar die Willensfreiheit beweisen.“

      Origenes sagte, die Verantwortung für unsere Handlungen äußeren Einflüssen zuzuschreiben sei „nicht zutreffend und nicht einmal plausibel; etwas derartiges ist die Rede eines Menschen, der den Begriff der Willensfreiheit verfälschen will“. Er argumentierte, Gott könne zwar Ereignisse chronologisch vorherwissen, dies bedeute aber nicht, daß er ein bestimmtes Ereignis herbeiführe oder es dadurch in irgendeiner Weise unweigerlich eintreten müsse. Damit waren allerdings nicht alle einverstanden.

      Der einflußreiche Kirchenvater Augustinus (354—430 u. Z.) verkomplizierte die Auseinandersetzung, indem er der Rolle, die der freie Wille bei Ereignissen spielt, weniger Bedeutung beimaß. Augustinus schuf die theologische Grundlage für den Einzug der Prädestinationslehre in die Christenheit. Seine Werke, allen voran De libero arbitrio, standen im Mittelpunkt der mittelalterlichen Diskussionen. Einen Höhepunkt erreichte die Kontroverse schließlich in der Reformation, die innerhalb der Christenheit zu einer tiefen Spaltung wegen der Frage der Vorherbestimmung führte.a

      Ein weitverbreiteter Glaube

      Der Schicksalsglaube ist keineswegs auf das Abendland beschränkt. Viele Muslime lassen eine solche Überzeugung erkennen, wenn sie bei einem Unglück ausrufen: „Mektoub!“, was „Es ist geschrieben!“ bedeutet. Zwar wird in vielen östlichen Religionen die Rolle des Individuums, das persönliche Geschick betreffend, betont, doch gibt es in ihren Lehren auch fatalistische Elemente.

      Zum Beispiel gilt im Hinduismus und im Buddhismus das Karma als unausweichliches Geschick, das aus den Taten in einem früheren Leben resultiert. Die ältesten in China entdeckten schriftlichen Aufzeichnungen finden sich auf Schildkrötenpanzern, die zur Wahrsagung verwendet wurden. Auch bei den Ureinwohnern auf dem amerikanischen Kontinent gehörte der Schicksalsglaube zur Religion. Die Azteken beispielsweise ersannen Wahrsagekalender, mit denen das Geschick von Personen ermittelt wurde. In Afrika sind fatalistische Glaubensansichten ebenfalls verbreitet.

      Die weitverbreitete Akzeptanz der Vorstellung vom Schicksal zeigt in Wirklichkeit, daß es dem Menschen ein Grundbedürfnis ist, an eine höhere Macht zu glauben. John B. Noss trägt dieser Tatsache in seinem Buch Man’s Religions mit der Aussage Rechnung: „Alle Religionen sagen auf die eine oder andere Weise, daß der Mensch nicht allein steht und auch nicht allein stehen kann. Er ist mit den externen Kräften in der Natur und der Gesellschaft maßgeblich verbunden und sogar davon abhängig. Er ahnt oder weiß, daß er kein unabhängiges Machtzentrum ist, das abseits von der Welt bestehen kann.“

      Außer dem Bedürfnis, an Gott zu glauben, haben wir auch das Grundbedürfnis, zu begreifen, was um uns herum vorgeht. Anzuerkennen, daß es einen allmächtigen Schöpfer gibt, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, zu glauben, er lege unser Geschick unabänderlich fest. Welche Rolle spielen wir in Wirklichkeit dabei, unser Geschick zu gestalten? Welche Rolle spielt Gott dabei?

  • Unsere Zukunft — unsere Wahl
    Erwachet! 1999 | 8. August
    • Unsere Zukunft — unsere Wahl

      WÄHREND die Wahrsagekunst in der gesamten antiken Welt als große intellektuelle Leistung galt, wurde sie von den hebräischen Propheten verspottet, wie die Archäologin Joan Oates bemerkt. Weshalb?

      Obgleich umgeben von Nationen mit einer fatalistischen Lebensauffassung, verwarfen die Israeliten in alter Zeit die Idee, ihr Leben werde von einer blinden Macht gestaltet. Gott hatte in seinen Anweisungen an die Nation unter anderem gesagt: „Es sollte sich in dir nicht jemand finden, ... der sich mit Wahrsagerei beschäftigt, der Magie treibt, oder jemand, der nach Omen ausschaut, oder ein Zauberer ... oder ein berufsmäßiger Vorhersager von Ereignissen“ (5. Mose 18:10, 11).

      Die Israeliten konnten zuversichtlich in die Zukunft blicken, ohne an das Schicksal zu glauben oder sich der Dienste von Wahrsagern zu bedienen. Den Grund dafür nennt die französische katholische Enzyklopädie Théo, wenn sie schreibt, die Nation habe geglaubt, daß „der Mensch und die Welt nicht einer blinden Macht ausgeliefert sind. Gott hatte einen Vorsatz bezüglich des Menschen.“ Worum handelte es sich dabei?

      Geschick und Willensfreiheit

      Gott versprach den Israeliten Frieden und Wohlstand, sofern sie seinen Gesetzen gehorchten (3. Mose 26:3-6). Außerdem erwarteten sie einen Messias, der gerechte Verhältnisse auf der Erde herbeiführen sollte (Jesaja, Kapitel 11). Für den einzelnen bedeuteten diese Verheißungen Gottes jedoch nicht, daß er sich einfach zurücklehnen und abwarten konnte. Im Gegenteil, den Israeliten wurde gesagt: „Alles, was deine Hand zu tun findet, das tu mit all deiner Kraft“ (Prediger 9:10).

      Grundlegend dafür war der Begriff der Willensfreiheit. Es stand den Israeliten frei, Gott zu dienen und ihre Zukunft zu gestalten. Gott versprach ihnen: „Es soll geschehen, wenn ihr meinen Geboten, die ich euch heute gebiete, unbedingt gehorchen werdet, so daß ihr Jehova, euren Gott, liebt und ihm mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele dient, daß ich eurem Land auch gewiß Regen geben werde zu seiner bestimmten Zeit, Herbstregen und Frühlingsregen, und du wirst tatsächlich dein Korn einsammeln und deinen süßen Wein und dein Öl“ (5. Mose 11:13, 14). Waren die Israeliten gehorsam, erhielten sie Gottes Segen.

      Kurz bevor die Nation Israel in das Land einzog, das Gott ihr verheißen hatte, stellte er sie vor folgende Wahl: „Siehe, ich lege dir heute wirklich Leben und Gutes und Tod und Böses vor“ (5. Mose 30:15). Die Zukunft jedes einzelnen hing davon ab, was er selbst tat und wie er sich entschied. Gott zu dienen bedeutete Leben und Segnungen, sich zu weigern, ihm zu dienen, brachte hingegen Härten mit sich. Doch wie steht es heute?

      Ursache und Wirkung

      Wir sind einer Reihe von Naturgesetzen unterworfen, die zu unserem Guten gedacht sind. Dazu gehört das Gesetz von Ursache und Wirkung. Oder, wie es die Bibel ausdrückt: „Was immer ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Galater 6:7). Diesen Grundsatz anzuerkennen versetzt uns in die Lage, die Wahrscheinlichkeit bestimmter künftiger Ereignisse abzuschätzen.

      Fahren wir mit dem Auto rücksichtslos und zu schnell, werden wir eher einen Unfall verursachen, als wenn wir umsichtig fahren. Wer raucht, riskiert eher, an Krebs zu erkranken, als ein Nichtraucher. Zugegebenermaßen ist es relativ unwahrscheinlich, daß jeder von uns in einen Terroranschlag wie den eingangs erwähnten verwickelt wird, und es wäre wenig sinnvoll, ermitteln zu wollen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, von solchen Ereignissen betroffen zu sein. Uns in Schicksalsgläubigkeit zu retten bringt uns aber auch nicht weiter. Dadurch wird weder die Gegenwart noch die Zukunft für uns verständlicher. An etwas Unwahres zu glauben läßt einen ebensowenig zuversichtlich in die Zukunft blicken wie die Ansicht, Gott habe bei allem, was geschieht, die Hand im Spiel.

      Was wird uns die Zukunft bringen?

      Unsere Zukunft ist nicht im voraus festgelegt worden, sondern sie wird durch die Gegenwart gestaltet. Wenn auch das Leben ein Geschenk Gottes ist, geht doch aus der Bibel deutlich hervor, daß wir selbst einen maßgeblichen Anteil daran haben, über unsere Gegenwart und unsere Zukunft zu entscheiden. Die Tatsache, daß wir die Wahl haben, Gott entweder zu erfreuen oder aber ihn traurig zu stimmen, zeigt, daß Gott uns eine gewisse Gewalt über unser eigenes Leben gegeben hat (1. Mose 6:6; Psalm 78:40; Sprüche 27:11).

      Außerdem wird in der Heiligen Schrift immer wieder betont, daß unsere Zukunft auch davon bestimmt wird, ob wir ausharren und welchen Lebensweg wir verfolgen — was wenig Sinn ergeben würde, wenn alles bereits vorherbestimmt wäre (Matthäus 24:13; Lukas 10:25-28). Was für eine Zukunft können wir folglich erwarten, wenn wir uns entscheiden, Gott zu gehorchen und ihm treu zu sein?

      Die Bibel stellt der Menschheit eine herrliche Zukunft in Aussicht. Die Erde wird in ein Paradies umgewandelt, wo Frieden und Sicherheit herrschen (Psalm 37:9-11; 46:8, 9). Diese Aussicht wird sich mit Sicherheit verwirklichen, weil der allmächtige Schöpfer seine Verheißungen erfüllen wird (Jesaja 55:11). Ob jeder einzelne von uns allerdings mit Leben in diesem Paradies gesegnet werden wird, hängt nicht vom Schicksal ab — entscheidend ist, ob wir gegenwärtig gehorsam den Willen Gottes tun (2. Thessalonicher 1:6-8; Offenbarung 7:14, 15). Gott hat uns Willensfreiheit verliehen und fordert uns auf: „Du sollst das Leben wählen, damit du am Leben bleibst“ (5. Mose 30:19). Wie werden wir uns entscheiden? Nicht das Schicksal bestimmt über unsere Zukunft — unsere Zukunft liegt in unserer eigenen Hand!

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