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Wie ergeht es heutzutage den Großeltern?Erwachet! 1995 | 8. Juli
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Wie ergeht es heutzutage den Großeltern?
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN ITALIEN
„Ich hätte nicht geglaubt, daß mir als Großvater so viel Liebe von meinen Enkelkindern entgegengebracht wird. Sie sind ein echtes Geschenk — süße, unschuldige Geschöpfe, die dazu da sind, daß sich die gegenseitige Zuneigung vertieft“ (Ettore, ein Großvater).
EIN so gutes Verhältnis herrscht unter Großeltern, Eltern und Enkeln heutzutage nicht immer. Statt zusammenzuarbeiten, prallen diese drei Generationen oft aufeinander. Mit welchen Folgen? Zunehmende Einsamkeit und Unzufriedenheit unter den Älteren, den Großeltern — sie sind oft die verletzlichsten und isoliertesten Familienangehörigen, an die sich andere Familienmitglieder vielleicht wenden, wenn sie in finanziellen Schwierigkeiten sind. Wie sieht es in dieser Hinsicht in unserer Familie aus? Werden die Großeltern wirklich geschätzt?
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich weltweit tiefgreifende soziale Veränderungen vollzogen, die die Familie und das Verhältnis zwischen den Generationen berühren und dazu geführt haben, daß die patriarchalische Familie fast völlig abgeschafft worden ist. In Europa wohnen nur 2 Prozent der Älteren bei ihren Kindern. Aber da die durchschnittliche Lebenserwartung gegenwärtig steigt und die Zahl der Geburten in den Industrieländern rückläufig ist, wird der Anteil an Großeltern im Verhältnis zur Bevölkerung im allgemeinen ständig größer. Großmütter und Großväter machen 26 Prozent der Bevölkerung Europas aus, und gemäß einem von der Europäischen Union veröffentlichten Umfrageergebnis soll diese Zahl „in Zukunft noch steigen“. Japan, so hieß es in der Zeitung Asahi Evening News, „ist stolz darauf, daß es in seinem Land Tradition ist, sich um Senioren zu kümmern“. Allerdings wird es insbesondere in den Städten immer mehr Sitte, die Großeltern in Krankenhäuser und Spezialkliniken zu bringen, selbst wenn ein solcher Klinikaufenthalt nicht wirklich erforderlich ist. Auch in Südafrika, wo ältere Menschen gewöhnlich geehrt werden, zeichne sich jetzt die beklagenswerte Tendenz ab, ältere Menschen abzuschieben, meldete die in Kapstadt erscheinende Zeitung The Cape Times. In dem Bericht wurde erklärt, daß die Familien „soviel wie möglich vom Leben genießen“ wollen und „sich vormachen, sie hätten alles getan, was man von ihnen erwarte, wenn sie die Oma sicher in einem Heim untergebracht hätten“.
Dieselbe Zeitung berichtete über einen konkreten Fall, in dem eine Großmutter von ihren drei Kindern in ein gutes Pflegeheim gebracht wurde; ihre Kinder „versprachen, ihr beizustehen und sie regelmäßig zu besuchen“. Wie erging es ihr jedoch? „Zuerst besuchten ihre Kinder sie täglich. Nach ein paar Wochen kamen sie nur noch dreimal in der Woche. Dann wurde daraus lediglich ein Besuch in der Woche. Nach einem Jahr kamen sie zwei- oder dreimal im Monat, schließlich fünf- oder sechsmal im Jahr und zu guter Letzt kaum noch.“ Wie verbrachte diese Großmutter die endlos langen Tage? In dem erschütternden Bericht hieß es weiter: „Von dem Fenster in ihrem Zimmer aus hatte sie Blick auf einen Baum; ihre einzigen Gefährten waren die im Baum sitzenden Tauben und Stare. Sehnsüchtig wartete sie auf deren Ankunft, als wären sie ihre engsten Verwandten.“
Infolge der verwestlichten Lebensweise in Südafrika, die viele dazu verleitet, in der Stadt nach Arbeit zu suchen, spielt sich in den Stammesfamilien Ähnliches ab. Gründe dafür, daß man die Großeltern sich selbst überläßt, sind neben den sich verändernden sozialen Verhältnissen ein selbstsüchtiger, hedonistischer, stolzer und rebellischer Geist und das Schwinden von Eigenschaften, die einen Menschen auszeichnen sollten, wie Güte, Achtung vor dem Nächsten und Zuneigung innerhalb der Familie, Eigenschaften, durch die ein glückliches soziales und familiäres Zusammenleben gefördert wird. Gemäß der Bibel ist dieser moralische Verfall ein Zeichen dafür, daß wir in „den letzten Tagen“ leben (2. Timotheus 3:1-5). Anstatt die Großeltern als Bereicherung und Stütze zu sehen, betrachten Kinder und Enkel sie oftmals als eine hinderliche Last, denn ältere Menschen können sich auf plötzliche Veränderungen nicht so leicht einstellen.a
Der Generationskonflikt verschärft sich heute immer mehr und verursacht beträchtliche Spannungen, vor allem wenn die ältere Generation mit den Kindern zusammenlebt. Dabei können Großeltern einen solch wertvollen Beitrag zum Familienleben leisten! Worin liegen also einige der grundlegenden Generationsprobleme, die einem vertrauten Verhältnis zwischen Großeltern, Kindern und Enkeln im Weg stehen? Und wie können Großeltern ihre wertvolle Rolle innerhalb der Familie wieder einnehmen?
[Fußnote]
a Man muß dazu sagen, daß bei Senilität oder extrem schweren Gesundheitsproblemen in manchen Fällen eine Unterbringung in einem Pflegeheim mit geschultem Personal das Liebevollste und Beste ist, was man für seine betagten Eltern tun kann.
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Worin liegen einige Probleme?Erwachet! 1995 | 8. Juli
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Worin liegen einige Probleme?
Großeltern, Eltern und Enkel — drei Generationen, die altersmäßig nur durch ein paar Jahrzehnte getrennt sind, zwischen deren Anschauungen jedoch oftmals Welten liegen.
VIELE Großeltern haben den schrecklichen Zweiten Weltkrieg und die katastrophalen Folgen dieses Krieges miterlebt. Zur Zeit der Protestbewegungen und des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 60er Jahren waren ihre Kinder wahrscheinlich noch jung. Ihre Enkel leben heute in einer Welt ohne Werte. Da die allgemeinen moralischen Vorbilder gegenwärtig ständig wechseln, ist es für die ältere Generation nicht einfach, der nächsten Generation ihre Erfahrungswerte zu übermitteln. Etwas fehlt — etwas, was Angehörige der verschiedenen Generationen dazu veranlassen könnte, zusammenzuarbeiten und einander zu achten. Was könnte das sein?
Des öfteren mischen sich wohlmeinende Großeltern in die Familienangelegenheiten ihrer verheirateten Kinder ein und beklagen sich darüber, daß die Eltern mit den Enkeln zu streng oder zu nachsichtig sind. Allerdings sagt ein spanisches Sprichwort: „Die Strafe von Großeltern macht Enkel nicht zu braven Kindern“ — Großeltern neigen nämlich dazu, ihre Enkel zu verhätscheln. Vielleicht schalten sich die Großeltern auch ein, weil sie ihre Kinder vor bestimmten Fehlern bewahren möchten, die sie auf Grund ihrer Erfahrung deutlich erkennen. Möglicherweise sind sie jedoch nicht in der Lage, das veränderte Verhältnis zu ihren verheirateten Kindern richtig einzuschätzen. Die Kinder, die durch die Ehe die lang ersehnte Unabhängigkeit erreicht haben, möchten sich nicht hineinreden lassen. Jetzt, wo sie selbst eine Familie ernähren, dulden sie es nicht, daß man ihr Recht antastet, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Enkel, die unter Umständen sowieso denken, daß sie alles besser wissen, haben etwas gegen Regeln und Vorschriften; und vielleicht denken sie, ihre Großeltern seien weltfremd. In unserer modernen Gesellschaft scheinen Großeltern nicht mehr attraktiv zu sein. Ihre Erfahrung wird sehr oft ignoriert.
Wenn die Kommunikation abreißt
Infolge eines mangelnden gegenseitigen Verständnisses entsteht mitunter eine undurchdringliche Mauer, die die Großeltern von den übrigen Familienangehörigen trennt, selbst wenn sie bei ihren Kindern wohnen. Leider geschieht das genau dann, wenn die Großeltern in die Jahre kommen, wo ihnen das Alter zu schaffen macht und sie mehr Zuneigung benötigen. Man muß nicht allein sein, um sich einsam zu fühlen. Wenn die Kommunikation abreißt und die Achtung und Zuneigung einem herablassenden Gebaren oder einer Gereiztheit weichen, führt das bei den Großeltern zu völliger Entfremdung und zu tiefer Enttäuschung. Sie sind zutiefst verletzt. Der Pädagoge Giacomo Dacquino schrieb: „Liebe innerhalb der Familie ist nach wie vor die beste Medizin gegen Alterserscheinungen, auch wenn das kürzlich mit einem alten, auslaufenden Modell verglichen worden ist. Ein verständnisvoller Gesichtsausdruck, ein freundliches Lächeln, ein gutes Wort oder eine zärtliche Geste hilft mehr als so manche Medizin“ (Libertà di invecchiare) (Die Freiheit, alt zu werden).
Das Beispiel der Eltern kann viel ausmachen
Immer schlechter werdende familiäre Beziehungen bringen Spannungen mit sich, die auch dazu führen können, daß sich eine Generation über die andere ständig beklagt. Ein Familienmitglied hat an einem anderen vielleicht dauernd etwas auszusetzen. Darunter müssen jedoch schließlich alle leiden. Die Kinder beobachten, wie ihre Eltern die Großeltern behandeln und wie die Großeltern darauf reagieren. Die Großeltern nehmen manches vielleicht schweigend hin, aber die Enkel haben Augen und Ohren, und sie merken sich so etwas. Auf diese Weise wird ihr künftiges Verhaltensmuster geprägt. Als Erwachsene behandeln sie ihre Eltern unter Umständen genauso, wie diese die Großeltern behandelt haben. Es geht kein Weg an dem biblischen Grundsatz vorbei: „Was immer ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Galater 6:7).
Beobachten die Enkel, daß ihre Eltern die Großeltern von oben herab behandeln, indem sie sich über sie lustig machen, ihnen rüde den Mund verbieten oder sie ausnutzen, werden sie mit ihren betagten Eltern vielleicht einmal ebenso umgehen. Es genügt nicht, auf der Anrichte ein gerahmtes Bild von den Großeltern stehen zu haben — man muß sie um ihrer selbst willen respektieren und lieben. Im Lauf der Zeit gehen die Enkel mit ihren Großeltern wahrscheinlich genauso um. Die schlechte Behandlung von Großeltern soll ein immer häufiger auftretendes Phänomen sein. In einigen europäischen Ländern ist sogar eine Telefonseelsorge eingerichtet worden, die sich, ähnlich wie bei den entsprechenden Einrichtungen zum Schutz von Kindern, älterer mißhandelter Personen annimmt.
Durch Selbstsucht, Stolz und einen Mangel an Liebe erleidet das gegenseitige Verständnis Abbruch. Deshalb schieben immer mehr Menschen die Großeltern in ein Pflegeheim ab. Manche scheuen keine Kosten, damit sie sich nicht um ihre betagten Eltern zu kümmern brauchen, und vertrauen sie entweder Spezialkliniken an, die mit der modernsten Technik ausgestattet sind, oder schicken sie in großangelegte Seniorenresidenzen, wie zum Beispiel in Florida oder in Kalifornien (USA); dort gibt es zwar jede Menge Supermärkte und Unterhaltung, aber das Lächeln und die Liebkosungen der geliebten Kinder und die Umarmungen der Enkelkinder fehlen. Vor allem während der Urlaubszeit suchen viele einen Platz, wo sie Oma und Opa derweil „deponieren“ können. Noch schlimmer ist es mitunter in Indien; dort werden die Großeltern einfach ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen.
Die Schwierigkeit, gute familiäre Beziehungen aufrechtzuerhalten, verstärkt sich im Fall einer Scheidung. Nur in jeder vierten britischen Familie wohnen beide Elternteile unter einem Dach. Scheidungen sind weltweit auf dem Vormarsch. In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr über eine Million Ehen geschieden. So sehen sich Großeltern urplötzlich der Ehekrise ihrer Kinder gegenüber mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Verhältnis zu ihren Enkeln. Hat „der neue Ehepartner des Sohnes oder der Tochter Kinder aus erster Ehe“, kommt zu der peinlichen Situation, einen ehemaligen Schwiegersohn oder eine ehemalige Schwiegertochter zu haben, noch „das plötzliche Auftauchen ‚eingeheirateter‘ Enkelkinder“ hinzu, schrieb die italienische Zeitung Corriere Salute.
„Es bringt Farbe in unser Leben“
Von einem herzlichen und liebevollen Verhältnis zu den Großeltern, ob sie mit der Familie unter einem Dach leben oder nicht, können alle profitieren. „Es bringt Farbe in unser Leben“, sagte Ryoko, eine Großmutter aus Fukui (Japan), „wenn wir etwas für unsere Kinder und Enkelkinder tun.“ Gemäß Forschungsergebnissen, die in der Zeitung Corriere Salute veröffentlicht wurden, soll eine Gruppe amerikanischer Fachleute gesagt haben: „Haben Großeltern und Enkel das Glück, ein enges und herzliches Verhältnis zueinander zu haben, wirkt sich das nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die ganze Familie sehr vorteilhaft aus.“
Was kann man daher tun, um Differenzen, einen Generationskonflikt und die angeborene Neigung zur Selbstsucht zu überwinden — Faktoren, die einem guten Verhältnis innerhalb der Familie abträglich sind? Dieses Thema wird im nächsten Artikel behandelt.
[Herausgestellter Text auf Seite 6]
„Das Schlimme am Altwerden ist, daß einem keiner mehr zuhört“ (Albert Camus, französischer Schriftsteller)
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In Liebe zusammen lebenErwachet! 1995 | 8. Juli
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In Liebe zusammen leben
Liebe Oma, lieber Opa!
Geht es Euch gut? Ich glaube, ich bekomme eine Erkältung.
Vielen Dank, daß Ihr letztens mit mir gespielt habt. Ihr wart mit mir im Park und im Schwimmbad. Das hat mir viel Spaß gemacht.
Nächstes Jahr haben wir am 11. Februar unser Schulkonzert. Bitte kommt wieder, wenn es geht.
Wir freuen uns riesig, wenn Ihr kommt, Oma und Opa.
Macht’s gut, und bleibt gesund. Es wird jetzt kalt draußen, paßt deshalb auf, daß Ihr Euch keine Erkältung holt.
Ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn Ihr kommt und mit mir spielt. Bitte grüßt Yumi und Masaki von mir.
Mika [Japan]
HAT euer Enkelkind euch jemals so einen Brief geschrieben? Wenn ja, habt ihr euch ganz bestimmt sehr darüber gefreut. Solche Briefe zeugen von einem guten, herzlichen Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln. Was ist jedoch erforderlich, um ein solches Verhältnis aufzubauen, aufrechtzuerhalten und zu festigen? Und wie kann sich das für alle drei Generationen zum Guten auswirken?
Liebe — „ein vollkommenes Band der Einheit“
Roy und Jean, ein Großelternpaar in England, erklärten: „Unserer Meinung nach sind die wichtigsten Grundsätze, daß man die Leitung durch ein Haupt anerkennt und miteinander in Liebe auskommt.“ Diese beiden Zeugen Jehovas erwähnten vor allem den Bibeltext aus Kolosser 3:14, in dem die christliche Liebe als „ein vollkommenes Band der Einheit“ beschrieben wird. Liebe führt zu Achtung, Rücksichtnahme, Zuneigung und zu Einheit in der Familie. Wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, stürmt ihm die ganze Familie zur Begrüßung entgegen. Herrscht in einer Familie Liebe, dann geschieht das gleiche, wenn die Großeltern kommen. „Oma und Opa sind da!“ ruft ein Kind aufgeregt. An diesem Abend sitzt die Großfamilie beim Abendessen zusammen, und Großvater nimmt gemäß der Tradition den für ihn reservierten Platz am Kopf der Tafel ein. Siehst du dich und deine Familie in dieser netten Runde? Würde dir das gefallen?
‘Graues Haar ist eine Krone der Schönheit’
Großeltern muß natürlich immer Liebe und Respekt entgegengebracht werden, nicht nur bei besonderen Anlässen. Es ist deshalb erforderlich, die Kinder ständig dahin gehend zu erziehen. Durch die Familie und durch das gute Vorbild der Eltern lernen die Kinder, ihre Verwandten und andere zu lieben. Wie aus vielen Kommentaren zu erkennen ist, die im Rahmen einer Befragung zu diesem Thema gegeben wurden, ist das Beispiel der Eltern dabei ausschlaggebend. Macaiah, ein Vater aus Benin City (Nigeria), meinte: „Ich denke, meine Achtung vor meinen Schwiegereltern hat meinen Kindern geholfen, demütig und respektvoll zu sein. Ich spreche die Schwiegereltern mit Vati und Mutti an. Die Kinder hören und sehen, daß ich meine Schwiegereltern respektiere wie meine eigenen Eltern.“
Werden die Großeltern von ihren Enkeln nicht respektiert, sind sie wahrscheinlich verärgert, und zwar nicht so sehr wegen des Verhaltens an sich, sondern weil die Eltern ihre Kinder deswegen nicht zurechtweisen. Demetrio, ein Großvater aus der italienischen Hauptstadt Rom, erklärte: „Daß meine Tochter und mein Schwiegersohn uns lieben, erkenne ich daran, daß sie unseren Enkeln beibringen, uns zu achten und zu respektieren.“ Mitunter benehmen sich die Enkel gegenüber ihren Großeltern allzu kumpelhaft und behandeln sie so, als ob sie gleichaltrige Spielgefährten wären; oder sie behandeln sie von oben herab. Es ist die Verantwortung der Eltern, solchen Tendenzen entgegenzuwirken. Paul, ein nigerianischer Zeuge Jehovas, sagte: „Vor ungefähr einem Jahr fingen meine Kinder an, auf meine Mutter herabzusehen. Als mir das auffiel, las ich ihnen Sprüche 16:31 vor, wo es heißt, daß ‘graues Haar eine Krone der Schönheit ist’, und ich erinnerte sie daran, daß ihre Oma meine Mutter ist. Genauso, wie sie mich respektieren, sollten sie auch ihre Oma respektieren. Außerdem betrachtete ich mit ihnen das zehnte Kapitel aus dem Buch Mache deine Jugend zu einem Erfolga, das die Überschrift trägt: ‚Wie denkst du über deine Eltern?‘ Jetzt haben sie keine Probleme mehr, ihre Großmutter zu respektieren.“
Die Vorteile familiärer Kontakte
Auch wenn Familienangehörige weit voneinander entfernt leben, können sie die gegenseitige Zuneigung vertiefen. Stephen, ein Großvater aus Nigeria, erzählte: „Wir schreiben an jedes unserer Enkelkinder persönlich. Dadurch werden wir zwar sehr gefordert, aber auch reichlich belohnt, denn auf diese Weise können wir zu ihnen ein enges Verhältnis aufbauen und bewahren.“ Die Unterstützung der Eltern ist dabei unbedingt erforderlich. Andere bleiben auf Grund der Umstände telefonisch in Kontakt.
Giuseppe, ein Großvater aus Bari (Italien), der 11 Enkel hat, erklärte, wie er das freundschaftliche Verhältnis zu seinen engsten Familienangehörigen aufrechterhält: „Im Moment wohnen drei der sechs Familien, die meinen ‚Clan‘ bilden, weit weg. Aber das hindert uns nicht daran, netten Kontakt zueinander zu pflegen und uns zu treffen. Wir haben uns angewöhnt, uns mindestens einmal im Jahr zu treffen, und zwar alle vierundzwanzig.“
Falls die Großeltern allein wohnen und man sich gegenseitig nicht regelmäßig besucht, anruft oder schreibt, kann das Verhältnis unpersönlich werden. Deshalb sollte man seine Zuneigung immer zeigen. Einige Großeltern sind noch in den mittleren Jahren und bei guter Gesundheit und möchten deshalb, solange sie noch energiegeladen und selbständig sind, allein leben. Wenn sie sich jedoch völlig von der Familie zurückziehen und eines Tages feststellen, daß ihr Bedürfnis nach Zuneigung stärker wird, könnte es sein, daß die Zuwendung dann etwas auf sich warten läßt.
Eine weitere praktische Empfehlung stammt von Michael, einem in Nigeria lebenden Großvater: „Ich wende die Goldene Regel an, die Jesus lehrte — behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Aus diesem Grund lieben mich meine Kinder sehr. Wir können über alles reden.“ Weiter meinte er: „Wenn mich eines meiner Enkelkinder durch etwas verärgert, spreche ich nötigenfalls mit ihm darüber. Aber wenn ich es übersehen kann, vergesse ich es für gewöhnlich einfach.“
Kleine Geschenke und nette Gesten von seiten der Großeltern haben einen positiven Effekt. Freundliche, ermunternde Worte statt ständiger Nörgeleien machen das Familienleben angenehm. Die Enkelkinder werden es in guter Erinnerung behalten, wenn sich die Großeltern Zeit für sie nehmen, ihnen lustige Spiele oder kleine praktische Arbeiten beibringen und ihnen biblische Geschichten oder Familienanekdoten erzählen. Solche kleinen, aber wichtigen Dinge verschönern das Leben.
Die Vorteile gegenseitigen Respekts
„Großeltern müssen achtgeben, daß sie die erzieherische Autorität der Eltern nicht untergraben oder damit konkurrieren“, sagte der Arzt Gaspare Vella. Weiter meinte er: „Sonst überschreiten sie ihre Grenzen in der Rolle als Großeltern und werden Großeltern-Eltern.“ Diese Empfehlung stimmt mit der Bibel überein, gemäß der in erster Linie die Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder haben (Sprüche 6:20; Kolosser 3:20).
Auf Grund ihrer Lebenserfahrung sind Großeltern gute Ratgeber. Sie müssen jedoch darauf achten, nicht ungebeten und manchmal sogar unerwünscht Rat zu geben. Roy und Jean erklärten: „Es ist wichtig, zu begreifen, daß die Hauptverantwortung für die Erziehung der Kinder bei den Eltern liegt. Mitunter hat man vielleicht das Gefühl, sie seien ein wenig zu streng und in anderen Fällen wiederum nicht streng genug. Die Versuchung, sich einzumischen, ist groß, aber man muß unbedingt dagegen ankämpfen.“ Michael und Sheena, ein weiteres Großelternpaar aus Großbritannien, stimmten dem zu. Sie sagten: „Wenn die Kinder uns um Rat fragen, geben wir ihnen einen Rat, aber wir erwarten nicht von ihnen, daß sie ihn annehmen, und wir werden auch nicht ärgerlich, wenn sie ihn nicht befolgen.“ Eltern sollten ihren verheirateten Söhnen und Töchtern Vertrauen entgegenbringen. Ein solches Vertrauen fördert das Verhältnis der drei Generationen zueinander.
Vivian und Jane, die im Süden Englands bei ihren Kindern leben, versuchen stets, die Erziehungsmaßnahmen ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter zu unterstützen. Sie sagten: „Auch wenn wir vielleicht einmal anderer Meinung sind, drängen wir ihnen unsere Ansichten nicht auf. Die Enkelkinder merken, daß wir ihre Mutti und ihren Vati unterstützen, und sie versuchen nie, uns gegeneinander auszuspielen.“ Die Großeltern müssen auch Vorsicht walten lassen, wenn es notwendig ist, die Enkel in Abwesenheit der Eltern zurechtzuweisen. Harold, der ebenfalls in Großbritannien lebt, erklärte: „Jede Erziehungsmaßnahme, die die Großeltern in Abwesenheit der Eltern für erforderlich halten, sollte vorher mit den Eltern abgesprochen sein.“ Harold meinte, oftmals reiche es aus, mit den Enkeln freundlich, aber bestimmt zu reden oder sie schlicht daran zu erinnern, was die Eltern von ihnen erwarten.
Wenn Christopher, ein Großvater aus Nigeria, bei seinen Kindern eine Schwachstelle entdeckt, vermeidet er es, darüber in Gegenwart seiner Enkel zu reden. Er sagt: „Sofern irgendein Rat nötig ist, spreche ich darüber, wenn ich mit den Eltern allein bin.“ Andererseits müssen die Eltern dafür sorgen, daß die Rolle der Großeltern auch wirklich respektiert wird. „Ein wesentlicher Faktor dabei ist, sich niemals vor den Kindern über die Fehler der Großeltern oder anderer Familienangehöriger auszulassen“, bemerkte ein in Rom lebender Vater namens Carlo. Und Hiroko, eine Mutter in Japan, sagte: „Falls mit meinen Schwiegereltern ein Problem entsteht, spreche ich zunächst mit meinem Mann darüber.“
Die erzieherische Rolle der Großeltern
Jede Familie hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Traditionen und Erfahrungen, die sie von allen anderen Familien unterscheiden. In der Regel sind die Großeltern eine Art Bindeglied zur Familiengeschichte. Eine afrikanische Redensart lautet: „Jeder alte Mann, der stirbt, ist eine Bibliothek, die verbrennt.“ Die Großeltern überliefern die Erinnerung an Verwandte, an wichtige Familienereignisse sowie an Familienwerte, die die Familie oftmals von Grund auf einigen. Ohne auf die moralische Anleitung der Bibel Bezug zu nehmen, erklärte ein Experte: „Junge Leute, die nichts über die Geschichte ihrer Familie wissen, wachsen heran, ohne auf vergangene Erfahrungen aufbauen zu können, ihnen fehlen Werte, sie besitzen kein Selbstbewußtsein und sind unsicher“ (Gaetano Barletta, Nonni e nipoti [Großeltern und Enkel]).
Enkel hören gern etwas aus der Kinder- und Jugendzeit ihrer Mutter, ihres Vaters oder sonstiger Verwandter. Das gemeinsame Schmökern in einem Fotoalbum kann äußerst aufschlußreich und unterhaltsam sein. Wenn die Großeltern zu den Fotos die entsprechenden Geschichten von früher erzählen, kann eine behagliche und herzliche Atmosphäre entstehen.
Reg und Molly aus Großbritannien, die Zeugen Jehovas sind, sagten über ihre Rolle als Großeltern: „Es macht uns glücklich, daß wir mit unseren Enkeln Zeit verbringen und etwas mit ihnen unternehmen können, ohne ihrem engen Verhältnis zu ihrer Mutti und ihrem Vati im Weg zu stehen, daß wir die Möglichkeit haben, ihre vielen Fragen zu beantworten, mit ihnen zu spielen, ihnen Schreiben beizubringen, ihnen etwas vorzulesen oder zuzuhören, wenn sie lesen; außerdem interessieren wir uns für das, was sie in der Schule lernen.“
Sich nur um das körperliche Wohl der Kinder oder Enkel zu sorgen ist ein verhängnisvoller Fehler, den viele Großeltern und Eltern begehen. Reg und Molly, die zuvor erwähnt wurden, sind folgender Ansicht: „Das größte Erbe, das wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen können, ist, sie in der wahren Erkenntnis des Wortes Gottes aufzuziehen“ (5. Mose 4:9; 32:7; Psalm 48:13; 78:3, 4, 6).
In Übereinstimmung mit der göttlichen Belehrung handeln
Die Heilige Schrift, das Wort Gottes, „übt Macht aus“. Sie kann Menschen helfen, entzweiende Eigenschaften wie Selbstsucht und Stolz im Zaum zu halten oder abzulegen (Hebräer 4:12). In den Familien, in denen die Lehren der Bibel in die Praxis umgesetzt werden, herrscht deshalb Frieden und Einheit. Einen der zahlreichen Bibeltexte, die den drei Generationen helfen können, einen Generationskonflikt zu vermeiden, findet man in Philipper 2:2-4, wo alle Familienmitglieder dazu angespornt werden, Liebe und Demut zu zeigen, die Einheit zu bewahren und ‘nicht nur ihre eigenen Dinge in ihrem Interesse im Auge zu behalten, sondern auch persönlich Interesse zu zeigen für die der anderen’.
Eltern und Kinder, die in Übereinstimmung mit der göttlichen Belehrung handeln, nehmen die Ermahnung sehr ernst, „ihren Eltern und Großeltern beständig eine gebührende Vergütung zu erstatten“, ob in materieller, emotioneller oder in geistiger Hinsicht (1. Timotheus 5:4). Aus einer gesunden Gottesfurcht heraus erweisen sie den Großeltern tiefen Respekt und behalten folgende Worte im Sinn: „Vor grauem Haar solltest du aufstehen, und du sollst Rücksicht nehmen auf die Person eines alten Mannes, und du sollst Furcht haben vor deinem Gott“ (3. Mose 19:32). Gütige Großeltern setzen sich für das Wohl ihrer Nachkommen ein. Sie denken an die Worte: „Ein Guter wird Söhnen von Söhnen ein Erbe hinterlassen“ (Sprüche 13:22).
Ob Großeltern, Eltern und Enkel unter einem Dach leben oder nicht, eine innige Beziehung, die auf Liebe und Respekt basiert, wird sich für alle als Vorteil erweisen, denn in Sprüche 17:6 heißt es: „Die Krone der Alten sind die Enkel, und die Schönheit der Söhne sind ihre Väter.“
[Fußnote]
a Herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft.
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Als Familie zusammenzukommen kann zur Einheit beitragen
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Den Großeltern tut es gut, wenn man ihnen schreibt
[Bild auf Seite 10]
Gemeinsam mit Enkeln in einem Fotoalbum zu schmökern kann sehr bereichernd sein
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