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    Erwachet! 1987 | 22. Dezember
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      Die römisch-katholische Kirche ist von jeher grundsätzlich der Meinung, sie sei die eine wahre apostolische Kirche. Die katholischen Gläubigen hat man gelehrt, daß die Einheit der Kirche der Beweis für ihre Glaubwürdigkeit sei. Doch heute stehen die Katholiken vor einer gespaltenen Kirche — gespalten in bezug auf Fragen der Theologie, der Moral, der kirchlichen Führung und der Liturgie.

      Päpstliche Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten des Glaubens und der Moral werden von katholischen Theologen angefochten und von zahlreichen Gläubigen nicht beachtet. Ein katholischer Erzbischof hat eine internationale Kette von Seminaren geschaffen, um abweichlerische Priester auszubilden. Mehr und mehr aufrichtige Katholiken sind verwirrt und stellen die Frage: Warum ist meine Kirche gespalten?

  • Risse im Gebäude
    Erwachet! 1987 | 22. Dezember
    • Risse im Gebäude

      Von unserem Korrespondenten in Frankreich

      DIE mächtigen Türme der Kathedrale Notre-Dame in Paris schienen an jenem besonderen Tag zu symbolisieren, wie gefestigt die traditionelle katholische Kirche ist. Über den großen Vorplatz des im 12. Jahrhundert errichteten Gebäudes zog zum Gedenken an Mariä Himmelfahrt eine feierliche Prozession.

      Befremdend war jedoch, daß sich am selben Tag, dem 15. August 1986, nur ein paar hundert Meter von der Seine-Insel entfernt, vor der katholischen Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet eine Gegenprozession bildete. Auf ihrem Weg durch das Quartier Latin schlossen sich ihr mehrere tausend Katholiken an, weit mehr, als der offiziellen Feier vor der Kathedrale Notre-Dame beiwohnten. Beide Prozessionen waren von katholischen Priestern organisiert worden, und beide fanden zu Ehren Mariens statt. Warum feierte man dasselbe katholische Fest mit zwei konkurrierenden Prozessionen?

      Dieser Vorfall veranschaulicht treffend, daß die katholische Kirche von heute von Rissen durchzogen ist. Sie breiten sich in alle Richtungen aus, durchziehen das gesamte Mauerwerk und lassen es von links nach rechts und von oben bis unten auseinanderbrechen.

      Progressisten gegen Traditionalisten

      Auf der Linken sind die progressiven oder liberalen Katholiken. Viele von ihnen liebäugeln mit der Befreiungstheologie, die ihren Ursprung in Lateinamerika hat. Wörter wie Ökumenismus, Sozialismus und selbst Kommunismus sind ihnen alles andere als fremd. Aber nicht alle Katholiken sind für die Befreiungstheologie, selbst nicht in Lateinamerika. In Brasilien zum Beispiel ist die katholische Geistlichkeit in Progressisten und Traditionalisten aufgespalten.

      Bei den traditionalistischen Katholiken handelt es sich vorwiegend um Konservative des rechten Flügels. Sie glauben, das Zweite Vatikanische Konzil habe Reformen Tür und Tor geöffnet, die den traditionellen Katholizismus verraten würden. Sie beharren darauf, die Messe in lateinischer Sprache zu halten, und lehnen jede Verbrüderung mit Protestanten oder politischen Linken ab.

      Die Katholiken, die der Hauptströmung angehören, sind zwar am zahlreichsten, aber nicht mehr notwendigerweise am eifrigsten. Sowohl die Progressisten als auch die Traditionalisten meinen, daß der Katholizismus der Mitte an Leben einbüße, die einen, weil zuwenig, die anderen, weil zuviel reformiert werde. Zahlreichen Progressisten gehen die Reformen nicht weit genug, und ihrer Meinung nach tritt die Kirche zu zaghaft zugunsten der Armen ein. Die Traditionalisten sind davon überzeugt, daß sich der nachkonziliare Katholizismus aus dem Dasein reformiert.

      Beide Richtungen sind auf allen Ebenen von weiteren Rissen durchzogen. Die Katholiken sind in Glaubens- und Sittensfragen gespalten. Glaubensansichten wie die katholischen Dogmen vom Höllenfeuer und vom Fegefeuer, von der Erbsünde und sogar von der Dreieinigkeit sind in der katholischen Kirche nicht mehr unanfechtbar. Gemäß einer neueren Umfrage, die in Frankreich, der „ältesten Tochter der Kirche“, durchgeführt wurde, äußerten 71 Prozent der befragten französischen Katholiken Zweifel über ein Weiterleben nach dem Tod, 58 Prozent leugneten die Existenz der Hölle, 54 Prozent glaubten nicht mehr, daß es ein Fegefeuer gibt, und 34 Prozent lehnten die Dreieinigkeit ab.

      Natürlich hat die katholische Kirche weltweit zahllose Mitglieder, die fanatisch an diesen Dogmen festhalten. Aber das beweist nur, wie gespalten die Katholiken in Glaubensangelegenheiten sind.

      „Die Kardinalfrage ... ist der Gehorsam gegenüber Rom“

      Auf moralischem Gebiet sind die Katholiken tief gespalten, und zwar was voreheliche Beziehungen, Ehebruch und Homosexualität angeht. Viele aufrichtige Katholiken sind bestürzt über die nachgiebige Haltung von Angehörigen ihrer Kirche, zu denen auch Geistliche und sogar gewisse katholische Gelehrte gehören. Katholiken mit einer guten Moral tröstet es vielleicht, daß der Papst entschieden gegen die sexuelle Unmoral eintritt. Unterstreicht das aber nicht nur die beunruhigende Tatsache, daß die Autorität des Papstes in bezug auf solche Angelegenheiten von immer mehr Katholiken in Frage gestellt wird?

      Die Londoner Zeitung Observer schrieb kürzlich: „Spannungen zwischen dem Papst und einem Großteil der Gläubigen äußern sich in sehr publik gewordenen Unstimmigkeiten über die Abtreibung, die künstliche Geburtenkontrolle, die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die Teilnahme von geschiedenen Katholiken an der Kommunion. Die Kardinalfrage hinter allem ist der Gehorsam gegenüber Rom.“

      Bischof James Malone, früherer Vorsitzender der US-amerikanischen Bischofskonferenz, warnte vor „einer wachsenden gefährlichen Abneigung von Elementen der Kirche in den Vereinigten Staaten gegen den Heiligen Stuhl“. Er sprach von „Uneinigkeit“, „Spaltung“ und „fortschreitender Entfremdung“.

      Die traditionalistischen Katholiken befinden sich dagegen in offenem Aufruhr gegen den Papst, weil er nach ihrer Meinung nicht streng genug durchgreift. An der Spitze dieser Revolte steht ein französischer Erzbischof. Er hat eine Bewegung ins Leben gerufen, die, wie der nächste Artikel zeigen wird, die katholische Kirche noch tiefer gespalten hat.

  • Der Rebellenbischof
    Erwachet! 1987 | 22. Dezember
    • Der Rebellenbischof

      DER französische Journalist sprang in Rom in ein Taxi und bat darum, zum Palast Rospigliosi-Pallavicini gefahren zu werden. Der Taxifahrer warf ihm einen verständnisvollen Blick zu, sagte „Si!“ und fügte hinzu, daß er ihn zum „vescovo ribelle“ (Rebellenbischof) bringen werde.

      Seit Tagen war jedermann, der in Rom wer war, in Aufregung. Zum Verdruß des Vatikans war Fürstin Elvina Pallavicini, die einer der führenden Patrizierfamilien angehört, bereit, dem abweichlerischen französischen Erzbischof Marcel Lefebvre dabei zu helfen, seine Anschauungen in Rom publik zu machen, indem sie sogar Hunderte von Einladungen zu einer halbprivaten Pressekonferenz versandte. Sie stellte Lefebvre den Familienpalast zur Verfügung — den ehemaligen Wohnsitz eines Papstes und mehrerer Kardinäle, die zu ihrer Familie gehört hatten. Obendrein gestattete sie dem Abweichler auch noch, die Konferenz im Thronsaal zu geben, unter dem riesigen Baldachin von Papst Clemens IX.

      Die Fürstin ließ sich von ihrer Entscheidung nicht abbringen, obwohl vatikanische Prälaten starken Druck auf sie ausübten. Die römische Presse berichtete über dieses Treffen ausführlich, denn für sie war es eine „Provokation“ direkt „vor der Haustür des Vatikans“. Der Taxifahrer war offensichtlich mit den Tagesereignissen vertraut.

      Die Kirche ist „nicht mehr katholisch“

      Fürstin Pallavicini begründete ihre Entscheidung damit, daß die katholische Kirche gespalten ist und derart „ernste Probleme nicht durch verschleierndes Stillschweigen, sondern nur durch Mut zur Klarheit gelöst werden“. Sie räumte Erzbischof Lefebvre die Möglichkeit ein, seinen Anschauungen Ausdruck zu verleihen, weil sie hoffte, dadurch „Frieden und Klarheit in der katholischen Welt“ zu fördern. Der Prälat dankte seiner Gastgeberin, segnete sie und ihre Angehörigen und gratulierte ihnen dazu, daß sie „den traditionellen Glauben bewahrt hatten“.

      Zu dem Treffen waren ungefähr tausend Personen gekommen, hauptsächlich Traditionalisten aus verschiedenen Ländern. Auch zahlreiche Pressevertreter und Fernsehjournalisten waren zugegen. Der Erzbischof ließ sie wissen, daß er das offizielle Vorgehen der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) rundweg ablehne. So schrieb die französische Tageszeitung Le Monde: „Fast zwei Stunden lang trug ... [Erzbischof Lefebvre] seine Beschwerden gegen die neue Kirche vor, ‚die nicht mehr katholisch ist‘. Er richtete sich gegen alles: den Katechismus, die Seminare, die Messe, den Ökumenismus, ganz zu schweigen von der ‚Kollektivierung der Sakramente‘ und den ‚kommunistisch orientierten Kardinälen‘.“

      Erzbischof Lefebvre schloß mit den Worten: „Die Lage ist tragisch. Die Kirche bewegt sich in eine Richtung, die nicht mehr katholisch ist und unsere Religion zerstört. Soll ich gehorchen oder katholisch bleiben, römisch-katholisch, mein ganzes Leben lang katholisch? Ich habe meine Wahl vor Gott getroffen. Ich möchte nicht als Protestant sterben.“

      Durch jene Konferenz in Rom, so Kardinal Poletti, Generalvikar Papst Pauls VI. für das Bistum Rom, „beleidigte Monsignore Lefebvre den Glauben, die katholische Kirche und ihren göttlichen Herrn Jesus [und] den Papst persönlich, indem er dessen Geduld mißbrauchte und versuchte, innerhalb des Apostolischen Stuhls Schwierigkeiten zu verursachen“.

      Wie es zu der Rebellion kam

      Die erwähnte Konferenz fand am 6. Juni 1977 statt. Doch schon 1965, noch vor dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, war von einem „Schisma“ in der katholischen Kirche die Rede. Viele konservative Katholiken meinten, dem II. Vatikanum würden Reformen folgen, durch die am traditionellen Katholizismus Verrat geübt werde.

      Der katholische Erzbischof Lefebvre, ehemals Erzbischof von Dakar (Westafrika) und später Bischof von Tulle (Frankreich), hatte am Zweiten Vatikanischen Konzil selbst teilgenommen. Im Jahre 1962 wurde er zum Generaloberen der Kongregation vom Heiligen Geist in Frankreich gewählt. Doch seine zunehmende Ablehnung der nachkonziliaren Verfahrensweisen in der katholischen Kirche führte dazu, daß er diese Stellung 1968 aufgab.

      Im Jahre 1969 bevollmächtigte ein Schweizer katholischer Bischof den Dissidenten-Erzbischof dazu, im Bistum Freiburg (Schweiz) ein Traditionalisten-Seminar zu gründen. Im Jahr darauf gründete Erzbischof Lefebvre in Ecône im Schweizer Kanton Wallis ein Priesterseminar. Dies tat er mit Genehmigung des Bischofs von Sitten.

      Auf diesem Priesterseminar wich man vorerst nur geringfügig von der offiziellen Meinung ab. Natürlich trugen die Seminaristen schwarze Soutanen, und sie erhielten auch eine solide traditionalistische Ausbildung. Die Messe wurde allerdings auf lateinisch gehalten, entgegen der Anordnung Papst Pauls VI., dies in der Landessprache zu tun. Dennoch duldeten die offiziellen kirchlichen Stellen das Seminar, weil Erzbischof Lefebvre damals noch nicht vorhatte, die Priesteramtskandidaten bis zur Ordination auszubilden. Lefebvre hoffte, daß sie ihre Ausbildung an den seiner Meinung nach letzten beiden Bastionen des traditionalistischen Katholizismus abschließen könnten: an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom oder an der Universität Freiburg in der Schweiz.

      Echte Schwierigkeiten traten erst auf, als Erzbischof Lefebvre entschied, daß auch diese beiden katholischen Universitäten nicht mehr vertrauenswürdig genug seien, um katholische Priesteramtskandidaten in der wahren katholischen Tradition seines Verständnisses auszubilden. Er entschloß sich, die Priester, die im Seminar in Ecône ausgebildet wurden, künftig selbst zu weihen. Die Lage verschärfte sich noch, als er 1974 ein Manifest veröffentlichte, in dem er seine entschiedene Gegnerschaft gegen die Mehrzahl der Reformen zum Ausdruck brachte, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorgenommen wurden. Damals wurden in Ecône über hundert Seminaristen von einer Gruppe traditionalistischer Professoren ausgebildet.

      Im Jahre 1975 entzog der Vatikan dem Seminar durch den zuständigen Schweizer Bischof die Lehrerlaubnis. Dessenungeachtet fuhr Erzbischof Lefebvre fort, den Priesteramtskandidaten nach Abschluß des Studiums die Priesterweihe zu erteilen. Papst Paul VI. enthob ihn daraufhin 1976 aller priesterlichen Funktionen: das Halten der Messe, das Erteilen der Erstkommunion, das Spenden von Sakramenten und das Recht, als Bischof Priester zu weihen. Da das Seminar in Ecône ohne Rücksicht darauf weiterlief, entstand die in sich widersprüchliche Situation, daß ein ultrakatholisches Seminar zahlreiche ultratraditionalistische katholische Priester hervorbringt, die von einem nicht anerkannten Bischof geweiht werden, der obendrein katholischer sein will als der Papst.

      Das Ausmaß der Rebellion

      Die Rebellion jenes französischen Erzbischofs wäre nicht der Rede wert, wenn es nur um ein Seminar irgendwo am Fuß der Schweizer Alpen ginge. Erzbischof Lefebvre wurde jedoch, ehe man sich’s versah, der Sammelpunkt für einen einflußreichen Teil des Katholizismus in der ganzen Welt. In dem Buch L’Église catholique 1962-1986—Crise et renouveau (Die katholische Kirche 1962—1986: Krise und Erneuerung) schreibt der Autor Gérard Leclerc: „Der traditionalistische Streit spiegelt nicht die Neigung einer winzigen Minderheit wider. Er ist Ausdruck der Empfindungen eines großen Teils der Gläubigen.“

      Erzbischof Lefebvre ist von ungezählten konservativen Katholiken der ganzen Welt finanziell unterstützt worden. Das hat es ihm ermöglicht, weite Reisen zu unternehmen, meist auf Einladung von Gruppen traditionalistischer Katholiken. Er hat in vielen Ländern das Zweite Vatikanische Konzil vor großen Zuhörermengen kritisiert und die Messe gemäß der Tridentinischen Liturgie — der Liturgie von Pius V. — gelesen, also gemäß der lateinischen Liturgie des Konzils von Trient, das im 16. Jahrhundert abgehalten wurde. Solche Treffen der Traditionalisten fanden zuweilen an höchst ungewöhnlichen Orten statt, wie zum Beispiel in einem leerstehenden Supermarkt nördlich von London.

      Die breite finanzielle Unterstützung erlaubte es dem Rebellenbischof, weitere Seminare zur Ausbildung traditionalistischer Priester zu gründen, und zwar in Frankreich, in der Bundesrepublik Deutschland, in Italien, in Argentinien und in den Vereinigten Staaten. Im Februar 1987 berichtete die französische Tageszeitung Le Figaro, daß in diesen Institutionen 260 Seminaristen gleichzeitig ausgebildet wurden. Erzbischof Lefebvre hat jedes Jahr zwischen 40 und 50 Priester aus vielen Teilen der Welt geweiht, auch aus Afrika.

      Ein Großteil dieser traditionalistischen Priester wirkt von 75 Prioreien aus, die Erzbischof Lefebvres „Priesterbruderschaft“ in 18 Ländern Nord- und Südamerikas, Europas und Afrikas gegründet hat. Jene Priester zelebrieren die Messe in Lateinisch für die konservativen Katholiken in den betreffenden Ländern.

      Oft werden Traditionalisten-Gottesdienste in eigens dafür errichteten Kapellen abgehalten. Doch mehr und mehr Katholiken des rechten Flügels kämpfen gegen die allgemein anerkannte katholische Hierarchie, um das Recht zu erhalten, bestehende Kirchengebäude für ihre Gottesdienste zu benutzen. Das hat zu Situationen geführt, die viele aufrichtige Katholiken tief beunruhigen.

      Kampf um Kirchengebäude

      Seit 1969, als Papst Paul VI. die neue Messe einführte, die in der Landessprache gehalten wird und auch in anderer Hinsicht reformiert wurde, haben traditionalistische Katholiken Messen mit der älteren, lateinischen Liturgie privat organisiert. In Paris pflegten sich Hunderte von ihnen im Wagram-Saal, unweit des Triumphbogens, zu versammeln. Da zu jener Zeit die neue Liturgie vorgeschrieben war, weigerte sich der zuständige katholische Bischof, ihnen eine Kirche zur Benutzung zu überlassen.

      Am 27. Februar 1977 nahmen die Traditionalisten die Sache selbst in die Hand und besetzten im Quartier Latin unter der Führung eines konservativen Priesters die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet. Die bisherigen Priester und ihre Gemeindemitglieder mußten feststellen, daß man sie aus ihrer eigenen Kirche vertrieben hatte. Als sie ein paar Tage später versuchten, in der Kirche eine Messe zu halten, kam es zu Auseinandersetzungen. Ein Priester mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden, und andere flohen in ein nahe gelegenes Pfarrhaus.

      Heute, nach zehn Jahren, ist die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet nach wie vor von traditionalistischen Katholiken besetzt, obwohl zwei gerichtliche Verfügungen zur Räumung erlassen wurden. Jeden Sonntag kommen ungefähr 5 000 Gläubige zu den fünf lateinischen Messen, die dort zelebriert werden. Den Gottesdienst hält ein Priester, der in Ecône von Erzbischof Lefebvre die Priesterweihe empfangen hat. Auch der „Rebellenprälat“ kommt regelmäßig in diese Kirche, um Kinder von traditionalistischen Katholiken zu firmen.

      Einige Monate nachdem die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet von Traditionalisten besetzt worden war, hielten mehrere hundert progressive Katholiken eine Versammlung ab, um gegen die Besetzung dieser Kirche zu protestieren. Auch Priester und katholische Professoren von der Sorbonne und dem Institut Catholique de Paris nahmen daran teil. Plötzlich bahnte sich eine Gruppe traditionalistischer Jugendlicher den Weg in den Saal und sprengte die Zusammenkunft unter Einsatz von Eisenstangen und Rauchbomben. Mehrere Personen wurden verletzt, und ein katholischer Professor mußte ins Krankenhaus gebracht werden.

      Der katholische Bischof von Straßburg wurde von traditionalistischen Katholiken belästigt, als er eine Kirche zu betreten versuchte, die sie besetzt hatten, um eine Messe auf lateinisch zu halten. In Paris drangen „Kommandos“ von traditionalistischen Katholiken in katholische Kirchen ein, um die Gottesdienste zu sprengen. Sie taten dies, weil eine Frau während der Messe das Evangelium las oder weil sich protestantische und katholische Geistliche zu einem ökumenischen Gottesdienst eingefunden hatten.

      Im März 1987 kam es westlich von Paris, in Port-Marly, zu Zusammenstößen, bei denen die Polizei die Kampfhähne voneinander trennen mußte. Die Auseinandersetzung drehte sich um die Frage, wer die katholische Saint-Louis-Kirche benutzen dürfe. Im darauffolgenden Monat brachen traditionalistische Katholiken mit einem Rammbock eine verriegelte Tür auf, um in der Kirche eine Palmsonntagsmesse in lateinischer Sprache zu zelebrieren. Die Londoner Times berichtete darüber unter der Schlagzeile „Schlacht von St. Louis — französische katholische Rebellen zurück in umkämpfte Kirche“. Die lateinische Messe wurde von einem Priester gelesen, der von dem Rebellenbischof Lefebvre geweiht worden war.

      Eine Wunde in der Flanke der Kirche

      Der katholische Autor Gérard Leclerc schreibt: „Über 20 Jahre nach dem [Vatikanischen] Konzil ist der traditionalistische Dissent weiterhin eine offene Wunde in der Flanke der Kirche.“ Und in dem Buch Voyage à l’intérieur de l’Eglise catholique (Eine Reise ins Innere der katholischen Kirche) erklärten Jean Puyo und Patrice Van Eersel: „Wenn Rom über das Vorgehen von Monsignore Lefebvre tief bestürzt ist, dann deshalb, weil er fundamentale Fragen stellt. Bischof Mamie von Freiburg und Genf, der sich verpflichtet fühlte, das Vorgehen seines rebellischen Amtskollegen zu verurteilen, sagte offen: ‚Die Bestürzung der Gläubigen, die ihm gefolgt sind, ist nicht unbegründet. Die tausendjährige Lehre der Kirche schwebt in Lebensgefahr.‘“

      Somit ist eine große Zahl aufrichtiger Katholiken verwirrt, sowohl im luxuriösen Patrizierpalast in Rom als auch in Millionen einfachen Wohnungen weltweit. Sie fragen sich: „Warum ist meine Kirche gespalten?“ Warum das so ist und was einige Katholiken angesichts dessen tun, wird als nächstes betrachtet.

      [Bild auf Seite 6]

      Erzbischof Marcel Lefebvre

      [Bildnachweis]

      UPI/Bettmann Newsphotos

      [Bild auf Seite 7]

      Ecône, das Priesterseminar des traditionalistischen Rebellenbischofs in den Schweizer Alpen

      [Bild auf Seite 9]

      Die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris, von traditionalistischen Katholiken seit zehn Jahren besetzt

  • Warum ist meine Kirche gespalten?
    Erwachet! 1987 | 22. Dezember
    • Warum ist meine Kirche gespalten?

      DIE Spaltungen innerhalb der katholischen Kirche sind so auffällig, daß viele aufrichtige Katholiken wie der Apostel Paulus empfinden, als er den Christen in Korinth wegen der Spaltungen in ihren Reihen schrieb: „Es wurde mir nämlich ... berichtet, daß es Zank und Streit unter euch gibt. ... Ist denn Christus zerteilt?“ (1. Korinther 1:11, 13, Neue Jerusalemer Bibel).

      Nicht wenigen aufmerksamen Katholiken ist völlig klar, daß das Christentum nicht „zerteilt“ sein sollte. Katholiken sind sich mehr als andere, die Christen sein möchten, bewußt, daß sich der wahre christliche Glaube durch Einigkeit auszeichnet. In der katholischen Kirche, so meinten sie, werde ein solch geeinter Glaube praktiziert; dagegen herrsche im Protestantismus ein großes Durcheinander widersprüchlicher Glaubensrichtungen. Die katholische Kirche sei die Repräsentantin von Stabilität und vor allem von Einigkeit. Doch jetzt sind sie verunsichert.

      Warum gespalten?

      Die katholische Kirche ist aufgespalten in die linken Progressisten, in die rechten Traditionalisten und in die Masse derer, die sich nach dem II. Vatikanum ausrichten. Zahlreiche linksliberale Katholiken propagieren verschiedene Thesen der Befreiungstheologie, wonach der politische Aufstand zu rechtfertigen sei. Einige sind äußerst nahe daran, marxistische Methoden zu übernehmen, und rechtfertigen sogar den bewaffneten Aufstand. Der Gründer des Christentums sagte seinen Jüngern dagegen: „Weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt euch die Welt. ... Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 15:19; 18:36, NJB).

      Die Traditionalisten verteidigen menschliche Traditionen und eine lateinische Liturgie, die nicht einmal in biblische Zeiten zurückreicht, denn die Sprache des Urchristentums war Griechisch, nicht Lateinisch. Strafen nicht außerdem ihre Unduldsamkeit und ihre Angriffslust ihre Behauptung, Christen zu sein, Lügen? Henri Fesquet, ehemaliger Kolumnist des religiösen Teils der französischen Tageszeitung Le Monde, schrieb: „Die Zurschaustellung von Christen [Katholiken], die einander schmähen und sich wegen Anbetungsstätten entzweien, ist ein Gegenzeugnis, das nur auf sie zurückfallen kann. Von welchem Nutzen ist es, das Licht im Namen des Evangeliums zu verkünden, wenn jemandes Taten seine Worte Lügen strafen?“

      Jesus sagte zu den Pharisäern: „So macht ihr Gottes Gebot um eurer Traditionen und Vorschriften willen ungültig“ (Matthäus 15:6, Zink). Über die Traditionalisten der Neuzeit denken zahllose aufrichtige Katholiken nicht anders.

      Sowohl die Progressisten als auch die Traditionalisten halten — aus gegensätzlichen Gründen — dafür, daß das Zweite Vatikanische Konzil eine Menge Katholiken hervorgebracht hat, die der verschwommenen Hauptströmung folgen. Die Autoren Puyo und Van Eersel befragten den katholischen Philosophen Jean Guitton, Mitglied der Französischen Akademie. Seine Empfindungen faßten sie wie folgt zusammen: „Das katholische Glaubensbekenntnis, die Essenz der Kirche, zerspringt in nicht mehr zusammensetzbare Stücke, die eifrigsten unter den Gläubigen befassen sich ausschließlich mit Politik, junge Christen [Katholiken] lieben sich unbekümmert vor der Ehe, niemand weiß, wie die Beschlüsse des [Vatikanischen] Konzils korrekt anzuwenden sind, und Gottes Volk ist völlig ratlos.“

      Verständlicherweise fragen sich aufrichtige Katholiken: „Warum ist meine Kirche gespalten?“ Die Antwort lautet: Weil keine der verschiedenen Richtungen die Bibel als die eine authentische Autorität ansieht, nach der der Standpunkt wahrer Christen in allen Angelegenheiten festgelegt werden sollte. Daher ist die Kirche durch verschiedene Lehrmeinungen und Deutungen der Traditionen gespalten.

      Was können aufrichtige Katholiken tun?

      Bei einer Gelegenheit sprengten traditionalistische Katholiken 1981 einen ökumenischen Gottesdienst, der in einer katholischen Kirche in Paris abgehalten wurde. Erzbischof (heute Kardinal) Lustiger sagte zu denen, die nach der Störung in der Kirche geblieben waren: „Wir sind hierhergekommen, um die Gaben des Geistes zu erbitten, des Geistes, der versprengte Söhne vereinigt. Aber wir haben ein Spiegelbild der Spaltungen unter Christen gesehen, den Geist von Babel.“

      Babel war der Ort, wo Gott die Sprache derer verwirrte, die eine falsche Anbetung praktizierten (1. Mose 11:1-9). Später war dort die Stadt Babylon, der Ausgangspunkt eines Wirrwarrs von Göttern und Göttinnen. In der Bibel wurde Babylon zum Symbol eines weltweiten Religionssystems von verwirrenden Glaubensansichten. In dem Werk A Theological Wordbook of the Old Testament wird gesagt: „Sogar noch im 1. Jahrhundert A. D. bezog sich [der Apostel] Johannes auf das Religionssystem Babylon als auf die ‚Mutter der Huren und der Greuel der Erde‘ (Offb. 17:5).“

      Mit Bezug auf dieses sinnbildliche Babylon, das Weltreich der falschen Religion, fordert die Bibel alle aufrichtigen Personen zu schnellem Handeln auf. Sie sagt: „Verlaß die Stadt, mein Volk, damit du nicht mitschuldig wirst an ihren Sünden und von ihren Plagen mitgetroffen wirst“ (Offenbarung 18:4, NJB).

      Gegenwärtig verlassen viele aufrichtige Menschen die Kirchen der Christenheit. Ein ehemaliger strenger Katholik, der in den französischen Alpen wohnt, schrieb zum Beispiel von sich aus an das Zweigbüro der Zeugen Jehovas in Frankreich folgendes: „Gemäß der tausendjährigen Tradition der katholischen Kirche wurde ich kurz nach der Geburt sozusagen in den katholischen Glauben hineingetauft. Etwa 50 Jahre lang war ich ein praktizierender Katholik. Um das Jahr 1980 gelangte ich zu der Überzeugung, daß die katholische Kirche auf dem falschen Weg ist. Ich verlor den Mut und war tief erschüttert. Ich hatte oft Streit mit Priestern, die sich nicht an ihr Gelübde hielten. Jahrelang hatte ich von Jehovas Zeugen gehört, meistens Nachteiliges. Nach einer langen Zeit des Nachdenkens bat ich sie eines Tages herein. Sie halfen mir verstehen, daß die Bibel die Antworten auf unsere Fragen enthält. Mir wurde außerdem bewußt, daß ich mich nach 50 Jahren aktiven Dienstes in der katholischen Kirche in der Bibel nicht auskannte, obwohl ich eine besaß. Doch die Zeugen haben mir geholfen, die Bibel zu ‚entdecken‘.“

      Ginette, die in der Nähe von Paris wohnt, war ebenfalls streng katholisch. Als ihr Mann begann, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren, unternahm sie alles, was sie konnte, um ihn davon abzuhalten. Und sie setzte diesen Widerstand mehrere Jahre fort. Was bewirkte, daß sie sich änderte? Sie schreibt: „Ich verlor das Vertrauen. Die Kirche war nichts mehr für mich. Es fing damit an, daß ich eine Gegenüberstellung zwischen meinem Priester und den Zeugen Jehovas vereinbarte. Aber ich erkannte schnell, daß der Priester auf ihre Fragen keine Antwort wußte.“ Ginette willigte ein, mit den Zeugen die Bibel zu studieren. Heute dient sie gemeinsam mit ihrem Mann Jehova Gott in der vereinten internationalen Familie der Zeugen Jehovas.

      Wenn auch du wegen der Spaltungen in deiner Kirche verwirrt und mit Sorge erfüllt bist, so bitte die Zeugen, die dir diese Zeitschrift zurückgelassen haben, um weitere Informationen, oder schreibe an die Herausgeber. Jehovas Zeugen sind gern bereit, dir zu helfen, eine liebevolle internationale Familie von Christen zu finden, die in der Anbetung Gottes wirklich geeint sind.

      [Herausgestellter Text auf Seite 11]

      „Von welchem Nutzen ist es, das Licht im Namen des Evangeliums zu verkünden, wenn jemandes Taten seine Worte Lügen strafen?“ („Le Monde“, französische Tageszeitung)

      [Herausgestellter Text auf Seite 12]

      „Wir haben ein Spiegelbild der Spaltungen unter Christen gesehen, den Geist von Babel“ (Kardinal Lustiger, Paris)

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