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GriechenlandJahrbuch der Zeugen Jehovas 1994
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Ein bescheidener Lehrer namens Manolis Lionoudakis jedoch machte Fortschritte in der Wahrheit. Als er aus seiner Wohnung hinausgeworfen wurde, gab er seine Arbeit als Lehrer auf und begann in Heraklion mit dem Pionierdienst. Von Haus zu Haus bearbeitete er die ganze Stadt. Deswegen brachte man ihn vor Gericht, und er wurde für ein Jahr auf die Insel Amorgos, die zu den Kykladen gehört, verbannt. Er erinnert sich: „Sechs Monate war ich bereits auf der Insel, da kam plötzlich ein Mann namens Kokkinakis von Kreta an. Ich hatte dort mit ihm über die Wahrheit gesprochen. Er hatte Interesse gezeigt, und jetzt war er wegen seiner neugefundenen Überzeugung hierher verbannt worden. Endlich hatte ich einen Gefährten, mit dem ich gemeinsam den Wachtturm studieren konnte. Im Meer vor Amorgos wurde mein Gefährte getauft.“
Bruder Kokkinakis ist heute 84 Jahre alt und dient Jehova treu seit 54 Jahren. 1938 war er der erste Zeuge Jehovas in Griechenland, der wegen Übertretung des Gesetzes gegen Proselytenmacherei verhaftet wurde. Sein jüngster Rechtskampf wurde am Anfang dieses Berichts erwähnt. Insgesamt hat man ihn mehr als 60mal verhaftet, weil er friedlich seinen Gottesdienst verrichtete.
Obwohl das Werk einen kleinen Anfang hatte, gibt es heute 13 Versammlungen auf Kreta, was beweist, daß die Brüder und Schwestern über viele schwierige Jahre hinweg ausgeharrt und hart gearbeitet haben.
Samos
Einer der ersten Zeugen Jehovas auf der Insel Samos, Dimitris Makris, erinnert sich, wie er die Wahrheit kennenlernte: „Im Januar 1926 hörte ich, wie ein Bibelforscher in einem Laden Zeugnis gab, und stellte mich ihm vor. Am nächsten Tag waren Penelope und ich bei einem Gespräch zugegen. Ich fragte die Brüder, weshalb sie Fragen so prompt aus der Bibel beantworten konnten. Sie sagten: ‚Man muß die Bibel studieren.‘ Sie zeigten mir das Buch Die Harfe Gottes und wie man es studiert. Daraufhin studierten wir — eine Gruppe von fünf Personen — das Buch jede Nacht bis in die frühen Morgenstunden. Gegen Jahresende besuchte uns der Pilgerbruder Koukoutianos, und wir wurden getauft. 1927 hielten wir auf Samos einen kleinen Kongreß ab, bei dem 40 Personen von der Insel anwesend waren.
Wir beschlossen, alle Dörfer auf der Insel mit der einzigen Veröffentlichung zu bearbeiten, die wir hatten — eine Broschüre mit dem Titel Die Hölle, die die Fragen behandelte: ‚Was ist sie?‘ ‚Wer ist dort?‘ ‚Kann man dieselbe wieder verlassen?‘ In einer Ortschaft nach der anderen verprügelte man uns. Im März 1928 brachte ein Priester eine Schwester aus den Vereinigten Staaten und mich vor Gericht, obwohl er uns geschlagen hatte. Bei der Verhandlung fragte der vorsitzführende Richter den Priester: ‚Habt ihr denn keinen Baum im Dorf, an dem ihr ihn hättet aufhängen können?‘ Ich wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt; in jenem Jahr mußte ich das Gedächtnismahl allein feiern.“
Jehova hat das Ausharren und die harte Arbeit der Brüder auf Samos gesegnet. Heute gibt es dort drei blühende Versammlungen.
Kleine Anfänge auf der Insel Korfu
Vier Brüder gab es 1923 auf Korfu, einer schönen Insel vor der Westküste Griechenlands gegenüber dem italienischen Festland. George Douras und Christos Papakos berichten über das Werk in jenen Jahren: „Wir beschlossen, im Theater der Hauptstadt einen öffentlichen Vortrag zu halten. Um 10 Uhr war der Saal mit etwa 1 000 Personen voll besetzt. Ganz vorn saßen einige Rechtsanwälte. Auf einmal kam der Polizeichef und teilte uns mit, der Vortrag dürfe nicht gehalten werden. Ein Rechtsanwalt aus der Zuhörerschaft war darüber verärgert und verlangte eine Erklärung. Als er erfuhr, daß der Erzbischof verantwortlich war, rief er aus: ‚Meine Herren! Ich bin der französische Konsul. In diesem Theater ist es verboten, sich den Vortrag anzuhören. Kommen Sie mit in das französische Konsulat. Dort wird es erlaubt sein.‘ Als erster folgte der Redner, Bruder Douras, dem Konsul, dann die gesamte Zuhörerschaft. Man stelle sich nur das Schauspiel vor, als die Menge durch die Straßen Korfus zum französischen Konsulat marschierte, um sich dort den Vortrag anzuhören!“
Auch der Kolporteur (Vollzeitprediger) Charalampos Beratis stieß auf Korfu 1923 auf Widerstand. Er erzählte: „In dem Dorf Pagi versammelten sich alle Bewohner auf dem Dorfplatz. Ich stellte die Veröffentlichungen der Gesellschaft vor, und viele nahmen Bücher entgegen. Auf einmal tauchte der Dorfpriester auf, zerrte an meinem Mantel und verkündete: ‚Im Namen des Gesetzes und des Königs: Sie sind verhaftet!‘ Er versuchte, die Polizei zu rufen, doch das Telefon funktionierte nicht. Im stillen bat ich Jehova, mir zu zeigen, was ich tun solle. Schließlich nahm ich meine Büchertasche und rief aus: ‚Im Namen Jehovas nehme ich meine Tasche und gehe!‘ Es herrschte völlige Stille; niemand sagte ein Wort. Ich ging einfach und setzte meine Predigttätigkeit fort.“
Auf den Inseln um Griechenland gibt es heute 47 Versammlungen mit 2 500 Zeugen Jehovas.
Die Pioniertätigkeit
Selbst in jenen schweren Jahren der Anfangszeit wollten eifrige griechische Brüder den Dienst zu ihrer Laufbahn machen. Michael Kaminaris, einer der ersten Pioniere, kehrte 1934 nach Griechenland zurück, durchdrungen von dem Wunsch, seine ganze Zeit der Verkündigung der guten Botschaft zu widmen. Bald darauf schloß sich ihm Michael Triantafilopoulos an. Die beiden bearbeiteten etliche Gegenden Griechenlands. Bruder Kaminaris erinnert sich: „Je mehr Fortschritte das Werk machte, desto heftiger wurde der Widerstand. Im Dorf Magouliana sahen wir uns einer Pöbelrotte gegenüber, und in Prasino griff man uns unter Führung des Ortspriesters an. In den Verwaltungsbezirken Messenien, Ätolien und Akarnanien kamen wir Dutzende von Malen wegen Proselytenmacherei vor Gericht.
Um nicht so oft verhaftet zu werden, riet uns die Gesellschaft, lieber allein zu arbeiten. Allein zu arbeiten war nicht leicht, denn man hatte niemand, mit dem man sich unterhalten konnte, doch ich machte mir keine Gedanken über die Gefahren und die Einsamkeit, sondern vertraute auf Jehova und ging an die Arbeit. Oft sagten die Leute: ‚Sie müssen ja eine Menge Geld dafür bekommen, daß Sie sich den weiten Weg machen, um zu uns zu gelangen.‘ Wie oft ich hungrig war und nicht wußte, wo ich übernachten sollte, davon hatten sie keine Ahnung. Wenn mir manchmal die Leute in einer Gegend feindselig begegneten, war der Friedhof der sicherste Platz zum Übernachten.“ Bruder Kaminaris gehört seit 1945 zur Bethelfamilie. Aus 8 allgemeinen Pionieren im Jahre 1938 sind 1993 über 1 800 geworden.
Bemühungen, dem Predigtwerk Einhalt zu gebieten
Ausgerüstet mit einer gebrauchten Offenbach-Flachpresse, wurde am 19. Februar 1936 im Keller des Gebäudes Lombardoustraße 51 in Athen die erste Druckerei der Gesellschaft in Griechenland in Betrieb genommen, um die ständig zunehmende Predigttätigkeit zu unterstützen. Ab Mai jenes Jahres wurde auf der Presse Das Goldene Zeitalter (heute Erwachet!) gedruckt. Den Wachtturm stellte man noch in den Vereinigten Staaten her.
Die Geistlichkeit war allerdings gegen die Verbreitung dieser neuen Zeitschrift. So mußte in der Augustausgabe des Goldenen Zeitalters 1936 bekanntgegeben werden, daß der Unterstaatssekretär des Ministeriums für Kommunikation und Postdienste auf Druck der Geistlichkeit den Postversand der Zeitschrift verboten hatte. Den Abonnenten versicherte man jedoch, sie würden die Zeitschrift auch weiterhin regelmäßig erhalten. Es sollte aber noch schlimmer kommen.
Am 4. August 1936 fand ein Regierungswechsel im Land statt. Ioannis Metaxas wurde neuer Präsident mit unumschränkter Machtfülle. Im Jahre 1938 — die Zahl der Verkündiger war auf 212 angewachsen — erließ man ein gesetzliches Verbot gegen Proselytenmacherei. Dieses Gesetz hat sich seither als größtes Hindernis für das Predigtwerk in Griechenland erwiesen. Bei einer Zusammenkunft in Athen im Oktober 1939 wurden 85 Brüder und Schwestern verhaftet. Die Sicherheitspolizei sperrte die 35 Schwestern in einen Raum und verteilte die Brüder auf verschiedene Polizeistationen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurden.
Am darauffolgenden Tag wurde Bruder Karanassios, der Zweigdiener, im Büro der Gesellschaft verhaftet. Die Druckerei wurde geschlossen und das Eigentum der Gesellschaft beschlagnahmt. Auf Anstiften der Geistlichkeit setzte man alle verhafteten Brüder unter Druck, eine Erklärung zu unterschreiben, sie würden wieder zur griechisch-orthodoxen Kirche zurückkehren. Man drohte ihnen an, sie auf entlegene Inseln im Ägäischen Meer zu verbannen.
Kostas Christou, einer der 85, berichtet von einer typischen hinterhältigen Taktik, mit der Druck auf ihn ausgeübt wurde: „Herr Christou! Ihre Frau hat die Erklärung schon unterschrieben. Sie wird freigelassen. Es wäre doch ein Jammer, wenn sie allein bleiben müßte und Sie auf die Insel Seriphos ins Exil gingen!“ Doch Bruder Christou antwortete: „Meine Frau ist von Jehova abhängig und nicht von mir. Sie kann für sich selbst entscheiden. Aber ich bin sicher, daß sie nicht unterschrieben hat. Und was sollte sie im übrigen auch unterschreiben? Daß es etwas Schlechtes ist, unseren Schöpfer anzubeten?“
Ein Mann, der mit dem Präsidenten auf freundschaftlichem Fuß stand und auch Jehovas Zeugen gut kannte, hielt es für eine krasse Fehlentscheidung, die Zeugen zu verbannen. Daher sagte er zu dem Präsidenten: „Diese Leute sind doch nicht unsere politischen Gegner. Was tun sie denn schon? Sie warten auf Gottes Königreich. Wenn es kommt, ist das gut. Wir warten doch auch darauf.“ Das überzeugte den Diktator, und er befahl, die Entscheidung unverzüglich rückgängig zu machen. Die Brüder waren begeistert. Insgesamt hatten nur 6 der 85 Verhafteten dem Druck nachgegeben. Nach einer Gerichtsverhandlung wurde das gesamte Eigentum des Zweigbüros sowie alle Gelder zurückgegeben. Das Zweigbüro und die Druckerei konnten ihre Arbeit ohne Einschränkung fortsetzen. Doch nicht lange!
Die Kriegsjahre
Am 28. Oktober 1940 erklärte Italien Griechenland den Krieg, wodurch Griechenland in den Zweiten Weltkrieg verwickelt wurde. Die deutsche und die bulgarische Armee marschierten in Griechenland ein, und viele wurden getötet. Neunzehn Brüder verloren ihr Leben. Das Kriegsrecht wurde verhängt. Viele Brüder unter den 225 Verkündigern kamen wegen ihrer neutralen Haltung vor ein Kriegsgericht. Manche wurden zu Gefängnisstrafen zwischen 7 und 20 Jahren verurteilt, andere erhielten lebenslänglich. In einigen Fällen, beispielsweise im Fall von Emmanuel Paterakis von Kreta, verhängte man die Todesstrafe. Allerdings wurden in Griechenland während der Zeit der Besatzung durch die Deutschen keine Todesurteile vollstreckt.
Während der Besatzungszeit waren die Bücher der Gesellschaft verboten; dennoch erhielten die Brüder manchmal einzelne Exemplare. Von April 1941 an wurden die Brüder aus dem Untergrund mit geistiger Speise versorgt. Zu den Brüdern im Hauptbüro gab es keine Verbindung mehr, und so druckte man auf einem Vervielfältigungsapparat Artikel aus älteren Wachtturm-Ausgaben nach sowie die Bücher Religion und Die Rettung und die Broschüre Flüchtlinge. Die Brüder predigten weiter, wenn auch auf informelle Weise. Interessierten liehen sie die Broschüren und luden alle, die mehr Interesse zeigten, zu Zusammenkünften in kleinen Gruppen ein. Viele lernten so die Wahrheit kennen.
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GriechenlandJahrbuch der Zeugen Jehovas 1994
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Verfolgung während des Krieges
Auch in Eleftherohori gab es eine seit langem bestehende Versammlung, die die Kriegsjahre durchstehen mußte. Elias Panteras berichtet: „Die zehn Jahre von 1940 bis 1950 waren eine Zeit feuriger Prüfungen. Wenn die Brüder von Haus zu Haus gingen, läuteten die Kirchenglocken, und der Ortsvorsteher zusammen mit dem Priester und den Ortspolizisten verhaftete die Brüder und schleppte sie vor Gericht. Zweimal durchsuchten nationalistische Gruppen, angeführt von einem Polizeibeamten, Häuser von Brüdern und brachten diese zur orthodoxen Kirche. Sie versuchten, sie zu zwingen, das Kreuzzeichen zu machen und Ikonen zu küssen. Als die Brüder sich weigerten, wurden sie brutal geschlagen.“
Mitglieder kommunistischer Gruppen und deren Ortsgruppenführer verhafteten einmal die Brüder und befahlen ihnen, für sie Wache zu stehen. Als die Brüder sich weigerten, wurden sie in den Nachbarort gebracht und den Behörden übergeben, die entschieden, Nicos Papageorgiou, Costas Christanas und Costas Papageorgiou sollten hingerichtet werden. Nur ein Mitglied des siebenköpfigen Komitees weigerte sich, die Hinrichtung zu unterstützen. Die Brüder wurden in ein Bergdorf geführt. Man las ihnen das Todesurteil vor, fesselte sie und fing an, sie zu schlagen. Dabei rollte Nicos Papageorgiou, der an Händen und Füßen gefesselt war, den Abhang hinunter und kam erst auf einem Vorsprung unmittelbar über einem Fluß zum Stillstand. Acht Tage lang wurden die Brüder wiederholt geschlagen; danach ließ man sie frei.
Nicos Papageorgiou erinnert sich: „Der Gruppenleiter der Nationalen Befreiungsfront zitierte mich in sein Büro und sagte mir, er müsse mir leider mitteilen, daß er ermächtigt worden sei, mich hinzurichten. Er sagte, er wolle versuchen, mir zu helfen, aber ich müßte ihm auch helfen. Ich nahm seine rechte Hand und sagte: ‚Wenn Sie mich lieben, dann richten Sie mich sofort hin. Würde ich meinen Glauben verleugnen, müßten Sie um mich weinen.‘ “ Offensichtlich beeindruckt, ließ der Mann Bruder Papageorgiou gehen. Interessanterweise kostete der Krieg bald darauf allen, die seine Hinrichtung angeordnet hatten, das Leben.
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