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  • Leben nach dem Tod — Was glauben die Menschen?
    Der Wachtturm 1999 | 1. April
    • Leben nach dem Tod — Was glauben die Menschen?

      „Wenn ein kräftiger Mann stirbt, kann er wieder leben?“ (HIOB 14:14).

      1, 2. Womit versuchen sich viele zu trösten, wenn sie einen lieben Angehörigen durch den Tod verloren haben?

      IN EINER Leichenhalle der Stadt New York gehen Familienangehörige und Freunde still an dem offenen Sarg vorbei, in dem ein 17jähriger Junge aufgebahrt ist, den der Krebs dahingerafft hat. Seine tiefbetrübte Mutter wiederholt immer wieder unter Tränen: „Tommy ist jetzt glücklicher. Gott wollte Tommy bei sich im Himmel haben.“ Das zu glauben, hat man sie gelehrt.

      2 Etwa 11 000 Kilometer davon entfernt zündet in Jamnagar (Indien) der älteste von drei Söhnen den Holzstoß für die Feuerbestattung des verstorbenen Vaters an. Das prasselnde Feuer wird übertönt von dem Brahmanen, der die in Sanskrit verfaßten Mantras singt: „Möge die Seele, die unsterblich ist, in ihren Bemühungen fortfahren, mit der letzten Wirklichkeit eins zu werden.“

      3. Über welche Fragen haben Menschen von jeher nachgesonnen?

      3 Überall sind wir von der Wirklichkeit des Todes umgeben (Römer 5:12). Es ist nur normal, wenn wir uns fragen, ob mit dem Tod alles vorbei ist. Hiob, ein treuer Diener Jehovas Gottes in alter Zeit, dachte über den natürlichen Kreislauf der Pflanzen nach und bemerkte: „Denn es gibt Hoffnung selbst für einen Baum. Wenn er umgehauen wird, wird er nämlich wieder sprossen, und sein Schößling, er wird nicht aufhören zu bestehen.“ Wie verhält es sich dann mit den Menschen? „Wenn ein kräftiger Mann stirbt, kann er wieder leben?“ fragte Hiob (Hiob 14:7, 14). Von jeher haben Menschen in jeder Gesellschaft über die Fragen nachgesonnen: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wenn ja, was für ein Leben? Zu welcher Überzeugung sind die Menschen schließlich gelangt? Und warum?

      Viele Antworten, ein gemeinsames Thema

      4. Was glauben die Menschen der verschiedenen Religionen über ein Leben nach dem Tod?

      4 Viele nominelle Christen glauben, die Menschen würden nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen. Hindus dagegen glauben an eine Wiedergeburt. Gemäß islamischem Glauben wird es nach dem Tod einen Gerichtstag geben, an dem Allah das Leben eines jeden bewerten und den Betreffenden entweder für das Paradies oder für die Feuerhölle bestimmen wird. In einigen Ländern sind die Glaubensansichten über die Toten eine merkwürdige Mischung aus einheimischem Brauchtum und nominellem Christentum. In Sri Lanka zum Beispiel lassen sowohl Buddhisten als auch Katholiken Türen und Fenster weit offen, wenn sich in ihrer Familie ein Sterbefall ereignet hat, und der Sarg wird so aufgestellt, daß die Füße des Verstorbenen in Richtung Haustür zeigen. Sie glauben, durch diese Maßnahmen könne der Geist oder die Seele des Verstorbenen besser hinausfinden. Unter vielen Katholiken und Protestanten in Westafrika ist es üblich, die Spiegel zu verhängen, wenn jemand gestorben ist, damit niemand darin den Geist des Toten erblickt. 40 Tage später feiern dann Angehörige und Freunde die Himmelfahrt der Seele.

      5. Welches ist eine zentrale Glaubensansicht, über die sich die meisten Religionen einig sind?

      5 Trotz dieser Vielfalt scheinen sich die meisten Religionen zumindest in einer Sache einig zu sein: Sie glauben, daß etwas im Innern einer Person — ob es Seele oder Geist genannt wird — unvergänglich ist und nach dem Tod des Körpers weiterlebt. Fast alle der Hunderte von Religionen und kleineren Glaubensgemeinschaften der Christenheit vertreten den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Dieser Glaube wird auch im Judentum offiziell gelehrt. Im Hinduismus ist dieser Glaube das Fundament der Reinkarnationslehre. Nach muslimischer Auffassung lebt die Seele weiter, wenn der Körper stirbt. Die australischen Ureinwohner, die afrikanischen Animisten, die Schintoisten und sogar die Buddhisten lehren allesamt Variationen des einen Themas.

      6. Wie betrachten einige Gelehrte die Vorstellung, daß die Seele unsterblich ist?

      6 Es gibt allerdings auch einige, die glauben, das bewußte Leben ende mit dem Tod. Für sie entbehrt die Vorstellung jeder Grundlage, daß emotionelles und intellektuelles Leben in einer unpersönlichen, schattenhaften Seele fortdauern soll, die vom Körper getrennt ist. Miguel de Unamuno, ein spanischer Gelehrter des 20. Jahrhunderts, schrieb, daß „der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ein Wollen ist, aber ein so starkes, daß es die Vernunft umstoßend über sie hinwegeilt“. Zu denen, die Ähnliches glauben, gehören sehr unterschiedliche Menschen wie die berühmten Philosophen des Altertums Aristoteles und Epikur, der Arzt Hippokrates, der schottische Philosoph David Hume, der arabische Gelehrte Averroes und Jawaharlal Nehru, Indiens erster Ministerpräsident nach Erlangung der Unabhängigkeit.

      7. Welche wichtigen Fragen über den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele müssen jetzt betrachtet werden?

      7 Angesichts dieser widersprüchlichen Vorstellungen müssen wir uns fragen: Haben wir wirklich eine unsterbliche Seele? Wenn die Seele allerdings nicht unsterblich ist, wie konnte dann eine solche Irrlehre ein wesentlicher Bestandteil von so vielen heutigen Religionen werden? Woher stammt die Vorstellung? Es ist zwingend notwendig, wahre und zufriedenstellende Antworten auf diese Fragen zu finden, weil unsere Zukunft davon abhängt (1. Korinther 15:19). Untersuchen wir jedoch zunächst, wie die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele entstand.

      Die Entstehung der Lehre

      8. Welche Rolle spielten Sokrates und Platon bei der Förderung der Vorstellung, daß die Seele unsterblich ist?

      8 Sokrates und Platon, griechische Philosophen des 5. Jahrhunderts v. u. Z., sollen zu den ersten Förderern der Vorstellung von einer unsterblichen Seele gehört haben. Aber sie waren nicht deren Urheber. Sie gaben ihr vielmehr einen gewissen Schliff und wandelten sie in eine philosophische Lehre um, wodurch sie für die gebildeten Schichten sowohl ihrer Tage als auch späterer Zeiten größere Anziehungskraft erhielt. Tatsache ist, daß die Zoroastrier im alten Persien und die Ägypter noch vor ihnen ebenfalls an die Unsterblichkeit der Seele glaubten. Die Frage lautet demnach: Was ist der Ursprung dieser Lehre?

      9. Wovon wurden die alten Kulturen Ägyptens, Persiens und Griechenlands allesamt beeinflußt?

      9 „Im Altertum“, heißt es in dem Buch The Religion of Babylonia and Assyria, „verspürten Ägypten, Persien und Griechenland den Einfluß der babylonischen Religion.“ Mit Bezug auf die Glaubensansichten der Ägypter heißt es in dem Buch weiter: „Angesichts der frühen Kontakte zwischen Ägypten und Babylonien, wie sie durch die El-Amarna-Tafeln offenbart werden, gab es gewiß vielfältige Gelegenheiten für das Eindringen babylonischer Ansichten und Bräuche in die ägyptischen Kulte.“a Fast das gleiche kann von der alten persischen und griechischen Kultur gesagt werden.

      10. Was war die babylonische Ansicht über das Leben nach dem Tod?

      10 Glaubten denn die alten Babylonier an die Unsterblichkeit der Seele? Dazu schrieb Professor Morris Jastrow jr. von der Staatsuniversität von Pennsylvanien (USA): „Weder das Volk noch die führenden religiösen Denker [in Babylon] hielten je die Auslöschung aller ins Dasein gekommenen Dinge für möglich. Der Tod war [für sie] das Tor zu einem anderen Leben, und die Überzeugung, daß es für den Menschen keine Unvergänglichkeit [des gegenwärtigen Lebens] gab, betonte lediglich die Unmöglichkeit, dem Wechsel im Dasein, den der Tod herbeiführt, zu entgehen.“ Ja, die Babylonier glaubten, das Leben werde nach dem Tod in irgendeiner Form fortdauern. Sie zeigten das dadurch, daß sie den Toten Gegenstände ins Grab legten, die ihnen zum Gebrauch im Jenseits dienen sollten.

      11, 12. Wo entstand nach der Sintflut die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele?

      11 Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele geht eindeutig auf das alte Babylon zurück. Ist das von Bedeutung? Ja, denn gemäß der Bibel wurde die Stadt Babel oder Babylon von Nimrod, einem Urenkel Noahs, gegründet. Nach der weltweiten Flut der Tage Noahs sprachen die Menschen nur e i n e Sprache und hatten nur e i n e Religion. Nimrod handelte nicht nur „im Widerstand gegen Jehova“, sondern er und seine Anhänger wollten sich auch „einen berühmten Namen“ machen. Durch die Gründung der Stadt und die Errichtung eines Turmes darin brachte Nimrod somit eine andere Religion ins Dasein (1. Mose 10:1, 6, 8-10; 11:1-4).

      12 Gemäß der Überlieferung starb Nimrod eines gewaltsamen Todes. Nach seinem Tod waren die Babylonier verständlicherweise geneigt, ihn als Gründer, Erbauer und ersten König ihrer Stadt in hohem Ansehen zu halten. Weil der Gott Marduk (Merodach) als Gründer Babylons galt und eine Anzahl babylonischer Könige sogar nach ihm benannt wurden, halten es manche Gelehrte für möglich, daß Marduk den vergöttlichten Nimrod darstellt (2. Könige 25:27; Jesaja 39:1; Jeremia 50:2). Trifft dies zu, dann muß die Vorstellung, der Mensch besitze eine Seele, die beim Tod überlebe, spätestens zu der Zeit, als Nimrod starb, allgemein bekannt gewesen sein. Auf jeden Fall offenbaren die Annalen der Geschichte, daß Babel oder Babylon nach der Sintflut der Entstehungsort der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele war.

      13. Wie breitete sich die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele über die ganze Erde aus, und was war die Folge?

      13 Aus der Bibel geht ferner hervor, daß Gott die Bemühungen der Turmbauer in Babel vereitelte, indem er ihre Sprache verwirrte. Da sie sich untereinander nicht mehr verständigen konnten, gaben sie ihr Projekt auf und wurden „über die ganze Erdoberfläche“ zerstreut (1. Mose 11:5-9). Wir müssen beachten, daß zwar die Sprache der gescheiterten Turmbauer geändert wurde, nicht aber ihr Denken und ihre Auffassungen. Demnach nahmen sie ihre religiösen Vorstellungen überall dorthin mit, wohin sie gingen. Auf diese Weise breiteten sich die babylonischen Glaubenslehren — darunter die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele — über die ganze Erdoberfläche aus und bildeten die Grundlage der großen Religionen der Welt. So wurde ein Weltreich der falschen Religion gegründet, das in der Bibel passend als „Babylon die Große, die Mutter der Huren und der abscheulichen Dinge der Erde“ bezeichnet wird (Offenbarung 17:5).

      Das Weltreich der falschen Religion dehnt sich ostwärts aus

      14. Wie breiteten sich babylonische Glaubensansichten auf dem indischen Subkontinent aus?

      14 Einige Historiker schreiben, daß vor über 3 500 Jahren ein hellhäutiges arisches Volk bei einer Zuwanderungswelle aus dem Nordwesten in das Industal zog, das heute hauptsächlich in Pakistan und Indien liegt. Von dort aus breiteten sie sich in den Niederungen des Ganges aus und dann über ganz Indien. Wie einige Experten sagen, stützten sich die religiösen Vorstellungen der Zuwanderer auf altiranische und babylonische Lehren. Diese religiösen Vorstellungen bildeten dann die Wurzeln des Hinduismus.

      15. Wie kam es dazu, daß die Vorstellung von einer unsterblichen Seele den Hinduismus bis heute beeinflußt?

      15 In Indien führte die Vorstellung von einer unsterblichen Seele zu der Lehre von der Wiedergeburt. Die Weisen der Hindus, die sich mit den globalen Problemen des Bösen und des menschlichen Leids auseinandersetzten, kamen auf das sogenannte Gesetz des Karmas, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Dadurch, daß sie dieses Gesetz mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele verbanden, schufen sie die Reinkarnationslehre, gemäß der Verdienste und Fehlverhalten in dem einen Leben in dem nächsten belohnt oder bestraft werden. Das Ziel der Gläubigen ist Mokscha oder die Befreiung von dem Kreislauf der Wiedergeburten und die Vereinigung mit der sogenannten letzten Wirklichkeit oder das Nirwana. Im Lauf der Jahrhunderte breitete sich der Hinduismus aus und damit auch die Reinkarnationslehre. Diese Lehre ist die Hauptstütze des heutigen Hinduismus geworden.

      16. Welche Ansicht über das Jenseits beherrschte allmählich das religiöse Denken und Tun der zahlreichen Bevölkerung Ostasiens?

      16 Aus dem Hinduismus gingen andere Religionen hervor wie der Buddhismus, der Dschainismus und der Sikhismus. Auch in diesen Religionen glaubt man an die Reinkarnation. Als sich überdies der Buddhismus über den größten Teil Ostasiens ausbreitete — China, Korea, Japan und anderswo —, wirkte er sich nachhaltig auf die Kultur und die Religion der gesamten Gegend aus. So bildeten sich Religionen, die eine Mischung von Glaubensansichten darstellen, da sie Elemente des Buddhismus, des Spiritismus und der Ahnenverehrung in sich vereinigen. Die einflußreichsten davon sind der Taoismus, der Konfuzianismus und der Schintoismus. So kam es dazu, daß der Glaube, das Leben dauere nach dem Tod des Körpers fort, das religiöse Denken und Tun eines großen Teils der Menschheit in jenem Teil der Erde bis heute beherrscht.

      Wie verhält es sich mit dem Judentum, der Christenheit und dem Islam?

      17. Was glaubten die Juden der alten Zeit in bezug auf das Leben nach dem Tod?

      17 Was glauben die Menschen, die zum Judentum, zur Christenheit und zum Islam gehören, über das Leben nach dem Tod? Von diesen Religionen ist das Judentum bei weitem die älteste. Seine Wurzeln gehen etwa 4 000 Jahre zurück bis auf Abraham — lange bevor Sokrates und Platon der Theorie von der Unsterblichkeit der Seele Form gaben. Im Altertum glaubten die Juden an die Auferstehung der Toten und nicht an eine dem Menschen innewohnende Unsterblichkeit (Matthäus 22:31, 32; Hebräer 11:19). Wie kam es denn dazu, daß die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in das Judentum gelangte? Die Antwort gibt die Geschichte.

      18, 19. Wie gelangte die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in das Judentum?

      18 Im Jahr 332 v. u. Z. eroberte Alexander der Große den Nahen Osten, einschließlich Jerusalems. Als Alexanders Nachfolger seinen Hellenisierungsplan fortsetzten, kam es zur Verschmelzung der beiden Kulturen — der griechischen und der jüdischen. Die Juden wurden im Laufe der Zeit mit griechischem Gedankengut vertraut, und einige wandten sich sogar der Philosophie zu.

      19 Philon von Alexandria, der im ersten Jahrhundert u. Z. lebte, war ein solcher jüdischer Philosoph. Er verehrte Platon und suchte das Judentum an Hand der griechischen Philosophie zu erklären, wodurch er späteren jüdischen Denkern den Weg bahnte. Der Talmud — schriftliche Kommentare zu den mündlichen Gesetzen der Rabbiner — wurde ebenfalls durch griechisches Gedankengut beeinflußt. „Die Rabbiner des Talmuds“, sagt die Encyclopaedia Judaica, „glaubten an die Weiterexistenz der Seele nach dem Tod.“ In späteren jüdischen Geheimschriften, wie zum Beispiel der Kabbala, ging man sogar so weit, die Reinkarnation zu lehren. Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele gelangte somit durch die Hintertür der griechischen Philosophie in das Judentum. Wie kam es dazu, daß diese Lehre in die Christenheit Eingang fand?

      20, 21. (a) Was war der Standpunkt der frühen Christen in bezug auf die platonische oder griechische Philosophie? (b) Was führte zu einer Verschmelzung der Vorstellungen Platons mit christlichen Lehren?

      20 Das wahre Christentum begann mit Jesus Christus. Miguel de Unamuno, der zuvor zitiert wurde, schrieb über Jesus: „Er glaubte vielleicht wie die Juden an eine Wiederauferstehung des Fleisches und nicht wie [der Grieche] Plato an die Unsterblichkeit der Seele.“ Er kam zu dem Schluß: „Die Unsterblichkeit der Seele ... ist ein Dogma der heidnischen Philosophie.“ Angesichts dessen verstehen wir die ernste Warnung des Apostels Paulus an Christen des ersten Jahrhunderts vor der ‘Philosophie und dem leeren Trug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den elementaren Dingen der Welt und nicht gemäß Christus’ (Kolosser 2:8).

      21 Wann und wie drang dieses „Dogma der heidnischen Philosophie“ indes in das Christentum ein? In der New Encyclopædia Britannica wird folgendes ausgeführt: „Von der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. an empfanden Christen, die in griechischer Philosophie etwas bewandert waren, das Bedürfnis, ihrem Glauben in entsprechenden Begriffen Ausdruck zu verleihen, und zwar zur Befriedigung ihres eigenen Intellekts und um gebildete Heiden zu bekehren. Die Philosophie, die ihnen am geeignetsten erschien, war der Platonismus.“ Zwei der frühen Philosophen, die großen Einfluß auf die Lehren der Christenheit ausübten, waren Origenes von Alexandria und Augustinus von Hippo. Nachhaltig beeinflußt von Platons Vorstellungen, trugen beide dazu bei, diese Vorstellungen mit christlichen Lehren zu verschmelzen.

      22. Inwiefern ist die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele im Islam vorherrschend geblieben?

      22 Während die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele im Judentum und in der Christenheit auf platonischen Einfluß zurückgeht, war sie im Islam von Anfang an vorhanden. Der Koran, das heilige Buch des Islam, lehrt, daß der Mensch eine Seele hat, die nach dem Tod weiterlebt. Das endgültige Geschick für die Seele ist nach dem Koran entweder Leben in einem himmlischen Paradiesgarten oder die Bestrafung in einer Feuerhölle. Damit soll nicht gesagt werden, daß arabische Gelehrte nicht versucht hätten, islamische Lehren und griechische Philosophie miteinander zu verschmelzen. Tatsächlich wurde die arabische Welt in einem gewissen Maß von dem Werk des Aristoteles beeinflußt. Die Muslime glauben jedoch bis auf den heutigen Tag an die Unsterblichkeit der Seele.

      23. Welche dringenden Fragen über das Leben nach dem Tod werden im nächsten Artikel betrachtet?

      23 Überall auf der Welt haben die Religionen, gestützt auf die Lehre von einer unsterblichen Seele, offenkundig eine verwirrende Vielzahl von Glaubensansichten in bezug auf das Jenseits entwickelt. Und solche Ansichten haben Milliarden von Menschen nicht nur beeinflußt, sondern auch beherrscht und versklavt. Angesichts all dessen drängen sich uns die Fragen auf: Ist es möglich, die Wahrheit darüber zu erfahren, was geschieht, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was hat die Bibel dazu zu sagen? Das werden wir im nächsten Artikel betrachten.

  • Leben nach dem Tod — Was sagt die Bibel?
    Der Wachtturm 1999 | 1. April
    • Leben nach dem Tod — Was sagt die Bibel?

      „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren“ (1. MOSE 3:19).

      1, 2. (a) Welche unterschiedlichen Vorstellungen gibt es über das Jenseits? (b) Was müssen wir untersuchen, um festzustellen, was die Bibel in bezug auf die Seele lehrt?

      „DIE Theorie vom ewigen Leiden ist unvereinbar mit dem Glauben an die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. ... An eine ewige Bestrafung der Seele wegen der Verfehlungen weniger Jahre zu glauben, ohne ihr eine Chance zur Besserung zu geben, ist gegen alle Grundsätze der Vernunft“, bemerkte der Hindu-Philosoph Nikhilananda.

      2 Wie Nikhilananda haben heute viele bei der Lehre von der ewigen Qual ein ungutes Gefühl. Ebenso fällt es vielen schwer, Vorstellungen wie das Erreichen des Nirwana oder die Vereinigung mit der Natur zu begreifen. Selbst unter denen, die sagen, ihre Glaubensansichten stützten sich auf die Bibel, gibt es abweichende Auffassungen darüber, was die Seele ist und was mit ihr geschieht, wenn wir sterben. Aber was lehrt die Bibel wirklich über die Seele? Um das herauszufinden, müssen wir die Bedeutung des hebräischen Wortes und des griechischen Wortes untersuchen, die in der Bibel mit „Seele“ übersetzt werden.

      Die Seele gemäß der Bibel

      3. (a) Welches Wort wird in den Hebräischen Schriften mit „Seele“ übersetzt, und welche Grundbedeutung hat es? (b) Wie wird in 1. Mose 2:7 bestätigt, daß das Wort „Seele“ die Person als Ganzes bezeichnen kann?

      3 Das hebräische Wort, das mit „Seele“ übersetzt wird, ist néphesch und kommt 754mal in den Hebräischen Schriften vor. Welche Bedeutung hat néphesch? Gemäß dem Werk The Dictionary of Bible and Religion „bezieht es sich gewöhnlich auf das lebende Wesen als Ganzes, auf das gesamte Individuum“. Das geht auch aus der biblischen Beschreibung der Seele in 1. Mose 2:7 hervor: „Jehova Gott ging daran, den Menschen aus Staub vom Erdboden zu bilden und in seine Nase den Odem des Lebens zu blasen, und der Mensch wurde eine lebende Seele.“ Man beachte, daß der erste Mensch eine lebende Seele wurde. Das heißt, daß Adam keine Seele hatte; er war eine Seele — genau wie jemand, der Arzt wurde, ein Arzt ist. Das Wort „Seele“ bezeichnet hier somit die ganze Person.

      4. Welches Wort wird in den Christlichen Griechischen Schriften mit „Seele“ übersetzt, und was ist die Grundbedeutung dieses Wortes?

      4 In den Christlichen Griechischen Schriften kommt das mit „Seele“ übersetzte Wort (psychḗ) über hundertmal vor. Wie néphesch bezieht sich dieses Wort oft auf die ganze Person. Man betrachte beispielsweise folgende Aussagen: „Meine Seele [ist] beunruhigt“ (Johannes 12:27). „Jede Seele wurde von Furcht befallen“ (Apostelgeschichte 2:43). „Jede Seele sei den obrigkeitlichen Gewalten untertan“ (Römer 13:1). „Redet bekümmerten Seelen tröstend zu“ (1. Thessalonicher 5:14). „Wenige Personen, nämlich acht Seelen, [wurden] sicher durch das Wasser getragen“ (1. Petrus 3:20). psychḗ bezieht sich wie néphesch eindeutig auf die Person als Ganzes. Gemäß dem Gelehrten Nigel Turner bezeichnet dieses Wort das, was „charakteristisch menschlich ist, das Selbst, den materiellen Körper, dem Gottes rûacḥ [Geist] eingehaucht wurde. ... Der Nachdruck liegt auf dem ganzen Selbst.“

      5. Sind Tiere Seelen? Erkläre es.

      5 Interessanterweise bezieht sich das Wort „Seele“ in der Bibel nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere. So heißt es zum Beispiel in 1. Mose 1:20, daß Gott bei der Erschaffung der Geschöpfe des Meeres gebot: „Die Wasser sollen ein Gewimmel lebender Seelen hervorwimmeln.“ Am nächsten Schöpfungstag sagte Gott dann: „Die Erde bringe lebende Seelen nach ihren Arten hervor, Haustiere und sich regende Tiere und wildlebende Tiere der Erde nach ihrer Art“ (1. Mose 1:24; vergleiche 4. Mose 31:28).

      6. Was kann über den biblischen Gebrauch des Wortes „Seele“ gesagt werden?

      6 Somit kann sich das Wort „Seele“, wie es in der Bibel gebraucht wird, sowohl auf eine Person als auch auf ein Tier beziehen oder auf das Leben, das eine Person oder ein Tier hat. (Siehe obigen Kasten.) Die biblische Definition des Wortes „Seele“ ist einfach, widerspruchsfrei und unbeeinflußt von komplizierten Philosophien oder dem Aberglauben von Menschen. Angesichts dessen erhebt sich die dringliche Frage: Was geschieht gemäß der Bibel mit der Seele beim Tod?

      Die Toten sind nicht bei Bewußtsein

      7, 8. (a) Was wird in der Bibel über den Zustand der Toten geoffenbart? (b) Nenne Beispiele aus der Bibel, die zeigen, daß die Seele sterben kann.

      7 In welchem Zustand sich die Toten befinden, geht deutlich aus Prediger 9:5, 10 hervor, wo wir lesen: „Die Toten wissen überhaupt nichts mehr. ... Wenn du tot bist, ist es zu Ende mit allem Tun und Planen, mit aller Einsicht und Weisheit“ (Die Gute Nachricht). Der Tod ist somit ein Zustand der Nichtexistenz. Wie der Psalmist schrieb, geschieht folgendes, wenn jemand stirbt: „Er kehrt zurück zu seinem Erdboden; an jenem Tag vergehen seine Gedanken tatsächlich“ (Psalm 146:4). Die Toten sind nicht bei Bewußtsein und sind untätig.

      8 Als Gott das Urteil über Adam verkündete, sagte er: „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren“ (1. Mose 3:19). Bevor Gott Adam aus dem Staub des Erdbodens bildete und ihm Leben gab, existierte Adam nicht. Als er starb, kehrte er zu diesem Zustand zurück. Seine Strafe war der Tod, nicht die Versetzung in ein anderes Reich. Was geschah dann mit seiner Seele? Da in der Bibel das Wort „Seele“ häufig einfach eine Person bezeichnet, ist, wenn wir sagen, daß Adam starb, damit gemeint, daß die Seele namens Adam starb. Das mag für jemand, der an die Unsterblichkeit der Seele glaubt, seltsam klingen. In der Bibel heißt es jedoch: „Die Seele, die sündigt — sie selbst wird sterben“ (Hesekiel 18:4). In 3. Mose 21:1 wird auf „eine verstorbene Seele“ (eine „Leiche“, Neue Jerusalemer Bibel) Bezug genommen. Und Nasiräern wurde befohlen, „zu keiner toten Seele“ („zu keinem Toten“, Lutherbibel) zu kommen (4. Mose 6:6).

      9. Was ist damit gemeint, wenn es in der Bibel heißt, daß Rahels „Seele ausging“?

      9 Doch wie verhält es sich mit der Aussage in 1. Mose 35:18 über den tragischen Tod Rahels bei der Geburt ihres zweiten Sohnes? Dort lesen wir: „Als ihre Seele ausging (weil sie starb), gab sie ihm demzufolge den Namen Ben-Oni; aber sein Vater nannte ihn Benjamin.“ Wird in dieser Passage angedeutet, daß bei Rahels Tod ein ihr innewohnendes Wesen aus ihr ausfuhr? Keineswegs. Denken wir daran, daß sich das Wort „Seele“ auch auf das Leben einer Person beziehen kann. Somit war in diesem Fall mit Rahels „Seele“ einfach ihr „Leben“ gemeint. Deshalb stehen in anderen Bibelübersetzungen für den Satzteil „als ihre Seele ausging“ die Wiedergaben „als aber ihr Leben abnahm“ (Zink), „während ihr das Leben entfloh“ (Einheitsübersetzung) oder „Rahel spürte, daß es mit ihr zu Ende ging“ (Die Gute Nachricht). Es gibt keinen Hinweis darauf, daß bei Rahels Tod ein geheimnisvoller Teil von ihr weiterlebte.

      10. Wie geschah es, daß die Seele des auferweckten Sohnes der Witwe „in ihn zurückkam“?

      10 Ähnlich verhält es sich mit der Auferweckung des Sohnes einer Witwe, worüber in 1. Könige, Kapitel 17 berichtet wird. Elia betete über dem Jungen, und daraufhin — so lesen wir in Vers 22 — „hörte Jehova auf die Stimme Elias, so daß die Seele des Kindes in ihn zurückkam, und er lebte auf“. Wiederum ist das Wort „Seele“ gleichbedeutend mit „Leben“. Daher heißt es in der Einheitsübersetzung: „Das Leben kehrte in den Knaben zurück, und er lebte wieder auf.“ Ja, es war das Leben, das in den Jungen zurückkehrte, nicht irgendeine schattenhafte Gestalt. Das stimmt mit dem überein, was Elia zu der Mutter des Jungen sagte: „Siehe, dein Sohn [die Person als Ganzes] lebt“ (1. Könige 17:23).

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