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Wenn aus Großeltern Eltern werdenErwachet! 1999 | 22. März
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Wenn aus Großeltern Eltern werden
„Ich war gerade von einer Zusammenkunft im Königreichssaal nach Hause gekommen, als jemand laut an die Tür klopfte. Draußen standen zwei Polizisten und zwei schmuddelige Kinder mit verfilzten Haaren, die aussahen, als hätten sie sich monatelang nicht gewaschen. Kaum zu glauben, daß das Kinder waren. Dabei waren es meine eigenen Enkel! Ihre drogenabhängige Mutter hatte sie verwahrlosen lassen. Ich hatte schon sechs eigene Kinder und war Witwe. Aber ich konnte einfach nicht nein sagen“ (Sally).a
„Meine Tochter hat mich gefragt, ob ich ihre Kinder bei mir behalten könnte, bis sie ihr Leben in Ordnung gebracht hätte. Ich wußte nicht, daß sie Drogen nahm. Das Ende vom Lied war, daß ich ihre zwei Kinder großzog. Jahre später bekam meine Tochter noch ein Baby. Ich wollte es nicht nehmen, aber mein Enkel bettelte: ‚Oma, für eins haben wir doch noch Platz, oder?‘“ (Willie Mae).
GROSSELTERN zu sein wurde schon oft als „Vergnügen ohne Verantwortung“ bezeichnet. Aber das war einmal. Man schätzt, daß allein in den Vereinigten Staaten über drei Millionen Kinder bei ihren Großeltern leben. Und die Zahl steigt rapide an.
Was verbirgt sich hinter diesem beunruhigenden Trend? Kinder, deren Eltern in Scheidung leben, landen manchmal bei den Großeltern wie auch Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt oder mißhandelt werden. „Crack erzeugt eine verlorene Generation“, kommentiert das Magazin Child Welfare die lähmenden Auswirkungen auf abhängige Eltern. Ferner sind Millionen von Kindern „elternlos“, weil sie verlassen wurden oder weil die Eltern geisteskrank oder nicht mehr am Leben sind. Auch Kinder, die ihre Mutter durch Aids verloren haben, kommen mitunter in die Obhut der Großeltern.
Die Verantwortung, in den mittleren Jahren oder während der „unglücklichen Tage“ des Alters Kinder zu erziehen, kann beängstigend sein (Prediger 12:1-7). Viele haben einfach nicht die Energie, kleine Kinder dauernd im Auge zu behalten. Manche Großeltern haben schon die eigenen betagten Eltern zu pflegen. Andere sind verwitwet oder geschieden und müssen ohne die Unterstützung eines Ehepartners zurechtkommen. Und etliche fühlen sich der Belastung finanziell nicht gewachsen. Bei einer Umfrage hat sich herausgestellt, daß 40 Prozent der sorgeberechtigten Großeltern ein Einkommen hatten, das sich nahe der Armutsgrenze bewegte. „Die Kinder waren krank“, erzählt Sally. „Ich mußte eine Menge Geld für Medikamente zahlen. Vom Staat bekam ich kaum finanzielle Hilfe.“ Eine ältere Frau sagt: „Ich mußte meine Enkel mit meiner Rente durchbringen.“
Streß und Nervenproben
Da braucht es einen nicht zu wundern, daß einer Studie zufolge „die Betreuung der Enkel bei den Großeltern erheblichen Streß verursacht. 86 Prozent der 60 befragten Großeltern gaben an, ‚die meiste Zeit deprimiert oder verängstigt‘ zu sein.“ Viele berichten über Gesundheitsprobleme. „Ich war körperlich und psychisch arg mitgenommen, und mein Glaubensleben litt darunter“, erklärt Elizabeth, die sich um ihre halbwüchsige Enkelin kümmerte. Willie Mae, die an Herzbeschwerden und Bluthochdruck leidet, sagt: „Meine Ärztin meint, es liegt an dem Streß mit der Kindererziehung.“
Viele sind nicht auf die Veränderung des Lebensstils eingestellt, die das Großziehen der Enkel mit sich bringt. „Es kommt vor, daß ich nicht weggehen kann“, berichtet ein Großvater. „Ich würde mich schuldig fühlen ..., wenn ich sie jemand anders überließe. Also bleibe ich zu Hause und lasse das, was ich tun wollte, dann eben sein.“ Eine Frau gibt die Zeit, die sie für sich hat, mit „gleich Null“ an. Gesellschaftliche Isolation und Einsamkeit sind keine Seltenheit. Eine Großmutter sagt: „Die meisten Freunde und Bekannten in unserer Altersgruppe haben keine [kleinen] Kinder. Wir nehmen so manche Einladung nicht an, weil unsere Kinder [die Enkel] nicht eingeladen sind.“
Schmerzlich sind auch die emotionellen Belastungen. In einem Artikel der Zeitschrift U.S.News & World Report hieß es: „Viele [Großeltern] werden von Scham- und Schuldgefühlen gemartert, weil ihre eigenen Kinder als Eltern versagt haben, und fragen sich, was sie bei der Erziehung falsch gemacht haben. Um ihren Enkeln ein sicheres, liebevolles Zuhause bieten zu können, müssen sie sich manchmal von ihren gewaltbereiten oder drogenabhängigen Kindern innerlich lösen.“
Eine Umfrage unter Großeltern ergab folgendes: „Mehr als ein Viertel ... sagten, ihr Eheglück leide unter der Betreuung der Enkel.“ Vor allem die Ehemänner fühlen sich oft zurückgesetzt, zumal die Frauen den Löwenanteil der Kinderbetreuung bewältigen. Manche Ehemänner sehen sich dem Druck einfach nicht gewachsen. Eine Frau sagt von ihrem Mann: „Er ist uns davongelaufen. ... Ich glaube, er fühlte sich wie in einer Falle.“
Wütende Kinder
U.S.News & World Report schrieb: „Verschlimmert werden die Belastungen noch dadurch, daß manche der Kinder, die bei den Großeltern abgeladen werden, zu den notleidendsten, emotionell geschädigtsten und wütendsten Kindern der Nation gehören.“
Ein typischer Fall ist Elizabeths Enkelin. Ihr Vater hat sie an der Straßenecke, wo Elizabeth als Schülerlotsin arbeitete, im wahrsten Sinn des Wortes ausgesetzt. „Sie ist ein wütendes Kind“, sagt Elizabeth. „Sie ist verwundet.“ Sallys Enkel haben ähnliche Wunden davongetragen. „Mein Enkelsohn ist verbittert. Er denkt, keiner mag ihn.“ Kinder haben von Geburt an das Recht, von Vater und Mutter geliebt zu werden. Wie fühlt sich wohl ein Kind, das von seinen Eltern vernachlässigt, abgelehnt oder gar verlassen wird! Die Gefühle eines verhaltensgestörten Kindes zu verstehen kann der Schlüssel dazu sein, geduldig mit ihm umzugehen. In Sprüche 19:11 heißt es: „Eines Menschen Einsicht verlangsamt sicherlich seinen Zorn.“
Es kann zum Beispiel sein, daß sich ein im Stich gelassenes Kind von seinen Großeltern nicht umsorgen lassen will. Verständnis für die Ängste und Nöte des Kindes hilft einem, mitfühlend zu reagieren. Auf seine Ängste einzugehen und ihm zu versichern, daß man bei seiner Betreuung sein möglichstes tun wird, kann wesentlich dazu beitragen, dem Kind die Ängste zu nehmen.
Mit den Belastungen fertig werden
„Ich fühle mich sehr verletzt und tue mir selbst leid. Es ist einfach nicht fair, daß uns so etwas passiert ist“, sagte eine sorgeberechtigte Großmutter. Viele, die sich in der gleichen Lage befinden, kennen solche Gefühle nur zu gut. Doch ihre Situation ist sicher nicht ausweglos. Einerseits setzt das Alter der Körperkraft zwar Grenzen, aber andererseits ist es ein Pluspunkt, wenn es um Lebensklugheit, Geduld und Geschick geht. So überrascht es auch nicht, daß einer Studie zufolge „Kinder, die ausschließlich von ihren Großeltern erzogen wurden, im Vergleich zu Kindern in Familien mit nur einem biologischen Elternteil ganz gut zurechtkamen“.
Die Bibel fordert uns auf, ‘all unsere Sorge auf Jehova zu werfen, denn er sorgt für uns’ (1. Petrus 5:7). Deshalb sollten wir ständig zu ihm um Kraft und Leitung beten, wie es schon der Psalmist tat. (Vergleiche Psalm 71:18.) Die geistigen Bedürfnisse dürfen nicht ins Hintertreffen geraten (Matthäus 5:3). „Die christlichen Zusammenkünfte und der Predigtdienst waren für mich eine Überlebenshilfe“, sagt eine Christin. Wenn irgend möglich, sollte man seine Enkel mit Gottes Wegen vertraut machen (5. Mose 4:9). Wer sich bemüht, seine Enkel „in der Zucht und in der ernsten Ermahnung Jehovas“ zu erziehen, kann auf die Unterstützung Gottes zählen (Epheser 6:4).b
Man braucht sich nicht zu scheuen, Hilfe zu suchen. Freunde, besonders in der Christenversammlung, können einem oft unter die Arme greifen. Sally berichtet: „Die Brüder und Schwestern in der Versammlung waren eine große Stütze. Wenn ich am Boden war, halfen sie mir wieder auf die Beine. Einige unterstützten mich sogar finanziell.“
Auch staatliche Hilfen sollte man nicht ungenutzt lassen (Römer 13:6). Bei einer Umfrage unter Großeltern zeigte es sich bezeichnenderweise, daß „die meisten nicht wissen, welche Möglichkeiten geboten werden oder wohin sie sich um Hilfe wenden können“ (Child Welfare). Sozialarbeiter und Beratungsstellen für Senioren können über staatliche Hilfen informieren.
Sorgeberechtigte Großeltern sind in vielen Fällen ein Phänomen der gegenwärtigen ‘kritischen Zeiten, mit denen man schwer fertig wird’ (2. Timotheus 3:1-5). Glücklicherweise sind diese schwierigen Zeiten ein Anzeichen dafür, daß Gott bald eingreift und „eine neue Erde“ schafft, wo tragische Lebensumstände, wie sie heute etliche Familien treffen, der Vergangenheit angehören werden (2. Petrus 3:13; Offenbarung 21:3, 4). Bis es soweit ist, sind sorgeberechtigte Großeltern gefordert, aus ihrer Lage das Beste zu machen. Viele tun das mit großem Erfolg. Es ist gut, immer daran zu denken, daß es neben Enttäuschungen auch Freuden gibt. Man kann sogar die Freude erleben, daß die Enkel lernen, Gott aufrichtig zu lieben. Wäre das nicht jede Anstrengung wert?
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Wenn aus Großeltern Eltern werdenErwachet! 1999 | 22. März
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[Kasten auf Seite 10]
Die rechtliche Seite
Ob man das Sorgerecht für seine Enkel beantragen soll oder nicht, ist eine heikle, komplizierte Frage. Mary Fron, eine Expertin auf diesem Gebiet, erklärt: „Auf der einen Seite hat man ohne das Sorgerecht kaum Rechte. Meistens können die leiblichen Eltern nach Belieben kommen und das Kind wegholen. Auf der anderen Seite zögern viele Großeltern, das Sorgerecht zu beantragen, weil das bedeutet, vor Gericht auszusagen, daß das eigene Kind als Mutter oder Vater nichts taugt“ (Good Housekeeping).
Ohne Sorgerecht ist es für Großeltern oft schwierig, ihre Enkel einschulen oder auch nur ärztlich behandeln zu lassen. Das Sorgerecht durchzusetzen kann allerdings eine teure, langwierige und aufreibende Tortur sein. Und selbst wenn es den Großeltern zugesprochen wird, stehen sie womöglich ohne finanzielle Unterstützung des Staates da. Die Zeitschrift Child Welfare rät Großeltern deshalb, „sich von einem Anwalt beraten zu lassen, der in Fragen des geltenden Familienrechts, des Sorgerechts und des Kindeswohls kompetent ist“.
[Kasten auf Seite 11]
Die Kosten berechnen
Der Anblick eines Kindes in Not kann einem das Herz zerreißen, erst recht, wenn es das eigene Fleisch und Blut ist. Und die Bibel verlangt von Christen, für ‘die Ihrigen’ zu sorgen (1. Timotheus 5:8). In vielen Situationen sind Großeltern jedoch gut beraten, sich ernsthaft Gedanken zu machen, bevor sie eine solche Verantwortung übernehmen (Sprüche 14:15; 21:5). Man muß die Kosten berechnen. (Vergleiche Lukas 14:28.)
Unter Gebet kann man folgendes überdenken: Bin ich wirklich körperlich, emotionell, geistig und finanziell in der Lage, die Bedürfnisse dieses Kindes abzudecken? Wie denkt mein Ehepartner über die Situation? Besteht die Möglichkeit, den Eltern des Kindes gut zuzureden oder beizustehen, so daß sie selbst für ihr Kind sorgen können? Leider geben eine Anzahl pflichtvergessene Eltern ihren unmoralischen Lebensstil nicht auf. Eine Großmutter erzählt verbittert: „Ich habe mehrere von ihren Kindern aufgenommen. Aber sie hat weiter Drogen genommen und Babys gekriegt. Irgendwann war ich soweit, daß ich nein sagen mußte.“
Andererseits stellen sich die Fragen: Was wird aus meinen Enkeln, wenn ich nicht für sie sorge? Kann ich den Gedanken ertragen, daß sie in die Obhut anderer, vielleicht Fremder, kommen? Wie steht es mit den geistigen Bedürfnissen der Kinder? Werden andere imstande sein, sie nach Gottes Maßstäben zu erziehen? Trotz der Schwierigkeiten werden so manche Großeltern zu dem Schluß kommen, daß ihnen nichts anderes übrigbleibt, als die Verantwortung zu schultern.
Das sind qualvolle Sorgen, und jeder muß seine eigene Entscheidung treffen.
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