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Viele Fragen — Wenige schlüssige AntwortenDer Wachtturm 2003 | 1. Oktober
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Viele Fragen — Wenige schlüssige Antworten
LISSABON am 1. November 1755, Allerheiligen. Es ist Vormittag und die meisten Bewohner sind in der Kirche, als die Stadt von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert wird. Tausende von Gebäuden stürzen ein und Zehntausende von Menschen sterben.
Kurz nach diesem Unglück veröffentlichte der französische Schriftsteller Voltaire sein Gedicht über die Katastrophe von Lissabon. Darin verwarf er den Gedanken, das Erdbeben sei eine Strafe Gottes für die Sünden des Volkes. Nach Voltaires Auffassung ist solches Elend für Menschen einfach unbegreiflich und unerklärlich. Er schrieb:
Man befragt die Natur, doch sie antwortet nicht.
Nötig wäre ein Gott, der zu Menschen auch spricht.
Voltaire war natürlich nicht der Erste, der nach Gott fragte. Unglücke und Katastrophen haben schon immer Fragen aufgeworfen. Vor Tausenden von Jahren verlor der Patriarch Hiob alle seine Kinder und wurde noch dazu von einer fürchterlichen Krankheit gequält. Im Gedanken an Gott fragte Hiob: „Warum gibt er Licht dem, der Ungemach hat, und Leben denen, die bitterer Seele sind?“ (Hiob 3:20). Auch heute fragen sich viele Menschen, wie ein guter und liebender Gott scheinbar tatenlos so viel Leid und Ungerechtigkeit mit ansehen kann.
Die grausame Realität von Hunger, Krieg, Krankheit und Tod veranlasst etliche, den Gedanken an einen Schöpfer, dem etwas an der Menschheit liegt, offen abzulehnen. Ein atheistischer Philosoph sagte: „Dass Gott das Leiden eines Kindes zulässt, ist durch nichts zu entschuldigen, ... es sei denn, er existiert nicht.“ Schreckliche Grausamkeiten wie der Holocaust im Zweiten Weltkrieg legen ähnliche Schlussfolgerungen nahe. Ein jüdischer Publizist schrieb in einem Internetbeitrag: „Die mit Abstand einfachste Erklärung für Auschwitz ist, dass es keinen Gott gibt, der in das menschliche Geschehen eingreift.“ Im überwiegend katholischen Frankreich ergab eine Umfrage im Jahr 1997, dass 40 Prozent der Franzosen wegen Völkermorden wie 1994 in Ruanda an der Existenz Gottes zweifeln.
Ein Hindernis für den Glauben?
Warum greift Gott nicht ein, um Schlimmes zu verhindern? Nach Ansicht eines katholischen Chronisten ist diese Frage für viele „ein großes Glaubenshindernis“. Er argumentiert: „Kann man an einen Gott glauben, der hilflos mit ansieht, wie Millionen Unschuldige sterben und ganze Völker abgeschlachtet werden, und nichts dagegen unternimmt?“
In einem Leitartikel der katholischen Zeitung La Croix hieß es: „Ob historisches Elend, technisches Versagen, Naturkatastrophe, organisiertes Verbrechen oder ein Todesfall in der Familie, fassungslose Gesichter schauen zum Himmel. Wo ist Gott? Sie verlangen eine Antwort. Aber ist er denn nicht der große Gleichgültige, der große Abwesende?“
Papst Johannes Paul II. befasste sich 1984 in seinem apostolischen Rundschreiben Salvifici Doloris mit diesem Thema. Er schrieb: „Wenn die Existenz der Welt gleichsam den Blick der menschlichen Seele für die Existenz Gottes öffnet, für seine Weisheit, Macht und Herrlichkeit, so scheinen Übel und Leiden dieses Bild zu verdunkeln, zuweilen in radikaler Weise, und dies vor allem im täglichen Drama so vieler schuldloser Leiden und so vieler Schuld, die keine angemessene Strafe findet.“
Lässt sich die Existenz eines allmächtigen Gottes der Liebe, wie er in der Bibel dargestellt wird, mit der Masse menschlichen Leids vereinbaren? Greift Gott ein, um einzelnes oder geballtes Elend abzuwenden? Gibt es heutzutage überhaupt etwas, was Gott für uns tut? Oder mit Voltaires Worten: Ist da irgendwo „ein Gott, der zu Menschen auch spricht“ und diese Fragen beantwortet? Darauf geht der nächste Artikel ein.
[Bilder auf Seite 3]
Nach Ansicht von Voltaire übersteigen Vorfälle wie die Zerstörung von Lissabon (1755) einfach das menschliche Begriffsvermögen
[Bildnachweis]
Voltaire: Aus dem Buch Great Men and Famous Women; Lissabon: J.P. Le Bas, Praça da Patriarcal depois do terramoto de 1755. Foto: Museu da Cidade/Lisboa
[Bild auf Seite 4]
Viele zweifeln wegen grausiger Völkermorde wie in Ruanda an der Existenz Gottes
[Bildnachweis]
AFP PHOTO
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Können wir damit rechnen, dass Gott eingreift?Der Wachtturm 2003 | 1. Oktober
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Können wir damit rechnen, dass Gott eingreift?
IM ACHTEN Jahrhundert v. u. Z. erfuhr der jüdische König Hiskia mit erst 39 Jahren, dass er unheilbar krank war. Verzweifelt flehte er Gott an, ihn zu heilen. Durch einen Propheten ließ Gott ihm sagen: „Ich habe dein Gebet gehört. Ich habe deine Tränen gesehen. Siehe, ich füge deinen Tagen fünfzehn Jahre hinzu“ (Jesaja 38:1-5).
Warum wurde Gott in diesem speziellen Fall aktiv? Hunderte von Jahren zuvor hatte Gott dem gerechten König David versprochen: „Dein Haus und dein Königtum werden gewiss bis auf unabsehbare Zeit vor dir beständig sein; ja dein Thron wird bis auf unabsehbare Zeit gefestigt werden.“ Gott erklärte außerdem, dass der Messias aus der Nachkommenschaft Davids kommen sollte (2. Samuel 7:16; Psalm 89:20, 26-29; Jesaja 11:1). Als Hiskia krank wurde, hatte er noch keinen Sohn. Deshalb war das Herrschergeschlecht Davids in seinem Fortbestand gefährdet. Dadurch dass Gott hier eingriff, war sichergestellt, dass der Messias von David abstammen konnte.
In der vorchristlichen Zeit griff Jehova wiederholt ein, um seine Verheißungen an seinem Volk wahr zu machen. Über die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten sagte Moses: „Es war, weil Jehova euch liebte und weil er seinen Schwur hielt, den er euren Vorvätern geschworen hatte, dass Jehova euch mit starker Hand herausführte“ (5. Mose 7:8).
Auch im ersten Jahrhundert griff Gott öfter ein, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Ein Jude mit Namen Saulus hatte auf dem Weg nach Damaskus eine übernatürliche Erscheinung, die ihn davon abhalten sollte, die Christen zu verfolgen. Dieser Mann ist uns als der Apostel Paulus bekannt. Seine Bekehrung trug entscheidend dazu bei, dass die christliche Botschaft zu anderen Völkern getragen wurde (Apostelgeschichte 9:1-16; Römer 11:13).
Ist Gottes Eingreifen die Norm?
War Gottes Eingreifen Regel oder Ausnahme? Die Bibel lässt eindeutig erkennen, dass es auf keinen Fall die Norm war. Zwar verhinderte Gott, dass drei junge Hebräer in einem Brennofen hingerichtet wurden, und er befreite den Propheten Daniel aus einer Löwengrube, aber andere Propheten rettete er nicht vor dem Tod (2. Chronika 24:20, 21; Daniel 3:21-27; 6:16-22; Hebräer 11:37). Der Apostel Petrus wurde durch ein Wunder aus dem Gefängnis befreit, in das ihn König Herodes Agrippa I. geworfen hatte. Doch als derselbe König den Apostel Jakobus hinrichten ließ, schritt Gott nicht dagegen ein (Apostelgeschichte 12:1-11). Auf der einen Seite hatten die Apostel von Gott die Macht erhalten, Kranke zu heilen und sogar Tote aufzuerwecken. Auf der anderen Seite entfernte Gott aber nicht den „Dorn im Fleisch“, der den Apostel Paulus quälte — wahrscheinlich ein körperliches Leiden (2. Korinther 12:7-9; Apostelgeschichte 9:32-41; 1. Korinther 12:28).
Gott unternahm nichts gegen eine Verfolgungswelle, die der römische Kaiser Nero gegen die Jünger von Christus in Gang setzte. Christen wurden gefoltert, bei lebendigem Leib verbrannt und wilden Tieren vorgeworfen. Dieser Widerstand kam für die Christen jedoch nicht überraschend und schwächte keinesfalls ihren Glauben an die Existenz Gottes. Schließlich hatte Jesus seine Jünger ja darauf vorbereitet, dass sie vor Gericht gestellt würden und dass sie für ihren Glauben leiden und unter Umständen sogar in den Tod gehen müssten (Matthäus 10:17-22).
Genau wie in der Vergangenheit kann Gott auch heute seine Diener aus gefährlichen Situationen befreien. Und wer glaubt, er sei von Gott beschützt worden, sollte nicht kritisiert werden. Allerdings kann man kaum definitiv sagen, ob Gott in solchen Fällen wirklich eingegriffen hat oder nicht. Beispielsweise erlitten bei einer Explosion in Toulouse mehrere treue Diener Jehovas Verletzungen. Tausende von gläubigen Christen verloren in NS-Konzentrationslagern, kommunistischen Arbeitslagern oder unter anderen tragischen Umständen ihr Leben, ohne dass Gott etwas dagegen unternahm. Warum greift Gott nicht grundsätzlich ein, um Menschen zu schützen, an denen er Gefallen findet? (Daniel 3:17, 18).
„Zeit und unvorhergesehenes Geschehen“
Ein Unglück kann jeden treffen. Der Glaube an Gott spielt dabei nicht unbedingt eine Rolle. Bei der Explosion in Toulouse kamen 30 Personen ohne eigenes Verschulden ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Alain und Liliane dagegen blieben durch glückliche Umstände verschont. Weltweit gehen Zehntausende Todesfälle auf das Konto von Verbrechern, rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern oder Kriegen. Für all das kann man nicht Gott verantwortlich machen. In der Bibel heißt es, dass „Zeit und unvorhergesehenes Geschehen“ alle trifft (Prediger 9:11).
Davon abgesehen bleibt niemand von Krankheit, Alter und Tod verschont. Selbst Menschen, die dachten, Gott habe ihnen durch ein Wunder das Leben gerettet oder sie unerwartet von einer Krankheit geheilt, mussten schließlich dem Tod ins Auge sehen. Dass Krankheit und Tod ein Ende haben und Gott alle Tränen trocknet, liegt noch in der Zukunft (Offenbarung 21:1-4).
Dazu reicht es natürlich nicht, wenn er nur hier und da eingreift. Es erfordert weit reichende, radikale Umwälzungen. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang vom „großen Tag Jehovas“ (Zephanja 1:14). Wenn Gott im großen Stil eingreift, wird er allem Bösen ein Ende machen. Die Menschheit erhält dann die Gelegenheit, für immer unter vollkommenen Bedingungen zu leben, und „die früheren Dinge werden nicht in den Sinn gerufen werden, noch werden sie im Herzen aufkommen“ (Jesaja 65:17). Die Toten werden auferweckt, sodass sogar das Schlimmste, was Menschen zustoßen kann, wieder gutgemacht wird (Johannes 5:28, 29). In seiner unendlichen Liebe und Güte wird Gott die Probleme der Menschheit ein für alle Mal lösen.
Wie Gott heute eingreift
Das heißt jedoch nicht, dass Gott in der Zwischenzeit gleichgültig zusieht, wie sich die Menschheit quält. Gott bietet heute Menschen jeder Nationalität und Gesellschaftsschicht die Chance, ihn kennen zu lernen und eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen (1. Timotheus 2:3, 4). Diesen Prozess beschrieb Jesus mit den Worten: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, der Vater, der mich gesandt hat, ziehe ihn“ (Johannes 6:44). Gott zieht aufrichtige Menschen dadurch zu sich, dass er weltweit die Botschaft von seinem Königreich, seiner Regierung, verkündigen lässt.
Darüber hinaus nimmt Gott direkt Einfluss auf das Leben derer, die sich von ihm leiten lassen wollen. Durch seinen heiligen Geist öffnet Gott ihnen das Herz, damit sie verstehen, was er von uns Menschen erwartet, und es in die Praxis umsetzen (Apostelgeschichte 16:14). Dass Gott die Möglichkeit schafft, ihn selbst, sein Vorhaben und sein Wort, die Bibel, kennen zu lernen, ist ein Beweis für sein liebevolles Interesse an jedem Einzelnen (Johannes 17:3).
Gott hilft seinen Dienern heute nicht durch übernatürliche Rettungsaktionen, sondern gibt ihnen seinen heiligen Geist und „die Kraft, die über das Normale hinausgeht“, damit sie jeder Lage gewachsen sind (2. Korinther 4:7). Der Apostel Paulus schrieb: „Für alles bin ich stark durch den [Jehova Gott], der mir Kraft verleiht“ (Philipper 4:13).
Wir Menschen haben allen Grund, Gott jeden Tag dafür zu danken, dass wir existieren und dass er uns die Hoffnung schenkt, für immer in einer Welt ohne Leid zu leben. „Was soll ich Jehova vergelten für alle seine Wohltaten an mir?“, fragte ein Psalmendichter. „Den Becher großartiger Rettung werde ich nehmen, und den Namen Jehovas werde ich anrufen“ (Psalm 116:12, 13). Wenn Sie den Wachtturm regelmäßig lesen, werden Sie immer besser verstehen, was Gott schon getan hat und noch tun wird, um uns wahres Glück und eine sichere Zukunftsperspektive zu schenken (1. Timotheus 4:8).
[Herausgestellter Text auf Seite 6]
„Die früheren Dinge werden nicht in den Sinn gerufen werden, noch werden sie im Herzen aufkommen“ (Jesaja 65:17).
[Bilder auf Seite 5]
In biblischer Zeit verhinderte Jehova weder die Steinigung Sacharjas ...
noch dass Herodes unschuldige Kinder ermordete
[Bild auf Seite 7]
Es dauert nicht mehr lange, bis alles Leid ein Ende hat und sogar die Toten auferweckt werden
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