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  • Was ist Kunst?
    Erwachet! 1995 | 8. November
    • Was ist Kunst?

      VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN SPANIEN

      WAS war der schönste Anblick, der sich einem jemals geboten hat? War es ein Sonnenuntergang in den Tropen, eine schneebedeckte Gebirgskette, Blumenreichtum in der Wüste oder vielleicht ein prächtig gefärbter Herbstwald?

      Die allermeisten genießen solch einen besonderen Moment, wenn sie von der Schönheit der Erde gefesselt sind. Wenn möglich, verbringt man seinen Urlaub in einer paradiesischen Gegend, und die unvergeßlichsten Momente werden mit der Kamera festgehalten.

      Wenn wir das nächste Mal über die unberührte Natur staunen, könnten wir uns einige Fragen stellen. Angenommen, wir besuchen eine Kunstgalerie. Würden wir nicht irgend etwas vermissen, wenn unter jedem Gemälde „anonym“ stände? Würden wir auf einer Ausstellung nicht gern wissen, welcher Künstler die Gemälde geschaffen hat, deren Ausführung und Schönheit uns tief berühren? Sollten wir uns damit zufriedengeben, die Schönheiten der Erde zu betrachten, ohne uns für den Künstler zu interessieren, der sie geschaffen hat?

      Natürlich behaupten einige, in der Natur gebe es keine Kunst — Kunst setze schöpferisches Können und Interpretation des Menschen voraus. Solch eine Definition von Kunst ist jedoch vielleicht zu eingeschränkt. Was genau ist Kunst?

      Die Definition von Kunst

      Wahrscheinlich gibt es keine Definition von Kunst, die jeden zufriedenstellt. Eine recht brauchbare Definition ist in Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary zu finden: Kunst ist „die bewußte Umsetzung von Können und kreativer Phantasie, bes[onders] bei der Produktion ästhetischer Gegenstände“. Demnach muß ein Künstler sowohl Können als auch kreative Phantasie besitzen. Läßt er diese beiden Gaben zusammenwirken, erzeugt er etwas, was andere ansprechend finden.

      Zeigen sich Können und Phantasie nur in Kunstwerken von Menschen? Oder sind sie auch in der Natur um uns herum zu finden?

      Die hoch aufragenden Küstenmammutbäume Kaliforniens, die ausgedehnten Korallenbänke im Pazifik, die mächtigen Wasserfälle der Regenwälder und die eindrucksvollen Herden der afrikanischen Savannen — sie alle sind in verschiedener Hinsicht wertvoller für die Menschheit, als es die Mona Lisa ist. Aus diesem Grund hat die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung und Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation) den Redwood-Nationalpark (USA), die Iguaçufälle (Argentinien/Brasilien), das Große Barriereriff (Australien) und den Serengeti-Nationalpark (Tansania) als Teil des „Welterbes“ der Menschheit erklärt.

      Diese Naturschätze sind neben den von Menschenhand geschaffenen Denkmälern in das Welterbe aufgenommen worden. Wieso? Es soll all das bewahrt werden, was von „außergewöhnlich universellem Wert“ ist. Nach Ansicht der UNESCO verdienen es diese Denkmäler, für künftige Generationen bewahrt zu werden, sei es nun die Schönheit des Tadsch Mahal (Indien) oder die des Grand Canyon (USA).

      Allerdings muß man nicht einmal in einen Nationalpark fahren, um sich kreatives Können anzusehen. Ein herausragendes Beispiel ist unser eigener Körper. Für die Bildhauer im alten Griechenland war der menschliche Körper der Inbegriff künstlerischer Vollendung, und sie waren bestrebt, ihn so perfekt wie möglich darzustellen. Mit dem heutigen Wissen um die Funktionsweise des Körpers muß man die meisterhafte Geschicklichkeit, die zu seiner Erschaffung nötig war, noch mehr anerkennen.

      Wie steht es mit der kreativen Phantasie? Denken wir an das prächtige Muster der aufgerichteten Schwanzfedern eines Pfaus, an die zarte Blüte einer Rose oder an das Hochgeschwindigkeitsballett eines schillernden Kolibris. Gewiß waren diese künstlerischen Leistungen schon Kunst, bevor sie auf die Leinwand projiziert oder im Bild festgehalten wurden. Ein Schreiber der Zeitschrift National Geographic, der von den lavendelblauen Staubfäden der Taccalilie fasziniert war, fragte einen jungen Wissenschaftler nach deren Zweck. Die Antwort lautete ganz einfach: „Sie sind ein Zeugnis für die Phantasie Gottes.“

      Die vielen Beweise für die kreative Phantasie und die Geschicklichkeit in der Natur haben Künstler schon immer inspiriert. Der berühmte französische Bildhauer Auguste Rodin sagte einmal: „Der Künstler ist der Vertraute der Natur. Durch die anmutige Biegung ihrer Stiele, durch die harmonischen Nuancen ihrer Blüten halten die Blumen Zwiesprache mit ihm.“

      Einige Künstler geben bei dem Versuch, der natürlichen Schönheit nachzueifern, offen ihre Grenzen zu. „Das wahre Kunstwerk ist nur eine schlechte Kopie der göttlichen Perfektion“, gestand Michelangelo, der als einer der größten Künstler aller Zeiten gilt.

      Sowohl Künstler als auch Wissenschaftler sind von der Schönheit der Natur überwältigt. Paul Davies, Professor für mathematische Physik, erklärt in seinem Buch Der Plan Gottes: „Selbst hartgesottene Atheisten spüren oft das, was man ein Gefühl der Verehrung für die Natur nennen könnte, Faszination und Respekt für die Tiefe und Schönheit, die religiöser Ehrfurcht nahe kommen.“ Was sollte uns das lehren?

      Der Künstler hinter den Kunstwerken

      Ein Kunststudent lernt etwas über einen Künstler, um dessen Kunst verstehen und würdigen zu können. Er erkennt, daß die Werke des Künstlers ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit sind. Ebenso spiegelt die Natur die Persönlichkeit ihres Schöpfers, des allmächtigen Gottes, wider. „Seine unsichtbaren Eigenschaften werden ... durch die gemachten Dinge [deutlich gesehen]“, erklärte der Apostel Paulus (Römer 1:20). Der Erschaffer der Erde ist auch keineswegs anonym geblieben. Paulus sagte zu den athenischen Philosophen seiner Tage, daß „[Gott] einem jeden von uns nicht fern ist“ (Apostelgeschichte 17:27).

      Die Kunstwerke in der Schöpfung Gottes sind weder zufällig entstanden, noch sind sie sinnlos. Sie bereichern nicht nur unser Leben, sondern sie geben auch Auskunft über das Können, die Phantasie und die Erhabenheit des größten Künstlers überhaupt, des überragenden Konstrukteurs, Jehova Gott. Im folgenden Artikel wird behandelt, wie wir durch die Natur den genialsten Künstler kennenlernen können.

      [Bildnachweis auf Seite 3]

      Musei Capitolini (Rom)

  • Der am wenigsten beachtete Künstler unserer Zeit
    Erwachet! 1995 | 8. November
    • Der am wenigsten beachtete Künstler unserer Zeit

      „Die Natur ist Gottes Kunst“ (Sir Thomas Browne, ein Arzt, der im 17. Jahrhundert lebte).

      LEONARDO DA VINCI, Rembrandt, van Gogh — diese Namen sind Millionen Menschen ein Begriff. Auch wenn man vielleicht noch nie ein Originalgemälde von ihnen gesehen hat, weiß man doch, daß sie große Künstler waren. Ihre Kunst hat sie gewissermaßen unsterblich gemacht.

      Ein geheimnisvolles Lächeln, ein lebendiges Porträt, ein Ausschnitt aus der wunderschönen Schöpfung — all das hielten sie auf der Leinwand fest, und noch heute beflügeln die Bilder die Phantasie ihrer Betrachter. Wir sind von dem fasziniert, was sie faszinierte — auch wenn Jahrhunderte dazwischenliegen.

      Zwar mögen wir weder Künstler noch Kunstkritiker sein, aber dennoch erkennen wir künstlerische Leistungen. Ebenso wie der Künstler, dessen Werk wir bewundern, besitzen wir einen Sinn für Schönheit. Vielleicht sind wir uns dessen gar nicht bewußt, daß wir einen Sinn für Farben, Formen, Muster und Licht haben — und doch hat er großen Einfluß auf unser Leben. Sicherlich dekorieren wir unsere Wohnung mit Gegenständen oder mit Bildern, die das Auge ansprechen. Jeder hat zwar einen anderen Geschmack, aber das Schönheitsempfinden ist eine Gabe, die die meisten besitzen. Und es ist eine Gabe, die uns unserem Schöpfer näherbringen kann.

      Die Gabe der Schönheit

      Der Schönheitssinn ist eines der vielen Merkmale, die den Menschen vom Tier unterscheiden. In dem Werk Summa Artis—Historia General del Arte (Summa Artis — Eine allgemeine Geschichte der Kunst) wird folgendes gesagt: „Man könnte den Menschen als ein Tier mit einem Empfinden für Ästhetik beschreiben.“ Da wir uns von den Tieren unterscheiden, sehen wir die Natur mit anderen Augen. Genießt ein Hund einen wunderschönen Sonnenuntergang?

      Wer erschuf uns auf diese Weise? Wie die Bibel erklärt, „ging [Gott] daran, den Menschen in seinem Bilde zu erschaffen, im Bilde Gottes erschuf er ihn“ (1. Mose 1:27). Das bedeutet nicht, daß unsere Ureltern aussahen wie Gott. Vielmehr stattete Gott sie mit Eigenschaften aus, die ihn selbst auszeichnen. Dazu gehört die Fähigkeit, für Schönheit empfänglich zu sein.

      Der Vorgang, wie das Gehirn diese Schönheit wahrnimmt, ist bis heute nicht ergründet. Zunächst geben unsere Sinne an das Gehirn Informationen über Geräusche, Gerüche, Farben und Formen von Gegenständen weiter, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Schönheit ist jedoch weit mehr als die Summe dieser elektrochemischen Impulse, die uns lediglich mitteilen, was in unserer Umgebung vor sich geht. Wir sehen einen Baum, eine Blume oder einen Vogel nicht auf dieselbe Art und Weise wie ein Tier. Obwohl diese Objekte von keinem unmittelbaren Nutzen für uns sind, bereiten sie uns dennoch einfach Freude. Unser Gehirn ermöglicht es uns, ihren ästhetischen Wert zu erkennen.

      Diese Fähigkeit weckt Gefühle und bereichert unser Leben. Mary, die in Spanien lebt, erinnert sich gern, wie sie an einem Novemberabend vor mehreren Jahren am Ufer eines einsamen Sees stand und beobachtete, wie die Sonne unterging. „Eine Schar Kraniche nach der anderen kam in meine Richtung geflogen, und alle riefen sich etwas zu“, berichtet sie. „Tausende von Vögeln hoben sich spinnwebartig vom karmesinroten Himmel ab. Ihre jährliche Zugwanderung hatte sie von Rußland und Skandinavien in das Quartier hier in Spanien geführt. Es war ein so wunderbares Erlebnis, daß mir die Tränen kamen.“

      Wozu die Gabe der Schönheit?

      Nach Ansicht vieler Menschen weist der Schönheitssinn eindeutig auf die Existenz eines liebevollen Schöpfers hin, der wünscht, daß seine intelligente Schöpfung Freude an seinen Kunstwerken hat. Wie einleuchtend und wie befriedigend es doch ist, unseren Sinn für Schönheit einem liebevollen Schöpfer zuzuschreiben! Die Bibel erklärt, daß „Gott Liebe ist“, und das Wesen der Liebe besteht darin, zu teilen (1. Johannes 4:8; Apostelgeschichte 20:35). Es bereitet Jehova Freude, uns an seinen künstlerischen Erzeugnissen teilhaben zu lassen. Würde ein musikalisches Meisterstück niemals angehört oder ein großartiges Bild niemals gezeigt werden, wäre seine Schönheit umsonst. Kunst wird gemacht, um andere daran teilhaben und sich daran erfreuen zu lassen — Kunst ohne Publikum ist leblose Kunst.

      Ebenso schuf Jehova schöne Dinge zu einem bestimmten Zweck — damit andere daran teilhaben und sich daran erfreuen können. Die Wohnstätte unserer Ureltern war ein großer paradiesischer Park, der Eden hieß, was übersetzt „Wonne“ bedeutet. Gott hat die Erde nicht nur mit seinen Kunstwerken ausgestattet, sondern er hat dem Menschen auch die Fähigkeit gegeben, daß er diese wahrnehmen und schätzen kann. Und wieviel Schönes es anzusehen gibt! Paul Davies erklärte: „Manchmal scheint es, als ob die Natur sich die größte Mühe gäbe, ein interessantes und fruchtbares Universum hervorzubringen.“ Wir finden die Welt gerade deswegen interessant und vielfältig, weil Jehova sich „die größte Mühe“ gegeben hat, uns so zu erschaffen, daß wir sie studieren und Freude daran finden können.

      Es verwundert nicht, daß in jeder Kultur den Naturschönheiten Beachtung geschenkt wurde und man versuchte, sie nachzuahmen — von den Höhlenkünstlern bis zu den Impressionisten. Vor Tausenden von Jahren malten die Bewohner Nordspaniens in den Höhlen von Altamira (Region Kantabrien) lebensnahe Tierbilder. Vor über einem Jahrhundert verließen Impressionisten ihr Atelier, um die leuchtenden Farben eines Blumenfeldes oder das glitzernde Licht auf der Wasseroberfläche einzufangen. Selbst kleine Kinder wissen genau, was schön ist. Die meisten Kinder, denen man Buntstifte und Papier in die Hände drückt, malen gern all das, was ihre Phantasie gefangennimmt.

      Viele Erwachsene ziehen es heute vor, zur Erinnerung an einen schönen, beeindruckenden Anblick ein Foto zu machen. Doch auch ohne Kamera kann unser Sinn schöne Bilder zurückholen, die sich uns Jahrzehnte zuvor geboten haben. Ganz offensichtlich wurden wir von Gott mit der Fähigkeit erschaffen, Freude an unserer irdischen Wohnstätte zu finden, die er wunderschön ausgestattet hat (Psalm 115:16). Es gibt allerdings noch einen weiteren Grund, warum Gott uns einen Sinn für Schönheit gegeben hat.

      ‘Seine Eigenschaften werden deutlich gesehen’

      Vertiefen wir unsere Wertschätzung für die künstlerischen Arbeiten in der Natur, lernen wir unseren Schöpfer, dessen Werke uns umgeben, besser kennen. Jesus forderte seine Jünger einmal auf, sich die wildwachsenden Blumen genau anzusehen, die in der Umgebung von Galiläa wuchsen. „Lernt eine Lektion von den Lilien des Feldes“, sagte er, „wie sie wachsen; sie mühen sich nicht ab, noch spinnen sie; doch sage ich euch, daß nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit wie eine von diesen bekleidet war“ (Matthäus 6:28, 29). Die Schönheit einer kleinen wildwachsenden Blume kann uns daran erinnern, daß Gott gegenüber den Bedürfnissen der Menschheitsfamilie nicht gleichgültig eingestellt ist.

      Außerdem sagte Jesus, man könne einen Menschen an seinen „Früchten“ oder seinen Werken erkennen (Matthäus 7:16-20). Daher ist es logisch, anzunehmen, daß uns Gottes Werke Aufschluß über seine Persönlichkeit geben. Was sind einige seiner ‘unsichtbaren Eigenschaften, die seit Erschaffung der Welt deutlich gesehen werden’? (Römer 1:20).

      „Wie viele sind deiner Werke, o Jehova!“ rief der Psalmist aus. „Sie alle hast du in Weisheit gemacht“ (Psalm 104:24). Gottes Weisheit wird sogar durch die Farben deutlich, mit denen er die Fauna und Flora der Erde „angestrichen“ hat. „Farbe tut der Gemütsverfassung und dem Auge außerordentlich gut“, schreiben Fabris und Germani in ihrem Buch Colore, Disegno ed estetica nell’arte grafica (Farbe — Design und Ästhetik der graphischen Künste). Harmonierende und kontrastierende Farben, die das Auge erfreuen und die Stimmung heben, gibt es überall. Die wahrscheinlich auffallendsten Farbeffekte entstehen durch das Irisieren — schillernde Regenbogenfarben —, ein eindrucksvolles Zeugnis für eine kunstvolle Gestaltung.

      Schillerfarben sind vor allem bei Kolibris zu beobachten.a Wie kommt es, daß ihr Gefieder so leuchtet? Das Sonnenlicht bricht sich im äußeren Drittel ihrer einzigartigen Federn und wird in Regenbogenfarben zerlegt — ähnlich wie bei einem Prisma. Die volkstümlichen Namen der Kolibris — beispielsweise Rubinkehlkolibri, Blauflügelkolibri und Grünveilchenohrkolibri — bezeugen treffend die schillernde Rot-, Blau- und Grünfärbung, die die „fliegenden Edelsteine“ verschönert. „Welchem Zweck dient die überwältigende Schönheit dieser bezaubernden Geschöpfe?“ fragt Sara Godwin in ihrem Buch Hummingbirds (Kolibris). „Der einzige Wissenschaftlern bekannte Zweck besteht darin, den Betrachter zum Staunen zu bringen“, antwortet sie. Gewiß hat kein Maler jemals solch eine Farbenpalette geschwungen!

      Die Macht Gottes wird an donnernden Wasserfällen deutlich, am Gezeitenwechsel, an der tosenden Brandung oder an den hochragenden Bäumen eines Waldes, die sich in einem heftigen Sturm biegen. Diese dynamische Kunst kann ebenso beeindruckend sein wie eine friedliche Szene. Der bekannte amerikanische Naturforscher John Muir beschrieb einmal, wie sich ein Unwetter auf eine Gruppe Douglastannen in der Sierra Nevada (Kalifornien) auswirkte:

      „Obwohl vergleichsweise jung, waren die Bäume schon etwa 30 Meter hoch, und ihre biegsamen, zerzausten Kronen wirbelten in wilder Ekstase umher. ... Der heftige Regenfall ließ die schlanken Kronen rauschen, sie schlugen hin und her, wirbelten im Kreis und zogen unbeschreibliche vertikale und horizontale Bogenlinien.“ Vor Tausenden von Jahren schrieb der Psalmist, daß ‘der stürmische Wind Jehova preist’ — ein Beispiel für die außerordentliche Macht Jehovas (Psalm 148:7, 8).

      In Japan galt ein Vogel lange Zeit als Symbol der Liebe. Es handelt sich um den schönen Mandschurenkranich; zur Balzzeit vollführt er einen kunstvollen Tanz, der einem Ballett an Anmut nicht nachsteht. Der gefiederte Tänzer wird so sehr geschätzt, daß er in Japan als „besonderes Naturdenkmal“ eingestuft wird. Da die Kraniche ihr Leben lang ein und denselben Partner haben und mindestens fünfzig Jahre alt werden, sind sie für die Japaner der Inbegriff von ehelicher Treue.

      Was läßt sich über Gottes Liebe sagen? Interessanterweise zieht die Bibel einen Vergleich zwischen dem liebevollen Schutz, den Jehova treuen Menschen gewährt, und Vogeleltern, die mit ihren Flügeln ihre Jungen vor den Naturgewalten schützen. 5. Mose 32:11 spricht von einem Adler, der „sein Nest aufstört, über seinen flüggen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, sie aufnimmt, sie auf seinen Schwingen trägt“. Das tut der Adler, um seine Jungen dazu zu bewegen, das Nest zu verlassen und zu fliegen. Obwohl selten, gab es doch Fälle, in denen gesehen wurde, wie Adlereltern ihren Jungen halfen, indem sie sie auf ihren Flügeln trugen (Psalm 17:8).

      Betrachten wir die Natur um uns herum etwas genauer, dann werden wir gewisse Gesetzmäßigkeiten beobachten können, die ebenfalls etwas über Gottes Persönlichkeit aussagen.

      Abwechslung macht Freude

      Die Vielfalt der Schöpfungswerke Gottes fällt sofort ins Auge. Die Mannigfaltigkeit der Pflanzen, Säugetiere, Vögel und Insekten ist verblüffend. Auf nur einem Hektar tropischem Regenwald können bis zu 300 Baumarten stehen und 41 000 Insektenarten leben; eine Fläche von drei Quadratkilometern ist das Habitat von 1 500 Schmetterlingsarten; und auf einem einzigen Baum leben mitunter 150 Arten von Käfern. Und genauso, wie sich keine zwei Menschen exakt gleichen, gleichen sich auch keine zwei Eichen oder Tiger. Originalität — etwas, was bei Künstlern geschätzt wird — ist ein wesentliches Merkmal in der Natur.

      Bis hierher sind natürlich nur einige Merkmale der Kunstwerke in der Natur kurz besprochen worden. Befaßt man sich näher damit, lernt man viele weitere Seiten der Persönlichkeit Gottes kennen. Dazu muß man jedoch das von Gott gegebene „Kunstverständnis“ gebrauchen. Wie kann man lernen, die Kunst des größten Künstlers mehr zu schätzen?

      [Fußnote]

      a Etliche Schmetterlinge, wie die im tropischen Amerika vorkommenden blau glänzenden Morphofalter, weisen auf den Flügeln irisierende Schuppen auf.

      [Kasten/Bild auf Seite 7]

      Wir müssen wissen, wer uns erschaffen hat

      Der Bibelübersetzer Ronald Knox führte einmal eine theologische Diskussion mit dem Wissenschaftler John Scott Haldane. „Entsteht in einem Universum mit Millionen von Planeten nicht zwangsläufig auf zumindest einem Planeten Leben?“ überlegte Haldane.

      „Mit Verlaub“, antwortete Knox, „angenommen, Scotland Yard fände in Ihrem Schrankkoffer eine Leiche, würden Sie dann sagen: ‚Es gibt Millionen von Schrankkoffern, da muß doch in irgendeinem eine Leiche liegen!‘? Ich könnte mir vorstellen, daß Scotland Yard trotzdem gern wüßte, wer es war, der die Leiche dort hineingelegt hat“ (The Little, Brown Book of Anecdotes).

      Wir sollten nicht nur zur Befriedigung unserer Neugier die Antwort darauf wissen, wer uns auf die Erde gesetzt hat, sondern auch, um dem Betreffenden die gebührende Ehre zukommen zu lassen. Wie würde ein talentierter Maler wohl reagieren, wenn ein arroganter Kritiker sein Werk als Unfall in einer Malerwerkstatt bezeichnete? In übertragenem Sinn heißt das folgendes: Welche größere Abfuhr könnten wir dem Schöpfer des Universums erteilen, als seine Schöpfungswerke dem bloßen Zufall zuzuschreiben?

      [Bildnachweis]

      Mit frdl. Gen.: ROE/Anglo-Australian Observatory, Foto: David Malin

      [Bilder auf Seite 8]

      Kraniche

      Höhlenmalereien in Altamira (Spanien)

      [Bilder auf Seite 9]

      Delphine, Kolibris und Wasserfälle geben Aufschluß über die Persönlichkeit des größten Künstlers

      [Bildnachweis]

      Godo-Foto

      G. C. Kelley, Tucson, AZ

      Godo-Foto

  • Die Schönheit um uns herum wahrnehmen
    Erwachet! 1995 | 8. November
    • Die Schönheit um uns herum wahrnehmen

      „In allen Sprachen ist einer unserer ersten geäußerten Wünsche: ‚Laß mich mal sehen‘“ (William White jr.).

      DAS kleine Kind, das einen flatternden Schmetterling gebannt beobachtet, das ältere Ehepaar, das einen eindrucksvollen Sonnenuntergang genießt, oder die Hausfrau, die ihr Rosenarrangement bewundert — jeder von ihnen hat seinen Sinn in diesem Augenblick auf Schönheit gerichtet.

      Da die Schönheit der Schöpfung Gottes überall vorhanden ist, braucht man nicht Hunderte von Kilometern zu reisen, um sie zu bewundern. Für eine überwältigende Szenerie mag man vielleicht weit reisen müssen, doch eindrucksvolle Kunst findet man schon in der näheren Umgebung, wenn man danach Ausschau hält und — was noch wichtiger ist — wenn man weiß, wie man dies tut.

      Es ist schon oft bemerkt worden, daß „Schönheit vom Auge des Betrachters abhängt“. Obwohl Schönheit vorhanden sein mag, entdeckt sie nicht jeder. Erst ein Foto oder ein Gemälde läßt uns womöglich aufmerken. Tatsächlich sind viele Künstler der Meinung, sie verdankten ihren Erfolg eher ihrer Beobachtungsgabe als ihrer Gabe zu malen. Maurice Grosser erklärt in seinem Buch The Painter’s Eye: „Der Maler zeichnet mit dem Auge, nicht mit der Hand. Was immer ihm in den Blick gerät — sieht er es klar und genau, kann er es auch darstellen. ... Worauf es ankommt, ist, genau hinzusehen.“

      Ob wir nun Künstler sind oder nicht, wir können lernen, genauer hinzusehen, die Schönheiten um uns herum wahrzunehmen. Anders ausgedrückt, wir müssen uns vornehmen, die Dinge in der Natur mit anderen Augen zu sehen.

      John Barrett, der über Biologie schreibt, betonte den Wert persönlicher Beteiligung. Er erklärte: „Nichts kann es ersetzen, selbst hinzusehen, Tiere und Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung zu berühren, zu hören oder zu riechen. Man lasse die Schönheiten auf sich wirken ... Wo immer man sich auch befindet, man sollte zunächst hinsehen, sich daran erfreuen und nochmals hinsehen.“

      Doch worauf sollte man achten? Zunächst könnte man lernen, die vier Hauptkomponenten von Schönheit zu erkennen. Sie sind fast überall in Jehovas Schöpfung zu entdecken. Je öfter man innehält und sie betrachtet, desto mehr Freude findet man an den Kunstwerken Jehovas.

      Die Komponenten der Schönheit ermitteln

      Formen und Muster: Wir sind von vielerlei Formen umgeben — es gibt lineare Formen (wie die Stämme einer Gruppe von Bambussen) oder geometrische (zum Beispiel ein Spinnennetz), aber auch verschwommene Formen (beispielsweise Wolken, deren Form ständig wechselt). Viele Formen sind ansprechend, seien es exotische Orchideen, die Spiralen einer Muschel oder selbst die kahlen Äste eines Baumes.

      Wiederholt sich ein und dieselbe Form, entsteht ein optisch eindrucksvolles Muster. Stellen wir uns zum Beispiel ein Waldstück vor. Die Formen der Baumstämme, die zwar unterschiedlich sind, sich aber dennoch ähneln, ergeben ein schönes Muster. Die Formen und Muster sind jedoch erst dann zu erkennen, wenn Licht vorhanden ist.

      Licht: Es verleiht ansprechenden Formen eine besondere Note. Es betont Einzelheiten, gibt Strukturen einen „Anstrich“ und schafft Atmosphäre. Licht ist sowohl von der Tageszeit als auch von der Jahreszeit abhängig, vom Wetter und sogar von der Gegend, wo wir leben. An einem bewölkten Tag, also bei diffusem Licht, wirken die sanften Töne von wildwachsenden Blumen und herbstlich gefärbten Blättern optimal, wogegen die schroffen Umrisse der Felsspitzen einer Bergkette bei Sonnenaufgang oder -untergang besonders gut zutage treten. Das weiche Winterlicht in der nördlichen Hemisphäre verzaubert eine ländliche Gegend. Die grelle Tropensonne dagegen verwandelt seichtes Wasser in eine gläserne Märchenwelt für Schnorchler.

      Eine wesentliche Komponente fehlt jedoch noch.

      Farbe: Sie verleiht den verschiedenen Gegenständen um uns herum Leben. Die Gegenstände mögen zwar an ihren verschiedenen Formen zu unterscheiden sein, aber es ist die Farbe, die ihre Einzigartigkeit unterstreicht. Zudem erzeugt Farbe in harmonischen Mustern eine eigene Schönheit — ob es nun ein lebhaftes Rot oder Orange ist oder ein sanftes Blau oder Grün, das unsere Aufmerksamkeit verlangt.

      Stellen wir uns eine Lichtung vor, auf der gelbe Blumen wachsen. Das Licht streift die gelben Blüten, die in der Morgenluft zu glühen scheinen, während die von der Morgensonne umspielten dunklen Baumstämme den idealen Hintergrund bilden. Nun muß dieses Bild nur noch „gerahmt“ werden — hier kommt die Komposition ins Spiel.

      Komposition: Die Art und Weise, wie die drei Hauptkomponenten — Form, Licht und Farbe — zusammengestellt werden, macht die Komposition aus. Dabei spielen wir, die Beobachter, eine entscheidende Rolle. Durch nur wenige Schritte vorwärts, rückwärts, nach rechts oder links, nach oben oder unten lassen sich die Komponenten und die Lichtverhältnisse des Bildes, das sich uns bietet, ändern. Somit können wir selbst bestimmen, welche Komponenten eine Rolle spielen sollen.

      Oftmals stellen unsere Augen automatisch ein Bild zusammen, wenn sich uns ein atemberaubender Anblick bietet, der von Bäumen oder anderen Pflanzen sozusagen eingerahmt wird. Doch viele meisterhafte Bilder sind eher unauffällig und in Bodennähe zu finden.

      Kleines und Großes bemerken

      Jede Schöpfung Gottes ist wunderschön, ob sie klein oder groß ist, und wir werden wesentlich mehr Freude daran finden, wenn wir lernen, die gut aufeinander abgestimmten Details zu erkennen. Sie ergeben Miniaturbilder, die über die große Leinwand der Natur verstreut sind. Um sie schätzenzulernen, brauchen wir uns lediglich zu bücken und genauer hinzusehen.

      Diese Bilder im Bild beschreibt der Fotograf John Shaw in seinem Buch Closeups in Nature. Er schreibt: „Es überrascht mich immer wieder, daß ein näheres Betrachten eines Details in der Natur ein noch genaueres Hinsehen zur Folge hat. ... Zuerst sieht man das große Bild, dann in einer Ecke des Bildes einen Farbfleck. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man viele Blumen, und auf einer Blume sitzt ein Schmetterling. Die Flügel tragen eine auffällige Zeichnung, die durch die präzise Anordnung der Flügelschuppen zustande kommt; jede Schuppe ist durch und durch perfekt. Wenn wir die Perfektion dieser einen Flügelschuppe wirklich verstünden, könnten wir möglicherweise die Perfektion der künstlerischen Gestaltung verstehen, die die Natur ausmacht.“

      Abgesehen davon, daß die Kunstwerke in der Natur — ob klein, ob groß — ein ästhetischer Genuß sind, können sie uns unserem Schöpfer näherbringen. „Hebt eure Augen in die Höhe und seht“, fordert Jehova uns auf. Wenn wir innehalten, um genau hinzusehen und die Natur zu bewundern, sei es den Sternenhimmel oder irgendeine andere Schöpfung Gottes, werden wir an den erinnert, der „diese Dinge erschaffen [hat]“ (Jesaja 40:26).

      Männer, die lernten, genau hinzusehen

      In biblischer Zeit zeigten Diener Gottes ein besonderes Interesse an der Schöpfung. In 1. Könige 4:30, 33 lesen wir: „Salomos Weisheit war größer als die Weisheit aller Orientalen ... Er pflegte über die Bäume zu reden, von der Zeder, die auf dem Libanon ist, bis zum Ysop, der an der Mauer herauskommt; und er pflegte über das Vieh zu reden und über die fliegenden Geschöpfe und über das sich regende Getier und über die Fische.“

      Möglicherweise war Salomos Interesse an der herrlichen Schöpfung zum Teil auf das Beispiel seines Vaters zurückzuführen. David, der einen Großteil seiner Jugend als Hirte verbrachte, sann oft über die Werke Gottes nach. Besonders die Schönheit des Himmels beeindruckte ihn. Gemäß Psalm 19:1 schrieb er: „Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes; und die Ausdehnung tut das Werk seiner Hände kund.“ (Vergleiche Psalm 139:14.) Offensichtlich kam David dadurch, daß er sich mit der Schöpfung beschäftigte, Gott näher. Das kann auch bei uns so sein.a

      Diese gottesfürchtigen Männer wußten, daß es die Stimmung hebt und das Leben bereichert, wenn man für die Werke Gottes ein Auge hat und sie schätzt. In unserer modernen Zeit, in der vorgekaute, oftmals verdorbene Unterhaltung eine richtige Plage ist, kann es für den einzelnen und für Familien eine angenehme Beschäftigung sein, sich mit der Schöpfung Jehovas zu befassen. Für diejenigen, die Gottes verheißene neue Welt herbeisehnen, ist es ein Zeitvertreib mit Zukunft (Jesaja 35:1, 2).

      Wenn wir die uns umgebenden Kunstwerke nicht nur sehen, sondern durch sie auch die Eigenschaften ihres Meisterkünstlers erkennen, werden wir uns bestimmt gedrängt fühlen, wie David auszurufen: „Da ist keiner gleich dir ..., o Jehova, noch gibt es irgendwelche Werke gleich den deinen“ (Psalm 86:8).

      [Fußnote]

      a Andere Bibelschreiber, zum Beispiel Agur und Jeremia, beobachteten ebenfalls begeistert die Natur (Sprüche 30:24-28; Jeremia 8:7).

      [Bilder auf Seite 10]

      Beispiele für Formen und Muster, Licht, Farbe und Komposition

      [Bildnachweis]

      Godo-Foto

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