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JapanJahrbuch der Zeugen Jehovas 1998
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Japans führende Zeitung Asahi erfuhr von fünf jungen Frauen, Missionarinnen der Zeugen Jehovas, die gerade in Osaka angekommen waren und nach japanischer Art in einem japanischen Haus wohnten. Die Schwestern wurden von Reportern besucht, und es erschien ein hervorragender Bildbericht, in dem man die fünf Schwestern mit Engeln verglich, die wie Kirschblüten vom Himmel herabgeschwebt waren. In dem Artikel wurde auch die Adresse des Missionarheims genannt.
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JapanJahrbuch der Zeugen Jehovas 1998
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„Die 49er“
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für das Predigen enorm. Allerdings teilte Junzo Akashi 1947 dem Büro der Watch Tower Society in Brooklyn (New York) mit, daß er mit den biblischen Lehren nicht mehr einigging. Sogleich wandte sich Bruder Knorr an den Zweig auf Hawaii und fragte, wer von den Brüdern hawaiisch-japanischer Herkunft willens sei, die 11. Klasse der Gileadschule zu besuchen, um als Missionar ausgebildet zu werden. Der Zweigaufseher auf Hawaii, der in den frühen 20er Jahren Sekretär von J. F. Rutherford gewesen war, stellte Bruder Knorr die Frage: „Bruder Knorr, wie steht’s denn mit den Hasletts?“ Und so wurden auch Don Haslett und seine Frau Mabel eingeladen, obwohl sie schon auf die 50 zugingen. In der Gileadschule gaben Shinichi Tohara und Elsie Tanigawa mehr als 20 Studenten Japanischunterricht.
Im Jahr 1949 nahmen „die Hawaiianer“ — Don und Mabel Haslett, Jerry und Yoshi Toma, Shinichi und Masako Tohara und ihre drei Kinder sowie Elsie Tanigawa — ihre Tätigkeit im ausgebombten Tokio auf. Noch im selben Jahr folgte eine Gruppe aus Australien, zu der Adrian Thompson, Percy und Ilma Iszlaub sowie Lloyd und Melba Barry gehörten, die in die vom Krieg zerstörte Stadt Kobe gesandt wurden. Diese ersten Missionare in Japan wurden als „die 49er“ bekannt. Sechs von ihnen sind in ihrem Gebiet „in den Stiefeln gestorben“, wie man so sagt, und acht weitere sind noch immer im Vollzeitdienst in Japan und in Brooklyn (New York) tätig. 1949 berichteten außerdem acht einheimische Verkündiger über die Zeit, die sie im Königreichsdienst einsetzten.
Mehrung in Tokio
Die hawaiische Gruppe erzielte in Tokio bemerkenswerte Fortschritte. Yoshi Toma weiß noch, wie sie in der Nachkriegszeit das Gebiet „von Unterstand zu Unterstand“ bearbeiteten. Sie berichtet: „Die Leute waren arm und erholten sich nur schwer von den Kriegseinwirkungen. Die Lebensmittel waren rationiert, und Don Haslett stand gewöhnlich zusammen mit den Nachbarn für die Kohlkopfrationen an.“ Aber die Wohnungsinhaber waren überaus freundlich und hörten geduldig zu, wenn die Missionare sich mit ihren Darbietungen in Japanisch abmühten. Die Missionare mußten lernen, daß man vor dem Betreten eines Hauses die Schuhe auszog. Dann betrat man den Nebenraum. Die Decken waren allerdings eher niedrig, und Don Haslett, ein hochgewachsener Mann, trug mehr als eine Narbe davon, weil er sich den Kopf stieß. Innerhalb weniger Jahre legten „die Hawaiianer“ ein festes Fundament in Tokio, wo es heute 139 Versammlungen gibt.
Die gesalbten Zeugen Don und Mabel Haslett aus der Gruppe der „49er“ gaben selbst noch im vorgerückten Alter ein wunderbares Beispiel im Predigtdienst. Als Don 1966 starb, trugen sechs Brüder seinen Sarg zur Begräbnisansprache in den Königreichssaal — alles junge Männer, die er zur Wahrheit hingeführt hatte und die damals der 19köpfigen Bethelfamilie in Tokio angehörten.
Mabel überlebte Don um acht Jahre. Als sie hoch in den 70ern war, wurde bei ihr Dickdarmkrebs festgestellt. Ein führendes Krankenhaus Tokios in Toranomon erklärte sich entgegenkommenderweise zu einer Operation ohne Blut bereit, und zwar unter der Bedingung, daß Mabel bereits zwei Wochen vor der Operation ins Krankenhaus ging. Gleich am ersten Tag wurde sie von einem jungen Arzt besucht, der gern wissen wollte, warum sie eine Behandlung mit Blut ablehnte. Daraus ergaben sich gute biblische Gespräche, die sie bis zur Operation täglich weiterführten. Wegen der Schwere des Falles waren vier Ärzte an der Operation beteiligt. Als Mabel das Bewußtsein wiedererlangte, rief sie aus: „Dieser verflixte alte Adam!“ Wie wahr! Mabel lag nur einen Tag auf der Intensivstation. Bei vier anderen Patienten, die an dem Tag auch solch eine Operation gehabt hatten — allerdings mit Bluttransfusionen —, waren es dagegen mehrere Tage. Und was war mit dem jungen Arzt? Später erzählte er Mabel: „Sie wußten nichts davon, aber im OP waren fünf Ärzte. Ich war nämlich auch da, um absolut sicherzugehen, daß man Ihnen kein Blut gibt.“ Dr. Tominaga setzte sein Bibelstudium in Jokohama fort. Heute sind er und sein Vater, der ebenfalls Arzt ist, sowie von beiden die Ehefrau eifrige Glieder der Versammlung. So trug ein Krankenhausaufenthalt auf wunderbare Weise Frucht.
Mabel setzte ihren Missionardienst vom Missionarheim in Tokio-Mita aus fort. Im Alter von 78 Jahren stellte man erneut Krebs bei ihr fest, und sie wurde bettlägerig. Als die Missionare jedoch eines Abends nach Hause kamen und von den schönen Erfahrungen erzählten, die sie in dem Feldzug mit den Königreichs-Nachrichten gemacht hatten, bestand Mabel darauf, daß man sie anzog und mitnahm, um die Königreichs-Nachrichten zu verteilen. Ihre Kraft reichte gerade für den Besuch von drei Häusern ganz in der Nähe — es waren die gleichen Häuser, wo sie nach ihrer Ankunft in Japan erstmals Zeugnis gegeben hatte. Wenige Wochen später vollendete sie ihren irdischen Lauf und wechselte zu ihrem Dienstplatz im Himmel über. (Vergleiche Lukas 22:28, 29.)
Entwicklung in Kobe
Auch in Kobe war bald Mehrung zu sehen. Der erste richtige theokratische Kongreß in Japan fand auf dem weiträumigen Gelände des Missionarheims in Kobe statt, und zwar vom 30. Dezember 1949 bis zum 1. Januar 1950. Am Sonntag erschienen sage und schreibe 101 Personen zum öffentlichen Vortrag, der in dem Auditorium einer Schule in Tarumi (Kobe) gehalten wurde. Drei Personen ließen sich in dem großen öffentlichen Badehaus von Tarumi taufen.
Einer der Missionare in Kobe, Adrian Thompson, machte bemerkenswerte Fortschritte im Erlernen der japanischen Sprache und wurde 1951 zum ersten Kreisaufseher in Japan ernannt. Später wurde er der erste Bezirksaufseher. Er trug viel dazu bei, ein solides Fundament für kommendes Wachstum zu legen. Er war der Sohn einer langjährigen Pionierin in Neuseeland und hatte sich als Rugbyspieler der 1. Liga einen Namen gemacht. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog er sich jedoch aus der glanzvollen Sportwelt zurück. Er ließ sich als ein Zeuge Jehovas taufen und begann in Australien mit dem Vollzeitdienst. Auch wenn er bereits 1977 starb, wird man sich noch lange an das Energiebündel „Tommy“ und an sein „Beharren auf ausschließlicher Ergebenheit“ gegenüber Jehova erinnern (4. Mo. 25:11).
Es dauerte eine Weile, bis sich die Missionare an die japanischen Häuser, die Kultur und die Sprache gewöhnt hatten, doch ihr Hauptanliegen war es, anderen von der biblischen Wahrheit zu erzählen. „Tiger“ (Percy) Iszlaub, ein aufgeschlossener Australier aus Queensland, schwelgt in Erinnerungen: „Wir führten viele Bibelstudien durch. Ich hatte 36 Studien, und Ilma und die anderen hatten auch ungefähr so viele. Die Interessierten kamen zum Bibelstudium ins Missionarheim, manche täglich. In allen Zimmern des Hauses wurden Bibelstudien durchgeführt, jeden Abend drei oder mehr. Wir verteilten das Studienmaterial in Englisch und in Japanisch. Als Hilfe für die Interessierten zählten wir jeweils, in der wievielten Zeile die Antwort zu finden war. Es ging zwar nur langsam voran, aber es war erstaunlich, was sie alles verstanden, obwohl sie lediglich die Schriftstellen lasen und diese mit den Veröffentlichungen verglichen. Und sie sind heute in der Wahrheit!“
Anfangs stand den Missionaren nur wenig Königreichsliteratur für den Predigtdienst zur Verfügung. Ein Karton mit der japanischen Ausgabe des Buches Licht, Band 2, der noch aus der Vorkriegszeit stammte, war in Kobe aufgetaucht, aber die Leute sagten in der Regel: „Eigentlich würde ich ja lieber zuerst Band 1 lesen.“ Das Interesse eines der ersten Japaner, die in Kobe zur Wahrheit kamen, war jedoch durch das Lesen des zweiten Bandes geweckt worden. Nach einiger Zeit hatte er eine gewisse Reife erlangt, und später wurde er Kreisaufseher. Bald verwendete man Stoff aus dem Buch „Gott bleibt wahrhaftig“. Manche, mit denen studiert wurde, übersetzten selbst Kapitel des Buches; die Übersetzungen wurden vervielfältigt und unter den Missionaren für andere Bibelstudien ausgeliehen. Doch einige Übersetzungen waren eher fragwürdig. Ilma Iszlaub war geschockt, als sie entdeckte, daß auf den Seiten einer Übersetzung die Fußnote „Auslegungen von Frau Ilma Iszlaub“ hinzugefügt worden war.
Etwa zehn Jahre später machte Percy in Fukuoka eine beeindruckende Erfahrung. Kimihiro Nakata, ein gewalttätiger Gefangener in der Todeszelle, der zwei Männer gegen Bezahlung umgebracht hatte, bat um ein Bibelstudium, und Percy studierte mit ihm. Daraufhin legte Kimihiro die „alte Persönlichkeit“ völlig ab. Er ließ sich im Gefängnis taufen, und Percy schilderte ihn als einen der eifrigsten Königreichsverkündiger, die er gekannt hat (Eph. 4:22-24). Kimihiro lernte Blindenschrift und übertrug das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“, die Broschüre „Diese gute Botschaft vom Königreich“ und Artikel aus den Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! in die Blindenschrift. Diese Publikationen wurden in verschiedenen Teilen Japans verbreitet, auch in Schulen für Blinde. Am 10. Juni 1959 fuhr jedoch frühmorgens ein Polizeiauto vor dem Missionarheim vor. Kimihiro hatte gebeten, Percy solle bei seiner Hinrichtung an jenem Morgen dabeisein. Percy erfüllte ihm diesen Wunsch. In dem Gefängnishof, wo die Hinrichtung stattfinden sollte, sprachen sie kurz miteinander, und zum Schluß sangen sie gemeinsam ein Königreichslied. Kimihiro sagte zu Percy: „Warum zitterst du denn, Percy? Ich müßte nervös sein, nicht du.“ Seine letzten Worte, bevor man ihn hängte, waren: „Heute vertraue ich fest auf Jehova, auf das Loskaufsopfer und die Auferstehungshoffnung. Für eine kleine Weile werde ich schlafen, und wenn es Jehovas Wille ist, werde ich euch alle im Paradies wiedersehen.“ Er ließ seine Brüder in der ganzen Welt herzlich grüßen. Kimihiro starb um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, denn es mußte Leben für Leben gegeben werden. Doch er starb nicht als hoffnungsloser, verhärteter Verbrecher, sondern als getaufter, treuer Diener Jehovas. (Vergleiche Apostelgeschichte 25:11.)
Nach einem rund zehnjährigen Kampf gegen den Krebs starb Ilma Iszlaub am 29. Januar 1988 im Bethelheim in Ebina. Später nahm Percy als Mitglied der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania öfter an deren Jahresversammlungen teil, wobei er vor nicht allzu langer Zeit einen hervorragenden Bericht über Japan gab. 1996 starb auch er.
Ende 1949 richtete Melba Barry gleich an ihrem ersten Tag im Predigtdienst in Kobe trotz der Sprachbarriere ein Bibelstudium ein. Aus diesem Studium gingen zwei neue Verkündigerinnen hervor. Eine von ihnen, Miyo Takagi, verbrachte einige Jahrzehnte im Pionierdienst. Sie erzählte Melba später, wie sehr sie davon beeindruckt war, daß zwei Missionarinnen über ein schlammiges Feld stapften, um sie zu besuchen. Heute, 48 Jahre später, predigt Miyo noch immer von Haus zu Haus — allerdings im Rollstuhl. In den nicht einmal drei Jahren, bevor Melba nach Tokio versetzt wurde, half sie sieben Personen, die Wahrheit anzunehmen. Sie haben all die Jahre ausgeharrt und glücklicherweise auch das große Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 überlebt.
Mehr Missionare kommen in das Gebiet
Anfang 1950 wurden fünf Schwestern aus der 11. Gileadklasse, denen die Visa zur Einreise nach Neukaledonien verweigert worden waren, einem anderen Gebiet zugeteilt, nämlich Kobe in Japan. Lois Dyer, die jetzt seit 67 Jahren im Pionierdienst ist, und Molly Heron gehörten zu dieser Gruppe. Sie sind schon 49 Jahre Partnerinnen und dienen derzeit vom Missionarheim in Tokio-Mita aus. Lois’ Lebensbericht erschien im Wachtturm vom 15. September 1980.
Molly Heron erinnert sich: „Das Wohnheim in Kobe war geräumig, und sechs Monate nach der Ankunft der ersten Missionare feierten wir das Gedächtnismahl. Die etwa 180 Anwesenden füllten den Speisesaal und den Flur, und einige hörten sich die Ansprache, die übersetzt wurde, sogar durch die Fenster an.“ Am nächsten Morgen, einem Sonntag, erschienen 35 Personen, die am Abend zuvor die Bekanntmachung über Predigtdienstvorkehrungen gehört hatten, und wollten mit in den Dienst gehen. Bruder Barry erzählt: „Jeder Missionar mußte drei oder vier Neue mit an die Türen nehmen; da die Missionare nicht gerade fließend Japanisch sprachen, wandten sich die Wohnungsinhaber an unsere japanischen Begleiter und unterhielten sich mit ihnen. Was diese Neuinteressierten den Wohnungsinhabern erzählten, das haben wir nie erfahren.“
Ende Juni 1950 brach ganz plötzlich der Koreakrieg aus. Natürlich wollten die Missionare in Japan wissen, wie es ihren acht ehemaligen Klassenkameraden erging, die in Korea tätig waren. Sie brauchten nicht lange zu warten. Am zweiten Tag nach Kriegsausbruch waren einige der Missionare aus Kobe gerade mit dem Nahverkehrszug auf dem Weg nach Hause. Gleichzeitig mit ihrem Zug fuhr ein Zug aus der entgegengesetzten Richtung ein. Man stelle sich vor, was geschah, als die beiden Züge wieder abfuhren. Die Missionare aus Kobe sahen die acht Glieder der Missionargruppe aus Korea auf dem anderen Bahnsteig stehen. Das war ein Wiedersehen! Mit dem allerletzten Flugzeug, das Zivilisten beförderte, hatten sie aus Korea entkommen können. Nun stieg die Zahl der Missionare im Heim in Kobe von 10 auf 18. In der Stadt, die größtenteils in Trümmern lag, wurde ein äußerst gründliches Zeugnis gegeben.
Scott und Alice Counts zogen kurze Zeit später in das Missionarheim in Tokio um, doch im Oktober bezogen alle acht Missionare aus Korea ein neues Heim, das in Nagoja eingerichtet wurde. Von dieser Gruppe gingen nur Don Steele und seine Frau Earlene nach Korea zurück, als die Verhältnisse das wieder zuließen.
Felder, die reif sind zur Ernte
Grace und Gladys Gregory gehörten zu denen, die das Heim in Nagoja einrichteten. Sie fanden ein Gebiet vor, das reif war zur Ernte. Im April 1951 lernte Grace den 18jährigen Isamu Sugiura kennen, der für einen Klavierhändler arbeitete. Gladys erinnert sich: „Isamus Mutter hatte ihn im Glauben einer Schintosekte aufgezogen, und man hatte ihn gelehrt, Japan sei shinshu (göttliches Land) und der kamikaze (göttlicher Wind) werde Japan beschützen und den Japanern helfen, den Krieg zu gewinnen. Sein Glaube an die japanischen Götter wurde jedoch durch die Kapitulation Japans und die Kriegsfolgen — verheerende wirtschaftliche Verhältnisse und Hungersnöte — zunichte gemacht. Sein Vater war im ersten Nachkriegsjahr an Unterernährung gestorben. Der junge Isamu machte sich die Hoffnung auf ein irdisches Paradies zu eigen und ließ sich auf einem Kreiskongreß im Oktober 1951 taufen.“
Ungefähr 50 Missionare und 250 Japaner waren auf jenem Kongreß anwesend. Isamu beeindruckte es, wie ungezwungen und vorurteilslos die Missionare mit den Japanern umgingen, obwohl das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade einmal sechs Jahre zurücklag. Nach 45 Jahren des Dienstes mit ganzer Seele, in denen er unter anderem die Gileadschule besuchte und im Kreis- und Bezirksdienst tätig war, ist Bruder Sugiura heute ein Mitglied des Zweigkomitees im Bethel in Ebina.
Gladys Gregory erinnert sich an die Besuche bei einer Frau, die eine nominelle Buddhistin gewesen war und sich später den Kirchen der Christenheit zugewandt hatte, denen sie aber desillusioniert wieder den Rücken gekehrt hatte. Zu ihrer Enttäuschung hatten ihr die Geistlichen nicht genau erklären können, wer Gott ist und warum sie Gottes Eigennamen nicht gebrauchten, obwohl dieser fast 7 000mal in ihrer Bibel (die Bungotai-Bibel, eine klassische Übersetzung) vorkam. Statt auf ihre vielen Fragen einzugehen, hatte ihr Geistlicher zu ihr gesagt, sie solle „einfach glauben“. Sie erhielt einen Wachtturm (die japanische Ausgabe erschien seit Mai 1951 monatlich), den Gladys bei ihrer Nachbarin zurückgelassen hatte. Von dem Gelesenen beeindruckt, suchte sie nach Gladys. Über diese Erfahrung sagte Gladys später: „Die biblischen Antworten auf ihre Fragen berührten ihr Herz. Sie besuchte sofort das Versammlungsbuchstudium. Dort hörte sie die Bekanntmachung für den Dienst am darauffolgenden Tag und meinte, sie würde auch gern mitgehen. Wir versuchten, sie zu bremsen, und sagten ihr, sie müsse erst noch ein wenig studieren. Sie erwiderte: ,Einverstanden, ich studiere. Aber ich will auch in den Dienst gehen!‘ So geschah es, und in jenem ersten Monat berichtete sie über 50 Stunden. Innerhalb eines Jahres ließ sie sich taufen und nahm den Pionierdienst auf; später verrichtete sie produktiven Dienst als Sonderpionierin. Mit ihren 80 Jahren ist sie immer noch im Pionierdienst.“
Jehova hat es wachsen lassen
Den fünf Missionarinnen, die 1951 nach Osaka geschickt worden waren, gefiel es, daß viele zu ihnen ins Missionarheim kamen, um dort die Bibel zu studieren. Weil sie neu waren, hatten sie allerdings echte Schwierigkeiten, einen Japaner vom anderen zu unterscheiden. Lena Winteler aus der Schweiz erzählt: „Immer, wenn die Interessierten kamen, gingen wir fünf geschlossen zu ihnen und ließen sie die richtige Bibelstudiumleiterin aussuchen.“ Die Missionarinnen stellten denen, die zum Heim kamen, Hausschuhe hin, so wie es in Japan Brauch ist. Allerdings kannten sie den Unterschied zwischen Gästehausschuhen und Hausschuhen, die man anzieht, wenn man zur Toilette geht, noch nicht. Eines Tages nahm eine Interessierte Lena beiseite und erklärte: „Bei uns stellt man seinen Gästen eigentlich keine Hausschuhe hin, die man für den Gang zur Toilette anzieht.“ Allmählich lernten die Missionarinnen dazu.
Von Zeit zu Zeit erhielten die fünf ledigen Schwestern in Osaka Unterstützung durch den Besuch der Missionare, die in Kobe tätig waren. Damals gab es in ganz Osaka nur eine Handvoll Verkündiger. Einmal begleitete Lloyd Barry einige der Missionarinnen zu einem Opernkonzert, einer Open-air-Veranstaltung im großen Baseballstadion von Koschien. Es fiel die Bemerkung: „Es wäre doch zu schön, wenn dieses Stadion irgendwann einmal bei einem Kongreß gefüllt werden könnte!“ Das erschien einfach unmöglich.
Gegen Ende 1994 wurde Bruder Barry, heute ein Mitglied der leitenden Körperschaft in Brooklyn, jedoch eingeladen, die Ansprache zur Bestimmungsübergabe des neuerrichteten Kongreßsaals in Hiogo zu halten, der von den 52 Versammlungen im Raum Kobe genutzt wird. Es war eine wunderbare Zusammenkunft, die auch von einigen der ersten einheimischen Brüder besucht wurde. Für den nächsten Tag war eine viel größere Zusammenkunft geplant. Wo sollte diese wohl stattfinden? Nirgendwo anders als im Baseballstadion von Koschien! Über 40 000 waren versammelt, und was für eine gesittete Menge das war! Das Programm wurde per Telefonleitung an 40 andere Orte in ganz Japan übertragen und dort von vielen weiteren Personen verfolgt. Die Gesamtzuhörerzahl belief sich daher auf mehr als 254 000 — das waren sogar mehr Anwesende als 1958 bei dem großen Kongreß in New York. Wie wunderbar Jehova es in Japan ‘hat wachsen lassen’! (1. Kor. 3:6, 7).
Anfang 1951 wurde ein Missionarheim in Jokohama eingerichtet. Auch diese Stadt erwies sich als ein sehr fruchtbares Feld. Der erste Heimdiener, Gordon Dearn, setzt seinen Vollzeitdienst heute als Witwer im Zweigbüro in Ebina (Tokio) fort. Mittlerweile gibt es in Jokohama 114 Versammlungen, und das Wachstum hält an, da die einheimischen Brüder die Arbeit der Missionare fortsetzen.
In Kioto wurde 1952 ein Missionarheim eingerichtet. Missionare aus Osaka und Kobe wurden nach Kioto versetzt und schlossen sich dort der eifrigen Gruppe neuer Missionare an. Im April 1954 wurden auch Lois Dyer und Molly Heron von Kobe nach Kioto gesandt.
In Kioto gibt es ungefähr tausend Tempel, fast an jeder Straßenecke einen. Die Stadt war im Krieg nicht bombardiert worden, um die Tempel zu verschonen. Lois erinnert sich: „Dort trafen wir Shozo Mima an, einen Lebensmittelgroßhändler, der sich zu Hause von einer langwierigen Krankheit erholte. Er war zwar ein eifriger Buddhist, doch sagte er mir, er wolle über den wahren Gott Bescheid wissen. Mit ihm ein Bibelstudium zu beginnen war kein Problem. Später studierten auch seine Frau und seine Töchter, und die ganze Familie kam zur Wahrheit. Der sympathische Shozo wurde in der Versammlung Kioto zu einer geistigen Säule.“
Margrit Winteler aus der Schweiz schloß sich ihrer älteren Schwester Lena in Kioto an. Sie merkte, daß sie sich in ihrem neuen Gebiet an das Unausgesprochene genauso gewöhnen mußte wie an das gesprochene Wort. Beispielsweise konnte ein Mann, der es seiner Frau überlassen wollte, die Literatur entgegenzunehmen oder sie abzulehnen, einfach mit dem kleinen Finger wackeln, was anzeigte, daß seine Frau nicht zu Hause war. Eine Frau wiederum konnte den Daumen hochhalten (das Zeichen für Ehemann) und sagen, er sei gerade nicht da. Margrit bemerkte auch, daß die Menschen in Kioto, wenn sie sich die angebotene Literatur eingehend ansahen und dabei jede Seite einzeln umblätterten, in Wirklichkeit durch ihre Körpersprache zeigen wollten, daß sie die Literatur ablehnten, ohne ihr das ins Gesicht sagen zu müssen. Die Reaktion der Menschen — ihre Worte und ihre Körpersprache — war längst nicht immer negativ. Heute gibt es in Kioto 39 blühende Versammlungen der Zeugen Jehovas.
Mit kalten Wintern und einer neuen Sprache zurechtkommen
Als 1953 weitere Missionare von Hawaii — unter anderem Adeline Nako und ihre Partnerin Lillian Samson — nach Japan kamen, wurden sie nach Sendai geschickt, einer Stadt im kalten Norden. Nachts ging die Temperatur auf 5 Grad minus zurück. Don und Mabel Haslett hatten dort im Oktober 1952 das neue Missionarheim bezogen, gefolgt von Shinichi und Masako Tohara. Für die Missionare, die im tropischen Hawaii aufgewachsen waren, stellten die kalten Winter in Sendai ein Problem dar. Man nannte sie mit der Zeit die „frisch eingefrorenen Hawaiianer“.
Lillian erinnert sich: „Zum ersten Mal in unserem Leben lernten wir, wie man Holz für den Kochherd hackt. Nur die Küche konnte geheizt werden, und so versuchten wir, unser Bett mit einem yutanpo zu wärmen, einem japanischen Bettwärmer aus Metall. Im Lauf des Tages kauften wir uns immer ishi-yakiimo (im Steinofen gebackene Süßkartoffeln) und steckten sie in unsere Taschen, um uns die Hände zu wärmen; und später aßen wir sie dann auf.“
Doch nicht nur die Kälte bereitete den Missionaren Probleme. Solange sie die japanischen Schriftzeichen nicht lesen konnten, kam es zu peinlichen Situationen. Adeline hat den Tag immer noch nicht vergessen, an dem sie, da sie damals noch kein Japanisch lesen konnte, einen Feueralarmknopf drückte in der Annahme, es sei eine rote Türklingel. Aus sämtlichen Wohnungen kamen die Leute gelaufen, um zu sehen, was passiert war. Adeline wurde deswegen tüchtig ausgeschimpft.
Die Erinnerungen der Missionare beschränken sich jedoch nicht nur auf ihre persönlichen Erfahrungen in den Anfangsjahren in Japan. In ihrem „Familienalbum“ ist Platz für Tausende japanische Brüder und Schwestern sowie für das, was sie gemeinsam erlebt haben. Der Leser ist nun eingeladen, sich die einzelnen „Albumseiten“ einmal näher anzusehen und auf weitere Ereignisse zurückzublicken, die zu dem Wachstum auf theokratischem Gebiet in Japan beigetragen haben.
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