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Das Judentum — Die Suche nach Gott mit Hilfe der Bibel und der TraditionDie Suche der Menschheit nach Gott
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Gott ist E i n e r
29. (a) Was ist unter „Judentum“ zu verstehen? (b) Was ist für die jüdische Religion charakteristisch? (c) Nenne einige jüdische Feste und Bräuche.
29 Unter „Judentum“ ist sowohl die Gesamtheit der Juden als auch deren Religion zu verstehen. Wer sich daher zum Judentum bekehrt, wird sowohl ein Angehöriger des jüdischen Volkes als auch der jüdischen Religion. Die jüdische Religion ist im strengsten Sinne monotheistisch und lehrt, daß Gott in die Geschichte der Menschheit eingreift, besonders im Zusammenhang mit den Juden. Zum jüdischen Kult gehören mehrere jährliche Feste und verschiedene Bräuche. (Siehe Kasten, Seite 230, 231.) Wenn es auch keine Glaubensbekenntnisse oder Dogmen gibt, die von allen Juden anerkannt werden, so bildet doch das Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, das im Schema (einem Gebet, dem 5. Mose 6:4 zugrunde liegt) zum Ausdruck kommt, das Hauptstück des synagogalen Gottesdienstes: „Höre, Jisraël! Der Ewige ist unser Gott; der Ewige ist Einer.“
30. (a) Welche Vorstellung haben die Juden von Gott? (b) Wieso widerspricht die jüdische Anschauung über Gott der der Christenheit?
30 Dieser Glaube an einen einzigen Gott wurde an das Christentum und den Islam weitergegeben. Dr. J. H. Hertz, ein Rabbiner, schreibt: „Diese erhabene Verkündigung des reinen Monotheismus bedeutete zugleich eine Kriegserklärung an jeden Polytheismus ... Das Schema schließt ebenso die Dreieinigkeit des christlichen Glaubensbekenntnisses als Verletzung der göttlichen Einheit aus.“f Wenden wir uns nun aber der jüdischen Glaubensansicht über das Leben nach dem Tod zu.
Tod, Seele und Auferstehung
31. (a) Wie drang die Lehre von der unsterblichen Seele in die jüdische Religion ein? (b) Welches Dilemma entstand durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele?
31 Nach einer der Grundlehren des heutigen Judentums hat der Mensch eine unsterbliche Seele, die beim Tod des Körpers weiterlebt. Stammt diese Lehre aber aus der Bibel? Die Encyclopaedia Judaica gibt offen zu: „Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele drang wahrscheinlich unter griechischem Einfluß in die jüdische Religion ein.“ Dadurch entstand jedoch ein doktrinäres Dilemma, denn in demselben Werk wird gesagt: „Im Grunde widersprechen sich die Lehre von der Auferstehung und die von der Unsterblichkeit der Seele. Gemäß der einen gibt es am Ende der Tage eine allgemeine Auferstehung, das heißt, daß alle in der Erde Schlafenden hervorkommen werden, während die andere vom Zustand der Seele nach dem Tod des Körpers spricht.“ Wie beseitigte man dieses Dilemma? „Man nahm an, daß die Seele des Verstorbenen nach dem Tod in einem anderen Bereich weiterlebt (wodurch die verschiedenen Ansichten über Himmel und Hölle entstanden), während sein Körper im Grab liegt bis zur leiblichen Auferstehung aller Toten hier auf der Erde.“
32. Was sagt die Bibel über die Toten?
32 Privatdozent Arthur Hertzberg schreibt: „In der [hebräischen] Bibel selbst ist der Rahmen, in dem sich das Leben des Menschen abspielt, diese Welt. Es gibt keine Doktrin von Himmel und Hölle, lediglich eine sich verstärkende Vorstellung von einer letztlichen Wiedererweckung der Toten am Ende aller Tage.“ Das ist eine einfache und zutreffende Erklärung dessen, was die Bibel sagt, nämlich, daß „die Toten ... nichts [kennen] ... Denn es gibt nicht Schaffen noch Planen, nicht Kenntnis noch Weisheit in Scheol [dem allgemeinen Grab der Menschheit], dahin du gehst“ (Prediger 9:5, 10; Daniel 12:1, 2; Jesaja 26:19).
33. Wie betrachteten die Juden die Lehre von der Auferstehung ursprünglich?
33 In der Encyclopaedia Judaica wird gesagt: „In der rabbinischen Zeit galt die Lehre von der Auferstehung der Toten als eine Zentrallehre des Judentums“, sie „ist vom Glauben an ... die Unsterblichkeit der Seele zu unterscheiden“.g Heute wird die Unsterblichkeit der Menschenseele jedoch von allen Richtungen des Judentums anerkannt, die Auferstehung der Toten dagegen nicht.
34. Wie beschreibt der Talmud die Seele im Gegensatz zur Bibel? Was sagen spätere Kommentatoren darüber?
34 Im Gegensatz zur Bibel enthält der Talmud, der unter hellenistischem Einfluß entstanden ist, nicht nur eine Fülle von Erklärungen und Geschichten, sondern sogar Beschreibungen der unsterblichen Seele. Später ist in der Literatur der Kabbala (der jüdischen Geheimlehre) sogar von der Reinkarnation (Seelenwanderung) die Rede, die im wesentlichen eine alte hinduistische Lehre ist. (Siehe Kapitel 5.) Von den Juden in Israel wird diese Lehre heute allgemein akzeptiert, und auch im Glauben und in der Literatur der Chassidim spielt sie eine wichtige Rolle. Martin Buber gibt in seinem Buch Die Erzählungen der Chassidim zum Beispiel folgende Geschichte über die Seele wieder, die aus der Schule Elimelechs, eines Rabbiners von Lezajsk, stammt: „Wenn Rabbi Abraham Jehoschua am Versöhnungstag den Bericht vom Dienst des Hohenpriesters im Allerheiligsten wiederholte und an die Stelle kam, wo es heißt: ‚Und so sprach er‘, sagte er jedesmal nicht diese Worte, sondern er sagte: ‚Und so sprach ich.‘ Denn er hatte die Zeit, da seine Seele in einem Hohenpriester zu Jerusalem war, nicht vergessen.“
35. (a) Wie ist das Reformjudentum zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele eingestellt? (b) Was lehrt die Bibel klar und deutlich über die Seele?
35 Das Reformjudentum hat den Glauben an die Auferstehung sogar direkt verworfen. Man hat das Wort aus den reformjüdischen Gebetsbüchern ausgemerzt, was zeigt, daß man nur noch an die unsterbliche Seele glaubt. Wieviel verständlicher ist doch die biblische Ansicht, die in 1. Mose 2:7 zum Ausdruck kommt: „Da bildete der Ewige, Gott, den Menschen aus Staub vom Erdboden und hauchte Lebensodem in sein Antlitz; so ward der Mensch ein lebend Wesen [eine lebende Seele, The Holy Scriptures According to the Masoretic Text, 1917, The Jewish Publication Society of America].“ Die Vereinigung von Seele und Geist (Lebenskraft) ergibt „eine lebende Seele“h (1. Mose 2:7; 7:22; Psalm 146:4). Umgekehrt: Stirbt der menschliche Sünder, so stirbt die Seele (Hesekiel 18:4, 20). Somit hört der Mensch, wenn er stirbt, auf zu existieren und Bewußtsein zu haben. Seine Lebenskraft kehrt zu Gott zurück, der sie gegeben hat (Prediger 3:19; 9:5, 10; 12:7). Die wahrhaft biblische Hoffnung für die Toten ist die Auferstehung (hebräisch: techijáth hammethím, „Wiederbelebung der Toten“).
36, 37. Wie dachten treue Hebräer in biblischen Zeiten über ein künftiges Leben?
36 So überraschend diese Schlußfolgerung selbst für viele Juden sein mag, so hofften Anbeter des wahren Gottes doch schon vor Jahrtausenden tatsächlich auf eine Auferstehung. Vor etwa 3 500 Jahren sprach der gottesfürchtige, leidende Hiob von einer künftigen Zeit, zu der Gott ihn aus dem Scheol oder Grab auferwecken werde (Hiob 14:14, 15). Auch dem Propheten Daniel wurde versichert, daß er „am Ende der Tage“ auferstehen werde (Daniel 12:2, 13).
37 Nichts in der Bibel läßt die Schlußfolgerung zu, daß jene treuen Hebräer glaubten, sie hätten eine unsterbliche Seele, die in einem Jenseits weiterleben würde. Sie hatten offensichtlich Grund genug zu glauben, daß der Souveräne Herr, der die Sterne des Weltalls zählt und ihre Bahnen bestimmt, sich zur Zeit der Auferstehung an sie erinnern würde. Sie waren ihm und seinem Namen treu gewesen, und so würde er auch ihnen treu sein (Psalm 18:26 [25, NW]; 147:4; Jesaja 25:7, 8; 40:25, 26).
Das Judentum und der Name Gottes
38. (a) Was geschah im Laufe der Jahrhunderte in bezug auf den Gebrauch des göttlichen Namens? (b) Worauf beruht der Name Gottes?
38 Nach der jüdischen Lehre existiert der Name Gottes zwar in schriftlicher Form, ist aber so heilig, daß er nicht ausgesprochen werden darf.i Demzufolge ist die richtige Aussprache in den letzten 2 000 Jahren verlorengegangen. Die Juden haben diesen Standpunkt jedoch nicht immer vertreten. Vor ungefähr 3 500 Jahren sagte Gott zu Moses: „So sollst du zu den Kindern Jisraël sprechen: Der Ewige [hebräisch: יהוה, JHWH], der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, Jizhaks und Jaakobs hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für ewig, und dies meine Anrufung für alle Zeit“ (2. Mose 3:15; Psalm 135:13). Was hat es mit diesem Namen und seiner Anrufung auf sich? In dem Werk Pentateuch und Haftaroth von Dr. J. H. Hertz lautet eine Fußnote zu diesem Text: „Die Übersetzung des göttlichen Namens, der durch die vier hebr. Buchstaben J H W H ausgedrückt wird und stets ‚adonaj‘ [‚der Herr‘] ausgesprochen wird ... hat die gleiche hebr. Wurzel (hajah) wie Ehjeh: ‚sein‘.“ Hier haben wir also den heiligen Gottesnamen, das Tetragrammaton, die vier hebräischen Konsonanten JHWH (Jahwe), die in ihrer latinisierten Form im Laufe der Jahrhunderte in Deutsch als JEHOVA bekannt wurden.
39. (a) Warum ist der Name Gottes von Bedeutung? (b) Warum hörten die Juden auf, den göttlichen Namen auszusprechen?
39 Die Juden haben dem persönlichen Namen Gottes in ihrer ganzen Geschichte große Bedeutung beigemessen, nur in bezug auf die Verwendung des Namens traten vor längerer Zeit drastische Änderungen ein. Dr. A. Cohen schreibt in Everyman’s Talmud: „Besondere Ehre [wurde] Gottes ‚einzigartigem Namen‘ (Schem hameforasch) zugeschrieben, den er dem Volk Israel geoffenbart hatte, nämlich dem Tetragrammaton, JHVH.“ Der göttliche Name wurde geehrt, weil er die Person Gottes selbst darstellte und charakterisierte. Schließlich hatte Gott selbst seinen Namen bekanntgegeben und seinen Anbetern geboten, ihn zu gebrauchen. Das wird dadurch betont, daß der Name in der hebräischen Bibel 6 828mal vorkommt. Fromme Juden betrachten es jedoch als respektlos, Gottes persönlichen Namen auszusprechen.j
40. Was haben namhafte Juden über die Verwendung des göttlichen Namens gesagt?
40 Über das alte rabbinische (nicht biblische) Verbot, den Namen auszusprechen, schreibt der Rabbiner A. Marmorstein in seinem Buch The Old Rabbinic Doctrine of God: „Es gab eine Zeit, da dieses Verbot [den göttlichen Namen zu gebrauchen] unter den Juden völlig unbekannt war ... Weder in Ägypten noch in Babylonien kannten oder befolgten die Juden ein Gesetz, das ihnen den Gebrauch des Gottesnamens, des Tetragrammatons, im täglichen Gespräch oder bei Begrüßungen untersagte. Doch vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis zum dritten Jahrhundert n. Chr. bestand ein solches Verbot und wurde teilweise befolgt.“ In früheren Zeiten war die Verwendung des Namens nicht nur gestattet, sondern wie Dr. Cohen sagt, „gab es sogar eine Zeit, wo man es befürwortete, wenn selbst der Laie den Namen frei und ungezwungen gebrauchte ... Man nimmt an, daß dieser Empfehlung der Wunsch zugrunde lag, den Israeliten vom [Nichtjuden] zu unterscheiden.“
41. Wie kam es nach den Worten eines Rabbiners dazu, daß die Verwendung des göttlichen Namens verboten wurde?
41 Wie kam es denn, daß die Verwendung des göttlichen Namens verboten wurde? Dr. Marmorsteins Antwort lautet: „Hellenistische [griechisch beeinflußte] Gegner der jüdischen Religion, abgefallene Priester und Vornehme des Volkes waren die ersten, die die Regel festlegten, daß das Tetragrammaton im Heiligtum [im Tempel in Jerusalem] nicht ausgesprochen werden dürfe.“ Um den göttlichen Namen ja nicht unnütz auszusprechen, unterdrückten sie seine Verwendung im Gespräch vollständig und untergruben und schwächten dadurch die Möglichkeit, den wahren Gott zu erkennen. Unter dem vereinten Druck religiöser Gegner und Abtrünniger hörten die Juden auf, den göttlichen Namen zu gebrauchen.
42. Was geht aus dem Bibelbericht in bezug auf den Gebrauch des göttlichen Namens hervor?
42 Dr. Cohen erklärt jedoch: „In biblischen Zeiten scheint man keine Bedenken gehabt zu haben, ... [den göttlichen Namen] im täglichen Gespräch zu verwenden.“ Der Patriarch Abraham „rief den Namen des Ewigen an“ (1. Mose 12:8). Die meisten Schreiber der hebräischen Bibel verwendeten den Namen ungezwungen, aber respektvoll, bis hin zum Buch Maleachi, das im fünften Jahrhundert v. u. Z. geschrieben wurde (Ruth 1:8, 9, 17).
43. (a) Was steht hinsichtlich des jüdischen Gebrauchs des göttlichen Namens einwandfrei fest? (b) Wie wirkte es sich indirekt aus, daß die Juden den göttlichen Namen nicht mehr gebrauchten?
43 Es steht also einwandfrei fest, daß die alten Hebräer den göttlichen Namen gebrauchten und aussprachen. Über die Änderung, die später eintrat, sagt Marmorstein: „Damals, in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts [v. Chr.], trat in bezug auf die Verwendung des Namens Gottes eine große Änderung ein, die für die Lehre der jüdischen Theologie und Philosophie manche Änderungen mit sich brachte, deren Auswirkungen heute noch zu verspüren sind.“ Der Verlust des Namens bewirkte unter anderem, daß durch die Vorstellung von einem unbekannten Gott ein theologisches Vakuum entstand, in dem sich die Dreieinigkeitslehre der Christenheit leichter entwickeln konntek (2. Mose 15:1-3).
44. Wie wirkte sich die Unterdrückung des Gottesnamens noch aus?
44 Der Nichtgebrauch des göttlichen Namens beeinträchtigt die Anbetung des wahren Gottes. Ein Kommentator schrieb: „Die Bezeichnung ‚der Herr‘ für Gott ist zwar richtig, ist aber bedauerlicherweise kühl und farblos ... Man muß bedenken, daß man durch die Wiedergabe von JHWH oder Adonai mit ‚der Herr‘ vielen Textstellen des Alten Testaments eine abstrakte, förmliche und vage Note verleiht, die dem ursprünglichen Text völlig fremd ist“ (The Knowledge of God in Ancient Israel). Wie traurig ist es doch, feststellen zu müssen, daß der erhabene und bedeutsame Name Jahwe oder Jehova in vielen Bibelübersetzungen fehlt, da er doch im ursprünglichen hebräischen Text nachweislich Tausende von Malen vorkommt! (Jesaja 43:10-12).
Erwarten die Juden den Messias immer noch?
45. Welche biblische Stütze hat der Glaube an einen Messias?
45 Die Hebräischen Schriften enthalten viele Prophezeiungen, von denen Juden, die vor über 2 000 Jahren lebten, ihre messianische Hoffnung ableiteten. Aus 2. Samuel 7:11-16 ging hervor, daß der Messias aus dem Geschlecht Davids hervorgehen würde. In Jesaja 11:1-10 wurde vorhergesagt, daß er der ganzen Menschheit Gerechtigkeit und Frieden bringen werde. Anhand von Daniel 9:24-27 konnte errechnet werden, wann der Messias erscheinen sollte und wann er zu Tode gebracht werden würde.
46, 47. (a) Welche Art von Messias erwarteten die unter römischer Herrschaft lebenden Juden? (b) Inwiefern haben sich die jüdischen Messiaserwartungen geändert?
46 Gemäß der Encyclopaedia Judaica waren die messianischen Erwartungen der Juden im ersten Jahrhundert besonders hoch. Man erwartete als Messias „einen charismatisch begabten Nachkommen Davids, den, wie die Juden der Römerzeit glaubten, Gott erwecken werde, damit er das Joch der Heiden zerbreche und über ein wiederhergestelltes Königreich Israel regiere“. Der kämpferische Messias, den die Juden erwarteten, erschien jedoch nicht.
47 Wie die New Encyclopædia Britannica erwähnt, trug die messianische Hoffnung dennoch wesentlich dazu bei, das jüdische Volk in seinen vielen Drangsalen zusammenzuhalten: „Das Judentum verdankt sein Überleben weitgehend seinem unerschütterlichen Glauben an die messianische Verheißung und Zukunft.“ Mit dem Aufkommen des neuzeitlichen Judentums zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert gaben jedoch viele Juden ihr passives Warten auf den Messias auf. Wegen des von den Nazis verursachten Holocaust verloren letzten Endes viele Geduld und Hoffnung. Sie begannen die Botschaft vom Messias als eine Belastung zu betrachten und sprachen lediglich noch von einem neuen Zeitalter des Wohlstandes und des Friedens. Seither kann von den Juden — abgesehen von einigen Ausnahmen — kaum noch gesagt werden, sie erwarteten einen persönlichen Messias.
48. Welche Fragen erheben sich logischerweise in bezug auf das Judentum?
48 Dieser Wechsel zu einer nichtmessianischen Religion gibt zu schwerwiegenden Fragen Anlaß. War es ein Fehler, daß die Juden jahrtausendelang an einen persönlichen Messias glaubten? Welche Form des Judentums wird einem bei der Suche nach Gott eine Hilfe sein? Etwa das antike Judentum mit all seinem Beiwerk aus der griechischen Philosophie? Oder könnte es eine seiner nichtmessianischen Formen sein, die sich in den letzten 200 Jahren entwickelt haben? Oder gibt es noch einen anderen Weg, auf dem uns die messianische Hoffnung unversehrt erhalten geblieben ist?
49. Wozu werden aufrichtige Juden eingeladen?
49 Angesichts dieser Fragen empfehlen wir aufrichtigen Juden, das Thema Messias neu zu überdenken und zu prüfen, was von den jüdischen Schreibern der Griechischen Schriften — nicht von der Christenheit — über Jesus von Nazareth gesagt wird. Es besteht nämlich ein großer Unterschied. Die Religionsgemeinschaften der Christenheit haben durch ihre unbiblische Lehre von der Dreieinigkeit dazu beigetragen, daß die Juden Jesus verworfen haben, denn diese Lehre ist für jeden Juden unannehmbar, der die reine Lehre hochhält: „Der Ewige ist unser Gott; der Ewige ist Einer“ (5. Mose 6:4).
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Das Judentum — Die Suche nach Gott mit Hilfe der Bibel und der TraditionDie Suche der Menschheit nach Gott
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[Kasten/Bilder auf Seite 220, 221]
Die heiligen Schriften der Hebräer
Die heiligen Schriften der Hebräer begannen mit „Tenach“. Der Name „Tenach“ ist eine Abkürzung aus den Anfangsbuchstaben der Namen der drei Hauptteile, in die die jüdische Bibel zerfällt: Thora (Gesetz), Nebiim (Propheten) und Ketubim (Schriften) = TeNaCh. Diese Bücher wurden zwischen dem 16. und dem 5. Jahrhundert v. u. Z. in Hebräisch und Aramäisch geschrieben.
Nach jüdischer Auffassung ist der Grad der Inspiration, unter der sie geschrieben wurden, unterschiedlich. Deshalb reihen die Juden sie ihrer Wichtigkeit nach, d. h. dem Grad der Inspiration entsprechend, wie folgt ein:
Thora — die fünf Bücher Mose, auch Pentateuch (griechisch: fünf Schriftrollen) genannt, das GESETZ, bestehend aus Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Die Bezeichnung „Thora“ kann sich aber sowohl auf die gesamte jüdische Bibel als auch auf das mündliche Gesetz und den Talmud beziehen (siehe nächste Seite).
Nebiim — die Propheten: von Josua bis zu den Großen Propheten — Jesaja, Jeremia und Hesekiel —; ferner die 12 „Kleinen“ Propheten von Hosea bis Maleachi.
Ketubim — die Schriften, die aus den poetischen Werken bestehen: Psalmen, Sprüche, Hiob, Hoheslied und Klagelieder. Außerdem gehören Ruth, Prediger, Esther, Daniel, Esra, Nehemia sowie 1. und 2. Chronika dazu.
Der Talmud
Vom nichtjüdischen Standpunkt aus ist „Tenach“, d. h. die jüdische Bibel, das wichtigste Werk der jüdischen Literatur. Der jüdische Standpunkt weicht jedoch davon ab. Viele Juden würden folgendem Kommentar des Rabbiners Adin Steinsaltz zustimmen: „Wenn die Bibel der Eckstein des Judentums ist, dann ist der Talmud die Mittelsäule, die sich vom Fundament aus erhebt und das ganze religiöse und intellektuelle Gebäude trägt ... Kein anderes Werk hat die Denk- und Handlungsweise der Juden in gleichem Maße beeinflußt“ (The Essential Talmud). Was ist denn der Talmud?
Orthodoxe Juden glauben, daß Gott Moses auf dem Berg Sinai nicht nur das geschriebene Gesetz, die Thora, gab, sondern ihm auch bestimmte Erklärungen über die Anwendung dieses Gesetzes enthüllte, die mündlich weitergegeben werden sollten. Diese Erklärungen nannte man das mündliche Gesetz. Der Talmud ist die schriftliche Zusammenfassung dieses mündlichen Gesetzes mit späteren Kommentaren und Erklärungen, von Rabbinern zwischen dem zweiten Jahrhundert u. Z. und dem Mittelalter zusammengestellt.
Der Talmud wird allgemein in zwei Hauptabschnitte unterteilt:
Die Mischna: Eine Sammlung von ergänzenden Kommentaren zum biblischen Gesetz, denen die Erklärungen von Rabbinern, Tannaiten (Lehrer) genannt, zugrunde liegen. Sie wurde Ende des zweiten und Anfang des dritten Jahrhunderts u. Z. schriftlich niedergelegt.
Die Gemara (ursprünglich Talmud genannt): Eine Sammlung von Kommentaren zur Mischna, die von Rabbinern einer späteren Zeit (zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert u. Z.) zusammengestellt wurde.
Außer diesen beiden Hauptteilen kann der Talmud auch Kommentare zur Gemara enthalten, die von Rabbinern im Mittelalter verfaßt wurden. Besonders bekannt waren Raschi (Salomo Ben Isaak, 1040—1105), der die schwierige Sprache des Talmuds verständlicher machte, und Rambam (Mose Ben Maimon, besser bekannt als Maimonides, 1135—1204), der den Talmud in eine übersichtlich und systematisch aufgebaute Wiedergabe („Mischne Tora“) zusammenfaßte und ihn so allen Juden zugänglich machte.
[Bilder]
Unten: Alte Thora aus dem vermeintlichen Grab Esthers, Iran Rechts: Hymne in Hebräisch und Jiddisch, der Bibelverse zugrunde liegen
[Kasten/Bilder auf Seite 226, 227]
Das Judentum — eine Religion vieler Stimmen
Zwischen den verschiedenen Strömungen des Judentums bestehen wesentliche Unterschiede. Von der Tradition her betont das Judentum die Ausübung der Religion. Diskussionen hierüber — weniger über Glaubensansichten — haben unter den Juden ernsthafte Spannungen hervorgerufen und zur Bildung von drei Hauptrichtungen geführt.
ORTHODOXES JUDENTUM — Diese Gemeinschaft erkennt nicht nur an, daß die Hebräischen Schriften („Tenach“) inspiriert sind, sondern glaubt auch, daß Moses das mündliche Gesetz auf dem Berg Sinai zur gleichen Zeit erhielt wie das geschriebene Gesetz. Die orthodoxen Juden halten sich peinlich genau an die Vorschriften beider Gesetze. Sie glauben, daß der Messias noch kommen und für Israel ein goldenes Zeitalter herbeiführen wird. Meinungsverschiedenheiten innerhalb der orthodoxen Bewegung haben zu verschiedenen Strömungen geführt, beispielsweise zum Chassidismus.
Chassidim („Fromme“) — Die Chassidim gelten als besonders strenggläubig. Gegründet wurde der Chassidismus Mitte des 18. Jahrhunderts in Osteuropa von Israel Ben Elieser, genannt Baal Schem Tov („Herr des guten Namens“). Seine Anhänger folgten einer Lehre, verbunden mit Musik und Tanz, die zu ekstatischer Freude führte. Viele ihrer Glaubensansichten, auch die über die Seelenwanderung, wurzeln in der mystischen jüdischen Literatur, bekannt als Kabbala. Heute werden sie von Rebbes (jiddisch für „Rabbis“) oder Zaddikim geleitet, die von ihren Anhängern als äußerst gerecht oder als Heilige betrachtet werden.
Die Chassidim sind heute hauptsächlich in den Vereinigten Staaten und in Israel zu finden. Sie tragen eine besondere Art osteuropäische Kleidung (meist in Schwarz) aus dem 18. und 19. Jahrhundert, durch die sie vor allem im modernen Stadtbild allgemein auffallen. Heute sind sie in verschiedene Sekten aufgespalten, die verschiedenen berühmten Rebbes folgen. Eine sehr aktive Gruppe sind die Lubavitchers, die sich eifrig bemühen, Anhänger unter den Juden zu finden. Einige Gruppen glauben, daß nur der Messias berechtigt sei, Israel als jüdische Nation wiederherzustellen, weshalb sie gegen den Staat Israel sind.
REFORMJUDENTUM (auch als „liberal“ und „progressiv“ bekannt) — Diese Bewegung entstand kurz vor Beginn des 19. Jahrhunderts in Westeuropa. Sie fußt auf den Ideen Moses Mendelssohns, eines jüdischen Intellektuellen aus dem 18. Jahrhundert, der der Meinung war, die Juden sollten sich eher der westlichen Kultur anpassen, als sich von den Nichtjuden abzusondern. Die Reformjuden bestreiten, daß die Thora von Gott geoffenbarte Wahrheit ist. Sie betrachten die jüdischen Speisegesetze und die Vorschriften über Reinheit und Kleidung als überholt. Sie glauben an eine sogenannte „messianische Ära einer universellen Bruderschaft“. In den letzten Jahren sind sie wieder mehr zu dem traditionellen Judentum zurückgekehrt.
KONSERVATIVES JUDENTUM — Eine Bewegung, die 1845 in Deutschland als Nebenzweig des Reformjudentums entstand, weil dieses angeblich zu viele traditionelle jüdische Bräuche ablehnte. Das konservative Judentum glaubt nicht, daß Moses das mündliche Gesetz von Gott empfangen hat, sondern steht auf dem Standpunkt, daß die Rabbiner, die versuchten, das Judentum einer neuen Ära anzupassen, die mündliche Thora ersonnen haben. Die konservativen Juden gehorchen den biblischen Geboten und den rabbinischen Gesetzen, sofern diese „den heutigen Bedingungen des jüdischen Lebens entsprechen“ (The Book of Jewish Knowledge). Sie führen ihre Gottesdienste in Hebräisch und in der Landessprache durch und halten sich streng an bestimmte Speisegesetze (Kaschruth). Männer und Frauen dürfen während des Gottesdienstes zusammensitzen, was bei den Orthodoxen nicht erlaubt ist.
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Links: Juden an der Klagemauer in Jerusalem Oben: Betender Jude mit Jerusalem im Hintergrund
[Kasten/Bilder auf Seite 230, 231]
Einige wichtige Feste und Bräuche
Die meisten jüdischen Feste beruhen auf der Bibel und sind wegen ihrer Verbindung mit verschiedenen Ernten jahreszeitlich bedingt oder erinnern an historische Ereignisse.
▪ Schabat (Sabbat) — Der siebte Tag der jüdischen Woche (vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag) gilt als der Tag, durch den die Woche geheiligt wird, und die genaue Einhaltung dieses Tages bildet einen wesentlichen Teil der Anbetung. Die Juden besuchen die Synagoge, um Thoralesungen und Gebeten beizuwohnen (2. Mose 20:8-11).
▪ Jom Kippur — Versöhnungstag, ein hoher Feiertag, der durch Fasten und Selbstprüfung gekennzeichnet ist. Er bildet den Höhepunkt der zehn Bußtage, die mit Rosch Ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag (der nach dem bürgerlichen Kalender der Juden in den September fällt), beginnen (3. Mose 16:29-31; 23:26-32).
▪ Sukkot (oben rechts) — Laubhüttenfest oder Fest der Einsammlung. Es dient als Erntefest am Ende des größten Teils des landwirtschaftlichen Jahres. Es wird im Oktober gefeiert (3. Mose 23:34-43; 4. Mose 29:12-38; 5. Mose 16:13-15).
▪ Chanukka — Fest der Einweihung. Ein beliebtes Fest, das im Dezember gefeiert wird und an die durch die Makkabäer herbeigeführte Befreiung der Juden von der syro-griechischen Herrschaft sowie an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Dezember 165 v. u. Z. erinnert. Charakteristisch dafür ist das Anzünden von Kerzen während acht Tagen.
▪ Purim — Losfest. Es wird Ende Februar oder Anfang März gefeiert und erinnert an die Rettung der Juden in Persien (im fünften Jahrhundert v. u. Z.) vor der Vernichtung durch Hamans Komplott (Esther 9:20-28).
▪ Pessach — Passahfest. Fest zur Erinnerung an die Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft (1513 v. u. Z.). Das Passahfest ist das höchste und älteste jüdische Fest. Es wird am 14. Nisan (jüdischer Kalender) gefeiert, der gewöhnlich in die zweite Hälfte des März oder in die erste Hälfte des April fällt. Jede jüdische Familie kommt zusammen, um gemeinsam am Passahmahl (Seder) teilzunehmen. Während der folgenden sieben Tage darf kein Sauerteig genossen werden. Diese Zeit wird Fest der ungesäuerten Brote (Matzen) genannt (2. Mose 12:14-20, 24-27).
Einige jüdische Bräuche
▪ Beschneidung — Eine für jüdische Knaben wichtige Zeremonie, die durchgeführt wird, wenn sie acht Tage alt sind. Man spricht davon oft als vom Abraham-Bund, da die Beschneidung das Zeichen des Bundes war, den Gott mit Abraham geschlossen hatte. Männer, die sich zum Judentum bekehren, müssen ebenfalls beschnitten werden (1. Mose 17:9-14).
▪ Bar-Mizwa (unten) — Ein weiteres wichtiges Ritual. Bar-Mizwa bedeutet wörtlich „Sohn des Gebots“ und „bezeichnet die religiöse und gesetzliche Mündigkeit, die ein Junge erreicht, sobald er 13 Jahre und 1 Tag alt ist“. Dieser jüdische Brauch kam erst im 15. Jahrhundert u. Z. auf (Encyclopaedia Judaica).
▪ Mesusa (oben) — Eine jüdische Wohnung erkennt man gewöhnlich leicht an der Mesusa, einer Rollenkapsel, die auf der rechten Seite des Türpfostens, vom Eintretenden aus gesehen, angebracht ist. Die Mesusa ist eigentlich ein kleiner Pergamentstreifen, der mit den Worten aus 5. Mose 6:4-9 und 11:13-21 beschriftet ist. Er wird zusammengerollt und in eine kleine Kapsel gelegt. Eine solche Kapsel wird an allen Eingängen jedes Wohnraums befestigt.
▪ Jarmulke (Käppchen für Männer) — In der Encyclopaedia Judaica heißt es: „Orthodoxe Juden ... betrachten die Kopfbedeckung in und außerhalb der Synagoge als Zeichen der Treue gegenüber der jüdischen Tradition.“ In „Tenach“ wird nichts vom Bedecken des Kopfes während der Anbetung gesagt, weshalb dieser Brauch nach dem Talmud nicht verbindlich ist. Chassidische Jüdinnen tragen entweder ständig eine Kopfbedeckung oder scheren sich den Kopf und tragen eine Perücke.
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