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Höhepunkte und JahresrückblickJahrbuch der Zeugen Jehovas 2012
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GROSSES ERDBEBEN IN JAPAN
Erdbeben, Tsunamis, Tornados, Wirbelstürme, Flutwellen, Überschwemmungen, Waldbrände, Vulkanausbrüche — weltweit jagt eine Naturkatastrophe die andere. Und die Nachrichten sind voll davon. Wir können hier natürlich nicht von all den Zeugen Jehovas erzählen, die solche Katastrophen mit großer innerer Stärke durchgestanden haben. Aber wie tapfer sie alle waren, wird besonders eindrucksvoll durch unsere japanischen Brüder belegt.
Am Freitag, den 11. März 2011, um 14.46 Uhr (Ortszeit) wurde Japan von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9 erschüttert. Der ausgelöste Tsunami machte viele Städte und Dörfer an der Pazifikküste dem Erdboden gleich und man spricht von rund 20 000 Toten und Vermissten. Vier Königreichssäle wurden komplett zerstört und vier weitere waren nicht mehr zu gebrauchen. 235 Häuser unserer Brüder wurden weggespült oder verwüstet. Über 1 000 waren dringend reparaturbedürftig.
Durch das Beben und den Tsunami wurde ein Atomkraftwerk so schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass Radioaktivität austrat. Die Bevölkerung im direkten Umkreis musste evakuiert werden. Viele Orte wurden so über Nacht zu Geisterstädten. Auch unsere Brüder und Schwestern mussten das Gebiet verlassen, und so waren zwei Versammlungen mit einem Schlag „einfach weg“.
In den am stärksten betroffenen Gebieten wohnten mehr als 14 000 Zeugen Jehovas. Zwölf kamen ums Leben, fünf wurden schwer verletzt und zwei gelten noch als vermisst. Viele Überlebende dieser traumatischen Ereignisse verloren ihr Heim, ihr gesamtes Hab und Gut und etliche auch liebe Angehörige.
Kiyoko aus Ofunato schildert, wie es ihr erging: „Ich konnte meine Mutter, die behindert ist, noch irgendwie ins Auto bekommen und fuhr in Richtung vorgesehenen Schutzraum los. Dann bemerkte ich Rauch. Ich sprang aus dem Wagen und sah, wie eine gigantische Wasserwand unser Haus verschlang. Die Wassermassen kamen direkt auf uns zu! Ich half meiner Mutter, auf allen vieren einen Bahndamm hochzuklettern. Wir sahen, wie unser Auto in den Fluten verschwand.“
Nach dem Beben versuchte ein junger Bruder namens Koichi nach seinen Eltern zu sehen, die im 5 Kilometer vom Meer entfernten Ishinomaki lebten. Er musste jedoch feststellen, dass die gesamte Gegend unter Wasser stand. Ohne Boot kam er da nicht weiter. Drei Wochen danach fand er seinen Vater — in einem Leichenschauhaus. Und drei Wochen später seine Mutter.
In Shichigahama fuhr Masaaki, kaum dass das Beben vorbei war, mit seinem Wagen zu einem Königreichssaal, der ungefähr 1 Kilometer vom Meer stand. Masaaki erzählt: „Dort parkte schon eine Schwester, die sich auch dorthin geflüchtet hatte. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass sich ein Tsunami so weit ins Land hineinwälzen würde. Doch schon bald war der Boden von schwarztrübem Wasser bedeckt. Die Autos fingen an zu treiben. Ich kletterte aus dem Fenster aufs Autodach. Aber der Wagen der Schwester wurde weggespült und verschwand vor meinen Augen. Ich betete zu Jehova, dass er ihr doch bitte hilft.
Schneeflocken fielen, ich war nass bis auf die Haut und bibberte. Dann hörte es zwar auf zu schneien, aber es war bitterkalt! Die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Die Sterne funkelten wunderschön. Ich stand auf dem Dach meines Autos — eine Insel im eisigen Meerwasser. Aber ich war nicht der einzige Gestrandete: Um mich herum saßen noch mehr Menschen auf Trümmerteilen oder Hausdächern fest. Würde ich den nächsten Morgen noch erleben? Um auf andere Gedanken zu kommen, ging ich laut aus dem Kopf einen Vortrag durch, den ich erst vor 14 Tagen gehalten hatte. Das Thema konnte nicht passender sein: ,Wo finden wir in schwierigen Zeiten Hilfe?‘. Danach sang ich das einzige Lied, das ich auswendig konnte: ,Mein Vater, mein Gott und Freund‘. Immer wieder sang ich dieses Lied! Dabei musste ich an all das denken, was ich im Dienst für Jehova erlebt hatte, und die Tränen liefen nur so.
Plötzlich hörte ich von einem Haus gegenüber: ,Alles in Ordnung bei Ihnen? Ich komme und hole Sie!‘ “ Ein Mann hatte aus Treibholz ein Floß zusammengezimmert und war jetzt dabei, Leute zu retten. Mit seiner Hilfe konnte sich Masaaki über ein Fenster im 2. Stock in jemandes Haus in Sicherheit bringen. Später erfuhr er, dass die Schwester aus dem anderen Auto auch wohlbehalten war. Ihm fiel ein Stein vom Herzen!
In Rikuzentakata sollte am Samstag, den 12. März im Königreichssaal eine Hochzeitsansprache gehalten werden. Und alle freuten sich schon darauf. Das Brautpaar, Kohei und Yuko, konnte die Ehe am Freitag noch registrieren lassen. Dann kam das Erdbeben. Kohei hörte von der Tsunamiwarnung und flüchtete sich in höheres Gelände. „Über der gesamten Stadt lag ein Dunstschleier“, erzählt er. „Nichts stand mehr — außer einigen größeren Gebäuden. Bis dahin war meine ganze Sorge gewesen, ob später am Tag noch alles so klappen würde, wie es geplant war. Aber dann ging mir schlagartig auf, dass hier wirklich etwas ganz Schlimmes passiert war.“
Kohei und Yuko verbrachten den Samstag damit, ihren Brüdern und Schwestern aus der Versammlung zur Seite zu stehen. „Aus den Nachbarversammlungen kamen gleich Hilfsgüter an. Ich war stolz darauf, eine Frau zu haben, für die es Ehrensache war, dass wir jetzt unsere Zeit und Kraft für unsere Brüder einsetzten. Ich bedankte mich bei Jehova für so eine fabelhafte Frau! Der Tsunami hat unser neues Heim, unseren Wagen und alles, was wir besaßen, mit sich fortgerissen. Aber: Ich bin einfach nur dankbar, dass wir so viel Liebe erfahren haben!“
Hilfe auf jedem Gebiet. Schnell organisierte der japanische Zweig drei Katastrophenhilfskomitees und schickte wiederholt jemand in die Katastrophengebiete. Als im Mai die Zonenaufseher Geoffrey Jackson und Izak Marais von der Weltzentrale zu Besuch kamen, ließen auch sie es sich nicht nehmen, ihren Brüdern in einer der am stärksten verwüsteten Gegenden Mut zuzusprechen. Dafür wurde extra eine Zusammenkunft arrangiert, die rund 2 800 Brüder in 21 Königreichssälen via Telefon mitverfolgen konnten. Von der liebevollen Anteilnahme ihrer weltweiten Familie zu hören tat allen sehr gut.
Die Katastrophenhilfskomitees und andere Freiwillige überschlugen sich fast, um alles Nötige für die Brüder heranzuschaffen. Das Wichtigste waren zunächst Lebensmittel, Wasser und Brennstoff. Aber die Hilfskomitees sorgten auch für Kleidung in allen möglichen Größen. Und mit ein paar Kleiderstangen und Spiegeln wurden aus Königreichssälen vorübergehend „Kleidergeschäfte“.
Wie lieb Jehova doch für die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse sorgen ließ — dafür waren die bedrängten Brüder und Schwestern sehr dankbar. Besonders viel Kraft gaben ihnen ihre Zusammenkünfte! Eine Schwester aus dem Katastrophengebiet schrieb: „In den Zusammenkünften, da komme ich zur Ruhe. Sie sind für mich wie ein Rettungsanker von Jehova.“
Eine Botschaft, die Perspektiven bietet. Die schwer erschütterte japanische Bevölkerung war wie betäubt und brauchte dringend Trost aus Gottes Wort, und unsere Brüder reagierten schnell. So ging zum Beispiel eine Verkündigergruppe in einer Stadt, die von der Katastrophe verschont geblieben war, mit einem großen Schild in den Straßendienst. Darauf stand: „Wieso eine solche Katastrophe? Die Bibel hat die Antwort!“ Viele zeigten sich interessiert und die Brüder konnten in nur anderthalb Tagen 177 Bücher (Was lehrt die Bibel wirklich?) in die Hände der Menschen legen.
In den Katastrophengebieten haben die Brüder erst mal die Interessierten aufgesucht, um sie irgendwie zu trösten, dann aber auch andere. Akiko schildert, was passierte, als sie einer Frau Matthäus 6:34 vorlas: „Sie weinte und machte sich offensichtlich große Sorgen. Als ich ihr erklärte, wie die Bibel einem hilft, inneren Frieden zu finden, war sie davon sehr angetan und sie bedankte sich bei mir. Das hat mir erneut bewusst gemacht, welche Kraft die Bibel besitzt, in den Herzen der Menschen etwas anzurühren.“
Ein Mann meinte: „Es gibt so viele Religionen, aber Sie sind die Einzigen, die jetzt — wo nichts mehr ist, wie es war — zu uns kommen.“ Jemand anders sprach uns seinen größten Respekt aus: „Erstaunlich, dass Sie trotz dieser Katastrophe einfach weitermachen wie gehabt.“ Ein Ältester erzählte: „Vielen Menschen sind unsere Besuche sehr willkommen. Sie sagen, dass wir die Ersten sind, von denen sie seit der Katastrophe Besuch bekommen haben, und wir sollen unbedingt wiederkommen.“
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Höhepunkte und JahresrückblickJahrbuch der Zeugen Jehovas 2012
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Königreichssaal in Rikuzentakata
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Oben: Freiwillige befreien das Zuhause eines Bruders in Shibata (Miyagi) von Schutt und Trümmern
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Links: Ein Bruder vom Zweigkomitee spricht zu unseren Brüdern in Rikuzentakata
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Unten: Hier wird gekocht für den Tagessonderkongress im Katastrophengebiet
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