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Wie glaubwürdig ist das „Alte Testament“?Die Bibel — Gottes oder Menschenwort?
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Die höhere Kritik — Wie zuverlässig?
4—6. Welche zur höheren Kritik zählenden Theorien stellte Wellhausen auf?
4 Ernsthaft wurde die höhere Kritik seit dem 18./19. Jahrhundert betrieben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte der deutsche Bibelkritiker Julius Wellhausen die Theorie populär, die ersten sechs Bücher der Bibel bis einschließlich Josua seien im 5. Jahrhundert v. u. Z. geschrieben worden — also etwa tausend Jahre nach den geschilderten Ereignissen. Allerdings behauptete er, diesen Büchern lägen früher geschriebene Quellen zugrunde.1 Diese Theorie wurde 1911 in der 11. Ausgabe der Encyclopædia Britannica vertreten, wo es hieß: „Bei der Genesis handelt es sich um ein nachexilisches Werk, das aus einer nachexilischen priesterlichen Quelle (P) und aus nichtpriesterlichen früheren Quellen zusammengestellt worden ist, die sich in Sprache, Stil und religiösem Standpunkt deutlich von P unterscheiden.“
5 Wellhausen und seine Anhänger betrachteten den gesamten geschichtlichen Aufschluß im ersten Teil der Hebräischen Schriften „nicht als wahrheitsgetreue Geschichte, sondern als populäre Überlieferungen aus der Vergangenheit“.2 Die frühen Berichte hielten sie lediglich für eine Reflexion oder ein Spiegelbild der späteren Geschichte Israels. Zum Beispiel behauptete man, die Feindschaft zwischen Jakob und Esau habe in Wirklichkeit nie bestanden, sondern die Geschichte darüber spiegle lediglich die in späteren Jahren herrschende Feindschaft zwischen den Nationen Israel und Edom wider.
6 Demgemäß vertraten diese Kritiker die Auffassung, Moses habe nie das Gebot empfangen, die Bundeslade anzufertigen, und die Stiftshütte, das Zentrum israelitischer Anbetung in der Wildnis, habe nie existiert. Auch glaubten sie, das aaronische Priestertum habe, erst wenige Jahre bevor die Babylonier Jerusalem zerstörten, feste Gestalt angenommen, wobei diese Zerstörung nach ihrer Meinung Anfang des 6. Jahrhunderts v. u. Z. erfolgte.3
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10 Gleason L. Archer jr. zeigt eine weitere Schwäche in der Argumentation der höheren Kritik auf. Dabei handelt es sich, wie er sagt, um folgenden Umstand: „Die Wellhausen-Schule ging von der reinen Annahme aus (die sie selten zu belegen suchte), Israels Religion sei, wie jede andere, menschlichen Ursprungs und infolgedessen als Evolutionsprodukt zu werten.“6 Mit anderen Worten: Wellhausen und seine Anhänger gingen von der Annahme aus, die Bibel sei bloß Menschenwort, und auf diese Ansicht gründeten sie ihre Argumentation.
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13, 14. Warum wird die höhere Kritik Wellhausens in weiten Kreisen immer noch vertreten, obwohl sie auf schwachen Beinen steht?
13 Warum ist die höhere Kritik trotz ihrer Schwächen unter Intellektuellen heutzutage so beliebt? Weil sie von ihr hören, was sie hören wollen. Ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts erklärte: „Ich persönlich begrüße dieses Buch Wellhausens fast mehr als alle anderen; denn das dringliche Problem der Geschichte des Alten Testaments scheint mir endlich auf eine Weise gelöst, die mit dem Prinzip der menschlichen Evolution vereinbar ist, das ich zwangsläufig auf die Geschichte aller Religion anwenden muß.“7 Offensichtlich entsprach die höhere Kritik den vorgefaßten Meinungen, die er als Evolutionist hegte. Und in Wirklichkeit dienen beide Theorien einem ähnlichen Zweck. So, wie sich durch die Evolution der Glaube an einen Schöpfer erübrigt, erübrigt sich durch Wellhausens höhere Kritik der Glaube an die göttliche Inspiration der Bibel.
14 Für Intellektuelle unseres rationalistischen 20. Jahrhunderts klingt die Behauptung, die Bibel sei nicht Gottes Wort, sondern Menschenwort, plausibel.c Zu glauben, die Prophezeiungen seien nach ihrer Erfüllung aufgezeichnet worden, fällt ihnen wesentlich leichter, als sie für echt anzunehmen. Lieber stellen sie die in der Bibel berichteten Wunder als Mythen, Legenden oder Volkssagen hin, als daß sie die Möglichkeit eines wirklichen Geschehens in Betracht ziehen. Aber ein solcher Standpunkt zeugt von Voreingenommenheit und liefert keinen stichhaltigen Grund, die Bibel nicht als wahr zu akzeptieren.
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