Haitis Häuser im Zuckerbäckerstil
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN AUF HAITI
HAITIS bezaubernde Häuser im Zuckerbäckerstil entstammen nicht der Märchenwelt. Es gibt sie wirklich. Doch die aus einer anderen Zeit herrührende Eleganz und eigenartige Schönheit verleihen den grün, gelb, rot, blau oder kastanienbraun gestrichenen Häusern etwas Märchenhaftes.
Bei diesem Baustil verbinden sich grazile Formen mit einer stabilen Konstruktion, die entweder aus Holz, aus Ziegeln oder aus beidem erstellt sein kann. Die großen Fenster einiger dieser Häuser lassen sich nach den vorstehenden überdachten Balkonen hin öffnen, die auf hölzernen Pfosten wie auf Stelzen ruhen. Manchmal führen lange Galerien, geschmückt mit Beton- oder Holzsäulen, deren Kern aus Eisen ist, in den Garten. Alles ist mit feinen, filigranen Holzschnitzereien verziert, und kleine runde Fenster, Wetterhähne und Kuppeln verleihen dem Ganzen einen märchenhaften Zauber.
Anfang des 20. Jahrhunderts waren Häuser im Zuckerbäckerstil bei der Mittelschicht dieses westindischen Landes beliebt. Die Kosten für den Import der dafür notwendigen Materialien wie gelbe Backsteine, Dachziegel aus Asbest und Pitchpineholz machten sie für das einfache Volk unerschwinglich. Heute sind sie historische Schaustücke, die Touristen nach Port-au-Prince und in andere Städte locken. Besucher bewundern die geschnitzten Ornamente, die als Holzgotik bekannt sind. Dieser an Verzierungen reiche Stil entwickelte sich in Nord- und Südamerika, nachdem er durch die Erfindung der Drechslerbank möglich geworden war.
Französischer Einfluß
Der Architekt Paul Mathon, dessen Vater León ein Pionier der Zuckerbäckerarchitektur war, erwähnte noch einen anderen Einfluß auf die Entwicklung des Zuckerbäckerstils auf Haiti, als er sich einmal gegenüber Erwachet! wie folgt äußerte: „So merkwürdig es auch scheint, der Ursprung dieser Häuser, die noch nicht einmal 100 Jahre alt sind, ist ungewiß. Wir können zwar den Einfluß der Holzgotik nicht leugnen, doch die ursprüngliche Idee ist in den Gewerbeschulen zu suchen, die die Förderer des Zuckerbäckerstils besucht hatten. Der französische Einfluß scheint ziemlich offensichtlich zu sein, obwohl Anpassungen an das Leben, die Kultur und das Klima auf Haiti vorgenommen wurden.“
Haitische Architekten, die in Frankreich ausgebildet worden waren, führten den Baustil auf Haiti ein. Paul Mathon sagte: „Sie haben Ingenieure und Poliere geschult, damit sie ihre Pläne ausführten. Die Zimmerleute wurden an Schulen zu echten Experten in Sachen Holzarbeiten ausgebildet. Und es lag auch etwas in der Luft, ein künstlerischer Elan, der die Verbreitung dieses Architekturstils beflügelte. Im Laufe der Zeit ging das alles verloren. Die Nachahmungen waren nur von schlechter Qualität.“
Diese Architektur ist bestens geeignet, Wohnungen in tropischem Klima ausreichend kühl zu halten. Dadurch, daß die Decke doppelt so hoch ist wie in modernen Gebäuden, ist mehr Raum da, so daß die Luft zirkulieren kann und die Hitze besser abgeleitet wird. Die mit Fensterläden ausgestatteten großen Türen und Fenster gewährleisten in jedem Raum gute Querlüftung. Holz, das sowohl für die Böden als auch für die Wandverkleidung großzügig verwendet wurde, isoliert gut gegen die Hitze draußen. Trotzdem kommen jene Häuser immer mehr aus der Mode.
Museumsstücke
Dadurch, daß es jetzt moderne Klimaanlagen gibt, haben diese Häuser offenbar etwas von ihrem Reiz verloren. Man bevorzugt Betonhäuser wegen ihrer Haltbarkeit, da Holzkonstruktionen nach und nach von Termiten ausgehöhlt und aufgefressen werden. Natürlich bauen einige Architekten Elemente des Zuckerbäckerstils in die neuen, dauerhafteren Häuser ein, und andere restaurieren alte Häuser im Zuckerbäckerstil, wobei sie Beton verwenden, um das Fachwerk dauerhafter zu machen.
Trotzdem werden die Häuser im Zuckerbäckerstil ihre vergangene Herrlichkeit nicht wiedererlangen, obwohl einige noch immer wirklich imposant sind. Es scheint ihr Schicksal zu sein, daß sie schließlich als Museumsstücke überleben — altmodische, elegante Bauwerke, Erinnerungen an eine einzigartige haitische Architektur.