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FinnlandJahrbuch der Zeugen Jehovas 1990
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Wer ist der andere Bruder?
Der Bruder, der seinen Hof verkaufen wollte, war der im Jahre 1882 geborene Kaarlo Harteva. Seine Mutter, Tochter eines lutherischen Pfarrers, hatte ihn streng religiös erzogen. Kaarlo arbeitete konzentriert, war aufrichtig und sprachbegabt. Nachdem er sein Ingenieurstudium abgeschlossen hatte, schloß er sich, weil Religion ihn nach wie vor interessierte, dem dortigen Christlichen Verein Junger Männer an. Er wurde der Schriftführer der Vereinigung, und man übertrug ihm die Leitung ihres Hospitz-Hotels in Helsinki.
Als Emil Österman im Sommer 1909 geschäftlich in Helsinki war, traf er dort Kaarlo Harteva und gab ihm ein Exemplar des Buches Der göttliche Plan der Zeitalter in Schwedisch. Eifrig las Kaarlo Harteva das Buch und kam zu dem Schluß, daß auch er „die gute Botschaft vom Königreich“ predigen müsse (Mat. 24:14). Im April 1910 reiste er zusammen mit Emil Österman zum Kongreß nach Örebro in Schweden und ließ sich dort taufen. Da es für den Kongreß nicht genügend Redner gab, stellten sich die beiden neuen Brüder sofort der Organisation Gottes zur Verfügung und hielten Ansprachen.
Mach mit, dann sind wir zu dritt!
Etwa um diese Zeit traf Bruder Harteva während einer Fahrt mit dem Zug seinen früheren Schulfreund Lauri Kristian Relander und machte ihn begeistert mit der neugefundenen Wahrheit bekannt. „Und wie viele von euch gibt es in Finnland?“ fragte ihn sein Freund. „Im Augenblick sind wir zu zweit, ein gewisser Österman und ich“, erwiderte Bruder Harteva, „aber wenn du mitmachst, sind wir zu dritt.“ Relander schloß sich ihnen nicht an. Er ging in die Politik und wurde später finnischer Staatspräsident — von 1925 bis 1931.
Ein riesiges Predigtgebiet lag vor den Brüdern Harteva und Österman: drei Millionen Menschen, die verstreut in einem dünnbesiedelten Land lebten. Die Brüder betrachteten es als vorrangig, die Literatur der Gesellschaft in ihre Sprache zu übersetzen. Als Bruder Harteva das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter sowie verschiedene Traktate vom Schwedischen ins Finnische übertrug, leistete er gewissenhafte Arbeit. Bruder Österman finanzierte das Drucken der Publikationen im Herbst 1910. Wie sehr sich die beiden Brüder doch freuten, jetzt wirkungsvollere Hilfsmittel für das Königreichswerk zu besitzen! Im Vertrauen auf die Hilfe des Geistes Jehovas nahmen die Männer mit ihrer neuen finnischen Literatur den Dienst auf.
„Eine Fahrkarte zur Hölle“
In seinem Schuhgeschäft in Turku hatte Bruder Österman stets Literatur vorrätig. Zudem stellte er Bücher im Schaufenster aus. Von dem Bücherstand aus, den er auf einem Marktplatz unterhielt, rief er Werbesprüche aus, und es gelang ihm, augenblicklich die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken.
Die Broschüre Was sagt die Heilige Schrift über die Hölle? bot Bruder Österman für zwei Finnmark an und rief zum Beispiel laut: „Eine Fahrkarte zur Hölle — für eine Mark hin und für eine Mark wieder zurück!“
Öffentliche Vorträge ziehen Volksmengen an
Als nächstes entschieden sich die beiden treuen Freunde, auf Vortragsreise zu gehen. So reisten sie nach Tampere, dem Industriezentrum Finnlands, und mieteten den schönsten Saal. Für den Vortrag mit dem Thema „Die große Belohnung“ bestellten sie Handzettel und ließen den Vortrag in der Tageszeitung ankündigen. Bruder Harteva hielt den Vortrag und Bruder Österman war sein Gehilfe. In einem seiner Briefe schrieb Bruder Österman über die Ergebnisse:
„Eine finnische Schwester weihte sich völlig und symbolisierte dies im Pyhäjärvisee. Jetzt verkündigt sie die gute Botschaft als Kolporteurin in Wyborg. Einen Bibelkurs konnten wir mit fünf oder sechs interessierten Personen in Tampere einrichten und überließen die Sache danach der Obhut Gottes. Jetzt sind wir in Turku und haben bereits unsere erste öffentliche Zusammenkunft in Finnisch in dem Auditorium des Feuerwehrgebäudes abhalten können, das 1 800 Sitzplätze hat. Wie an den anderen Orten, so standen draußen auch hier noch einmal genauso viele Leute.“
Ermutigt durch diese guten Ergebnisse, reisten die beiden Kolporteure in die Hauptstadt Helsinki und trafen Vorbereitungen für einen öffentlichen Vortrag, der am 22. November 1910 in dem Saal des Bürgerhauses (heute Arbeiterhaus) gehalten werden sollte. Neugierig kamen viele Geistliche und Angehörige der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, um Bruder Harteva, der in religiösen Kreisen Helsinkis gut bekannt war, sprechen zu hören. In dem Vortrag forderte Bruder Harteva die Zuhörer heraus, indem er sagte, daß derjenige, der eine Schriftstelle kenne, die besage, daß die Seele unsterblich sei, sie allen zeigen solle. Alle Augen starrten auf die Geistlichen in den ersten Reihen des Saals. Es herrschte erwartungsvolles Schweigen. Dann las Bruder Harteva Hesekiel 18:4 vor, schlug mit der Faust auf das Rednerpult und rief: „Die Seele stirbt doch!“ Die Fronten zwischen den religiösen Führern Finnlands und den Verteidigern der biblischen Wahrheit wurden immer klarer. Inzwischen war der Same der Wahrheit in den drei größten Städten des Landes, einschließlich der Hauptstadt, ausgesät worden.
Büro in Helsinki eröffnet
Als Bruder Russell Ende März 1911 Stockholm besuchte, kamen auch einige Finnen dorthin. Sie besuchten ebenfalls den Kongreß in Örebro, wo Kaarlo Harteva begeistert die Taufe seiner Mutter sowie seiner Tante miterlebte. Unter anderem wurde auch Johannes Hollmerus getauft, ein junger Mann, der später ein geschätzter Mitarbeiter in der Theokratie wurde.
Wieder in Helsinki, richtete Bruder Harteva ein Büro ein, in dem theokratische Angelegenheiten geregelt werden konnten. Er schrieb: „Es gelang mir, fünf Zimmer in der Mikonkatu 27 zu mieten. Ich besorgte einige Bretter und Sägeböcke, die als Sitzgelegenheit dienen sollten. Aus der ländlichen Gegend bei Mäntyharju schickte man mir Feldbetten und Bettzeug. Im großen Zimmer standen ein Schreibtisch, einige Stühle und Bänke sowie eine Schreibmaschine. In einem Raum wurden drei Feldbetten aufgestellt und in einem anderen Zimmer ein weiteres. Zwei Räume blieben leer.“ Im Juni 1911 konnte das Büro seine Arbeit aufnehmen.
Im Herzen Helsinkis, nahe beim Büro, lag der Kaisaniemipark. Den Sommer über hielt Bruder Harteva dort auf einem kleinen Hügel jeden Sonntag öffentliche Vorträge. Mit leuchtenden Augen pflegte er diese Vorträge „Bergpredigten“ zu nennen. Jeweils am Ende seines Vortrags lud er interessierte Personen zu weiteren Gesprächen über biblische Themen in das nahe gelegene Büro ein. Einige Interessierte kamen jede Woche, und es entstand eine kleine Gruppe von Bibelforschern in Helsinki.
Erste Traktate und erster Kongreß
Von Anfang an war sich Bruder Harteva des Wertes des gedruckten Wortes bewußt. Saarnoja kansalle (Die Volkskanzel) war der Name des ersten Traktats, das herausgegeben wurde. Im Jahr darauf wurde der Name in Puheita kansalle (Vorträge an das Volk) abgeändert. Diese Traktate enthielten Artikel des englischen Wachtturms sowie ins Finnische übersetzte Abschriften der von Bruder Russell gehaltenen Vorträge. Darüber hinaus wurden in den Traktaten Zusammenkünfte angekündigt und Publikationen angeboten.
Im Januar 1912 berichtete Puheita kansalle: „Als Der göttliche Plan der Zeitalter in Finnisch veröffentlicht wurde, trugen Kolporteure, Zeitungsartikel und Buchhändler dazu bei, daß das Buch in einem gewaltigen Umfang verbreitet wurde. Doch schon bald nach Weihnachten des Jahres 1910 trat ein großer Wechsel ein. Der anfänglichen Begeisterung folgte ein so heftiger Widerstand, daß das Werk fast lahmgelegt wurde. Glücklicherweise hielt diese Situation nicht länger als sechs Monate an. Als es schließlich so aussah, als ob keine Unterstützung mehr von Presse und Buchhändlern zu erwarten sei, begann Gott mehr Arbeiter für die Mitarbeit im Erntewerk einzuladen.“ Es wurde ferner erwähnt, daß sich in Helsinki etwa 30 Finnisch sprechende und 10 Schwedisch sprechende Brüder wöchentlich zwei- oder dreimal trafen, um die Bibel zu studieren.
Der erste Kongreß wurde vom 29. März bis zum 1. April 1912 in einem Vortragssaal in Helsinki abgehalten. Etwa 60 Personen kamen. Einige der Anwesenden waren aus Turku, Tampere, Pori, Vaasa, Iisalmi, Kuopio und Parikkala angereist — ein Anzeichen dafür, daß die Wahrheit bereits entlegene Gegenden im südlichen Finnland erreicht hatte.
Bruder Russell besucht Finnland
Als Kaarlo Harteva erfuhr, daß Bruder Russell eine Weltreise plante, bat er ihn, doch auch nach Finnland zu kommen. Bruder Russell nahm die Einladung an und unterrichtete Bruder Harteva, daß er Ende August 1912 eintreffen würde.
Der Besuch von Bruder Russell war für diese kleine Gruppe von Brüdern ein aufregendes Ereignis. Gewaltige Vorbereitungen waren mit der Ankündigung des öffentlichen Vortrags verbunden, der im schönsten Versammlungssaal Helsinkis, im Auditorium des Feuerwehrhauses, gehalten wurde. Elis Salminen, der damals ein zehnjähriger Junge war und Jehova treu bis zu seinem Tod im Jahre 1981 diente, erinnerte sich, daß der Vortrag mit Bildern von Bruder Russell angekündigt wurde, die über ein Stockwerk hoch waren. „Danach sprachen meine Schulkameraden von einer amerikanischen Werbereligion“, erzählte Bruder Salminen.
Bruder Russell selbst faßte seinen Besuch in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. Oktober 1912 wie folgt zusammen: „Zwei finnische Brüder waren in den vergangenen zwei Jahren besonders eifrig bemüht, die Wahrheit allen, die danach hungern, zukommen zu lassen. Sie haben drei Bände der Schriftstudien und das Jedermanns Blatt übersetzt und auf eigene Kosten in Umlauf gebracht. Etwa fünfzehn Kolporteure sind nunmehr damit beschäftigt, die Wahrheit bis in den entferntesten Teil des Landes zu tragen. Bei der öffentlichen Zusammenkunft war der Saal mit etwa 1 000 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele mußten stehen, und einige waren den Tränen nahe, weil sie nicht mehr eingelassen wurden. ... Daraus können wir schließen, daß Gott in Finnland einige wahre Kinder hat, denen seine Erntebotschaft gilt.“
Bruder Russell beauftragte während seines Besuches Bruder Harteva mit der Veröffentlichung des Wachtturms in Finnisch, beginnend mit der Novemberausgabe 1912. Es wurde empfohlen, diese neue Zeitschrift Verwandten und Bekannten zu Weihnachten zu schenken.
Die Botschaft breitet sich aus
Die Brüder Österman und Harteva standen vor dem Problem, die Bevölkerung in dem riesigen, dünnbesiedelten Gebiet, das über 1 000 Kilometer lang und 500 Kilometer breit war, zu erreichen. Wie könnten sie wirkungsvoll Zeugnis geben? In der Hoffnung auf eine Lösung ließ Bruder Österman auf eigene Kosten in verschiedenen Zeitungen Anzeigen für die Literatur der Gesellschaft setzen. Bruder Harteva hingegen beschloß, öffentliche Vorträge zu halten, und war damit sehr erfolgreich. Doch wie sollte er seine Vorträge planen? Lassen wir ihn selbst erzählen:
„Nachdem ich mich für eine Stadt entschieden hatte, schrieb ich an den Herausgeber der meistgelesenen Lokalzeitung, um herauszufinden, wo ich einen geeigneten Vortragssaal finden konnte und wer ihn vermietete. War das geklärt, beantragte ich die Benutzung des Saales. Nach der Zusage bereitete ich die Annoncen für die Ankündigung des Vortrags vor, sandte sie an die Zeitung und bat darum, gleichlautende Handzettel zu drucken. Durch die Handzettel, die in die Zeitung gelegt werden sollten, würden die Leute von dem Vortrag erfahren. Dann machte ich mich mit einigen Büchern im Gepäck auf die Reise. Die Zusammenkunftsstätten waren gewöhnlich bis auf den letzten Platz gefüllt. ... Als ich einmal hineinzukommen versuchte, sagte man mir, es sei vergeblich. Erst als ich erklärte, daß ich den Vortrag halten würde, konnte ich mir den Weg durch die Menge bahnen. Ein anderes Mal strömten so viele in den Saal, daß der Vortrag an dem Abend gleich dreimal gehalten werden mußte. Die Zuhörer warteten jeweils geduldig, bis sie eingelassen werden konnten.“
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FinnlandJahrbuch der Zeugen Jehovas 1990
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[Bild auf Seite 143]
Kaarlo Harteva, der dem Werk einen kraftvollen Start verlieh
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