Warum ich nicht mehr in den Himmel kommen möchte
Von Yuriko Eto erzählt
ALS japanische Methodistin war ich der festen Überzeugung, daß es kein größeres Glück geben könne, als in den Himmel zu kommen. Wie erhebend wäre es doch, bei Gott zu sein und dort zusammen mit Jesus Christus ewig zu leben! Warum hatte ich ein solch sehnsüchtiges Verlangen, in den Himmel zu kommen? Und warum gab ich diese Vorstellung dann doch auf? Ich möchte dir meine Geschichte erzählen.
Jahrhundertelang waren in meinem Heimatland Japan der Schintoismus und der Buddhismus die einzigen zugelassenen Religionen. Als ich im Jahre 1911 geboren wurde, war erst 22 Jahre zuvor Religionsfreiheit gewährt worden, woraufhin meine Angehörigen Methodisten geworden waren. Mein Vater war Geschäftsmann. Es erwies sich für mich als ein Segen, daß meine Mutter, deren Vater Geistlicher war, fest an die Bibel glaubte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß wir oft Besuch von einer ihrer Freundinnen hatten, die Rektorin einer Konfessionsschule für Mädchen war. Sie sprach stets über die Bibel, und ich hörte ihr gern zu. Am Ende eines Gesprächs sagte sie jedoch jedesmal: „Ist es nicht traurig, daß uns die Bibel noch so verschlossen ist und wir sie nicht verstehen können?“ Das beunruhigte mich immer wieder. Warum hat Gott, der die Bibel durch Menschen schreiben ließ, nicht dafür gesorgt, daß sie von Menschen verstanden wird?
Wenn ich von der Schule nach Hause kam, gab es für mich nichts Schöneres, als auf einem bequemen Stuhl zu sitzen, die Bibel zu lesen und vom Himmel zu träumen. Der Gedanke, daß Christus möglicherweise zu meinen Lebzeiten kommen könnte, um uns zu sich zu nehmen, bewegte mich besonders. Jesus Christus, der sich mit einem Bräutigam verglichen hatte, wies warnend darauf hin, daß fünf der zehn Jungfrauen, die eingeschlafen waren, dem Bräutigam nicht entgegengehen und nicht in den Himmel kommen konnten. Ich betete daher täglich darum, daß die Zeit, in der der Herr Jesus uns rufen würde, bald kommen und daß die zweite Gegenwart Christi nicht in Vergessenheit geraten möge. In meinem Herzen bewahrte ich die Schriftstelle, in der es heißt: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Ich wartete und hoffte. Ich lebte tatsächlich wie ein unbesorgter Reisender in dieser Welt (Matthäus 25:1-12; 5:8, Lutherbibel).
Im Jahre 1933 heiratete ich. Da ich in Unterhaltungen immer wieder auf den Himmel zu sprechen kam, entgegnete mein Mann lachend: „Du gehörst in den Himmel, aber ich gehöre auf die Erde.“ Mein Schwiegervater war jedoch von der Bibel begeistert und sagte oft: „Das Kommen des Herrn Jesus liegt schon fast 2 000 Jahre zurück, und wir können damit rechnen, daß seine zweite Gegenwart nahe ist.“ Mein Herz brannte immer mehr.
Dann brach der Zweite Weltkrieg aus, und im letzten Kriegsjahr starb mein Mann. Ich war überzeugt, daß die furchtbare Hölle — sofern es sie überhaupt gab — diese Welt sein mußte. Nach dem Krieg mußte ich mit meinen vier Kindern (das jüngste war sieben Monate alt) mehrmals umziehen, da in Tokio ein völliges Chaos herrschte. Ich versäumte jedoch an keinem Sonntag den Gottesdienst. Wenn wir umzogen, besuchte ich stets die Kirche, die unserer Wohnung am nächsten lag. Für mich spielte es keine Rolle, um welche Glaubensgemeinschaft es sich handelte, da ich überzeugt war, daß es nur einen Gott und nur eine Bibel gibt. Mir mißfiel der Gedanke, mich irgendeiner Religionsgemeinschaft anzuschließen.
Auf der Suche nach Gottes Organisation
Da mir gewisse Unterschiede auffielen, begann ich mich allmählich zu fragen, wie Gott all die Sekten betrachtet, kam jedoch zu dem Schluß, daß er wohl am besten wisse, daß in den vielen Religionsorganisationen Irrtümer vorherrschten. Ich dachte, Gott würde gleich einem Lehrer, der den Schülern für ihre Klassenarbeiten Zensuren gibt, der Gemeinschaft die beste Zensur geben, die die Bibel am genauesten versteht. In mir begann sich der Wunsch zu regen, unbedingt die Organisation zu finden, die in Gottes Augen richtig ist. Dabei kam mir Matthäus 7:9 in den Sinn. Dort heißt es: „Wer ist der Mensch unter euch, den sein Sohn um Brot bittet — er wird ihm doch nicht etwa einen Stein reichen?“ Da ich nach dem wahren „Brot“ suchte, setzte ich meinen Glauben in diese Schriftstelle und begann, jeden Tag zu beten: „Hilf mir bitte, mich mit der Organisation zu verbinden, die die Bibel genau versteht.“ Ein Jahr später zog ich nach Jokohama, wo ich ein Gespräch führte, das mich elektrisierte.
Wann immer ich jemand traf, der eine Kirche besuchte, fragte ich ohne Umschweife: „Kennen Sie vielleicht jemand, der die Bibel in allen Einzelheiten versteht?“ Eines Tages traf ich in einer nahe gelegenen Stadt eine Frau, die einer Kirche angehörte, und stellte ihr dieselbe Frage. Bis dahin hatte noch niemand meine Frage bejaht, aber sie antwortete voller Überzeugung: „Ja, ich kenne jemand. Vorgestern sprach eine Missionarin bei mir vor. Ich bat sie herein, und sie schlug sofort ihre Bibel auf und erklärte mir einen Gedanken nach dem anderen. Bevor sie ging, erwähnte sie, daß sie oben auf der Anhöhe wohnt, wo auch Sie wohnen.“ Nachdem ich das gehört hatte, verließ ich voller Begeisterung ihr Haus. Am nächsten Tag suchte ich das Missionarheim der Zeugen Jehovas auf.
Eine Zeit der Krise
Endlich konnte ich ein eingehendes Bibelstudium beginnen. Doch nach etwa einem Monat geschah es: Jean Hyde (jetzt Nisbet), die Missionarin, die mit mir studierte, sagte lächelnd: „In der Zukunft werden Sie wahrscheinlich nicht im Himmel, sondern auf der Erde leben.“ Ich war wie vom Donner gerührt. Mir war, als hätte man mich aus dem Himmel hinausgeworfen. Verärgert fauchte ich sie an: „Ich habe noch nie einen Missionar getroffen, der etwas so Unverschämtes gesagt hat wie Sie. Es ist eine Schande, daß Sie mir die Lust am Bibelstudium auf diese Weise verderben, wo ich mich doch so sehr darauf gefreut habe. Aber da ich nach der wahren Organisation suche und den Wachtturm abonniert habe und auch das Buch ‚Gott bleibt wahrhaftig‘ besitze, werde ich die Sache selbst genau prüfen. Wenn sich herausstellen sollte, daß es die Wahrheit ist, werde ich mich fügen und Sie wieder um Hilfe bitten.“
Bei Jean war kein Zeichen von Verärgerung festzustellen. Mit einem wohlwollenden Lächeln sagte sie: „Prüfen Sie auf alle Fälle die Wahrheit.“ Damit ging sie, aber von Zeit zu Zeit sprach sie wieder vor und fragte: „Kommen Sie mit Ihrer Prüfung voran?“ Ich hatte gehofft, daß diese Organisation Gottes Antwort auf meine Gebete sei, aber jetzt waren meine Gefühle völlig in Aufruhr. Nie zuvor hatte ich davon gehört, daß ein Unterschied gemacht wird zwischen solchen, die in den Himmel kommen werden, und solchen, die ewig auf der Erde leben werden.
Ich untersuchte jeden Tag ernstlich die Wachtturm-Publikationen. Nach einiger Zeit sprach Adrian Thompson, ein reisender Aufseher der Zeugen Jehovas, bei mir vor. Ein wenig aufsässig, fragte ich ihn sofort: „Selbst wenn es in Zukunft zwei Gruppen geben würde, eine himmlische und eine irdische, würde nicht Gott die Entscheidung treffen? Es wäre doch anmaßend, wenn Menschen das entscheiden wollten, oder?“ Er antwortete: „Ganz genau! Gott trifft die Entscheidung.“ Mir waren zwar die Einzelheiten noch nicht klar, aber ich fühlte mich doch irgendwie erleichtert. Ich dachte: „Dann habe ich ja immer noch die Aussicht, in den Himmel zu kommen.“ Daraufhin betete ich und studierte allein weiter.
Im Jahre 1954 besuchte ich die Feier zum Gedenken an den Tod Jesu Christi. Lloyd Barry sagte in seiner Ansprache, daß nur diejenigen, die sich in dem „Bundesverhältnis“ befinden, von dem Brot und dem Wein nehmen. Nach dem Gedächtnismahl ging ich mit Shizue Seki, einer eifrigen Zeugin, den ganzen Weg zu Fuß nach Hause, denn ich hatte viele Fragen. Sie zeigte große Anteilnahme und nahm sich die Zeit, mich zu ermutigen, nicht aufzugeben, nur weil ich bei einem Punkt Probleme hatte. Ich sollte mich vielmehr vergewissern, ob all die anderen Lehren biblisch begründet seien oder nicht.
Eines Tages richtete ich, nachdem die Kinder zur Schule gegangen waren, die Wohnung für Gäste her, und währenddessen betete ich im stillen: „Ich möchte wieder mit den Zeugen studieren.“ Als ich die Augen öffnete, sah ich zu meinem Erstaunen nicht die erwarteten Gäste, sondern drei japanische Zeugen Jehovas. Überrascht erzählte ich ihnen, was ich gerade im Gebet gesagt hatte. Fumiko Seki hüpfte vor Aufregung, klatschte in die Hände und rief: „Gut! Gut!“ Bald begann Sonny Dearn, ein Missionar, dem Fumiko durch Übersetzen half, mit mir ein schönes Studium. Zu dieser Zeit beteiligten sich auch zwei meiner Kinder am Studium. Als Sonny eine neue Zuteilung erhielt, kam an seiner Stelle Leon Pettitt, ein anderer Ausländer, zu uns. Wir überschütteten ihn stets mit Fragen. Er zeigte uns in aller Ruhe die Schriftstellen, damit wir selbst die richtigen Schlußfolgerungen ziehen und in der biblischen Erkenntnis Fortschritte machen konnten.
Der Zweck des himmlischen Lebens
Ich erfuhr, daß mit dem himmlischen Leben ein Zweck verbunden ist, der weit über die bloße Sehnsucht hinausgeht, nahe bei dem herrlichen Gott zu sein und dort zusammen mit Jesus Christus ewig zu leben, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Als ich bestimmte Lehren kennenlernte, war ich von Herzen bereit, sie anzunehmen.
Hätte zum Beispiel Adam, der erste Mensch, nicht gesündigt, bestünde überhaupt keine Notwendigkeit, daß Menschen in den Himmel kommen, da es dort bereits vor der Erschaffung der Welt Abertausende von Engeln gab (Hiob 38:4-7; Daniel 7:9, 10).
Im Verlauf des Studiums erfuhr ich aus Lukas 12:32, daß nur eine kleine Gruppe in den Himmel kommt, die in der Bibel „kleine Herde“ genannt wird. Jesus sagte: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Königreich zu geben.“ Sollen ihre Glieder nicht, wie in Offenbarung 20:6 gesagt wird, „als Könige die tausend Jahre mit ihm [Christus] regieren“? Und wird nicht in Offenbarung 5:10 gezeigt, daß sie „als Könige über die Erde regieren“ werden?
Ich erfuhr auch, welche Bedeutung das Vaterunser hat. Jesus betete: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ (Matthäus 6:10, Lu). Als ich verstand, daß es sich dabei um die himmlische Königreichsregierung handelt, bestehend aus Menschen, die von der Erde genommen werden, um zusammen mit dem König Jesus Christus zu regieren, staunte ich über Gottes Weisheit. Ich war überzeugt, daß diese einzigartige neue Regierung genau das ist, was wir brauchen, da sie die Menschen von allem — Leid, Sorgen und Bedrängnis — befreien wird, was Satan über uns gebracht hat. Jehova verdiente wirklich meinen Lobpreis.
Als ich außerdem erfuhr, daß die Zahl derer, die in den Himmel kommen, auf 144 000 beschränkt ist, konnte ich nur beipflichten, daß das angemessen ist (Offenbarung 14:1, 3). Schließlich ist ja auch die Zahl der Minister in einer Regierung auf der Erde begrenzt. Mir wurde bewußt, daß denjenigen, die in den Himmel kommen, bestimmte wichtige Aufgaben übertragen werden. Gemäß Gottes liebevoller Vorkehrung werden sie unter anderem dafür sorgen, daß alle Bewohner der Erde glücklich werden und daß auf der Erde paradiesische Zustände wiederhergestellt werden.
Mich erfüllte so große Wertschätzung, daß ich meine Hoffnung, in den Himmel zu kommen, gern aufgab. Ich stützte mich von nun an völlig auf die Hoffnung, in einem Paradies auf der Erde zu leben. Ohne Zweifel hat Gott durch seine Organisation das Verständnis der Bibel erschlossen. Ich hatte nach der Wahrheit gesucht und bin Gott zu Dank verpflichtet, daß er mir geholfen hat, mich mit der Organisation zu verbinden, die er anerkennt.
Freudiger Dienst, der Früchte hervorbringt
Im Oktober 1954 wurde ich getauft. Seit 1955 stehen zwei meiner Kinder und ich im Vollzeitdienst. Mein Sohn Keijiro diente sieben Jahre als reisender Aufseher. Heute hat er zwei Kinder, und er und seine Frau sind immer noch eifrige Vollzeitprediger (Pioniere). Als Sonderpionier durfte ich dazu beitragen, daß in sechs Städten Versammlungen der Zeugen Jehovas gegründet werden konnten.a Dann hatte ich die Freude, mehrere Jahre zusammen mit Hiroko, meiner ältesten Tochter, auf der Insel Hachijō, die etwa 300 km von Tokio entfernt im Pazifik liegt, tätig zu sein.
Da ich jetzt mit der Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft auf der Erde zufrieden bin, hat sich meine Ansicht in bezug auf die Erde sehr verändert. Auf Hachijō waren wir umgeben von ungewöhnlichen Blumen, die wir bewundern konnten, wenn wir uns im Haus-zu-Haus-Dienst mit den Wohnungsinhabern in ihren schönen Gärten unterhielten. Eines Tages sprachen wir bei einer älteren Frau vor, die gerade mit der Pflege ihrer Blumen beschäftigt war. Wir lobten sie, doch sie klagte: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber es bedrückt mich, daß ich mich von diesen Blumen trennen muß, wenn ich in die andere Welt hinübergehe.“ Ich erklärte ihr, daß sie unter Gottes Königreich von den Toten auferweckt werden wird, und zwar auf einer paradiesischen Erde, auf der man sich ewig an den Blumen erfreuen kann. Ihre Augen begannen zu leuchten, und wir konnten ein Bibelstudium einrichten.
Mich beeindruckte auch der einfache Lebensstil der Inselbewohner, die mit großer Ehrfurcht ihre Ahnen verehren. Wenn jemand stirbt, nimmt der gesamte Ort am Begräbnis teil. Ich kann nur wünschen, daß diese Menschen Jehova, den Vater des Lebens, kennenlernen und verstehen, daß er der Gott ist, der ihre Vorfahren wieder zum Leben bringen wird, wenn aus der Erde ein Paradies geworden ist. Gern würde ich ihnen zeigen, daß ein großer Unterschied darin besteht, seine Vorfahren zu achten oder sie anzubeten. Wir dürfen nur Jehova, den Vater des Lebens, anbeten. Jesus sagte: „Die Stunde [kommt], und sie ist jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater mit Geist und Wahrheit anbeten werden; denn in der Tat, der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist ein GEIST, und die ihn anbeten, müssen ihn mit Geist und Wahrheit anbeten“ (Johannes 4:23, 24).
Nun bin ich in meiner siebenten Gebietszuteilung, und ich bin Jehova dankbar, während ich fortfahre, mit den Menschen über den Vorsatz der himmlischen Königreichsregierung Jehovas zu sprechen und über die wunderbaren Segnungen, die sie denjenigen bringen wird, die das großartige Vorrecht haben werden, ewig auf der Erde zu leben (2. Petrus 3:13; Offenbarung 21:3, 4).
[Fußnote]
a Yuriko Eto konnte 75 Personen, mit denen sie die Bibel studierte, helfen, Königreichsverkündiger zu werden.
[Bild auf Seite 12]
Yuriko Eto spricht mit anderen über die biblische Verheißung eines irdischen Paradieses