Der Mistral — Ein Meister der Landschaftsgestaltung
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN FRANKREICH
PARALLEL angeordnete Heckenreihen, dicht beieinanderstehende Häuser auf der Leeseite der Hügel und Bäume, die auf einer Seite anscheinend all ihre Blätter und Zweige verloren haben — diese Merkmale sind typisch für die Provence im Südosten Frankreichs, und der Wind, der dabei seine „Hand“ im Spiel hat, ist der sogenannte Mistral.
Der Mistral zählt zu den berühmten Winden, genauso wie der Föhn in den Alpen, der Pampero in Südamerika, der Chinook in den Rocky Mountains in Nordamerika, der Harmattan in Nordwestafrika und der Euroaquilo, der in der Bibel erwähnt wird (Apostelgeschichte 27:14).a Der Name Mistral kommt von einem provenzalischen Wort, das „meisterlich, hervorragend“ bedeutet. Seinem Namen alle Ehre machend, kann der Mistral Windgeschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde erreichen.
Der Mistral entsteht als Folge eines nie endenden „Wettstreits“ zwischen dem Hochdruckgebiet über Zentralfrankreich und dem Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer. Die Wucht des Mistrals ist der Düsenwirkung zuzuschreiben. Der zwischen den Alpen und dem Zentralmassiv dahinfegende Mistral ist am stärksten, wenn er aus der Schlucht bei Donzère wie aus einem Trichter heraustritt.
Im Sommer bläst der Mistral die Wolken fort. Im Winter macht er die Kälte schier unerträglich, und in einer Gegend, wo sonst gemäßigtes Klima herrscht, kann er noch im Frühling für Frost sorgen. Die Einheimischen geben, gleichgültig, welche Jahreszeit herrscht, häufig dem Mistral die Schuld für ihre gereizte Stimmung.
Doch vor allem in dem herrlichen Zedernwald der Lubéron-Gebirgskette kann der Mistral seine Talente voll entfalten und die Bäume so formen, daß sie im Wind flatternden Fahnen gleichen. Andererseits schürt der Mistral während der Trockenzeit häufig Waldbrände und zerstört damit die Früchte seiner Arbeit wieder.
„Drei, sechs oder neun Tage“, lautet ein altes provenzalisches Sprichwort, wenn es um die Frage geht, wie lange der Mistral anhält. Doch dieser „meisterliche“ Wind kann viel länger andauern. Im Jahr 1965 blies er beispielsweise ohne Unterbrechung 23 Tage.
Der Mensch hat es gelernt, mit dem Mistral zu leben. Die Felder werden durch parallel angeordnete Hecken geschützt, und die alten Häuser in den Dörfern haben auf der Nordseite selten Fenster und Türen. Obwohl die kalten Winde ziemlich ungemütlich sein können, kann der Mistral dennoch als ein meisterhafter Landschaftsgestalter betrachtet werden.
[Fußnote]
a Weitere Informationen sind in dem Buch Einsichten über die Heilige Schrift, Band 1, Seite 699 enthalten, herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft.