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Die katholische Kirche in Indien — Wohin steuert sie?Erwachet! 1987 | 22. September
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Aber als Papst Johannes Paul II. im Februar 1986 dem Land einen zehntägigen Besuch abstattete, wurde klar, welche Bedeutung die katholische Kirche in Indien für den Weltkatholizismus hat. Die Reiseroute des Papstes führte ihn in 14 Städte, auch in den Bundesstaat Kerala, die katholischste Gegend Indiens.
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Die katholische Kirche in Indien — Wohin steuert sie?Erwachet! 1987 | 22. September
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Ist Bekehrung das Ziel?
Als Organisationen der fundamentalistischen Hindus unter Protest darauf hinwiesen, daß allein die Anwesenheit des Papstes Massenbekehrungen zum Christentum bewirken könne, distanzierte sich die Kirche mit aller Macht von der Vorstellung, daß sie die Inder bekehren wolle. „Niemand braucht sich zu fürchten“, betonte der Vorsitzende der Indischen Bischofskonferenz. „Der Heilige Vater ist nicht gekommen, um Menschen zu bekehren.“ Noch nachdrücklicher klangen die Worte eines indischen Erzbischofs: „Die katholische Kirche ist eine erbitterte Gegnerin der Proselytenmacherei. Das wäre ein Eingriff in die Religionsfreiheit. Wir prangern das an, ja verurteilen es.“
Und was meinte der Papst selbst? „Die katholische Kirche erkennt die Wahrheiten an, die das religiöse Erbe Indiens enthält, und diese Anerkennung ermöglicht einen echten Dialog“, sagte er vor Repräsentanten des Hinduismus, des Parsismus, des Buddhismus, des Dschainismus, des Sikhismus, des Judaismus, des Islam und verschiedener christlicher Konfessionen. Bei einer anderen Gelegenheit erklärte er sich mit anderen Religionen solidarisch: „Wir verkünden unsere Solidarität mit unseren hinduistischen und moslemischen Brüdern und Schwestern sowie mit den Anhängern anderer religiöser Traditionen.“
Dieses Bekenntnis zur Solidarität blieb nicht auf Worte beschränkt. Während seines Aufenthalts in Kalkutta ließ sich der Papst von einem Priester des berühmten Kalitempels von Kalighat bekränzen.a Ein andermal empfing er von einem Hindupriester vibhuti oder heilige Asche auf die Stirn. Auch legte er ein moslemisches ponnadai (Umhängetuch) um, auf dem sich islamische Glaubenssymbole befanden.
Trotz alledem bezeichnete der Papst vor den indischen Bischöfen die „Verkündigung des Evangeliums“ als einen der ausschlaggebenden Faktoren für die Wohlfahrt der Kirche in Indien. Welche Form der Evangeliumsverkündigung schwebte ihm vor? Wie zu erwarten, betonte er, das Evangelisieren solle durch die Förderung der sozialen Gerechtigkeit und des wirtschaftlichen Fortschritts geschehen.
Das Oberhaupt der katholischen Kirche hob hervor, daß „der Missionsauftrag der Kirche einschließt, energisch und anhaltend für Gerechtigkeit, Frieden und den menschlichen Fortschritt insgesamt einzutreten. Diese Aufgaben abzulehnen hieße das Evangelisierungswerk verraten; es wäre Treulosigkeit gegenüber dem Beispiel Jesu.“
„Alle, die die Würde und Freiheit ihrer Brüder und Schwestern gefördert haben, sind in den Augen Christi gesegnet“, verkündete der Papst. Daher bemerkte die indische Presse passenderweise: „Niemand — nicht einmal das konservativste Mitglied der kirchlichen Hierarchie, das für den Status quo eintritt — spricht derzeit von der Evangeliumsverkündigung im engen, buchstäblichen Sinn der Verbreitung des Christentums als Religion.“
Eine hinduistisch-katholische Kirche?
In dem Bemühen, den fremdländischen Eindruck des Katholizismus abzuschwächen und ihm indische Züge zu geben, fördert die Kirche Anpassungsbestrebungen in bezug auf den Gottesdienst. Zum Beispiel sind einige katholische Priester gehalten, Gebete zu lesen und dabei auf dem Boden zu sitzen wie in einem Aschram der Hindus, wedische Mantras können an die Stelle westlicher Hymnen treten, und vor zahlreichen Zeremonien dürfen Nilavilakku (messingne Öllampen) der Hindus angezündet werden.
„Der Gedanke ist“, so ein katholischer Laie, „daß die Hauptelemente des Hinduismus und anderer Religionen erfaßt und dazugehörende Symbole und Riten in unseren Gottesdienst aufgenommen werden, um diesen zu bereichern und zu festigen.“ In vielen Kirchen Keralas sind die religiösen Zeremonien und der Gottesdienst denn auch ein unverkennbarer Mischmasch aus katholischer Liturgie und hinduistischem Brauchtum.
Wohin ist die Kirche gesteuert?
Während seines Indienaufenthalts spielte der Papst auf die Lehren Gandhis an und sprach sich dafür aus, daß „die Führer aller Völker die Überzeugung haben sollten, daß die Lösung der Probleme der Welt im Herzen des Menschen liegt, und auch entsprechend handeln müßten“. Die Jugend rief er auf, „den Lehren der großen Weisen der alten Zeit zu folgen, deren Worte ‚immerwährende Weisheit und Wahrheit‘ enthalten, die sie inspirieren werden, im Leben voranzugehen“.
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