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Seite 2Erwachet! 1990 | 8. Januar
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„Sie streunen in Banden herum, schlafen in Baurohren, in Kellern verlassener Gebäude, in denen es von Ratten wimmelt, oder aneinandergeschmiegt an Straßenecken. Zerfledderte Zeitungen sind ihr Bett, bloße Stoffetzen ihre Kleidung. Sie verbringen ihre Zeit mit Gaunereien, Prostitution und Diebereien. Sie haben es aufeinander und auf Passanten abgesehen.“ Wer sind sie? Straßenkinder in einer großen lateinamerikanischen Stadt, über die das Magazin Time berichtete. Aber sie könnten die obdachlosen Kinder fast jeder anderen Großstadt der Welt sein. Ihre Zahl geht in die Millionen und steigt in alarmierendem Maße an.
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Obdachlose Kinder — Wer ist schuld?Erwachet! 1990 | 8. Januar
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Obdachlose Kinder — Wer ist schuld?
Von unserem Korrespondenten in Brasilien
EINES Abends geht Francisco mit seiner Frau und seinen Kindern in eine Pizzeria. Auf dem Parkplatz bietet sich ein schäbig gekleideter Junge an, auf das Auto aufzupassen. Als Francisco und seine Familie das Restaurant verlassen, streckt der Junge die Hand aus, um ein paar Münzen für seinen Dienst entgegenzunehmen. Bis spät in die Nacht hinein kämpfen Kinder wie er um das Lebensnotwendigste. Sie haben es nicht eilig wegzugehen, denn die Straße ist ihr Zuhause.
OBDACHLOSE Kinder werden als von der Gesellschaft Ausgestoßene betrachtet und als „niemandes Kinder“ oder „Wegwerfkinder“ bezeichnet. Ihre Zahl ist erschreckend hoch — vielleicht 40 Millionen. Eine genaue Zahl ist allerdings schwer zu ermitteln. Man ist sich jedoch einig, daß das Problem weltweit zunimmt, besonders in Lateinamerika. Der Anblick obdachloser Kinder, die sich in Hauseingängen zusammendrängen oder um Geld betteln, ist so entsetzlich, daß die Gesellschaft sie lieber in nüchterne Statistiken über Vermißte packt, die Achseln zuckt und ihres Weges geht. Aber die Gesellschaft kann sich das nicht länger leisten. Gemäß dem Weltkinderhilfswerk UNICEF nehmen 60 Prozent der Obdachlosen zwischen 8 und 17 Jahren halluzinogene Substanzen, 40 Prozent trinken Alkohol, 16 Prozent sind drogenabhängig, und 92 Prozent rauchen. Und da sie keine beruflichen Fertigkeiten haben, schlagen sie sich oft mit Betteln, Stehlen oder Prostitution durchs Leben. Als „niemandes Kinder“ stehen sie in der Gefahr, kriminell zu werden, und Kriminelle sind stets eine Bedrohung für die Allgemeinheit.
Die brasilianische Zeitung O Estado de São Paulo berichtete über eine Bande obdachloser Kinder: „Sie haben keine Eltern, keine Verwandten und keine Zukunftshoffnung. Sie leben jeden Tag, als sei es der letzte. ... Die Kinder ... verlieren keine Zeit: Sie nehmen in Sekundenschnelle einem Jugendlichen die Armbanduhr weg, reißen einer Frau die Halskette ab oder greifen einem alten Mann in die Hosentasche. Und sie verlieren auch keine Zeit, in der Menge zu verschwinden. ... Die Minderjährigen beginnen schon früh mit dem Geschlechtsverkehr. 11jährige Mädchen und 12jährige Jungen gehen miteinander und brechen ihre Beziehung dann nach ein oder zwei Monaten ab — mit derselben Leichtigkeit, mit der sie sie aufgenommen haben.“
Warum sie auf der Straße leben
Es ist nicht leicht, obdachlosen Kindern zu helfen. In einem Bericht hieß es, daß 30 Prozent der Straßenkinder so ängstlich sind, daß sie bei Behörden jegliche Auskunft über ihre Herkunft verweigern und nicht einmal ihren Namen angeben. Aber warum leben sie auf der Straße? Könnte der Wunsch nach Unabhängigkeit dahinterstecken? Das war bei einem brasilianischen Jugendlichen der Fall, der sagte, er gehe nicht mehr nach Hause zurück, weil ihn sein Vater nicht tun lasse, was er wolle. Gemäß der mexikanischen Zeitung El Universal ist die hohe Zahl der Straßenkinder jedoch hauptsächlich auf Aussetzung durch die Väter zurückzuführen. Zerrüttete Ehen sind somit ein Hauptgrund für die zunehmende Zahl der Straßenkinder.
Hinzu kommen Eltern, die mit ihren Kindern verantwortungslos umgehen — sie verprügeln sie, mißbrauchen sie, setzen sie vor die Tür oder kümmern sich einfach nicht um sie. Das mißhandelte oder verwahrloste Kind meint daher oft, es komme auf sich selbst gestellt besser zurecht, auch wenn das bedeutet, auf der Straße zu leben.
Doch Kinder brauchen liebevolle Fürsorge und Anleitung. Das brachte James Grant, der Geschäftsführer der UNICEF, treffend zum Ausdruck. In einem Leitartikel, betitelt „Kinder und die Welt von morgen“, der in der Zeitung Latin America Daily Post erschien, wurde er wie folgt zitiert: „Im Alter von drei bis vier Jahren sind bereits 90 Prozent der Gehirnzellen miteinander verknüpft, und die körperliche Entwicklung ist so weit fortgeschritten, daß für das ganze Leben ein Muster festgelegt ist. Diese ersten Lebensjahre erfordern somit unbedingt Schutz, um dem Kind das Recht auf die bestmögliche Entwicklung zu gewähren und um Menschen heranzubilden, die besser zum Wohl ihrer Familie und ihres Landes beitragen können.“
Beobachter sind also beunruhigt und schieben der Wirtschaftslage, der Regierung oder der Öffentlichkeit die Schuld an der Misere der obdachlosen Kinder zu. In demselben Leitartikel wurde ausgeführt: „Weder die humanitäre noch die wirtschaftliche Sache der ‚Investierung in die Kinder‘ hat große Fortschritte gemacht. ... Ein ‚Wirtschaftsausgleich‘ läuft oft darauf hinaus, daß Beihilfen für Nahrung und andere Bedarfsgüter gekürzt werden. ... Da diese Kürzungen zu steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Reallöhnen hinzukommen, wird die schwerste Last der Rezession denen aufgebürdet, die sie am wenigsten tragen können — den ärmsten Familien und ihren Kindern.“
Zweifellos ist die schlechte Wirtschaftslage in vielen Ländern ein weiterer Grund für die zunehmende Zahl der Straßenkinder. Eltern schicken ihre Kinder auf die Straße, damit sie, wie auch immer, wenigstens etwas verdienen. Warum ist es aber so schwer, das Problem der obdachlosen Kinder zu lösen?
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Obdachlose Kinder — Warum ist es so schwer, ihnen zu helfen?Erwachet! 1990 | 8. Januar
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Obdachlose Kinder — Warum ist es so schwer, ihnen zu helfen?
AM 14. Oktober 1987 fiel in den Vereinigten Staaten die kleine Jessica McClure fast sieben Meter tief in einen unbenutzten Brunnen. Die Rettungsleute arbeiteten sich 58 angsterfüllte Stunden lang durch Felsgestein, um das 18 Monate alte Mädchen zu erreichen. Der Vorfall sorgte im ganzen Land für Schlagzeilen und hielt die Fernsehzuschauer so lange in Atem, bis Jessica lebend aus dem dunklen Loch befreit wurde.
Aber Jessica hatte ein Zuhause. Seltsamerweise erregt jedoch die Not obdachloser Kinder kein solches Interesse. Könnte der Grund darin bestehen, daß ihre Situation mit Armut verbunden ist? In einem Artikel des Magazins World Health, das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird, hieß es über die Situation Bedürftiger: „Die Armen in den Städten sind keine richtigen Bürger, da sie keine politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Rechte haben. Die Armen altern schnell und sterben früh.“ Daher muß sich zuerst die Einstellung der Regierungen und der Menschen im allgemeinen gegenüber den Armen grundlegend ändern, ehe sie von dem Wirtschaftssystem ihres Landes mit hinreichend Nahrung, Kleidung und Obdach versorgt werden.
Wie einigen geholfen werden kann
Die Ideale, die in der UN-Erklärung der Rechte des Kindes zum Ausdruck kommen, sind edel. (Siehe Kasten.) Aber warum scheinen sie so unerreichbar zu sein? Im allgemeinen mögen die Menschen Kinder und wollen das Beste für sie. Überdies sind Kinder wichtig für das künftige Wohl eines Landes. James Grant von der UNICEF sagte gemäß der Latin America Daily Post: „Schließlich sind es die Kinder, die letzten Endes ihr Land aus der wirtschaftlichen Stagnation herausholen müssen.“ Ein Bericht zeige, so fuhr James Grant fort, „daß Ausgaben für eine grundlegende medizinische Versorgung und Schulbildung zu einem bedeutenden Anstieg der Produktivität und des Wirtschaftswachstums führen können“. Länder wie Brasilien sind sich völlig darüber im klaren, welch negatives Bild die Situation der Straßenkinder und die damit verbundene Gewalttätigkeit vermitteln. Immerhin werden in Brasilien Anstrengungen unternommen, um das Problem durch Wohltätigkeit, Pflegeeltern, Waisenhäuser und Besserungsanstalten zu lösen.
Einige Regierungen erkennen, daß es sinnvoll ist, die Wohnungsinitiativen armer Familien und Gemeinden zu unterstützen, statt lediglich Häuser zu bauen. Auf diese Weise können die Armen selbst zu Veränderungen beitragen.
Wenn arme Familien auch Unterstützung von verschiedenen Behörden erhalten, sollten sie doch bereit sein, ihren Teil zu tun. Eine Familie kommt in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht viel besser zurecht, wenn sie zusammenhält und ihre Probleme selbst in Angriff nimmt. Wenn nötig, können alle Familienglieder, die dazu imstande sind, etwas zum Haushaltsgeld dazuverdienen.
Wie einige Erfolg hatten
Eine Reihe obdachloser Kinder konnten sich aus ihrer Situation befreien. Da ist zum Beispiel Guillermo. Vor seiner Geburt wohnten seine Eltern in einem kleinen Dorf, zogen dann aber wegen der schlechten Wirtschaftslage in die Hauptstadt. Als Guillermo drei Monate alt war, wurde sein Vater ermordet; wenige Jahre später starb seine Mutter, und die Kinder kamen zur Großmutter. So wurde Guillermo schon als kleiner Junge zum Straßenkind. Fünf Jahre lang ging er Tag für Tag bis spät in die Nacht die Straßen entlang und bat in den Restaurants und Kneipen um Essen und Geld für die Familie. Freundliche Menschen, die ihn auf der Straße kennenlernten, brachten ihm das Wichtigste an Körperpflege und Umgangsformen bei. Dann wurde er von der Straße aufgegriffen und in ein Heim gebracht, wo er Nahrung erhielt und unterrichtet wurde. Zeugen Jehovas halfen ihm erkennen, daß der Schöpfer an ihm persönlich interessiert ist, und nahmen sich seiner geistigen Bedürfnisse an. Beeindruckt von der Aufrichtigkeit und Freundlichkeit der Zeugen, sagte Guillermo später: „Wer hilft schon einem Jugendlichen, der praktisch ohne Anleitung und Disziplin aufgewachsen ist? Nur die liebevollen Brüder ließen mir diese Unterstützung zukommen, abgesehen von finanzieller Hilfe.“ Guillermo ließ sich mit 18 Jahren taufen. Nun dient er als Mitarbeiter des Zweigbüros der Watch Tower Society in seinem Land.
Ein weiteres Beispiel ist João, der als Kind mit seinen Brüdern von dem betrunkenen Vater vor die Tür gesetzt worden war. Ein Lebensmittelhändler stellte João ein. Da er fleißig war, ging es mit ihm aufwärts, und er gewann bald das Vertrauen von Mitarbeitern und anderen. Heute ist er ein glücklicher Familienvater. Auch der 12jährige Roberto wurde von seinen Eltern hinausgeworfen. Er putzte Schuhe und verkaufte Süßigkeiten, und später arbeitete er als Maler. Die Bereitschaft, zu lernen und zu arbeiten, half João und Roberto, viele Hürden zu überwinden. Sie erinnern sich an Zeiten der Angst und Unsicherheit als Jugendliche ohne Zuhause, aber sie wurden durch ihr Studium der Bibel mit Zeugen Jehovas gestärkt. Diese wenigen Beispiele zeigen, daß Kinder normalerweise einigermaßen widerstandsfähig sind und daß sie mit dem richtigen Beistand widrige Umstände, sogar Verwahrlosung, überwinden können.
Wenn Jugendliche außerdem von ihren Eltern in Übereinstimmung mit Gottes Wort angeleitet werden, sind stabile Familien die Folge, und Probleme wie Verwahrlosung und Kindesmißhandlung kommen erst gar nicht auf.
Warum die Bemühungen des Menschen scheitern
Dennoch beweist die Existenz von Millionen von obdachlosen Kindern, daß der Mensch darin versagt, dieses schwerwiegende Problem zu lösen. Der Direktor einer Institution für die Wohlfahrt Minderjähriger wurde in dem Magazin Time wie folgt zitiert: „Ein Mensch, der psychische Störungen hat und geistig behindert ist, ein kranker Mensch — eine kranke, schwache Bevölkerung —, kann keine Entwicklung in Gang setzen.“ Das Magazin sagte über ein lateinamerikanisches Land voraus, es werde „mit Millionen von Erwachsenen belastet sein, die so unterernährt, unerfahren und ungebildet sind, daß sie für jeglichen Zivilisierungsprozeß unzugänglich sein werden“.
Kann man angesichts dessen annehmen, daß der Mensch in der Lage sein wird, die Auswirkungen von Fehlernährung, sexuellem Mißbrauch und Gewalt zu beseitigen? Kann man davon ausgehen, daß alle Straßenkinder durch ein von Menschen erdachtes Programm in die Gesellschaft eingegliedert werden, nachdem sie auf der Straße unter aggressiven, grausamen Elementen um das Überleben gekämpft haben? Kann man sich ein Lehrprogramm vorstellen, das Eltern schult, sich gegenüber ihren Kindern verantwortungsbewußt zu verhalten? Leider muß man sagen, daß durch menschliche Bemühungen, so aufrichtig sie auch sein mögen, das Problem nicht völlig gelöst werden kann.
Warum nicht? Jemand oder etwas steht der Lösung des Problems im Weg. Interessanterweise wies Jesus auf eine Person hin, die er als den „Herrscher der Welt“ bezeichnete (Johannes 14:30). Es ist Satan, der Teufel. (Siehe Seite 12.) Sein heimtückischer Einfluß auf die Menschheit ist das hauptsächliche Hindernis, die Probleme zu lösen und wahres Glück zu erlangen (2. Korinther 4:4). Daher ist seine Beseitigung unumgänglich, wenn für alle obdachlosen Kinder und anderen benachteiligten Personen gerechte Zustände herbeigeführt werden sollen. Können wir auf eine Welt ohne Straßenkinder und ohne Elend hoffen? Gibt es eine echte Hoffnung für obdachlose Kinder?
[Herausgestellter Text auf Seite 6]
„Wer hilft schon einem Jugendlichen, der praktisch ohne Anleitung und Disziplin aufgewachsen ist?“
[Kasten auf Seite 7]
Die UN-Erklärung der Rechte des Kindes:
◼ Das Recht auf einen Namen und eine Staatszugehörigkeit.
◼ Das Recht auf Liebe, Verständnis und Fürsorge.
◼ Das Recht auf Ernährung, Wohnung und ärztliche Betreuung.
◼ Das Recht auf besondere Betreuung, wenn es behindert ist.
◼ Das Recht auf sofortige Hilfe bei Katastrophen und Notlagen.
◼ Das Recht auf Schutz vor Grausamkeit, Vernachlässigung und Ausnutzung.
◼ Das Recht auf unentgeltlichen Unterricht, auf Spiele, Erholung.
◼ Das Recht auf gesunde geistige und körperliche Entwicklung.
◼ Das Recht auf Schutz vor Verfolgung und auf eine Erziehung im Geiste weltumspannender Brüderlichkeit und des Friedens.
◼ Das Recht auf Gleichheit, unabhängig von Rasse, Religion, Herkommen, Geschlecht.
Gestützt auf Everyman’s United Nations
[Bildnachweis auf Seite 5]
Reuters/Bettmann Newsphotos
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Obdachlose Kinder — Gibt es eine Lösung?Erwachet! 1990 | 8. Januar
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Obdachlose Kinder — Gibt es eine Lösung?
WEM wirklich etwas an seinem Nächsten gelegen ist, der wird nicht aufgeben wollen, als könne für die obdachlosen Kinder nichts getan werden. Er ist sich bewußt, daß Straßenkinder mehr brauchen als ein Dach über dem Kopf. Kinder gedeihen, wenn sie sich geborgen fühlen und gesund sind, wenn sie eine sinnvolle Aufgabe und Selbstbewußtsein haben. Selbstlose Männer und Frauen setzen sich bereitwillig für die Interessen der Obdachlosen ein, und das ist lobenswert. Aber trotz ihrer Bemühungen bleibt das Problem bestehen.
Der Grund ist, daß das gegenwärtige System, in dem die Zustände anhalten, die für obdachlose Kinder verantwortlich sind, irreparabel ist. Es gleicht einem schrottreifen Auto, bei dem keine Reparatur mehr nützt. Sollte man nicht so realistisch sein und sich eingestehen, daß der Mensch aus eigener Kraft keine gerechte menschliche Gesellschaft schaffen kann?
Glücklicherweise ist eine Änderung möglich — jedoch nicht von menschlicher Seite. Nur der allmächtige Gott hat die Fähigkeit und die Weisheit, alle Mißstände auf der Erde völlig zu beseitigen. Sein Wort, die Bibel, spricht von der Regierung seines himmlischen Königreiches und davon, wie sie den Wunsch des Menschen nach gerechten Verhältnissen hier auf der Erde erfüllen wird (Daniel 2:44).
Gott kümmert sich um uns
Halten wir es für möglich, daß Gott das gegenwärtige System beseitigt und eine neue Lebensweise ermöglicht? Wenn ja, dann dürfen wir nicht vergessen, daß es nicht nur um die Rettung des Menschen geht, sondern vor allem um Jehovas Namen. Als Schöpfer und unübertreffliches Beispiel für Ordnung und Pünktlichkeit sichert er uns zu, daß er zu seiner Zeit und auf seine Weise einschreiten wird, und zwar durch sein Königreich. Dieses Königreich ist nichts Unbestimmtes oder Vages, sondern eine himmlische Regierung, die für Aufsicht und fortschreitende Belehrung sorgen kann, um den wahren Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden (Jesaja 48:17, 18).
Ein obdachloses Kind kann sich die Worte Davids aus Psalm 27:10 zu Herzen nehmen: „Falls mein eigener Vater und meine eigene Mutter mich verließen, würde ja Jehova selbst mich aufnehmen.“ Es ist auch ermutigend zu wissen, daß eine niedrige Stellung in der Welt kein Hinderungsgrund dafür ist, Gottes Willen kennenzulernen. In Sprüche 22:2 heißt es: „Der Reiche und der Minderbemittelte sind einander begegnet. Der sie alle gemacht hat, ist Jehova.“ Ja, Benachteiligte können, sofern sie aufrichtig sind, gewiß sein, daß Jehova ihnen gern hilft (Psalm 10:14, 17).
Jehova ist an unserem Wohl interessiert und weiß, wie er unsere rechten Wünsche befriedigen kann. Einmal fragte er die Israeliten durch den Propheten Jesaja: „Ist nicht dies das Fasten, das ich erwähle? ... Ist es nicht, dem Hungrigen dein Brot auszuteilen und daß du die Niedergedrückten, Heimatlosen in dein Haus bringen solltest? Daß du, falls du jemand nackt sehen solltest, ihn bedecken sollst ...?“ (Jesaja 58:6, 7). Das ist die Gleichheit und Gerechtigkeit, die Gott durch seine Königreichsregierung herbeiführen wird. Niemand wird übersehen oder übergangen werden. In Psalm 145:19 lesen wir: „Das Begehren derer, die ihn fürchten, wird er ausführen, und ihren Hilferuf wird er hören, und er wird sie retten.“ Liebe zu Gott und zum Nächsten wird die hauptsächliche einigende Kraft in der Menschheitsfamilie sein. Dadurch wird das Problem der obdachlosen Kinder gelöst werden. Niemand wird im Stich gelassen werden!
Wird die menschliche Unvollkommenheit Gottes Vorsatz behindern?
Nein, Jehova wird nicht zulassen, daß die schlechten Neigungen des Menschen seinen Vorsatz behindern, die Erde zu einem Paradies der Wonne umzugestalten. Wer in Gottes neuer Welt leben darf, weil er die in der Bibel beschriebene Schlacht von Harmagedon überlebt hat oder weil er von den Toten auferweckt worden ist, um wieder auf der Erde zu leben, wird ermuntert werden, sein Bestes zu geben (Johannes 5:28, 29; Offenbarung 16:14, 16).
Niemand, der positiv reagiert, wird das Gefühl haben, seine Arbeit sei vergebens. Seine Arbeit wird entsprechend belohnt werden. Gott verheißt: „Sie werden nicht bauen und ein anderer es bewohnen; sie werden nicht pflanzen und ein anderer essen. Denn gleich den Tagen eines Baumes werden die Tage meines Volkes sein; und das Werk ihrer eigenen Hände werden meine Auserwählten verbrauchen. Sie werden sich nicht umsonst abmühen, noch werden sie zur Bestürzung gebären; denn sie sind der Nachwuchs, bestehend aus den Gesegneten Jehovas, und ihre Nachkommen mit ihnen“ (Jesaja 65:22, 23). Würdest du mit deinen Angehörigen nicht gern die Erfüllung dieser Worte erleben? Und welch eine Freude, zu wissen, daß es dann nirgends Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit oder obdachlose Kinder geben wird!
Zweifellos werden Personen, die heute Not leiden, wie zum Beispiel obdachlose Kinder, die Segnungen einer glücklichen Familie und eines schönen Zuhauses noch mehr schätzen. In Jesaja 65:17 lesen wir: „Die früheren Dinge werden nicht in den Sinn gerufen werden, noch werden sie im Herzen aufkommen.“ Wer dann am Leben sein darf, wird feststellen, daß die schlechten Zustände für immer beseitigt worden sind und daß Menschen aller Nationen, Sprachen und Rassen als liebevolle Bruderschaft zusammenarbeiten. Familien, die überleben, werden zweifellos weiterhin Gott ehren. Psalm 37:11 sagt von dem irdischen Paradies: „Die Sanftmütigen ... werden die Erde besitzen, und sie werden wirklich ihre Wonne haben an der Fülle des Friedens.“
Wie kann man sich auf die Zukunft vorbereiten?
Schon heute ist es möglich, lebengebende Erkenntnis zu erlangen und wünschenswerte Eigenschaften, wie Liebe und Freundlichkeit, zu entwickeln. Wieso? Jehova liebt die Menschheitsfamilie, und mit Hilfe seines Wortes und seines Volkes ‘zieht’ er Menschen zu Christus (Johannes 6:44). Er hat auch eine Organisation auf der Erde mit einem Lehrprogramm, das einem hilft, Gottes Willen zu tun, so daß man sich auf ein glückliches und sinnvolles ewiges Leben freuen kann. Die gute Botschaft von Gottes Königreich wird den Bedürftigen gepredigt (Matthäus 24:14). Gottes Wort sagt: „Wer seinen eigenen Mitmenschen verachtet, sündigt, aber glücklich ist, wer den Niedergedrückten Gunst erweist“ (Sprüche 14:21). Es ist erfreulich zu wissen, daß auch Unterprivilegierte sich Gott nahen können, wenn sie den rechten Beweggrund haben. Der Psalmist schrieb: „Ich aber bin niedergedrückt und arm. O Gott, handle doch eilends für mich. Du bist meine Hilfe und der für mein Entrinnen Sorgende. O Jehova, verspäte dich nicht“ (Psalm 70:5).
Ja, Gottes Wort gibt uns eine echte Hoffnung für die Zukunft. Im allgemeinen Sprachgebrauch hingegen drückt das Wort „Hoffnung“ nicht immer Gewißheit aus. In Brasilien sagt man oft: „A esperança é a última que morre.“ („Als letztes stirbt die Hoffnung.“) Der Gedanke ist, hoffnungsvoll zu bleiben, selbst wenn es dafür keine Grundlage zu geben scheint. Im Gegensatz dazu liefert die Heilige Schrift triftige Gründe für einen starken Glauben an Gott und die Hoffnung auf die Erfüllung seiner Verheißungen. In Römer 10:11 lesen wir: „Keiner, der seinen Glauben auf ihn setzt, wird enttäuscht werden.“ Diese biblisch begründete Hoffnung wird keine Enttäuschung bringen. So, wie die Wunder unserer Erde eine Realität sind und von der Weisheit und Liebe Jehovas zeugen, so ermöglicht uns die Erfüllung biblischer Prophezeiungen eine positive Einstellung, eine echte Hoffnung für die Zukunft (Römer 15:13).
Gottes Königreich ist die wahre Lösung für die Straßenkinder, ja für alle, die das Rechte lieben. Heute eine genaue Erkenntnis der Bibel zu erlangen ermöglicht uns, in Gottes neuer Welt Glück und ewiges Leben zu genießen. Diese Verheißungen sind kein Phantasieprodukt. In Sprüche 11:19 heißt es: „Wer für Gerechtigkeit feststeht, hat Aussicht auf Leben.“
[Kasten auf Seite 11]
Eine vorübergehende Lösung?
Die ausgestreckte Hand eines traurig blickenden verwahrlosten Kindes kann einem einen Stich ins Herz geben. Besorgte Personen wissen nicht recht, wie sie einem obdachlosen Kind helfen sollen. Manche unterdrücken ihre Schuldgefühle, indem sie dem Kind ein paar Münzen in die Hand drücken und dann schnell weitergehen. Doch die Wahrscheinlichkeit, daß das Geld für Nahrung oder Obdach ausgegeben wird, ist gering. Vielmehr wird es wahrscheinlich für Drogen oder Alkohol benutzt. Daher unterstützen einige sozial denkende Erwachsene örtliche, von der Regierung finanzierte Programme, die ihrer Meinung nach den Straßenkindern helfen werden. Andere halten es für praktischer, das obdachlose Kind an die richtige Behörde zu verweisen, damit es Hilfe erhält. Auf diese Weise wollen besorgte Bürger ihre Umgebung humaner machen.
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