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Einem Gottmenschen ergeben — Warum?Erwachet! 1989 | 22. Dezember
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Ein Gott, doch selten ein Herrscher
Die Kaiserverehrung hat in Japan eine lange Geschichte; sie ist dort seit über tausend Jahren ein fester Bestandteil des Lebens. Und religiöse Traditionen sind nicht so leicht zu entwurzeln. Auch in der Christenheit sagen die Leute: „Wenn meine Religion für meine Eltern gut genug war, dann ist sie auch für mich gut genug.“ Und: „Alle glauben das, sie können sich nicht alle irren.“ Doch im Laufe der Jahrhunderte haben sich Millionen Menschen geirrt, die glaubten, ihr Führer sei göttlich. Betrachten wir kurz die Geschichte des japanischen Kaisers.
Er spielte über die Jahrhunderte hinweg eine sehr unterschiedliche Rolle. „Man dachte, der Kaiser besitze magische Kräfte, durch die er die Götter gnädig stimmen und bei ihnen Fürbitte einlegen könne“, erklärt die Kodansha Encyclopedia of Japan. „Doch wegen der Erhabenheit, die ihn umgab, galt es als unangebracht, daß er sich mit den weltlichen Regierungsgeschäften befaßte. Diese Geschäfte einschließlich der Bestimmung und Durchführung der Politik oblagen den Ministern.“
Somit hatte der Kaiser eher eine priesterliche als eine politische Funktion zu erfüllen. „Die einzige längere Periode in der japanischen Geschichte, in der der Kaiser beide Funktionen tatsächlich ausübte, reichte“, wie die oben erwähnte Enzyklopädie schreibt, „von der Regierung TENCHIS in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts bis zu der von KAMMU, der Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts herrschte.“
Außer in dieser Zeit regierten die japanischen Kaiser nicht wirklich. Nach dem 9. Jahrhundert schwand die Macht des Kaisers, und mit der Zeit übernahm der Schogun (japanisch für „Heerführer“) die politische Macht. Der Kaiser ernannte zwar theoretisch den Schogun, doch war dieser der eigentliche Herrscher. Aber 1867, nach Jahrhunderten der Herrschaft über Japan, mußte das Schogunat die Macht an den Kaiser abtreten.
In diesem Jahr wurde Kaiser Meiji, Hirohitos Großvater, zum Herrscher Japans. Er gab seinem Volk später eine Verfassung, die den Kaiser für „heilig und unantastbar“ erklärte. Allerdings wurde dem Kaiser paradoxerweise zwar politische Autorität verliehen, doch bekam er keine politische Macht. Er herrschte, aber regierte nicht.
In der Verfassung hieß es: „Die zuständigen Minister sollen den Kaiser beraten [und ihm beistehen] und für ihre Ratschläge die Verantwortung tragen.“ Gemäß der Kodansha Encyclopedia „bedeutete dies im Endeffekt, daß die Minister die politische Verantwortung trugen und nicht der Kaiser“.
So übten de facto die Minister die politische Macht aus. Der Kaiser jedoch wurde dem einfachen Volk als Gott hingestellt, der absolute Gewalt über die Nation hat. Die herrschende Klasse benutzte die traditionelle und von oben geförderte „Göttlichkeit“ des Kaisers, um das Volk untertan zu halten. Die Kriege, die Japan in unserem Jahrhundert führte, führte es im Namen des Kaisers. Und das Volk glaubte im allgemeinen, er sei ein Gott, der übernatürliche Kräfte habe.
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Einem Gottmenschen ergeben — Warum?Erwachet! 1989 | 22. Dezember
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Die Frage der Verantwortung
Hirohitos Krankheit und Tod brachten eine heikle Frage wieder auf die Tagesordnung: Inwieweit war der Kaiser für Japans militärische Aggressionen verantwortlich? Die Meinung der meisten geht offensichtlich dahin, daß er selbst gegen den Krieg war, sich aber den Entscheidungen seiner Minister fügen mußte. In bezug auf die Pläne seiner Minister, 1941 die Vereinigten Staaten anzugreifen, erklärte er: „Ich konnte ihre Entscheidungen nicht umstoßen. Ich denke, das war in Übereinstimmung mit der japanischen Verfassung.“
Andererseits ergriff Hirohito die Initiative und traf die Entscheidung zu kapitulieren, als seine Minister sich nicht einigen konnten. Ein paar Tage nach dieser Entscheidung, am 15. August 1945, waren seine Untertanen erschüttert, als sie zum erstenmal seine Stimme hörten. Über den japanischen Rundfunk verkündete er die Kapitulation und forderte sie auf, „das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden“.
Monate danach hieß es von seiten der britischen Regierung: „Nicht die Atombombe zwang die Japaner zur Kapitulation, sondern der Erlaß des Kaisers. Ohne diesen hätte eine Invasion gewaltige Opfer gefordert.“
Als daher nach dem Krieg Stimmen laut wurden, Hirohito als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, wehrte sich General Douglas MacArthur, Chef der amerikanischen Militärverwaltung in Japan, energisch dagegen. Er führte später aus: „Wäre der Kaiser verurteilt und eventuell gehängt worden, hätte man, davon war ich überzeugt, in ganz Japan ein Militärregime aufrichten müssen, und es wäre wahrscheinlich zu einem Guerillakrieg gekommen.“
MacArthur traf Hirohito am 26. September 1945, und er war beeindruckt. Statt die Verantwortung für den Krieg von sich zu weisen, war der Kaiser bereit, sich als derjenige zu stellen, „der allein verantwortlich ist für jede politische und militärische Entscheidung und Unternehmung, die mein Volk in der Verfolgung des Krieges getroffen und durchgeführt hat“.
Doch wahrscheinlich die Mehrheit der heutigen Japaner hält Hirohito nicht verantwortlich für den Krieg, den offensichtlich seine Minister heraufbeschworen hatten. Daher erhob sich ein Sturm des Protests, als der Bürgermeister von Nagasaki, Hitoshi Motoshima, vor einem Jahr — Kaiser Hirohito lag auf dem Sterbebett — es wagte, öffentlich zu erklären: „Aufgrund meiner Erfahrung mit der Kriegserziehung denke ich, daß der Kaiser für den Krieg verantwortlich ist.“
Motoshima bemerkte, er sei als Offizier, der während des Kriegs Rekruten unterwiesen habe, „gezwungen gewesen, den Leuten zu sagen, sie sollten im Namen des Kaisers in den Tod gehen“. Er ist wie andere der Meinung, die Stimme eines Kaisers, der von seinen Untertanen als Gott verehrt wurde, hätte ein gewaltiges Gewicht gehabt, wäre sie im Widerstand gegen den Krieg erhoben worden.
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