Gebrauche deinen Kopf — auf afrikanisch
Von unserem Korrespondenten in Sierra Leone
WAS trägt man gewöhnlich auf dem Kopf? In vielen Teilen der Welt würden Schulkinder auf diese Frage antworten: „Einen Hut.“ Mehr könnten sie nicht nennen.
Würde man aber dieselbe Frage Kindern in Afrika stellen, würden sie antworten: „Eimer voll Wasser, Bananen, Stiefel, Brennholz, Fernsehgeräte, Fische, Säcke mit Salz, Reis oder Zement, Kühlschränke, Körbe mit Gemüse, Steine.“ Und so ginge ihre Liste weiter.
Überall in Afrika transportiert man schon von jeher Lasten auf dem Kopf. Aus der Bibel erfahren wir, daß in den Tagen Josephs die ägyptischen Bäcker das Brot auf dem Kopf trugen. Und das war vor 3 700 Jahren (1. Mose 40:16, 17).
Kannst du es tragen?
Hast du schon einmal jemanden beobachtet, der es versteht, etwas auf dem Kopf zu tragen? Für ihn ist das nicht schwieriger, als etwas in der Hand zu tragen.
Aber probiere du es einmal. Lege dir zum Beispiel ein Buch auf den Kopf, und versuche zu gehen. (Vorzugsweise sollte es sich um ein Buch handeln, das schon einmal herunterfallen darf.) Als Anfänger wirst du wahrscheinlich langsam, verkrampft und äußerst behutsam gehen, damit die Last nicht aus dem Gleichgewicht kommt. Ein Schritt, ... ein zweiter ... Schnell! Fang das Buch auf, bevor es auf den Boden fällt!
Du wendest vielleicht ein: „Mein Kopf ist doch nicht flach. Wie kann man von mir verlangen, ein flaches Buch auf dem runden Kopf zu balancieren?“ Eine Antwort lautet: „Du mußt es üben.“ Eine andere ist: „Nimm ein kata zu Hilfe.“ Ein kata ist ein Tuch oder ein Palmenblatt, das gefaltet und zu einem Ring geformt ist. Man legt es als Polster zwischen die Last und den Kopf, um harte Lasten wie Holz besser balancieren zu können. Für weiche Lasten wie einen Sack Mehl erübrigt sich ein kata, da sich der Sack der Kopfform anpaßt.
Ob mit oder ohne kata, wichtig ist es stets, die Dinge zentrisch auf dem Kopf zu tragen. Edward, der aus Sierra Leone ist, weiß noch von früher: „Anfangs transportierte ich Holz auf dem Kopf und hielt ihn dabei schief. Als ich dann schwerere Lasten beförderte, schmerzte mein Nacken unter der Belastung. Doch wirklich problematisch wurde es, als ich begann, Wasser zu tragen. Da man Eimer voll Wasser kaum richtig balancieren kann, ohne den Kopf geradezuhalten, schwappte es über, und meine Kleidung wurde naß. Ich haßte das. Naß zu werden bewirkte aber mehr als alles andere, daß ich mich geradehielt.“
Doch die Kunst erfordert mehr, als die Last aufzusetzen und zentrisch auszurichten. Ein geübter Träger behält die Last durch häufige geringe Korrekturbewegungen auf dem richtigen Platz. Das ist mit dem Balancieren eines Stocks auf einem Finger zu vergleichen. Man stellt ihn nicht einfach auf den Finger und hofft, daß er stehen bleibt. Statt dessen muß man die Position des Fingers ständig der Bewegung des Stocks anpassen. Und ebenso, wie sich ein schwerer Stock einfacher balancieren läßt, ist auch eine schwere Last oft einfacher zu tragen.
Die meisten Afrikaner eignen sich diese Geschicklichkeit schon als Kinder an, da sie größere Kinder oder Erwachsene nachahmen. Emmanual ist anderthalb Jahre alt und steht noch unsicher auf den Beinen. Als man ihm einen Krug voll Wasser zu tragen gab, hielt er ihn mit beiden Händen auf dem Kopf. Der Krug rutschte zwar hin und her, und ein Teil des Wassers ging daneben, aber offensichtlich hatte er begriffen, worum es ging. Wenn er erst einmal fünf ist, wird er kein Wasser mehr verschütten, und mit sieben wird er ein Experte sein.
Eine praktische, nützliche Fertigkeit
Etwas auf dem Kopf zu tragen ist alles andere als eine ungewöhnliche Transportart, es ist eine praktische Fertigkeit. Die Cambridge Encyclopedia of Africa sagt: „Der Transport durch Träger ... ist in Afrika zweifellos immer noch eines der hauptsächlichen Mittel, Güter im Ortsbereich zu transportieren.“ Und für alle, die darin geübt sind, ist es am leichtesten, Lasten auf dem Kopf zu tragen.
Ein reisender Aufseher der Zeugen Jehovas berichtete: „Die meisten Städte und Ortschaften, die ich besuche, sind mit einem Fahrzeug erreichbar, allerdings nicht alle. In manche kommt man nur zu Fuß. Normalerweise holen mich einige Glaubensbrüder ab und helfen mir, mein Gepäck zu tragen. Am bequemsten ist es, das Gepäck auf dem Kopf zu tragen. Bei anderen Gelegenheiten, wenn ich allein unterwegs bin, trage ich eine Tasche in der Hand, eine andere hänge ich mir über die Schulter des anderen Arms, aber die größte Tasche kommt auf den Kopf.“
Lasten auf dem Kopf zu tragen ist bequem, und man hat außerdem die Hände frei. Manchmal spendet die Last auch Schatten oder schützt vor Regen.
Hinzu kommen die Vorteile für den Körper: ein graziöser Gang, Balancefähigkeit und starke Muskeln. In dem Buch Tropical Surgery heißt es: „Die Einwohner [der Tropen], die meist daran gewöhnt sind, mit Lasten auf dem Kopf zu gehen, haben eine kräftige Rückenmuskulatur und eine gute Haltung. Selten leiden sie an Rückenschmerzen.“
Das Tragen auf dem Kopf ist also keine unbedeutende Fertigkeit. Ein junger Mann in Freetown rühmte sich: „Ich kann mir eine Flasche auf den Kopf stellen und damit rennen, ohne sie mit den Händen anzufassen.“ Er führte das auf der Stelle vor, was bewies, daß das, was er gesagt hatte, stimmte. Aber wer kein Fachmann ist, sollte es lieber bleibenlassen.