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Viel Wissen, doch wenig VeränderungErwachet! 2002 | 8. August
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Viel Wissen, doch wenig Veränderung
„Trotz der jüngsten Triumphe der Wissenschaft glaube ich, dass der Mensch sich in den letzten zweitausend Jahren nicht wesentlich verändert hat; und folglich müssen wir nach wie vor versuchen, aus der Geschichte zu lernen“ (Kenneth Clark, Zivilisation).
DIE Wissenschaft hat im Lauf der Jahrhunderte ohne Zweifel erstaunliche Fortschritte erzielt. Wie die Zeitschrift Time schreibt, haben diese „Millionen von uns zum höchsten Lebensstandard in der Geschichte verholfen“. Einige der größten Fortschritte waren auf medizinischem Gebiet zu verzeichnen. Über die Medizin im Mittelalter berichtet die Historikerin Zoé Oldenbourg: „Die ärztliche Kunst kannte nur raue und primitive Methoden ..., die im Allgemeinen so viel taugten wie der Arzt, der sie ausprobierte, und die ... ebenso gut zum Tode wie zur Heilung führen konnten.“
Nicht immer zum Lernen bereit
Die Menschen waren nicht immer zum Lernen bereit. Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel missachteten viele Ärzte die überzeugenden Beweise dafür, dass sie selbst es waren, die in gewisser Weise Krankheiten unter den Patienten verbreiteten. Sie hielten deshalb an gefährlichen Gewohnheiten fest und wuschen sich die Hände nicht, bevor sie zum nächsten Patienten gingen.
Dennoch schritten Wissenschaft und Technik immer weiter voran. Logischerweise müssten die Menschen aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt haben, wie man diese Welt zu einem glücklicheren und sichereren Ort machen kann. Das ist allerdings nicht der Fall.
Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf das Europa des 17. Jahrhunderts. Jene Epoche nannte man das Zeitalter der Aufklärung und der Vernunft. Es ist und bleibt jedoch eine Tatsache, dass es, wie Kenneth Clark schreibt, „im 17. Jahrhundert, trotz aller genialen Ausbrüche in Kunst und Wissenschaft, immer noch sinnlose Verfolgungen und brutale Kriege mit Grausamkeiten ohnegleichen gegeben hat“.
Auch heute zieht man aus den Fehlern der Vergangenheit nur zögerlich Lehren für die Zukunft. Das Resultat: Unsere nackte Existenz auf dieser Erde scheint bedroht. Wie der Autor Joseph Needham schlussfolgert, ist die Lage sehr gefährlich geworden, und „wir können heute nur hoffen und beten, ... dass Verrückte nicht Kräfte über die Menschheit bringen, die ... alles Leben auf der Erde auslöschen könnten“.
Warum stecken wir trotz all des menschlichen Genies und Wissens immer noch im Morast einer durch und durch gewalttätigen und grausamen Welt? Wird sich daran je etwas ändern? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die beiden folgenden Artikel.
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Die Welt hat immer noch nichts gelerntErwachet! 2002 | 8. August
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Die Welt hat immer noch nichts gelernt
„Welche Lehren könnten wir aus der Geschichte ziehen, wenn der Mensch nur daraus lernen wollte! Aber Leidenschaft und Partei machen uns blind, und das Licht der Erfahrung ist eine Laterne am Heck, die nur auf die Wellen hinter uns scheint!“ (Samuel Taylor Coleridge).
STIMMEN wir dem englischen Dichter Samuel Coleridge zu? Kann uns der Eifer für eine Sache wirklich so blind machen, dass wir die tragischen Fehler früherer Generationen wiederholen?
Die Kreuzzüge
Betrachten wir beispielsweise, was während der Kreuzzüge geschah. Im Jahr 1095 u. Z. rief Papst Urban II. so genannte Christen auf, den Muslimen die Herrschaft über das Heilige Land zu entreißen. Könige, Adlige, Ritter und einfache Bürger aus allen Völkern seines Machtbereiches folgten seinem Ruf. Gemäß einem mittelalterlichen Historiker gab es „kaum ein Volk, das nach dem Gesetz Christi lebte“ und nicht zur Unterstützung dieser Sache eilte.
Die Historikerin Zoé Oldenbourg schildert die Überzeugung der meisten Kreuzfahrer mit den Worten: „Wenn ein Soldat das Kreuz nahm, glaubte er unmittelbar in den Dienst Gottes zu treten.“ Die Kreuzfahrer „fühlten sich als Würgengel, die auf die Kreaturen des Teufels niederfuhren“. Wie Brian Moynahan schreibt, glaubten sie überdies, dass „allen Gefallenen die Märtyrerkrone im Himmel beschieden sei“.
Vielleicht war den Kreuzfahrern nicht bewusst, dass ihre Feinde ähnlich dachten. In dem Buch Shorter History of the World erklärt der Historiker J. M. Roberts, die islamischen Soldaten seien ebenfalls mit der Überzeugung in die Schlacht gezogen, sie würden für Gott streiten und „nach dem Tod auf dem Schlachtfeld im Kampf gegen die Ungläubigen folge der Einzug ins Paradies“ im Himmel.
Jede Seite lehrte, ihr Krieg sei gerecht und habe die Billigung sowie den Segen Gottes. Religiöse wie politische Führer nährten diesen Glauben und schürten die Emotionen ihrer Untertanen. Auf beiden Seiten wurden unbeschreibliche Gräueltaten verübt.
Was für Menschen?
Was für Menschen verübten derart schreckliche Dinge? Es waren größtenteils ganz einfache Menschen, kaum anders als die Leute heute. Viele waren zweifellos Idealisten, die sich von dem Wunsch beflügeln ließen, das Unrecht in der damaligen Welt zu beseitigen. In ihrem Überschwang erkannten sie offensichtlich nicht, dass ihr Kampf für „Gerechtigkeit“ über Hunderttausende unschuldiger Männer, Frauen und Kinder, die in den Kampfzonen eingeschlossen waren, nichts als Unrecht, Leid und Schmerz brachte.
Hat sich dieses Muster in der Geschichte nicht laufend wiederholt? Haben charismatische Führer nicht immer wieder Abermillionen Menschen — Menschen, denen solche Taten normalerweise nie in den Sinn gekommen wären — in brutale, barbarische Kriege gegen ihre religiösen und politischen Gegner getrieben? Auf beiden Seiten rief man zu den Waffen, auf beiden Seiten behauptete man, der Unterstützung Gottes gewiss zu sein, und rechtfertigte damit die gewaltsame Unterdrückung von politischer und religiöser Gegnerschaft. Diese Taktik gehört zu einem altbewährten Muster, das sich Tyrannen viele Jahrhunderte lang im eigenen Interesse zunutze gemacht haben. Dies, so Moynahan, sei eine Botschaft gewesen, die „den Wegbereitern des Holocausts und den modernen ethnischen Säuberern ebenso sicher diente, wie sie den ersten Kreuzzug auslöste“.
„Aber heutzutage würden sich vernünftige Menschen doch nicht mehr so manipulieren lassen“, mag jemand einwenden. „Sind wir heute nicht viel zivilisierter?“ Wir sollten es sein. Doch hat der Mensch aus der Geschichte wirklich etwas gelernt? Wer kann diese Frage offen und ehrlich bejahen, wenn er die Geschichte der letzten hundert Jahre betrachtet?
Der Erste Weltkrieg
Das Muster, das schon bei den Kreuzzügen zu erkennen war, wiederholte sich zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs. John M. Roberts schreibt: „Zu den Widersprüchen des Jahres 1914 gehört die Tatsache, dass in jedem Land Massen jedweder politischen und religiösen Couleur oder Abstammung offenbar überraschend bereitwillig und freudig in den Krieg zogen.“
Warum zogen einfache Menschen in Massen „bereitwillig und freudig in den Krieg“? Wie schon bei denen, die vor ihnen so willig ins Feld gezogen waren, wurden auch in ihrem Fall die Werte und Glaubensvorstellungen von den Philosophien der damaligen Zeit geprägt. Einige mögen durchaus von den Grundsätzen der Freiheit und Gerechtigkeit inspiriert gewesen sein, doch gibt es kaum einen Zweifel, dass bei vielen der anmaßende Glaube an die Überlegenheit und an den verdienten Herrschaftsanspruch der eigenen Nation die Triebkraft war.
Man redete ihnen ein, der Krieg sei aus dem natürlichen Lauf der Dinge einfach nicht wegzudenken und somit eine Art „biologische Notwendigkeit“. Der Autor Phil Williams schreibt, der Sozialdarwinismus habe unter anderem den Gedanken gefördert, der Krieg sei ein berechtigtes Mittel, „Menschen auszurotten, die ein Weiterleben nicht verdienen“.
Nun dachte natürlich jeder, er allein kämpfe für die gerechte Sache. Wozu führte das? Der Historiker Martin Gilbert berichtet über den Ersten Weltkrieg: „Die Regierungen rührten die Trommel für Rassismus, Patriotismus und Heldenmut“ — und die Menschen folgten blindlings. Der Volkswirtschaftler John Kenneth Galbraith lebte während dieses Krieges als Kind auf dem Land in Kanada. Er erinnert sich, dass die Leute überall davon sprachen, „welch blanker Unsinn der Konflikt in Europa sei“. Man war der Meinung, „intelligente Menschen würden sich für einen solchen Wahnsinn nicht hergeben“. Doch wiederum taten sie genau das. Mit welchem Ergebnis? In dem Grauen, das man später den Ersten Weltkrieg nannte, fielen auf beiden Seiten zusammen über neun Millionen Soldaten; etwa 60 000 von ihnen waren Kanadier.
Nichts gelernt
In den nächsten zwei Jahrzehnten trat derselbe Geist erneut zutage, als Faschismus und Nationalsozialismus aufflammten. Wie Hugh Purcell ausführt, benutzten die Faschisten „Mythen und Symbole als traditionelle Propagandamittel, um die Völker aufzupeitschen“. Überaus erfolgreich war dabei die wirksame Verquickung von Religion und Politik durch das Gebet um Gottes Segen für die eigenen Truppen.
Adolf Hitler war ein „Meister der Massenpsychologie und ein blendender Redner zugleich“. Dick Geary erklärt in seinem Buch Hitler and Nazism, Hitler sei, wie viele Demagogen vergangener Zeiten, der Auffassung gewesen, „die breite Masse werde nicht vom Verstand, sondern von Gefühlen beherrscht“. Geschickt nutzte er diese menschliche Schwäche aus, indem er eine uralte Methode anwandte und den Hass der Menschen auf einen gemeinsamen Feind lenkte. Wie Purcell schreibt, „machte Hitler die Juden zur Zielscheibe der Ängste und Feindseligkeiten der Deutschen“. Hitler verunglimpfte sie mit der Behauptung: „Der Jude verdirbt das deutsche Volk.“
Entsetzlich an jener Zeit ist, dass sich Millionen scheinbar anständige Leute leicht zum Massenmord aufhetzen ließen. Geary wirft die Frage auf: „Wie konnte es geschehen, dass die Bevölkerung eines vermeintlich zivilisierten Landes die schreckliche Barbarei des NS-Staates nicht nur tolerierte, sondern sich sogar daran beteiligte?“ Und dabei handelte es sich nicht bloß um ein „zivilisiertes“, sondern um ein angeblich christliches Land! Die Menschen wurden in diese Sache hineingezogen, weil sie menschliche Philosophien und Pläne den Lehren Jesu Christi vorzogen. Wie viele aufrichtige, idealistische Männer und Frauen sind doch bis zum heutigen Tag zu schrecklichen Gräueltaten verleitet worden!
In den Schriften des deutschen Philosophen Georg Hegel ist zu lesen: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“ Viele mögen zwar mit Hegels Lebensphilosophie nicht einverstanden sein, doch werden nur wenige den obigen Worten widersprechen. Leider scheinen die Menschen tatsächlich große Schwierigkeiten zu haben, wenn es darum geht, irgendetwas aus der Geschichte zu lernen. Muss das aber auf uns persönlich ebenfalls zutreffen?
Eine deutliche Lehre, die wir auf jeden Fall ziehen müssen, ist folgende: Sollen sich die Tragödien der vergangenen Generationen nicht wiederholen, dann brauchen wir etwas, was weit zuverlässiger ist als die fehlbaren menschlichen Philosophien. Wenn nun aber nicht menschliche Philosophien unser Denken leiten sollten, was dann? Mehr als tausend Jahre vor den Kreuzzügen zeigten die Jünger Jesu Christi den wahren christlichen Weg auf — den einzig vernünftigen Lebensweg. Untersuchen wir, was sie taten, um sich aus den blutigen Auseinandersetzungen ihrer Tage herauszuhalten. Werden die Völker von heute dies wohl ebenfalls lernen und so Konflikte vermeiden? Was wird Gott ungeachtet der Handlungsweise der Nationen tun, um all dem menschlichen Elend ein Ende zu bereiten?
[Bilder auf Seite 6]
Menschliche Auseinandersetzungen waren stets von Barbarei und Leid gekennzeichnet
[Bilder auf Seite 7]
Oben: Flüchtlinge in einem Kriegsgebiet
Wie konnten sich angeblich zivilisierte Menschen an derartigen unbeschreiblichen Gewaltakten beteiligen?
[Bildnachweis]
Ruandische Flüchtlinge: UN PHOTO 186788/J. Isaac; Einsturz des World Trade Center: AP Photo/Amy Sancetta
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Von den Christen des ersten Jahrhunderts lernenErwachet! 2002 | 8. August
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Von den Christen des ersten Jahrhunderts lernen
„Seht zu, dass nicht jemand da sei, der euch als Beute wegführe durch die Philosophie und leeren Trug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den elementaren Dingen der Welt und nicht gemäß Christus“ (Kolosser 2:8).
MIT diesen Worten warnte der Apostel Paulus die Christen des ersten Jahrhunderts davor, wie gefährlich es ist, blindlings menschlicher Philosophie zu folgen. Die Christen konnten sich entweder an die zuverlässige Anleitung Jesu und seiner Apostel halten, das heißt an Lehren, die ihnen bereits größten Nutzen gebracht hatten, oder sie konnten den ständig wechselnden Theorien der Menschen zum Opfer fallen, ein Lauf, der schon Millionen in Not und Elend gestürzt hatte (1. Korinther 1:19-21; 3:18-20).
„Gemäß Christus“ leben
Die Kreuzfahrer vor ungefähr tausend Jahren verstanden nicht, dass ein Leben „gemäß Christus“ viel mehr bedeutet als nur zu behaupten, man stehe loyal zu Jesus Christus (Matthäus 7:21-23). Es bedeutet, völlig in Einklang mit den Lehren Jesu zu leben, die in Gottes inspiriertem Wort, der Bibel, zu finden sind (Matthäus 7:15-20; Johannes 17:17). „Wenn ihr in meinem Wort bleibt“, sagte Jesus, „seid ihr wirklich meine Jünger“ (Johannes 8:31). Außerdem erklärte er: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe unter euch habt“ (Johannes 13:35).
In Wirklichkeit waren die Kreuzfahrer dem „leeren Trug gemäß der Überlieferung der Menschen“ zum Opfer gefallen. Es ist allerdings kein Wunder, dass sich das gewöhnliche Volk täuschen ließ, denn seine religiösen Führer, ja die eigenen Bischöfe, „machten sich ... als Soldaten einen Namen“. In der Cyclopedia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature von McClintock und Strong ist zu lesen: „Dieser kriegerische Geist griff unter den Geistlichen derart um sich, dass sie, wann immer sich [dadurch] ein Vorteil ergab, stets zum Krieg bereit waren.“
Was führte zu diesem traurigen Zustand? Wie in der Bibel vorausgesagt worden war, wichen abtrünnige Kirchenführer nach dem Tod der christlichen Apostel des ersten Jahrhunderts immer weiter von den Lehren Christi ab (Apostelgeschichte 20:29, 30). Die verderbte Kirche verstrickte sich schließlich tiefer und tiefer in die Angelegenheiten des Staates. Im vierten Jahrhundert soll sich der römische Kaiser Konstantin auf dem Sterbebett zum Christentum bekehrt haben. In der Cyclopedia heißt es, dass dann „der Austausch der Götzenbildstandarten durch das Kreuzbanner ... jeden Christen [verpflichtete], als Soldat zu dienen“.
In Wirklichkeit unterlagen Christen natürlich keiner solchen Verpflichtung. Aber durch „überredende Argumente“ menschlicher Philosophie wurden sie schließlich dazu verleitet, alles, wofür Christus stand, gröblich zu verletzen (Kolosser 2:4). Einige der trügerischen Argumente werden schon seit langer Zeit immer wieder zur Rechtfertigung menschlicher Kriege und Auseinandersetzungen herangezogen. Doch dass sich ein humaner oder gar gottesfürchtiger Mensch in „die Teufelei der Kriege, wie sie in alter Zeit und in der heutigen Zeit systematisch praktiziert worden sind“, hineinziehen lässt, „kann auch nicht einen Augenblick ... mit den Grundsätzen des Christentums vereinbart werden“, heißt es in der Cyclopedia.
Auch die nichtchristlichen Religionen führen seit Jahrhunderten Kriege. So wie die Kirchen der Christenheit haben sie wegen nationaler, politischer und religiöser Differenzen Angehörige des eigenen Glaubens und Andersgläubige hingeschlachtet. Unter Anwendung und Androhung von Gewalt haben sie Menschen zu ihrem Glauben bekehrt. Um eigene Ziele zu verfolgen, haben sich einige von ihnen an den Gemetzeln in der Geschichte beteiligt. Sie unterscheiden sich nicht von den Religionen der Christenheit.
Von der Welt getrennt
Warum konnten sich die Christen des ersten Jahrhunderts aus den blutigen Kriegen und der blutigen Politik ihrer Zeit heraushalten? Zwei Grundsätze halfen ihnen. Der erste kommt in der Aufforderung Jesu zum Ausdruck, die er an den Apostel Petrus richtete, als ihn dieser mit einem Schwert verteidigen wollte: „Stecke dein Schwert wieder an seinen Platz, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Matthäus 26:52). Der zweite Grundsatz ist in der Antwort enthalten, die Jesus Pilatus gab, als dieser wissen wollte, von welcher Art Jesu Königtum sei: „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt. Wäre mein Königreich ein Teil dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königreich nicht von daher“ (Johannes 18:36).
Wie wandten die Christen des ersten Jahrhunderts diese Grundsätze an? Sie hielten sich von der Welt völlig getrennt und blieben in politischen und militärischen Angelegenheiten strikt neutral (Johannes 15:17-19; 17:14-16; Jakobus 4:4). Sie lehnten es ab, gegen ihre Mitmenschen zur Waffe zu greifen. Wie die Geschichte deutlich zeigt, schlossen sich die ersten Christen weder den nationalistischen Bewegungen der Juden noch den kaiserlichen Heeren Roms an. Gleichzeitig versuchten sie aber auch nicht, politischen Führern Vorschriften zu machen, was sie zu tun hatten, denn diese Staatsführer waren für ihre Handlungen selbst verantwortlich (Galater 6:5).
Justinus der Märtyrer schrieb im zweiten Jahrhundert u. Z. darüber, dass die Christen ‘ihre Speere zu Winzermessern geschmiedet hatten’ (Micha 4:3). Tertullian stellte denjenigen, die mit der Haltung der Christen nicht einverstanden waren, die Frage: „Wird es wohl erlaubt sein, mit dem Schwerte umzugehen, da doch der Herr den Ausspruch thut, ,wer sich des Schwertes bedient, werde durch das Schwert umkommen‘?“
„Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen“
Die Weigerung, sich am Krieg zu beteiligen, machte den ersten Christen das Leben nicht leicht. Ihre Haltung lief der allgemeinen Überzeugung der damaligen Zeit zuwider. Celsus, ein Bekämpfer des Christentums, spottete über ihren Standpunkt. Seiner Ansicht nach hatte jeder in den Krieg zu ziehen, wenn es die Herrschenden verlangten. Trotz heftiger Anfeindungen lehnten es die ersten Christen ab, irgendeiner menschlichen Philosophie zu folgen, die den Lehren Christi widersprach. Sie sagten: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 4:19; 5:29).
Jehovas Zeugen der Neuzeit sind ihrem Beispiel gefolgt. Im nationalsozialistischen Deutschland weigerten sich die Zeugen beispielsweise entschieden, sich in Hitlers mörderische Kriege hineinziehen zu lassen. Sie waren eher bereit, brutale Verfolgung hinzunehmen und notfalls sogar zu sterben, als ihre christliche Neutralität zu verletzen. Es wird berichtet, dass unter den Nationalsozialisten „die Hälfte von ihnen inhaftiert und ein Viertel hingerichtet wurde“, weil sie an biblischen Grundsätzen festhielten (Of Gods and Men). Somit verlor nicht einer unter den zigmillionen Todesopfern des Zweiten Weltkriegs durch die Hand eines Zeugen Jehovas das Leben. Anstatt andere zu töten, waren die Zeugen eher bereit, ihr eigenes Leben zu opfern, was viele auch taten.
Eine Lektion für uns
Was kann uns die Geschichte lehren? Eines ganz gewiss: Menschliche Philosophie hat ständig zu Hass und Blutvergießen unter den Nationen und Völkern geführt. In Prediger 8:9 wird treffend gesagt, dass „der Mensch über den Menschen zu seinem Schaden geherrscht hat“. Den eigentlichen Grund dafür finden wir in Gottes Wort in Jeremia 10:23, wo es heißt, dass „nicht beim Erdenmenschen sein Weg steht. Es steht nicht bei dem Mann, der da wandelt, auch nur seinen Schritt zu richten.“ Nein, Gott erschuf die Menschen nicht dazu, ihre Angelegenheiten unabhängig von ihm mit Erfolg zu regeln. Sie haben diese Fähigkeit nicht erhalten. Davon zeugt die gesamte Geschichte.
Nun können wir als Einzelne ja am Verhalten der Führer der Nationen nichts ändern, wenn sie die Tragödien der Vergangenheit wiederholen, noch haben wir die Befugnis, zu versuchen, sie zu einem gewissen Vorgehen zu bewegen. Doch wir brauchen uns nicht in ihre Konflikte hineinreißen zu lassen und daran Anteil zu nehmen. Jesus sagte über seine Nachfolger: „Sie [sind] kein Teil der Welt ..., so wie ich kein Teil der Welt bin“ (Johannes 17:14). Damit wir kein Teil in den Auseinandersetzungen dieser Welt werden, müssen wir unser Leben von Gottes Wort, der Bibel, leiten lassen anstatt auf den Treibsand menschlicher Philosophie zu bauen (Matthäus 7:24-27; 2. Timotheus 3:16, 17).
Eine wunderbare Zukunft
Gottes zuverlässiges Wort wirft beileibe nicht nur Licht auf die Vergangenheit und die Gegenwart. Es bietet sichere Anleitung für die Zukunft (Psalm 119:105; Jesaja 46:9-11). Überdies vermittelt es ein klares Bild von Gottes Vorsatz hinsichtlich unseres Planeten. Gott wird den Menschen nicht gestatten, die gewaltigen Kräfte, die ihnen durch Wissenschaft und Technik an die Hand gegeben wurden, in ihrem Wahnsinn zu missbrauchen und die Erde zu zerstören. Er wird dafür sorgen, dass die Erde in den paradiesischen Zustand versetzt wird, den er ursprünglich vorgesehen hatte (Lukas 23:43).
In Gottes Wort lesen wir dazu: „Die Rechtschaffenen sind es, die auf der Erde weilen werden, und die Untadeligen sind es, die darauf übrig bleiben werden. Was die Bösen betrifft, von der Erde werden sie weggetilgt; und die Treulosen, sie werden davon weggerissen“ (Sprüche 2:21, 22). Das wird bald geschehen, denn die schwierigen Zeiten von heute beweisen, dass wir in den „letzten Tagen“ dieses gegenwärtigen bösen Systems der Dinge leben (2. Timotheus 3:1-5, 13). Und noch etwas ist sicher: Diese letzten Tage sind gezählt; sie gehen ihrem Ende zu. Die biblische Prophetie lehrt uns: „Die Welt vergeht und ebenso ihre Begierde, wer aber den Willen Gottes tut, bleibt immerdar“ (1. Johannes 2:17; Daniel 2:44).
Bald ist für Gott die Zeit, „die zu verderben, die die Erde verderben“; er wird die gewalttätige Welt von heute durch eine neue Welt ersetzen, und in dieser „wird Gerechtigkeit wohnen“ (Offenbarung 11:18; 2. Petrus 3:10-13). Dann wird er den Übriggebliebenen „jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer noch Geschrei noch Schmerz mehr sein“ (Offenbarung 21:1-4). Kriege und Gewalt werden für immer der Vergangenheit angehören, denn zu jener Zeit wird sich die Verheißung aus Jesaja 2:4 vollständig erfüllt haben: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nation wird nicht gegen Nation das Schwert erheben, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen.“ Auch wir können die Freuden einer solchen wunderbaren ewigen Zukunft erleben, wenn wir aus der Geschichte lernen (Johannes 17:3).
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