Matera — Die Stadt mit den einzigartigen Höhlenwohnungen
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN ITALIEN
VOR ungefähr 50 Jahren waren etliche der Meinung, die seltsam anmutenden Wohnungen glichen der „Hölle“, die Dante einst beschrieben hatte. Die Behörden ließen sie räumen. Heute sind sie teilweise wieder bewohnt und gehören sogar zum Kultur- und Naturerbe der Menschheit, das von der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) geschützt wird.
Wovon ist die Rede? Und warum haben diese Wohnungen im Strom der Zeit so unterschiedliche Reaktionen ausgelöst? Die Antwort auf die erste Frage ist leicht: Es handelt sich um die Sassi (aus dem Italienischen und bedeutet „Felsen“) von Matera (Süditalien, direkt oberhalb des „Stiefelabsatzes“). Doch um die zweite Frage zu beantworten, muß man zuerst wissen, was die Sassi sind, und ihre Geschichte ein wenig kennen. Wie wäre es mit einem Besuch der Sassi, um etwas über sie zu erfahren?
Nach Meinung des Schriftstellers Guido Piovene sind die Sassi „eines der erstaunlichsten Phänomene Italiens“ und bilden eine Stadt, die den „Reiz des Unwahrscheinlichen“ hat. Wir gehen zu einem natürlichen Aussichtspunkt, wo wir einen Rundblick über eine tiefe Schlucht haben. Direkt vor uns, auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht, liegt die Stadt Matera. Im hellen Licht der Sommersonne sehen wir in Fels gebettete Häuser; es sieht aus, als seien sie übereinandergetürmt. Die engen Gassen zwischen den Häusern winden sich in einem dichten Gewirr hinunter ins Tal und ähneln den Stufen eines riesigen Amphitheaters. Die vielen Löcher in den Felswänden sind oder waren Wohnungen. Das sind also, kurz gesagt, die Sassi — in Fels getriebene Höhlenwohnungen.
Eine unwirklich anmutende Atmosphäre
Um zu den Sassi zu kommen — die Altstadt von Matera —, müssen wir uns durch den lärmenden Verkehr der modernen Stadt kämpfen. Als wir schließlich die Altstadt erreichen, kommen wir uns vor, als würde die Zeit zurückgedreht; wir tauchen in eine unwirklich anmutende Atmosphäre ein, die uns die Hektik der modernen Zeit durch Bilder längst vergangener Tage allmählich vergessen läßt.
Höhlenbewohner werden wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen. Die ursprünglichen alten Höhlen kann man heute kaum noch sehen, denn vor ihnen wurden Kalksteinfassaden oder ganze Gebäude im Baustil der jeweiligen Epoche (Mittelalter, Barock oder die Moderne) errichtet. Während wir durch die Stadt laufen, scheint sich die Szenerie ständig zu ändern.
Nach Meinung der Archäologen ließen sich in dieser Region vor einigen Jahrtausenden Nomaden — wahrscheinlich Schafhirten — nieder. Die zahlreichen verstreut liegenden natürlichen Höhlen boten nicht nur Schutz vor Wind und Wetter, sondern auch vor Räubern. Über kurz oder lang waren viele Höhlen bewohnt. Funde von Archäologen lassen darauf schließen, daß die Gegend von da an stets bevölkert war.
Die Sassi selbst wurden jedoch erst nach und nach besiedelt. In der Zeit der Griechen und Römer gab es auf dem höchsten Punkt einer felsigen Anhöhe eine kleine Siedlung: der heutige Kern der Altstadt. In jener Zeit, schreibt Raffaele Giura Longo, befanden sich die Sassi „hoch über zwei wilden Tälern — zwei Becken, die sich zu beiden Seiten des alten Stadthügels befanden — und erhoben sich über die steilen Abhänge der Schlucht; sie waren unbewohnt und ... völlig überwuchert“. Seit dem frühen Mittelalter wurde der weiche Kalkstein systematisch abgetragen; mit dem dabei gewonnenen Gestein wurden Straßen, Plätze und Häuser gebaut, die den Sassi ihre charakteristische Form gaben.
Man brauchte sowohl Häuser als auch Räume, um Tiere zu halten und die dabei anfallenden Arbeiten zu erledigen, wie zum Beispiel Käse herzustellen. Die Hauptarbeit war jedoch die Landwirtschaft. Auf den breiten Terrassen, die man am Hang der tiefen Schlucht unterhalb der Sassi anlegte, wurde Gemüse gepflanzt. Noch heute sind Überreste dieser Terrassen zu sehen. Das gesellschaftliche Leben spielte sich hauptsächlich im Kreis der Nachbarn ab, und zwar in den Innenhöfen, die von mehreren Wohnungen umgeben waren.
Ein beeindruckendes Wasserversorgungssystem
Die Geschichte der Sassi ist auch die Geschichte einer Gemeinde, die gegen Fels und Wasser kämpfte und gleichzeitig in Symbiose damit lebte. Das Wasser war knapp, doch in der Regenzeit lief das Oberflächenwasser die Abhänge der Schlucht hinunter und wusch das hart erkämpfte Ackerland auf den Terrassen aus. Die Sassi-Bewohner mußten daher das Regenwasser kanalisieren und sammeln.
Doch wie und wo konnte es gesammelt werden? Auf den Terrassen wurden Zisternen ausgehoben und abgedichtet. Ein Kanal- und Rinnensystem leitete das verfügbare Wasser zu den Zisternen, die anfangs hauptsächlich für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wurden. Nach Angaben des Architekten Pietro Laureano war die Zahl der Zisternen „erheblich höher als die Zahl der bewohnten Höhlen oder der Zisternen, die zur Trinkwasserversorgung nötig waren“; das bestätige, daß „die Zisternen von Sassi ursprünglich ein beeindruckendes Wasserversorgungssystem“ waren.
Gleichzeitig sicherte dieses System auch die Trinkwasserversorgung, was wegen der wachsenden Bevölkerungszahl zunehmend wichtiger wurde. Zu diesem Zweck wurde ein geniales Verfahren eingeführt. Die Zisternen wurden sowohl auf der gleichen Ebene als auch auf anderen Ebenen der Terrassen miteinander verbunden. „Während das Wasser von einer Zisterne zur anderen geleitet wurde, wurde es wie in einer riesigen Destillieranlage nach und nach gereinigt.“ Das Wasser konnte dann aus einem der zahlreichen Brunnen geschöpft werden, die es in den Sassi gab. Noch heute kann man die Öffnung etlicher Brunnen sehen. Es war außergewöhnlich, daß es in einer sonst so dürren Gegend so viel Wasser gab.
Ein Haus im Felsen
Als wir die Stufen hinuntergehen und uns durch das Labyrinth der engen Gassen bewegen, wird uns bewußt, daß diese altertümlichen Wohnungen auf mehreren Ebenen liegen, so daß wir oftmals auf den Dächern der Häuser gehen, deren Eingänge sich auf den darunter liegenden Terrassen befinden. Mancherorts gibt es zehn Wohnebenen übereinander. Hier leben die Menschen praktisch direkt im Felsen. Schon im 13. Jahrhundert wurden diese Wohnsiedlungen in offiziellen Schriftstücken „Sassi“ genannt.
Wir bleiben vor einer Wohnung stehen. Die aufwendige, relativ moderne Fassade darf uns nicht täuschen, denn vor dem ursprünglichen Eingang ist ein neuer Eingang aus Kalkstein gebaut worden. Hier haben wir eine typische Sassi-Wohnhöhle vor uns. Wir betreten sie und gehen ein paar Stufen hinunter, die in einen großen Raum führen, wo die Familie früher die meisten Hausarbeiten erledigt hat. Dann gehen wir einige weitere Stufen hinunter und gelangen in einen zweiten Raum, hinter dem noch ein anderer liegt. Manche Räume waren alte Zisternen, die man bewohnbar machte — die Öffnung der Zisterne, in die früher das Wasser hineinlief, wurde geschlossen, und der Zugang zu dem Raum wurde seitlich von der Terrasse her gegraben. In den Räumen ganz hinten in der Höhle waren früher nur die Lasttiere untergebracht; die Familie selbst wohnte in den Räumen nahe dem Eingang. Licht und Luft gelangten durch eine große Öffnung oberhalb der Tür hinein. Selbstverständlich halten die Sassi-Bewohner heute keine Lasttiere mehr in der Wohnung.
Viele Wohnungen liegen im „Souterrain“. Warum? Der Eingang und auch einige Höhlenwohnungen wurden an einem sanften Hang angelegt, um das Sonnenlicht zu nutzen. Im Winter, wenn die Sonne am niedrigsten steht, konnten die Sonnenstrahlen in die Räume dringen und sie erhellen und erwärmen; im Sommer kamen die Sonnenstrahlen nur bis zum Eingang, und die Räume blieben kühl und feucht. In der Höhlenwohnung, die wir besichtigen, sehen wir eine in die hintere Wand gehauene Nische mit mehreren „Simsen“. Das ist eine Sonnenuhr, die die Bewegung der Sonne im Lauf des Jahres anzeigt. Als wir wieder aus der Wohnung kommen, trifft uns fast der Schlag. Die Kühle in der Höhlenwohnung hat uns ganz vergessen lassen, wie heiß es draußen ist.
Verfall und Wiederaufbau
Abgesehen von der unwirklich anmutenden Atmosphäre, haben sich die Sassi stark verändert. Jahrhundertelang waren sie ein in sich geschlossener, relativ gut funktionierender Stadtkern, doch das wurde im 18. Jahrhundert anders. Neue Gebäude und Straßen brachten das rationelle Wasserversorgungssystem zum Erliegen, wodurch die reguläre Abwasserbeseitigung problematisch wurde. Infolgedessen verbreiteten sich Krankheiten. Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur in der Gegend führten außerdem zu wachsender Armut unter den Bauernfamilien in den Sassi, die immer dichter besiedelt wurden.
Der fortschreitende Verfall dieser einst so wunderschönen Gegend schien unvermeidlich. Anfang der 50er Jahre meinte die Regierung, durch die Evakuierung der Sassi das Problem ein für allemal zu lösen. Für die über 15 000 dort lebenden Einwohner Materas war das vor allem vom sozialen Aspekt her ein schwerer Schlag, denn dadurch gingen etliche tiefe Freundschaften in die Brüche, die Nachbarn jahrelang verbunden hatten.
Viele sind jedoch der Ansicht, daß das sagenhafte Stadtbild erhalten werden muß. Dank eines effizienten Restaurierungsprogramms werden die Sassi nach und nach wieder hergerichtet und bezogen. Die Atmosphäre, die von den alten öffentlichen Plätzen und den labyrinthähnlichen Gassen der Sassi ausgeht, zieht heute viele Touristen an. Wer jemals in jene Gegend kommt, sollte unbedingt einen Abstecher zu dieser jahrhundertealten, in den Fels getriebenen Stadt machen.
[Bilder auf Seite 16, 17]
1 Panorama von den Sassi von Matera; 2 nachbarliche Wohnhöhlen, links im Vordergrund ein Brunnen; 3 Innenansicht einer typischen Wohnhöhle; 4 Nische, die als Sonnenuhr genutzt wurde; 5 ein Kanal, der früher dazu diente, Wasser in die Zisternen zu leiten