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Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Dies ist der erste von fünf Teilen eines Kapitels, in dem berichtet wird, wie sich die Tätigkeit der Zeugen Jehovas über die ganze Erde ausgedehnt hat. Teil 1, der die Zeit von den 1870er Jahren bis 1914 behandelt, geht von Seite 404 bis 422. Die menschliche Gesellschaft hat sich nie von den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges erholt, der 1914 begann. Dieses Jahr hatten die Bibelforscher schon lange mit dem Ende der Zeiten der Nationen gleichgesetzt.
EHE Jesus Christus zum Himmel auffuhr, gab er seinen Aposteln einen Auftrag. Er erklärte: „Ihr werdet Zeugen von mir sein ... bis zum entferntesten Teil der Erde“ (Apg. 1:8). Er hatte auch vorausgesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Dieses Werk wurde im ersten Jahrhundert nicht abgeschlossen. Ein Großteil ist in der Neuzeit getan worden. Und es ist wirklich begeisternd, zu lesen, was von den 1870er Jahren bis zur Gegenwart geleistet wurde.
Charles Taze Russell wurde durch seine weithin angekündigten biblischen Vorträge zwar zu einer bekannten Persönlichkeit, aber ihm war nicht lediglich an großen Zuhörerschaften gelegen, sondern an Menschen. Daher unternahm er bald nach 1879, dem Jahr, als er mit der Herausgabe des Wacht-Turms begann, ausgedehnte Reisen, um kleine Gruppen von Lesern der Zeitschrift zu besuchen und mit ihnen über biblische Gedanken zu sprechen.
C. T. Russell ermutigte diejenigen, die an die kostbaren Verheißungen aus Gottes Wort glaubten, sich daran zu beteiligen, sie anderen zu überbringen. Wer von dem Gelernten tief im Innersten berührt war, tat genau das mit echtem Eifer. Zur Förderung des Werkes wurden Druckerzeugnisse bereitgestellt. Anfang 1881 erschien eine Reihe von Traktaten. Material daraus wurde dann zusammen mit Zusatzinformationen in Form der umfangreicheren Publikation Speise für denkende Christen herausgegeben, von der 1 200 000 Exemplare zur Verbreitung hergestellt wurden. Aber wie könnte die kleine Schar Bibelforscher (damals an die 100) das alles verbreiten?
Kirchgänger angesprochen
Einen Teil gab man an Verwandte und Freunde weiter. Eine Anzahl Zeitungen erklärte sich bereit, allen ihren Abonnenten ein Exemplar zuzusenden. (Man konzentrierte sich auf wöchentlich und monatlich erscheinende Zeitungen, damit die Veröffentlichung Speise für denkende Christen vielen Bewohnern ländlicher Gegenden zukäme.) Aber zum größten Teil verbreitete man die Publikation an mehreren aufeinanderfolgenden Sonntagen vor Kirchen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Da es nicht so viele Bibelforscher gab, daß sie alles allein bewältigen konnten, engagierte man Helfer.
Bruder Russell sandte zwei Mitarbeiter, J. C. Sunderlin und J. J. Bender, nach Großbritannien, damit sie sich dort um die Verteilung von 300 000 Exemplaren kümmerten. Bruder Sunderlin ging nach London, während Bruder Bender in den Norden, nach Schottland, reiste und von da aus in Richtung Süden arbeitete. Man konzentrierte sich auf Großstädte. Durch Zeitungsanzeigen wurden geeignete Männer ausfindig gemacht, die man damit beauftragen konnte, für die Verbreitung einer bestimmten Anzahl von Exemplaren genügend Helfer zu suchen. Allein in London wurden fast 500 Verteiler angeworben. Die Arbeit wurde rasch erledigt — an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen.
Im selben Jahr wurde dafür gesorgt, daß Bibelforscher, die in der Lage waren, die Hälfte ihrer Zeit oder mehr dem Werk des Herrn zu widmen, als Kolporteure dienen konnten, um Literatur für das Bibelstudium zu verbreiten. Diese Vorläufer der heutigen Pioniere leisteten im Hinaustragen der guten Botschaft wirklich Bemerkenswertes.
In den nächsten zehn Jahren verfaßte Bruder Russell verschiedene Traktate, mit denen es leicht war, anderen einige der herausragenden neugelernten Wahrheiten der Bibel zu vermitteln. Er schrieb auch mehrere Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt). Dann begab er sich persönlich auf Evangelisierungsreisen in andere Länder.
Russell reist ins Ausland
Im Jahre 1891 besuchte er Kanada, wo seit 1880 so viel Interesse geweckt worden war, daß nun in Toronto ein Kongreß mit 700 Teilnehmern stattfinden konnte. Er reiste 1891 auch nach Europa, um zu sehen, was dort für die Ausbreitung der Wahrheit getan werden könnte. Die Reise führte ihn nach Irland, Schottland, England, in viele Länder des europäischen Festlandes, nach Rußland (in das heutige Moldawien) und in den Nahen Osten.
Zu welchem Schluß kam er durch seine Kontakte auf dieser Reise? „In Rußland beobachteten wir keine Öffnung oder Bereitschaft für die Wahrheit ... Wir sahen nichts, was uns auf eine Ernte in Italien, der Türkei, in Österreich oder Deutschland hoffen lassen würde“, berichtete er. „Aber Norwegen, Schweden, Dänemark, die Schweiz und besonders England, Irland und Schottland sind Felder, die reif sind und auf die Ernte warten. Diese Felder scheinen zu rufen: ‚Komm herüber und hilf uns!‘ “ Es war eine Zeit, in der die katholische Kirche noch das Lesen der Bibel verbot, in der viele Protestanten ihre Kirche verließen und in der etliche, von ihrer Kirche enttäuscht, die Bibel ganz und gar verwarfen.
Um diesen geistig Hungernden zu helfen, unternahm man nach Bruder Russells Reise von 1891 größere Anstrengungen, Literatur in die Sprachen Europas zu übersetzen. Außerdem sorgte man dafür, daß in London Literatur gedruckt und gelagert wurde, damit sie in Großbritannien leichter zu erhalten wäre. Das britische Feld stellte sich tatsächlich als reif für die Ernte heraus. Im Jahre 1900 gab es dort bereits neun Versammlungen und insgesamt 138 Bibelforscher — darunter einige eifrige Kolporteure. Als Bruder Russell 1903 Großbritannien erneut besuchte und die Ansprache „Die Hoffnung und die Aussicht auf das Millennium“ hielt, versammelten sich 1 000 Zuhörer in Glasgow, 800 in London und 500 bis 600 in anderen Städten.
Was Italien betraf, bestätigten sich Bruder Russells Bedenken allerdings, denn nach seinem Besuch vergingen 17 Jahre, bis in Pinerolo die erste Versammlung der Bibelforscher in diesem Land gegründet wurde. Und wie stand es mit der Türkei? Ende der 1880er Jahre hatte Basil Stephanoff in Mazedonien gepredigt, das damals zum europäischen Teil der Türkei gehörte. Einige Leute schienen zwar Interesse zu haben, aber dann machten angebliche Brüder Falschaussagen, die zu seiner Inhaftierung führten. Erst 1909 hieß es in dem Brief eines Griechen aus Smyrna (heute Izmir) in der Türkei, daß dort eine Gruppe voller Wertschätzung die Wachtturm-Publikationen studierte. Nach Österreich kehrte Bruder Russell 1911 selbst zurück, um in Wien einen Vortrag zu halten, doch die Zusammenkunft wurde vom Pöbel gesprengt. Auch in Deutschland ließ eine positive Reaktion auf sich warten. Die Skandinavier hingegen waren sich ihrer geistigen Bedürfnisse anscheinend stärker bewußt.
Skandinavier helfen sich gegenseitig
Viele Schweden lebten in Amerika. 1883 sollte ein Probeexemplar des ins Schwedische übersetzten Wacht-Turms unter ihnen verbreitet werden. Die Ausgaben gelangten bald darauf mit der Post zu Freunden und Verwandten nach Schweden. Norwegische Literatur war bis dahin nicht hergestellt worden. Doch 1892, ein Jahr nach Bruder Russells Europareise, kehrte Knud Pederson Hammer, ein Norweger, der die Wahrheit in Amerika kennengelernt hatte, nach Norwegen zurück, um seinen Verwandten Zeugnis zu geben.
Im Jahre 1894, als Publikationen in Dänisch-Norwegisch herausgebracht wurden, sandte man Sophus Winter, einen 25jährigen Amerikaner dänischer Herkunft, nach Dänemark und gab ihm einen Literaturvorrat zum Verbreiten. Bis zum darauffolgenden Frühjahr hatte er 500 Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch abgegeben. Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich ihm einige andere, die die Veröffentlichungen gelesen hatten, in dem Werk an. Leider betrachtete er später sein kostbares Vorrecht mit Geringachtung, aber dafür ließen andere das Licht weiter leuchten.
Ehe Winter seinen Dienst aufgab, war er jedoch eine Zeitlang in Schweden als Kolporteur tätig. Bald darauf entdeckte August Lundborg, ein junger Heilsarmeehauptmann, als er bei einem Freund auf der Insel Sturkö zu Besuch war, zwei Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch. Er borgte sie sich, las sie begierig, trat aus der Kirche aus und sprach mit den Leuten über das Gelernte. Einem anderen jungen Mann, P. J. Johansson, gingen die Augen auf, nachdem er ein Traktat gelesen hatte, das auf einer Parkbank lag.
Als die schwedische Gruppe größer wurde, gingen einige nach Norwegen, um biblische Literatur zu verbreiten. Doch schon vorher hatten in Norwegen einzelne mit der Post Literatur von Angehörigen aus Amerika erhalten. So war es gekommen, daß Rasmus Blindheim den Dienst für Jehova aufgenommen hatte. Zu denen, die in diesen Anfangsjahren in Norwegen die Wahrheit annahmen, gehörte Theodor Simonsen, ein Prediger der Freien Mission. In seinen Ansprachen in der Freien Mission begann er, die Höllenfeuerlehre zu widerlegen. Seine Zuhörer sprangen vor Begeisterung über diese wunderbare Botschaft auf, aber als sich herausstellte, daß er mit der „Millennium-Tagesanbruch“-Bewegung in Berührung gekommen war, entließ ihn die Kirche. Dennoch sprach er unverdrossen weiter über seine erfreulichen neugelernten Kenntnisse. Ein anderer junger Mann, der einige Veröffentlichungen in die Hände bekam, war Andreas Øiseth. Als er überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verließ er das elterliche Gut und nahm die Tätigkeit als Kolporteur auf. Er arbeitete systematisch in nördlicher Richtung und dann nach Süden entlang den Fjorden, wobei er keine Gemeinde ausließ. Im Winter lud er sein Gepäck, das aus Lebensmitteln, Kleidung und Literatur bestand, auf einen Tretschlitten, und gastfreundliche Leute boten ihm Schlafgelegenheiten an. Während einer achtjährigen Reise bearbeitete er fast das ganze Land mit der guten Botschaft.
Ebba, August Lundborgs Frau, ging 1906 von Schweden nach Finnland und war dort als Kolporteurin tätig. Ungefähr zur selben Zeit brachten Männer, die aus den Vereinigten Staaten zurückkehrten, Wachtturm-Publikationen mit und sprachen mit anderen über das Gelernte. So gelangte Emil Österman, der etwas Besseres suchte als das, was die Kirchen zu bieten hatten, schon nach wenigen Jahren in den Besitz des Buches Der göttliche Plan der Zeitalter. Er zeigte es seinem Freund Kaarlo Harteva, der ebenfalls den richtigen Weg suchte. Als Harteva erkannte, wie wertvoll dieser Besitz war, übersetzte er das Buch ins Finnische und sorgte mit Östermans finanzieller Unterstützung dafür, daß es herausgebracht wurde. Sie machten sich gemeinsam daran, es zu verbreiten. Mit dem Elan echter Evangeliumsverkündiger redeten sie auf öffentlichen Plätzen mit den Leuten, gingen von Haus zu Haus und hielten in großen vollbesetzten Vortragssälen Ansprachen. Nachdem Bruder Harteva vor einer Zuhörerschaft in Helsinki die falschen Lehren der Christenheit entlarvt hatte, forderte er die Anwesenden auf, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele biblisch zu stützen, falls sie dazu imstande wären. Die Augen aller richteten sich auf die Geistlichen im Publikum. Keiner ergriff das Wort; niemand konnte etwas auf die klare Aussage in Hesekiel 18:4 erwidern. Einige Anwesende sagten, daß sie nach dem, was sie gehört hatten, in der Nacht kaum Schlaf fanden.
Ein einfacher Gärtner predigt in Europa
Unterdessen verließ Adolf Weber auf Anraten eines mit ihm befreundeten älteren Wiedertäufers die Schweiz und ging auf der Suche nach einem besseren Verständnis der Heiligen Schrift in die Vereinigten Staaten. Dort wurde er auf eine Anzeige hin Gärtner für Bruder Russell. Durch das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter (das es damals schon in Deutsch gab) und die von Bruder Russell geleiteten Zusammenkünfte erlangte er die biblische Erkenntnis, die er gesucht hatte, und ließ sich 1890 taufen. Die ‘Augen seines Herzens waren erleuchtet’, so daß er für die großartige Gelegenheit, die sich ihm eröffnete, von Herzen dankbar war (Eph. 1:18). Nachdem er eine Zeitlang in den Vereinigten Staaten eifrig Zeugnis abgelegt hatte, kehrte er in sein Geburtsland zurück, um dort die Arbeit „im Weinberg des Herrn“ aufzunehmen. So war er Mitte der 1890er Jahre wieder in der Schweiz und sprach mit Menschen, die ein empfängliches Herz hatten, über die biblische Wahrheit.
Adolf Weber verdiente seinen Lebensunterhalt als Gärtner und Förster, doch sein Hauptinteresse galt dem Evangelisieren. Er gab den Leuten, mit denen er arbeitete, und den Bewohnern der umliegenden schweizerischen Dörfer und Städte Zeugnis. Er beherrschte mehrere Sprachen und nutzte seine Kenntnisse, um die Publikationen der Gesellschaft ins Französische zu übersetzen. Zur Winterszeit packte er biblische Literatur in seinen Rucksack und ging zu Fuß nach Frankreich, und manchmal reiste er in nordwestlicher Richtung nach Belgien oder in den Süden, nach Italien.
Um Menschen zu erreichen, mit denen er nicht persönlich sprechen konnte, ließ er in Zeitungen und Zeitschriften Anzeigen setzen, die auf Literatur für das Bibelstudium aufmerksam machten. Elie Thérond aus Mittelfrankreich antwortete auf eine der Anzeigen, erkannte bei dem, was er las, den Klang der Wahrheit und verbreitete die Botschaft bald selbst. In Belgien entdeckte Jean-Baptiste Tilmant sen. 1901 eine dieser Anzeigen und erhielt zwei Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch. Er war begeistert, die biblische Wahrheit so klar dargelegt zu sehen. Er mußte unbedingt mit seinen Freunden darüber sprechen. Im darauffolgenden Jahr versammelte sich regelmäßig eine Studiengruppe in seiner Wohnung. Bald trug die Tätigkeit dieser kleinen Gruppe sogar in Nordfrankreich Früchte. Bruder Weber blieb mit ihr in Kontakt, ja, er besuchte die verschiedenen Gruppen, die sich bildeten, in regelmäßigen Abständen, erbaute sie im Glauben und gab ihnen Anleitung, wie sie die gute Botschaft anderen überbringen könnten.
Die gute Botschaft erreicht Deutschland
Kurz nachdem Mitte der 1880er Jahre einige Publikationen in Deutsch erschienen waren, schickten Deutschamerikaner, die sie zu schätzen wußten, Exemplare davon an Verwandte in ihrem Geburtsland. Eine Krankenschwester gab in dem Hamburger Krankenhaus, wo sie arbeitete, einige Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch an andere weiter. 1896 ließ Adolf Weber in der Schweiz Anzeigen in deutschsprachige Zeitungen setzen und sandte mit der Post Traktate nach Deutschland. Im Jahr darauf wurde in Deutschland ein Literaturdepot eingerichtet, um die Verbreitung des Wacht-Turms zu erleichtern, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten. 1902 zog jedoch Margarethe Demut, die in der Schweiz die Wahrheit kennengelernt hatte, nach Tailfingen, östlich des Schwarzwaldes. Ihre eifrige Zeugnistätigkeit trug zur Gründung einer der frühen Bibelforschergruppen in Deutschland bei. Samuel Lauper aus der Schweiz zog ins Bergische Land, nordöstlich von Köln, um in dieser Gegend die gute Botschaft zu verbreiten. 1904 wurden in Wermelskirchen Zusammenkünfte abgehalten. Zu den Besuchern gehörte ein 80jähriger Mann mit Namen Gottlieb Paas, der die Wahrheit gesucht hatte. Nicht lange nachdem diese Zusammenkünfte eingeführt worden waren, starb Paas, aber auf dem Sterbebett hielt er noch einmal den Wacht-Turm hoch und sagte: „Das ist die Wahrheit, daran müßt ihr festhalten.“
Die Zahl derer, die sich für die biblischen Wahrheiten interessierten, nahm allmählich zu. Obwohl es teuer war, sorgte man dafür, daß deutschen Zeitungen kostenlose Probeexemplare des Wacht-Turms beigefügt wurden. Aus einem 1905 veröffentlichen Bericht geht hervor, daß über 1 500 000 dieser Wacht-Turm-Muster verbreitet wurden. Das war eine große Leistung für eine Handvoll Leute.
Eine Anzahl Bibelforscher war nicht der Meinung, es sei damit getan, Menschen in der näheren Umgebung zu erreichen. Schon 1907 unternahm Bruder Erler aus Deutschland Reisen nach Böhmen (später Teil der Tschechoslowakei) im damaligen Österreich-Ungarn. Er verbreitete Literatur, die vor Harmagedon warnte und von den Segnungen handelte, die der Menschheit danach zukommen würden. 1912 hatte ein anderer Bibelforscher bereits biblische Literatur im Memelgebiet (heute Litauen) verbreitet. Viele reagierten begeistert auf die Botschaft, und es bildeten sich rasch mehrere ziemlich große Bibelforschergruppen. Aber als sie erfuhren, daß wahre Christen auch Zeugen sein müssen, ging ihre Zahl allmählich zurück. Einige erwiesen sich jedoch als echte Nachahmer Christi, des ‘treuen und wahrhaftigen Zeugen’ (Offb. 3:14).
Als Nikolaus von Tornow, ein deutscher Baron mit großen Besitztümern in Rußland, um 1907 in der Schweiz war, gab man ihm ein Traktat der Watch Tower Society. Zwei Jahre später erschien er in seiner besten Garderobe und in Begleitung seines persönlichen Dieners in der Versammlung Berlin. Es dauerte eine Zeit, bis er erkannte, warum Gott solch einfachen Leuten kostbare Wahrheiten anvertraute, aber es war ihm eine Hilfe, die Worte aus 1. Korinther 1:26-29 zu lesen: „Ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt ..., damit sich vor Gott kein Fleisch rühme.“ Überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben, verkaufte von Tornow seine Besitztümer in Rußland und setzte seine Kräfte und Geldmittel ein, um die Interessen der reinen Anbetung zu fördern.
Im Jahre 1911, als ein junges deutsches Paar — die Herkendells — heiratete, erbat die Braut von ihrem Vater statt einer Aussteuer Geld für eine ungewöhnliche Hochzeitsreise. Sie und ihr Mann hatten eine anstrengende Reise vor, die viele Monate dauern würde. Ihre Hochzeitsreise war eine Predigttour durch Rußland, auf der sie die dortige deutschsprachige Bevölkerung erreichen wollten. So vermittelten die unterschiedlichsten Menschen auf die verschiedenste Art und Weise anderen, was sie über Gottes liebevollen Vorsatz gelernt hatten.
Wachstum in Großbritannien
Nachdem 1881 in Großbritannien große Mengen Literatur verbreitet worden waren, sahen einige Kirchgänger ein, daß sie das Gelernte in ihrem Leben anwenden müßten. Zum Beispiel war Tom Hart aus Islington (London) von dem biblischen Rat des Wacht-Turms tief berührt: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“ — das hieß, aus den babylonischen Kirchen der Christenheit hinauszugehen und sich an die Lehre der Bibel zu halten (Offb. 18:4). 1884 trat er aus der Kirche aus, und eine Reihe anderer folgte seinem Beispiel.
Aus vielen, die mit den Studiengruppen verbunden waren, wurden erfolgreiche Evangeliumsverkündiger. Manche boten in den Parks von London und an anderen Orten, wo sich die Leute entspannten, biblische Literatur an. Andere konzentrierten sich auf Geschäftshäuser. Üblicher war es jedoch, Besuche von Haus zu Haus zu machen.
Sarah Ferrie, eine Wacht-Turm-Abonnentin aus Glasgow, schrieb an Bruder Russell, sie und ein paar Freunde aus der Stadt würden sich gern als Freiwillige an der Traktatverbreitung beteiligen. Wie überrascht sie doch war, als vor ihrer Tür ein Lastwagen mit 30 000 Druckschriften hielt, die alle kostenlos abgegeben werden sollten! Die Gruppe machte sich an die Arbeit. Minnie Greenlees und ihre drei minderjährigen Söhne zogen mit einem Einspänner als Transportmittel durch das schottische Landgebiet, um dort biblische Literatur zu verbreiten. Später fuhren Alfred Greenlees und Alexander MacGillivray mit Fahrrädern durch weite Teile Schottlands und verteilten Traktate. Jetzt brauchte man nicht mehr dafür zu bezahlen, daß andere die Literatur verbreiteten, sondern diese Arbeit wurde von Gott hingegebenen Freiwilligen verrichtet.
Von ihrem Herzen angetrieben
In einem seiner Gleichnisse sagte Jesus, daß Menschen, die ‘das Wort Gottes mit einem edlen und guten Herzen hörten’, Frucht tragen würden. Aufrichtige Dankbarkeit für Gottes liebevolle Vorkehrungen würde sie veranlassen, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich zu überbringen (Luk. 8:8, 11, 15). Sie würden ungeachtet ihrer Lebensumstände einen Weg finden, das zu tun.
Ein argentinischer Reisender erhielt beispielsweise von einem italienischen Seemann einen Teil der Publikation Speise für denkende Christen. Während das Schiff in Peru vor Anker lag, bestellte der Reisende brieflich weitere Schriften, und 1885 schrieb er von Argentinien aus mit gesteigertem Interesse erneut an den Herausgeber des Wacht-Turms und bat um Literatur. Im selben Jahr nahm ein Angehöriger der britischen Marine, der mit seiner Einheit nach Singapur gesandt wurde, den Wacht-Turm mit. Hoch erfreut über das, was er aus der Zeitschrift lernte, gebrauchte er sie freimütig, um die biblische Ansicht über Themen bekanntzumachen, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. 1910 machte ein Schiff, mit dem zwei Christinnen reisten, im Hafen von Colombo auf Ceylon (heute Sri Lanka) Zwischenstation. Sie ergriffen die Gelegenheit, Herrn Van Twest, dem Seemannsamtsleiter des Hafens, Zeugnis zu geben. Sie sprachen eindringlich mit ihm über die erfreulichen Kenntnisse, die sie aus dem Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gewonnen hatten. Daraufhin wurde Herr Van Twest ein Bibelforscher, und auf Sri Lanka kam das Predigen der guten Botschaft in Gang.
Auch diejenigen, die keine Reisen unternehmen konnten, suchten Mittel und Wege, Menschen in anderen Ländern die herzerfrischenden biblischen Wahrheiten zu vermitteln. Wie aus einem Dankschreiben hervorgeht, das 1905 veröffentlicht wurde, hatte jemand aus den Vereinigten Staaten das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter einem Mann auf St. Thomas im damaligen Dänisch-Westindien geschickt. Als der Empfänger es durchgelesen hatte, fiel er auf die Knie und brachte den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck, von Gott gebraucht zu werden, um dessen Willen zu tun. 1911 führte Bellona Ferguson aus Brasilien ihren Fall an als „eindeutigen, greifbaren Beweis dafür, daß niemand zu weit weg ist“, um von den Wassern der Wahrheit erreicht zu werden. Sie hatte die Veröffentlichungen der Gesellschaft offenbar von 1899 an mit der Post erhalten. Noch vor dem Ersten Weltkrieg fand ein deutscher Emigrant, der in Paraguay lebte, in seinem Briefkasten ein Traktat der Gesellschaft. Er bestellte weitere Literatur und löste bald darauf seine Verbindungen zu den Kirchen der Christenheit. Er und sein Schwager beschlossen, sich gegenseitig zu taufen, da es in dem Land niemanden gab, der das sonst hätte tun können. Ja, in den entfernten Teilen der Erde wurde Zeugnis abgelegt, und diese Tätigkeit trug Früchte.
Andere Bibelforscher fühlten sich gedrängt, zu ihrem Geburtsort oder dem ihrer Eltern zu reisen, um Bekannten und Verwandten zu erzählen, was für einen wunderbaren Vorsatz Jehova hat und wie sie daraus Nutzen ziehen könnten. So kehrte zum Beispiel 1895 Bruder Oleszynski mit der guten Botschaft über „das Lösegeld, die Wiederherstellung und die Berufung nach oben“ nach Polen zurück, aber leider harrte er im Dienst nicht aus. 1898 ging ein emeritierter ungarischer Professor von Kanada weg, um die dringliche Botschaft der Bibel in seiner Heimat zu verbreiten. 1905 kehrte ein Grieche, der in Amerika Bibelforscher geworden war, zum Zeugnisgeben nach Griechenland zurück. Und 1913 brachte ein junger Mann Samen der biblischen Wahrheit von New York nach Ram Allah, dem Heimatort seiner Angehörigen, unweit Jerusalems.
Erschließung des karibischen Raums
Während die Zahl der Evangeliumsverkündiger in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa zunahm, begann die biblische Wahrheit auch in Panama, Costa Rica, Niederländisch-Guayana (heute Suriname) und Britisch-Guayana (heute Guyana) Fuß zu fassen. Joseph Brathwaite wurde in Britisch-Guayana geholfen, den Vorsatz Gottes zu verstehen, worauf er 1905 nach Barbados ging und seine ganze Zeit dafür einsetzte, die dortigen Bewohner darin zu unterweisen. Louis Facey und H. P. Clarke hörten die gute Botschaft, als sie in Costa Rica arbeiteten, und kehrten 1897 nach Jamaika zurück, um mit ihrem eigenen Volk über den neugefundenen Glauben zu sprechen. Diejenigen, die dort die Wahrheit annahmen, waren eifrig tätig. Allein 1906 verbreitete die Gruppe auf Jamaika rund 1 200 000 Traktate und andere Veröffentlichungen. Ein anderer Wanderarbeiter, der die Wahrheit in Panama kennenlernte, nahm die biblische Botschaft der Hoffnung mit zurück nach Grenada.
Die Revolution in Mexiko von 1910/11 war ein weiterer Faktor, der dazu beitrug, daß wahrheitshungrigen Menschen die Botschaft von Gottes Königreich überbracht wurde. Viele flohen nach Norden, in die Vereinigten Staaten. Dort kamen einige mit den Bibelforschern in Berührung, erfuhren von Jehovas Vorsatz, der Menschheit bleibenden Frieden zu bringen, und schickten Literatur nach Mexiko. Das war jedoch nicht das erstemal, daß diese Botschaft nach Mexiko gelangte. Bereits 1893 veröffentlichte der Wacht-Turm einen Brief von F. de P. Stephenson aus Mexiko, der einige Publikationen der Watch Tower Society gelesen hatte und weitere wünschte, da er sie auch seinen Freunden in Mexiko und in Europa zukommen lassen wollte.
Um den karibischen Raum noch weiter für das Predigen der biblischen Wahrheit zu erschließen und regelmäßige Zusammenkünfte für das Bibelstudium zu organisieren, sandte Bruder Russell 1911 E. J. Coward nach Panama und dann auf die Inseln. Bruder Cowards Ansprachen waren eindringlich und farbig, und oft strömten Hunderte herbei, um seine Vorträge zu hören, in denen er die Lehren vom Höllenfeuer und von der Unsterblichkeit der Menschenseele widerlegte und von der herrlichen Zukunft der Erde sprach. Er zog von Ort zu Ort und von Insel zu Insel — St. Lucia, Dominica, St. Kitts, Barbados, Grenada und Trinidad — und sprach mit so vielen Menschen wie nur möglich. Er hielt auch in Britisch-Guayana Ansprachen. In Panama lernte er W. R. Brown kennen, einen eifrigen jungen Bruder von Jamaika, der dann mit ihm zusammen auf einer Reihe von karibischen Inseln diente. Später half Bruder Brown noch bei der Erschließung weiterer Gebiete.
Im Jahre 1913 hielt Bruder Russell Vorträge in Panama, in Kuba und auf Jamaika. Bei einem öffentlichen Vortrag in Kingston auf Jamaika waren zwei Vortragssäle voll besetzt, und ungefähr 2 000 Personen konnten nicht mehr eingelassen werden. Die Presse nahm zur Kenntnis, daß der Redner nichts über Geld sagte und daß es keine Kollekte gab.
Das Licht der Wahrheit dringt nach Afrika
In dieser Zeit drang das Licht der Wahrheit auch nach Afrika durch. In einem Brief aus Liberia von 1884 hieß es, daß ein Bibelleser dort in den Besitz der Publikation Speise für denkende Christen gelangt war und mehr Veröffentlichungen wünschte, um sie auch anderen zu geben. Ein paar Jahre später wurde berichtet, daß ein Geistlicher in Liberia die Kanzel verlassen hatte, damit er ungehindert die biblischen Wahrheiten lehren konnte, die er durch den Wacht-Turm kennenlernte, und daß in dem Land eine Gruppe von Bibelforschern regelmäßig Zusammenkünfte abhielt.
Ein Geistlicher der Niederländisch-Reformierten Kirche nahm aus Holland einige Veröffentlichungen von C. T. Russell mit, als er 1902 nach Südafrika gesandt wurde. Ihm selbst brachten sie zwar keinen langfristigen Nutzen, wohl aber Frans Ebersohn und Stoffel Fourie, die sie in seiner Büchersammlung sahen. Ein paar Jahre später, als zwei eifrige Bibelforscher von Schottland nach Durban in Südafrika auswanderten, erhielt die Gruppe in diesem Gebiet Verstärkung.
Leider ließen einige wenige, die Literatur von Bruder Russell in die Hände bekamen und anderen etwas aus deren Inhalt vermittelten — zum Beispiel Joseph Booth und Elliott Kamwana —, ihre eigenen Gedanken einfließen, um zu sozialen Veränderungen aufzuwiegeln. Manche Außenstehende in Südafrika und Njassaland (heute Malawi) konnten daraufhin nicht richtig auseinanderhalten, wer die echten Bibelforscher waren. Dennoch hörten viele die Botschaft, die die Aufmerksamkeit auf Gottes Königreich als Lösung für die Probleme der Menschheit hinlenkte, und zeigten Wertschätzung dafür.
Eine ausgedehnte Predigttätigkeit in Afrika lag allerdings noch in der Zukunft.
Nach Asien und zu den Inseln des Pazifiks
Bald nachdem biblische Publikationen von C. T. Russell zum erstenmal in Großbritannien verbreitet worden waren, gelangten sie auch nach Asien. 1883 erhielt Fräulein C. B. Downing, eine Missionarin der Presbyterianer im chinesischen Chefoo (heute Yantai), ein Exemplar des Wacht-Turms. Sie schätzte das, was sie über die Wiederherstellung lernte, und gab an andere Missionare — darunter Horace Randle, der mit der Missionsgesellschaft der Baptisten verbunden war — Publikationen weiter. Später wurde sein Interesse durch eine Anzeige für das Werk Millennium-Tagesanbruch in der Londoner Times weiter angeregt, und dann erhielt er die Bücher selbst — eines von Fräulein Downing und ein anderes mit der Post von seiner Mutter aus England. Am Anfang schockierte ihn das, was er las. Aber als er davon überzeugt war, daß die Dreieinigkeit nicht in der Bibel gelehrt wird, trat er aus der Baptistenkirche aus und ging dazu über, mit anderen Missionaren über das Gelernte zu sprechen. Im Jahre 1900 berichtete er, daß er 2 324 Briefe und etwa 5 000 Traktate an Missionare in China, Japan, Korea und Siam (heute Thailand) geschickt hatte. Damals gab man in Asien hauptsächlich den Missionaren der Christenheit Zeugnis.
Im gleichen Zeitraum wurde auch in Australien und Neuseeland Samen der Wahrheit ausgestreut. Das erste „Samenkorn“ ist möglicherweise 1884 oder kurz darauf nach Australien gelangt, und zwar durch einen Mann, der in England in einem Park zum erstenmal von einem Bibelforscher angesprochen wurde. Weitere „Samenkörner“ trafen per Post von Freunden und Verwandten aus Übersee ein.
Wenige Jahre nachdem 1901 der Australische Bund gebildet worden war, gab es Hunderte von Wacht-Turm-Abonnenten. Die Tätigkeit derer, die es als Vorrecht betrachteten, anderen die Wahrheit näherzubringen, führte dazu, daß Tausende von Traktaten an Leute versandt wurden, deren Namen man den Wählerlisten entnahm. Weitere wurden auf den Straßen verteilt, und man warf aus fahrenden Zügen Bündel von Traktaten Arbeitern an der Eisenbahnlinie zu sowie Landbewohnern, die dort einsam und abgelegen wohnten. Die Leute wurden von dem nahenden Ende der Zeiten der Nationen, die 1914 ablaufen würden, in Kenntnis gesetzt. Arthur Williams sen. sprach in seinem Laden in Westaustralien mit allen Kunden darüber und lud Leute, die Interesse zeigten, zu weiteren Gesprächen in sein Haus ein.
Wer als erster die biblische Wahrheit nach Neuseeland brachte, weiß man heute nicht mehr. Doch 1898 hatte Andrew Anderson, ein Einwohner Neuseelands, so viel in den Wachtturm-Publikationen gelesen, daß er sich bewogen fühlte, dort als Kolporteur die Wahrheit zu verbreiten. Seine Bemühungen wurden 1904 durch weitere Kolporteure unterstützt, die aus Amerika und von dem australischen Zweigbüro der Gesellschaft kamen, das im selben Jahr gegründet worden war. Die Frau von Thomas Barry aus Christchurch nahm von einem der Kolporteure sechs Bände der Schriftstudien entgegen. Ihr Sohn Bill las sie 1909 während einer sechswöchigen Schiffsreise nach England und erkannte, daß ihr Inhalt der Wahrheit entsprach. Jahre später wurde sein Sohn Lloyd in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen.
Zu denen, die in jenen Anfangsjahren eifrig tätig waren, gehörte Ed Nelson, der zwar nicht gerade taktvoll war, aber immerhin 50 Jahre lang seine ganze Zeit dafür einsetzte, die Königreichsbotschaft von der Nordspitze Neuseelands bis in den Süden zu verbreiten. Nach ein paar Jahren schloß sich ihm Frank Grove an, der als Ausgleich für seine schwache Sehkraft sein Gedächtnis trainierte und bis zu seinem Tod ebenfalls über 50 Jahre als Pionier diente.
Weltreise zur Förderung des Predigens der guten Botschaft
Auch 1911/12 bemühte man sich intensiv, den Einwohnern Asiens zu helfen. Die International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) sandte ein aus sieben Männern bestehendes Komitee aus, das, angeführt von C. T. Russell, die Verhältnisse an Ort und Stelle erkunden sollte. Überall, wohin sie gingen, sprachen sie über Gottes Vorsatz, die Menschheit durch das messianische Königreich zu segnen. Manchmal hatten sie nur eine kleine Zuhörerschaft, doch auf den Philippinen und in Indien hörten ihnen Tausende zu. Sie unterstützten nicht die Kampagne, die damals in der Christenheit populär war, nämlich Gelder für eine Weltbekehrung zu sammeln. Sie beobachteten, daß die Missionare der Christenheit ihre Mühe hauptsächlich dafür aufwendeten, die Schulbildung zu fördern. Doch nach Bruder Russells Überzeugung war das, was die Menschen wirklich brauchten, „das Evangelium von Gottes liebevoller Vorkehrung des künftigen messianischen Königreiches“. Die Bibelforscher rechneten nicht damit, die Welt zu bekehren, aber sie ersahen aus der Bibel, daß ihre damalige Aufgabe darin bestand, Zeugnis abzulegen, und daß dadurch „eine Minderheit von Auserwählten aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen als Glieder der Brautklasse [Braut Christi]“ eingesammelt würde, „um während der tausend Jahre mit ihm auf seinem Thron zu sitzen und bei der Aufgabe mitzuwirken, das Menschengeschlecht als Ganzes zu vervollkommnen“a (Offb. 5:9, 10; 14:1-5).
Nachdem die Mitglieder des Komitees unter anderem in Japan, China und auf den Philippinen gewesen waren, legten sie in Indien weitere 6 400 Kilometer zurück. Dort lasen schon 1887 Einzelpersonen die Literatur der Gesellschaft und schrieben Briefe, in denen sie ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck brachten. Außerdem gab von 1905 an ein junger Mann, der als Student in Amerika Bruder Russell begegnet war und die Wahrheit kennengelernt hatte, unter der tamilsprachigen Bevölkerung Zeugnis. Dieser junge Mann half bei der Gründung von ungefähr 40 Bibelstudiengruppen im Süden Indiens mit. Doch nachdem er anderen gepredigt hatte, erwies er sich selbst als unbewährt, da er sich über christliche Normen hinwegsetzte. (Vergleiche 1. Korinther 9:26, 27.)
Etwa zur gleichen Zeit erhielt jedoch A. J. Joseph aus Trawankur (heute Kerala) als Antwort auf eine briefliche Anfrage an einen bekannten Adventisten mit der Post einen Band der Schriftstudien. Darin fand er zufriedenstellende biblische Antworten auf seine Fragen über die Dreieinigkeitslehre. Bald darauf gingen er und Angehörige von ihm hinaus zu den Reisfeldern und Kokosnußplantagen Südindiens und sprachen über ihren neugefundenen Glauben. Nach dem Besuch Bruder Russells im Jahre 1912 nahm Bruder Joseph den Vollzeitdienst auf. Er fuhr mit der Eisenbahn, dem Ochsenkarren und dem Flußboot oder ging zu Fuß, um biblische Literatur zu verbreiten. Seine öffentlichen Vorträge wurden oft von Geistlichen und ihren Anhängern unterbrochen. Als in Kundara ein „christlicher“ Pfarrer seine Gemeindeglieder anstachelte, eine Zusammenkunft zu stören und Bruder Joseph mit Dung zu bewerfen, kam ein einflußreicher, vornehmer Hindu und erkundigte sich nach der Ursache des Lärms. Er fragte den Geistlichen, ob Christus den Christen ein solches Beispiel gegeben habe oder ob sein Verhalten nicht eher dem der Pharisäer zu Jesu Zeiten entspreche. Darauf verschwand der Pfarrer.
Ehe die viermonatige Weltreise des IBSA-Komitees zu Ende war, setzte Bruder Russell R. R. Hollister in Asien als Vertreter der Gesellschaft ein, der dafür Sorge tragen sollte, daß die Botschaft von Gottes liebevoller Vorkehrung des messianischen Königreiches unter den dortigen Völkern verbreitet wurde. Es wurden in zehn Sprachen spezielle Traktate hergestellt, die in Indien, China, Japan und Korea von Einheimischen zu Millionen verbreitet wurden. Dann übersetzte man Bücher in vier dieser Sprachen, um für Menschen, die Interesse zeigten, mehr geistige Speise zu beschaffen. Man hatte dort ein riesiges Gebiet vor sich, und es blieb noch viel zu tun. Doch was man bis dahin erreicht hatte, war wirklich erstaunlich.
Ein beeindruckendes Zeugnis gegeben
Bevor der Erste Weltkrieg große Verwüstungen anrichtete, war weltweit ein umfassendes Zeugnis gegeben worden. Bruder Russell hatte in den Vereinigten Staaten und in Kanada Vortragsreisen in Hunderte von Städten unternommen, er war wiederholt nach Europa gereist und hatte in Panama, Jamaika und Kuba sowie in bedeutenden Städten Asiens Ansprachen gehalten. Zehntausende hatten persönlich seine mitreißenden biblischen Vorträge gehört und miterlebt, wie er vor der Öffentlichkeit anhand der Bibel Fragen von Freund und Feind beantwortete. Dadurch wurde viel Interesse geweckt, und in Amerika, Europa, Südafrika und Australien druckten Tausende von Zeitungen regelmäßig die Predigten Bruder Russells ab. Die Bibelforscher hatten Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate und andere Veröffentlichungen in 35 Sprachen verbreitet.
Trotz seiner herausragenden Rolle war Bruder Russell nicht der einzige, der predigte. Über die ganze Erde verstreut, erhoben auch andere ihre Stimme als Zeugen für Jehova und seinen Sohn, Jesus Christus. Die Beteiligten waren nicht alle Vortragsredner. Sie kamen aus allen Schichten der Bevölkerung und gebrauchten jedes verfügbare Mittel, um die gute Botschaft zu verbreiten.
Im Januar 1914, als das Ende der Zeiten der Nationen weniger als ein Jahr entfernt war, wurde noch auf andere Weise ein gründliches Zeugnis gegeben. Gemeint ist das „Photo-Drama der Schöpfung“, durch das Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Erde einmal ganz anders hervorgehoben wurde. Das erreichte man durch schöne handkolorierte Lichtbilder und Filme, die mit Ton synchronisiert waren. In den Vereinigten Staaten meldete die Presse, daß es landesweit wöchentlich von insgesamt Hunderttausenden gesehen wurde. Am Ende des ersten Jahres hatte die Gesamtzahl der Zuschauer in den Vereinigten Staaten und in Kanada fast acht Millionen erreicht. In England waren das Opernhaus und die Royal Albert Hall in London zum Bersten voll mit Leuten, die die vierteilige Aufführung von je zwei Stunden Dauer sehen wollten. In einem halben Jahr wurden in 98 Städten auf den Britischen Inseln 1 226 000 Besucher verzeichnet. In Deutschland und in der Schweiz waren die Säle voll besetzt. Auch in Skandinavien und im Südpazifik sahen viele Zuschauer die Darbietung.
Während dieser ersten Jahrzehnte in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas wurde bestimmt ein beachtliches, gründliches, weltweites Zeugnis gegeben. Aber eigentlich begann das Werk gerade erst.
Anfang der 1880er Jahre beteiligten sich nur ein paar Hundert rege an der Verbreitung der biblischen Wahrheit. 1914 nahmen nach vorhandenen Berichten ungefähr 5 100 an diesem Werk teil. Andere verbreiteten möglicherweise gelegentlich Traktate. Es waren relativ wenige tätig.
Diese kleine Schar von Evangeliumsverkündigern hatte in der zweiten Hälfte des Jahres 1914 auf verschiedene Weise die Verkündigung des Königreiches Gottes bereits auf 68 Länder ausgedehnt. Und ihr Werk als Prediger und Lehrer des Wortes Gottes wurde in 30 dieser Länder ziemlich beständig durchgeführt.
Ehe die Zeiten der Nationen endeten, waren Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate verbreitet worden. Außerdem druckten 1913 2 000 Zeitungen regelmäßig Predigten C. T. Russells ab, und im Jahre 1914 sahen auf drei Kontinenten insgesamt über 9 000 000 Menschen das „Photo-Drama der Schöpfung“.
Man hatte wirklich ein erstaunliches Zeugnis gegeben. Aber es sollte noch viel mehr folgen.
[Fußnote]
a Ein ausführlicher Bericht über diese Weltreise ist im Wacht-Turm vom 15. April 1912 (engl.) erschienen.
[Karte/Bild auf Seite 405]
C. T. Russell hielt in Nordamerika und im karibischen Raum in über 300 Städten (durch Punkte gekennzeichnet) biblische Ansprachen — in vielen 10- bis 15mal
[Karte]
(Siehe gedruckte Ausgabe)
[Karte auf Seite 407]
(Siehe gedruckte Ausgabe)
Russells Predigtreisen nach Europa, zumeist über England
1891
1903
1908
1909
1910 (zweimal)
1911 (zweimal)
1912 (zweimal)
1913
1914
[Karte/Bild auf Seite 408]
Als Andreas Øiseth überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verbreitete er in fast jeder Gegend Norwegens eifrig biblische Literatur
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
NORWEGEN
Nördlicher Polarkreis
[Karte/Bild auf Seite 409]
Adolf Weber, ein einfacher Gärtner, trug die gute Botschaft von der Schweiz in andere Länder Europas
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BELGIEN
DEUTSCHLAND
SCHWEIZ
ITALIEN
FRANKREICH
[Karte/Bild auf Seite 413]
Bellona Ferguson aus Brasilien sagte, niemand sei zu weit weg, um erreicht zu werden
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BRASILIEN
[Karte auf Seite 415]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
ALASKA
KANADA
GRÖNLAND
ST. PIERRE UND MIQUELON
VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA
BERMUDAS
BAHAMAS
TURKS- UND CAICOSINSELN
KUBA
MEXIKO
BELIZE
JAMAIKA
HAITI
DOMINIKANISCHE REPUBLIK
PUERTO RICO
CAYMAN ISLANDS
GUATEMALA
EL SALVADOR
HONDURAS
NICARAGUA
COSTA RICA
PANAMA
VENEZUELA
GUYANA
SURINAME
FRANZÖSISCH-GUAYANA
KOLUMBIEN
ECUADOR
PERU
BRASILIEN
BOLIVIEN
PARAGUAY
CHILE
ARGENTINIEN
URUGUAY
FALKLANDINSELN
JUNGFERNINSELN (USA)
JUNGFERNINSELN (BRITISCH)
ANGUILLA
ST. MAARTEN
SABA
ST. EUSTATIUS
ST. KITTS
NEVIS
ANTIGUA
MONTSERRAT
GUADELOUPE
DOMINICA
MARTINIQUE
ST. LUCIA
ST. VINCENT
BARBADOS
GRENADA
TRINIDAD
ARUBA
BONAIRE
CURAÇAO
ATLANTISCHER OZEAN
KARIBISCHES MEER
PAZIFISCHER OZEAN
[Karte auf Seite 416, 417]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
GRÖNLAND
SCHWEDEN
ISLAND
NORWEGEN
FÄRÖER
FINNLAND
RUSSLAND
ESTLAND
LETTLAND
LITAUEN
WEISSRUSSLAND
UKRAINE
MOLDAWIEN
GEORGIEN
ARMENIEN
ASERBAIDSCHAN
TURKMENISTAN
USBEKISTAN
KASACHSTAN
TADSCHIKISTAN
KIRGISTAN
POLEN
DEUTSCHLAND
NIEDERLANDE
DÄNEMARK
GROSSBRITANNIEN
IRLAND
BELGIEN
LUXEMBURG
LIECHTENSTEIN
SCHWEIZ
ANDORRA
TSCHECHOSLOWAKEI
ÖSTERREICH
UNGARN
RUMÄNIEN
JUGOSLAWIEN
SLOWENIEN
KROATIEN
BOSNIEN U. HERZEGOWINA
BULGARIEN
ALBANIEN
ITALIEN
SAN MARINO
GIBRALTAR
SPANIEN
PORTUGAL
AZOREN
MADEIRA
MAROKKO
WESTSAHARA
SENEGAL
KAP VERDE
ALGERIEN
LIBYEN
ÄGYPTEN
LIBANON
ISRAEL
ZYPERN
SYRIEN
TÜRKEI
IRAK
IRAN
BAHRAIN
KUWAIT
JORDANIEN
SAUDI-ARABIEN
KATAR
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
OMAN
JEMEN
DSCHIBUTI
SOMALIA
ÄTHIOPIEN
SUDAN
TSCHAD
NIGER
MALI
MAURETANIEN
GAMBIA
GUINEA-BISSAU
SIERRA LEONE
LIBERIA
CÔTE D’IVOIRE
GHANA
TOGO
BENIN
ÄQUATORIALGUINEA
ST. HELENA
GUINEA
BURKINA FASO
NIGERIA
ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK
KAMERUN
SÃO TOMÉ
KONGO
GABUN
ZAIRE
ANGOLA
SAMBIA
NAMIBIA
BOTSUANA
SÜDAFRIKA
LESOTHO
SWASILAND
MOSAMBIK
MADAGASKAR
RÉUNION
MAURITIUS
RODRIGUEZ
SIMBABWE
MAYOTTE
KOMOREN
SESCHELLEN
MALAWI
TANSANIA
BURUNDI
RUANDA
UGANDA
FRANKREICH
PAKISTAN
AFGHANISTAN
NEPAL
BHUTAN
MYANMAR
BANGLADESCH
INDIEN
SRI LANKA
GRIECHENLAND
MALTA
TUNESIEN
KENIA
ATLANTISCHER OZEAN
INDISCHER OZEAN
ALASKA
MONGOLEI
DEMOKRATISCHE VOLKSREPUBLIK KOREA
JAPAN
REPUBLIK KOREA
CHINA
MACAU
TAIWAN
HONGKONG
LAOS
THAILAND
VIETNAM
KAMBODSCHA
PHILIPPINEN
BRUNEI
MALAYSIA
SINGAPUR
INDONESIEN
SAIPAN
ROTA
GUAM
YAP
PALAU
TRUK
POHNPEI
KOSRAE
MARSHALLINSELN
NAURU
PAPUA-NEUGUINEA
AUSTRALIEN
NEUSEELAND
NORFOLK-INSEL
NEUKALEDONIEN
WALLIS UND FUTUNA
VANUATU
TUVALU
FIDSCHI
KIRIBATI
TOKELAUINSELN
HAWAII
MARQUESASINSELN
WESTSAMOA
AMERIKANISCH-SAMOA
NIUE
TONGA
COOKINSELN
TAHITI
SALOMONEN
PAZIFISCHER OZEAN
INDISCHER OZEAN
[Karte/Bild auf Seite 421]
A. J. Joseph aus Indien mit seiner Tochter Gracie, die als Gileadmissionarin diente
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
INDIEN
[Bild auf Seite 411]
Hermann Herkendell ging mit seiner Braut auf eine monatelange Hochzeitsreise, auf der sie deutschsprachigen Bewohnern Rußlands predigten
[Bilder auf Seite 412]
Kolporteure in England und Schottland bemühten sich, jedem die Gelegenheit zu geben, ein Zeugnis zu erhalten; sogar ihre Kinder halfen beim Verteilen von Traktaten mit
[Bild auf Seite 414]
E. J. Coward verbreitete eifrig die biblische Wahrheit im karibischen Raum
[Bild auf Seite 418]
Frank Grove (links) und Ed Nelson (mit ihren Frauen abgebildet) setzten beide über 50 Jahre ihre ganze Zeit dafür ein, die Königreichsbotschaft überall in Neuseeland zu verbreiten
[Bilder auf Seite 420]
C. T. Russell machte 1911/12 mit sechs Gefährten eine Weltreise, um das Predigen der guten Botschaft zu fördern
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Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Das Werk der Königreichsverkündigung von 1914 bis 1935 wird von Seite 423 bis 443 behandelt. Jehovas Zeugen verweisen auf 1914 als das Jahr, in dem Jesus Christus als himmlischer König inthronisiert wurde, der Gewalt über die Nationen hat. Während seines irdischen Daseins sagte Jesus vorher, das weltweite Predigen der Königreichsbotschaft, verbunden mit heftiger Verfolgung, sei ein Teil des Zeichens seiner Gegenwart in Königreichsmacht. Was geschah nun in den Jahren nach 1914?
EUROPA wurde 1914 in den Strudel des Ersten Weltkrieges gerissen. Dann weitete sich der Krieg so stark aus, daß die beteiligten Länder schätzungsweise 90 Prozent der Weltbevölkerung umfaßten. Wie wirkte sich das Kriegsgeschehen auf die Predigttätigkeit der Diener Jehovas aus?
Die trostlosen Jahre des Ersten Weltkrieges
Zu Beginn des Krieges wurden ihnen außer in Deutschland und Frankreich kaum Steine in den Weg gelegt. Vielerorts verteilten sie ungehindert Traktate, und das „Photo-Drama“ wurde weiterhin aufgeführt — nach 1914 allerdings bei weitem nicht mehr so oft. Während das Kriegsfieber heftiger wurde, brachte die Geistlichkeit auf den britischen Westindischen Inseln das Gerücht auf, E. J. Coward, der Vertreter der Watch Tower Society, sei ein deutscher Spion, woraufhin er ausgewiesen wurde. Als man von 1917 an das Buch Das vollendete Geheimnis verbreitete, nahm die Gegnerschaft zu.
Die Öffentlichkeit war darauf erpicht, dieses Buch zu besitzen. Die Anzahl, die von der Gesellschaft ursprünglich zum Drucken in Auftrag gegeben wurde, mußte in nur wenigen Monaten um mehr als das Zehnfache erhöht werden. Die Geistlichen der Christenheit waren indessen wütend über die Bloßstellung ihrer falschen Lehren. Sie nutzten die Kriegshysterie dazu aus, die Bibelforscher bei Regierungsvertretern zu denunzieren. Überall in den Vereinigten Staaten wurden Männer und Frauen, von denen man annahm, daß sie Veröffentlichungen der Bibelforscher verbreiteten, vom Pöbel angegriffen und geteert und gefedert. In Kanada wurden Wohnungen durchsucht, und wenn man bei jemandem bestimmte Veröffentlichungen der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) fand, erhielt er eine hohe Geldstrafe oder kam ins Gefängnis. Thomas J. Sullivan, der sich damals in Port Arthur (Ontario) aufhielt, berichtete jedoch, daß die Polizei in dieser Stadt, als er einmal über Nacht eingesperrt wurde, die verbotenen Publikationen für sich und ihre Freunde mit nach Hause nahm und so den gesamten Vorrat von 500 bis 600 Veröffentlichungen verteilte.
Auch das Hauptbüro der Watch Tower Society wurde zur Zielscheibe von Angriffen, und man verurteilte leitende Mitarbeiter zu langjährigen Gefängnisstrafen. Den Feinden der Bibelforscher schien es, als hätte man ihnen den Todesstoß versetzt. Ihre Zeugnistätigkeit in der Weise, daß weit und breit die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wurde, kam praktisch zum Stillstand.
Allerdings hatten inhaftierte Bibelforscher die Gelegenheit, mit anderen Häftlingen über Gottes Vorsatz zu sprechen. Als die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft und ihre vertrauten Mitarbeiter im Gefängnis von Atlanta (Georgia) ankamen, verbot man ihnen anfangs zu predigen. Aber sie sprachen im eigenen Kreis über die Bibel, und andere fühlten sich wegen ihres Verhaltens, ja wegen ihrer Lebensweise zu ihnen hingezogen. Nach ein paar Monaten übertrug ihnen der Gefängnisdirektor die Aufgabe, andere Gefangene religiös zu unterweisen. Es kamen immer mehr, bis ungefähr 90 Personen an dem Unterricht teilnahmen.
Auch andere treue Christen fanden Mittel und Wege, in diesen Kriegsjahren Zeugnis zu geben. Dadurch gelangte die Königreichsbotschaft mitunter in Länder, wo sie bis dahin noch nicht gepredigt worden war. Zum Beispiel schickte 1915 ein kolumbianischer Bibelforscher in New York einem Mann in Bogotá (Kolumbien) die spanische Ausgabe des Göttlichen Plans der Zeitalter. Nach etwa sechs Monaten kam ein Antwortschreiben von Ramón Salgar. Er hatte das Buch sorgfältig studiert, war davon sehr angetan und wünschte 200 Exemplare zum Verbreiten. Bruder J. L. Mayer aus Brooklyn (New York) verschickte viele Exemplare des Schriftforschers in Spanisch. Eine beträchtliche Anzahl wurde nach Spanien gesandt. Als Alfred Joseph, der damals auf Barbados war, einen Arbeitsvertrag für Sierra Leone (Westafrika) abschloß, nahm er Gelegenheiten wahr, dort über seine neugelernten biblischen Wahrheiten Zeugnis abzulegen.
Die Kolporteure hatten es oft schwerer, da es zu ihrem Dienst gehörte, in Wohnungen und Geschäften vorzusprechen. Doch mehrere gingen nach El Salvador, Honduras und Guatemala und waren 1916 damit beschäftigt, den dortigen Bewohnern lebengebende Wahrheiten zu vermitteln. In dieser Zeit unternahm Fanny Mackenzie, eine Kolporteurin britischer Nationalität, zwei Schiffsreisen nach Asien mit Aufenthalten in China, Japan und Korea, um biblische Literatur zu verbreiten, und später hielt sie vorgefundenes Interesse brieflich wach.
Allerdings ging nach vorhandenen Unterlagen die Zahl der Bibelforscher, die 1918 einen Anteil am Predigen der guten Botschaft hatten, im Vergleich zu dem Bericht für 1914 weltweit um 20 Prozent zurück. Würden sie unbeirrt mit ihrem Predigtdienst fortfahren, nachdem man sie in den Kriegsjahren so hart behandelt hatte?
Mit neuem Leben erfüllt
Am 26. März 1919 kamen der Präsident der Watch Tower Society und seine Gefährten aus ihrer ungerechtfertigten Haft frei. Rasch nahmen Pläne, die weltweite Verkündigung der guten Botschaft von Gottes Königreich voranzubringen, Gestalt an.
Auf einer allgemeinen Hauptversammlung in Cedar Point (Ohio), die im September desselben Jahres stattfand, betonte J. F. Rutherford, der damalige Präsident der Gesellschaft, in einem Vortrag, das Kommen des herrlichen messianischen Königreiches Gottes zu verkünden sei das wahrhaft wichtige Werk der Diener Jehovas.
Die Zahl derer, die sich tatsächlich an diesem Werk beteiligten, war allerdings gering. Manche, die sich 1918 aus Angst zurückgehalten hatten, setzten sich nun erneut ein, und einige weitere kamen hinzu. Aber aus den vorhandenen Aufzeichnungen geht hervor, daß 1919 nur ungefähr 5 700 Zeugen in 43 Ländern tätig waren. Jesus hatte jedoch vorhergesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Wie sollte das zu schaffen sein? Sie wußten es nicht und hatten auch keine Ahnung, wie lange das Zeugniswerk noch weitergehen würde. Dessenungeachtet verspürten die loyalen Diener Gottes den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren. Sie waren zuversichtlich, daß Jehova die Geschehnisse seinem Willen gemäß lenken würde.
Voller Eifer machten sie sich an das Werk, das sie in Gottes Wort beschrieben fanden. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl derer, die das Königreich Gottes öffentlich verkündigten, nach vorliegenden Berichten fast auf das Dreifache an, und 1922 predigten sie in 15 Ländern mehr als 1919.
Ein faszinierendes Thema
Sie verkündigten eine sensationelle Botschaft: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!“ Bruder Rutherford hatte 1918 einen Vortrag über dieses Thema gehalten. Es war auch der Titel einer 128seitigen Broschüre, die 1920 erschien. Von 1920 bis 1925 wurde das Thema weltweit in über 30 Sprachen bei öffentlichen Zusammenkünften in allen Gegenden, wo Redner zur Verfügung standen, immer und immer wieder behandelt. In diesem Vortrag wurde die biblisch begründete Hoffnung, daß gehorsame Menschen einmal ewig auf einer paradiesischen Erde leben werden, in den Vordergrund gestellt, und es hieß nicht — wie in der Christenheit —, alle guten Menschen kämen in den Himmel (Jes. 45:18; Offb. 21:1-5). Außerdem wurde darin die Überzeugung geäußert, die Zeit für die Verwirklichung dieser Hoffnung sei sehr nahe.
Die Ansprache wurde in Zeitungen und auf Reklametafeln angekündigt. Das Thema faszinierte die Leute. Am 26. Februar 1922 zählte man allein in Deutschland 70 000 Besucher an 121 Orten. Es kam nicht selten vor, daß sich an einem Ort Tausende von Zuhörern einfanden. In Kapstadt (Südafrika) waren zum Beispiel 2 000 Personen anwesend, als der Vortrag im Opernhaus gehalten wurde. In der norwegischen Hauptstadt waren im Hörsaal der Universität alle Plätze besetzt, und es konnten so viele nicht eingelassen werden, daß das Programm eineinhalb Stunden später wiederholt werden mußte — erneut in einem vollbesetzten Saal.
Im österreichischen Klagenfurt sagte Richard Heide zu seinem Vater: „Ich höre mir den Vortrag an, egal, was immer die Leute sagen mögen. Ich will wissen, ob das nur ein Bluff ist oder ob etwas Wahres daran ist.“ Er war von dem, was er hörte, tief berührt, und bald sprachen er, seine Eltern und seine Schwester mit anderen darüber.
Doch die biblische Botschaft war nicht bloß für Menschen bestimmt, die bereit waren, sich einen öffentlichen Vortrag anzuhören. Auch andere mußten davon unterrichtet werden. Nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch führende Politiker und Geistliche mußten sie hören. Wie konnte das erreicht werden?
Kraftvolle Erklärungen hinausgetragen
Durch Druckerzeugnisse wurden Millionen von Menschen erreicht, die die Bibelforscher und ihre Botschaft nur vom Hörensagen kannten. Von 1922 bis 1928 gab man durch sieben kraftvolle Erklärungen — Resolutionen, die auf den Jahreshauptversammlungen der Bibelforscher angenommen wurden — ein wirkungsvolles Zeugnis. Von den einzelnen Resolutionen wurden nach den Kongressen zumeist 45 bis 50 Millionen Exemplare verbreitet, was sicher eine erstaunliche Leistung für die damalige kleine Schar von Königreichsverkündigern war.
Die Resolution von 1922 war betitelt „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“ — ja, sie waren aufgerufen, ihre Behauptung zu rechtfertigen, daß sie der Menschheit Frieden, Wohlfahrt und Glück sichern könnten, oder andernfalls zuzugeben, daß nur Gottes messianisches Königreich das erreichen kann. In Deutschland wurde diese Resolution per Einschreiben an den im Exil lebenden deutschen Kaiser, an den Reichspräsidenten und an alle Mitglieder des Reichstages gesandt, und etwa 4,5 Millionen Exemplare wurden in der Öffentlichkeit verteilt. In Südafrika bearbeitete Edwin Scott — die Literatur in einer Tasche auf dem Rücken und einen Stock in der Hand, um bissige Hunde abzuwehren — 64 Orte und verbreitete persönlich 50 000 Exemplare. Als darauf Geistliche der südafrikanischen Landeskirche bei ihren Gemeindemitgliedern an die Türen kamen, um Geld zu sammeln, hielten ihnen viele Leute die Resolution vor das Gesicht und sagten: „Das sollten Sie einmal lesen, dann würden Sie nicht mehr hier vorbeikommen, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.“
Im Jahre 1924 stellte die Resolution „Offene Anklage gegen die Geistlichkeit“ die unbiblischen Lehren und Bräuche der Geistlichen bloß; sie zeigte, welche Rolle sie im Weltkrieg gespielt hatten, und forderte die Menschen auf, die Bibel zu studieren, damit sie die wunderbaren Vorkehrungen, die Gott zum Segen der Menschheit getroffen hat, selbst kennenlernten. In Italien mußten Drucker damals ihren Namen unter alles setzen, was sie produzierten, und waren für den Inhalt verantwortlich. Der Bibelforscher, der das Werk in Italien beaufsichtigte, legte die Resolution den Behörden vor, sie sahen sie durch und gaben dann ohne weiteres die Genehmigung zum Drucken und Verteilen. Auch die Druckerei war einverstanden, sie herauszubringen. Die Brüder in Italien verbreiteten 100 000 Exemplare. Sie achteten besonders darauf, daß der Papst und andere hohe Amtsträger des Vatikans die Resolution erhielten.
In Frankreich löste die Verbreitung der Resolution heftige und oft aggressive Reaktionen der Geistlichen aus. In Pommern reichte ein Pfarrer in seiner Verzweiflung eine Klage gegen die Gesellschaft und ihren Leiter ein, doch der Geistliche verlor den Prozeß, als das Gericht den gesamten Inhalt der Resolution hörte. Die Bibelforscher in der kanadischen Provinz Quebec ließen die Resolutionen in den frühen Morgenstunden ab drei Uhr an den Türen zurück, um in ihrem Werk nicht von Leuten behindert zu werden, die nicht wollten, daß andere die Wahrheit kennenlernten. Das war eine aufregende Zeit.
Dankbar für zufriedenstellende Antworten
Im Ersten Weltkrieg wurden viele Armenier unbarmherzig aus ihren Häusern und ihrem Geburtsland vertrieben. Nur zwei Jahrzehnte zuvor waren Hunderttausende von Armeniern niedergemetzelt worden, und andere waren geflohen, um ihr Leben zu retten. Einige wenige hatten in ihrer Heimat Publikationen der Watch Tower Society gelesen. Doch weit mehr von ihnen hörten in den Ländern, in die sie flüchteten, ein Zeugnis.
Viele machten sich nach ihren schlimmen Erlebnissen ernsthaft Gedanken, warum Gott das Böse zuläßt. Wie lange würde es noch so weitergehen? Wann gäbe es kein Leid mehr? Einige von ihnen waren dankbar, die zufriedenstellenden Antworten aus der Bibel kennenzulernen. Rasch entstanden in mehreren Städten des Nahen Ostens Gruppen armenischer Bibelforscher. Ihr Eifer für die biblische Wahrheit beeinflußte auch andere. In Äthiopien, Argentinien und den Vereinigten Staaten nahmen Armenier die gute Botschaft an und akzeptierten freudig die Verantwortung, mit anderen darüber zu sprechen. Zu ihnen gehörte Krikor Hatzakortzian, der Mitte der 30er Jahre als einsamer Pionier die Königreichsbotschaft in Äthiopien verbreitete. Als er einmal von Gegnern zu Unrecht angeklagt wurde, hatte er sogar die Gelegenheit, dem Kaiser, Haile Selassie, Zeugnis zu geben.
Kostbare Wahrheiten ins Geburtsland mit zurückgenommen
Der brennende Wunsch, anderen lebenswichtige biblische Wahrheiten zu überbringen, bewog viele, in ihre Heimat zurückzukehren, um sich dort am Evangelisieren zu beteiligen. Sie handelten ähnlich wie die Besucher aus vielen Ländern, die sich 33 u. Z. in Jerusalem aufhielten und gläubig wurden, als der heilige Geist die Apostel und ihre Gefährten veranlaßte, in vielen Zungen „über die großen Dinge Gottes“ zu reden (Apg. 2:1-11). Ebenso, wie diese Gläubigen des ersten Jahrhunderts die Wahrheit mit in ihre Heimat nahmen, taten das auch die erwähnten Jünger der heutigen Zeit.
Sowohl Männer als auch Frauen, die die Wahrheit im Ausland kennengelernt hatten, kehrten nach Italien zurück. Sie hatten in Amerika, Belgien oder Frankreich gelebt und verkündigten da, wo sie sich niederließen, eifrig die Königreichsbotschaft. Auch Kolporteure aus dem italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin zogen nach Italien und setzten dort ihr Werk fort. Das Ergebnis ihres vereinten Wirkens war, daß sie trotz ihrer geringen Zahl bald in allen bedeutenden Städten und vielen Dörfern Italiens gepredigt hatten. Sie zählten nicht die Stunden, die sie für dieses Werk einsetzten. In der Überzeugung, daß sie Wahrheiten predigten, von denen Gott wünschte, daß die Menschen sie kennenlernten, waren sie oft von morgens bis spätabends tätig, um so viele wie möglich zu erreichen.
Auch Griechen, die im nahe gelegenen Albanien und im fernen Amerika Bibelforscher geworden waren, schenkten ihrer Heimat Aufmerksamkeit. Sie freuten sich sehr, zu erfahren, daß der Ikonenkult unbiblisch ist (2. Mo. 20:4, 5; 1. Joh. 5:21), daß Sünder nicht im Höllenfeuer schmoren (Pred. 9:5, 10; Hes. 18:4; Offb. 21:8) und daß Gottes Königreich die wahre und einzige Hoffnung der Menschheit ist (Dan. 2:44; Mat. 6:9, 10). Sie brannten darauf, ihren Landsleuten diese Wahrheiten persönlich oder brieflich zu vermitteln. Daraufhin entstanden auf dem griechischen Festland und auf den Inseln Gruppen von Zeugen Jehovas.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Tausende von Polen als Bergarbeiter nach Frankreich. Ihre fremde Sprache war für die französischen Versammlungen kein Grund, sie zu übergehen. Es gelang ihnen irgendwie, diesen Bergleuten und ihren Familien die biblischen Wahrheiten zu überbringen, und die Zahl derer, die günstig reagierten, war bald größer als die der französischen Zeugen. Als 1935 wegen einer Ausweisungsverfügung der Regierung 280 nach Polen zurückkehren mußten, diente das nur dazu, dort die Verbreitung der Königreichsbotschaft zu verstärken. 1935 waren 1 090 Königreichsverkündiger daran beteiligt, in Polen Zeugnis abzulegen.
Andere folgten der Einladung, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland den Dienst aufzunehmen.
Eifrige europäische Evangeliumsverkündiger helfen im Ausland
Durch internationale Zusammenarbeit erfuhren die Baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) von den herzerfrischenden Wahrheiten über Gottes Königreich. In den 20er und 30er Jahren legten eifrige Brüder und Schwestern aus Dänemark, Deutschland, England und Finnland in dieser Region umfassend Zeugnis ab. Es wurde viel Literatur verbreitet, und Tausende hörten biblische Vorträge. Regelmäßige biblische Rundfunkprogramme in mehreren Sprachen, die in Estland gesendet wurden, konnte man sogar in der Sowjetunion empfangen.
Von Deutschland aus ließen sich in den 20er und 30er Jahren bereitwillige Verkündiger in Länder wie Belgien, Bulgarien, Frankreich, Jugoslawien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Spanien und Tschechoslowakei senden. Zu ihnen gehörte Willy Unglaube. Nachdem er eine Zeitlang im Magdeburger Bethel gedient hatte, ging er als Vollzeitprediger nach Frankreich, Algerien, Spanien, Singapur, Malaysia und Thailand.
Als in den 30er Jahren von Frankreich ein Hilferuf ausging, war Kolporteuren aus Großbritannien ganz offensichtlich bewußt, daß der christliche Predigtauftrag nicht nur das Evangelisieren im eigenen Land verlangte, sondern auch in anderen Gebieten der Erde (Mar. 13:10). Einer der fleißigen Erntearbeiter, die dem Ruf nach Mazedonien folgten, war John Cooke. (Vergleiche Apostelgeschichte 16:9, 10.) Während der folgenden sechs Jahrzehnte nahm er Dienstaufgaben in Frankreich, Spanien, Irland, Portugal, Angola, Mosambik und Südafrika wahr. Sein Bruder Eric gab seine Stellung in Barclay’s Bank auf und schloß sich John im Vollzeitpredigtdienst in Frankreich an; danach diente auch er in Spanien und Irland und war außerdem in Südrhodesien (heute Simbabwe) und Südafrika als Missionar tätig.
Im Mai 1926 nahmen George Wright und Edwin Skinner aus England die Einladung an, beim Aufbau des Königreichswerkes in Indien mitzuhelfen. Das war eine gewaltige Aufgabe. Das Gebiet umschloß ganz Afghanistan, Birma (heute Myanmar), Ceylon (heute Sri Lanka), Indien und Persien (heute Iran). Bei ihrer Ankunft in Bombay machten sie mit dem Monsunregen Bekanntschaft. Doch sie legten keinen übermäßigen Wert auf Komfort oder Bequemlichkeit und reisten bald in die entlegenen Winkel des Landes, um Bibelforscher, von deren Existenz man bereits wußte, ausfindig zu machen und sie zu ermuntern. Sie verbreiteten auch große Mengen Literatur, durch die bei anderen Interesse geweckt werden sollte. Das Werk wurde gründlich durchgeführt. 1928 arrangierten die 54 Königreichsverkündiger im südindischen Trawankur (heute Kerala) 550 öffentliche Zusammenkünfte, die von rund 40 000 Personen besucht wurden. 1929 zogen vier weitere Pioniere von Großbritannien nach Indien, um bei dem Werk mitzuhelfen. Und 1931 trafen erneut drei Helfer aus England in Bombay ein. Immer wieder suchten sie die verschiedenen Gegenden dieses riesigen Landes auf und verbreiteten nicht nur Literatur in Englisch, sondern auch in den indischen Sprachen.
Was trug sich unterdessen in Osteuropa zu?
Eine geistige Ernte
Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Osteuropa Samenkörner biblischer Wahrheit ausgestreut worden, und einige waren aufgegangen. 1908 war Andrásné Benedek, eine einfache Ungarin, nach Österreich-Ungarn zurückgekehrt, um mit anderen über all das Gute, was sie gelernt hatte, zu sprechen. Zwei Jahre später waren außerdem Károly Szabó und József Kiss in dieses Land zurückgegangen, und sie verbreiteten die biblische Botschaft besonders in der Region der späteren Tschechoslowakei und Rumäniens. Trotz der heftigen Gegnerschaft zorniger Geistlicher bildeten sich Studiengruppen, und es wurde weit und breit Zeugnis abgelegt. Andere schlossen sich ihnen im öffentlichen Verkünden ihres Glaubens an, und bis 1935 war die Schar der Königreichsverkündiger in Ungarn auf 348 angewachsen.
Die Größe Rumäniens verdoppelte sich nahezu, als nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen Europas von den Siegermächten neu gezogen wurden. Laut Berichten gab es in diesem größer gewordenen Land 1920 ungefähr 150 Bibelforschergruppen, mit denen 1 700 Personen verbunden waren. Im darauffolgenden Jahr nahmen beim Abendmahl des Herrn fast 2 000 von den Gedächtnismahlsymbolen, wodurch sie sich als geistgesalbte Brüder Christi zu erkennen gaben. Diese Zahl nahm während der nächsten vier Jahre stark zu. 1925 waren beim Gedächtnismahl 4 185 anwesend, und wie es damals üblich war, nahmen zweifellos die meisten von den Symbolen. Allerdings sollte der Glaube all dieser Personen geprüft werden. Würden sie sich als echter „Weizen“ erweisen oder bloß als Scheinweizen? (Mat. 13:24-30, 36-43). Würden sie wirklich das Zeugniswerk verrichten, das Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hatte? Würden sie auch bei heftiger Gegnerschaft damit fortfahren? Wären sie treu, selbst wenn andere eine Haltung wie die des Judas Iskariot einnehmen würden?
Der Bericht für 1935 deutet darauf hin, daß nicht alle den Glauben hatten, der zum Ausharren befähigt. In jenem Jahr waren es nur 1 188, die einen gewissen Anteil daran hatten, in Rumänien Zeugnis abzulegen, obgleich damals mehr als doppelt so viele von den Gedächtnismahlsymbolen nahmen. Die Treuen hielten sich jedoch im Dienst des Herrn beschäftigt. Sie überbrachten anderen demütigen Menschen die biblischen Wahrheiten, die sie selbst als so herzerfreuend empfunden hatten. Dabei fiel besonders auf, wieviel Literatur sie verbreiteten. Von 1924 bis 1935 hatten sie bei interessierten Personen bereits mehr als 800 000 Bücher und Broschüren zurückgelassen und außerdem Traktate.
Wie stand es mit der Tschechoslowakei, die 1918 nach dem Zusammenbruch des österreichisch-ungarischen Reiches zur Nation wurde? Hier trug ein noch gründlicheres Zeugnis zur geistigen Ernte bei. Es war schon früher in Ungarisch, Russisch, Rumänisch und Deutsch gepredigt worden. 1922 kehrten dann mehrere Bibelforscher aus Amerika dorthin zurück, um sich der slowakischsprechenden Bevölkerung zuzuwenden, und im Jahr darauf begann ein Ehepaar aus Deutschland, sich auf das tschechische Gebiet zu konzentrieren. Regelmäßige Kongresse wirkten sich — wenn sie auch klein waren — ermunternd und einigend aus. Nachdem die Versammlungen 1927 besser für das Evangelisieren von Haus zu Haus organisiert worden waren, wurde das Wachstum offenkundiger. 1932 erlebte das Werk einen starken Aufschwung, als ein internationaler Kongreß in Prag stattfand, dem ungefähr 1 500 Besucher aus der Tschechoslowakei und aus Nachbarländern beiwohnten. Außerdem sahen große Zuschauermengen eine vierstündige Version des „Photo-Dramas der Schöpfung“, das von einem Ende des Landes bis zum anderen aufgeführt wurde. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt wurden mehr als 2 700 000 Publikationen unter den verschiedenen Sprachgruppen in diesem Land verbreitet. Das geistige Pflanzen, Bebauen und Bewässern führte zu einer Ernte, an der sich 1935 1 198 Königreichsverkündiger beteiligten.
Jugoslawien (zunächst das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) war durch die Veränderung der Europakarte nach dem Ersten Weltkrieg ins Dasein gekommen. Schon 1923 hieß es, daß eine Bibelforschergruppe in Belgrad Zeugnis ablegte. Später wurde das „Photo-Drama der Schöpfung“ im ganzen Land vor großen Besuchermengen gezeigt. Als man Jehovas Zeugen in Deutschland heftig verfolgte, wurde die Gruppe in Jugoslawien durch deutsche Pioniere verstärkt. Ohne sich über persönlichen Komfort Gedanken zu machen, drangen sie in die entlegensten Gegenden dieses gebirgigen Landes vor, um dort zu predigen. Andere deutsche Pioniere gingen nach Bulgarien. Auch unternahm man Anstrengungen, die gute Botschaft in Albanien zu predigen. In allen diesen Ländern wurde der Samen der Königreichswahrheit gesät. Einige Samenkörner keimten. Doch erst in späteren Jahren sollte dort eine größere Ernte eingebracht werden.
Weiter südlich, auf dem afrikanischen Kontinent, wurde die gute Botschaft ebenfalls von Personen verbreitet, die das Vorrecht, Zeugen des Allerhöchsten zu sein, von ganzem Herzen schätzten.
In Westafrika erstrahlt geistiges Licht
Etwa sieben Jahre nachdem ein Bibelforscher von Barbados mit einem Arbeitsvertrag nach Westafrika gegangen war, schrieb er an das Büro der Watch Tower Society in New York, daß sich ziemlich viele Leute für die Bibel interessierten. Ein paar Monate später, am 14. April 1923, kam W. R. Brown, der vorher auf Trinidad gedient hatte, auf Bruder Rutherfords Einladung hin mit seiner Familie nach Freetown in Sierra Leone.
Es wurde gleich dafür gesorgt, daß Bruder Brown einen Vortrag in der Wilberforce Memorial Hall hielt. Am 19. April waren rund 500 Zuhörer anwesend, darunter die meisten Geistlichen aus Freetown. Am darauffolgenden Sonntag hielt er wieder eine Ansprache. Er wählte ein Thema, über das C. T. Russell oft gesprochen hatte: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort?“ Bruder Browns Vorträge waren stets mit Bibelzitaten durchsetzt, die er für die Anwesenden auf eine Leinwand projizierte. In seinen Ansprachen sagte er immer wieder: „Das sagt nicht Brown, sondern die Bibel.“ Deswegen wurde er als „Bibel-Brown“ bekannt. Und als Ergebnis seiner logischen biblischen Darlegungen traten einige angesehene Kirchenmitglieder aus der Kirche aus und nahmen den Dienst für Jehova auf.
Er unternahm weite Reisen, um das Königreichswerk in noch mehr Gebieten in Gang zu bringen. Deshalb hielt er auch zahlreiche biblische Vorträge, verbreitete große Mengen Literatur und ermutigte andere, es ihm gleichzutun. Sein Evangelisierungswerk führte ihn an die Goldküste (heute Ghana), nach Liberia, Gambia und Nigeria. Von Nigeria brachten andere die Königreichsbotschaft nach Benin (damals Dahomey) und Kamerun. Bruder Brown wußte, daß die Bevölkerung für die sogenannte „Religion des weißen Mannes“ nicht viel übrig hatte, und so sprach er in der Glover Memorial Hall in Lagos darüber, daß die Religion der Christenheit versagt hat. Nach der Zusammenkunft nahmen die begeisterten Zuhörer 3 900 Bücher entgegen, um sie selbst zu lesen und an andere weiterzugeben.
Als Bruder Brown nach Westafrika kam, hatten dort nur eine Handvoll Leute von der Königreichsbotschaft gehört. Doch als er 27 Jahre später wegging, gab es in diesem Gebiet weit über 11 000 eifrige Zeugen Jehovas. Religiöse Irrlehren wurden entlarvt; die wahre Anbetung hatte Fuß gefaßt und breitete sich rasch aus.
Die Ostküste Afrikas entlang
Schon ziemlich früh im 20. Jahrhundert waren einige Publikationen von C. T. Russell im Südosten Afrikas von Einzelpersonen in Umlauf gebracht worden, die ein paar Gedanken aus diesen Büchern übernommen, sie aber mit ihren eigenen Anschauungen vermischt hatten. Dadurch entstanden eine Reihe sogenannter Watchtower-Bewegungen, die überhaupt keine Verbindung zu Jehovas Zeugen hatten. Einige waren politisch orientiert und stifteten unter den Eingeborenen Unruhe. Viele Jahre lang wurde das Werk der Zeugen Jehovas durch den schlechten Ruf dieser Gruppen behindert.
Dennoch erkannten eine Reihe von Afrikanern den Unterschied zwischen Wahr und Falsch. Wanderarbeiter brachten die gute Botschaft von Gottes Königreich in Nachbarländer und verkündigten sie in den afrikanischen Sprachen. Die englischsprachige Bevölkerung in Südostafrika vernahm die Botschaft überwiegend durch Kontakte mit Südafrika. In manchen Ländern wurden allerdings europäische Zeugen durch heftige Gegnerschaft von offizieller Seite, angeheizt von der Geistlichkeit der Christenheit, am Predigen unter den afrikanischen Sprachgruppen gehindert. Dessenungeachtet breitete sich die Wahrheit aus, obwohl viele, die sich für die biblische Botschaft interessierten, Hilfe brauchten, um das Gelernte richtig in die Praxis umzusetzen.
Einige unvoreingenommene Beamte schenkten den boshaften Anschuldigungen, die die Geistlichkeit der Christenheit gegen Jehovas Zeugen vorbrachte, nicht ohne weiteres Glauben. So war es bei einem Polizeichef in Njassaland (heute Malawi), der sich verkleidete und die Zusammenkünfte der eingeborenen Zeugen besuchte, um selbst herauszufinden, was für Leute das waren. Sie machten einen guten Eindruck auf ihn. Als die Regierung genehmigte, daß ein ansässiger Europäer die Gesellschaft vertrat, wurden Bert McLuckie und dann sein Bruder Bill Mitte der 30er Jahre dorthin gesandt. Sie blieben mit der Polizei und den Distriktskommissaren in Kontakt, damit diese Beamten ein klares Bild von ihrer Tätigkeit hätten und Jehovas Zeugen nicht mit irgendeiner fälschlich so genannten Watchtower-Bewegung verwechselten. Gleichzeitig arbeiteten sie geduldig mit Gresham Kwazizirah, einem reifen einheimischen Zeugen, zusammen, um den Hunderten, die sich den Versammlungen anschließen wollten, bewußtzumachen, daß geschlechtliche Unmoral, der Mißbrauch alkoholischer Getränke und Aberglaube mit der Lebensweise eines Zeugen Jehovas nicht zu vereinbaren sind (1. Kor. 5:9-13; 2. Kor. 7:1; Offb. 22:15).
Im Jahre 1930 gab es nur etwa hundert Zeugen Jehovas im Süden Afrikas. Doch sie hatten in etwa ganz Afrika südlich des Äquators und einige Gebiete, die sich nördlich davon erstreckten, zu bearbeiten. Die Königreichsbotschaft in einem so weiten Umkreis zu predigen erforderte echte Pioniere. Frank und Gray Smith waren von dieser Art.
Sie reisten mit dem Schiff von Kapstadt aus 4 800 Kilometer in nordöstlicher Richtung und fuhren dann noch vier Tage mit dem Auto über holprige Straßen, um nach Nairobi (Kenia, Britisch-Ostafrika) zu gelangen. In weniger als einem Monat gaben sie 40 Kartons biblische Literatur ab. Aber tragischerweise starb Frank auf der Rückreise an Malaria. Trotzdem gingen kurze Zeit später Robert Nisbet und David Norman auf die Reise — diesmal mit 200 Kartons Literatur —, um in Kenia und Uganda sowie in Tanganjika und auf Sansibar (heute beides Tansania) so viele Leute wie möglich zu erreichen. Bei ähnlichen Expeditionen gelangte die Königreichsbotschaft zu den Inseln Mauritius und Madagaskar im Indischen Ozean und St. Helena im Atlantik. Es wurde Wahrheitssamen ausgestreut, aber er ging nicht überall sofort auf.
Von Südafrika aus wurde bereits 1925 das Predigen der guten Botschaft auf Basutoland (heute Lesotho), Betschuanaland (heute Botsuana) und Swasiland ausgedehnt. Als ungefähr acht Jahre später erneut Pioniere in Swasiland predigten, bereitete ihnen König Sobhusa II. einen königlichen Empfang. Er versammelte seine Leibwache von hundert Kriegern, hörte sich ein gründliches Zeugnis an und nahm darauf alle Veröffentlichungen der Gesellschaft entgegen, die die Brüder bei sich hatten.
Allmählich wurde in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes die Zahl der Zeugen Jehovas größer. Den wenigen, die dem Werk in Afrika schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Weg gebahnt hatten, schlossen sich andere an, und 1935 gab es auf dem afrikanischen Kontinent 1 407 Personen, die sich gemäß Berichten am Predigen des Königreiches Gottes beteiligt hatten. Eine beträchtliche Anzahl lebte in Südafrika und Nigeria. Weitere große Gruppen, die sich als Zeugen Jehovas zu erkennen gaben, befanden sich in Njassaland (heute Malawi), Nordrhodesien (heute Sambia) und Südrhodesien (heute Simbabwe).
In demselben Zeitraum schenkte man auch spanisch- und portugiesischsprachigen Gebieten Aufmerksamkeit.
Spanisch- und portugiesischsprachige Gebiete bearbeitet
Während der Erste Weltkrieg noch andauerte, kam Der Wachtturm in Spanisch heraus. In dieser Zeitschrift stand die Adresse eines Büros in Los Angeles (Kalifornien), das speziell für das spanischsprachige Gebiet eingerichtet worden war. Brüder, die in diesem Büro arbeiteten, waren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Ländern südlich davon interessierten Personen eine große Hilfe.
Juan Muñiz, der 1917 ein Diener Jehovas geworden war, wurde 1920 von Bruder Rutherford ermutigt, die Vereinigten Staaten zu verlassen und nach Spanien, in sein Geburtsland, zurückzuziehen, um dort das Königreichspredigtwerk zu organisieren. Die Ergebnisse ließen allerdings zu wünschen übrig — nicht etwa, weil es ihm an Eifer gemangelt hätte, sondern weil die Polizei ständig hinter ihm her war; deshalb wurde er ein paar Jahre später nach Argentinien versetzt.
In Brasilien predigten bereits einige Anbeter Jehovas. Acht einfache Seeleute hatten die Wahrheit während ihres Landurlaubs kennengelernt, als ihr Schiff im New Yorker Hafen lag. Zurück in Brasilien, sprachen sie Anfang 1920 eifrig mit anderen über die Botschaft der Bibel.
Der Kanadier George Young wurde 1923 nach Brasilien gesandt. Er trug bestimmt dazu bei, das Werk zu beleben. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen, die gedolmetscht wurden, zeigte er, was die Bibel über den Zustand der Toten sagt, entlarvte den Spiritismus als dämonisch und erklärte, daß es Gottes Vorsatz ist, alle Familien der Erde zu segnen. Was seine Ansprachen noch überzeugender machte, war, daß er manchmal die erörterten Bibeltexte auf eine Leinwand projizierte, damit die Anwesenden sie in ihrer eigenen Sprache lesen konnten. Während er sich in Brasilien aufhielt, hatten Bellona Ferguson aus São Paulo und vier ihrer Kinder endlich die Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Sie hatte 25 Jahre darauf gewartet. Von denen, die die Wahrheit annahmen, boten dann einige ihre Dienste für das Übersetzen der Literatur ins Portugiesische an. Bald gab es eine beachtliche Zahl von Veröffentlichungen in dieser Sprache.
Bruder Young ging 1924 von Brasilien nach Argentinien und sorgte dafür, daß 300 000 spanischsprachige Publikationen in 25 der wichtigen Städte unentgeltlich verbreitet wurden. Noch im selben Jahr reiste er nach Chile, Peru und Bolivien, um Traktate zu verteilen.
Nicht lange danach war George Young auf dem Weg in ein neues Gebiet. Diesmal ging es nach Spanien und Portugal. Nachdem er vom britischen Botschafter Regierungsvertretern vorgestellt worden war, konnte er es arrangieren, daß Bruder Rutherford in Barcelona, Madrid und in der portugiesischen Hauptstadt Vorträge hielt. Nach diesen Ansprachen gaben insgesamt mehr als 2 350 Personen ihre Adresse ab mit der Bitte um weiteren Aufschluß. Dann druckte eine der großen Zeitungen Spaniens den Vortrag ab, und in Traktatform wurde er im ganzen Land Leuten mit der Post zugeschickt. In Portugal erschien er ebenfalls in der Zeitung.
Dadurch gelangte die Botschaft auch weit über die Grenzen Spaniens und Portugals hinaus. Ende 1925 war die gute Botschaft zu den Kapverdischen Inseln (heute Republik Kap Verde), nach Madeira, Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik), Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) und zu Inseln im Indischen Ozean vorgedrungen.
Im Jahr darauf bemühte man sich darum, daß die kraftvolle Resolution „Ein Zeugnis an die Herrscher der Welt“ in der spanischen Zeitung La Libertad abgedruckt wurde. Rundfunksendungen, die Verbreitung von Büchern, Broschüren und Traktaten sowie Aufführungen des „Photo-Dramas der Schöpfung“ trugen dazu bei, noch intensiver Zeugnis zu geben. 1932 folgten mehrere englische Pioniere der Einladung, in diesem Gebiet mitzuhelfen, und sie bearbeiteten systematisch große Teile des Landes mit biblischer Literatur, bis sie wegen des spanischen Bürgerkrieges ausreisen mußten.
Inzwischen hatte Bruder Muñiz gleich nach seiner Ankunft in Argentinien angefangen zu predigen. Mit Uhrreparaturen sorgte er für seinen Lebensunterhalt. Abgesehen von seiner Tätigkeit in Argentinien, kümmerte er sich auch noch um Chile, Paraguay und Uruguay. Auf seine Bitte hin kamen einige Brüder aus Europa, um den deutschsprachigen Einwohnern Zeugnis zu geben. Viele Jahre später erzählte Carlos Ott, daß sie ihren Dienst um vier Uhr morgens begannen, indem sie in einem bestimmten Gebiet unter jeder Haustür ein Traktat zurückließen. Sie kamen dann noch am selben Tag wieder, um zusätzlich Zeugnis zu geben und interessierten Wohnungsinhabern weitere biblische Literatur anzubieten. Von Buenos Aires aus durchzogen die Vollzeitprediger das ganze Land — zunächst entlang den Eisenbahnlinien, die sich von der Hauptstadt aus wie die gespreizten Finger einer Hand Hunderte von Kilometern ins Land erstreckten, und dann mit allen möglichen Transportmitteln, je nachdem, was sich gerade anbot. Sie hatten kaum materielle Güter und machten viel durch, aber geistig gesehen waren sie reich.
Zu denen, die in Argentinien eifrig tätig waren, gehörte der Grieche Nicolás Argyrós. Als er Anfang 1930 einige Veröffentlichungen der Watch Tower Society erhielt, war er besonders von einer Broschüre mit dem Thema Die Hölle beeindruckt und von den Fragen auf der Titelseite: „Was ist sie? Wer ist dort? Können sie herauskommen?“ Er war erstaunt, festzustellen, daß diese Broschüre nicht beschrieb, wie Sünder geröstet würden. Zu seiner großen Überraschung erkannte er, daß die Lehre vom Höllenfeuer eine religiöse Lüge war, erfunden, um den Leuten angst zu machen, so wie sie ihm Angst eingejagt hatte. Er machte sich prompt daran, über die Wahrheit zu sprechen — zuerst mit Griechen und dann, als sich sein Spanisch verbesserte, auch mit anderen. Jeden Monat setzte er 200 bis 300 Stunden dafür ein, anderen die gute Botschaft zu überbringen. Zu Fuß und mit irgendwelchen vorhandenen Beförderungsmitteln brachte er die biblischen Wahrheiten in 14 der 22 Provinzen Argentiniens. Während er von Ort zu Ort zog, konnte er in Betten schlafen, wenn sie ihm von gastfreundlichen Leuten angeboten wurden, oft aber übernachtete er im Freien und einmal sogar in einem Stall, wo ihm ein Esel als Wecker diente.
Auch Richard Traub, der die Wahrheit in Buenos Aires kennengelernt hatte, besaß den Geist eines echten Pioniers. Ihm lag viel daran, den Menschen jenseits der Anden die gute Botschaft zu bringen. 1930, fünf Jahre nach seiner Taufe, kam er in Chile an — der einzige Zeuge Jehovas in einem Land mit 4 000 000 Einwohnern. Anfangs hatte er nur eine Bibel, mit der er arbeiten konnte, aber er begann, von Haus zu Haus zu predigen. Es gab keine Versammlungszusammenkünfte, die er besuchen konnte, und so ging er sonntags zu der Zeit, wo sie normalerweise stattfanden, zum Berg San Christóbal, setzte sich in den Schatten eines Baumes und vertiefte sich in sein Studium und ins Gebet. Nachdem er eine Wohnung gemietet hatte, lud er andere zu Zusammenkünften dorthin ein. Der einzige, der zur ersten Zusammenkunft erschien, war Juan Flores; er fragte: „Und die anderen, wann werden sie kommen?“ Bruder Traub antwortete einfach: „Sie werden kommen.“ Und sie kamen. In weniger als einem Jahr wurden 13 Personen getaufte Diener Jehovas.
Vier Jahre später taten sich zwei Zeuginnen zusammen, die sich nie zuvor begegnet waren, um die gute Botschaft in Kolumbien zu predigen. Nach einem produktiven Jahr dort mußte Hilma Sjoberg in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Käthe Palm dagegen fuhr mit dem Schiff nach Chile und nutzte die 17 Tage auf See, um sowohl der Mannschaft als auch den Passagieren Zeugnis zu geben. Während des folgenden Jahrzehnts predigte sie von Arica, dem nördlichsten Hafen Chiles, bis nach Feuerland im äußersten Süden. Sie sprach in Geschäftshäusern vor und gab Regierungsvertretern Zeugnis. Beladen mit einer Satteltasche voll Literatur, die sie auf den Schultern trug, und einigen unentbehrlichen Gütern wie einer Decke zum Schlafen, suchte sie die abgelegensten Bergarbeitersiedlungen und Schaffarmen auf. Sie führte das Leben eines echten Pioniers. Und es gab noch andere, die denselben Geist hatten — Ledige, Verheiratete, Jüngere und Ältere.
Im Jahre 1932 bemühte man sich besonders, die Königreichsbotschaft in lateinamerikanischen Ländern zu verkündigen, in denen bis dahin kaum gepredigt worden war. In diesem Jahr wurde von der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt eine beachtliche Anzahl verbreitet. Diese Broschüre enthielt einen Vortrag, der schon in einer internationalen Rundfunksendung ausgestrahlt worden war. Nun wurden in Chile rund 40 000 Exemplare dieser gedruckten Ansprache verbreitet, 25 000 in Bolivien, 25 000 in Peru, 15 000 in Ecuador, 20 000 in Kolumbien, 10 000 in Santo Domingo (heute Dominikanische Republik) und weitere 10 000 in Puerto Rico. Ja, die Königreichsbotschaft wurde verkündigt, und das sehr gründlich.
Im Jahre 1935 gab es in Südamerika nur 247 Personen, die vereint verkündigten, daß nur Gottes Königreich der Menschheit wahres Glück bringen wird. Aber sie gaben ein gewaltiges Zeugnis.
Menschen in noch abgelegeneren Regionen erreicht
Jehovas Zeugen vertraten keinesfalls den Standpunkt, sie kämen ihrer Verantwortung gegenüber Gott nach, wenn sie einfach mit den wenigen sprächen, die zufällig in ihrer Nähe wohnten. Sie bemühten sich, allen die gute Botschaft zu überbringen.
Menschen, die in Gegenden lebten, wohin die Zeugen nicht persönlich reisen konnten, wurden auf andere Weise erreicht. Ende der 20er Jahre zum Beispiel versandten die Zeugen in Kapstadt (Südafrika) 50 000 Broschüren an alle Farmer, Leuchtturmwärter, Förster und an andere, die abgelegen wohnten. Man beschaffte sich auch ein neues Adreßbuch von ganz Südwestafrika (heute Namibia) und schickte jedem, dessen Name darin stand, die Broschüre Des Volkes Freund zu.
Im Jahre 1929 wurde F. J. Franske mit der Verantwortung für den Schoner Morton, der der Watch Tower Society gehörte, betraut und erhielt die Aufgabe, zusammen mit Jimmy James Menschen in Labrador und allen Fischersiedlungen von Neufundland zu besuchen. Im Winter bereiste Bruder Franske die Küste mit einem Hundegespann. Die Eskimos und Neufundländer, bei denen er biblische Literatur zurückließ, gaben ihm Lederwaren, Fische oder ähnliches, um die Kosten dafür zu decken. Ein paar Jahre später machte er sich auf zu den Bergarbeitern, Holzfällern, Pelztierjägern, Viehzüchtern und Indianern in dem rauhen Karibugebiet von Britisch-Kolumbien. Während er unterwegs war, jagte er, um sich Fleisch zu beschaffen, pflückte wilde Beeren und backte sein Brot in einer Bratpfanne über einem offenen Lagerfeuer. Danach benutzte er zusammen mit einem Partner ein Lachsfangboot als Transportmittel, und sie brachten die Königreichsbotschaft zu jeder Insel, jeder Bucht, in jedes Holzfällerlager, zu jedem Leuchtturm und in jede Siedlung an der Westküste Kanadas. Er war nur einer von vielen, die einiges auf sich nahmen, um die Menschen in den entlegenen Winkeln der Erde zu erreichen.
Ende der 20er Jahre reiste Frank Day in Richtung Norden durch die Dörfer Alaskas, predigte, verbreitete Literatur und verkaufte nebenbei Brillen, um für sich sorgen zu können. Obwohl er wegen eines künstlichen Beines humpelte, bearbeitete er das Gebiet von Ketchikan bis Nome — eine Entfernung von ungefähr 1 900 Kilometern. Schon 1897 hatte ein Goldgräber in Kalifornien Exemplare der Serie Millennium-Tagesanbruch und des Wachtturms erhalten und geplant, sie mit zurück nach Alaska zu nehmen. Und 1910 hatte ein gewisser Kapitän Beams Literatur in den Häfen von Alaska zurückgelassen, die er mit seinem Walfangschiff anlief. Aber die Predigttätigkeit begann sich dadurch auszudehnen, daß Bruder Day über 12 Jahre lang jeden Sommer nach Alaska reiste.
Zwei andere Zeugen fuhren mit dem 12 Meter langen Motorboot Esther die norwegische Küste entlang bis weit in die Arktis hinein. Sie gaben auf den Inseln Zeugnis, suchten Leuchttürme auf, predigten in Küstendörfern und besuchten abgelegene Orte tief in den Bergen. Viele Leute nahmen sie freundlich in Empfang, und im Laufe eines Jahres konnten sie 10 000 bis 15 000 Bücher und Broschüren verbreiten, in denen Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit erklärt wurde.
Inseln hören die Lobpreisung Jehovas
Nicht nur auf Inseln in der Nähe von Festlandküsten wurde Zeugnis abgelegt. Anfang der 30er Jahre reiste Sydney Shepherd zwei Jahre lang mitten im Pazifik, um auf den Cookinseln und auf Tahiti zu predigen. Weiter westlich predigte George Winton die gute Botschaft auf den Neuen Hebriden (heute Vanuatu).
Etwa um die gleiche Zeit machte sich auch Joseph Dos Santos, ein Amerikaner portugiesischer Abstammung, auf den Weg in unberührtes Gebiet. Zunächst gab er auf den äußeren Inseln Hawaiis Zeugnis; dann ging er auf eine Predigtreise rund um die Welt. Als er jedoch auf den Philippinen ankam, erhielt er einen Brief von Bruder Rutherford, in dem er gebeten wurde, dort zu bleiben, um das Königreichspredigtwerk in Gang zu bringen und zu organisieren. Er blieb 15 Jahre lang.
Zu dieser Zeit wandte das australische Zweigbüro der Gesellschaft dem Werk im Südpazifik seine Aufmerksamkeit zu. Zwei Pioniere, die von dort ausgesandt wurden, gaben 1930/31 auf Fidschi ein umfassendes Zeugnis. Samoa hörte die Botschaft 1931. Auf Neukaledonien wurde 1932 gepredigt. Ein Pionierehepaar aus Australien nahm 1933 sogar den Dienst in China auf und legte in den folgenden paar Jahren in 13 bedeutenden chinesischen Städten Zeugnis ab.
Den Brüdern in Australien wurde klar, daß mehr erreicht werden könnte, wenn ihnen ein Schiff zur Verfügung stünde. Bald rüsteten sie einen 16 Meter langen Zweimaster aus, den sie Lightbearer nannten, und er diente von Anfang 1935 an einer Gruppe eifriger Brüder mehrere Jahre als Ausgangspunkt für ihre Tätigkeit, während sie in Niederländisch-Indien (heute Indonesien), Singapur und Malaya Zeugnis gaben. Die Ankunft des Schiffes erregte immer viel Aufsehen, und dadurch bot sich den Brüdern oft Gelegenheit, zu predigen und eine Menge Literatur abzugeben.
Unterdessen beschlossen 1935 auf der anderen Seite der Erdkugel zwei Pionierinnen aus Dänemark, eine Urlaubsreise zu den Färöern im Nordatlantik zu machen. Aber ihnen war nicht nur an der schönen Landschaft gelegen. Sie waren mit Tausenden von Publikationen ausgerüstet und machten guten Gebrauch davon. Wind und Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben, und sie bearbeiteten die bewohnten Inseln, soweit es ihnen während ihres Aufenthalts möglich war.
Weiter westlich übernahm Georg Lindal, ein Kanadier isländischer Herkunft, eine Aufgabe, die viel mehr Zeit in Anspruch nahm. Auf die Anregung Bruder Rutherfords hin zog er 1929 als Pionier nach Island. Er hatte eine erstaunliche Ausdauer. In den folgenden 18 Jahren diente er dort überwiegend allein. Immer wieder besuchte er die Dörfer und Städte. Er verbreitete Zehntausende von Veröffentlichungen, doch damals schloß sich ihm kein einziger Isländer im Dienst für Jehova an. Bis 1947, als zwei Gileadmissionare eintrafen, gab es mit Ausnahme eines einzigen Jahres keine Zeugen, mit denen er Gemeinschaft pflegen konnte.
Wenn Menschen etwas untersagen, was Gott gebietet
In ihrem öffentlichen Predigtdienst — besonders von den 20er bis zu den 40er Jahren — stießen Jehovas Zeugen nicht selten auf Anfeindungen, hinter denen meistens Geistliche und mitunter auch Regierungsvertreter steckten.
In einem ländlichen Gebiet nördlich von Wien sahen sich die Zeugen einer vom Dorfgeistlichen mit Unterstützung der Gendarmerie aufgehetzten Menge gegenüber. Die Geistlichen wollten unbedingt verhindern, daß Jehovas Zeugen in ihren Dörfern predigten. Die Zeugen hingegen waren entschlossen, ihren göttlichen Auftrag auszuführen; sie kehrten an einem anderen Tag zurück und änderten ihre Methode, indem sie auf Umwegen in die Ortschaften gingen.
Ganz gleich, womit Menschen ihnen drohten oder was sie von ihnen forderten, es war Jehovas Zeugen klar, daß sie vor Gott verpflichtet waren, sein Königreich zu verkündigen. Sie entschieden sich dafür, Gott, dem Herrscher, mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg. 5:29). Wenn örtliche Behörden den Zeugen Jehovas keine Religionsfreiheit zuerkennen wollten, brachten die Zeugen einfach Verstärkung herbei.
Nachdem es 1929 in einem Bezirk Bayerns wiederholt zu Verhaftungen gekommen war, setzte man zwei Sonderzüge ein — der eine fuhr in Berlin ab, der andere in Dresden. Sie wurden in Reichenbach gekoppelt, und um zwei Uhr morgens erreichte der Zug die Gegend um Regensburg mit 1 200 Passagieren, die darauf brannten, sich am Zeugnisgeben zu beteiligen. Das Reisen war teuer, und alle hatten ihr Fahrgeld selbst bezahlt. An jedem Bahnhof stiegen einige aus. Mehrere hatten Fahrräder mitgebracht, so daß sie aufs Land hinausfahren konnten. Der ganze Bezirk wurde an einem einzigen Tag bearbeitet. Als sie die Ergebnisse ihrer vereinten Anstrengungen sahen, kam ihnen unwillkürlich in den Sinn, was Gott seinen Dienern verheißen hatte: „Welche Waffe es auch immer sei, die gegen dich gebildet sein wird, sie wird keinen Erfolg haben“ (Jes. 54:17).
Die Zeugen in Deutschland waren so eifrig, daß sie nach einer Schätzung zwischen 1919 und 1933 mindestens 125 000 000 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie Millionen von Traktaten verbreiteten. Es gab damals jedoch nur rund 15 000 000 Familien in Deutschland. In dieser Zeit wurde in Deutschland von allen Ländern der Erde mit am gründlichsten Zeugnis abgelegt. Dort gab es mit die größte Konzentration von Personen, die sich zu den geistgesalbten Nachfolgern Christi rechneten. Doch in den folgenden Jahren machten sie sehr harte Prüfungen ihrer Lauterkeit durch (Offb. 14:12).
Im Jahre 1933 nahm der Widerstand der Regierung gegen das Werk der Zeugen Jehovas in Deutschland stark zu. Die Wohnungen von Zeugen und das Zweigbüro der Gesellschaft wurden wiederholt von der Gestapo durchsucht. In den meisten deutschen Ländern wurde die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten, und es kam zu Verhaftungen. Viele Tonnen Bibeln und biblische Literatur von ihnen wurden öffentlich verbrannt. Am 1. April 1935 wurde ein allgemeines Reichsverbot gegen die Ernsten Bibelforscher erlassen, und man machte systematische Anstrengungen, ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. Die Zeugen wiederum versammelten sich jetzt nur noch in kleinen Gruppen, vervielfältigten ihr Bibelstudienmaterial auf eine Art und Weise, die von der Gestapo nicht ohne weiteres entdeckt werden konnte, und gingen zu weniger auffälligen Predigtmethoden über.
Schon davor, nämlich von 1925 an, hatten die Brüder in Italien unter einer faschistischen Diktatur gelebt, und 1929 war ein Konkordat zwischen der katholischen Kirche und dem faschistischen Staat unterzeichnet worden. Wahre Christen wurden erbarmungslos verfolgt. Sie trafen sich zum Teil in Scheunen und auf Heuböden, um Verhaftungen zu entgehen. Es gab damals nur sehr wenige Zeugen Jehovas in Italien; 1932 erhielten sie jedoch Verstärkung beim Verbreiten der Königreichsbotschaft, als 20 Zeugen Jehovas aus der Schweiz nach Italien gingen und in einer Blitzaktion 300 000 Exemplare der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt verbreiteten.
Auch im Fernen Osten nahm der Druck zu. In Japan wurden einzelne Zeugen Jehovas festgenommen. Beamte in Seoul (in der heutigen Republik Korea) und in Pjöngjang (in der heutigen Demokratischen Volksrepublik Korea) vernichteten große Mengen biblische Literatur.
Mitten in diesen sich zusammenbrauenden Schwierigkeiten erlangten Jehovas Zeugen 1935 ein klares Verständnis darüber, wer die „große Schar“ oder „große Volksmenge“ (Lu; NW) aus Offenbarung 7:9-17 ist. Durch dieses Verständnis wurde ihnen bewußt, daß ein unvorhergesehenes und dringendes Werk vor ihnen lag (Jes. 55:5). Jetzt vertraten sie nicht mehr die Ansicht, daß alle, die nicht zur „kleinen Herde“ von Erben des himmlischen Königreiches gehörten, irgendwann in der Zukunft die Gelegenheit hätten, ihr Leben nach den Anforderungen Jehovas auszurichten (Luk. 12:32). Sie erkannten, daß nun die Zeit da war, aus solchen Menschen Jünger zu machen, damit sie überleben und in Gottes neue Welt gelangen könnten. Wie lange die Einsammlung dieser großen Volksmenge aus allen Nationen andauern würde, wußten sie nicht, obwohl sie meinten, das Ende des bösen Systems müsse sehr nahe sein. Sie waren sich nicht sicher, wie das Werk unter der Verfolgung, die sich ausweitete und immer heftiger wurde, im einzelnen durchzuführen wäre. Doch eines stand für sie fest: Jehova würde ihnen den Weg ebnen, damit sie seinen Willen tun könnten, denn „die Hand Jehovas ist nicht zu kurz“ (Jes. 59:1).
Im Jahre 1935 gab es relativ wenige Zeugen Jehovas — nur 56 153 weltweit.
Sie predigten damals in 115 Ländern; allerdings gab es in fast der Hälfte dieser Länder weniger als zehn Zeugen. Nur in zwei Ländern waren 10 000 oder mehr Zeugen Jehovas tätig (in den Vereinigten Staaten 23 808 und in Deutschland schätzungsweise 10 000 von den 19 268, die zwei Jahre vorher in der Lage gewesen waren, über ihre Tätigkeit zu berichten). In sieben anderen Ländern (Australien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei) verzeichneten sie jeweils mehr als 1 000, aber weniger als 6 000 Zeugen. Nach Unterlagen aus 21 weiteren Ländern gab es dort jeweils zwischen 100 und 1 000 Zeugen. Doch in jenem Jahr setzte diese Schar eifriger Zeugen weltweit 8 161 424 Stunden ein, um Gottes Königreich als einzige Hoffnung für die Menschheit zu verkündigen.
Außer den Ländern, in denen 1935 gepredigt wurde, hatten vorher schon weitere die gute Botschaft vom Königreich gehört, so daß sie bis dahin in 149 Ländern und Inselgebieten gepredigt worden war.
[Herausgestellter Text auf Seite 424]
Auch in Haft hatten sie die Gelegenheit zu predigen
[Herausgestellter Text auf Seite 425]
Sie verspürten den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren
[Herausgestellter Text auf Seite 441]
Wind, Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben
[Herausgestellter Text auf Seite 442]
Bevor die „Ernsten Bibelforscher“ in Deutschland verboten wurden, war hier ein Zeugnis von enormem Ausmaß gegeben worden
[Karte/Bilder auf Seite 423]
Während die Welt Krieg führte, waren R. R. Hollister und Fanny Mackenzie damit beschäftigt, den Menschen in China, Japan und Korea eine Friedensbotschaft zu überbringen
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
KOREA
JAPAN
CHINA
PAZIFISCHER OZEAN
[Karte auf Seite 428]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Als Emigranten aus den Ländern, die auf dieser Karte aufgeführt sind, von Gottes wunderbarem Vorsatz erfuhren, die Menschheit zu segnen, fühlten sie sich gedrängt, diese Botschaft mit zurück in ihre Heimat zu nehmen
AMERIKA
↓ ↓
ÖSTERREICH
BULGARIEN
ZYPERN
TSCHECHOSLOWAKEI
DÄNEMARK
FINNLAND
DEUTSCHLAND
GRIECHENLAND
UNGARN
ITALIEN
NIEDERLANDE
NORWEGEN
POLEN
PORTUGAL
RUMÄNIEN
SPANIEN
SCHWEDEN
SCHWEIZ
TÜRKEI
JUGOSLAWIEN
[Karte auf Seite 432]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
In den 20er und 30er Jahren zogen Evangeliumsverkündiger von Deutschland in viele Länder, um Zeugnis abzulegen
Deutschland
↓ ↓
SÜDAMERIKA
NORDAFRIKA
ASIEN
[Karte/Bilder auf Seite 435]
Eifrige Pioniere wie Frank Smith und sein Bruder Gray (oben abgebildet) verbreiteten die gute Botschaft entlang der Ostküste Afrikas
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
UGANDA
KENIA
TANSANIA
SÜDAFRIKA
[Karte/Bild auf Seite 439]
1928 wurde diese Broschüre Menschen in ganz Südwestafrika (heute Namibia) mit der Post geschickt
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
NAMIBIA
[Karte/Bilder auf Seite 440]
Mit dem Zweimaster „Lightbearer“ verbreiteten eifrige Pioniere die Königreichsbotschaft in Südostasien
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
MALAYA
BORNEO
CELEBES
SUMATRA
JAVA
TIMOR
NEUGUINEA
AUSTRALIEN
PAZIFISCHER OZEAN
[Bilder auf Seite 426]
In vielen Ländern lockte der Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ eine Menge von Zuhörern an
[Bilder auf Seite 427]
In Südafrika verbreitete Edwin Scott persönlich 50 000 Exemplare der Resolution „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“
[Bild auf Seite 429]
Willy Unglaube folgte dem Ruf nach Evangeliumsverkündigern und diente in Europa, Afrika und Asien
[Bilder auf Seite 430]
1992 waren sowohl Eric Cooke als auch sein Bruder John (sitzend) über 60 Jahre im Vollzeitdienst; sie hatten spannende Erlebnisse in Europa und Afrika hinter sich
[Bild auf Seite 431]
Als Edwin Skinner 1926 nach Indien ging, hatte er einen Auftrag, der sich auf fünf Länder erstreckte; 64 Jahre lang predigte er dort treu
[Bild auf Seite 433]
Alfred und Frieda Tuc̆ek, ausgerüstet mit lebensnotwendigen Gütern und Literatur zum Zeugnisgeben, dienten in Jugoslawien als Pioniere
[Bilder auf Seite 434]
In ganz Westafrika beteiligte sich „Bibel-Brown“ tatkräftig daran, die falsche Anbetung bloßzustellen
[Bild auf Seite 436]
George Young beteiligte sich an der ausgedehnten Verkündigung des Königreiches Gottes in Südamerika, Spanien und Portugal
[Bild auf Seite 437]
Juan Muñiz (links), der von 1924 an in Südamerika gepredigt hatte, hieß N. H. Knorr willkommen, als dieser über 20 Jahre später zum erstenmal Argentinien besuchte
[Bild auf Seite 438]
Nicolás Argyrós verbreitete die biblische Befreiungsbotschaft in 14 argentinischen Provinzen
[Bilder auf Seite 439]
F. J. Franske reiste auf Land- und Seewegen, um die biblische Wahrheit in abgelegene Siedlungen zu bringen
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Teil 3 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 3 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Von Seite 444 bis 461 wird darüber berichtet, wie die Königreichsbotschaft von 1935 bis 1945 weltweit gepredigt wurde. Das Jahr 1935 ist hoch bedeutsam, weil man damals verstand, wer die große Schar oder große Volksmenge aus Offenbarung 7:9 ist. Was die Einsammlung dieser Gruppe betraf, erkannten Jehovas Zeugen allmählich aus der Bibel, daß ihnen ein Werk von noch nie dagewesenem Ausmaß bevorstand. Wie gingen sie vor, als die Nationen in den Zweiten Weltkrieg verwickelt wurden und ihr Werk oder ihre biblische Literatur in einem Großteil der Länder verboten war?
JEHOVAS ZEUGEN verrichteten ihren Predigtdienst in den 30er Jahren mit dem Ziel, die Königreichsbotschaft so vielen wie möglich zu überbringen. Wenn sie auf außergewöhnliches Interesse stießen, kam es vor, daß sie bis in die Nacht hinein biblische Wahrheiten erklärten und Fragen beantworteten, um geistig Hungernde zufriedenzustellen. Aber in den meisten Fällen versuchten die Zeugen einfach, mit kurzen Darbietungen das Interesse der Wohnungsinhaber zu wecken, und überließen alles Weitere der Literatur oder öffentlichen biblischen Vorträgen. Ihr Werk bestand darin, die Leute zu informieren, ja Samen der Königreichswahrheit auszusäen.
Intensive Bemühungen, vielen die gute Botschaft zu überbringen
Das Werk wurde mit einem Gefühl der Dringlichkeit getan. Als zum Beispiel Armando Menazzi aus Córdoba (Argentinien) Anfang der 30er Jahre die Broschüren Die Hölle und Wo sind die Toten? las und sah, wie klar darin die biblische Wahrheit unterbreitet wurde, handelte er entschlossen (Ps. 145:20; Pred. 9:5; Apg. 24:15). Von dem, was er lernte, angetrieben und von Nicolás Argyrós’ Eifer angesteckt, verkaufte er seine Autowerkstatt, um als Pionier hingebungsvoll die Wahrheit zu predigen. Anfang der 40er Jahre kauften die Zeugen in Córdoba dann — von ihm angespornt — einen alten Bus und bauten Betten ein, so daß zehn oder mehr Verkündiger damit auf Predigttouren gehen konnten, die ein, zwei Wochen, aber auch drei Monate dauern konnten. Beim Planen dieser Reisen achtete man darauf, daß verschiedene Brüder und Schwestern aus der Versammlung die Gelegenheit erhielten mitzufahren. Jedem in der Gruppe wurde eine Arbeit zugewiesen — Reinigen, Kochen oder Fischen und Jagen. Diese eifrige Gruppe predigte in mindestens zehn argentinischen Provinzen von Haus zu Haus, sie bearbeitete Städte und Dörfer und besuchte auch verstreut liegende Gehöfte.
Ein ähnlicher Geist war im australischen Gebiet zu beobachten. In den dichtbevölkerten Küstenstädten wurde gründlich Zeugnis abgelegt. Aber die Zeugen bemühten sich auch, abgelegen wohnende Leute zu erreichen. So gingen Arthur Willis und Bill Newlands am 31. März 1936 auf eine insgesamt 19 700 Kilometer lange Reise, um die Menschen auf den einsamen Schaf- und Rinderfarmen im Innern Australiens zu erreichen. Den Großteil ihrer Reise legten sie nicht auf Straßen zurück, sondern auf holprigen Wegen in der baumlosen Wüste mit ihrer sengenden Hitze und ihren heulenden Staubstürmen. Aber sie kämpften sich durch. Wo immer sie auf Interesse stießen, spielten sie Aufnahmen von biblischen Vorträgen ab und ließen Literatur zurück. Andere Male wurden sie von John E. (Ted) Sewell begleitet, der sich dann als Freiwilliger für den Dienst in Südostasien meldete.
Das Gebiet, das vom australischen Zweigbüro der Gesellschaft beaufsichtigt wurde, reichte weit über die Grenzen Australiens hinaus. China gehörte dazu sowie Inselgruppen und Länder von Tahiti im Osten bis nach Birma (heute Myanmar) im Westen — eine Entfernung von 13 700 Kilometern. Diese Region schloß Hongkong ein, Indochina (heute Kambodscha, Laos und Vietnam), Niederländisch-Indien (darunter die Inseln Sumatra, Java und Borneo), Neuseeland, Siam (heute Thailand) und Malaya. Es kam nicht selten vor, daß der Zweigaufseher Alexander MacGillivray, ein Schotte, einen eifrigen jungen Pionier in sein Büro bat, ihm auf einer Karte das ganze Gebiet zeigte und fragte: „Wärst du gern Missionar?“ Dann deutete er jeweils auf eine Gegend, in der noch kaum oder gar nicht gepredigt wurde, und sagte: „Was hältst du davon, in diesem Gebiet das Werk in Gang zu bringen?“
Anfang der 30er Jahre hatten einige dieser Pioniere in Niederländisch-Indien (heute Indonesien) und Singapur schon viel geleistet. 1935 begleitete der Neuseeländer Frank Dewar eine Gruppe von Pionieren auf der Lightbearer bis nach Singapur. Kurz bevor das Schiff zur Nordwestküste Malayas weiterfuhr, sagte Kapitän Eric Ewins: „Da wären wir, Frank. So weit konnten wir dich mitnehmen. Du wolltest nach Siam gehen. Also ab mit dir!“ Dabei hatte Frank Siam fast vergessen. Die Tätigkeit mit der Gruppe auf dem Schiff hatte ihm Spaß gemacht. Jetzt war er auf sich gestellt.
Er wollte in Kuala Lumpur Zwischenstation machen, bis er genug Geld für den Rest der Reise hätte, doch wurde er dort in einen Verkehrsunfall verwickelt — beim Zusammenstoß mit einem Lastwagen stürzte er von seinem Fahrrad. Als es ihm wieder besserging, bestieg er mit nur fünf Dollar in der Tasche einen Zug, der von Singapur nach Bangkok fuhr. Voller Glauben, daß Jehova für ihn sorgen konnte, machte er sich an die Arbeit. 1931 hatte Claude Goodman dort für kurze Zeit gepredigt, aber als Frank im Juli 1936 ankam, waren keine Zeugen da, um ihn willkommen zu heißen. In den nächsten paar Jahren arbeiteten jedoch andere mit ihm zusammen — Willy Unglaube, Hans Thomas und Kurt Gruber aus Deutschland und Ted Sewell aus Australien. Sie verbreiteten viel Literatur, allerdings zumeist in Englisch, Chinesisch und Japanisch.
Bruder Rutherford antwortete auf einen Brief an das Hauptbüro der Gesellschaft, in dem es hieß, daß die Brüder Literatur in Thai brauchten, aber keinen Übersetzer hätten: „Ich bin nicht in Thailand; Ihr seid dort. Vertraut auf Jehova, und arbeitet fleißig. Dann werdet Ihr schon einen Übersetzer finden.“ Und so war es auch. Chomchai Inthaphan, die damals die Rektorin einer presbyterianischen Mädchenschule in Chiang Mai war, nahm die Wahrheit an und übersetzte 1941 biblische Literatur ins Thai.
Eine Woche nachdem Frank Dewar in Bangkok mit dem Predigen begonnen hatte, kam Frank Rice dort vorbei, der auf Java (heute ein Teil Indonesiens) den Weg für das Königreichswerk gebahnt hatte und sich nun auf der Durchreise in ein neues Gebiet befand — ins damalige Französisch-Indochina. Wie schon in seinem vorherigen Gebiet predigte er zunächst englischsprachigen Personen, während er die Landessprache lernte. Als er Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) bearbeitet hatte, verdiente er sich mit Englischunterricht Geld für ein altes Auto, mit dem er den Norden des Landes erreichen könnte. Es kam ihm nicht auf Komfort an, sondern auf die Königreichsinteressen (Heb. 13:5). Mit dem gekauften Auto fuhr er nach Hanoi und legte auf dem ganzen Weg dorthin in Städten, Dörfern und einsamen Behausungen Zeugnis ab.
Mutige Verkündigungsmethoden
In vielen Ländern griffen die Zeugen zu auffälligen Methoden, um Interesse an der Königreichsbotschaft zu wecken und die Menschen auf die Notwendigkeit für entschiedenes Handeln aufmerksam zu machen. 1936 kündigten sie in Glasgow (Schottland) zum erstenmal Kongreßvorträge an, indem sie Plakate trugen und in Geschäftsvierteln Handzettel verteilten. Zwei Jahre später, 1938, wurde in England in Verbindung mit einem Kongreß in London ein weiteres aufsehenerregendes Vorgehen eingeführt. Nathan H. Knorr und Albert D. Schroeder, die später zusammen in der leitenden Körperschaft dienten, gingen an der Spitze eines Zuges von fast tausend Zeugen durch das Hauptgeschäftsviertel Londons. Jeder zweite trug ein Plakat, auf dem der öffentliche Vortrag „Schau den Tatsachen ins Auge“ angekündigt wurde, der von J. F. Rutherford in der Royal Albert Hall gehalten werden sollte. Die übrigen hielten Schilder mit der Aufschrift hoch: „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“. (Damals verstand man unter Religion jede Form der Anbetung, die nicht in Einklang mit Gottes Wort, der Bibel, stand.) Um der feindseligen Reaktion einiger Leute entgegenzuwirken, nahm man noch in derselben Woche Schilder mit der Aufschrift „Dienet Gott und Christus, dem König“ dazwischen. Diese Tätigkeit war für viele Zeugen Jehovas nicht leicht, aber sie betrachteten sie als eine Möglichkeit, Jehova zu dienen, ja als eine Prüfung ihrer Loyalität ihm gegenüber.
Daß Jehovas Zeugen ihre Botschaft so mutig bekanntmachten, wurde nicht gerade einhellig begrüßt. Die Geistlichkeit in Australien und Neuseeland setzte Leiter von Rundfunkstationen unter Druck, keine Sendungen der Zeugen Jehovas auszustrahlen. Im April 1938, als Bruder Rutherford nach Australien unterwegs war, um dort eine Rundfunkansprache zu halten, ließen sich Beamte der Stadtverwaltung von Sydney so weit beeinflussen, daß sie sich nicht an die getroffenen Abmachungen hielten, ihm das Rathaus und Rundfunkanlagen zur Verfügung zu stellen. Man mietete umgehend die große Sportanlage von Sydney, und durch die ausführliche Presseberichterstattung über den Widerstand, der dem Besuch Bruder Rutherfords entgegengebracht wurde, kam eine um so größere Menschenmenge zu seinem Vortrag. Bei anderen Gelegenheiten, wo man den Zeugen die Benutzung von Rundfunkanlagen verweigerte, kündigten sie als Reaktion darauf intensiv Veranstaltungen an, bei denen Plattenaufnahmen von Bruder Rutherfords Vorträgen abgespielt wurden.
Geistliche in Belgien beauftragten Kinder, die Zeugen mit Steinen zu bewerfen, und Priester gingen persönlich an die Wohnungstüren, um die verbreitete Literatur wieder einzusammeln. Aber einigen Dorfbewohnern sagte das zu, was sie von Jehovas Zeugen lernten. Oft meinten sie: „Geben Sie mir mehrere Broschüren; wenn der Priester kommt, gebe ich ihm eine, damit er zufrieden ist, und die anderen behalte ich für mich, um darin zu lesen.“
In den folgenden Jahren erhob sich jedoch noch stärkerer Widerstand gegen Jehovas Zeugen und die Königreichsbotschaft, die sie verkündigten.
Predigen in Europa trotz kriegsbedingter Verfolgung
In Belgien, Deutschland, Frankreich, in den Niederlanden und in Österreich wurden Tausende von Zeugen Jehovas ins Gefängnis oder in NS-Konzentrationslager gebracht, weil sie ihren Glauben nicht aufgaben und nicht aufhörten zu predigen. Dort war eine brutale Behandlung an der Tagesordnung. Diejenigen, die noch auf freiem Fuß waren, verrichteten ihren Predigtdienst vorsichtig. Oft gebrauchten sie ausschließlich die Bibel und boten nur dann Literatur an, wenn sie bei interessierten Personen Rückbesuche machten. Um nicht verhaftet zu werden, sprachen die Zeugen in Mehrfamilienhäusern nur an einer einzigen Tür vor und gingen dann vielleicht zu einem anderen Gebäude, oder sie klingelten nur an einem einzigen Haus in einer Straße und gingen dann zu einem Haus in einer anderen Straße. Doch sie schreckten keineswegs vor dem Zeugnisgeben zurück.
Am 12. Dezember 1936, nur wenige Monate nachdem die Gestapo Tausende von Zeugen und interessierten Personen verhaftet hatte, um das Werk landesweit lahmzulegen, führten die Zeugen selbst eine Kampagne. In Blitzesschnelle steckten sie in ganz Deutschland Zehntausende von Exemplaren einer gedruckten Resolution in Briefkästen oder schoben sie unter die Türen. Darin protestierten sie gegen die grausame Behandlung ihrer christlichen Brüder und Schwestern. Schon eine Stunde nach Beginn der Verbreitung jagte die Polizei hinter den Verteilern her, aber sie faßte im ganzen Land nur etwa ein Dutzend.
Die Beamten waren schockiert, daß nach allem, was die NS-Regierung unternommen hatte, um das Werk zu unterdrücken, eine solche Kampagne überhaupt gelingen konnte. Außerdem fürchteten sie das Volk. Wieso? Als die Polizei und andere Uniformierte in die Häuser gingen und die Bewohner fragten, ob sie dieses Blatt erhalten hätten, sagten die meisten nein. Tatsächlich hatte die große Mehrheit keins erhalten. In jedem Gebäude hatten nur zwei oder drei Haushalte ein Exemplar bekommen. Das wußte die Polizei aber nicht. Sie nahm an, es sei an jeder Tür eines zurückgelassen worden.
In den folgenden Monaten wiesen NS-Beamte die in der gedruckten Resolution erhobenen Anschuldigungen weit von sich. Daher verteilten die Zeugen, die sich noch in Freiheit befanden, am 20. Juni 1937 als nächstes einen offenen Brief, der schonungslos Einzelheiten über die Verfolgung enthüllte — ein Dokument, in dem Namen von Beamten, Zeitpunkte und Orte genannt wurden. Die Gestapo war äußerst bestürzt über diese Bloßstellung und auch darüber, daß den Zeugen die Verbreitung überhaupt geglückt war.
Zahlreiche Erlebnisse der Familie Kusserow aus Bad Lippspringe zeugten von ebendieser Entschlossenheit zum Zeugnisgeben. Ein Beispiel dafür ist das, was geschah, nachdem Wilhelm Kusserow in Münster vom NS-Regime öffentlich hingerichtet worden war, weil er sich geweigert hatte, seinen Glauben aufzugeben. Hilda, Wilhelms Mutter, fuhr sofort zum Gefängnis und machte dort nachdrücklich ihren Anspruch auf den Leichnam geltend. Sie sagte zu ihrer Familie: „Wir werden den Menschen, die ihn kannten, ein großes Zeugnis geben.“ Bei der Beerdigung sprach Franz, Wilhelms Vater, ein Gebet, durch das er seinen Glauben an die liebevollen Vorkehrungen Jehovas zum Ausdruck brachte. Am Grab sprach Wilhelms Bruder Karl-Heinz Worte des Trostes aus der Bibel. Das blieb nicht ungestraft, doch ihnen kam es vor allem darauf an, Jehova durch ein Zeugnis über seinen Namen und sein Königreich zu ehren.
Als sich in den Niederlanden, bedingt durch den Krieg, Schwierigkeiten anbahnten, änderten die Zeugen dort klugerweise ihre Methoden für das Abhalten von Zusammenkünften. Sie trafen sich jetzt nur noch in Gruppen von höchstens zehn Personen in Privatwohnungen. Die Zusammenkunftsorte wechselten häufig. Jeder Zeuge besuchte nur seine eigene Gruppe, und keiner plauderte die Adresse aus, wo das Studium stattfand, nicht einmal einem vertrauten Freund. Zu jener Zeit, als ganze Bevölkerungsgruppen wegen des Krieges von Haus und Hof vertrieben wurden, war Jehovas Zeugen bewußt, daß die Leute dringend die tröstende Botschaft brauchten, die nur in Gottes Wort zu finden ist, und sie sprachen furchtlos mit anderen darüber. In einem Brief vom Zweigbüro wurden die Brüder allerdings daran erinnert, daß Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten, als er mit Gegnern konfrontiert wurde, Vorsicht walten ließ (Mat. 10:16; 22:15-22). Daraufhin schrieben sie, wenn sie jemanden vorfanden, der sich feindselig verhielt, die Adresse genau auf, damit bei einer künftigen Bearbeitung des Gebietes besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden konnten.
In Griechenland mußte die Bevölkerung während der deutschen Besetzung großes Leid ertragen. Die harte Behandlung, die Jehovas Zeugen widerfuhr, war allerdings mehr auf die Geistlichkeit der griechisch-orthodoxen Kirche zurückzuführen, die die Zeugen böswillig verleumdete und darauf drang, daß die Polizei und die Gerichte gegen sie vorgingen. Viele Zeugen Jehovas wurden verhaftet oder aus ihren Heimatorten in einsame Dörfer vertrieben, oder sie wurden auf unfruchtbaren Inseln festgehalten, wo sie unter harten Bedingungen lebten. Dennoch legten sie weiter Zeugnis ab. (Vergleiche Apostelgeschichte 8:1, 4.) Oft setzten sie sich in Parkanlagen zu den Leuten auf die Bänke und sprachen mit ihnen über Gottes Königreich. Wenn jemand echtes Interesse zeigte, liehen sie ihm eine der kostbaren biblischen Veröffentlichungen aus. Dadurch, daß die Literatur dann wieder zurückgegeben wurde, konnte sie immer wieder verwendet werden. Viele wahrheitsliebende Menschen nahmen die Hilfe der Zeugen dankbar an und schlossen sich ihnen sogar beim Überbringen der guten Botschaft an, obwohl sie deswegen erbittert verfolgt wurden.
Entscheidend für den Mut und die Ausdauer der Zeugen war, daß sie durch geistige Speise erbaut wurden. In einigen Ländern Europas ging während des Krieges die Literatur zum Verbreiten zwar schließlich zur Neige, doch es gelang ihnen, in den eigenen Reihen glaubensstärkenden Lesestoff in Umlauf zu bringen, den die Gesellschaft für das Studium der Zeugen Jehovas weltweit bereitstellte. Unter Lebensgefahr beteiligten sich August Kraft, Peter Gölles, Ludwig Cyranek, Therese Schreiber und viele andere am Vervielfältigen und Verteilen von Studienmaterial, das von Italien, der Schweiz und der Tschechoslowakei nach Österreich geschmuggelt worden war. In den Niederlanden besorgte ein gütiger, hilfsbereiter Gefängniswärter Arthur Winkler eine Bibel. Trotz aller Gegenmaßnahmen des Feindes gelangten die im Wachtturm enthaltenen erfrischenden Wasser der biblischen Wahrheit sogar in die deutschen Konzentrationslager und zirkulierten dort unter den Zeugen.
In Gefängnissen und Konzentrationslagern hörten Jehovas Zeugen nicht auf, Zeugen zu sein. Als der Apostel Paulus in Rom im Gefängnis war, schrieb er: „Ich [erleide] Ungemach bis zu Fesseln ... Dessenungeachtet ist das Wort Gottes nicht gebunden“ (2. Tim. 2:9). Das konnte auch während des Zweiten Weltkrieges von Jehovas Zeugen in Europa gesagt werden. Gefängniswärter beobachteten ihren Lebenswandel, manche stellten Fragen, und einige wenige schlossen sich den Zeugen in ihrem Glauben an, obwohl sie dadurch selbst ihre Freiheit verloren. Viele ihrer Mitgefangenen kamen aus Ländern, in denen die gute Botschaft noch kaum gepredigt worden war, wie zum Beispiel Rußland. Nach dem Krieg kehrten einige von ihnen als Zeugen Jehovas in ihre Heimat zurück und hatten den brennenden Wunsch, dort die Königreichsbotschaft zu verbreiten.
Brutale Verfolgung und die Auswirkungen des totalen Krieges konnten nicht verhindern, daß Menschen, wie vorhergesagt, in Jehovas großes geistiges Haus der Anbetung eingesammelt wurden (Jes. 2:2-4). In den meisten Ländern Europas nahm von 1938 bis 1945 die Zahl derer, die sich öffentlich an dieser Anbetung beteiligten, indem sie Gottes Königreich verkündigten, beträchtlich zu. In Finnland, Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz verzeichneten Jehovas Zeugen Zunahmen von annähernd 100 Prozent. In Griechenland stieg ihre Zahl fast um das Siebenfache an und in den Niederlanden um das Zwölffache. Dagegen waren Ende 1945 aus Deutschland und Rumänien noch keine Einzelheiten bekanntgeworden, und aus einer Reihe anderer Länder waren nur lückenhafte Berichte eingegangen.
Wie es in den Kriegsjahren außerhalb Europas weiterging
Auch in Asien brachte der Weltkrieg für Jehovas Zeugen extreme Schwierigkeiten mit sich. In Japan und Korea wurden sie festgenommen, geschlagen und gefoltert, weil sie für Gottes Königreich eintraten und den japanischen Kaiser nicht anbeteten. Schließlich waren sie von den Zeugen anderer Länder ganz und gar abgeschnitten. Für viele von ihnen waren Verhöre und Gerichtsverhandlungen die einzige Gelegenheit, Zeugnis abzulegen. Gegen Kriegsende war der öffentliche Predigtdienst der Zeugen Jehovas in diesen Ländern praktisch zum Stillstand gekommen.
Als der Krieg auf die Philippinen übergriff, wurden die dortigen Zeugen, weil sie weder die japanischen Truppen noch die Widerstandsbewegung unterstützten, von beiden Seiten schikaniert. Viele Zeugen verließen ihr Zuhause, um nicht gefangengenommen zu werden. Aber während sie von Ort zu Ort zogen, predigten sie — sie verliehen Literatur, wenn sie welche hatten, und später benutzten sie nur noch die Bibel. Als die Front verlegt wurde, rüsteten sie sogar mehrere Boote aus, mit denen große Gruppen von Zeugen zu Inseln fuhren, auf denen noch kaum oder überhaupt nicht Zeugnis abgelegt worden war.
In Birma (heute Myanmar) wurde die Literatur der Zeugen Jehovas im Mai 1941 nicht deshalb verboten, weil die Japaner einfielen, sondern weil anglikanische, methodistische, katholische und amerikanische baptistische Geistliche auf Kolonialbeamte Druck ausübten. Zwei Zeugen, die in einem Telegrafenamt arbeiteten, ersahen aus einem Telegramm, was auf sie zukommen würde, und so holten die Brüder schnell die Literatur aus dem Lager der Gesellschaft, damit sie nicht beschlagnahmt wurde. Sie bemühten sich dann, einen Großteil der Literatur auf dem Landweg nach China zu bringen.
Damals beförderte die US-Regierung gewaltige Mengen Kriegsmaterial mit Lastwagen über die Birmastraße, um die chinesische Nationalregierung zu unterstützen. Die Brüder versuchten, auf einem der Lastwagen Platz zu bekommen, wurden aber schroff abgewiesen. Auch der Versuch, ein Fahrzeug aus Singapur zu besorgen, schlug fehl. Mick Engel, der für das Lager der Gesellschaft in Rangun (birmanisch: Yangon) zuständig war, sprach jedoch einen hohen amerikanischen Beamten an und erhielt von ihm die Genehmigung, die Literatur mit Armeefahrzeugen zu transportieren.
Aber als Fred Paton und Hector Oates daraufhin zu dem Beamten gingen, der den Konvoi nach China leitete, und ihn um Platz baten, bekam er fast einen Anfall. „Was?“ schrie er. „Wie kann ich euch kostbaren Platz in meinen Lastwagen für eure dämlichen Traktate geben, wenn ich noch nicht einmal genug Platz für die dringend benötigten militärischen und medizinischen Vorräte habe, die hier im Freien verrotten?“ Fred hielt inne, griff in seine Aktentasche, zeigte ihm die schriftliche Genehmigung und wies darauf hin, daß es eine ernste Sache wäre, wenn er sich über die Anweisungen der Behörden in Rangun hinwegsetzte. Der Aufsichtsbeamte sorgte nicht nur dafür, daß zwei Tonnen Bücher transportiert wurden, sondern stellte den Brüdern auch einen kleineren Lastwagen mit einem Fahrer und Proviant zur Verfügung. Sie fuhren mit ihrer wertvollen Ladung in nordöstlicher Richtung über die gefährliche Gebirgsstraße nach China. Nachdem sie in Paoshan Zeugnis gegeben hatten, ging es weiter nach Chungking (früher Pahsien). Während des Jahres, das sie in China verbrachten, wurden dort Tausende von Publikationen über Jehovas Königreich verbreitet. Unter anderem gaben sie Chiang Kai-shek, dem Präsidenten der chinesischen Nationalregierung, persönlich Zeugnis.
Da in Birma unterdessen die Bombardierungen zunahmen, verließen alle Zeugen — bis auf drei — das Land, und die meisten gingen nach Indien. Die Tätigkeit der drei Zurückgebliebenen war notgedrungen begrenzt. Doch sie legten weiter informell Zeugnis ab, und nach dem Krieg trugen ihre Bemühungen Früchte.
Auch in Nordamerika stießen Jehovas Zeugen während des Krieges auf große Hindernisse. Durch weitverbreitete Pöbelangriffe und die verfassungswidrige Anwendung lokaler Gesetze wurde das Predigen wesentlich erschwert. Tausende wurden verhaftet, weil sie ihre christliche Neutralität bewahrten. Aber dadurch erlahmte der Haus-zu-Haus-Predigtdienst der Zeugen nicht. Außerdem konnte man sie ab Februar 1940 oft auf den Straßen der Geschäftsviertel sehen, wo sie die Zeitschriften Der Wachtturm und Trost (heute Erwachet!) anboten. Ihr Eifer nahm sogar noch zu. Obwohl sie einige der heftigsten Verfolgungswellen erlebten, die sie dort je durchmachten, stieg die Zahl der Zeugen in den Vereinigten Staaten und in Kanada von 1938 bis 1945 auf mehr als das Doppelte an und die Zeit, die sie für ihren öffentlichen Predigtdienst einsetzten, auf das Dreifache.
In vielen Ländern und Inselgebieten des Britischen Commonwealth (in Nordamerika, Afrika, Asien, in der Karibik und im Pazifik) wurden entweder Jehovas Zeugen selbst oder ihre Veröffentlichungen von der Regierung verboten. Das traf zum Beispiel auf Australien zu. In einer amtlichen Mitteilung vom 17. Januar 1941, herausgegeben auf Anweisung des Generalgouverneurs, wurde es für ungesetzlich erklärt, daß Jehovas Zeugen Gottesdienste abhielten, irgendwelche ihrer Veröffentlichungen verbreiteten oder sie auch nur besaßen. Unter dem bestehenden Gesetz war es möglich, das Verbot vor Gericht anzufechten, und das wurde sofort getan. Allerdings dauerte es mehr als zwei Jahre, bis Richter Starke vom Obersten Bundesgericht erklärte, die Bestimmungen, die dem Verbot zugrunde lägen, seien „willkürlich, unlauter und schikanös“. Das vollbesetzte Oberste Bundesgericht hob das Verbot auf. Was taten Jehovas Zeugen in der Zwischenzeit?
Wie die Apostel Jesu Christi ‘gehorchten sie Gott, dem Herrscher, mehr als den Menschen’ (Apg. 4:19, 20; 5:29). Sie predigten weiter. Trotz zahlreicher Hindernisse gelang es ihnen sogar, für den 25. bis 29. Dezember 1941 einen Kongreß in Hargrave Park unweit von Sydney vorzubereiten. Als die Regierung einer Anzahl Kongreßteilnehmer die Beförderung mit der Eisenbahn verweigerte, rüstete eine Gruppe aus Westaustralien ihre Autos mit einem Holzvergaser aus, der mit Holzkohle betrieben wurde, und begab sich auf eine 14tägige Querfeldeinreise, bei der sie eine Woche lang durch die unbarmherzige Nullarborebene ziehen mußte. Sie kam wohlbehalten an und erfreute sich zusammen mit den übrigen 6 000 Besuchern an dem Programm. Auch im darauffolgenden Jahr fand ein Kongreß statt, der aber diesmal für 150 kleinere Gruppen in sieben Großstädten des Landes abgehalten wurde, wobei die Redner von einer Kongreßstätte zur nächsten fuhren.
Als sich 1939 die Lage in Europa zuspitzte, meldeten sich einige Pionierverkündiger der Zeugen Jehovas als Freiwillige für den Dienst in anderen Ländern. (Vergleiche Matthäus 10:23; Apostelgeschichte 8:4.) Drei deutsche Pioniere wurden von der Schweiz nach Schanghai (China) geschickt. Eine Anzahl ging nach Südamerika. Zu denen, die nach Brasilien versetzt wurden, gehörten Otto Estelmann, der in der Tschechoslowakei Versammlungen besucht und unterstützt hatte, und Erich Kattner, der im Zweigbüro der Watch Tower Society in Prag gedient hatte. Ihre neue Aufgabe war nicht leicht. Sie stellten fest, daß die Zeugen in manchen Gegenden, wo Landwirtschaft betrieben wurde, in aller Frühe aufstanden, bis 7 Uhr morgens predigten und dann ihren Predigtdienst in den späten Abendstunden fortsetzten. Bruder Kattner erinnert sich, daß er bei seinen Wanderungen von Ort zu Ort oft im Freien schlief, wobei er seine Literaturtasche als Kopfkissen benutzte. (Vergleiche Matthäus 8:20.)
Sowohl Bruder Estelmann als auch Bruder Kattner waren von der NS-Geheimpolizei in Europa gejagt worden. Wurden sie durch ihre Übersiedlung nach Brasilien von der Verfolgung erlöst? Im Gegenteil, nach nur einem Jahr standen sie auf Veranlassung von Beamten, die anscheinend mit den Nationalsozialisten sympathisierten, für längere Zeit unter Hausarrest und wurden ins Gefängnis gesperrt. Die Zeugen wurden auch häufig von katholischen Geistlichen angefeindet, aber sie fuhren unbeirrt mit dem Werk fort, mit dem Gott sie beauftragt hatte. Sie suchten unermüdlich Städte und Ortschaften Brasiliens auf, in denen die Königreichsbotschaft noch nicht gepredigt worden war.
Ein Rückblick auf die weltweite Situation während des Zweiten Weltkrieges zeigt, daß in der Mehrzahl der Länder, wo es Zeugen Jehovas gab, entweder ihre Organisation oder ihre Literatur verboten war. 1938 hatten sie in 117 Ländern und Inselgebieten gepredigt, doch in den Kriegsjahren (1939—1945) wurde in über 60 dieser Länder ihre Organisation oder Literatur verboten, oder die Verkündiger wurden ausgewiesen. Selbst wo sie nicht verboten waren, wurden sie häufig festgenommen oder vom Pöbel angegriffen. Trotz alldem kam das Predigen der guten Botschaft nicht zum Stillstand.
In Lateinamerika kommt die große Volksmenge zum Vorschein
Im Februar 1943, mitten in den Kriegsjahren, gründete die Watch Tower Society im Hinblick auf das Nachkriegswerk die Gileadschule im Bundesstaat New York, in der Missionare für den Auslandsdienst ausgebildet werden sollten. Vor Jahresende hatten schon 12 Missionare in Kuba mit ihrem Dienst begonnen. Dieses „Feld“ stellte sich als sehr fruchtbar heraus.
Bereits 1910 waren Samenkörner biblischer Wahrheit nach Kuba gelangt. 1913 hatte C. T. Russell dort einen Vortrag gehalten. J. F. Rutherford hatte 1932 in Havanna über Rundfunk gesprochen, und die Ansprache wurde dann auch in Spanisch gesendet. Aber mit dem Wachstum ging es nur langsam voran. Damals war das Analphabetentum weit verbreitet, und es gab viele religiöse Vorurteile. Anfangs zeigten zum großen Teil englischsprechende Einwohner Interesse, die zum Beispiel von Jamaika stammten. 1936 gab es nur 40 Königreichsverkündiger in Kuba. Aber dann führte das Pflanzen und Bewässern der Samen der Königreichswahrheit zu einem größeren Fruchtertrag.
Die ersten Kubaner hatten sich 1934 taufen lassen; weitere folgten. Ab 1940 wurde dort der Predigtdienst von Haus zu Haus durch tägliche Rundfunksendungen und mutiges Zeugnisgeben auf den Straßen verstärkt. Schon bevor 1943 Gileadmissionare eintrafen, hatten in Kuba 950 positiv auf die gute Botschaft reagiert und predigten sie anderen, wenn das auch nicht alle regelmäßig taten. In den zwei Jahren nach der Ankunft der Missionare nahm die Zahl sogar noch schneller zu. 1945 wurden in Kuba 1 894 Zeugen Jehovas gezählt. Die meisten hatten zwar früher einer Kirche angehört, in der gelehrt wurde, alle treuen Anhänger der Kirche kämen in den Himmel, aber die große Mehrheit derer, die Zeugen Jehovas wurden, akzeptierte freudig die Aussicht, in einem wiederhergestellten Paradies ewig auf der Erde zu leben (1. Mo. 1:28; 2:15; Ps. 37:9, 29; Offb. 21:3, 4). Nur 1,4 Prozent zählten sich zu den geistgesalbten Brüdern Christi.
Das lateinamerikanische Gebiet erhielt noch auf andere Weise Hilfe von der Weltzentrale der Gesellschaft. Anfang 1944 verbrachten N. H. Knorr, F. W. Franz, W. E. Van Amburgh und M. G. Henschel zehn Tage in Kuba, um die Brüder dort im Glauben zu stärken. In dieser Zeit fand in Havanna ein Kongreß statt, und man umriß Pläne für eine bessere Koordinierung des Predigtwerkes. Diese Reise führte Bruder Knorr und Bruder Henschel außerdem nach Costa Rica, Guatemala und Mexiko, so daß sie auch den Zeugen Jehovas in diesen Ländern beistehen konnten.
N. H. Knorr und F. W. Franz unternahmen 1945 und 1946 Reisen in 24 Länder und Inselgebiete von Mexiko bis zur Südspitze von Südamerika sowie in der Karibik, um mit den dortigen Zeugen sprechen und zusammenarbeiten zu können. Sie hielten sich fünf Monate in dieser Region auf und boten liebevolle Hilfe und Anleitung. Manchenorts trafen sie bloß mit einer Handvoll interessierter Personen zusammen. In Lima (Peru) und in Caracas (Venezuela) halfen sie persönlich bei der Gründung der ersten Versammlungen mit, so daß es dort regelmäßige Zusammenkünfte und Predigtdienstvorkehrungen geben konnte. Wo schon Zusammenkünfte abgehalten wurden, besuchten sie diese und gaben gelegentlich Hinweise, wie man deren praktischen Wert in bezug auf das Evangelisierungswerk erhöhen könne.
Wo es sich einrichten ließ, wurden bei diesen Besuchen öffentliche biblische Vorträge arrangiert. Die Ansprachen wurden durch Plakate, die die Zeugen trugen, und durch Handzettel, die auf den Straßen verteilt wurden, intensiv angekündigt. Daraufhin erlebten die 394 Zeugen in Brasilien die Freude, daß 765 Personen ihren Kongreß in São Paulo besuchten. In Chile, wo es 83 Königreichsverkündiger gab, kamen 340 Personen, um den besonders angekündigten Vortrag zu hören. In Costa Rica freuten sich die 253 einheimischen Zeugen über eine Gesamtzahl von 849 Anwesenden auf ihren zwei Kongressen. Das waren Gelegenheiten, bei denen die Brüder herzliche Gemeinschaft pflegten.
Es ging dabei jedoch nicht lediglich darum, unvergeßliche Kongresse abzuhalten. Bei diesen Reisen betonten die Vertreter des Hauptbüros besonders, wie wichtig es sei, Rückbesuche bei interessierten Personen zu machen und Heimbibelstudien mit ihnen durchzuführen. Wer ein echter Jünger werden wolle, brauche regelmäßige Unterweisung aus Gottes Wort. Daraufhin nahm die Zahl der Heimbibelstudien in dieser Region rapide zu.
Während Bruder Knorr und Bruder Franz auf diesen Dienstreisen waren, trafen noch mehr Gileadmissionare in ihren Gebieten ein. Ende 1944 gab es in Costa Rica, Mexiko und Puerto Rico einige Missionare. 1945 halfen weitere Missionare, das Predigtwerk in Barbados, Brasilien, Britisch-Honduras (heute Belize), Chile, El Salvador, Guatemala, Haiti, Jamaika, Kolumbien, Nicaragua, Panama und Uruguay besser zu organisieren. Als 1945 die beiden ersten Missionare in die Dominikanische Republik kamen, waren sie die einzigen Zeugen Jehovas in dem Land. Die Auswirkungen des Predigtdienstes dieser frühen Missionare waren schon bald zu beobachten. Trinidad Paniagua sagte über die ersten Missionare, die nach Guatemala gesandt wurden: „Sie waren genau das, was wir brauchten — Lehrer des Wortes Gottes, die uns begreiflich machen würden, wie wir das Werk durchführen sollten.“
So wurde das Fundament für eine Ausdehnung in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes gelegt. Auf den karibischen Inseln wurden Ende 1945 3 394 Königreichsverkündiger gezählt. In Mexiko gab es 3 276 und im übrigen Mittelamerika 404 weitere. In Südamerika waren es 1 042. Das entsprach in dieser Region einer Zunahme von 386 Prozent innerhalb von sieben äußerst turbulenten Jahren in der Menschheitsgeschichte. Aber es war nur der Anfang. Ein wahrhaft explosives Wachstum stand noch bevor. In der Bibel war vorhergesagt worden, daß vor der großen Drangsal „eine große Volksmenge ... aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Zungen“ als Anbeter Jehovas eingesammelt würde (Offb. 7:9, 10, 14).
Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, predigten nur 72 475 Zeugen Jehovas in 115 Ländern und Inselgebieten (wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Obwohl sie weltweit heftig verfolgt wurden, stieg ihre Zahl bis Kriegsende auf mehr als das Doppelte an. Der Bericht für 1945 führte 156 299 Zeugen auf, die in den 107 Ländern tätig waren, von denen Berichte zusammengestellt werden konnten. Damals war aber in Wirklichkeit in 163 Ländern die gute Botschaft gepredigt worden.
In den Jahren von 1936 bis 1945 wurde wirklich ein erstaunliches Zeugnis gegeben. In jenem Jahrzehnt weltweiten Aufruhrs setzten die eifrigen Zeugen Jehovas insgesamt 212 069 285 Stunden dafür ein, der Welt zu verkündigen, daß Gottes Königreich die einzige Hoffnung für die Menschheit ist. Sie verbreiteten auch 343 054 579 Bücher, Broschüren und Zeitschriften, durch die den Menschen die biblische Grundlage für ihre Zuversicht begreiflich gemacht wurde. 1945 führten sie im Durchschnitt 104 814 kostenlose Heimbibelstudien durch, um Menschen zu helfen, die echtes Interesse hatten.
[Herausgestellter Text auf Seite 455]
Der Krieg zwang sie zwar zur Flucht, aber sie predigten weiter
[Kasten/Bilder auf Seite 451—453]
Trotz Haft ließen sie sich nicht vom Zeugnisgeben abbringen
Hier werden nur einige wenige von den Tausenden vorgestellt, die im Zweiten Weltkrieg wegen ihres Glaubens in Gefängnissen und Konzentrationslagern leiden mußten
1. Adrian Thompson (Neuseeland). Kam 1941 in Australien ins Gefängnis; sein Antrag auf Befreiung vom Wehrdienst wurde abgelehnt, als Jehovas Zeugen in Australien verboten wurden. Nach seiner Entlassung stärkte er als reisender Aufseher die Versammlungen in ihrem öffentlichen Predigtdienst. Diente als Missionar und erster reisender Aufseher im Nachkriegsjapan; predigte eifrig bis zu seinem Tod im Jahre 1976.
2. Alois Moser (Österreich). War in sieben Gefängnissen und Konzentrationslagern. 1992 war er im Alter von 92 Jahren nach wie vor ein eifriger Zeuge.
3. Franz Wohlfahrt (Österreich). Franz ließ sich durch die Hinrichtung seines Vaters und seines Bruders nicht abschrecken. War fünf Jahre im Lager Rollwald (Deutschland). Predigte 1992 im Alter von 70 Jahren immer noch.
4. Thomas Jones (Kanada). Wurde 1944 inhaftiert und danach in zwei Arbeitslager gebracht. Nach 34 Jahren Vollzeitdienst wurde er 1977 zu einem Mitglied des Zweigkomitees ernannt, das das Predigtwerk in ganz Kanada beaufsichtigt.
5. Maria Hombach (Deutschland). Wurde mehrmals verhaftet und verbrachte dreieinhalb Jahre in Einzelhaft. Sie setzte als Kurier ihr Leben aufs Spiel, um Glaubensbrüdern biblische Literatur zu bringen. War 1992 mit ihren 90 Jahren immer noch eine treue Mitarbeiterin der Bethelfamilie.
6. Max und Konrad Franke (Deutschland). Vater und Sohn; beide wurden wiederholt inhaftiert und waren viele Jahre in Haft. (Gertrud, Konrads Frau, war ebenfalls in Haft.) Alle blieben loyale, eifrige Diener Jehovas, und Konrad ging beim Wiederaufbau des Predigtwerkes der Zeugen im Nachkriegsdeutschland führend voran.
7. A. Pryce Hughes (England). Wurde zweimal zu Haft verurteilt, die er in der Strafanstalt Wormwood Scrubs in London verbüßte; auch im Ersten Weltkrieg war er wegen seines Glaubens ins Gefängnis gekommen. Stand bis zu seinem Tod im Jahre 1978 im Königreichspredigtwerk in Großbritannien in vorderster Linie.
8. Adolphe und Emma Arnold mit Tochter Simone (Frankreich). Obwohl Adolphe inhaftiert worden war, gaben Emma und Simone weiterhin Zeugnis und verteilten außerdem an Glaubensbrüder Literatur. Emma kam während ihres Gefängnisaufenthalts in Einzelhaft, weil sie ihren Mitgefangenen ständig Zeugnis gab. Simone wurde in eine Erziehungsanstalt geschickt. Alle blieben eifrige Zeugen.
9. Ernst und Hildegard Seliger (Deutschland). Wegen ihres Glaubens verbrachten sie zusammengerechnet über 40 Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager. Selbst in Haft ließen sie nicht nach, anderen von den biblischen Wahrheiten zu erzählen. Wieder in Freiheit, setzten sie ihre ganze Zeit für das Predigen der guten Botschaft ein. Bruder Seliger starb 1985 als treuer Diener Gottes, Schwester Seliger 1992.
10. Carl Johnson (Vereinigte Staaten). Wurde zwei Jahre nach seiner Taufe mit Hunderten anderer Zeugen in Ashland (Kentucky) inhaftiert. Diente als Pionier und Kreisaufseher; ging 1992 als Ältester immer noch führend im Predigtdienst voran.
11. August Peters (Deutschland). Gewaltsam getrennt von seiner Frau und seinen vier Kindern, befand er sich 1936/37 sowie 1937—1945 in Haft. Statt nach seiner Freilassung weniger zu predigen, nahm er den Vollzeitdienst auf. Diente 1992 im Alter von 99 Jahren nach wie vor als Mitglied der Bethelfamilie und erlebte, wie die Zahl der Zeugen Jehovas in Deutschland auf 163 095 anstieg.
12. Gertrud Ott (Deutschland). Wurde in Lodz (Polen) verhaftet und kam darauf ins Konzentrationslager Auschwitz, dann nach Groß-Rosen und Bergen-Belsen in Deutschland. Nach dem Krieg diente sie eifrig als Missionarin in Indonesien, im Iran und in Luxemburg.
13. Katsuo Miura (Japan). Sieben Jahre nach seiner Inhaftierung in Hiroschima wurde ein Großteil des Gefängnisses, in dem er sich befand, durch die Atombombe zerstört, die die Stadt in Schutt und Asche legte. Die Ärzte entdeckten jedoch keinerlei Anzeichen dafür, daß er durch die Strahlung Schaden erlitten hätte. Die letzten Jahre seines Lebens stand er im Pionierdienst.
14. Martin und Gertrud Pötzinger (Deutschland). Ein paar Monate nach ihrer Hochzeit wurden sie verhaftet und für neun Jahre gewaltsam voneinander getrennt. Martin kam nach Dachau und Mauthausen, Gertrud nach Ravensbrück. Trotz brutaler Behandlung blieb ihr Glaube unerschütterlich. Nach ihrer Freilassung setzten sie sich mit ganzer Kraft im Dienst Jehovas ein. Bruder Pötzinger diente 29 Jahre lang als reisender Aufseher und kam dabei durch ganz Deutschland; danach gehörte er bis zu seinem Tod im Jahre 1988 zur leitenden Körperschaft. Gertrud war 1992 immer noch eine eifrige Evangeliumsverkündigerin.
15. Jizo und Matsue Ishii (Japan). Nachdem sie zehn Jahre lang in ganz Japan biblische Literatur verbreitet hatten, warf man sie ins Gefängnis. Obwohl das Werk der Zeugen Jehovas in Japan während des Krieges zerschlagen wurde, gaben Bruder und Schwester Ishii nach dem Krieg weiter eifrig Zeugnis. Matsue Ishii hat erlebt, wie die Zahl der Zeugen in Japan anstieg — auf über 171 000 im Jahre 1992.
16. Victor Bruch (Luxemburg). In Buchenwald, Lublin, Auschwitz und Ravensbrück in Haft. Mit 90 Jahren immer noch als Ältester der Zeugen Jehovas tätig.
17. Karl Schurstein (Deutschland). Reisender Aufseher, bevor Hitler an die Macht kam. War acht Jahre in Haft und wurde 1944 von der SS in Dachau umgebracht. Sogar im Lager erbaute er andere stets im Glauben.
18. Kim Bong-nyu (Korea). War sechs Jahre lang in Haft. Erzählt anderen im Alter von 72 Jahren nach wie vor vom Königreich Gottes.
19. Pamfil Albu (Rumänien). Nachdem man ihn brutal mißhandelt hatte, brachte man ihn für zweieinhalb Jahre in ein Arbeitslager in Jugoslawien. Nach dem Krieg wurde er noch zweimal inhaftiert, so daß er weitere 12 Jahre im Gefängnis saß. Er hörte nicht auf, über Gottes Vorsatz zu sprechen. Bis zu seinem Tod half er Tausenden von Menschen in Rumänien, gemeinsam mit der weltweiten Organisation der Zeugen Jehovas zu dienen.
20. Wilhelm Scheider (Polen). 1939—1945 in NS-Konzentrationslagern. 1950—1956 und 1960—1964 im Gefängnis unter dem kommunistischen Regime. Bis zu seinem Tod im Jahre 1971 setzte er seine ganze Kraft unerschütterlich für die Verkündigung des Königreiches Gottes ein.
21. Harald und Elsa Abt (Polen). Während des Krieges und danach verbrachte Harald wegen seines Glaubens 14 Jahre im Gefängnis und in Konzentrationslagern, aber selbst dort predigte er. Elsa wurde gewaltsam von ihrer kleinen Tochter getrennt und in Polen, Deutschland und Österreich in sechs Lagern festgehalten. Obwohl Jehovas Zeugen auch nach dem Krieg noch 40 Jahre lang in Polen verboten waren, diente die Familie weiterhin eifrig Jehova.
22. Ádám Szinger (Ungarn). Er wurde bei sechs Gerichtsverhandlungen zu 23 Jahren Haft verurteilt, von denen er 8 1/2 Jahre im Gefängnis und in Arbeitslagern verbüßte. Nach seiner Freilassung diente er insgesamt 30 Jahre als reisender Aufseher. Heute ist er mit 69 Jahren ein treuer Versammlungsältester.
23. Joseph Dos Santos (Philippinen). Hatte vor seiner Verhaftung im Jahre 1942 12 Jahre lang seine ganze Zeit für die Verkündigung der Königreichsbotschaft eingesetzt. Belebte nach dem Krieg die Tätigkeit der Zeugen Jehovas auf den Philippinen wieder und stand bis zu seinem Tod im Jahre 1983 im Pionierdienst.
24. Rudolph Sunal (Vereinigte Staaten). Inhaftiert in Mill Point (Westvirginia). Nach seiner Entlassung setzte er seine ganze Zeit dafür ein, das Königreich Gottes bekanntzumachen — als Pionier, Bethelmitarbeiter und Kreisaufseher. Im Alter von 78 Jahren stand er 1992 noch immer im Pionierdienst.
25. Martin Magyarosi (Rumänien). Leitete vom Gefängnis aus (1942 bis 1944) weiter das Predigen der guten Botschaft in Siebenbürgen. Nach seiner Freilassung war er ständig unterwegs, um seine Glaubensbrüder in ihrer Predigttätigkeit zu stärken, und war selbst ein furchtloser Zeuge. 1950 wurde er erneut inhaftiert und starb 1953 in einem Arbeitslager als ein loyaler Diener Jehovas.
26. R. Arthur Winkler (Deutschland und Niederlande). Kam zuerst ins Esterwegener Konzentrationslager, wo er weiter predigte. Wurde später in den Niederlanden von der Gestapo bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen. Schließlich wurde er nach Sachsenhausen gebracht. War bis zu seinem Tod im Jahre 1972 ein loyaler, eifriger Zeuge.
27. Park Ock-hi (Korea). Verbrachte drei Jahre im Gefängnis Sodaemun in Seoul; erlitt dort unbeschreibliche Qualen. Im Alter von 91 Jahren gab sie 1992 als Sonderpionierin noch eifrig Zeugnis.
[Karte/Bild auf Seite 446]
Alexander MacGillivray, der Zweigaufseher von Australien, half mit, Predigttouren in viele Länder und zu vielen Inseln zu planen
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
AUSTRALIEN
NEUSEELAND
TAHITI
TONGA-INSELN
FIDSCHI-INSELN
NEU-GUINEA
JAVA
BORNEO
SUMATRA
BIRMA
HONGKONG
MALAYA
SIAM
INDOCHINA
CHINA
STILLER OZEAN
Die obigen Namen waren in den 30er Jahren gebräuchlich
[Karte/Bilder auf Seite 460]
Ende 1945 hatten Missionare der Gileadschule schon in 18 dieser Länder ihren Dienst aufgenommen
Charles und Lorene Eisenhower
Kuba
John und Adda Parker
Guatemala
Emil Van Daalen
Puerto Rico
Olaf Olson
Kolumbien
Don Burt
Costa Rica
Gladys Wilson
El Salvador
Hazel Burford
Panama
Louise Stubbs
Chile
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BARBADOS
BELIZE
BOLIVIEN
BRASILIEN
CHILE
KOLUMBIEN
COSTA RICA
KUBA
DOMINIKANISCHE REPUBLIK
EL SALVADOR
GUATEMALA
HAITI
JAMAIKA
MEXIKO
NICARAGUA
PANAMA
PUERTO RICO
URUGUAY
[Bild auf Seite 444]
Einige Kolporteure gaben viele Kartons Literatur ab; den Wohnungsinhabern wurden durch jedes Buch viele biblische Predigten vermittelt
[Bild auf Seite 445]
Armando Menazzi (vorn in der Mitte) und eine fröhliche Gruppe auf einer Predigttour mit ihrem „Pionierheim auf Rädern“
[Bild auf Seite 445]
Arthur Willis, Ted Sewell und Bill Newlands — drei Männer, die die Königreichsbotschaft ins Innere Australiens brachten
[Bild auf Seite 447]
Frank Dewar (hier mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern) war 1936 allein als Pionier nach Thailand gegangen und diente 1992 noch als Sonderpionier
[Bild auf Seite 447]
Chomchai Inthaphan setzte ihre Fähigkeiten als Übersetzerin ein, damit den Thailändern die gute Botschaft der Bibel überbracht werden konnte
[Bild auf Seite 448]
1937 verteilten Jehovas Zeugen in Deutschland weit und breit diesen offenen Brief, obwohl ihre Religionsausübung verboten war
[Bild auf Seite 449]
Franz und Hilda Kusserow mit ihren Kindern — jeder ein treuer Zeuge Jehovas, obwohl alle Familienmitglieder (außer einem Sohn, der tödlich verunglückt war) wegen ihres Glaubens in Konzentrationslager, Gefängnisse oder Erziehungsheime kamen
[Bilder auf Seite 450]
Einige, die in Österreich und Deutschland unter Lebensgefahr biblisches Studienmaterial, wie es als Hintergrund zu sehen ist, vervielfältigten oder verbreiteten
Therese Schreiber
Peter Gölles
Elfriede Löhr
Albert Wandres
August Kraft
Ilse Unterdörfer
[Bild auf Seite 454]
Zeugen auf dem Kongreß in Schanghai (China) im Jahre 1936; neun aus dieser Gruppe ließen sich bei dieser Gelegenheit taufen
[Bild auf Seite 456]
Obwohl ihre Religionsausübung in Australien verboten war, hielten diese Zeugen 1941 einen Kongreß in Hargrave Park unweit von Sydney ab
[Bild auf Seite 458]
Kubanische Zeugen auf dem Kongreß in Cienfuegos (1939)
[Bild auf Seite 459]
N. H. Knorr (links) auf dem Kongreß in São Paulo (1945) mit Erich Kattner als Dolmetscher
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Teil 4 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 4 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Während der Zweite Weltkrieg noch fortdauerte, machten Jehovas Zeugen Pläne für eine intensivere Tätigkeit in den Nachkriegsjahren. Der Bericht auf den Seiten 462 bis 501 bringt spannende Einzelheiten über das, was sich von 1945 bis 1975 zutrug, während sie an Zahl zunahmen, in viele weitere Länder gingen und Gottes Wort gründlicher als je zuvor predigten und lehrten.
DIE meisten der Westindischen Inseln waren bis 1945 irgendwie mit der Königreichsbotschaft in Berührung gekommen. Aber es mußte noch gründlicher Zeugnis abgelegt werden. Dabei sollten in der Gileadschule ausgebildete Missionare eine wichtige Rolle spielen.
Missionare verstärken das Predigtwerk in Westindien
Diese Missionare dienten 1960 auf 27 Inseln beziehungsweise Inselgruppen in der Karibik. In der Hälfte dieser Gebiete gab es, als sie ankamen, keine Versammlung der Zeugen Jehovas. Die Missionare begannen Heimbibelstudien mit interessierten Personen und organisierten regelmäßige Zusammenkünfte. Wo es schon Versammlungen gab, vermittelten sie den einheimischen Verkündigern wertvolle Schulung. Dadurch steigerte sich das Niveau der Zusammenkünfte, und der Predigtdienst wurde wirkungsvoller.
Auf Trinidad hatten die frühen Bibelforscher bereits vor dem Ersten Weltkrieg Zeugnis abgelegt, aber mit dem Eintreffen der Gileadmissionare im Jahre 1946 nahmen die Heimbibelstudien mit interessierten Personen immer mehr zu. Auf Jamaika war die gute Botschaft schon fast seit einem halben Jahrhundert gepredigt worden, und als der erste Missionar ankam, gab es dort rund tausend einheimische Zeugen; sie waren jedoch froh, daß sie Hilfe bekamen, damit auch die gebildeteren Menschen — besonders in den Randbezirken der Hauptstadt — erreicht würden. Dagegen war auf Aruba unter den englischsprachigen Bewohnern schon umfassend Zeugnis abgelegt worden, so daß sich die Missionare auf die einheimische Bevölkerung konzentrierten. Jeder sollte die gute Botschaft hören.
Damit auf allen Inseln dieser Region Menschen die Gelegenheit hätten, von Gottes Königreich zu erfahren, richtete die Watch Tower Society 1948 den 18 Meter langen Schoner Sibia als schwimmendes Missionarheim ein. Die Mannschaft sollte die Königreichsbotschaft zu allen Inseln von Westindien bringen, wo die gute Botschaft noch nicht gepredigt wurde. Der Kapitän war Gust Maki, und mit dabei waren Stanley Carter, Ronald Parkin und Arthur Worsley. Sie fingen mit den äußeren Inseln der Bahamas an und fuhren dann weiter in südöstlicher Richtung zu den Inseln über dem Winde. Was bewirkten ihre Aufenthalte dort? Auf Saint-Martin sagte ihnen ein Geschäftsmann: „Die Leute haben nie von der Bibel gesprochen, aber seit Sie hier sind, sprechen alle von der Bibel.“ Später wurde die Sibia durch ein größeres Schiff ersetzt — die Light. Auch war die Mannschaft anders zusammengesetzt. Innerhalb von zehn Jahren war das besondere Werk, das mit diesen Schiffen getan wurde, beendet, und Verkündiger der guten Botschaft, die auf den Inseln wohnten, machten weiter.
Zuerst in größeren Städten gepredigt
Wie in Westindien, so gab es auch in Mittel- und Südamerika in vielen Gegenden Leute, die schon Publikationen der Watch Tower Society erhalten hatten, bevor Gileadmissionare kamen. Allerdings war bessere Organisation nötig, um jedem die gute Botschaft überbringen zu können und aufrichtigen Menschen zu helfen, echte Jünger zu werden.
Als 1945 der Zweite Weltkrieg endete, gab es in Brasilien und Argentinien Hunderte von Zeugen Jehovas; in Mexiko rund dreitausend; einige sehr kleine Versammlungen in Britisch-Guayana (heute Guyana), Chile, Niederländisch-Guayana (heute Suriname), Paraguay und Uruguay und eine Handvoll Verkündiger in Kolumbien, Guatemala und Venezuela. In Bolivien, Ecuador, El Salvador, Honduras und Nicaragua waren dagegen noch keine Zeugen Jehovas ständig tätig, bevor Gileadmissionare ankamen.
Anfangs konzentrierten sich die Missionare auf dichtbevölkerte Zentren. Bemerkenswerterweise verrichtete der Apostel Paulus im ersten Jahrhundert einen Großteil seiner Predigttätigkeit in den Städten entlang den wichtigsten Verkehrsrouten Kleinasiens und Griechenlands. In Korinth, einer der bedeutendsten Städte des alten Griechenland, lehrte Paulus 18 Monate lang das Wort Gottes (Apg. 18:1-11). In Ephesus, einem Verkehrs- und Handelsknotenpunkt der Antike, verkündigte er mehr als zwei Jahre das Königreich Gottes (Apg. 19:8-10; 20:31).
Als Edward Michalec und Harold Morris, Absolventen der Gileadschule, 1945 nach Bolivien gingen, suchten sie sich nicht die Gegend mit dem angenehmsten Klima aus. Statt dessen konzentrierten sie sich zunächst auf die Hauptstadt La Paz, die 3 700 Meter hoch in den Anden liegt. Für Neuankömmlinge ist es eine Strapaze, in dieser Höhe die steilen Straßen zu ersteigen; oft jagt dabei ihr Puls. Aber die Missionare fanden viele Menschen, die an der biblischen Botschaft interessiert waren. Dort in der Hauptstadt hörte man oft die Äußerung: „Ich bin zwar römisch-katholisch, aber die Priester kann ich nicht leiden.“ Schon nach zwei Monaten hatten die beiden Missionare 41 Heimbibelstudien.
Da weitere Missionare kamen und die Zahl der einheimischen Zeugen anstieg, konzentrierte man sich in den folgenden zehn Jahren auf andere bolivianische Städte: Cochabamba, Oruro, Santa Cruz, Sucre, Potosí und Tarija. Danach konnten auch kleinere Städte und ländliche Gegenden gründlicher bearbeitet werden.
In Kolumbien begannen die Missionare 1945 ebenfalls in der Hauptstadt Bogotá mit dem organisierten Predigen und wandten sich im Jahr darauf der Küstenstadt Barranquilla zu. Danach konzentrierten sie sich nacheinander auf Cartagena, Santa Marta, Cali und Medellín. Dadurch, daß man die Großstädte zuerst bearbeitete, konnten in kurzer Zeit viele Leute erreicht werden. Und diejenigen, die dort die Wahrheit kennenlernten, sorgten dafür, daß die Botschaft bald in die umliegenden Gebiete gelangte.
Wenn in einer Stadt kaum Interesse vorzufinden war, wurden die Missionare woandershin geschickt. Als zum Beispiel in Ecuador Mitte der 50er Jahre nach drei Jahren Tätigkeit in dem fanatisch religiösen Cuenca kein einziger den Mut hatte, für die Wahrheit Stellung zu beziehen, wurde Carl Dochow nach Machala versetzt, einer Stadt mit unbeschwerten, aufgeschlossenen Bewohnern. Ungefähr zehn Jahre später erhielten die Einwohner Cuencas jedoch eine neue Chance. Nun herrschte ein anderer Geist, man überwand Hindernisse, und bis 1992 waren in Cuenca und Umgebung über 1 200 Menschen Zeugen Jehovas geworden, und es gab dort 25 Versammlungen.
Geduldige Suche nach schafähnlichen Menschen
Es erfordert viel Geduld, Menschen ausfindig zu machen, die wirklich wie Schafe sind. In Suriname haben Jehovas Zeugen, um solche Personen zu finden, Chinesen gepredigt, Indianern, Indonesiern, Juden, Libanesen, Nachkommen niederländischer Siedler und in Wäldern lebenden Buschnegerstämmen, deren Vorfahren entlaufene Sklaven waren. Unter ihnen sind Hunderte gefunden worden, die regelrecht nach der Wahrheit hungerten. Einige waren tief in Animismus und in spiritistische Bräuche verstrickt und mußten davon loskommen. Da war zum Beispiel Paitu, ein Medizinmann, der die Botschaft der Bibel in sein Herz eindringen ließ und daraufhin seine Götzen, Amulette und Elixiere in den Fluß warf. (Vergleiche 5. Mose 7:25; 18:9-14; Apostelgeschichte 19:19, 20.) 1975 gab er sich Jehova, dem wahren Gott, hin.
Eine Menge Peruaner leben in kleinen Dörfern, die in den Anden und in den Wäldern am Oberlauf des Amazonas verstreut liegen. Wie konnten sie erreicht werden? 1971 reisten die Leydigs aus den Vereinigten Staaten nach Peru, um ihren Sohn Joe, der dort als Missionar diente, zu besuchen. Als ihnen die große Zahl von Dörfern auffiel, die hier und da in den Bergtälern versteckt lagen, veranlaßte sie ihr Interesse an diesen Menschen, etwas für sie zu tun. Sie halfen mit, ein Wohnmobil anzuschaffen, dann noch zwei weitere und auch geländegängige Motorräder, damit ausgedehnte Predigttouren in diese abgelegenen Winkel gemacht werden konnten.
Trotz aller Anstrengungen hatte man vielerorts den Eindruck, daß sich nur sehr wenige für die biblische Botschaft interessierten. Man kann sich gut vorstellen, was die Gruppe von sechs jungen Missionaren in Barquisimeto (Venezuela) Anfang der 50er Jahre empfand, als sie nach einem ganzen Jahr fleißiger Predigttätigkeit kaum Fortschritte sah. Die Leute waren zwar recht freundlich, aber auch äußerst abergläubisch und betrachteten es schon als Sünde, einen Bibeltext zu lesen. Wer Interesse zeigte, wurde bald von Angehörigen oder Nachbarn entmutigt (Mat. 13:19-21). Doch in der Zuversicht, daß es in Barquisimeto einige schafähnliche Menschen geben mußte und daß Jehova sie zu der von ihm bestimmten Zeit einsammeln würde, sprachen die Missionare weiter von Haus zu Haus vor. So freute sich Penny Gavette von ganzem Herzen, als ihr eines Tages eine grauhaarige Frau zuhörte und dann sagte:
„Señorita, schon als junges Mädchen habe ich darauf gewartet, daß jemand an meine Tür kommt und mir das erklärt, was Sie mir gerade gesagt haben. Wissen Sie, als Mädchen habe ich das Haus des Priesters saubergemacht, und er hatte in seiner Bibliothek eine Bibel. Ich wußte zwar, daß wir sie nicht lesen durften, aber ich war so neugierig, den Grund dafür zu erfahren, daß ich sie eines Tages unbeobachtet mit nach Hause nahm und heimlich las. Was ich da las, machte mir bewußt, daß die katholische Kirche uns nicht die Wahrheit beigebracht hatte und deshalb nicht die wahre Religion sein konnte. Ich hatte Angst, mit jemandem darüber zu sprechen, aber ich war mir sicher, daß irgendwann Leute, die die wahre Religion lehrten, in unsere Stadt kommen würden. Als die Protestanten kamen, dachte ich zuerst, sie seien es, aber bald entdeckte ich bei ihnen viele der falschen Lehren, die die katholische Kirche auch vertrat. Aber was Sie mir gerade gesagt haben, ist genau das, was ich vor so vielen Jahren in der Bibel gelesen habe.“ Diese Frau war sofort bereit, die Bibel zu studieren, und wurde eine Zeugin Jehovas. Obwohl sie bei ihrer Familie auf Widerstand stieß, diente sie Jehova treu bis zu ihrem Tod.
Es kostete einige Mühe, solche schafähnlichen Menschen in Versammlungen zusammenzubringen und sie im Dienst Jehovas zu schulen. In Argentinien legte Rosendo Ojeda beispielsweise regelmäßig von General San Martín (Chaco) aus 60 Kilometer zurück, um im Haus Alejandro Sozoñiuks, eines interessierten Mannes, eine Zusammenkunft zu leiten. Die Reise dauerte oft zehn Stunden — teils fuhr er mit dem Fahrrad, teils ging er zu Fuß, und manchmal mußte er durch Wasser waten, das ihm bis zu den Achselhöhlen reichte. Er machte diese Reise über einen Zeitraum von fünf Jahren jeden Monat und blieb jeweils eine Woche, um in der Gegend Zeugnis abzulegen. War es die Mühe wert? Daran hat er keinen Zweifel, denn das Ergebnis war eine Versammlung von glücklichen Lobpreisern Jehovas.
Bildung gefördert, die zum Leben gereicht
In Mexiko richteten sich Jehovas Zeugen bei der Durchführung ihres Werkes nach den Bestimmungen für kulturelle Organisationen aus. Die Zeugen wollten nicht lediglich Zusammenkünfte organisieren, in denen Vorträge gehalten wurden. Sie hatten den Wunsch, daß die Menschen wie die Beröer zur Zeit des Apostels Paulus wären, die „in den Schriften sorgfältig forschten, ob sich diese Dinge [die man sie lehrte] so verhielten“ (Apg. 17:11). In Mexiko wie auch in vielen anderen Ländern war es dazu oft nötig, Menschen, die keine Schule besucht hatten, aber das inspirierte Wort Gottes selbst lesen wollten, spezielle Hilfe zu leisten.
Durch Leseunterricht, den Jehovas Zeugen in Mexiko geben, lernten Zehntausende Lesen und Schreiben. Das mexikanische Bildungsministerium schätzt diese Arbeit sehr, und so schrieb 1974 ein leitender Beamter der Abteilung für Erwachsenenbildung an La Torre del Vigía de México — eine gesetzlich eingetragene Vereinigung, deren sich Jehovas Zeugen bedienen: „Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um Ihnen meinen herzlichen Glückwunsch auszusprechen ... für die lobenswerte kooperative Arbeit, die Ihre Vereinigung Jahr für Jahr zum Nutzen unseres Volkes leistet.“
Durch die Bildung, die Jehovas Zeugen vermitteln, werden Menschen nicht nur auf ewiges Leben als Untertanen des Königreiches Gottes vorbereitet, sondern ihr Familienleben wird auch heute schon verbessert. Nachdem ein Richter in El Salto (Durango) mehrere Ehen von Zeugen Jehovas geschlossen hatte, erklärte er 1952: „Wir behaupten, Patrioten und gute Bürger zu sein, aber Jehovas Zeugen beschämen uns. Sie sind uns ein Vorbild, weil sie in ihrer Organisation absolut niemanden dulden, der in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebt, also nicht gesetzlich verheiratet ist. Und ihr Katholiken führt fast alle ein unmoralisches Leben und habt keine Eheschließung vollzogen.“
Durch dieses Bildungsprogramm lernen Menschen auch, friedlich zusammen zu leben und sich gegenseitig zu lieben, statt sich zu hassen und zu töten. Als ein Zeuge Jehovas in Venado (Guanajuato) zu predigen begann, stellte er fest, daß die Leute alle mit Gewehren und Pistolen bewaffnet waren. Durch Fehden wurden ganze Familien ausgelöscht. Aber die biblische Unterweisung brachte entscheidende Änderungen mit sich. Gewehre wurden verkauft, um Bibeln kaufen zu können. Es dauerte nicht lange, und in der Gegend gab es über 150 Zeugen Jehovas. Bildlich gesprochen, ‘schmiedeten sie ihre Schwerter zu Pflugscharen’ und schlugen den Weg des Friedens ein (Mi. 4:3).
Viele gottesfürchtige Mexikaner haben sich das, was Jehovas Zeugen sie aus Gottes Wort gelehrt haben, zu Herzen genommen. Deshalb wurden aus den wenigen tausend Verkündigern in Mexiko, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gab, bald 10 000, dann 20 000, 40 000, 80 000 und noch mehr, da Jehovas Zeugen den Menschen beibrachten, wie man den Rat aus Gottes Wort anwendet und anderen vermittelt.
Kongresse unter widrigen Umständen
Die Zahl der Zeugen Jehovas nahm zwar zu, doch in einem Land nach dem anderen mußten sie große Hindernisse überwinden, um Kongresse zur christlichen Unterweisung abhalten zu können. In Argentinien wurde ihr Werk 1950 von der Regierung verboten. Doch aus Gehorsam gegenüber Gott hörten sie nicht auf zu predigen und verzichteten auch nicht auf Kongresse. Obwohl sich die Planung als ziemlich kompliziert herausstellte, fanden Kongresse statt.
Zum Beispiel besuchten Bruder Knorr und Bruder Henschel Ende 1953 Argentinien, um landesweit auf Kongressen Ansprachen zu halten. Bruder Knorr reiste vom Westen aus in das Land, und Bruder Henschel begann seine Besuche im Süden. Sie sprachen zu Gruppen, die sich auf Gehöften versammelten, in einem Obstgarten, beim Picknick an einem Gebirgsfluß und in Privatwohnungen. Oft mußten sie von einer Gruppe zur nächsten weite Strecken zurücklegen. In Buenos Aires angekommen, wirkten die beiden an einem Tag an je neun Orten beim Programm mit und am nächsten Tag in elf Wohnungen. Insgesamt sprachen sie vor 56 Gruppen, und die Besucherzahl betrug zusammengerechnet 2 505. Es war eine Strapaze, aber sie waren glücklich, ihren Brüdern damit gedient zu haben.
Als die Zeugen in Kolumbien 1955 einen Kongreß vorbereiteten, schlossen sie einen Vertrag über die Benutzung eines Saales in Barranquilla ab. Auf Drängen des Bischofs schalteten sich jedoch der Bürgermeister und der Gouverneur ein, und der Vertrag wurde rückgängig gemacht. Obwohl die Brüder das erst einen Tag vorher erfuhren, schafften sie es noch, die Kongreßstätte auf das Gelände des Zweigbüros der Gesellschaft zu verlegen. Doch zu Beginn des ersten Abendprogramms kamen bewaffnete Polizisten, die beauftragt waren, den Kongreß aufzulösen. Die Brüder gaben nicht auf. Eine Beschwerde beim Bürgermeister am nächsten Morgen führte dazu, daß sein Sekretär sich entschuldigte, und am letzten Tag des Kongresses „Triumphierendes Königreich“ strömten fast 1 000 Besucher auf das Grundstück der Gesellschaft. Trotz der damaligen Verhältnisse erhielten die Brüder also die nötige geistige Stärkung und Anleitung.
Dort dienen, wo ein größerer Bedarf an Verkündigern besteht
Das Feld war riesig, und es bestand großer Bedarf an Erntearbeitern in Lateinamerika wie auch anderswo. 1957 wurden weltweit auf Kongressen reife Zeugen Jehovas — Alleinstehende und Familien — ermuntert, den Umzug in ein Gebiet zu erwägen, in dem größerer Bedarf an Verkündigern bestand. Auch danach wurde noch verschiedentlich dazu angeregt. Die Einladung war ähnlich wie die, die Gott an den Apostel Paulus ergehen ließ, als er in einer Vision einen Mann sah, der ihn dringend bat: „Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!“ (Apg. 16:9, 10). Wie war die Reaktion auf die neuzeitliche Einladung? Die Diener Jehovas boten sich willig dar (Ps. 110:3).
Eine Familie mit kleinen Kindern braucht eine Menge Glauben, um alles aufzugeben, ja um Angehörige, ihr Zuhause und den Arbeitsplatz zu verlassen und in eine ganz ungewohnte Umgebung zu ziehen. Der Wechsel bringt womöglich mit sich, daß man sich an einen völlig anderen Lebensstandard gewöhnen muß, und in manchen Fällen ist es nötig, eine neue Sprache zu erlernen. Doch Tausende von alleinstehenden Zeugen Jehovas und Familien haben solche Umzüge auf sich genommen, um anderen zu helfen, von Jehovas liebevollen Vorkehrungen für ewiges Leben zu erfahren.
Eine Anzahl Zeugen Jehovas haben unverzüglich reagiert und sind Ende der 50er Jahre umgezogen; weitere sind in den 60er und 70er Jahren nachgefolgt. Auch gegenwärtig ziehen noch Zeugen in Gebiete, wo Hilfe dringender benötigt wird.
Von woher sind sie gekommen? Eine große Zahl aus Australien, Kanada, Neuseeland und den Vereinigten Staaten; viele aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien; eine Anzahl auch aus Belgien, Dänemark, Finnland, Italien, Japan, der Republik Korea, aus Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, Spanien und anderen Ländern. Während die Zahl der Zeugen Jehovas in Argentinien, Brasilien, Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern zugenommen hat, sind dort ebenfalls Erntearbeiter bereit gewesen, in Ländern zu dienen, wo der Bedarf an Verkündigern größer ist. Auch in Afrika sind eifrige Erntearbeiter von einem Land in ein anderes gezogen, um beim Zeugnisgeben zu helfen.
In welche Gebiete sind sie gezogen? In Länder wie Afghanistan, Malaysia und Senegal und auf Inseln wie Réunion und St. Lucia. Ungefähr 1 000 zogen nach Irland, wo sie unterschiedlich lange dienten. Eine beachtliche Anzahl ging nach Island trotz der langen, dunklen Winter, und einige blieben dort, wurden zu Stützen der Versammlungen und leisteten Neuen liebevoll Hilfe. Besonders in Mittel- und Südamerika wurde viel Gutes bewirkt. Mehr als 1 000 Zeugen Jehovas zogen nach Kolumbien, über 870 nach Ecuador und mehr als 110 nach El Salvador.
Harold und Anne Zimmerman waren mit dabei. Sie hatten bereits in Äthiopien als Missionare und Lehrer gedient. Als sie jedoch 1959 die letzten Vorbereitungen für den Umzug von den Vereinigten Staaten nach Kolumbien trafen, um dort bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft mitzuhelfen, hatten sie vier Kinder im Alter von fünf Monaten bis fünf Jahren. Harold fuhr voraus, um Arbeit zu suchen. Als er in dem Land ankam, beunruhigten ihn die lokalen Presseberichte. Ein nicht erklärter Bürgerkrieg war im Gange, und im Landesinnern kam es zu Massentötungen. „Soll ich meine Familie wirklich unter solchen Verhältnissen hier wohnen lassen?“ fragte er sich. Er versuchte, sich ein Beispiel oder einen Grundsatz aus der Bibel, der ihm als Richtschnur dienen würde, ins Gedächtnis zurückzurufen. Er erinnerte sich an den Bibelbericht über die furchtsamen Kundschafter, die dem israelitischen Lager einen schlechten Bericht über das Land der Verheißung brachten (4. Mo. 13:25 bis 14:4, 11). Da stand seine Entscheidung fest, er wollte nicht wie sie sein. Er ließ seine Familie gleich nachreisen. Erst als ihre Mittel auf drei Dollar zusammengeschrumpft waren, fand er den benötigten Arbeitsplatz, doch sie hatten immer das Lebensnotwendige. Im Laufe der Jahre mußte er für seine berufliche Tätigkeit unterschiedlich viel Zeit einsetzen, um seine Familie ernähren zu können, aber er bemühte sich immer, die Königreichsinteressen an die erste Stelle zu setzen. Als die Familie nach Kolumbien ging, gab es in dem Land rund 1 400 Zeugen. Seither haben sie wirklich ein erstaunliches Wachstum beobachtet.
Dort zu dienen, wo der Bedarf an Zeugen größer ist, muß nicht immer heißen, daß man in ein anderes Land geht. Tausende von alleinstehenden Zeugen und Familien sind innerhalb ihres eigenen Landes in eine andere Gegend gezogen. Eine Familie in Bahia (Brasilien) zog in die Stadt Prado, in der es keine Zeugen gab. Obwohl die Geistlichen dagegen waren, lebten und arbeiteten sie in dieser Stadt und Umgebung drei Jahre lang. Es wurde eine leerstehende Kirche gekauft und in einen Königreichssaal umgebaut. Bald gab es dort über hundert eifrige Zeugen. Und das war nur der Anfang.
Immer mehr gerechtigkeitsliebende Menschen in Lateinamerika folgen der Einladung aus Psalm 148: ‘Preiset Jah! Preist Jehova von der Erde her, all ihr Völkerschaften’ (V. 1, 7-11). Ja, 1975 gab es in jedem Land Lateinamerikas Lobpreiser Jehovas. Aus dem Bericht für jenes Jahr ist zu entnehmen, daß in Mexiko 80 481 tätig waren, die sich auf 2 998 Versammlungen verteilten. Außerdem verkündigten in Zentralamerika 24 703 Zeugen, die 462 Versammlungen angehörten, das Königtum Jehovas. Und in Südamerika gab es 206 457 öffentliche Lobpreiser Jehovas in 3 620 Versammlungen.
Hinaus zu den pazifischen Inseln
Während in Südamerika eine rapide Ausdehnung im Gange war, schenkten Jehovas Zeugen auch den Inseln des Pazifiks Aufmerksamkeit. Zwischen Australien und Amerika liegen Hunderte dieser Inseln, von denen viele kaum aus der Meeresoberfläche herausragen. Einige sind nur von wenigen Familien bewohnt, auf anderen leben Zehntausende von Menschen. Anfang der 50er Jahre waren die Behörden dermaßen voreingenommen, daß die Watch Tower Society auf viele dieser Inseln keine Missionare schicken konnte. Aber auch die Menschen dort mußten von Jehova und seinem Königreich erfahren. Das steht in Einklang mit der Prophezeiung aus Jesaja 42:10-12, wo es heißt: „Singt Jehova ein neues Lied, seinen Lobpreis vom äußersten Ende der Erde her ... Auf den Inseln mögen sie auch seinen Lobpreis verkünden.“ Deshalb wurden 1951 auf einem Kongreß in Sydney (Australien) Pioniere und Kreisaufseher, die gern bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft auf den Inseln mithelfen wollten, zu einer Besprechung mit Bruder Knorr eingeladen. Damals meldeten sich ungefähr 30 Freiwillige für das Predigtwerk auf den tropischen Inseln.
Zum Beispiel kamen Tom und Rowena Kitto bald nach Papua, wo es zu diesem Zeitpunkt noch keine Zeugen gab. Sie fingen mit ihrer Tätigkeit unter den Europäern in Port Moresby an. Nicht lange danach verbrachten sie in Hanuabada, dem „großen Dorf“, ganze Abende mit einer Gruppe von 30 bis 40 Papuas, die nach der biblischen Wahrheit hungerten. Durch sie gelangte die Botschaft auch in andere Dörfer. Nach kurzer Zeit sandten die Kerama eine Abordnung zu den Brüdern mit der Bitte um ein Bibelstudium. Dann kam ein Häuptling aus Haima und bat: „Kommt doch bitte, und lehrt meine Leute die Wahrheit!“ Und so wurde die Wahrheit weit und breit bekannt.
Ein anderes Ehepaar, John und Ellen Hubler, ging nach Neukaledonien, um dort das Werk aufzubauen. Als sie 1954 ankamen, hatten sie nur Touristenvisa für einen Monat. Aber John fand einen Arbeitsplatz, und dadurch konnten sie eine Verlängerung erwirken. Mit der Zeit zogen noch andere Zeugen — insgesamt 31 — dorthin. Anfangs verrichteten sie ihren Dienst in den Außengebieten, um nicht zuviel Aufmerksamkeit zu erregen. Später predigten sie auch in Nouméa, der Hauptstadt. Es wurde eine Versammlung gegründet. 1959 erhielt dann ein Mitglied der Katholischen Aktion eine Schlüsselstellung in der Regierung. Von da an wurden die Visa für die Zeugen nicht mehr erneuert. Die Hublers mußten weggehen. Die Wachtturm-Publikationen wurden verboten. Doch die gute Botschaft vom Königreich hatte Fuß gefaßt, und die Zahl der Zeugen stieg weiter an.
Auf Tahiti hatten bei kurzen Besuchen von Brüdern viele Leute Interesse am Werk der Zeugen Jehovas gezeigt. Allerdings gab es 1957 keine einheimischen Zeugen, das Werk war verboten, und Wachtturm-Missionare erhielten keine Einreiseerlaubnis. Doch war Agnes Schenck, die von Tahiti stammte, aber damals in den Vereinigten Staaten lebte, eine Zeugin Jehovas geworden. Als sie von dem Bedarf an Königreichsverkündigern auf Tahiti erfuhr, schifften sie, ihr Mann und ihr Sohn sich im Mai 1958 in Kalifornien ein. Kurz darauf schlossen sich ihnen zwei Familien an, die allerdings nur Touristenvisa für drei Monate bekamen. Im Jahr darauf wurde in Papeete eine Versammlung gegründet. Und 1960 anerkannte die Regierung eine örtliche Vereinigung der Zeugen Jehovas.
Zwei Missionarinnen machten, als sie auf dem Rückweg in ihr Gebiet waren, auf der Insel Niue Zwischenstation, um eine Verwandte zu besuchen und die Königreichsbotschaft zu verbreiten. Ihre Tätigkeit während des Monats, den sie dort verbrachten, war sehr fruchtbar; sie fanden viel Interesse vor. Aber als das nächste Schiff, das zwischen den Inseln verkehrte, anlegte, mußten sie wieder gehen. Bald darauf schloß jedoch Seremaia Raibe, ein Fidschianer, einen Arbeitsvertrag mit dem Amt für öffentliche Bauvorhaben auf Niue ab und nutzte dann seine ganze Freizeit zum Predigen. Allerdings wurde auf Drängen der Geistlichen nach ein paar Monaten Bruder Raibes Aufenthaltsgenehmigung aufgehoben, und im September 1961 beschloß die gesetzgebende Versammlung, Jehovas Zeugen die Einreise nicht mehr zu gestatten. Dennoch wurde die gute Botschaft weiter gepredigt. Wie? Die einheimischen Zeugen waren zwar noch recht neu, doch sie setzten den Dienst für Jehova unbeirrt fort. Außerdem hatte man William Lovini, der von Niue stammte, aber in Neuseeland gelebt hatte, bereits eine Anstellung bei der Inselverwaltung zugesichert. Warum hatte er den dringenden Wunsch, nach Niue zurückzukehren? Weil er ein Zeuge Jehovas geworden war und in einem Gebiet dienen wollte, wo ein größerer Bedarf an Verkündigern bestand. 1964 war die Zahl der Zeugen dort auf 34 angestiegen.
David Wolfgramm, ein Tongaer, und seine Frau hatten 1973 mit ihren acht Kindern ein komfortables Zuhause in Neuseeland. Aber sie ließen alles zurück und zogen nach Tonga, um die Königreichsinteressen zu fördern. Von dort aus beteiligten sie sich daran, das Werk auf den Tongainseln, von denen ungefähr 30 bewohnt sind, weiter auszudehnen.
Die Inseln zu erreichen hat viel Zeit, Mühe und Kosten erfordert. Doch Jehovas Zeugen betrachten das Leben ihrer Mitmenschen als wertvoll und scheuen keine Mühe, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, aus Jehovas liebevoller Vorkehrung für ewiges Leben in seiner neuen Welt Nutzen zu ziehen.
Eine Familie, die ihre Farm in Australien verkaufte und auf eine der pazifischen Inseln zog, faßte ihre Empfindungen wie folgt zusammen: „Was könnte es Schöneres geben, als ... diese Eingeborenen sagen zu hören, sie seien zu einer Erkenntnis Jehovas gekommen, und zu vernehmen, wie sie unsere Kinder ihre Kinder nennen, weil sie sie wegen der Wahrheit so liebgewonnen haben, ferner zu beobachten, wie die Königreichsinteressen gefördert und die Versammlungen immer besser besucht werden, und diese lieben Menschen sagen zu hören: ‚Meine Kinder werden nur im Herrn heiraten.‘ Dabei ist zu bedenken, daß sie jahrhundertealte Traditionen und orientalische Heiratsbräuche pflegten. Welche Freude ist es ferner, zu erfahren, wie sie ihre verwickelten Eheangelegenheiten in Ordnung bringen, ... wie sie nach mühseliger Arbeit in den Reisfeldern das Vieh entlang der Straße hüten und dabei studieren, wie sie sich im Dorfladen und an anderen Orten über die Verkehrtheit des Götzendienstes und die Schönheit des Namens Jehovas unterhalten, ferner zu hören, wie uns eine ältere Indermutter als Bruder und Schwester anspricht und uns fragt, ob sie nicht mit uns kommen dürfe, um den Menschen zu sagen, wer der wahre Gott ist ... All das ist der kostbare Lohn dafür, daß wir damals den Schritt taten und dem Ruf, der von den südpazifischen Inseln her kam, Folge leisteten.“
Aber nicht nur den Inselbewohnern des Pazifiks wurde Aufmerksamkeit geschenkt. Von 1964 an erhielten erfahrene Pioniere, die auf den Philippinen dienten, den Auftrag, eifrige Missionare in Hongkong, Indonesien, der Republik Korea, Laos, Malaysia, Taiwan, Thailand und Vietnam zu unterstützen.
Trotz Widerstand von seiten der Familie und Gemeinde
Die Entscheidung, ein Zeuge Jehovas zu werden, wird von den Angehörigen und der Gemeinde nicht immer als rein persönliche Angelegenheit hingenommen (Mat. 10:34-36; 1. Pet. 4:4).
In Hongkong sind überwiegend junge Menschen Zeugen Jehovas geworden. Aber sie stehen unter enormem Druck in einem System, in dem eine Hochschulausbildung und ein gutbezahlter Beruf Vorrang haben. Die Eltern betrachten ihre Kinder als Kapitalanlage, die ihnen in späteren Jahren ein sorgenfreies Leben garantiert. Als daher die Eltern eines jungen Mannes aus Kwun Tong merkten, daß ihr Sohn wegen Bibelstudium, Versammlungsbesuch und Predigtdienst nicht mehr so viel Zeit zum Geldverdienen haben würde, leisteten sie ihm erbitterten Widerstand. Sein Vater jagte ihm mit einem Hackbeil nach; seine Mutter spuckte ihn in der Öffentlichkeit an. Sie beschimpften ihn monatelang fast ununterbrochen. Einmal fragte er seine Eltern: „Habt ihr mich denn nicht aus Liebe großgezogen?“ Sie antworteten: „Nein, damit du uns Geld einbringst!“ Trotzdem setzte der junge Mann die Anbetung Jehovas weiter an die erste Stelle; als er das Elternhaus verließ, fuhr er jedoch fort, seine Eltern, so gut er konnte, finanziell zu unterstützen, da er wußte, daß dies Jehova gefällt (Mat. 15:3-9; 19:19).
In Gemeinden mit festem Zusammenhalt sind es oft nicht nur die nächsten Angehörigen, die starken Druck ausüben. Das kann Fuaiupolu Pele von Westsamoa aus eigener Erfahrung bestätigen. Für die Bewohner war es undenkbar, daß ein Samoaner die Bräuche und die Religion seiner Vorväter verwarf, und Pele war klar, daß er zur Rechenschaft gezogen würde. Er studierte angestrengt und betete inständig zu Jehova. Als er von dem obersten Häuptling der Familie zu einer Versammlung in Faleasiu vorgeladen wurde, sah er sich sechs Häuptlingen, drei Rednern, zehn Pastoren, zwei Religionslehrern, dem obersten Häuptling, der den Vorsitz führte, und älteren Männern und Frauen der Familie gegenüber. Sie überhäuften ihn und einen seiner Verwandten, der sich für Jehovas Zeugen interessierte, mit Flüchen. Es kam zu einer Debatte, die bis 4 Uhr morgens dauerte. Einige Anwesende ärgerten sich darüber, daß Pele die Bibel gebrauchte, und schrien: „Laß die Bibel verschwinden! Weg mit der Bibel!“ Schließlich sagte der oberste Häuptling mit schwacher Stimme: „Du hast gewonnen, Pele.“ Doch Pele erwiderte: „Entschuldigen Sie bitte, Sir. Ich habe nicht gewonnen. Sie haben die ganze Nacht hindurch die Botschaft vom Königreich gehört. Ich hoffe in aller Aufrichtigkeit, daß Sie sie beachten werden.“
Bei heftiger Gegnerschaft von seiten Geistlicher
Die Missionare der Christenheit waren Anfang des 19. Jahrhunderts zu den pazifischen Inseln gelangt. An vielen Orten verlief ihre Ankunft friedlich, während sie anderswo militärisch unterstützt wurden. In einigen Regionen teilten sie die Inseln nach Absprache unter sich auf. Aber es kam auch zu Religionskriegen, bei denen Katholiken und Protestanten gegeneinander um die Vorherrschaft kämpften. Diesen religiösen „Hirten“, den Geistlichen, war jedes Mittel recht, um Jehovas Zeugen von dem Bereich fernzuhalten, den sie als ihr Herrschaftsgebiet betrachteten. Sie drängten manchmal Beamte, die Zeugen von bestimmten Inseln zu weisen. Bisweilen nahmen sie das Gesetz auch selbst in die Hand.
Auf der Insel Neubritannien zeigte in dem Dorf Vunabal eine Gruppe vom Stamm der Sulka reges Interesse an der biblischen Wahrheit. Doch an einem Sonntag im Jahre 1959, während John Davison mit ihnen die Bibel studierte, drangen aufgewiegelte Katholiken unter der Führung eines Katecheten in das Haus ein und sorgten durch ihre Schreie und Beschimpfungen dafür, daß das Studium abgebrochen werden mußte. Das wurde der Polizei in Kokopo gemeldet.
Die Zeugen ließen die Schafe aber nicht im Stich, sondern kamen in der Woche darauf wieder, um den empfänglichen Bewohnern Vunabals weiter in geistiger Hinsicht Hilfe zu leisten. Der katholische Pfarrer war auch da, obwohl ihn die Dorfbewohner nicht eingeladen hatten, und er hatte mehrere hundert Katholiken von einem anderen Stamm mitgebracht. Aufgehetzt von dem Pfarrer, verfluchten seine Gemeindemitglieder die Zeugen, spuckten sie an, drohten mit den Fäusten und zerrissen die Bibeln der Dorfbewohner, während der Pfarrer mit verschränkten Armen dabeistand und lächelte. Die Polizisten, die versuchten, die Lage in den Griff zu bekommen, waren sichtlich mitgenommen. Auch viele der Dorfbewohner fürchteten sich. Aber zumindest einer von ihnen war so mutig, für das, was er als die Wahrheit anerkannte, Stellung zu beziehen. Nun haben es ihm Hunderte auf der Insel gleichgetan.
Es hatten jedoch nicht alle kirchlichen Lehrer eine gegnerische Einstellung zu Jehovas Zeugen. Shem Irofa’alu von den Salomonen fühlte eine echte Verantwortung gegenüber den Leuten, die ihn als ihr religiöses Oberhaupt ansahen. Als er das Buch Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies gelesen hatte, erkannte er, daß er belogen worden war. Er und die Lehrer, die unter seiner Aufsicht standen, führten Gespräche mit Jehovas Zeugen, stellten Fragen und schlugen die Bibeltexte nach. Darauf waren sie sich einig, daß sie Zeugen Jehovas werden wollten, und wandelten die Kirchen in ihren 28 Dörfern in Königreichssäle um.
Ein mächtiger Strom der Wahrheit in Afrika
Besonders von Anfang der 20er Jahre an wurden große Anstrengungen unternommen, damit überall in Afrika Menschen die Gelegenheit hätten, Jehova, den wahren Gott, kennenzulernen und aus seinen liebevollen Vorkehrungen Nutzen zu ziehen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges waren auf dem afrikanischen Kontinent in 14 Ländern Zeugen Jehovas tätig. Die Königreichsbotschaft war noch in 14 anderen afrikanischen Ländern gepredigt worden, aber dort berichteten 1945 keine Zeugen über ihre Tätigkeit. In den folgenden 30 Jahren — bis 1975 — gelangte die gute Botschaft in weitere 19 Länder Afrikas. In fast allen diesen Ländern und auf nahe gelegenen Inseln wurden Versammlungen gegründet — in manchen Ländern einige wenige, in Sambia über tausend und in Nigeria fast zweitausend. Wie ist das alles erreicht worden?
Die Verbreitung der Königreichsbotschaft glich einem mächtigen Strom. Wasser strömt größtenteils durch Flußbetten oder Kanäle, überflutet aber auch manchmal angrenzendes Land; und wenn es auf ein Hindernis trifft, sucht es sich entweder einen anderen Weg oder staut sich so lange an, bis es darüber hinwegstürzt.
Die Watch Tower Society bediente sich ihrer regulären organisatorischen Kanäle oder „Flußbetten“, als sie Vollzeitverkündiger — Pioniere, Sonderpioniere und Missionare — in Länder schickte, wo noch kaum oder gar nicht gepredigt worden war. Wohin sie auch immer gingen, luden sie die Menschen ein, „Wasser des Lebens kostenfrei“ zu nehmen (Offb. 22:17). In Nordafrika zum Beispiel überbrachten 1952 vier Sonderpioniere aus Frankreich diese Einladung den Bewohnern Algeriens. Bald reagierte dort eine Wahrsagerin positiv auf die Wahrheit; ihr wurde bewußt, daß sie ihren Beruf aufgeben müßte, um in der Gunst Jehovas zu stehen, und sie gab ihren früheren Kunden Zeugnis (5. Mo. 18:10-12). Die Pioniere setzten das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ wirkungsvoll ein, um aufrichtigen Personen den Unterschied zwischen der Heiligen Schrift und religiöser Tradition begreiflich zu machen. Das Buch hatte so große Macht, wenn es darum ging, Menschen von falschen religiösen Bräuchen zu befreien, daß ein Geistlicher es auf der Kanzel hochhielt und einen Fluch gegen das Buch und seine Verbreiter und Leser ausstieß.
Im Jahre 1954 wurde ein Missionar aus dem katholischen Spanien ausgewiesen, weil er ohne die Zustimmung der Geistlichkeit biblische Lehren verbreitete; daher begannen er und sein Pionierpartner im Jahr darauf, in Marokko zu predigen. Nicht lange danach schloß sich ihnen eine Familie von fünf Zeugen Jehovas an, die aus Tunesien ausgewiesen worden waren, wo ein großer Aufruhr entstanden war, als ein jüdisches Ehepaar Jesus als Messias anerkannte und gleich darauf mit anderen über seinen neuen Glauben sprach. Weiter südlich wurden 1962 Pioniere aus Ghana nach Mali geschickt. Später wurden außerdem französische Pioniere, die in Algerien dienten, gebeten, in Mali mitzuhelfen. Das bewirkte, daß dort eine beachtliche Zahl derer, die Zeugen Jehovas wurden, den Vollzeitdienst aufnahm. 1966 kamen acht Sonderpioniere aus Nigeria dem Auftrag nach, in Niger zu predigen, einem dünnbesiedelten Land, zu dem ein Teil der Sahara gehört. In Burundi bot sich 1963 die Gelegenheit, die Königreichsbotschaft zu hören, als zwei Sonderpioniere von Nordrhodesien (heute Sambia) dorthin gesandt wurden — gefolgt von vier Gileadmissionaren.
Anfang der 50er Jahre gab es auch in Äthiopien Missionare. Die äthiopische Regierung verlangte, daß sie eine richtige Missionsstation einrichteten und Schulunterricht gaben, was sie auch taten. Doch darüber hinaus lehrten sie auch fleißig Gottes Wort, und bald strömten ständig Leute zum Missionarheim — ja jeden Tag kamen Neue und baten darum, daß ihnen jemand helfe, die Bibel zu verstehen. In den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Hilfe von Gileadmissionaren 39 Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zugute.
Gleichzeitig wurden auch Gebiete, die in geistiger Hinsicht ausgetrocknet waren, von den Wassern der Wahrheit überflutet, und zwar, wenn Zeugen Jehovas durch ihre berufliche Tätigkeit mit anderen in Berührung kamen. Zeugen aus Ägypten, die 1950 beruflich nach Libyen gehen mußten, nutzten zum Beispiel ihre freien Stunden, um eifrig zu predigen. Im selben Jahr zog ein Zeuge Jehovas, der Wollhändler war, zusammen mit seiner Familie von Ägypten nach Khartum im Sudan. Er machte es sich zur Gewohnheit, Kunden Zeugnis zu geben, bevor er mit ihnen geschäftlich verhandelte. Einer der ersten Zeugen in Senegal (damals Teil von Französisch-Westafrika) kam 1951 als Firmenvertreter dorthin. Er war sich der Verantwortung bewußt, die er als Zeuge des Allerhöchsten hatte. 1959 ging ein Zeuge beruflich nach Fort-Lamy (heute N’Djamena) im jetzigen Tschad und ergriff die Gelegenheit, die Königreichsbotschaft in diesem Land zu verbreiten. In den Ländern, die an Niger grenzen, gab es Händler, die Zeugen Jehovas waren; während also von 1966 an Sonderpioniere in Niger tätig waren, predigten auch diese Händler Nigrern, mit denen sie geschäftlich zu tun hatten. Und zwei Zeuginnen, deren Männer 1966 aus beruflichen Gründen nach Mauretanien gingen, nutzten die Gelegenheit, in dem Gebiet Zeugnis zu geben.
Die Menschen, die durch das „Wasser des Lebens“ erfrischt wurden, gaben es auch an andere weiter. Beispielsweise zog 1947 ein Mann, der einige Zusammenkünfte besucht hatte, aber kein Zeuge Jehovas war, von Kamerun nach Oubangui-Chari (heute Zentralafrikanische Republik). Als er hörte, daß in Bangui jemand reges Interesse an der Bibel hatte, sorgte er freundlicherweise dafür, daß ihm das Büro der Watch Tower Society in der Schweiz ein Buch zuschickte. Der Empfänger, Etienne Nkounkou, war außer sich vor Freude über die gute geistige Speise, die es enthielt, und er las jede Woche einer Gruppe, die sich ebenfalls dafür interessierte, aus dem Buch vor. Sie nahmen Kontakt mit dem Hauptsitz der Gesellschaft auf. Als die Studiengruppe an Erkenntnis zunahm, fing sie auch an zu predigen. Obwohl die Regierung auf Drängen der Geistlichkeit die Wachtturm-Publikationen verbot, predigten diese neuen Zeugen weiter, wobei sie ausschließlich die Bibel gebrauchten. Die Bewohner dieses Landes hören sehr gern biblische Erörterungen, und so lag die Zahl der Zeugen 1957, als einige Publikationen der Gesellschaft wieder genehmigt wurden, bereits bei über 500.
Wenn Hindernisse auftraten
Wenn das lebengebende Wasser wegen Hindernissen nicht weiterfließen konnte, suchte es sich rasch einen anderen Weg. Ayité Sessi, ein Pionier aus Dahomey (heute Benin), hatte 1949 erst kurze Zeit in Französisch-Togo (heute Togo) gepredigt, als ihn die Regierung des Landes verwies. Doch im Jahr darauf kehrte Akakpo Agbetor, ein ehemaliger Boxer, der aus Togo stammte, mit seinem Bruder in seine Heimat zurück. Da es sein Geburtsland war, konnte er einigermaßen ungehindert Zeugnis ablegen und sogar Zusammenkünfte organisieren. Pioniere, die um 1950 nach Fernando Póo (heute Teil von Äquatorialguinea) gesandt worden waren, wurden nach kurzer Zeit aufgrund von religiöser Intoleranz ausgewiesen, aber später schlossen andere Zeugen dort Arbeitsverträge. Und im Einklang mit dem Gebot Jesu predigten sie natürlich (Mar. 13:10).
Emmanuel Mama, ein Kreisaufseher aus Ghana, wurde 1959 für ein paar Wochen nach Obervolta (heute Burkina Faso) geschickt und konnte in Wagadugu, der Hauptstadt, umfassend Zeugnis ablegen. Allerdings lebten in dem Land keine Zeugen. Vier Jahre danach zogen sieben Zeugen, die aus Togo, Dahomey (heute Benin) und dem Kongo stammten, nach Wagadugu und suchten sich Arbeit, um in diesem Gebiet dienen zu können. Ein paar Monate später schlossen sich ihnen mehrere Sonderpioniere aus Ghana an. Die Geistlichkeit übte jedoch Druck auf die Behörden aus, und so wurden die Zeugen 1964, nachdem sie noch nicht einmal ein Jahr im Land gewesen waren, verhaftet, 13 Tage festgehalten und dann ausgewiesen. Hatten sich ihre Anstrengungen gelohnt? Emmanuel Johnson, ein Einheimischer, hatte erfahren, wo man die biblische Wahrheit finden konnte. Er setzte sein Studium mit Jehovas Zeugen brieflich fort und ließ sich 1969 taufen. Das Königreichswerk hatte in einem weiteren Land Fuß gefaßt.
Als für Gileadmissionare Visa beantragt wurden, damit sie an der Elfenbeinküste (heute Côte d’Ivoire) dienen könnten, gaben die französischen Behörden keine Genehmigung. Deshalb wurde 1950 Alfred Shooter von der Goldküste (heute Ghana) als Pionier in die Hauptstadt der Elfenbeinküste geschickt. Als er sich dort fest niedergelassen hatte, reiste seine Frau ihm nach; und ein paar Monate später kamen Gabriel und Florence Paterson — ein Missionarehepaar. Es entstanden Probleme. Eines Tages wurde ihre Literatur beschlagnahmt, weil sie nicht von der Regierung genehmigt worden sei, und die Brüder erhielten eine Geldstrafe. Allerdings entdeckten sie die Bücher später auf dem Markt, wo sie zum Verkauf angeboten wurden, worauf sie sie zurückkauften und gut nutzten.
Unterdessen sprachen die Brüder bei etlichen Regierungsbeamten vor, um ein Dauervisum zu erhalten. Monsieur Houphouët-Boigny, der später Präsident der Elfenbeinküste wurde, bot seine Hilfe an. „Die Wahrheit“, erklärte er, „kennt keine Grenzen. Sie ist wie ein mächtiger Strom; dämmt man ihn ein, so wird er den Damm überfluten.“ Als sich ein katholischer Priester und ein methodistischer Prediger einmischen wollten, sagte Ouezzin Coulibaly, ein Abgeordneter der Regierung: „Ich vertrete das Volk dieses Landes. Wir sind das Volk, und wir mögen Jehovas Zeugen. Wir wollen daher, daß sie hier im Land bleiben.“
Jünger, die ein richtiges Verständnis haben
Als Jesus den Auftrag gab, „Jünger aus Menschen aller Nationen“ zu machen, ordnete er auch an, daß die künftigen Jünger — diejenigen, die an Christi Lehren glauben und danach leben würden — getauft werden sollten (Mat. 28:19, 20). Deshalb gibt es auf den Kongressen der Zeugen Jehovas, die regelmäßig stattfinden, die Möglichkeit, daß neue Jünger getauft werden. Die Zahl der Täuflinge auf einem Kongreß kann relativ niedrig sein. Doch 1970 ließen sich auf einem Kongreß in Nigeria 3 775 neue Zeugen untertauchen. Hohe Zahlen sind allerdings nicht das, worauf es ankommt.
Als sich 1956 herausstellte, daß an der Goldküste einige, die sich taufen ließen, ihren Glauben nicht auf einer ausreichenden Grundlage aufgebaut hatten, wurde dort eine Überprüfung der Taufanwärter eingeführt. Den Versammlungsaufsehern an der Goldküste wurde die Verantwortung übertragen, jeden Taufanwärter persönlich zu überprüfen, um sicherzustellen, daß er die grundlegenden biblischen Wahrheiten richtig verstand, daß er nach den biblischen Normen lebte und daß er sich darüber im klaren war, welche Pflichten ein Gott hingegebener, getaufter Zeuge Jehovas hat. Mit der Zeit wurde in der ganzen Welt ein ähnliches Verfahren eingeführt. 1967 erschien in dem Buch „Dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß“ ein ausführliches Programm, das dazu diente, biblische Grundlehren mit Taufanwärtern zu besprechen. Nach jahrelanger Erfahrung wurde das Programm noch einmal überarbeitet und 1983 in dem Buch Organisiert, unseren Dienst durchzuführen abgedruckt.
Wurde bei diesem Verfahren den Bedürfnissen von Personen Rechnung getragen, die wenig oder gar keine Schulbildung hatten?
Das Problem des Analphabetentums angegangen
Im Jahre 1957 errechnete die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, annähernd 44 Prozent der Weltbevölkerung im Alter von 15 Jahren und darüber könnten weder lesen noch schreiben. Es hieß, daß in 42 Staaten Afrikas, in 2 Ländern des amerikanischen Kontinents, in 28 asiatischen Ländern und in 4 Staaten Ozeaniens 75 Prozent der Erwachsenen Analphabeten seien. Aber auch sie mußten Gelegenheit erhalten, das Gesetz Gottes kennenzulernen, damit sie sich darauf vorbereiten konnten, Untertanen seines Königreiches zu werden. Etliche, die nicht lesen konnten, hatten eine gute Auffassungsgabe und behielten vieles, was sie hörten, im Gedächtnis, aber sie konnten das kostbare Wort Gottes nicht selbst lesen und zogen aus den gedruckten Bibelstudienhilfsmitteln keinen Nutzen.
Jahrelang hatten einzelne Zeugen Personen, die lesen lernen wollten, individuell geholfen. Doch 1949 und 1950 führten Jehovas Zeugen in vielen afrikanischen Ländern in jeder Versammlung Lese- und Schreibunterricht ein. Die Kurse fanden meistens in Königreichssälen statt, und manchenorts waren ganze Dörfer eingeladen, an dem Programm teilzunehmen.
Wenn in einem Land Lese- und Schreibunterricht von der Regierung gefördert wurde, waren Jehovas Zeugen gern zur Zusammenarbeit bereit. In vielen Gegenden mußten die Zeugen allerdings ihr Unterrichtsmaterial selbst ausarbeiten. Durch diese von Jehovas Zeugen geleiteten Kurse haben Zehntausende — darunter Tausende von Frauen und betagten Menschen — lesen und schreiben gelernt. Außerdem war der Unterricht so aufgebaut, daß sie gleichzeitig grundlegende Wahrheiten aus Gottes heiligem Wort kennenlernten. Dadurch wurden sie in die Lage versetzt, sich an dem von Jesus gebotenen Werk des Jüngermachens zu beteiligen. Der Wunsch, dabei wirkungsvoll vorzugehen, hat viele motiviert, sich ernstlich anzustrengen, lesen zu lernen.
Als ein neuer Zeuge in Dahomey (heute Benin) in Westafrika an einer Tür abgewiesen wurde, weil er nicht lesen konnte, entschloß er sich, das Problem zu überwinden. Abgesehen davon, daß er dem Lese- und Schreibunterricht beiwohnte, lernte er auch zu Hause fleißig. Sechs Wochen später sprach er an derselben Tür wieder vor; der Wohnungsinhaber war so erstaunt, den Mann, der noch vor kurzem ein Analphabet gewesen war, aus der Bibel vorlesen zu hören, daß er sich für das, was der Zeuge lehrte, interessierte. Einige, die an diesen Kursen teilnahmen, wurden später reisende Aufseher und unterwiesen eine Reihe von Versammlungen. Das traf zum Beispiel auf Ezekiel Ovbiagele aus Nigeria zu.
Durch Filme und Diavorführungen Bildung vermittelt
Im Jahre 1954 wurde ein Film herausgebracht, durch den das Ausmaß der sichtbaren Organisation Jehovas den Personen, die sich für die Bibel interessierten, vor Augen geführt wurde. Dieser Film — Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit — trug auch dazu bei, Vorurteile ganzer Gemeinden abzubauen.
Im heutigen Sambia brauchte man oft einen tragbaren Generator, um den Film vorführen zu können. Ein weißes festes Tuch, das zwischen zwei Bäumen aufgespannt wurde, diente als Leinwand. In Barotseland sah sich der Oberhäuptling den Film mit seiner königlichen Familie an und hatte dann den Wunsch, daß er auch der Öffentlichkeit gezeigt werde. So sahen ihn am Abend darauf 2 500 Personen. In einem Zeitraum von 17 Jahren schauten sich in Sambia insgesamt über eine Million den Film an. Er gefiel dem Publikum sehr. Aus dem benachbarten Tanganjika (heute Teil von Tansania) wurde berichtet, daß nach der Aufführung überall aus der Menge der Ruf „Ndaka, ndaka“ (Danke, danke) zu hören war.
Auf den Film Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit folgten noch weitere: Die glückliche Neue-Welt-Gesellschaft, Eine „ewige gute Botschaft“ geht rund um die Welt, Gott kann nicht lügen und Heritage (Das Erbe). Es gab auch Diavorträge über den praktischen Wert der Bibel in der heutigen Zeit, über den heidnischen Ursprung der Lehren und Bräuche der Christenheit und über die Bedeutung der Weltverhältnisse im Licht der biblischen Prophezeiungen sowie Diavorträge über Jehovas Zeugen als Organisation, in denen ihre Weltzentrale vorgestellt wurde, begeisternde Kongresse in Ländern gezeigt wurden, wo sie früher verboten waren, und ein Überblick über ihre neuzeitliche Geschichte gegeben wurde. Durch all das wurde den Menschen vor Augen geführt, daß Jehova tatsächlich ein Volk auf der Erde hat und daß die Bibel sein inspiriertes Wort ist.
Die wahren Schafe kenntlich gemacht
In manchen Ländern gaben sich Leute, die lediglich ein paar Wachtturm-Publikationen besaßen, als Zeugen Jehovas aus oder gebrauchten den Namen Watch Tower. Hatten sie aber ihre Glaubensansichten und ihre Lebensweise nach den biblischen Normen ausgerichtet? Würden sie sich, wenn sie die nötige Unterweisung erhielten, wirklich als schafähnliche Menschen erweisen, die auf die Stimme ihres Herrn, Jesus Christus, hören? (Joh. 10:4, 5).
Im südafrikanischen Zweigbüro der Watch Tower Society ging 1954 eine alarmierende Nachricht ein von einer Gruppe Afrikaner aus Baía dos Tigres, einer Strafkolonie im Süden Angolas. Der Schreiber, João Mancoca, berichtete: „Die Gruppe der Zeugen Jehovas in Angola besteht aus 1 000 Mitgliedern. Ihr Führer ist Simão Gonçalves Toco.“ Wer war dieser Toco? Waren seine Anhänger wirklich Zeugen Jehovas?
Es wurde dafür gesorgt, daß John Cooke, ein Missionar, der Portugiesisch sprach, nach Angola reiste. Nach einer langen Unterredung mit einem Kolonialbeamten durfte Bruder Cooke Mancoca besuchen. Bruder Cooke erfuhr, daß Toco in den 40er Jahren, als er mit einer Baptistenmission in Belgisch-Kongo (heute Zaire) verbunden war, einige Wachtturm-Publikationen erhalten und mit Freunden über das Gelernte gesprochen hatte. Aber dann wurde die Gruppe von Spiritisten beeinflußt, und nach einiger Zeit griff Toco überhaupt nicht mehr zu den Wachtturm-Publikationen und der Bibel. Statt dessen suchte er bei spiritistischen Medien Anleitung. Seine Anhänger wurden von der Regierung nach Angola zurückgeführt und dann in verschiedene Gegenden des Landes zerstreut.
Obwohl er ein Gefährte Tocos gewesen war, versuchte Mancoca, anderen klarzumachen, daß sie den Spiritismus aufgeben und sich an die Bibel halten müßten. Einigen Anhängern Tocos paßte das gar nicht, und sie brachten bei den portugiesischen Behörden falsche Anschuldigungen gegen Mancoca vor. Daraufhin wurden Mancoca und mehrere, die seine Ansichten teilten, in eine Strafkolonie deportiert. Dort kam er mit der Watch Tower Society in Kontakt und erhielt mehr biblische Literatur. Er war demütig, geistig gesinnt und sehr darauf bedacht, eng mit der Organisation zusammenzuarbeiten, durch die er die Wahrheit kennengelernt hatte. Nachdem Bruder Cooke mit dieser Gruppe stundenlang biblische Wahrheiten besprochen hatte, bestand für ihn kein Zweifel mehr daran, daß João Mancoca zu den Schafen des Herrn gehörte. Das hat Bruder Mancoca inzwischen viele Jahre lang unter den schwierigsten Bedingungen bewiesen.
Auch mit Toco und einer Reihe seiner Anhänger wurden Gespräche geführt. Bis auf einige wenige Ausnahmen waren bei ihnen allerdings nicht die schafähnlichen Eigenschaften der Nachfolger Christi zu erkennen. Somit gab es damals nicht 1 000 Zeugen Jehovas in Angola, sondern nur etwa 25.
Unterdessen war es in Belgisch-Kongo, dem heutigen Zaire, ebenfalls zu einer Verwechslung gekommen. Es gab dort eine religiös-politische Bewegung — die Kitawala —, die bisweilen auch den Namen Watch Tower gebrauchte. Bei einigen ihrer Mitglieder wurden zu Hause Publikationen der Zeugen Jehovas gefunden, die sie mit der Post erhalten hatten. Doch die Ansichten und Bräuche der Kitawala (Rassismus, subversive Betätigung, um politische oder soziale Änderungen herbeizuführen, und ungeheuerliche sexuelle Unmoral im Namen der Religion) entsprachen in keiner Weise denen der Zeugen Jehovas. In einigen veröffentlichten Berichten wurde allerdings versucht, einen Zusammenhang zwischen der Watch Tower Society der Zeugen Jehovas und der Kitawala herzustellen.
Jehovas Zeugen bemühten sich wiederholt, geschulte Aufseher in das Land zu schicken, aber sie erhielten von den belgischen Behörden stets Absagen. Die katholischen und die protestantischen Gruppen freuten sich darüber. Besonders von 1949 an wurden grausame Repressalien gegen die Bewohner von Belgisch-Kongo ergriffen, die mit Hilfe von Wachtturm-Publikationen die Bibel studieren wollten. Aber es war so, wie einer der treuen Zeugen dort sagte: „Wir sind wie ein Sack Mais. Wohin man uns auch bringt, fällt das Wort Körnchen für Körnchen zu Boden, bis der Regen kommt und man uns überall sprießen sieht.“ Und so kam es, daß von 1949 bis 1960 trotz schwieriger Bedingungen die Zahl der Zeugen Jehovas, die über ihre Tätigkeit berichteten, von 48 auf 1 528 anstieg.
Den Beamten wurde nach und nach klar, daß Jehovas Zeugen ganz anders sind als die Kitawala. Als man den Zeugen ein gewisses Maß an Versammlungsfreiheit gewährte, äußerten sich Beobachter von der Regierung oft über ihr gutes Benehmen und ihre Ordentlichkeit. Kam es zu Protestdemonstrationen für politische Unabhängigkeit, dann wußten die Leute, daß Jehovas Zeugen sich nicht beteiligten. 1961 erhielt endlich ein befähigter Aufseher aus Belgien, Ernest Heuse jr., eine Einreiseerlaubnis. Mit unermüdlichen Anstrengungen konnte den Brüdern allmählich geholfen werden, ihre Versammlungen und ihr persönliches Leben besser auf Gottes Wort abzustimmen. Es gab viel zu lernen, und man brauchte große Geduld.
In einigen Gegenden verschickte die Kitawala — in der Meinung, sie könnte dadurch ihren Status heben — lange Listen, auf denen Mitglieder von ihr aufgeführt waren, die als Zeugen Jehovas anerkannt werden wollten. Bruder Heuse schickte klugerweise befähigte Brüder in diese Gegenden, die feststellen sollten, was für Leute das waren. Statt große Gruppen aufzunehmen, studierte man mit Einzelpersonen die Bibel.
Mit der Zeit stellte sich heraus, wer zu den wahren Schafen gehörte, die wirklich Jesus Christus als ihren Hirten ansahen. Und davon gab es viele. Sie belehrten wiederum andere. Im Laufe der Jahre kamen etliche Wachtturm-Missionare aus dem Ausland, um mit ihnen zusammenzuarbeiten, ihnen zu einer genaueren Erkenntnis des Wortes Gottes zu verhelfen und ihnen die nötige Schulung zu vermitteln. 1975 gab es in Zaire 17 477 Zeugen Jehovas, die sich auf 526 Versammlungen verteilten und fleißig Gottes Wort predigten und lehrten.
Die Macht des Fetischs gebrochen
Westlich von Nigeria liegt das Land Benin (früher Dahomey) mit einer Bevölkerung, die in 60 Volksgruppen unterteilt ist und rund 50 Sprachen und Dialekte spricht. Dort ist wie überhaupt in einem Großteil Afrikas der Animismus die traditionelle Religion, verbunden mit dem Ahnenkult. In diesem religiösen Umfeld wird das Leben der Menschen von Aberglauben und Angst überschattet. Viele, die sich als Christen bezeichnen, praktizieren außerdem den Animismus.
Vom Ende der 20er bis in die 40er Jahre streuten Zeugen Jehovas aus Nigeria in Dahomey viele Samenkörner biblischer Wahrheit aus, als sie gelegentliche Besuche machten, um biblische Literatur zu verbreiten. Viele dieser Samenkörner brauchten nur ein wenig bewässert zu werden, damit sie aufgingen. Dafür wurde 1948 gesorgt, als Nouru Akintoundé, der aus Dahomey gebürtig war und in Nigeria gelebt hatte, in sein Geburtsland zurückkehrte, um dort Pionier zu sein. Innerhalb von vier Monaten nahmen 300 Personen unverzüglich die Wahrheit an und beteiligten sich mit ihm am Predigtdienst. Diese Reaktion übertraf alle Erwartungen.
Ihre Tätigkeit führte dazu, daß nicht nur die Geistlichen der Christenheit, sondern auch die Animisten für Unruhe sorgten. Als sich die Sekretärin des Fetischklosters in Porto Novo für die Wahrheit interessierte, verkündete der Fetischchef, sie werde innerhalb von sieben Tagen sterben. Doch die Exsekretärin des Klosters erklärte entschieden: „Wenn es der Fetisch ist, der Jehova gemacht hat, werde ich sterben; aber wenn Jehova der höchste Gott ist, dann wird er den Fetisch besiegen.“ (Vergleiche 5. Mose 4:35; Johannes 17:3.) Damit sich seine Vorhersage bewahrheitete, griff der Fetischchef am Abend des sechsten Tages zu allen möglichen Zaubereien und verkündete dann, die Exsekretärin des Klosters sei tot. Am Tag darauf waren die Fetischisten allerdings äußerst bestürzt, als sie quicklebendig auf dem Markt in Cotonou erschien. Später mietete ein Bruder ein Auto und fuhr sie durch Porto Novo, damit alle mit eigenen Augen sehen konnten, daß sie lebte. Daraufhin traten viele weitere Fetischisten entschieden für die Wahrheit ein. (Vergleiche Jeremia 10:5.)
Bald führte heftiger religiöser Druck dazu, daß die Wachtturm-Publikationen in Dahomey verboten wurden. Aber die Zeugen predigten aus Gehorsam gegenüber Jehova Gott weiter — oft verwendeten sie ausschließlich die Bibel. Manchmal gingen sie mit allen möglichen Waren als „Händler“ von Tür zu Tür. Wenn das Gespräch einen guten Verlauf nahm, lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die Bibel und zogen vielleicht sogar aus einer großen Innentasche ihrer Kleidung eine wertvolle biblische Veröffentlichung hervor.
Wenn ihnen die Polizei in den Städten große Schwierigkeiten machte, predigten sie in ländlichen Gebieten. (Vergleiche Matthäus 10:23.) Und wenn sie ins Gefängnis gesperrt wurden, predigten sie dort. 1955 fanden inhaftierte Zeugen in Abomey mindestens 18 interessierte Personen unter den Häftlingen und Gefängnisbeamten.
Nur zehn Jahre nachdem der dahomeyische Pionier zum Predigen in seine Heimat zurückgekehrt war, beteiligten sich 1 426 am Predigtdienst — und das, obwohl ihr Werk gesetzlich verboten war.
Mehr Arbeiter beteiligen sich an der Ernte
Daß in ganz Afrika viele nach der Wahrheit hungerten, lag auf der Hand. Die Ernte war groß, aber der Arbeiter waren wenige. Deshalb war es für die Brüder ermutigend zu sehen, wie der Herr der Ernte, Jesus Christus, ihre Gebete um mehr Helfer bei der geistigen Einsammlung erhörte (Mat. 9:37, 38).
In den 30er Jahren hatten reisende Pioniere in Kenia viel Literatur verbreitet, waren dem vorgefundenen Interesse aber kaum nachgegangen. 1949 wanderte jedoch Mary Whittington mit ihren drei kleinen Kindern aus Großbritannien aus, um bei ihrem Mann zu leben, der in Nairobi beschäftigt war. Schwester Whittington war kaum ein Jahr getauft, aber sie hatte den Geist eines Pioniers. Obwohl sie in Kenia keine Zeugen kannte, nahm sie sich vor, in diesem großen Gebiet anderen die Wahrheit näherzubringen. Trotz Hindernissen gab sie nicht auf. Es kamen weitere Zeugen — aus Australien, Großbritannien, Kanada, Sambia, Schweden, Südafrika und den Vereinigten Staaten —, die aus eigener Initiative dort hinzogen, um den Menschen die Hoffnung auf das Königreich zu vermitteln.
Außerdem wurden Missionarehepaare als Erntehelfer in das Land gesandt. Die Männer waren zunächst gezwungen, einer weltlichen Arbeit nachzugehen, um im Land bleiben zu dürfen, so daß die Zeit, die sie für den Predigtdienst einsetzen konnten, begrenzt war. Doch ihre Frauen konnten ungehindert als Pioniere dienen. Im Laufe der Zeit gingen weit über hundert Gileadmissionare nach Kenia. Als die Unabhängigkeit nahte und die von der britischen Kolonialherrschaft verfolgte Rassentrennungspolitik endete, lernten die europäischen Zeugen Suaheli und dehnten ihre Tätigkeit unverzüglich auf die Eingeborenen aus. Die Zahl der Zeugen in diesem Gebiet stieg rapide an.
Im Jahre 1972 erhielt auch Botsuana Hilfe bei der geistigen Ernte, als Zeugen aus Großbritannien, Kenia und Südafrika in die Großstädte des Landes zogen. Drei Jahre später kamen außerdem Gileadmissionare. Ein Großteil der Bevölkerung lebt allerdings verstreut in kleinen Dörfern. Um diese Menschen zu erreichen, sind Zeugen aus Südafrika durch die trockene Kalahari gereist. In isolierten Gemeinwesen haben sie Dorfhäuptlingen, Schullehrern und oft Gruppen von 10 bis 20 dankbaren Zuhörern Zeugnis gegeben. Ein älterer Mann sagte: „Sie sind von so weit her gekommen, um mit uns über diese Dinge zu sprechen? Das ist sehr liebenswürdig.“
In den 20er Jahren hatte „Bibel-Brown“ in Liberia kraftvolle biblische Vorträge gehalten, aber dem Werk wurde beträchtlicher Widerstand entgegengesetzt. Die geistige Ernte machte dort keine richtigen Fortschritte, bis Missionare ankamen, die die Gileadschule absolviert hatten. Harry Behannan, der 1946 eintraf, war der erste. In den Jahren darauf kamen viele weitere hinzu. Nach und nach schlossen sich ihnen Liberianer in dem Werk an, und 1975 war die Zahl der Lobpreiser Jehovas auf über tausend angestiegen.
In Nigeria hatte „Bibel-Brown“ noch mehr gepredigt. Diese Nation war in zahlreiche Königreiche, Stadtstaaten und Gesellschaftssysteme aufgespalten, und es gab mehr als 250 Sprachen und Dialekte. Ein weiterer entzweiender Faktor war die Religion. Nicht gerade taktvoll, aber mit kraftvollen biblischen Argumenten stellten die frühen Zeugen die Geistlichkeit und ihre falschen Lehren bloß. Im Zweiten Weltkrieg, als ihre Literatur verboten war, gebrauchten die Brüder beim Predigen ausschließlich die Bibel. Wahrheitsliebende Menschen reagierten empfänglich. Sie traten aus der Kirche aus, gaben dann die Polygamie auf und trennten sich von ihren Fetischen, die die Kirchen geduldet hatten. 1950 beteiligten sich in Nigeria 8 370 Zeugen Jehovas am Verkündigen der Königreichsbotschaft. 1970 waren es mehr als zehnmal so viele.
In Südrhodesien (heute Simbabwe) mußten hartnäckige gesetzliche Hindernisse überwunden werden, damit interessierten Personen auf religiösem Gebiet geholfen werden konnte. Schon Mitte der 20er Jahre hatte man sich um rechtliche Anerkennung bemüht. 1932 wurden Pioniere aus Südafrika aufgefordert, das Land zu verlassen, und es wurde ihnen einfach gesagt, sie könnten keinen Einspruch dagegen erheben. Sie legten aber dennoch Einspruch ein. Die Anschuldigung, daß die Wachtturm-Publikationen aufrührerisch seien, mußte gerichtlich untersucht werden. Anfang der 40er Jahre saßen Brüder wegen der Verbreitung bibelerklärender Veröffentlichungen im Gefängnis. Erst 1966 erhielten Jehovas Zeugen in Simbabwe die volle rechtliche Anerkennung als religiöse Organisation. Über 40 Jahre lang war die geistige Erntearbeit unter beträchtlichen Schwierigkeiten verrichtet worden, doch während jener Zeit hatten mutige Erntearbeiter mehr als 11 000 Personen geholfen, Diener Jehovas zu werden.
Vor Statthaltern und Königen Zeugnis abgelegt
Jesus wußte, daß seine Jünger in ihrem Predigtdienst auf Widerstand stoßen würden. Er sagte ihnen, man werde sie an „örtliche Gerichte“ ausliefern, ja sogar vor „Statthalter und Könige“ bringen, und das werde „ihnen und den Nationen zu einem Zeugnis“ gereichen (Mat. 10:17, 18). Jehovas Zeugen haben genau das erlebt, was Jesus vorhersagte, und im Einklang mit seinen Worten sind sie darauf bedacht gewesen, solche Gelegenheiten zu nutzen, um Zeugnis abzulegen.
Manche Beamte haben sich aus Angst davon abhalten lassen, Christi Nachfolgern Gutes zu tun (Joh. 12:42, 43). Das stellte Llewelyn Phillips fest, als er 1948 mit einer Reihe von Regierungsvertretern in Belgisch-Kongo private Unterredungen hatte, um den verfolgten Zeugen dort die Situation zu erleichtern. Er erklärte diesen Männern die Glaubensansichten und Tätigkeiten der Zeugen Jehovas. Doch während der Unterredung fragte ihn der Generalgouverneur nachdenklich: „Und was wird mit mir geschehen, wenn ich Ihnen helfe?“ Er wußte, daß die katholische Kirche in diesem Land großen Einfluß besaß.
Dagegen gab der Oberhäuptling von Swasiland, König Sobhusa II., nicht viel auf die Meinung der Geistlichkeit. Er hatte schon oft mit Zeugen Jehovas gesprochen, besaß viele Veröffentlichungen von ihnen und war ihnen wohlgesinnt. Jedes Jahr am sogenannten Karfreitag lud er die afrikanischen Geistlichen in seinen königlichen Kral ein. Er erteilte ihnen das Wort, forderte aber auch einen Zeugen Jehovas auf zu sprechen. 1956 sprach der Zeuge über die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und über Ehrentitel von Kirchenmännern. Als er fertig war, fragte der Oberhäuptling die Geistlichen: „Ist das, was Jehovas Zeugen hier sagen, wahr oder falsch? Wenn es falsch ist, dann erklären Sie, wieso.“ Sie konnten es nicht widerlegen. Einmal mußte der Oberhäuptling sogar laut darüber lachen, wie bestürzt die Geistlichen auf die Worte eines Zeugen reagierten.
Oft war die Polizei damit beauftragt, von Jehovas Zeugen zu verlangen, ihre Tätigkeit zu rechtfertigen. Zeugen von der Versammlung in Tanger (Marokko) fuhren regelmäßig nach Ceuta, einer Hafenstadt an der marokkanischen Küste, die aber unter spanischer Hoheit steht. Als mehrere Zeugen 1967 einmal von der Polizei angehalten wurden, verhörte man sie zwei Stunden lang, und sie konnten in dieser Zeit ein hervorragendes Zeugnis geben. Im Verlauf des Verhörs fragten zwei Polizeikommissare, ob Jehovas Zeugen an die „ Jungfrau Maria“ glaubten. Als sie erfuhren, daß Maria gemäß den Evangelien nach der Jungfrauengeburt noch weitere Kinder bekam und daß diese Jesu Halbbrüder und Halbschwestern waren, holten sie erstaunt Luft und sagten, das stünde nie und nimmer in der Bibel. Die Zeugen zeigten ihnen Johannes 7:3-5, und der eine Beamte sah sich die Passage eingehend an, ohne einen Ton von sich zu geben, worauf der andere sagte: „Gib mir die Bibel. Ich erkläre den Text.“ Der erste Beamte erwiderte: „Bemüh dich nicht. Der Text ist einfach zu klar.“ In einer entspannten Atmosphäre stellten sie viele weitere Fragen, die ihnen beantwortet wurden. Danach wurden die Zeugen in diesem Gebiet kaum noch von den Behörden in ihrer Predigttätigkeit behindert.
Regierungsmitglieder haben sich mit Jehovas Zeugen und ihrem Predigtwerk gründlich auseinandergesetzt. Einige anerkennen, daß sich das Werk der Zeugen auf die Menschen positiv auswirkt. Als Ende 1959 Vorbereitungen für die Unabhängigkeit Nigerias getroffen wurden, bat Dr. Nnamdi Azikiwe, der Generalgouverneur, darum, W. R. Brown als Vertreter der Zeugen Jehovas einzuladen. Er sagte dem Ministerrat: „Wenn alle Religionsgemeinschaften wären wie Jehovas Zeugen, dann gäbe es keine Mordfälle, keine Einbrüche, keine Jugendkriminalität, keine Gefangenen und auch keine Atombomben. Dann brauchten die Türen Tag und Nacht nicht verschlossen zu werden.“
In Afrika wurde wirklich eine große geistige Ernte eingebracht. 1975 predigten auf dem afrikanischen Kontinent 312 754 Zeugen die gute Botschaft in 44 Ländern. In neun dieser Länder waren es weniger als 50, die für die biblische Wahrheit eintraten und beim Evangelisierungswerk mitwirkten. Doch für die Zeugen ist das Leben jedes einzelnen kostbar. In 19 Ländern gab es Tausende, die sich als Zeugen Jehovas am Predigtdienst von Haus zu Haus beteiligten. Aus einigen Gebieten wurden enorme Zunahmen gemeldet. In Angola zum Beispiel stieg die Zahl der Zeugen zwischen 1970 und 1975 von 355 auf 3 055. In Nigeria gab es 1975 112 164 Zeugen Jehovas. Es handelte sich nicht lediglich um Personen, die gern Wachtturm-Publikationen lasen oder nur gelegentlich Zusammenkünfte in einem Königreichssaal besuchten. Sie alle waren eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes.
Immer mehr Lobpreiser Jehovas in Asien
Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas auf den Philippinen dehnte sich wie auch in vielen anderen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg rapide aus. Als Joseph Dos Santos am 13. März 1945 aus dem Gefängnis freigelassen wurde, setzte er sich so schnell wie möglich mit dem New Yorker Büro der Watch Tower Society in Verbindung. Er bat um alle Bibelstudienhilfsmittel und organisatorischen Anweisungen, die die Brüder auf den Philippinen während des Krieges entbehren mußten. Dann besuchte er persönlich Versammlungen, um ihre Einheit zu fördern und sie zu stärken. Im selben Jahr fand in Lingayen (Pangasinan) ein Landeskongreß statt, auf dem Anweisungen gegeben wurden, wie wahrheitshungrige Menschen durch Heimbibelstudien unterwiesen werden können. In den Jahren darauf übersetzte und veröffentlichte man mit vereinten Kräften mehr Literatur — und zwar in den einheimischen Sprachen Tagalog, Iloko und Cebuano. Man legte die Grundlage für eine Ausdehnung, die sich auch rasch einstellte.
Innerhalb von zehn Jahren nach Kriegsende stieg die Zahl der Zeugen auf den Philippinen von rund 2 000 auf über 24 000 an. Und nach weiteren 20 Jahren gab es dort weit über 78 000 Lobpreiser Jehovas.
Zu den ersten Ländern Asiens, in die Gileadmissionare gesandt wurden, gehörte China. Harold King und Stanley Jones kamen 1947 in Schanghai an, Lew Ti Himm traf 1949 ein. Sie wurden von den drei deutschen Pionieren, die dort seit 1939 tätig waren, willkommen geheißen. Die Einheimischen waren überwiegend Buddhisten und ließen sich nicht ohne weiteres auf ein biblisches Gespräch ein. Sie hatten in ihren Häusern Schreine und Altäre. Mit Spiegeln über Eingängen versuchten sie, böse Geister zu verjagen. Glückssprüche und furchterregende Bilder von buddhistischen Göttern auf rotem Untergrund schmückten die Tore. Doch es war eine Zeit großer Veränderungen in China. Unter der kommunistischen Herrschaft wurde von allen gefordert, sich mit den Gedanken Mao Tse-tungs zu befassen. Nach Arbeitsschluß mußte jeder langen Sitzungen beiwohnen, in denen der Kommunismus erläutert wurde. Trotz alldem predigten die Brüder weiter fleißig die gute Botschaft von Gottes Königreich.
Viele, die bereit waren, mit Jehovas Zeugen zu studieren, waren zuvor schon durch die Kirchen der Christenheit mit der Bibel in Berührung gekommen. Beispielsweise war Nancy Yuen, die für die Kirche arbeitete und Hausfrau war, dankbar für das, was die Zeugen ihr aus der Bibel beibrachten. Bald beteiligte sie sich eifrig an der Tätigkeit von Haus zu Haus und leitete selbst Bibelstudien. Andere, denen sie predigten, waren als typische Chinesen vom Buddhismus geprägt und wußten nichts von der Bibel. 1956 erreichte man erstmals die Zahl von 57 Verkündigern. Doch im selben Jahr wurde Nancy Yuen, nachdem sie sechsmal wegen Predigens festgenommen worden war, im Gefängnis behalten. Andere wurden entweder verhaftet oder des Landes verwiesen. Am 14. Oktober 1958 wurden Stanley Jones und Harold King inhaftiert. Bis zu ihrer Verhandlung wurden sie zwei Jahre festgehalten und in dieser Zeit ständig verhört. Als sie 1960 schließlich vor Gericht kamen, erhielten sie hohe Gefängnisstrafen. So wurde im Oktober 1958 die öffentliche Tätigkeit der Zeugen Jehovas in China gewaltsam zum Stillstand gebracht. Aber ihr Predigtwerk wurde nie völlig eingestellt. Selbst in Gefängnissen und Arbeitslagern gab es Möglichkeiten zum Zeugnisgeben. Könnte in diesem riesigen Land künftig mehr getan werden? Das würde sich zu seiner Zeit herausstellen.
Was ereignete sich mittlerweile in Japan? Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten dort nur etwa hundert Zeugen Jehovas gepredigt. Viele gaben ihren Glauben auf, als in den Kriegsjahren brutale Repressalien gegen sie ergriffen wurden. Wenn auch einige wenige an ihrer Lauterkeit festhielten, so schlief doch die organisierte öffentliche Predigttätigkeit ein. Die Verkündigung des Königreiches Jehovas kam in diesem Land jedoch erneut in Gang, als Don Haslett, ein Gileadmissionar, im Januar 1949 in Tokio eintraf. Zwei Monate später konnte ihm seine Frau Mabel dorthin nachreisen. In dem Gebiet hungerten viele nach der Wahrheit. Der Kaiser hatte seinen Göttlichkeitsanspruch aufgegeben. Schintoismus, Buddhismus, Katholizismus und Kyodan (bestehend aus mehreren protestantischen Gruppen in Japan) hatten alle ihr Prestige beim Volk eingebüßt, weil sie die Kriegsanstrengungen Japans unterstützt hatten, die in einer Niederlage geendet hatten.
Ende 1949 waren 13 Gileadmissionare in Japan tätig. Weitere folgten — insgesamt mehr als 160. Es gab nur sehr wenig Literatur für den Predigtdienst. Einige der Missionare hatten auf Hawaii ein veraltetes Japanisch gesprochen und mußten nun die moderne Sprache lernen. Die übrigen hatten sich ein paar Grundkenntnisse angeeignet, mußten aber häufig zu ihren japanisch-englischen Wörterbüchern greifen, bis sie mit der neuen Sprache einigermaßen vertraut waren. Bald nahmen die Familien Ishii und Miura, die in den Kriegsjahren ihren Glauben nicht aufgegeben hatten, mit der Organisation Kontakt auf und beteiligten sich wieder am öffentlichen Predigtdienst.
Nach und nach wurden in Kōbe, Nagoya, Osaka, Yokohama, Kioto und Sendai Missionarheime eröffnet. Von 1949 bis 1957 bemühte man sich hauptsächlich, dem Königreichswerk in den Großstädten auf der japanischen Hauptinsel festen Bestand zu geben. Dann zogen die Erntearbeiter in andere Städte. Das Feld war groß. Es lag auf der Hand, daß viele Pionierverkündiger benötigt wurden, wenn in ganz Japan gründlich Zeugnis abgelegt werden sollte. Darauf wurde Nachdruck gelegt; viele meldeten sich, und die Reaktion, die auf die vereinten Anstrengungen dieser fleißigen Verkündiger folgte, war wirklich wunderbar. In den ersten zehn Jahren kamen 1 390 Lobpreiser Jehovas hinzu. Mitte der 70er Jahre gab es über ganz Japan verteilt 33 480 eifrige Lobpreiser Jehovas. Und die Einsammlung ging immer schneller voran.
In demselben Jahr, als Don Haslett in Japan eintraf, nämlich 1949, erhielt auch das Königreichswerk in der Republik Korea starken Auftrieb. Korea war während des Weltkrieges unter japanischer Herrschaft gewesen, und man hatte die Zeugen grausam verfolgt. Nach dem Krieg kam zwar eine kleine Gruppe zum Studieren zusammen, aber der Kontakt zur internationalen Organisation wurde erst wiederhergestellt, nachdem Choi Young-won 1948 in der amerikanischen Armeezeitung Stars and Stripes einen Bericht über Jehovas Zeugen entdeckt hatte. Im Jahr darauf wurde in Seoul eine Versammlung mit 12 Verkündigern gegründet. Noch im selben Jahr kamen die ersten Gileadmissionare — Don und Earlene Steele. Sieben Monate später folgten sechs weitere Missionare.
Sie erzielten hervorragende Ergebnisse: Jeder hatte durchschnittlich 20 Bibelstudien, und bis zu 336 Besucher kamen zu den Zusammenkünften. Dann brach der Koreakrieg aus. Die letzte Gruppe von Missionaren war kaum mehr als drei Monate da, als sie schon wieder nach Japan evakuiert wurden. Über ein Jahr verstrich, ehe Don Steele nach Seoul zurückkehren konnte, und es dauerte ein weiteres Jahr, bis Earlene in der Lage war, ihm nachzureisen. Unterdessen waren die koreanischen Brüder standhaft geblieben und hatten eifrig gepredigt, obwohl viele ihr Zuhause verloren hatten und Flüchtlinge waren. Aber jetzt, wo die Kämpfe vorbei waren, war man darauf bedacht, mehr Literatur in Koreanisch herzustellen. Kongresse und der Zustrom weiterer Missionare brachten das Werk in Schwung. 1975 gab es 32 693 Zeugen Jehovas in der Republik Korea — fast so viele wie in Japan —, und es bestand Aussicht auf großes Wachstum, da über 32 000 Heimbibelstudien durchgeführt wurden.
Wie war die Lage in Europa?
Das Ende des Zweiten Weltkrieges führte in Europa nicht dazu, daß Jehovas Zeugen ihr biblisches Lehrwerk in völliger Freiheit und ohne Widerstand fortsetzen konnten. Manchenorts wurden sie von Beamten wegen ihrer unerschütterlichen Haltung während des Krieges geachtet. Aber in anderen Gegenden führten gewaltige Wogen des Nationalismus und religiöser Feindseligkeit dazu, daß die Verfolgung weiterging.
Einige Zeugen aus Deutschland waren nach Belgien gegangen, um sich dort am Predigen der guten Botschaft zu beteiligen. Weil sie das NS-Regime nicht unterstützt hatten, waren sie von der Gestapo gejagt worden. Aber nun beschuldigten belgische Beamte einige dieser Zeugen, Nationalsozialisten zu sein, und sie ließen sie verhaften und dann ausweisen. Trotzdem stieg die Zahl der Zeugen, die in Belgien predigten, in den fünf Jahren nach dem Krieg auf mehr als das Dreifache an.
Wer steckte oft hinter der Verfolgung? Die katholische Kirche. Wo sie genügend Macht hatte, kämpfte sie unerbittlich, um Jehovas Zeugen auszumerzen. Da die katholischen Geistlichen wußten, daß in der westlichen Welt viele den Kommunismus fürchteten, stachelten sie 1948 in der irischen Stadt Cork zu Anfeindungen gegen Jehovas Zeugen auf, indem sie sie ständig als „kommunistische Teufel“ bezeichneten. Daraufhin wurde Fred Metcalfe im Predigtdienst von einer aufgewiegelten Menge angegriffen, die ihn schlug und trat und seine biblische Literatur auf die Straße warf. Glücklicherweise kam gerade ein Polizist vorbei und trieb den Pöbel auseinander. Trotz alldem harrten die Zeugen aus. Nicht alle Iren waren mit den Ausschreitungen einverstanden. Einigen tat es später sogar leid, daß sie sich daran beteiligt hatten. Die meisten Katholiken in Irland hatten noch nie eine Bibel gesehen. Doch mit liebevoller Geduld konnte einer Anzahl geholfen werden, die Wahrheit, die die Menschen frei macht, anzunehmen (Joh. 8:32).
In Italien waren 1946 nur rund hundert Zeugen tätig, doch drei Jahre später gab es 64 Versammlungen, die zwar klein, aber fleißig waren. Die Geistlichkeit war beunruhigt. Da die katholischen Geistlichen die von Jehovas Zeugen gepredigten Wahrheiten nicht widerlegen konnten, drängten sie die Regierung, gegen sie einzuschreiten. So wurden im Jahre 1949 Missionare der Zeugen Jehovas des Landes verwiesen.
Die katholische Geistlichkeit versuchte wiederholt, die Kongresse der Zeugen in Italien zu verhindern oder zu stören. 1948 setzte sie Zwischenrufer ein, um einen Kreiskongreß in Sulmona zu stören. 1950 drängte sie in Mailand den Polizeipräsidenten, die Genehmigung für einen Bezirkskongreß im Teatro dell’Arte rückgängig zu machen. Und 1951 brachte sie die Polizei so weit, daß sie die Genehmigung für einen Kreiskongreß in Cerignola zurückzog. Als die Polizei dagegen 1957 anordnete, einen Bezirkskongreß der Zeugen in Mailand abzubrechen, protestierte die italienische Presse, und im Parlament wurden dazu Fragen aufgeworfen. Die römische Wochenzeitung Il Mondo zögerte nicht, in der Ausgabe vom 30. Juli 1957 zu erklären, daß man zu der Aktion geschritten war, „um den Erzbischof zufriedenzustellen“ — und zwar Giovanni Battista Montini, der später Papst Paul VI. wurde. Es war allgemein bekannt, daß die katholische Kirche jahrhundertelang verboten hatte, die Bibel in den Sprachen des Volkes in Umlauf zu bringen. Aber Jehovas Zeugen legten Wert darauf, daß sich aufrichtige Katholiken selbst davon überzeugten, was die Bibel sagt. Der Gegensatz zwischen der Bibel und den kirchlichen Dogmen war auffallend. Tausende traten aus der Kirche aus, obwohl sich die katholische Kirche sehr bemühte, das zu verhindern, und so gab es 1975 in Italien 51 248 Zeugen Jehovas. Sie alle waren eifrige Evangeliumsverkündiger, und ihre Zahl nahm rapide zu.
Als im katholischen Spanien 1946 die organisierte Tätigkeit der Zeugen Jehovas allmählich wiederbelebt wurde, überraschte es nicht, daß die Geistlichkeit auch dort weltliche Beamte drängte, ihnen Einhalt zu gebieten. Versammlungszusammenkünfte der Zeugen Jehovas wurden gestört. Man wies Missionare aus. Zeugen wurden inhaftiert, nur weil sie die Bibel oder biblische Literatur besaßen. Oft wurden sie bis zu drei Tage lang in schmutzigen Gefängnissen festgehalten und dann wieder freigelassen — nur um erneut verhaftet, verhört und ins Gefängnis geworfen zu werden. Viele mußten Gefängnisstrafen von einem Monat oder mehr verbüßen. Die Priester drängten weltliche Behörden, jeden aufzuspüren, der mit Jehovas Zeugen die Bibel studierte. Selbst nachdem 1967 ein Gesetz über Religionsfreiheit verabschiedet worden war, änderte sich die Situation nur langsam. Als Jehovas Zeugen 1970 endlich rechtlich anerkannt wurden, zählten sie in Spanien dennoch bereits über 11 000. Und fünf Jahre später gab es mehr als 30 000 eifrige Evangeliumsverkündiger.
Und wie stand es mit Portugal? Auch dort wurden Missionare des Landes verwiesen. Auf Betreiben der katholischen Geistlichkeit machte die Polizei Haussuchungen bei Zeugen Jehovas, beschlagnahmte ihre Literatur und störte ihre Zusammenkünfte. Im Januar 1963 erließ der Leiter der Sicherheitspolizei von Caldas da Rainha sogar eine schriftliche Anordnung, nach der ihnen das Bibellesen verboten war. Aber die Zeugen gaben ihren Dienst für Gott nicht auf. Als sie 1974 in Portugal rechtlich anerkannt wurden, zählten sie über 13 000.
In anderen Ländern Europas behinderten die Behörden das Predigen der guten Botschaft, indem sie die Verbreitung biblischer Literatur als kommerzielle Tätigkeit einordneten, die dem Handelsgesetz unterliegt. In einer Reihe von Schweizer Kantonen wandte man das Hausiergesetz darauf an, daß Jehovas Zeugen gegen freiwillige Beiträge Literatur verbreiteten. Da die Zeugen mit ihrer Tätigkeit fortfuhren, kam es zu zahlreichen Festnahmen und Prozessen. Einige Gerichte kamen jedoch zu dem Schluß, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas könne nicht zu Recht als Hausieren betrachtet werden — so zum Beispiel das Obergericht des Kantons Waadt im Jahre 1953. Unterdessen wollte man in Dänemark die Zeit, zu der die Zeugen Literatur anbieten dürften, auf die gesetzlichen Öffnungszeiten der Geschäfte beschränken. Auch das mußte vor Gericht geklärt werden. Trotz Hindernissen fuhren Jehovas Zeugen fort, Gottes Königreich als einzige Hoffnung der Menschheit zu verkündigen.
Ein weiteres strittiges Problem, vor dem Jehovas Zeugen in Europa und auch anderswo standen, war die christliche Neutralität. Da sie es als Christen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sich in Konflikte zwischen gegnerischen Seiten der Welt hineinziehen zu lassen, wurden sie in einem Land nach dem anderen zu Freiheitsstrafen verurteilt (Jes. 2:2-4). Dadurch wurde jungen Männern die Möglichkeit genommen, sich am regulären Predigtdienst von Haus zu Haus zu beteiligen. Eine positive Auswirkung bestand jedoch darin, daß Anwälten, Richtern, Offizieren und Gefängniswärtern ein gründliches Zeugnis gegeben wurde. Selbst im Gefängnis gab es Möglichkeiten zu predigen. In manchen Strafanstalten wurden sie brutal behandelt, doch die Zeugen im Gefängnis Santa Catalina in Cádiz (Spanien) konnten einen Teil ihrer Zeit zum brieflichen Zeugnisgeben nutzen. Und in Schweden erlangten Rechtsfälle, bei denen es um die Neutralität von Zeugen Jehovas ging, große Publizität. So wurde den Menschen auf vielerlei Weise bewußtgemacht, daß Jehova tatsächlich Zeugen auf der Erde hat und daß sie sich fest an biblische Grundsätze halten.
Noch etwas anderes verschaffte den Zeugen Publizität. Es hatte auch eine starke belebende Wirkung auf ihr Evangelisierungswerk.
Durch Kongresse Zeugnis gegeben
Als Jehovas Zeugen 1955 einen internationalen Kongreß in Paris hatten, erhielt ganz Frankreich durch die Fernsehnachrichten einen Eindruck von dem Geschehen. 1969 fand ein weiterer Kongreß in der Nähe von Paris statt, und man konnte sehen, daß der Predigtdienst der Zeugen reiche Früchte getragen hatte. Die Zahl der Täuflinge auf dem Kongreß betrug 3 619, etwa 10 Prozent der durchschnittlichen Besucherzahl. Darüber schrieb die populäre Pariser Abendzeitung France-Soir in ihrer Ausgabe vom 6. August 1969: „Was den Geistlichen anderer Konfessionen Sorgen bereitet, ist nicht die spektakuläre Verbreitung der Publikationen der Zeugen Jehovas, sondern sind vielmehr ihre Bekehrungen. Jeder Zeuge Jehovas hat die Verpflichtung, Zeugnis zu geben oder seinen Glauben zu verkündigen, indem er mit der Bibel von Haus zu Haus arbeitet.“
Im Sommer 1969 wurden in Europa innerhalb von drei Wochen noch vier weitere große internationale Kongresse abgehalten — in London, Kopenhagen, Rom und Nürnberg. Zu dem Kongreß in Nürnberg kamen 150 645 Besucher aus 78 Ländern. Außer Flugzeugen und Schiffen waren rund 20 000 Autos, 250 Busse und 40 Sonderzüge erforderlich, um die Delegierten zu diesem Kongreß zu bringen.
Die Kongresse verliehen den Zeugen Jehovas nicht nur Kraft und Rüstzeug für ihren Predigtdienst, sondern gaben der Öffentlichkeit auch die Gelegenheit, mit eigenen Augen zu sehen, was für Menschen Jehovas Zeugen sind. Als für 1965 ein internationaler Kongreß in Dublin (Irland) geplant war, versuchten religiöse Kreise, ihn mit aller Macht zu verhindern. Aber der Kongreß fand statt, und viele Bewohner Dublins nahmen Delegierte bei sich auf. Was war das Ergebnis? „Man hat uns nicht die Wahrheit über euch erzählt“, sagten einige Vermieterinnen nach dem Kongreß. „Die Priester haben uns angelogen, aber da wir euch jetzt kennen, könnt ihr jederzeit gerne wiederkommen.“
Mit anderen Sprachen konfrontiert
In den letzten Jahrzehnten haben Jehovas Zeugen in Europa festgestellt, daß die Kommunikation mit Personen anderer Nationalität eine besondere Herausforderung ist. Viele Menschen sind wegen besserer beruflicher Möglichkeiten von einem Land in ein anderes gezogen. Einige europäische Städte sind Sitz großer internationaler Institutionen, deren Mitarbeiter nicht alle die Landessprache sprechen.
Freilich werden in manchen Ländern seit Jahrhunderten viele Sprachen gesprochen. In Indien gibt es zum Beispiel 14 Hauptsprachen und an die 1 000 kleinere Sprachgruppen und Dialekte. Papua-Neuguinea hat über 700 Sprachen. Die Zeugen in Luxemburg stellten dagegen besonders in den 60er und 70er Jahren fest, daß in ihrem Gebiet Menschen aus über 30 verschiedenen Staaten lebten — und danach kamen noch mindestens 70 weitere Nationalitäten hinzu. Aus Schweden, wo früher nur eine Sprache gesprochen wurde, wird berichtet, daß es dort heute 100 verschiedene Sprachen gibt. Wie haben Jehovas Zeugen dieses Problem angepackt?
Zunächst bemühten sie sich oft einfach, herauszufinden, welche Sprache der Wohnungsinhaber sprach, und dann versuchten sie, Literatur zu besorgen, die er lesen konnte. In Dänemark wurden Tonbandaufnahmen in Türkisch gemacht, damit aufrichtige Türken die Botschaft in ihrer eigenen Sprache hören konnten. In der Schweiz waren Gastarbeiter aus Italien und Spanien stark vertreten. Was Rudolf Wiederkehr erlebte, als er einigen von ihnen half, ist ein typisches Beispiel für die Anfänge. Er versuchte, einem Italiener Zeugnis zu geben, doch sie konnten sich nicht richtig miteinander verständigen. Was blieb da zu tun? Der Bruder ließ ihm einen italienischen Wachtturm zurück. Trotz des Sprachproblems ging Bruder Wiederkehr erneut hin. Mit dem Mann, seiner Frau und dem 12jährigen Sohn wurde ein Bibelstudium begonnen. Bruder Wiederkehr benutzte für das Studium ein deutsches Buch, beschaffte für die Familie aber italienische Exemplare. Wenn Worte nicht weiterhalfen, ging man zu Gesten über. Manchmal diente der Junge als Übersetzer, denn er hatte in der Schule Deutschunterricht. Die ganze Familie nahm die Wahrheit an und überbrachte sie auch bald anderen.
Buchstäblich Millionen von Arbeitern aus Griechenland, Italien, Jugoslawien, Portugal, Spanien und der Türkei zogen nach Deutschland und in andere Länder. In ihrer eigenen Sprache könnte ihnen auf geistigem Gebiet wirkungsvoller geholfen werden. Bald lernten eine Anzahl einheimischer Zeugen die Sprachen der Gastarbeiter. In Deutschland sorgte das Zweigbüro sogar für türkischen Sprachunterricht. Zeugen in anderen Ländern, die die notwendigen Sprachkenntnisse hatten, wurden eingeladen, in Gegenden zu ziehen, wo Hilfe dringend nötig war.
Einige der ausländischen Arbeiter waren noch nie mit Jehovas Zeugen in Berührung gekommen und hatten wirklich geistigen Hunger. Sie waren dankbar für die Anstrengungen, die unternommen wurden, um ihnen zu helfen. Es wurden viele fremdsprachige Versammlungen gegründet. Im Laufe der Zeit kehrten eine Reihe dieser Gastarbeiter in ihre Heimat zurück, um den Predigtdienst in Gegenden aufzunehmen, in denen bis dahin noch nicht gründlich über Gottes Königreich Zeugnis abgelegt worden war.
Reiche Ernte trotz Hindernissen
Jehovas Zeugen haben auf der ganzen Erde die gleichen Predigtmethoden. In Nordamerika predigen sie seit über einem Jahrhundert eifrig das Evangelium. Daher überrascht es nicht, daß dort eine reiche geistige Ernte eingebracht worden ist. 1975 waren auf dem Festland der Vereinigten Staaten und in Kanada 624 097 Zeugen Jehovas tätig. Das heißt allerdings nicht, daß man ihrem Predigtwerk in Nordamerika keinen Widerstand entgegengebracht hätte.
Die kanadische Regierung hatte zwar 1945 das Verbot der Zeugen Jehovas und ihrer rechtlichen Körperschaften aufgehoben, doch in der Provinz Quebec brachte diese Entscheidung nicht gleich Vorteile. Im September 1945 hatten Zeugen Jehovas in Châteauguay und Lachine unter Pöbelangriffen von Katholiken zu leiden. Man verhaftete Zeugen und beschuldigte sie der Aufwiegelung, weil die katholische Kirche in der Literatur, die sie verbreiteten, kritisiert wurde. Mehrere kamen ins Gefängnis, weil sie biblische Veröffentlichungen verbreiteten, die der Polizeichef nicht genehmigt hatte. 1947 waren in Quebec 1 700 Verfahren gegen die Zeugen anhängig.
Während Musterprozesse durchgefochten wurden, wurde den Zeugen geraten, das Evangelium mündlich zu verbreiten und nur die Bibel zu verwenden — wenn möglich, die katholische Douay-Bibel. Vollzeitverkündiger aus anderen Gegenden Kanadas lernten von sich aus Französisch und zogen nach Quebec, um sich dort an der Förderung der wahren Anbetung zu beteiligen.
Viele aufrichtige Katholiken ließen die Zeugen in ihre Wohnung und stellten Fragen, erklärten allerdings oft: „Ich bin katholisch, und das bleibe ich auch.“ Doch Zehntausende änderten sich trotzdem, nachdem sie sich selbst davon überzeugt hatten, was die Bibel sagt — weil sie die Wahrheit liebten und Gott gefallen wollten.
Auch in den Vereinigten Staaten war es notwendig, vor Gericht zu gehen, um das Recht der Zeugen Jehovas auf öffentliches Predigen und den Dienst von Haus zu Haus durchzusetzen. Von 1937 bis 1953 wurden 59 solcher Fälle bis vor das Oberste Bundesgericht in Washington (D. C.) gebracht.
Nichtzugeteilten Gebieten Aufmerksamkeit geschenkt
Jehovas Zeugen geht es nicht nur darum, überhaupt die gute Botschaft zu predigen, sondern ihr Ziel ist es, möglichst jedem die Königreichsbotschaft zu überbringen. Deshalb hat die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas jedem Zweigbüro die Verantwortung für einen bestimmten Teil des weltweiten Predigtgebietes übertragen. Den Versammlungen, die innerhalb des Zuständigkeitsbereiches eines Zweigbüros gegründet werden, wird ein Teil dieses Gebietes zum Predigen zugeteilt. Die Versammlung unterteilt das Gebiet dann in Abschnitte, die Gruppen oder einzelnen Versammlungsverkündigern zugewiesen werden können. Diese bemühen sich, jeden Haushalt regelmäßig zu erreichen. Wie steht es aber mit Gegenden, die noch keiner Versammlung zugeteilt sind?
Im Jahre 1951 wurde eine Liste von allen Verwaltungsbezirken in den Vereinigten Staaten erstellt, um herauszufinden, wo Jehovas Zeugen noch nicht regelmäßig tätig waren. Damals wurden fast 50 Prozent gar nicht oder nur teilweise bearbeitet. Man sorgte dafür, daß Zeugen in den Sommermonaten oder zu anderen günstigen Zeiten in diesen Gegenden predigten, damit dort Versammlungen gegründet würden. Wo niemand zu Hause war, wurde manchmal eine gedruckte Nachricht zusammen mit einer biblischen Veröffentlichung zurückgelassen. Bibelstudien führte man brieflich durch. Später wurden in solche Gebiete Sonderpioniere gesandt, die dem vorgefundenen Interesse nachgingen.
Diese Vorgehensweise beschränkte sich nicht auf die 50er Jahre. Weltweit werden in Ländern, wo zwar in den Großstädten gepredigt wird, es aber nichtzugeteilte Gebiete gibt, weiterhin gewissenhaft Anstrengungen unternommen, Menschen zu erreichen, die noch nicht regelmäßig besucht werden. In Alaska lebten in den 70er Jahren ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung in abgelegenen Dörfern. Viele von ihnen waren am besten im Winter anzutreffen, wenn der Fischfang fast eingestellt wird. Aber das ist auch die Zeit, in der schlimme Vereisungen und Schneestürme das Fliegen gefährlich machen. Dennoch mußten die Eskimos, Indianer und Aleuten die Gelegenheit erhalten, von der Vorkehrung ewigen Lebens unter Gottes Königreich zu erfahren. Um sie zu erreichen, flog eine Gruppe von 11 Zeugen in einem Zeitraum von zwei Jahren mit kleinen Flugzeugen zu etwa 200 Dörfern, die sich auf ein Gebiet von 844 000 Quadratkilometern verteilten. Finanziert wurde das Ganze durch freiwillige Spenden der einheimischen Zeugen.
Abgesehen davon, daß solche Predigttouren unternommen wurden, ermunterte man auch reife Zeugen, den Umzug in eine Gegend innerhalb des eigenen Landes zu erwägen, wo der Bedarf an Königreichsverkündigern größer ist. Tausende sind darauf eingegangen. In den Vereinigten Staaten zogen zum Beispiel Eugene und Delia Shuster 1958 von Illinois weg, um in Hope (Arkansas) zu dienen. Sie sind dort mehr als drei Jahrzehnte geblieben, haben interessierte Personen ausfindig gemacht, eine Versammlung gegründet und Neuen geholfen, zu christlicher Reife heranzuwachsen.
Angeregt von ihrem Kreisaufseher, zogen Alexander B. Green und seine Frau 1957 von Dayton (Ohio) weg, um in Mississippi zu dienen. Als erstes wurden sie nach Jackson gesandt und zwei Jahre später nach Clarksdale. Im Laufe der Zeit diente Bruder Green noch an fünf anderen Orten. Überall dort gab es kleine Versammlungen, die Hilfe brauchten. Um für seinen Lebensunterhalt aufzukommen, reinigte er unter anderem Büros, machte Gartenarbeiten, arbeitete Möbel auf und reparierte Autos. Doch vor allem konzentrierte er sich auf das Predigen der guten Botschaft. Er half den dortigen Zeugen, im Glauben zu wachsen, arbeitete mit ihnen zusammen, um die Menschen in dem Gebiet zu erreichen, und half ihnen oft, einen Königreichssaal zu bauen, bevor er weiterzog.
Als Gerald Cain 1967 im Westen der Vereinigten Staaten ein Zeuge Jehovas wurde, war ihm und seiner Familie die Dringlichkeit des Evangelisierungswerkes deutlich bewußt. Noch bevor sie sich taufen ließen, planten sie, in einer Gegend zu dienen, wo größerer Bedarf an Verkündigern bestand. Vier Jahre lang arbeiteten sie mit der Versammlung in Needles (Kalifornien) zusammen, deren Gebiet Teile von drei Bundesstaaten im Westen der Vereinigten Staaten umfaßte. Als sie aus gesundheitlichen Gründen wegziehen mußten, suchten sie sich wieder einen Ort aus, wo Hilfe dringend nötig war, und funktionierten dort einen Teil ihres Zuhauses zu einem Königreichssaal um. Es folgten noch weitere Umzüge, aber in ihren Überlegungen spielte es immer eine wichtige Rolle, dorthin zu ziehen, wo sie beim Zeugnisgeben die größtmögliche Hilfe leisten könnten.
Während die Zahl der Versammlungen zunahm, war in manchen Gegenden ein dringender Bedarf an befähigten Ältesten zu verspüren. Um dem abzuhelfen, haben sich Tausende von Ältesten bereit erklärt, auf eigene Kosten Versammlungen außerhalb ihrer Wohngegend zu unterstützen. Sie fahren in der Woche drei-, vier-, fünfmal oder noch öfter dorthin, um an den Zusammenkünften der Versammlung und am Predigtdienst teilzunehmen und auch um die Herde zu hüten. Das ist nicht nur in den Vereinigten Staaten so gewesen, sondern auch in El Salvador, Japan, den Niederlanden, Spanien und vielen anderen Ländern. In manchen Fällen sind die Ältesten mit ihrer Familie umgezogen, um dem Bedarf abzuhelfen.
Was ist dadurch erreicht worden? Betrachten wir nur ein Land. Als 1951 zum erstenmal Pläne angekündigt wurden, nichtzugeteiltes Gebiet zu bearbeiten, gab es in den Vereinigten Staaten rund 3 000 Versammlungen mit durchschnittlich 45 Verkündigern. 1975 gab es 7 117 Versammlungen, und die Durchschnittszahl der tätigen Zeugen je Versammlung war auf fast 80 angestiegen.
Das Zeugnis, das von 1945 bis 1975 für den Namen und das Königreich Jehovas gegeben wurde, stellte alles, was bis dahin erreicht worden war, in den Schatten.
Die Zahl der Zeugen stieg von weltweit 156 299 im Jahre 1945 auf 2 179 256 im Jahre 1975 an. Jeder einzelne tat seinen Teil, um das Königreich Gottes öffentlich zu verkündigen.
Im Jahre 1975 waren Jehovas Zeugen in 212 Ländern und Inselgebieten tätig (wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Auf dem Festland der Vereinigten Staaten und in Kanada predigten 624 097 von ihnen. Des weiteren gab es in Europa — die Sowjetunion nicht mitgerechnet — 614 826 Zeugen. Die Bevölkerung Afrikas hörte die biblische Botschaft der Wahrheit von den 312 754 Zeugen, die sich dort an dem Werk beteiligten. In Mexiko und Zentral- und Südamerika dienten 311 641 Zeugen, in Asien 161 598, in Australien und auf den vielen Inseln weltweit 131 707.
In den 30 Jahren bis 1975 wandten Jehovas Zeugen 4 635 265 939 Stunden für das öffentliche Predigen und Lehren auf. Außerdem ließen sie 3 914 971 158 Bücher, Broschüren und Zeitschriften bei interessierten Personen zurück, um ihnen verstehen zu helfen, wie sie aus dem liebevollen Vorsatz Jehovas Nutzen ziehen könnten. Im Einklang mit dem Auftrag Jesu, Jünger zu machen, machten sie 1 788 147 329 Rückbesuche bei interessierten Personen, und 1975 führten sie durchschnittlich 1 411 256 kostenlose Heimbibelstudien mit Einzelpersonen und ganzen Familien durch.
Bis 1975 hatte die gute Botschaft tatsächlich bereits 225 Länder und Inselgebiete erreicht. In über 80 Ländern, in denen 1945 zwar schon die gute Botschaft gepredigt worden war, es aber damals noch keine Versammlungen gab, waren eifrige, blühende Versammlungen entstanden. Dazu gehörte die Republik Korea mit 470 Versammlungen, Spanien mit 513, Zaire mit 526, Japan mit 787 und Italien mit 1 031 Versammlungen.
Zwischen 1945 und 1975 zählten sich die meisten, die Zeugen Jehovas wurden, nicht zu denen, die durch Gottes Geist gesalbt wurden und Aussicht auf himmlisches Leben hatten. Im Frühjahr 1935 nahmen 93 Prozent derer, die sich am Predigtdienst beteiligten, beim Abendmahl von den Symbolen. (Noch im selben Jahr wurde klar, daß die in Offenbarung 7:9 erwähnte „große Volksmenge“ aus Personen besteht, die für immer auf der Erde leben werden.) Bis 1945 war die Zahl der Zeugen, die die Aussicht auf ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde haben, so stark angestiegen, daß sie 86 Prozent derer ausmachte, die sich am Predigen der guten Botschaft beteiligten. 1975 betrug die Zahl der geistgesalbten Christen weniger als ein halbes Prozent der gesamten weltweiten Organisation der Zeugen Jehovas. Diese Gesalbten lebten damals zwar in etwa 115 Ländern verstreut, dienten aber weiterhin wie „e i n Leib“ unter Jesus Christus.
[Herausgestellter Text auf Seite 463]
„Seit Sie hier sind, sprechen alle von der Bibel“
[Herausgestellter Text auf Seite 466]
„Was Sie mir gerade gesagt haben, ist genau das, was ich vor so vielen Jahren in der Bibel gelesen habe“
[Herausgestellter Text auf Seite 470]
Tausende zogen innerhalb ihres eigenen Landes in eine Gegend, wo größerer Bedarf an Zeugen bestand
[Herausgestellter Text auf Seite 472]
„Der kostbare Lohn“
[Herausgestellter Text auf Seite 475]
Befähigte Zeugen wurden in Länder gesandt, wo Hilfe dringend nötig war
[Herausgestellter Text auf Seite 486]
Mit kraftvollen biblischen Argumenten stellten die frühen Zeugen in Nigeria die Geistlichkeit und ihre falschen Lehren bloß
[Herausgestellter Text auf Seite 497]
Wenn Worte nicht weiterhalfen, ging man zu Gesten über
[Herausgestellter Text auf Seite 499]
Ihr Ziel? Möglichst jedem die Königreichsbotschaft zu überbringen.
[Kasten/Bild auf Seite 489]
Es wurden große Anstrengungen unternommen, der Bevölkerung Chinas die gute Botschaft von Jehovas Königreich zu überbringen
Von Chefoo aus wurden zwischen 1891 und 1900 Tausende von Briefen, Traktaten und Büchern verschickt
C. T. Russell sprach 1912 in Schanghai zur Öffentlichkeit und besuchte 15 Städte und Ortschaften
Kolporteure verbreiteten von 1912 bis 1918 entlang der chinesischen Küste und bei Reisen ins Inland viel Literatur
Japanische Kolporteure dienten hier 1930/31
Von Schanghai, Peking und Tientsin aus wurden in den 30er Jahren Rundfunksendungen in Chinesisch ausgestrahlt; daraufhin kamen aus vielen Teilen Chinas Briefe, in denen um Literatur gebeten wurde
Pioniere aus Australien und Europa predigten während der 30er und 40er Jahre in Schanghai, Peking, Tientsin, Tsingtau, Peitaiho, Chefoo, Weihai, Kanton, Swatow, Xiamen, Fuzhou, Hankou und Nanking. Andere kamen über die Birmastraße ins Land und predigten in Paoschan, Chungking und Chengdu. In Schensi und Ningbo dienten einheimische Pioniere.
[Bild]
In der Gileadschule ausgebildete Missionare, wie zum Beispiel Stanley Jones (links) und Harold King (rechts), dienten hier von 1947 bis 1958 an der Seite eifriger einheimischer Zeugen
[Karte]
CHINA
[Karte/Bilder auf Seite 462]
Die „Sibia“ diente in Westindien als schwimmendes Missionarheim
G. Maki
St. Carter
R. Parkin
A. Worsley
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BAHAMAS
JUNGFERN-INSELN (USA)
JUNGFERN-INSELN (BRITISCH)
INSELN ÜBER DEM WINDE
LEEWARD-ISLANDS
WINDWARD ISLANDS
[Karte auf Seite 477]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
In Afrika floß lebengebendes Wasser der Wahrheit über Landesgrenzen hinweg in viele Richtungen
SÜDAFRIKA
GHANA
KENIA
MALAWI
NIGERIA
SIERRA LEONE
SAMBIA
[Bilder auf Seite 464]
Als Missionare in Bolivien predigten Edward Michalec (links) und Harold Morris (rechts) zuerst hier in La Paz
[Bild auf Seite 465]
Das von Zeugen in Peru gebaute Schiff „El Refugio“ wurde benutzt, um den Menschen im oberen Amazonasgebiet die gute Botschaft zu überbringen
[Bild auf Seite 467]
Durch Leseunterricht, den Jehovas Zeugen in Mexiko geben, wurden Zehntausende in die Lage versetzt, Gottes Wort zu lesen
[Bild auf Seite 468]
Als man Jehovas Zeugen in Argentinien die Freiheit verwehrte, öffentliche Kongresse abzuhalten, kam Bruder Knorr (vorn rechts) mit ihnen auf kleinen Kongressen zusammen, die auf Gehöften und in den Bergen stattfanden
[Bild auf Seite 469]
Zu den Tausenden von Zeugen, die umzogen, um in einem Land zu dienen, wo größerer Bedarf an Verkündigern bestand, gehörten auch Familien wie Harold und Anne Zimmerman mit ihren vier kleinen Kindern (Kolumbien)
[Bild auf Seite 471]
Als ein Aufruf nach Freiwilligen erging, zogen Tom und Rowena Kitto nach Papua, um dort die biblische Wahrheit zu lehren
[Bild auf Seite 471]
John und Ellen Hubler zogen nach Neukaledonien, und 31 weitere Zeugen folgten. Bevor sie weggehen mußten, gab es dort eine fest gegründete Versammlung.
[Bild auf Seite 473]
Fuaiupolu Pele von Westsamoa wurde als junger Mann, als er beschloß, ein Zeuge Jehovas zu werden, von seinen Angehörigen und der Gemeinde heftig unter Druck gesetzt
[Bild auf Seite 474]
Nachdem Shem Irofa’alu und seine Mitgläubigen davon überzeugt waren, daß Jehovas Zeugen wirklich die Wahrheit lehren, wurden in 28 Dörfern auf den Salomonen Kirchen in Königreichssäle umgewandelt
[Bilder auf Seite 476]
Um Anfang der 50er Jahre in Äthiopien predigen zu können, mußten die Zeugen eine Missionsstation einrichten und Schulunterricht geben
[Bild auf Seite 478]
Als Gabriel Paterson (hier abgebildet) die Ausweisung drohte, versicherte ihm ein wichtiger Beamter: „Die Wahrheit ... ist wie ein mächtiger Strom; dämmt man ihn ein, so wird er den Damm überfluten“
[Bilder auf Seite 479]
1970 wurden auf einem Kongreß in Nigeria 3 775 neue Zeugen untergetaucht; man achtete gewissenhaft darauf, daß jeder einzelne wirklich die Voraussetzungen erfüllte
[Bilder auf Seite 481]
Filmvorführungen (in Afrika und in anderen Erdteilen) vermittelten den Zuschauern einen Eindruck von dem Ausmaß der sichtbaren Organisation Jehovas
[Bild auf Seite 482]
João Mancoca (hier mit Mary, seiner Frau) hat Jehova jahrzehntelang unter sehr schwierigen Bedingungen gedient
[Bild auf Seite 483]
1961 konnte Ernest Heuse jr. mit seiner Familie nach Zaire (damals Kongo) einreisen; er half mit, diejenigen, die Jehova wirklich dienen wollten, religiös zu unterweisen
[Bilder auf Seite 485]
Obwohl Mary Whittington erst ein Jahr getauft war und in Kenia keine Zeugen kannte, nahm sie sich vor, anderen die Wahrheit näherzubringen
[Bild auf Seite 487]
Mary Nisbet (vorn Mitte) mit ihren Söhnen Robert und George, die in den 30er Jahren in Ostafrika als Pioniere dienten, und ihrem Sohn William mit seiner Frau Muriel (im Hintergrund), die von 1956 bis 1973 in Ostafrika dienten
[Bilder auf Seite 488]
Auf den Philippinen wurden 1945 auf einem Kongreß Anweisungen gegeben, wie man durch Heimbibelstudien andere unterweisen kann
[Bilder auf Seite 490]
Don und Mabel Haslett, die ersten Missionare der Nachkriegszeit in Japan, im Straßendienst
[Bild auf Seite 491]
25 Jahre lang diente Lloyd Barry (rechts) in Japan — zuerst als Missionar, dann als Zweigaufseher
[Bild auf Seite 491]
Don und Earlene Steele, die ersten von vielen Missionaren, die in der Republik Korea dienten
[Bild auf Seite 492]
Früher wurde Fred Metcalfe manchmal vom Pöbel gejagt, wenn er in Irland die biblische Botschaft verkündigte; als sich die Menschen aber Zeit nahmen und zuhörten, wurden Tausende Zeugen Jehovas
[Bild auf Seite 493]
Trotz des Widerstandes der Geistlichkeit strömten Tausende zu den Kongressen der Zeugen in Italien (Rom, 1969)
[Bild auf Seite 494]
Unter Verbot wurden die Versammlungszusammenkünfte oft im Freien in Form eines Picknicks abgehalten wie hier in Portugal
[Bilder auf Seite 495]
Zeugen im Gefängnis in Cádiz (Spanien) fuhren fort zu predigen, indem sie Briefe schrieben
[Bilder auf Seite 496]
Durch große Kongresse konnte die Öffentlichkeit selbst herausfinden, was für Menschen Jehovas Zeugen sind
Paris (1955)
Nürnberg (1955)
[Bilder auf Seite 498]
Um in Luxemburg jedem die gute Botschaft überbringen zu können, mußten Jehovas Zeugen dort bisher Publikationen in wenigstens 100 Sprachen verwenden
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Teil 5 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 5 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Im Jahre 1975 wurden wichtige Entscheidungen getroffen in bezug auf die Art und Weise, wie die Tätigkeit der Zeugen Jehovas von ihrer Weltzentrale aus beaufsichtigt würde. Damals wußten sie nicht, welche Gebiete vor dem Ende des gegenwärtigen Weltsystems noch für ein umfassendes Zeugnis erschlossen würden und in welchem Ausmaß sie noch in den Ländern predigen würden, wo sie schon seit vielen Jahren tätig waren. Doch sie wollten jede sich bietende Gelegenheit voll ausschöpfen. Auf den Seiten 502 bis 520 wird über einige der spannenden Entwicklungen berichtet.
IN Südamerika hat sich viel verändert. Es ist noch nicht lange her, daß Jehovas Zeugen in Ecuador Pöbelaktionen von Katholiken ausgesetzt waren, daß katholische Priester in vielen Dörfern Mexikos fast wie Könige regierten und daß Jehovas Zeugen in Argentinien und Brasilien von der Regierung verboten wurden. Aber die Verhältnisse haben sich sehr gewandelt. Jetzt sind viele, denen man beigebracht hatte, die Zeugen zu fürchten oder zu hassen, selbst Zeugen Jehovas. Andere hören gern zu, wenn die Zeugen bei ihnen vorsprechen und ihnen die biblische Botschaft des Friedens überbringen. Jehovas Zeugen sind bekannt und werden allgemein respektiert.
Die Größe ihrer Kongresse und das christliche Verhalten der Anwesenden haben Aufmerksamkeit erregt. Auf zwei großen Kongressen in Brasilien, die 1985 in São Paulo und in Rio de Janeiro gleichzeitig stattfanden, wurde eine Besucherhöchstzahl von 249 351 erreicht. Durch 23 zusätzliche Kongresse, die wegen der interessierten Personen über Brasilien verteilt abgehalten wurden, erhöhte sich die Gesamtzahl der Anwesenden später auf 389 387. Was Jehovas Zeugen in Brasilien als Lehrer des Wortes Gottes bewirkt hatten, wurde offenkundig, als auf diesen Kongressen 4 825 Personen ihre Hingabe an Jehova durch die Wassertaufe symbolisierten. Nur fünf Jahre später — 1990 — war es nötig, 110 Kongresse in ganz Brasilien abzuhalten, um für die 548 517 Besucher Platz zu haben. Diesmal ließen sich 13 448 taufen. Überall im Land freuten sich Hunderttausende von Familien und Einzelpersonen darüber, von Jehovas Zeugen in Gottes Wort unterwiesen zu werden.
Und was gibt es über Argentinien zu berichten? Jahrzehntelang hatten Jehovas Zeugen dort unter Einschränkungen von seiten der Regierung zu leiden, doch 1985 durften sie sich wieder ungehindert auf Kongressen versammeln. Die 97 167 Anwesenden waren überglücklich, ihren ersten Kongreß zu erleben. In einem Artikel mit dem Thema „Ein wachsendes Königreich — das von Jehovas Zeugen“ äußerte sich das lokale Nachrichtenmagazin Ahora erstaunt über die Ordentlichkeit der Kongreßbesucher in Buenos Aires, darüber, daß sie überhaupt keine rassischen und gesellschaftlichen Vorurteile hatten, über ihre Friedlichkeit und die Liebe, die unter ihnen zu erkennen war. Dann hieß es: „Ob wir ihre Gedanken und Lehren teilen oder nicht, so verdienen doch diese Menschen unseren größten Respekt.“ Viele Argentinier taten jedoch mehr, als ihnen nur Respekt entgegenzubringen. Sie begannen, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren und die Zusammenkünfte im Königreichssaal zu besuchen, um zu beobachten, wie die Zeugen biblische Grundsätze in ihrem Leben anwenden. Darauf trafen diese Beobachter eine Entscheidung. In den folgenden sieben Jahren gaben sich Zehntausende von ihnen Jehova hin, und die Zahl der Zeugen in Argentinien nahm um 71 Prozent zu.
In Mexiko war die Reaktion auf die gute Botschaft von Gottes Königreich noch außergewöhnlicher. Früher hatten Jehovas Zeugen dort häufig unter Pöbelaktionen zu leiden, die von Priestern angezettelt wurden. Aber aufrichtige Menschen waren sehr davon beeindruckt, daß Jehovas Zeugen nicht zurückschlugen oder Vergeltung übten (Röm. 12:17-19). Außerdem fiel ihnen auf, daß sich alle Glaubensansichten der Zeugen auf die Bibel, Gottes inspiriertes Wort, stützten statt auf menschliche Überlieferungen (Mat. 15:7-9; 2. Tim. 3:16, 17). Sie konnten sehen, daß die Zeugen einen Glauben hatten, der sie bei Anfeindungen aufrechterhielt. Immer mehr Familien sagten gern zu, wenn Jehovas Zeugen ihnen ein kostenloses Heimbibelstudium anboten. 1992 entfielen 12 Prozent der Bibelstudien, die Jehovas Zeugen weltweit leiteten, auf Mexiko, und ein beträchtlicher Anteil davon wurde mit großen Familien durchgeführt. Dadurch schnellte die Zahl der Zeugen Jehovas in Mexiko in die Höhe — von 80 481 im Jahre 1975 auf 354 023 im Jahre 1992 —, und dabei handelte es sich nicht lediglich um Personen, die die Zusammenkünfte besuchten, sondern um eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes.
Auch in Europa trugen außergewöhnliche Ereignisse zur Verbreitung der Königreichsbotschaft bei.
Erstaunliche Entwicklungen in Polen
Das Werk der Zeugen Jehovas in Polen war zwar von 1939 bis 1945 (während der nationalsozialistischen und sowjetischen Herrschaft) und erneut ab Juli 1950 (unter sowjetischer Kontrolle) verboten, aber Jehovas Zeugen hörten nicht auf zu predigen. 1939 zählten sie nur 1 039, doch 1950 gab es bereits 18 116 Königreichsverkündiger, und sie waren eifrige — wenn auch vorsichtige — Evangeliumsverkündiger (Mat. 10:16). Kongresse mußten allerdings geheim irgendwo auf dem Land abgehalten werden, zum Beispiel in Scheunen oder Wäldern. Doch von 1982 an gestattete ihnen die polnische Regierung, eintägige kleine Kongresse in gemieteten Einrichtungen zu veranstalten.
Im August 1985 überließ man Jehovas Zeugen dann die geräumigsten Stadien Polens für vier große Kongresse. Ein Delegierter aus Österreich war überrascht, als er bei seiner Ankunft mit dem Flugzeug über Lautsprecher hörte, daß man Jehovas Zeugen zu ihrem Kongreß in Polen willkommen hieß. Einem älteren polnischen Zeugen, der den Besucher in Empfang nehmen wollte, wurde dadurch bewußt, wie sehr die Regierung ihre Haltung geändert hatte, und er konnte die Freudentränen nicht zurückhalten. Auf diesen Kongressen waren 94 134 Delegierte anwesend, darunter Gruppen aus 16 Ländern. Wußte die Allgemeinheit über das Geschehen Bescheid? Ja, durchaus. Während der Kongresse und danach konnte man Berichte darüber in den großen Zeitungen lesen, im Fernsehen Ströme von Besuchern sehen und im Rundfunk Ausschnitte aus dem Programm hören. Vielen sagte das, was sie sahen und hörten, zu.
Als die Regierung am 12. Mai 1989 Jehovas Zeugen als religiöse Vereinigung anerkannte, machten sie bereits Pläne für noch größere Kongresse in Polen. Schon nach drei Monaten wurden drei internationale Kongresse mit einer Gesamtzahl von 166 518 Anwesenden abgehalten, und zwar in Chorzów, Poznań und Warschau. Erstaunlicherweise konnten sich Tausende von Zeugen aus der Sowjetunion und aus der Tschechoslowakei eine Reiseerlaubnis beschaffen und die Kongresse miterleben. War das Werk des Jüngermachens der Zeugen Jehovas in diesen Ländern, in denen der Staat jahrzehntelang energisch den Atheismus verfochten hatte, von Erfolg gekrönt? Die Antwort lag auf der Hand, als sich auf diesen Kongressen 6 093 Personen, darunter viele Jugendliche, zur Wassertaufe einfanden.
Die Öffentlichkeit konnte nicht leugnen, daß die Zeugen anders sind — in positiver Hinsicht anders. Die Presse äußerte sich zum Beispiel wie folgt: „Diejenigen, die — wie sie selbst sagen — Jehova Gott anbeten, schätzen ihre Zusammenkünfte sehr, die bestimmt eine Manifestation der Einheit sind. ... Außerdem kann man sagen, daß die Kongreßbesucher, was Ordentlichkeit, Friedlichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein nachahmenswertes Beispiel sind“ (Życie Warszawy). Eine Anzahl Polen begnügte sich nicht damit, die Kongreßteilnehmer zu beobachten. Sie hatten den Wunsch, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Durch diese Unterweisung aus Gottes Wort stieg die Zahl der Zeugen Jehovas in Polen von 72 887 im Jahre 1985 auf 107 876 im Jahre 1992 an, und 1992 setzten sie über 16 800 000 Stunden ein, um noch mehr Menschen von der wunderbaren Hoffnung zu erzählen, die in der Bibel dargelegt ist.
Aber nicht nur in Polen kam es zu begeisternden Veränderungen.
In Osteuropa öffnen sich weitere Türen
In Ungarn wurden Jehovas Zeugen 1989 rechtlich anerkannt. 1990 hob die DDR, nur vier Monate nachdem man mit dem Abriß der Berliner Mauer begonnen hatte, das Verbot der Zeugen Jehovas auf, das 40 Jahre bestanden hatte. Einen Monat danach wurde die Christliche Gemeinschaft der Zeugen Jehovas in Rumänien von der neuen rumänischen Regierung offiziell anerkannt. 1991 erklärte das Justizministerium in Moskau, daß es die Satzung der „Religionsorganisation der Zeugen Jehovas in der UdSSR“ offiziell registriert habe. Im selben Jahr wurde das Werk der Zeugen Jehovas in Bulgarien rechtlich anerkannt. In Albanien sprach man Jehovas Zeugen 1992 die rechtliche Anerkennung zu.
Wie nutzten Jehovas Zeugen die Freiheit, die ihnen gewährt wurde? Ein Journalist fragte Helmut Martin, den Koordinator des Werkes in der DDR: „Wollen Sie sich nun politisch betätigen?“ Schließlich taten das viele Geistliche der Christenheit. „Nein“, antwortete Bruder Martin, „Jesus Christus hat seinen Jüngern einen biblischen Auftrag übergeben, den wir auch als unseren Kardinalauftrag ansehen“ (Mat. 24:14; 28:19, 20).
Jehovas Zeugen sind ihrer Verantwortung in diesem Teil der Welt bestimmt nicht erst jetzt nachgekommen. Obwohl sie ihre Tätigkeit viele Jahre lang unter sehr schwierigen Bedingungen ausüben mußten, gab es in den meisten dieser Länder Versammlungen (die sich in kleinen Gruppen trafen), und es wurde Zeugnis abgelegt. Aber nun eröffneten sich ihnen neue Möglichkeiten. Sie konnten Zusammenkünfte abhalten und die Öffentlichkeit ungehindert dazu einladen. Sie konnten offen von Haus zu Haus predigen und brauchten keine Angst vor einer Verhaftung zu haben. In diesen Ländern mit einer Bevölkerung von insgesamt mehr als 390 000 000 gab es viel zu tun. Sich völlig darüber im klaren, daß wir in den letzten Tagen des gegenwärtigen Weltsystems leben, schritten Jehovas Zeugen sofort zur Tat.
Schon vor der rechtlichen Anerkennung hatten Mitglieder der leitenden Körperschaft eine Reihe dieser Länder besucht, um zu sehen, was sie für ihre christlichen Brüder tun konnten. Nachdem die Verbote aufgehoben worden waren, reisten sie in weitere Gebiete und halfen beim Organisieren des Werkes mit. Innerhalb weniger Jahre kamen sie mit Zeugen in Polen, Ungarn, Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Rußland, in der Ukraine, in Estland und Weißrußland zusammen und unterhielten sich mit ihnen persönlich.
Es wurden Kongresse geplant, um die Zeugen in diesen Ländern zu stärken und die Öffentlichkeit auf die Botschaft von Gottes Königreich aufmerksam zu machen. Weniger als fünf Monate nachdem die DDR das Verbot aufgehoben hatte, wurde im Berliner Olympiastadion ein Kongreß abgehalten. Zeugen aus 64 weiteren Ländern folgten gern der Einladung, dem Kongreß beizuwohnen. Sie betrachteten es als Vorrecht, sich zusammen mit ihren christlichen Brüdern und Schwestern, die jahrzehntelang unter heftiger Verfolgung ihre Loyalität gegenüber Jehova unter Beweis gestellt hatten, an diesem Ereignis zu erfreuen.
Sowohl 1990 als auch 1991 fanden in ganz Osteuropa weitere Kongresse statt. Nachdem in Ungarn 1990 vier regionale Kongresse abgehalten worden waren, plante man für 1991 einen internationalen Kongreß im Budapester Népstadion. Es waren 40 601 Besucher aus 35 Ländern anwesend. 1990 konnten Jehovas Zeugen in Rumänien zum erstenmal nach mehr als 40 Jahren öffentliche Kongresse veranstalten. In jenem Jahr wurden im ganzen Land kleinere Kongresse abgehalten, und dann fanden noch zwei größere statt. 1991 gab es dort acht Kongresse, die von 34 808 Personen besucht wurden. 1990 fanden in Jugoslawien in allen Republiken, aus denen das Land bestand, Kongresse statt. Im Jahr darauf freuten sich 14 684 Zeugen Jehovas, an einem internationalen Kongreß in Zagreb, der Hauptstadt von Kroatien, teilzunehmen, obwohl das Land vom Bürgerkrieg bedroht war. Die Polizei staunte, als sie sah, wie sich Kroaten, Montenegriner, Serben, Slowenen und andere friedlich versammelten, um sich das Programm anzuhören.
Auch in der Tschechoslowakei wurden rasch Kongresse arrangiert. Zu dem Landeskongreß, der 1990 in Prag stattfand, kamen 23 876 Besucher. Die Stadionverwaltung war von dem, was sie sah, so angenehm berührt, daß sie den Zeugen für ihren nächsten Kongreß die größte Anlage des Landes zur Verfügung stellte. Bei diesem historischen Ereignis im Jahre 1991 füllten 74 587 freudige Kongreßteilnehmer das Strahov-Stadion in Prag. Die tschechischen und die slowakischen Delegierten freuten sich sehr, als in ihren Sprachen die vollständige Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift zum Gebrauch im öffentlichen Predigtdienst, beim persönlichen Studium und in der Versammlung freigegeben wurde, und sie klatschten stürmisch Beifall.
Ebenfalls 1991 konnten Jehovas Zeugen zum erstenmal in der Geschichte offen Kongresse in Städten der damaligen Sowjetunion abhalten. Nach dem Kongreß in Tallinn (Estland) fand ein Kongreß in Sibirien statt. Vier Kongresse wurden in ukrainischen Großstädten abgehalten und einer in Kasachstan. Die Besucherzahl betrug insgesamt 74 252. Und das Werk des Jüngermachens, das Jehovas Zeugen verrichten, hatte in diesen Gebieten bereits reiche Früchte getragen, denn 7 820 Personen ließen sich taufen. Das war keine emotionelle Entscheidung, die sie aus Begeisterung über den Kongreß trafen. Die Taufanwärter waren über einen Zeitraum von Monaten — in manchen Fällen sogar Jahren — sorgfältig auf diesen Schritt vorbereitet worden.
Woher kamen alle diese Menschen? Ganz offensichtlich hatte das Werk der Zeugen Jehovas dort nicht gerade erst begonnen. Schon 1887 wurden einer interessierten Person in Rußland Wachtturm-Publikationen zugeschickt. Der erste Präsident der Watch Tower Society reiste 1891 selbst nach Kischinjow (heute in Moldawien). Einige Bibelforscher gingen in den 20er Jahren zum Predigen nach Rußland; allerdings leisteten die Behörden heftigen Widerstand, und die wenigen Gruppen, die sich für die biblische Botschaft interessierten, waren klein. Doch während des Zweiten Weltkrieges und danach änderte sich die Lage. Landesgrenzen verschoben sich, und große Bevölkerungsgruppen wurden umgesiedelt. Als Folge davon befanden sich über tausend ukrainischsprechende Zeugen aus vormals ostpolnischen Gebieten nun in der Sowjetunion. Andere Zeugen, die in Rumänien oder in der Tschechoslowakei gelebt hatten, mußten feststellen, daß ihre Wohnorte plötzlich auch zur Sowjetunion gehörten. Darüber hinaus kehrten Russen, die in deutschen Konzentrationslagern Zeugen Jehovas geworden waren, in ihre Heimat zurück und nahmen die gute Botschaft von Gottes Königreich mit. 1946 waren in der Sowjetunion 4 797 Zeugen tätig. Viele von ihnen wurden im Laufe der Jahre von einem Ort zum anderen deportiert. Eine Anzahl wurde in Straflager gebracht. Wohin sie auch gingen, sie legten Zeugnis ab. Sie nahmen an Zahl zu. Von Lwiw im Westen der Sowjetunion bis Wladiwostok an der Ostküste, direkt gegenüber von Japan, waren Gruppen von ihnen tätig, noch bevor die Regierung ihnen die rechtliche Anerkennung zusprach.
Heute hören viele gern zu
Als die Zeugen 1991 in der damaligen Sowjetunion Kongresse abhielten, konnte die Öffentlichkeit sie genauer betrachten. Wie reagierten die Leute? In Lwiw (Ukraine) sagte ein Polizeibeamter zu einem Kongreßbesucher: „Sie zeichnen sich dadurch aus, daß Sie Menschen das Gute beibringen; Sie sprechen über Gott, und Sie beteiligen sich nicht an Gewalttätigkeiten. Wir haben uns darüber unterhalten, warum wir Sie verfolgt haben, und sind zu dem Schluß gekommen, daß wir Ihnen nicht zugehört haben und nichts über Sie wußten.“ Aber nun hörten viele zu, und Jehovas Zeugen halfen ihnen gern.
Damit die Zeugen ihr Werk in den erwähnten Ländern so wirkungsvoll wie nur möglich verrichten konnten, brauchten sie biblische Literatur. Es wurden große Anstrengungen unternommen, sie schnell zu beschaffen. In Selters/Taunus vergrößerten Jehovas Zeugen ihre Druckerei fast auf das Doppelte. Noch bevor der Ausbau fertig war, wurden zwei Wochen nach Aufhebung des Verbots in der DDR von der Druckerei in Selters aus 23 Tonnen Literatur dorthin gesandt. Von der Zeit, als in osteuropäischen Ländern die Verbote aufgehoben wurden, bis 1992 wurden von Deutschland aus über 9 000 Tonnen Literatur in 14 Hauptsprachen in diese verschiedenen Länder versandt; hinzu kamen 633 Tonnen aus Italien und weitere Literatur aus Finnland.
Nach vielen Jahren weitgehender Isolation brauchten die Zeugen in manchen Ländern auch Hilfe, was die Aufsicht in den Versammlungen und die organisatorische Leitung betraf. Um diesem dringenden Bedarf gerecht zu werden, nahm man unter anderem in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Kanada Verbindung mit erfahrenen Ältesten auf, die möglichst eine der dortigen Sprachen beherrschten. Wären sie bereit, in ein osteuropäisches Land zu ziehen, um der Notlage abzuhelfen? Die Reaktion war überaus erfreulich. Wo es von Vorteil war, wurden auch Älteste eingesetzt, die die Gileadschule oder die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung besucht hatten.
Im Jahre 1992 fand dann ein bemerkenswerter internationaler Kongreß in St. Petersburg statt, der zweitgrößten Stadt Rußlands. Rund 17 000 Kongreßteilnehmer kamen aus 27 Ländern außerhalb Rußlands. Der Kongreß wurde weit und breit angekündigt. Es kamen Leute, die noch nie von Jehovas Zeugen gehört hatten. Eine Höchstzahl von 46 214 Anwesenden wurde erreicht. Aus allen Gegenden Rußlands kamen Delegierte, einige reisten sogar von der fernöstlich, in der Nähe von Japan gelegenen Insel Sachalin an. Es waren große Gruppen aus der Ukraine, aus Moldawien und aus anderen Ländern, die früher zur UdSSR gehört hatten, vertreten. Die Besucher brachten gute Nachrichten mit. Wie berichtet wurde, kamen in Städten wie Kiew, Moskau und St. Petersburg in einzelnen Versammlungen im Durchschnitt doppelt so viele oder mehr zu den Zusammenkünften, als es Zeugen Jehovas gab. Viele, die mit Jehovas Zeugen die Bibel studieren wollten, mußten auf Wartelisten gesetzt werden. Aus Lettland kamen rund 600 Delegierte und aus Estland noch mehr. Aus einer Versammlung in St. Petersburg ließen sich über hundert auf dem Kongreß taufen. Bei denen, die Interesse zeigen, handelt es sich oft um junge und gebildete Menschen. In diesem riesigen Gebiet, das für die Welt lange als Hochburg des Atheismus galt, ist wirklich ein großartiges geistiges Erntewerk im Gange.
Felder, die weiß sind zur Ernte
Auch in anderen Ländern änderte sich die Einstellung zur Religionsfreiheit, und man hob die Einschränkungen auf, die für Jehovas Zeugen galten, oder sprach den Zeugen die rechtliche Anerkennung zu, die man ihnen lange verwehrt hatte. In vielen dieser Gebiete war eine reiche geistige Ernte einzubringen. Es herrschten Verhältnisse, wie sie Jesus seinen Jüngern beschrieb, als er sagte: „Erhebt eure Augen, und schaut die Felder an, daß sie weiß sind zur Ernte“ (Joh. 4:35). Betrachten wir einmal einige Länder Afrikas, auf die das zutraf.
In Sambia wurde Jehovas Zeugen 1969 verboten, von Haus zu Haus zu predigen. Daraufhin setzten die Zeugen mehr Zeit dafür ein, Heimbibelstudien mit interessierten Personen zu leiten. Manche gingen auf die Zeugen zu, um von ihnen unterwiesen zu werden. Die Regierung lockerte die Einschränkungen nach und nach, und der Besuch der Zusammenkünfte nahm zu. 1992 besuchten 365 828 das Abendmahl des Herrn — das heißt jeder 23. Einwohner Sambias.
Nördlich von Sambia, in Zaire, hatten Tausende den Wunsch, zu erfahren, was Jehovas Zeugen über eine christliche Lebensweise und Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit lehren. Als die Zeugen 1990 ihre Königreichssäle aufgrund veränderter Umstände wieder öffnen konnten, strömten in einigen Gegenden bis zu 500 Besucher zu ihren Zusammenkünften. Nach zwei Jahren leiteten die 67 917 Zeugen in Zaire 141 859 Heimbibelstudien.
In erstaunlich vielen Ländern wurde das Werk frei. 1990 erhielten Wachtturm-Missionare, die 14 Jahre vorher aus Benin ausgewiesen worden waren, die offizielle Erlaubnis zurückzukehren, und weiteren Missionaren stand die Tür offen. Im selben Jahr unterzeichnete der Justizminister der Republik Kap Verde einen Erlaß, wonach die Statuten der dortigen Vereinigung der Zeugen Jehovas gebilligt wurden und man ihnen die rechtliche Anerkennung gewährte. 1991 wurde Jehovas Zeugen in Mosambik (wo sie von den früheren Machthabern heftig verfolgt worden waren) von offizieller Seite Erleichterung zuteil, ebenso in Ghana (wo ihre Tätigkeit von der Regierung unterbunden worden war) und in Äthiopien (wo es 34 Jahre nicht möglich gewesen war, offen zu predigen oder Kongresse abzuhalten). Vor Jahresende wurden sie auch in Niger und im Kongo rechtlich anerkannt. Anfang 1992 hob man im Tschad, in Kenia, Ruanda, Togo und Angola das Verbot der Zeugen Jehovas auf oder sprach ihnen die rechtliche Anerkennung zu.
Diese Felder waren reif für eine geistige Ernte. In Angola zum Beispiel erlebten die Zeugen innerhalb kurzer Zeit eine Mehrung von 31 Prozent; außerdem leiteten die fast 19 000 Königreichsverkündiger dort annähernd 53 000 Heimbibelstudien. Zur Unterstützung beim Aufbau dieses enormen Programms biblischer Belehrung in Angola und in Mosambik (wo viele Portugiesisch sprechen) wurden qualifizierte Älteste aus Portugal und Brasilien eingeladen, nach Afrika zu ziehen, um ihren Dienst dort fortzusetzen. Missionare, die Portugiesisch sprachen, wurden in das noch zu erschließende Guinea-Bissau gesandt. Und befähigte Zeugen aus Frankreich und anderen Ländern wurden gebeten, bei dem dringenden Werk des Predigens und Jüngermachens in französischsprachigen Ländern wie Benin, Tschad und Togo mitzuhelfen.
Zu den Gebieten, die besonders viele Lobpreiser Jehovas hervorgebracht haben, gehören ehemalige katholische Hochburgen. Das gilt außer für Lateinamerika auch für Frankreich (wo nach dem Bericht von 1992 119 674 Evangeliumsverkündiger tätig waren), des weiteren für Spanien (wo es 92 282 waren), für die Philippinen (mit 114 335), für Irland (mit einer Wachstumsrate von jährlich 8 bis 10 Prozent) und für Portugal.
Über einen Kongreß der Zeugen Jehovas, der 1978 in Lissabon stattfand und von 37 567 Personen besucht wurde, schrieb das Nachrichtenmagazin Opção: „Wer in der Pilgerzeit in Fátima war, kann erkennen, daß dieses Ereignis etwas ganz anderes ist. ... Hier findet man keine Glaubensschwärmerei, sondern es ist eine Zusammenkunft, wo Gläubige gemeinsam ihre Probleme, ihren Glauben und ihre religiösen Ansichten besprechen. Sie zeichnen sich durch echtes Interesse füreinander aus.“ In den zehn Jahren darauf nahm die Zahl der Zeugen in Portugal um beinahe 70 Prozent zu.
Und wie steht es mit Italien? Wegen eines großen Mangels an Anwärtern auf das katholische Priesteramt mußte eine Anzahl Seminare schließen. Viele Kirchen haben keinen Pfarrer mehr. In zahlreichen ehemaligen Kirchen sind nun Geschäfte oder Büros untergebracht. Trotzdem kämpft die Kirche erbittert gegen Jehovas Zeugen. In der Vergangenheit drängte sie Beamte, die Missionare der Zeugen Jehovas auszuweisen, und forderte, daß die Polizei ihre Zusammenkünfte auflöste. In den 80er Jahren veranlaßten die Pfarrer in manchen Gegenden, daß an allen Türen (zufällig auch bei einigen Zeugen Jehovas) Aufkleber angebracht wurden, auf denen stand: „Nicht anklopfen. Wir sind katholisch.“ Die Zeitungen brachten Schlagzeilen wie „Kirche schlägt Alarm wegen Jehovas Zeugen“ und „ ‚Heiliger Krieg‘ gegen Jehovas Zeugen“.
Als die jüdischen Priester des ersten Jahrhunderts die Apostel zum Schweigen bringen wollten, gab der Gesetzeslehrer Gamaliel klugerweise zu bedenken: „Wenn dieses Unterfangen oder dieses Werk von Menschen ist, wird es umgestürzt werden; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht stürzen können“ (Apg. 5:38, 39). Was erreichten die katholischen Priester des 20. Jahrhunderts damit, daß sie Jehovas Zeugen zum Schweigen bringen wollten? Das Werk der 120 Zeugen, die es 1946 in Italien gab, wurde nicht umgestürzt. Im Gegenteil, 1992 waren im ganzen Land 194 013 eifrige Zeugen tätig, die mit 2 462 Versammlungen verbunden waren. Sie haben Italien tatsächlich mit ihrer auf Gottes Wort beruhenden Lehre erfüllt. Seit 1946 haben sie über 550 Millionen Stunden dafür eingesetzt, mit ihren Landsleuten über Gottes Königreich zu sprechen. Gleichzeitig haben sie bei ihnen Millionen von Bibeln zurückgelassen sowie mehr als 400 Millionen bibelerklärende Bücher, Broschüren und Zeitschriften. Sie möchten sichergehen, daß die Einwohner Italiens ausreichend Gelegenheit haben, auf der Seite Jehovas Stellung zu beziehen, bevor Harmagedon kommt. Dabei haben sie stets die Worte des Apostels Paulus aus 2. Korinther 10:4, 5 im Sinn: „Die Waffen unserer Kriegführung sind nicht fleischlich, sondern machtvoll durch Gott, um starke Verschanzungen umzustoßen. Denn wir stoßen Vernunftschlüsse und jede Höhe um, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt.“
Doch Jehovas Zeugen richten ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf ehemalige katholische Hochburgen. Sie wissen, daß Jesus sagte: „Unter allen Nationen [muß] zuerst die gute Botschaft gepredigt werden“ (Mar. 13:10). Und genau dieses Werk verrichten die Zeugen. 1992 waren 12 168 von ihnen damit beschäftigt, den Bewohnern Indiens von Gottes Königreich zu erzählen. Weitere 71 428 predigten in der Republik Korea. In Japan waren es 171 438, und ihre Zahl stieg mit jedem Monat an. Sie gingen auch weiterhin in Gegenden, wo noch kaum oder gar nicht gepredigt worden war.
So waren sie in der zweiten Hälfte der 70er Jahre zum erstenmal in der Lage, den Bewohnern der Marquesasinseln und Kosraes im Pazifik die Königreichsbotschaft zu überbringen. Sie erreichten auch Bhutan, das an den Süden Chinas grenzt, und die Komoren vor der Ostküste Afrikas. In den 80er Jahren wurde von den Inseln Wallis und Futuna sowie Nauru und Rota, die alle im Südwestpazifik liegen, die erste Predigttätigkeit der Zeugen Jehovas berichtet. Das sind zum Teil relativ kleine Fleckchen Erde, aber es leben dort Menschen, und Menschenleben sind kostbar. Jehovas Zeugen kennen die Prophezeiung Jesu genau, daß die Königreichsbotschaft vor dem Ende „auf der ganzen bewohnten Erde“ gepredigt würde (Mat. 24:14).
Menschen ansprechen, wo immer und wann immer möglich
Der Predigtdienst von Haus zu Haus ist zwar nach wie vor die Hauptmethode der Zeugen Jehovas, Menschen zu erreichen, aber sie sind sich bewußt, daß sie nicht einmal durch diese systematische Methode mit jedem in Berührung kommen. Sich der Dringlichkeit ihres Werkes bewußt, gehen sie weiterhin überall, wo Menschen zu finden sind, auf sie zu. (Vergleiche Johannes 4:5-42; Apostelgeschichte 16:13, 14.)
Wenn in den Häfen Deutschlands und der Niederlande Schiffe auch nur für kurze Zeit anlegen, bemühen sich Jehovas Zeugen, sie aufzusuchen, wobei sie zuerst dem Kapitän und dann der Mannschaft Zeugnis geben. Sie nehmen für die Männer biblische Literatur in vielen Sprachen mit. Auf den Märkten im Tschad (Zentralafrika) sieht man nicht selten einen Zeugen Jehovas, der von einer Gruppe von 15 bis 20 Personen umringt ist, mit denen er über die Hoffnung auf Gottes Königreich spricht. In Auckland (Neuseeland) sind die Zeugen am Samstagmorgen in Schichten tätig, um auf den Flohmärkten mit den Verkäufern an den Ständen und mit den Tausenden von Besuchern zu sprechen. Die Leute an den Busbahnhöfen von Guayaquil (Ecuador) — von denen viele aus entlegenen Winkeln des Landes kommen — werden von Zeugen angesprochen, die ihnen eine Broschüre mit einem zeitgemäßen Thema oder La Atalaya und ¡Despertad! anbieten. Nachtschichtarbeiter in den rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelgeschäften von New York werden von den Zeugen am Arbeitsplatz aufgesucht, damit auch sie die gute Botschaft hören können.
Bei Flügen oder bei Fahrten mit dem Zug, dem Bus oder der U-Bahn sprechen viele Zeugen Jehovas mit den Fahrgästen über wertvolle biblische Wahrheiten. Auch in den Pausen am Arbeitsplatz und in der Schule oder wenn Vertreter an ihrer Tür klingeln, ergreifen sie die Gelegenheit, Zeugnis abzulegen. Sie sind sich darüber im klaren, daß viele dieser Menschen vielleicht nicht zu Hause sind, wenn die Zeugen ihre regulären Besuche machen.
Während sie anderen Zeugnis geben, vergessen sie auch nicht ihre nahen Angehörigen und entferntere Verwandte. Als Maria Caamano, eine Zeugin aus Argentinien, ihren Angehörigen erzählen wollte, wie tief berührt sie von dem war, was sie aus der Bibel lernte, machten sie sich allerdings über sie lustig oder waren gleichgültig. Sie gab aber nicht auf, sondern unternahm eine 1 900 Kilometer lange Reise, um anderen Verwandten Zeugnis zu geben. Einige reagierten günstig. Nach und nach hörten noch weitere zu. Das Ergebnis war, daß über 80 Erwachsene und mehr als 40 Kinder aus ihrer Verwandtschaft die biblische Wahrheit angenommen haben und sie auch anderen überbringen.
Michael Regan zog, um seinen Verwandten zu helfen, zurück in seinen Heimatort Boyle (Grafschaft Roscommon) in Irland. Er gab ihnen allen Zeugnis. Seine Nichte war von der Fröhlichkeit und dem guten Verhalten der Kinder Michaels beeindruckt. Bald willigten sie und ihr Mann in ein Bibelstudium ein. Als sie sich taufen ließen, verbot ihr Vater ihnen, das Elternhaus zu betreten. Mit der Zeit wurde er jedoch zugänglicher und nahm einige Veröffentlichungen an — allerdings in der Absicht nachzuweisen, daß Jehovas Zeugen „im Irrtum“ seien. Bald erkannte er jedoch, daß es sich bei dem, was er las, um die Wahrheit handelte, und er ließ sich taufen. Derzeit sind mehr als 20 Verwandte mit der Versammlung verbunden, und die meisten von ihnen sind schon getauft.
Wie steht es mit Häftlingen? Könnten auch sie aus der Botschaft von Gottes Königreich Nutzen ziehen? Sie werden von Jehovas Zeugen nicht übergangen. In einem nordamerikanischen Gefängnis brachten persönliche Bibelstudien mit den Häftlingen, verbunden mit dem Besuch der regulären Zusammenkünfte, die Jehovas Zeugen in dem Gefängnis abhielten, so gute Ergebnisse, daß die Gefängnisleitung dort Kongresse ermöglichte. Nicht nur Häftlinge besuchten diese Kongresse, sondern auch von außerhalb kamen Tausende von Zeugen. Auch in anderen Ländern werden gewissenhafte Anstrengungen unternommen, inhaftierten Männern und Frauen Zeugnis zu geben.
Jehovas Zeugen denken nicht, daß sich alle Häftlinge durch ein Bibelstudium bessern. Doch sie wissen aus Erfahrung, daß einigen geholfen werden kann, und sie möchten ihnen die Gelegenheit geben, sich die Hoffnung auf Gottes Königreich zu eigen zu machen.
Immer wieder bemüht, das Herz zu erreichen
Jehovas Zeugen sprechen immer und immer wieder bei den Menschen vor. Wie schon Jesu erste Jünger gehen sie „immer wieder“ zu den Menschen in den ihnen zugeteilten Gebieten und bemühen sich, bei ihnen Interesse für das Königreich Gottes zu wecken (Mat. 10:6, 7). In manchen Gegenden können sie nur einmal jährlich alle Haushalte ihres Gebietes aufsuchen; in anderen Gegenden sprechen sie alle paar Monate vor. In Portugal werden die Bewohner von Lissabon und Umgebung, wo auf 160 Einwohner 1 Zeuge Jehovas kommt, etwa jede Woche von den Zeugen besucht. In Venezuela gibt es Städte, in denen die Gebiete mehr als einmal wöchentlich bearbeitet werden.
Jehovas Zeugen versuchen durch ihre wiederholten Besuche nicht, den Menschen die biblische Botschaft aufzuzwingen. Sie wollen ihnen lediglich die Gelegenheit geben, eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen. Jemand sagt heute vielleicht, er sei nicht interessiert, aber ein andermal mag er wegen einschneidender Veränderungen in seinem Leben oder in den Weltverhältnissen zugänglicher sein. Aufgrund von Voreingenommenheit oder weil sie einfach zu beschäftigt sind, um zuzuhören, haben viele noch nie erfahren, was die Zeugen eigentlich lehren. Wiederholte freundliche Besuche bewirken vielleicht, daß sie doch einmal zuhören. Die Leute sind oft von der Ehrlichkeit und den festen moralischen Grundsätzen der Zeugen in ihrer Nachbarschaft oder an ihrem Arbeitsplatz beeindruckt. Dadurch wird bei manchen mit der Zeit so viel Interesse geweckt, daß sie herausfinden wollen, worum es bei der Botschaft der Zeugen geht. Eine Frau aus Venezuela sagte, nachdem sie gern Literatur und das Angebot eines kostenlosen Heimbibelstudiums angenommen hatte: „Noch nie hat mir jemand das alles erklärt.“
Freundlich bemühen sich die Zeugen, das Herz ihres Gegenübers zu erreichen. Auf Guadeloupe, wo 1992 auf 57 Einwohner 1 Zeuge Jehovas kam, hört man Wohnungsinhaber oft sagen: „Ich habe kein Interesse.“ Darauf entgegnet Eric Dodote gewöhnlich: „Ich kann Sie verstehen, an Ihrer Stelle würde ich vielleicht auch so denken.“ Dann fährt er fort: „Aber würden Sie nicht auch gern unter besseren Verhältnissen leben, als wir sie heute haben?“ Nachdem er sich die Antwort des Wohnungsinhabers angehört hat, greift er zur Bibel und zeigt, wie Gott in seiner neuen Welt solche Verhältnisse schaffen wird.
Gebiete noch gründlicher bearbeiten
In den letzten Jahren ist es in einigen Ländern immer schwieriger geworden, die Menschen in ihrer Wohnung anzutreffen. Häufig sind Mann und Frau berufstätig, und an den Wochenenden gehen sie womöglich außer Haus Freizeitbeschäftigungen nach. Um sich auf diese Situation einzustellen, gehen Jehovas Zeugen in vielen Ländern vermehrt abends von Tür zu Tür. In Großbritannien besuchen einige Zeugen zwischen sechs und acht Uhr abends Personen, die vorher nicht angetroffen wurden, während andere vor acht Uhr morgens vorsprechen, um die Leute zu erreichen, ehe sie zur Arbeit gehen.
Selbst wo die Menschen zu Hause sind, kann es sehr schwierig sein, ohne vorherige Einladung zu ihnen zu gelangen, da wegen der vorherrschenden Kriminalität oft strenge Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Doch wenn in Brasilien Personen, die schwer zu erreichen sind, auf der Strandpromenade von Copacabana ihren Morgenspaziergang machen, werden sie mitunter von einem eifrigen Zeugen angesprochen, der genauso früh unterwegs ist, um sich mit anderen darüber zu unterhalten, wie durch Gottes Königreich die Probleme der Menschheit gelöst werden. Wer in Paris am späten Nachmittag in seine Wohnung zurückkehrt, begegnet in der Nähe des Hauseingangs vielleicht einem freundlichen Ehepaar, das gern mit einzelnen Bewohnern, die bereit sind, ein paar Minuten zuzuhören, darüber sprechen möchte, wie Gott wahre Sicherheit herbeiführen wird. In Honolulu, New York und vielen anderen Städten bemüht man sich außerdem, die Bewohner von unzugänglichen Blocks telefonisch zu erreichen.
Wenn es die Zeugen schaffen, in jedem Haushalt jemanden anzutreffen, sind sie trotzdem nicht der Meinung, damit sei alles getan. Sie haben den Wunsch, in jedem Haus so viele Personen wie möglich zu erreichen. Manchmal gelingt ihnen das dadurch, daß sie an verschiedenen Tagen oder zu verschiedenen Zeiten vorsprechen. Als eine Wohnungsinhaberin auf Puerto Rico sagte, sie habe kein Interesse, fragte die Zeugin, ob in dem Haus sonst noch jemand sei, mit dem sie sprechen könne. Daraufhin hatte sie die Gelegenheit, sich mit dem Herrn des Hauses zu unterhalten, der seit 14 Jahren krank und bettlägerig war. Die Hoffnung aus Gottes Wort erwärmte sein Herz. Er gewann wieder Freude am Leben und konnte bald aus dem Bett aufstehen; er konnte die Zusammenkünfte im Königreichssaal besuchen und mit anderen über seinen neugefundenen Glauben sprechen.
Intensiveres Zeugnis, während das Ende naht
Noch ein weiterer Faktor hat dazu beigetragen, daß in den letzten Jahren ein intensiveres Zeugnis gegeben wurde. Die Zahl der Zeugen, die als Pionier dienen, ist stark angestiegen. Da sie den dringenden Wunsch haben, soviel Zeit wie möglich für den Dienst Gottes einzusetzen, und liebevoll um ihre Mitmenschen besorgt sind, regeln sie ihre Angelegenheiten so, daß sie monatlich 60, 90, 140 oder mehr Stunden im Predigtdienst verbringen können. Wer den Pionierdienst aufnimmt, beschäftigt sich wie der Apostel Paulus bei seiner Predigttätigkeit in Korinth (Griechenland) „eingehend mit dem Wort“ und bemüht sich, so vielen wie möglich von dem messianischen Königreich Zeugnis zu geben (Apg. 18:5).
Im Jahre 1975 gab es weltweit 130 225 Pioniere. 1992 waren es im Durchschnitt 605 610 monatlich (allgemeine Pioniere, Hilfs- und Sonderpioniere zusammengenommen). In einem Zeitraum, in dem die Zahl der Zeugen weltweit um 105 Prozent anstieg, gab es also bei denen, die sich am Vollzeitdienst beteiligten, eine Zunahme von 365 Prozent. Dadurch erhöhte sich der Zeiteinsatz für das Predigtwerk von ungefähr 382 Millionen auf über eine Milliarde Stunden im Jahr.
‘Der Kleine ist zu einem Tausend geworden’
Jesus Christus beauftragte seine Nachfolger, bis zum entferntesten Teil der Erde Zeugen von ihm zu sein (Apg. 1:8). Jehova hatte durch seinen Propheten Jesaja vorhergesagt: „Der Kleine selbst wird zu einem Tausend werden und der Geringe zu einer mächtigen Nation. Ich selbst, Jehova, werde es beschleunigen zu seiner eigenen Zeit“ (Jes. 60:22). Aus den Aufzeichnungen geht klar hervor, daß Jehovas Zeugen das von Jesus vorhergesagte Werk tun und ein Wachstum erlebt haben, wie es Gott selbst verheißen hat.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren sie vorwiegend in Nordamerika und Europa zu finden, in Afrika gab es eine Anzahl von ihnen, und kleinere Gruppen existierten über die ganze Erdkugel verstreut. Sie hatten keineswegs in jedem Land die Königreichsbotschaft verkündigt und hatten auch nicht in den Ländern, in denen sie bereits predigten, alle Gegenden erreicht. Die Lage änderte sich jedoch erstaunlich schnell.
Nehmen wir zum Beispiel den nordamerikanischen Kontinent. Das Festland erstreckt sich von Kanada im Norden bis nach Panama, und dazwischen liegen neun Länder beziehungsweise Territorien. 1945 gab es in diesem riesigen Gebiet 81 410 Zeugen. In vier dieser Länder gab es gemäß Berichten weniger als 20 Zeugen, und in einem Land war überhaupt keine Predigttätigkeit organisiert. Seither wurde in allen diesen Gebieten intensiv und beständig Zeugnis abgelegt. 1992 gab es dort 1 440 165 Zeugen Jehovas. In den meisten dieser Gebiete kommen auf jeden Zeugen nur ein paar hundert Personen, denen er Zeugnis geben kann. Ein Großteil der Bevölkerung wird alle paar Monate von den Zeugen besucht; bei vielen wird jede Woche vorgesprochen. Regelmäßig werden über 1 240 000 Heimbibelstudien mit interessierten Einzelpersonen und Gruppen durchgeführt.
Wie steht es mit Europa? Dieser Erdteil reicht von Skandinavien bis zum Mittelmeer. Vom größten Teil der ehemaligen Sowjetunion abgesehen, war vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa schon umfassend Zeugnis abgelegt worden. Seither sind neue Generationen herangewachsen, und auch ihnen wird anhand der Bibel gezeigt, daß Gottes Königreich bald alle menschlichen Regierungen ablöst (Dan. 2:44). Die Zahl der Königreichsverkündiger ist von wenigen Tausend, die während des Krieges trotz strenger Einschränkungen ihre Predigttätigkeit fortsetzten, bis 1992 auf 1 176 259 angestiegen, die in 47 Ländern, von denen Berichte veröffentlicht wurden, einschließlich Gebieten der ehemaligen UdSSR in Europa und Asien, tätig sind. In fünf Ländern — Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen — gab es je weit über 100 000 eifrige Zeugen. Und was haben all diese Zeugen getan? Aus dem Bericht für 1992 geht hervor, daß sie im Laufe des Jahres mehr als 230 000 000 Stunden für das öffentliche Predigen, für Haus-zu-Haus-Besuche und Heimbibelstudien eingesetzt haben. Bei ihrem Evangelisierungswerk lassen die Zeugen nicht einmal die kleine Republik San Marino, die Fürstentümer Andorra und Liechtenstein oder Gibraltar aus. Das Zeugnis ist wirklich in dem vorhergesagten Ausmaß gegeben worden.
Auch in Afrika wird überall gepredigt. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, daß die gute Botschaft zwar bis 1945 in 28 Länder des Kontinents gelangte, daß aber in den meisten dieser Länder kaum richtig Zeugnis gegeben wurde. Seit damals ist jedoch viel erreicht worden. 1992 gab es 545 044 eifrige Zeugen auf dem afrikanischen Kontinent, die die gute Botschaft in 45 Ländern predigten. Bei der Abendmahlsfeier im selben Jahr waren 1 834 863 zugegen. Es hat also nicht nur ein erstaunliches Wachstum gegeben, sondern es bestehen auch hervorragende Aussichten auf weitere Mehrung.
Der Bericht für Südamerika ist nicht weniger bemerkenswert. Obwohl die biblische Botschaft vor dem Zweiten Weltkrieg in 12 der 13 Länder Südamerikas gedrungen war, gab es damals auf dem ganzen Kontinent nur 29 Versammlungen, und in manchen Ländern war noch keine Predigttätigkeit organisiert. Das eigentliche Königreichspredigtwerk lag noch in der Zukunft. Seitdem sind die Zeugen dort angestrengt tätig gewesen. Wer durch das Wasser des Lebens erfrischt worden ist, gibt gern an andere die Einladung weiter: ‘Komm, und nimm Wasser des Lebens kostenfrei’ (Offb. 22:17). 1992 beteiligten sich in Südamerika 683 782 Diener Jehovas in 10 399 Versammlungen freudig an diesem Werk. Einige gingen in Gegenden, wo noch kein gründliches Zeugnis abgelegt worden war. Andere sprachen dort, wo schon gepredigt worden war, immer wieder vor, um die Menschen zu ermutigen: „Schmeckt und seht, daß Jehova gut ist“ (Ps. 34:8). Sie leiteten regelmäßig 905 132 Heimbibelstudien, um interessierten Personen zu helfen, ihre Lebensweise nach den Wegen Jehovas auszurichten.
Nun zu Asien und den vielen Inseln und Inselgruppen auf der Erde. Was ist dort erreicht worden? Vor der Nachkriegszeit waren viele dieser Gebiete von der Verkündigung des Königreiches nur gestreift worden. Doch Jesus Christus hatte vorhergesagt, die gute Botschaft vom Königreich werde „auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Damit im Einklang wurde in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die gute Botschaft, die schon in 76 dieser Länder, Inseln und Inselgruppen gelangt war, in 40 weitere Gebiete gebracht und in den bereits bearbeiteten Regionen noch intensiver gepredigt. In diesem riesigen Gebiet gab es 1992 627 537 treue Zeugen, denen es große Freude bereitete, Jehovas „Machttaten bekanntzumachen und die Herrlichkeit der Pracht seines Königtums“ (Ps. 145:11, 12). Sie hatten es in ihrem Predigtdienst nicht leicht. Manchmal waren sie stundenlang mit dem Schiff oder Flugzeug unterwegs, um entfernte Inseln zu erreichen. Doch sie setzten 1992 mehr als 200 000 000 Stunden für das Evangelisierungswerk ein und leiteten regelmäßig 685 211 Heimbibelstudien.
Die Verheißung, ‘der Kleine werde zu einem Tausend werden’, hat sich bestimmt erfüllt — und mehr als das! In über 50 Ländern und Inselgebieten, wo es noch nicht einmal e i n e n „Kleinen“ gab — ja, wo es 1919 keine Zeugen Jehovas gab und sie überhaupt noch nicht gepredigt hatten —, werden heute mehr als tausend Lobpreiser Jehovas gezählt. In einigen dieser Länder verkündigen nun Zehntausende, ja sogar mehr als hunderttausend Zeugen Jehovas eifrig das Königreich Gottes. Weltweit gesehen, sind Jehovas Zeugen „zu einer mächtigen Nation“ geworden — als vereinte globale Versammlung ist ihre Zahl größer als die jeweilige Bevölkerungszahl von mindestens 80 unabhängigen Staaten der Welt.
Wieviel wird in „anderen Ländern“ gepredigt?
Im Jahre 1992 gab es weltweit immer noch 24 „andere Länder“ — das heißt Länder, in denen die Regierungen den Zeugen Jehovas strenge Einschränkungen auferlegen und von denen keine ins einzelne gehenden Berichte veröffentlicht werden. Zum Teil ist dort viel gepredigt worden. Dennoch ist in manchen dieser Länder die Zahl der Zeugen ziemlich niedrig. Es gibt dort immer noch Menschen, die die Königreichsbotschaft noch nicht gehört haben. Aber Jehovas Zeugen sind zuversichtlich, daß das Zeugnis im nötigen Ausmaß gegeben wird. Warum?
Weil die Bibel zeigt, daß Jesus Christus von seinem himmlischen Thron aus das Werk selbst beaufsichtigt (Mat. 25:31-33). Unter seiner Leitung hat ein ‘Engel, der in der Mitte des Himmels fliegt’, die Verantwortung, eine ewige gute Botschaft zu verkünden und „jeder Nation und jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk“ eindringlich zu sagen: „Fürchtet Gott, und gebt ihm die Ehre“ (Offb. 14:6, 7). Keine Macht im Himmel oder auf der Erde kann Jehova davon abhalten, diejenigen, „die zum ewigen Leben richtig eingestellt“ sind, zu sich zu ziehen (Apg. 13:48; Joh. 6:44).
Kein Fleckchen Erde ist so isoliert, daß die Königreichsbotschaft nicht dorthin gelangen kann. Verwandte machen dort Besuche. Das Telefon und die Post leiten Nachrichten weiter. Geschäftsleute, Arbeiter, Studenten und Touristen kommen mit Menschen anderer Länder in Kontakt. Wie in der Vergangenheit, so wird auch heute die lebenswichtige Botschaft, daß Jehova seinen himmlischen König auf den Thron erhoben und ihm Gewalt über die Nationen gegeben hat, weiterhin auf diesen verschiedenen Wegen bekanntgemacht. Die Engel können sicherstellen, daß Menschen, die nach Wahrheit und Gerechtigkeit hungern und dürsten, erreicht werden.
Wenn es der Wille des Herrn ist, daß die Königreichsbotschaft in einigen Gebieten, wo die Regierung bislang Schwierigkeiten bereitet hat, freier gepredigt wird, kann Gott Umstände herbeiführen, durch die die Regierungen zu einer Kursänderung veranlaßt werden (Spr. 21:1). Und wo sich vielleicht noch Türen auftun, werden sich Jehovas Zeugen freudig einsetzen, um den Menschen in diesen Ländern, so gut es nur geht, zu helfen, den liebevollen Vorsatz Jehovas kennenzulernen. Sie sind entschlossen, in ihrem Dienst nicht nachzulassen, bis Jehova durch Jesus Christus sagt, daß das Werk getan ist.
Im Jahre 1992 predigten Jehovas Zeugen in 229 Ländern und Inselgebieten. Bis zu diesem Jahr hatte die gute Botschaft von Gottes Königreich auf die eine oder andere Weise 235 Länder und Inselgebiete erreicht. In 10 dieser Länder gelangte sie zum erstenmal nach 1975.
Wie gründlich wurde Zeugnis gegeben? In den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg setzten Jehovas Zeugen 4 635 265 939 Stunden ein, um den Namen und das Königreich Jehovas bekanntzumachen. Wegen der größeren Zahl von Zeugen und des größeren Anteils von Vollzeitdienern wurden in den folgenden 15 Jahren (das heißt in der Hälfte des vorher genannten Zeitraums) 7 858 677 940 Stunden dafür aufgewandt, öffentlich und von Haus zu Haus Zeugnis zu geben und Heimbibelstudien zu leiten. Und das Werk wurde noch weiter intensiviert, denn allein 1990/91 wurden 951 870 021 Stunden Predigtdienst verzeichnet und im Jahr darauf über eine Milliarde Stunden.
Die Menge an biblischer Literatur, die von den Zeugen verbreitet wurde, um das Königreich bekanntzumachen, und die Vielzahl der Sprachen, in denen sie zur Verfügung steht, sind mit nichts zu vergleichen, was Menschen je auf irgendeinem Gebiet geleistet haben. Die Aufzeichnungen sind unvollständig, aber aus den vorhandenen Berichten geht hervor, daß zwischen 1920 und 1992 in 294 Sprachen 10 107 565 269 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie unzählige Milliarden Traktate in die Hände interessierter Personen gelegt wurden.
Zu der Zeit, als dieser Bericht verfaßt wurde, war das weltweite Zeugniswerk noch nicht abgeschlossen. Doch das, was bereits geleistet wurde, und die Umstände, unter denen es bewältigt wurde, sind ein überzeugender Beweis für das Wirken des Geistes Gottes.
[Herausgestellter Text auf Seite 502]
Große Kongresse und das christliche Verhalten der Delegierten haben Aufmerksamkeit erregt
[Herausgestellter Text auf Seite 505]
„Die Kongreßbesucher [sind], was Ordentlichkeit, Friedlichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein nachahmenswertes Beispiel“
[Herausgestellter Text auf Seite 507]
In Ländern, wo die Zeugen jahrzehntelang verboten gewesen waren, fanden historische Kongresse statt
[Herausgestellter Text auf Seite 508]
In osteuropäische Länder wurden Tausende von Tonnen biblische Literatur versandt
[Herausgestellter Text auf Seite 509]
Befähigte Älteste zogen freiwillig in Länder, wo dringend Hilfe benötigt wurde
[Herausgestellter Text auf Seite 516]
Sie haben den Wunsch, in jedem Haus so viele Personen wie möglich zu erreichen
[Herausgestellter Text auf Seite 518]
Erstaunliches Wachstum und Aussichten auf weitere Mehrung
[Übersicht/Bilder auf Seite 513]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Zunahme an Verkündigern des Königreiches in Asien
Indien
10 000
5 000
1950 1960 1970 1980 1992
Republik Korea
60 000
30 000
1950 1960 1970 1980 1992
Japan
150 000
100 000
50 000
1950 1960 1970 1980 1992
[Bild auf Seite 503]
In Brasilien mußten 1985 für die vielen Besucher des Kongresses der Zeugen Jehovas das Morumbi-Stadion in São Paulo (unten abgebildet) und das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro gleichzeitig benutzt werden
[Bilder auf Seite 504]
Einige Taufanwärter 1989 in Chorzów (Polen)
[Bilder auf Seite 506]
Historische Kongresse von 1991
Prag (Tschechoslowakei)
Rechts: Tallinn (Estland)
Rechts: Zagreb (Kroatien)
Oben: Budapest (Ungarn)
Rechts: Baia Mare (Rumänien)
Unten: Ussolje-Sibirskoje (Rußland)
Oben: Alma-Ata (Kasachstan)
Links: Kiew (Ukraine)
[Bilder auf Seite 511]
Internationaler Kongreß der Zeugen Jehovas 1992 in St. Petersburg (Rußland)
Eine herzliche internationale Atmosphäre
Aus Rußland
Aus Moldawien
Aus der Ukraine
Es waren viele junge Leute anwesend
M. G. Henschel (links) bespricht mit Hilfe eines Dolmetschers das Programm mit Stepan Kozhemba (Mitte)
Delegierte aus dem Ausland brachten für Zeugen in ganz Rußland russische Bibeln mit
[Bild auf Seite 512]
Gemäß diesen italienischen Zeitungsausschnitten erklärte die katholische Kirche in den 80er Jahren Jehovas Zeugen den Krieg
[Bild auf Seite 514]
Wenn in Rotterdam (Niederlande) Schiffe anlegen, stehen dort Zeugen bereit, um mit den Männern über Gottes Königreich zu sprechen
[Bild auf Seite 515]
Selbst wo das Gebiet oft bearbeitet wird, wie hier in Guadeloupe, versuchen die Zeugen weiterhin, mit der guten Botschaft das Herz ihrer Mitmenschen zu erreichen
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Missionare fördern die weltweite AusdehnungJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 23
Missionare fördern die weltweite Ausdehnung
DIE eifrige Tätigkeit von Missionaren, die bereit sind, dort zu dienen, wo sie benötigt werden, hat bei der weltweiten Verkündigung des Königreiches Gottes eine wichtige Rolle gespielt.
Schon lange bevor die Watch Tower Bible and Tract Society eine Missionarschule einrichtete, sind Missionare in andere Länder geschickt worden. Der erste Präsident der Gesellschaft, C. T. Russell, erkannte die Notwendigkeit, daß befähigte Personen in fremden Ländern mit dem Predigen der guten Botschaft begannen und darin die Führung übernahmen. Zu diesem Zweck sandte er folgende Männer aus: Adolf Weber nach Europa, E. J. Coward in die Karibik, Robert Hollister nach Asien und Joseph Booth in den Süden Afrikas. Leider erwies es sich, daß J. Booth mehr an seinen eigenen Plänen gelegen war. Deshalb wurde im Jahre 1910 William Johnston von Schottland nach Njassaland (heute Malawi) geschickt, wo der negative Einfluß von J. Booth besonders zu spüren war. Bruder Johnston erhielt danach den Auftrag, in Durban (Südafrika) ein Zweigbüro der Watch Tower Society zu eröffnen; später diente er als Zweigaufseher in Australien.
Nach dem Ersten Weltkrieg sandte J. F. Rutherford noch weitere Missionare aus: zum Beispiel Thomas Walder und George Phillips von Großbritannien nach Südafrika, W. R. Brown von seiner Gebietszuteilung Trinidad nach Westafrika, George Young von Kanada nach Südamerika und nach Europa, Juan Muñiz zuerst nach Spanien und dann nach Argentinien, George Wright und Edwin Skinner nach Indien, gefolgt von Claude Goodman, Ron Tippin und anderen. Es waren echte Pioniere, die in Gebiete vordrangen, wo die gute Botschaft nur wenig oder überhaupt nicht gepredigt worden war. Auf diese Weise legten sie eine feste Grundlage für die spätere Ausdehnung der Organisation.
Es gab noch andere, die, ebenfalls vom Missionargeist angetrieben, aus ihrem Heimatland fortzogen, um in einem anderen Land zu predigen. Zu ihnen gehörten Kate Goas und ihre Tochter Marion, die jahrelang in Kolumbien und Venezuela eifrig tätig waren. Ein weiterer war Joseph Dos Santos; er verließ Hawaii, um einen Predigtfeldzug zu unternehmen, und verrichtete dann 15 Jahre auf den Philippinen seinen Dienst. Und Frank Rice reiste mit einem Frachtschiff von Australien nach Java (heute ein Teil Indonesiens), um dort das Predigtwerk zu eröffnen.
Im Jahre 1942 nahmen jedoch Pläne für eine Schule Gestalt an, die eigens dazu bestimmt war, Männer und Frauen auszubilden, die bereit waren, irgendwo im weltweiten Gebiet, wo sie benötigt wurden, als Missionare zu dienen.
Gileadschule
Da der Weltkrieg in vollem Gange war, schien es vom menschlichen Standpunkt aus unvernünftig zu sein, Pläne zu entwickeln, das Königreichspredigtwerk in fremden Ländern zu erweitern. Doch im September 1942 billigte der Vorstand der zwei hauptsächlichen rechtlichen Körperschaften, deren sich Jehovas Zeugen bedienen, im vollen Vertrauen auf Jehova den Vorschlag N. H. Knorrs, eine Schule einzurichten, in der Missionare und andere für besondere Aufgaben ausgebildet werden sollten. Sie sollte Watchtower Bible College of Gilead genannt werden. Später wurde der Name auf Watchtower Bible School of Gilead (Wachtturm-Bibelschule Gilead) abgeändert. Es wurde kein Schulgeld verlangt, und die Gesellschaft verköstigte die Studenten während ihres Studiums und bot ihnen Unterkunft.
Albert D. Schroeder, der in der Dienstabteilung im Hauptbüro der Gesellschaft in Brooklyn und als Zweigaufseher in Großbritannien viel Erfahrung gesammelt hatte, gehörte zu denen, die beauftragt wurden, bei der Ausarbeitung des Lehrplans mitzuhelfen. Wegen seiner positiven Einstellung, der Art und Weise, wie er sich für die Studenten verausgabte, und seines aufrichtigen Interesses an ihnen gewann er in den 17 Jahren seines Dienstes als Registrator der Schule und als Unterweiser ihre Zuneigung. Im Jahre 1974 wurde er ein Mitglied der leitenden Körperschaft, und im darauffolgenden Jahr beauftragte man ihn, im Lehrkomitee tätig zu sein.
Bruder Schroeder und die übrigen Unterweiser (Maxwell Friend, Eduardo Keller und Victor Blackwell) arbeiteten einen fünfmonatigen Kurs aus, in dem auf das eigentliche Bibelstudium besonderer Wert gelegt wurde und auf die Fächer Theokratische Organisation, Biblische Lehren, Öffentliches Reden, Predigtdienst, Missionardienst, Religionsgeschichte, Göttliches Recht, Umgang mit Regierungsvertretern, Internationales Recht und die Führung von Unterlagen sowie auf das Erlernen einer Fremdsprache. Im Laufe der Jahre wurde der Lehrplan zwar einige Male abgeändert, aber das Studium der Bibel und das Evangelisierungswerk hat darin immer an erster Stelle gestanden. Der Kurs soll den Glauben der Studenten stärken und ihnen helfen, Eigenschaften zu entwickeln, die sie benötigen, um den Herausforderungen des Missionardienstes erfolgreich zu begegnen. Es wird die Wichtigkeit betont, völlig auf Jehova zu vertrauen und ihm gegenüber loyal zu sein (Ps. 146:1-6; Spr. 3:5, 6; Eph. 4:24). Man gibt den Studenten nicht gleich auf alles eine Antwort, sondern sie werden geschult, selbst Nachforschungen anzustellen; es wird ihnen geholfen, die Gründe für den Glauben der Zeugen Jehovas zu erkennen und warum diese sich an gewisse Verfahrensweisen halten. Die Studenten lernen, Grundsätze zu erkennen, nach denen sie sich ausrichten können. Auf diese Weise wird eine Grundlage für weiteren Fortschritt gelegt.
Am 14. Dezember 1942 schickte man die Einladungen an die angehenden Studenten der ersten Klasse. Mitten im Winter wurde im Schulgebäude — es befand sich in South Lansing im Staat New York — die Immatrikulation der 100 Studenten, aus denen diese Klasse bestand, vorgenommen. Sie waren voller Bereitwilligkeit und Eifer, doch auch etwas nervös. Obwohl ihr hauptsächliches Interesse ihrem Studium galt, waren sie sehr gespannt zu erfahren, wohin auf der weiten Erde sie nach der Abschlußfeier wohl gesandt würden.
Bruder Knorr sagte zu ihnen am Eröffnungstag — es war der 1. Februar 1943 — in einer Ansprache: „Ihr werdet ferner für eine Tätigkeit geschult, die der Tätigkeit des Apostels Paulus, des Markus, des Timotheus und anderer gleicht, derjenigen, die überall im Römischen Reich umherreisten, um die Botschaft vom Königreich zu verkündigen. Sie mußten durch das Wort Gottes gestärkt werden. Gottes Vorsätze mußten sie genau kennen. An so manchen Orten standen sie den Hochrangigen und Mächtigen dieser Welt allein gegenüber. Vielleicht ergeht es euch ebenso; dann wird Gott eure Stärke sein.
Es gibt noch viele Orte, an denen das Zeugnis vom Königreich erst in sehr geringem Maße gegeben worden ist. Die Bevölkerung befindet sich dort in Finsternis, und die Religion ist daran schuld. In gewissen Ländern, in denen es einige Zeugen gibt, kann man feststellen, daß die Menschen guten Willens die Botschaft bereitwillig annehmen und sich mit der Organisation des Herrn verbinden würden, wenn sie richtig unterrichtet würden. Die gute Botschaft könnte noch Hunderten und Tausenden überbracht werden, wenn es mehr Arbeiter im Felde gäbe. Durch des Herrn Gnade werden es mehr werden.
Es ist NICHT der Zweck dieser Schule, ordinierte Diener Gottes auszubilden. Ihr seid bereits Diener Gottes und seid schon jahrelang als solche tätig gewesen. ... Diese Schule hat einzig und allein den Zweck, euch weiter auszubilden, damit ihr noch besser befähigt werdet, in dem Gebiet, in das man euch sendet, als Diener Gottes zu amtieren. ...
Eure Hauptaufgabe besteht darin, das Evangelium vom Königreich von Haus zu Haus zu verkündigen, wie Jesus und die Apostel dies taten. Wenn ihr Menschen gefunden habt, die ein hörendes Ohr haben, solltet ihr Nachbesuche vereinbaren, Heimbibelstudien beginnen und alle diese Personen in einer Stadt oder in einem Dorf zu einer Gruppe [Versammlung] vereinigen. Es wird nicht nur euer Vorrecht sein, Gruppen zu organisieren, sondern ihr müßt diesen Menschen auch helfen, Gottes Wort zu verstehen; ihr müßt sie stärken, ihnen von Zeit zu Zeit eine Ansprache halten, ihnen bei ihren Dienstversammlungen und ihren organisatorischen Problemen helfen. Wenn sie stark und selbständig geworden sind und das Gebiet bearbeiten können, könnt ihr anderswo hingehen und das Königreich in einer anderen Stadt verkündigen. Hin und wieder ist es vielleicht notwendig, zu ihnen zurückzukehren, um sie im allerheiligsten Glauben zu erbauen und Lehrpunkte zu klären. Es ist also eure Aufgabe, euch um die ,anderen Schafe‘ des Herrn zu kümmern und sie nicht im Stich zu lassen (Joh. 10:16). Eure eigentliche Arbeit ist, den Menschen guten Willens behilflich zu sein. Ihr müßt zwar Initiative besitzen, aber die Leitung Gottes suchen.“a
Nach fünf Monaten beendeten die Studenten der ersten Klasse ihre besondere Ausbildung. Es wurden die Visa besorgt und Reisevorkehrungen getroffen, und dann zogen sie in neun verschiedene Länder Lateinamerikas aus. Bereits drei Monate nach der Abschlußfeier befanden sich die ersten in der Gileadschule ausgebildeten Missionare, die die Vereinigten Staaten verlassen sollten, auf dem Weg nach Kuba. Bis 1992 sind mehr als 6 500 Studenten aus über 110 Ländern geschult worden, und sie waren danach in weit über 200 Ländern und Inselgebieten tätig.
Bruder Knorr war bis zu seinem Tod, 34 Jahre nach der Eröffnung der Gileadschule, sehr an der Tätigkeit der Missionare interessiert. Wenn nur irgend möglich, besuchte er jede Klasse mehrere Male und hielt Vorträge; außerdem nahm er andere Mitarbeiter aus dem Hauptbüro mit, damit sie zu den Studenten sprechen konnten. Nachdem die Missionare ihren Dienst im Ausland angetreten hatten, besuchte er die Missionargruppen, half ihnen beim Lösen von Problemen und ließ ihnen die nötige Ermunterung zuteil werden. Als die Zahl der Missionargruppen zunahm, sorgte er dafür, daß andere befähigte Brüder ebenfalls solche Besuche machten, so daß allen Missionaren, ganz gleich, wo sie dienten, regelmäßig persönliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Diese Missionare waren anders
Die Missionare der Christenheit haben Kranken- und Waisenhäuser sowie Flüchtlingszentren eingerichtet, um für die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu sorgen. Als selbsternannte Verteidiger der Armen haben sie zu Revolutionen aufgehetzt und sich an Guerillakriegen beteiligt. Im Gegensatz dazu unterweisen die Missionare, die die Gileadschule absolviert haben, die Menschen in der Bibel. Statt Kirchen zu bauen und zu erwarten, daß die Leute zu ihnen kommen, gehen sie von Haus zu Haus, um nach Personen zu suchen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, und diese dann zu belehren.
Die Missionare der Zeugen Jehovas halten sich eng an Gottes Wort und zeigen den Menschen, wieso die wahre und dauerhafte Lösung der Probleme der Menschheit Gottes Königreich ist (Mat. 24:14; Luk. 4:43). Der Unterschied zwischen diesem Werk und den Missionaren der Christenheit fiel 1951 Peter Vanderhaegen besonders auf, als er sich auf dem Weg in seine Gebietszuteilung in Indonesien befand. Der einzige Passagier an Bord des Frachtschiffs war ein Missionar der Baptisten. Bruder Vanderhaegen versuchte zwar, mit ihm über die gute Botschaft von Gottes Königreich zu sprechen, aber der Baptist gab ihm deutlich zu verstehen, daß es für ihn am wichtigsten sei, Chiang Kai-shek in Taiwan zu unterstützen, der versuchte, auf dem Festland wieder an die Macht zu gelangen.
Viele andere haben indessen den Wert des Wortes Gottes schätzengelernt. Als Olaf Olson in Barranquilla (Kolumbien) mit Antonio Carvajalino, einem überzeugten Anhänger einer gewissen politischen Bewegung, über die Wahrheit sprach, unterstützte ihn Bruder Olson weder in seiner Meinung, noch verfocht er eine andere politische Ideologie. Statt dessen bot er Antonio an, mit ihm und seinen Schwestern unentgeltlich die Bibel zu studieren. Bald erkannte Antonio, daß Gottes Königreich tatsächlich die einzige Hoffnung für die Armen in Kolumbien und in der übrigen Welt ist (Ps. 72:1-4, 12-14; Dan. 2:44). Antonio und seine Schwestern wurden eifrige Diener Gottes.
Daß die Missionare der Zeugen Jehovas nichts mit dem Religionssystem der Christenheit zu tun haben, wurde noch auf andere Weise deutlich, und zwar durch etwas, was sich in Rhodesien (heute Simbabwe) zutrug. Donald Morrison sprach bei einem Missionar der Christenheit vor, und dieser beklagte sich, daß Jehovas Zeugen nicht die festgesetzten Grenzen respektieren würden. Welche Grenzen? Nun, die Glaubensgemeinschaften der Christenheit hatten das Land in Bezirke eingeteilt, und jede war ohne die Einmischung einer anderen in ihrem Gebiet tätig. Mit einem solchen Abkommen konnten Jehovas Zeugen aber nicht einverstanden sein. Jesus hatte gesagt, die Königreichsbotschaft solle auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden. Es lag auf der Hand, daß die Christenheit diesem Auftrag nicht nachkam. Die Gileadmissionare waren entschlossen, Christus zu gehorchen und ein gründliches Zeugnis zu geben.
Diese Missionare wurden ausgesandt, um zu dienen, und nicht, um bedient zu werden. Auf verschiedene Weise war zu erkennen, daß sie sich wirklich bemühten, das zu tun. Es ist nicht verkehrt, materielle Dinge anzunehmen, die aus Wertschätzung für geistige Hilfe freiwillig (nicht erst nach einer Aufforderung) gegeben werden. Doch John Errichetti und Hermon Woodard stellten fest, daß sie, um das Herz der Menschen in Alaska zu erreichen, wie der Apostel Paulus mindestens etwas Zeit darauf verwenden mußten, durch ihrer Hände Arbeit für ihren Unterhalt zu sorgen (1. Kor. 9:11, 12; 2. Thes. 3:7, 8). Ihre Hauptbeschäftigung war zwar das Predigen der guten Botschaft, doch wenn ihnen Gastfreundschaft erwiesen wurde, packten sie auch bei anfallenden Arbeiten zu; beispielsweise halfen sie einem Mann beim Teeren seines Daches, als sie merkten, daß er Hilfe benötigte. Und wenn sie mit dem Schiff von einem Ort zu einem anderen fuhren, legten sie beim Entladen mit Hand an. Die Leute erkannten bald, daß diese Missionare ganz anders waren als die Geistlichkeit der Christenheit.
In einigen Ländern mußten die Missionare der Zeugen Jehovas eine Zeitlang einer weltlichen Arbeit nachgehen, um sich im Land niederlassen und ihren Dienst dort durchführen zu können. So gab Jesse Cantwell, als er nach Kolumbien kam, an der medizinischen Fakultät einer Universität Englischunterricht, bis sich die politische Lage änderte und die religiösen Einschränkungen aufgehoben wurden. Danach konnte er sich seine Erfahrung ausschließlich in seinem christlichen Dienst als reisender Aufseher der Zeugen Jehovas zunutze machen.
In vielen Ländern mußten sich die Missionare anfangs mit einem Touristenvisum begnügen, das es ihnen erlaubte, einen oder vielleicht mehrere Monate im Land zu bleiben. Dann mußten sie ausreisen und wieder zurückkehren. Aber sie waren beharrlich und wiederholten diesen Vorgang immer wieder, und zwar so lange, bis sie die erforderlichen Papiere für eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Es war ihr Herzenswunsch, Menschen in den Ländern zu helfen, in die sie gesandt worden waren.
Die Missionare kamen sich nicht besser vor als die einheimische Bevölkerung. John Cutforth — ursprünglich Lehrer in Kanada — besuchte in Papua-Neuguinea als reisender Aufseher Versammlungen und einzelne Zeugen Jehovas in abgelegenen Gebieten. Er setzte sich zu ihnen auf den Boden, aß mit ihnen zusammen und nahm Einladungen an, in ihren Hütten auf einer Matte auf dem Fußboden zu schlafen. Es machte ihm Freude, mit ihnen gemeinsam in den Predigtdienst zu gehen. Außenstehende, die das beobachteten, waren darüber erstaunt, denn europäischen Pastoren von Missionsgesellschaften der Christenheit sagte man nach, daß sie auf Distanz zwischen sich und den Einheimischen bedacht und immer nur bei einigen ihrer Zusammenkünfte mit ihren Gemeindemitgliedern kurz zusammen seien; sie aßen nie mit ihnen gemeinsam.
Die Menschen, unter denen diese Zeugen Jehovas tätig waren, spürten das liebevolle Interesse der Missionare und der Organisation, die sie ausgesandt hatte. Auf den Brief João Mancocas hin, eines einfachen Afrikaners, der in einer Strafkolonie in Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) gefangengehalten wurde, sandte man einen Wachtturm-Missionar, um geistige Hilfe zu leisten. Später nahm Bruder Mancoca auf diesen Besuch Bezug, als er sagte: „Ich zweifelte nicht länger daran, daß dies die wahre Organisation ist, die Gottes Unterstützung hat. Ich sagte mir, daß keine andere Religionsgemeinschaft so etwas tun würde: ohne Bezahlung einen Missionar so weit zu schicken, um eine unbedeutende Person zu besuchen, nur weil sie einen Brief geschrieben hatte.“
Lebensbedingungen und Bräuche
In den Ländern, in die Missionare gesandt wurden, war der Lebensstandard oft nicht so hoch wie in ihrem Heimatland. Als Robert Kirk Anfang 1947 in Birma (heute Myanmar) landete, waren die Auswirkungen des Krieges noch immer zu sehen. Nur wenige Häuser hatten elektrisches Licht. In zahlreichen Ländern stellten die Missionare fest, daß die Wäsche nicht mit einer elektrischen Waschmaschine gewaschen wurde, sondern Stück für Stück auf einem Waschbrett oder auf Felsen an einem Fluß. Aber sie waren gekommen, um die Menschen über die biblische Wahrheit zu belehren; deshalb paßten sie sich einfach den örtlichen Verhältnissen an und widmeten sich intensiv dem Predigtdienst.
In der Anfangszeit kam es häufig vor, daß die Missionare bei ihrer Ankunft von niemandem willkommen geheißen wurden. Sie mußten sich selbst eine Wohnung suchen. Als Charles Eisenhower und elf andere Missionare 1943 auf Kuba eintrafen, schliefen sie die erste Nacht auf dem Fußboden. Am folgenden Tag kauften sie Betten und zimmerten sich aus Apfelkisten Kleiderschränke. In dem Bemühen, die Kosten für Miete, Nahrung und andere Bedürfnisse zu bestreiten, verwendeten alle Missionargruppen die Beiträge, die sie für die Literatur erhielten, sowie die geringe Sonderpionierzuwendung von der Watch Tower Society und vertrauten dabei völlig auf Jehova.
Bei der Zubereitung der Mahlzeiten mußten sie manchmal umdenken. Wenn es keine Kühlvorrichtungen gab, blieb ihnen nichts anderes übrig, als jeden Tag zum Markt zu gehen. In vielen Ländern wurde nicht auf einem Gas- oder Elektroherd gekocht, sondern auf einem mit Holzkohle oder Holz gespeisten Feuer. George und Willa Mae Watkins, die nach Liberia gesandt wurden, stellten fest, daß ihr Herd nur aus drei Steinen bestand, auf denen ein Eisenkessel stand.
Und was ist über das Wasser zu sagen? Als Ruth McKay ihr neues Zuhause in Indien betrachtete, sagte sie: „Solch eine Wohnung habe ich noch nie gesehen. In der Küche gibt es kein Spülbecken, nur einen Wasserhahn in einer Ecke mit einer niedrigen Zementeinfassung, die verhindert, daß der ganze Boden naß wird. Es gibt nicht den ganzen Tag Wasser, sondern man muß es speichern, um etwas zu haben, wenn es abgestellt wird.“
Da die örtlichen Verhältnisse für die Missionare ungewohnt waren, wurden mehrere in den ersten Monaten in dem ihnen zugeteilten Land von Krankheiten geplagt. Russell Yeatts erkrankte nach seiner Ankunft auf Curaçao im Jahre 1946 immer wieder an Ruhr. Doch ein einheimischer Bruder hatte Jehova in einem Gebet so inbrünstig für die Missionare gedankt, daß es für sie undenkbar gewesen wäre, wieder fortzugehen. Als Brian und Elke Wise in Obervolta (heute Burkina Faso) ankamen, fanden sie harte klimatische Bedingungen vor, die alles andere als der Gesundheit förderlich waren. Sie mußten lernen, mit Tagestemperaturen von über 40 Grad Celsius fertig zu werden. Im ersten Jahr ging es Elke wegen der brütenden Hitze und aufgrund von Malaria wochenlang gesundheitlich gar nicht gut. Im nächsten Jahr zog sich Brian eine schwere Hepatitis zu, weswegen er fünf Monate ans Bett gefesselt war. Aber bald konnten sie so viele erfolgversprechende Bibelstudien durchführen, wie es ihnen nur möglich war, ja sogar mehr, als sie eigentlich betreuen konnten. Die Liebe zu diesen Menschen half ihnen durchzuhalten. Außerdem betrachteten sie die Tätigkeit in ihrer Gebietszuteilung als ein Vorrecht und ihre Erfahrungen dort als eine gute Schulung für das, was Jehova mit ihnen in der Zukunft noch vorhatte.
Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Missionare in ihrer Gebietszuteilung willkommen geheißen — sowohl von Missionaren, die schon früher gekommen waren, als auch von den einheimischen Zeugen. Einige wurden in Länder gesandt, die ziemlich moderne Städte hatten. Von 1946 an bemühte sich die Watch Tower Society auch, jeder Missionargruppe eine geeignete Wohnung und grundlegendes Mobiliar sowie Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. So brauchten sich die Missionare darum keine Sorgen mehr zu machen, und sie konnten dem Predigtwerk mehr Aufmerksamkeit schenken.
Das Reisen war in einer Reihe von Ländern ein Erlebnis, das das Ausharren der Missionare auf die Probe stellte. In Papua-Neuguinea passierte es mehreren Missionarinnen, daß ihre Schuhe im Schlamm steckenblieben, als sie sich nach einem Regenguß mit einem vollen Rucksack auf dem Rücken auf einem schlüpfrigen Pfad durch den Busch kämpften. In Südamerika erlebten nicht wenige Missionare das haarsträubende Abenteuer einer Busfahrt auf schmalen Straßen hoch oben in den Anden. Man vergißt es nicht so schnell, wenn der Fahrer des Busses, mit dem man reist, in einer Kurve versucht, am äußeren Rand einer Straße ohne Leitplanken an einem entgegenkommenden großen Fahrzeug vorbeizukommen, wobei man das Gefühl hat, daß der Bus jeden Moment den Abgrund hinunterstürzt.
In einigen Ländern gehörten Revolutionen anscheinend schon zum Alltag, aber die Missionare der Zeugen Jehovas behielten die Worte Jesu im Sinn, daß seine Jünger „kein Teil der Welt“ seien; deshalb verhielten sie sich in solchen Konflikten neutral (Joh. 15:19). Sie lernten, ihre Neugier zu unterdrücken, damit sie sich nicht unnötigerweise in Gefahr begeben würden. Meistens war es das beste, einfach im Haus zu bleiben, bis sich die Lage beruhigt hatte. In Vietnam wohnten neun Missionare mitten in Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt), als der Krieg über die Stadt hereinbrach. Sie konnten beobachten, wie Bomben abgeworfen wurden, wie es überall in der Stadt brannte und wie Tausende flohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber sie waren sich bewußt, daß Jehova sie dorthin gesandt hatte, um der nach Wahrheit hungernden Bevölkerung lebengebende Kenntnisse zu vermitteln, und deshalb vertrauten sie darauf, daß er sie beschützen würde.
Selbst unter relativ friedlichen Verhältnissen war es in manchen Vierteln asiatischer Städte für die Missionare schwierig, ihren Predigtdienst durchzuführen. Schon der bloße Anblick eines Ausländers in den engen Gassen eines Armenviertels von Lahore (Pakistan) lockte eine Menge ungewaschener, ungepflegter Kinder aller Altersklassen an. Schreiend und sich gegenseitig stoßend, gingen sie dem Missionar von Haus zu Haus nach und folgten ihm oft bis in die Wohnungen. Bald kannte die ganze Straße den Preis für die Zeitschriften, und die Leute wußten, daß der Fremde „Christen macht“. Unter solchen Umständen blieb dem Missionar gewöhnlich nichts anderes übrig, als das Gebiet zu verlassen. Das geschah dann oft unter Schreien und Händeklatschen und in einigen Fällen unter einem Steinhagel.
Häufig mußten sich die Missionare wegen der einheimischen Bräuche umstellen. In Japan lernten sie, ihre Schuhe am Eingang eines Hauses stehenzulassen, ehe sie eintraten. Und sie mußten sich daran gewöhnen, wenn möglich, bei Bibelstudien vor einem niedrigen Tisch auf dem Fußboden zu sitzen. In einigen Regionen Afrikas fanden sie heraus, daß es eine Beleidigung war, jemand etwas mit der linken Hand anzubieten. Außerdem gehörte es sich dort nicht, daß man den Grund seines Besuches erklärte, ohne sich vorher etwas unterhalten zu haben. Man fragte sich zum Beispiel erst gegenseitig, wie es einem geht, woher man kommt und wie viele Kinder man hat. In Brasilien stellten die Missionare fest, daß man nicht an die Tür klopft, wenn man den Wohnungsinhaber sprechen möchte, sondern am Eingangstor in die Hände klatscht.
Im Libanon wurden die Missionare mit noch ganz anderen Bräuchen konfrontiert. Nur wenige Brüder brachten ihre Frau und ihre Töchter mit in die Zusammenkünfte. Und die Frauen, die anwesend waren, saßen nicht bei den Männern, sondern immer hinten. Da die Missionare den Brauch nicht kannten, sorgten sie bei ihrer ersten Zusammenkunft für beträchtliche Unruhe. Ein Ehepaar hatte sich vorn hingesetzt, und die ledigen Missionarinnen saßen dort, wo gerade ein Platz frei war. Eine Besprechung christlicher Grundsätze nach der Zusammenkunft half, das Mißverständnis auszuräumen. (Vergleiche 5. Mose 31:12; Galater 3:28.) Danach saßen Männer und Frauen nicht mehr getrennt. Mehr Ehefrauen und Töchter besuchten die Zusammenkünfte. Außerdem gingen sie mit den Missionarinnen gemeinsam in den Predigtdienst von Haus zu Haus.
Die Herausforderung, eine neue Sprache zu lernen
Die kleine Missionargruppe, die 1949 auf Martinique ankam, sprach nur sehr wenig Französisch. Die Missionare wußten aber, daß die Menschen die Königreichsbotschaft benötigten. Voller Glauben begannen sie mit dem Haus-zu-Haus-Dienst und versuchten, einige Verse aus der Bibel oder einen Auszug aus der von ihnen angebotenen Literatur vorzulesen. Mit Geduld konnten sie ihre Sprachkenntnisse nach und nach verbessern.
Obwohl sie den Wunsch hatten, den einheimischen Zeugen Jehovas und den Interessierten zu helfen, benötigten sie selbst zuerst Hilfe, und zwar beim Erlernen der Sprache. Diejenigen, die nach Togo gesandt worden waren, stellten fest, daß die Grammatik des Ewe, der Hauptsprache der Einheimischen, ganz anders war als die der europäischen Sprachen und daß der Sinn eines Wortes davon abhängen konnte, in welcher Stimmlage es gesprochen wurde. Zum Beispiel kann das Wort to in hoher Stimmlage Ohr, Berg, Schwiegervater oder Stamm bedeuten; in tiefer Lage hat es die Bedeutung von Büffel. Missionare, die ihren Dienst in Vietnam aufnahmen, mußten sich mit einer Sprache abplagen, in der es für jedes Wort sechs verschiedene Tonhöhen gibt, jede mit einem anderen Sinn.
Edna Waterfall, die nach Peru geschickt wurde, vergaß nicht so leicht die erste Haustür, an der sie versuchte, in Spanisch Zeugnis zu geben. Ihr brach der kalte Schweiß aus, als sie ihre auswendiggelernte Predigt stammelte, Literatur anbot und mit der Wohnungsinhaberin, einer älteren Dame, ein Bibelstudium vereinbarte. Dann sagte diese in perfektem Englisch: „Einverstanden, das ist alles sehr schön. Ich werde mit Ihnen studieren, und zwar werden wir es in Spanisch tun, um Ihnen zu helfen, Spanisch zu lernen.“ Ganz verwirrt erwiderte Edna: „Sie können Englisch und hören mir seelenruhig zu, wie ich gebrochen Spanisch spreche?“ „Es war zu Ihrem Nutzen“, antwortete sie. Sie hatte recht. Und Edna merkte bald, daß beim Erlernen einer Sprache das Sprechen sehr wichtig ist.
Als George Fredianelli in Italien die dortige Sprache zu sprechen versuchte, stellte er fest, daß die Wörter, die er gelernt hatte und von denen er dachte, es seien italienische Ausdrücke (in Wirklichkeit waren es aber italianisierte englische Wörter), von den Leuten nicht verstanden wurden. Um dieses Problem zu überwinden, beschloß er, für seine Ansprachen in den Zusammenkünften ein ausgeschriebenes Manuskript zu verwenden. Doch während er das Manuskript vorlas, schliefen viele Zuhörer ein. Er legte deshalb das Manuskript beiseite, begann frei zu sprechen, und sooft er ins Stocken geriet, bat er seine Zuhörer, ihm zu helfen. Sie wurden dadurch wach gehalten, und ihm half es, in seinen Sprachkenntnissen Fortschritte zu machen.
Um den Missionaren beim Lernen einer neuen Sprache behilflich zu sein, schloß der Gileadkurs in den ersten Klassen Sprachunterricht ein, zum Beispiel Unterricht in Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Japanisch, Arabisch und Urdu. Im Laufe der Jahre wurden über 30 Sprachen gelehrt. Die Absolventen einer bestimmten Klasse gingen aber nicht alle in Länder, wo dieselbe Sprache gesprochen wurde. Deshalb wurde später dieser Sprachunterricht nach ihrer Ankunft in dem ihnen zugeteilten Land durch einen Intensivkurs in der Landessprache ersetzt. Im ersten Monat vertieften sich die Neuankömmlinge täglich elf Stunden lang in ihr Sprachstudium; im folgenden Monat verwendeten sie darauf die Hälfte der Zeit zu Hause, und in der anderen Hälfte gebrauchten sie das Gelernte im Predigtdienst.
Es wurde jedoch festgestellt, daß das Sprechen der Sprache im Predigtdienst der eigentliche Schlüssel zum Erfolg war. Daher nahm man eine Änderung vor. In den ersten drei Monaten in der neuen Heimat lernen neue Missionare, die die Landessprache nicht beherrschen, jeden Tag vier Stunden unter der Anleitung eines befähigten Lehrers. Und von Anfang an wenden sie das Gelernte an, indem sie sich mit den Einheimischen über Gottes Königreich unterhalten.
Viele Missionargruppen arbeiteten als Team zusammen, um im Verständnis der Sprache Fortschritte zu machen. Sie besprachen täglich beim Frühstück einige neue Wörter, manchmal bis zu 20, und versuchten dann, diese im Predigtdienst zu gebrauchen.
Das Lernen der Landessprache trug entscheidend dazu bei, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. In einigen Ländern ist man Ausländern gegenüber mißtrauisch eingestellt. Hugh und Carol Cormican sind als Ledige und als Ehepaar in fünf afrikanischen Ländern tätig gewesen. Sie wissen wohl, daß die Afrikaner gegen die Europäer Mißtrauen hegen. Aber sie sagen: „Wenn man bald die Sprache der Einheimischen spricht, kann man dieses Gefühl abbauen. Und einige, die die gute Botschaft nicht von ihren Landsleuten annehmen wollen, hören uns bereitwillig zu, nehmen Literatur entgegen und studieren, weil wir uns die Mühe machen, mit ihnen in ihrer eigenen Sprache zu reden.“ Deswegen lernte Bruder Cormican fünf Sprachen und Schwester Cormican sechs.
Natürlich können beim Erlernen einer neuen Sprache auch Schwierigkeiten auftreten. Auf Puerto Rico machte ein Bruder den Menschen an der Tür das Angebot, ihnen eine biblische Botschaft auf Schallplatte vorzuspielen. Wenn ein Wohnungsinhaber dann sagte: „¡Como no!“, schloß er das Grammophon wieder und ging an die nächste Tür. Er verstand immer nur „no“, und es dauerte eine ganze Weile, bis er herausfand, daß der Ausdruck „Warum nicht?!“ bedeutete. Manchmal verstanden es die Missionare jedoch nicht, wenn die Wohnungsinhaber sagten, sie hätten kein Interesse, und fuhren einfach mit ihrer Predigt fort. Für einige verständnisvolle Wohnungsinhaber wirkte sich das zu ihrem Guten aus.
Es gab auch komische Situationen. Leslie Franks, der nach Singapur gesandt worden war, stellte fest, daß er achtgeben mußte, nicht „Kokosnuß“ („kelapa“) zu sagen, wenn er „Kopf“ („kepala“) meinte, und nicht „Gras“ („rumput“), wenn er „Haar“ („rambut“) meinte. Ein Missionar auf Samoa sprach ein Wort nicht richtig aus und fragte deshalb einen Einheimischen: „Wie geht es Ihrem Bart?“ (Der Mann hatte gar keinen.) In Wirklichkeit wollte sich der Bruder aber höflich nach dem Wohlbefinden der Ehefrau erkundigen. Als in Ecuador ein Busfahrer abrupt anfuhr, verlor Zola Hoffman, die in dem Bus stand, den Halt und fiel einem Mann auf den Schoß. Es war ihr peinlich, und sie wollte sich entschuldigen. Statt dessen sagte sie: „Con su permiso“ („Erlauben Sie bitte“). Als der Mann gutmütig erwiderte: „Nur zu, junge Frau“, brachen die anderen Fahrgäste in Gelächter aus.
Trotzdem erzielten die Missionare gute Ergebnisse, denn sie bemühten sich eifrig. Lois Dyer — sie kam 1950 nach Japan — erinnert sich an einen Rat von Bruder Knorr: „Gebt euer Bestes, und selbst wenn ihr Fehler macht, tut etwas!“ Sie und viele andere befolgten diesen Rat. In den folgenden 42 Jahren konnten die Missionare in Japan beobachten, wie die Zahl der Königreichsverkündiger dort von einigen wenigen auf über 170 000 anstieg, und die Zunahme geht weiter. Welch schöne Belohnung dafür, daß sie im Vertrauen auf Jehovas Führung bereit waren, sich anzustrengen!
Das Werk in neuen Gebieten eröffnen, in anderen intensivieren
In einer großen Anzahl von Ländern und Inselgebieten eröffneten die Missionare der Gileadschule das Predigtwerk oder gaben ihm den nötigen Auftrieb, nachdem andere in begrenztem Maße Zeugnis gegeben hatten. Sie waren anscheinend die ersten Zeugen Jehovas, die in Somalia, im Sudan, in Laos und zahlreichen Inselgebieten rund um die Welt die gute Botschaft predigten.
In Staaten oder Territorien wie Bolivien, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Äthiopien, Gambia, Liberia, Kambodscha, Hongkong, Japan und Vietnam wurde schon früher in begrenztem Maße gepredigt. Aber in diesen Gebieten erstattete kein Zeuge Jehovas über seine Tätigkeit Bericht, als die ersten Absolventen der Gileadschule eintrafen. Wo es möglich war, gingen die Missionare daran, das ganze Land systematisch zu bearbeiten, wobei sie sich zuerst auf die größeren Städte konzentrierten. Sie ließen nicht wie die Kolporteure in der Vergangenheit einfach Literatur zurück und zogen dann weiter, sondern machten geduldig Rückbesuche bei Interessierten, studierten mit ihnen die Bibel und schulten sie im Predigtdienst.
In anderen Gebieten gab es vor der Ankunft der Gileadmissionare nur etwa zehn Königreichsverkündiger (in vielen sogar noch weniger). Dazu gehörten Kolumbien, Guatemala, Haiti, Puerto Rico, Venezuela, Burundi, Elfenbeinküste (heute Côte d’Ivoire), Kenia, Mauritius, Senegal, Südwestafrika (heute Namibia), Ceylon (heute Sri Lanka), China und Singapur sowie zahlreiche Inselgebiete. Die Missionare gaben im Eifer für den Predigtdienst ein nachahmenswertes Beispiel, halfen den einheimischen Zeugen Jehovas dabei, ihre Fähigkeiten zu verbessern, gründeten Versammlungen und schulten Brüder, damit diese die Führung übernehmen konnten. In vielen Fällen eröffneten sie das Predigtwerk in jungfräulichem Gebiet.
Aufgrund dieser Hilfe nahm die Zahl der Zeugen Jehovas langsam, aber sicher zu. In den meisten der erwähnten Länder gibt es jetzt Tausende eifrige Zeugen. Ja in einigen Ländern sind Zehntausende oder sogar mehr als hunderttausend Lobpreiser Jehovas tätig.
Viele Menschen hörten interessiert zu
In manchen Gebieten fanden die Missionare eine große Anzahl Personen, die geradezu erpicht darauf waren zu lernen. Als Ted und Doris Klein, Absolventen der ersten Klasse der Gileadschule, 1947 auf den Jungferninseln ankamen, wollten so viele Menschen die Bibel studieren, daß sie häufig erst um Mitternacht ihren Dienst beenden konnten. Der erste öffentliche Vortrag, den Bruder Klein auf dem Marktplatz von Charlotte Amalie hielt, wurde von tausend Personen besucht.
Joseph McGrath und Cyril Charles wurden 1949 nach Taiwan in das Gebiet der Ami gesandt. Dort mußten sie zwar in strohgedeckten Häusern mit Fußböden aus Erde wohnen, aber sie waren ja gekommen, um den Menschen zu helfen. Einige Angehörige des Volksstammes der Ami hatten Wachtturm-Publikationen erhalten. Was sie darin gelesen hatten, hatte ihnen so sehr gefallen, daß sie auch mit anderen über die gute Botschaft gesprochen hatten. Jetzt konnten ihnen die Missionare helfen, im Glauben zu wachsen. Den Missionaren wurde mitgeteilt, daß 600 Personen an der Wahrheit interessiert seien. Doch insgesamt 1 600 wohnten den Zusammenkünften bei, die die Missionare abhielten, während sie von Dorf zu Dorf zogen. Diese demütigen Menschen waren zum Lernen bereit, aber in vielen Punkten mangelte es ihnen an genauer Erkenntnis. Geduldig gingen die beiden erwähnten Brüder daran, sie zu belehren, und nahmen sich dabei jeweils nur ein Thema vor. In jedem Dorf beantworteten sie oft acht Stunden oder länger Fragen über ein bestimmtes Thema. Außerdem schulten sie die 140 Personen, die den Wunsch äußerten, sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus zu beteiligen. Wieviel Freude das den Missionaren doch bereitete! Es gab indessen noch viel zu tun, wenn man wirklichen geistigen Fortschritt erzielen wollte.
Etwa 12 Jahre später wurden Harvey und Kathleen Logan — Gileadabsolventen, die in Japan tätig gewesen waren — beauftragt, den Brüdern vom Ami-Stamm weitere Hilfe zuteil werden zu lassen. Bruder Logan verbrachte viel Zeit damit, ihnen die biblischen Grundlehren und Grundsätze näherzubringen und ihnen Kenntnisse über organisatorische Angelegenheiten zu vermitteln. Schwester Logan arbeitete jeden Tag mit den Schwestern im Predigtdienst zusammen, und danach bemühte sie sich, ihnen biblische Grundlehren beizubringen. Im Jahre 1963 sorgte dann die Watch Tower Society dafür, daß in Verbindung mit einem Kongreß, der rund um die Welt abgehalten wurde, Delegierte aus 28 Ländern im Dorf Shou Feng mit den einheimischen Zeugen Jehovas zusammenkamen. Durch all das wurde eine feste Grundlage für weiteres Wachstum gelegt.
Zwei Missionare, Harry Arnott und Ian Fergusson, trafen 1948 in Nordrhodesien (heute Sambia) ein. Damals gab es schon 252 Versammlungen, die aus einheimischen afrikanischen Zeugen Jehovas bestanden, doch jetzt wandte man seine Aufmerksamkeit auch den Europäern zu, die wegen der Kupferminen dort hingezogen waren. Ihre Reaktion war begeisternd. Es wurde eine Menge Literatur bei ihnen zurückgelassen, und diejenigen, mit denen man die Bibel studierte, machten schnell Fortschritte. In jenem Jahr stieg die Zahl der Zeugen, das heißt derer, die sich am Predigtdienst beteiligten, um 61 Prozent.
Vielerorts war es nichts Ungewöhnliches, daß die Missionare Personen, die die Bibel studieren wollten, auf die Warteliste setzten. Manchmal waren Verwandte, Nachbarn und Freunde der Interessierten beim Studium anwesend. Mehrere Leute besuchten schon regelmäßig die Zusammenkünfte im Königreichssaal, ehe mit ihnen selbst die Bibel studiert werden konnte.
In anderen Ländern war jedoch trotz der großen Anstrengungen, die die Missionare unternahmen, die Ernte spärlich. Bereits im Jahre 1953 wurden Wachtturm-Missionare nach Ostpakistan (heute Bangladesch) gesandt, wo die Bevölkerung — zur Zeit über 115 000 000 — vornehmlich aus Muslimen und Hindus besteht. Es wurden enorme Anstrengungen unternommen, um den Menschen dort zu helfen. Aber 1992 gab es in dem Land nur 42 Anbeter Jehovas. In den Augen der Missionare, die in solchen Gebieten dienen, sind jedoch diejenigen, die die Wahrheit annehmen, besonders wertvoll, denn sie sind eine Seltenheit.
Mitzeugen liebevoll helfen
Die hauptsächliche Tätigkeit der Missionare ist das Evangelisieren, das Predigen der guten Botschaft vom Königreich. Doch bei dieser Tätigkeit können sie auch den einheimischen Zeugen eine große Hilfe sein. Die Missionare nehmen sie mit in den Predigtdienst und machen ihnen Vorschläge, wie sie mit schwierigen Situationen fertig werden können. Dadurch, daß die einheimischen Zeugen die Missionare beobachten, lernen sie meist, ihren Dienst wirkungsvoller durchzuführen und erfolgreichere Lehrer zu sein. Die einheimischen Zeugen helfen wiederum den Missionaren, sich den Landessitten anzupassen.
John Cooke sorgte kurz nach seiner Ankunft in Portugal im Jahre 1948 dafür, daß die Haus-zu-Haus-Tätigkeit systematisch durchgeführt wurde. Es gab zwar viele Zeugen dort, die diesen Dienst gern verrichten wollten, aber sie benötigten Schulung. Später sagte er: „Ich werde nie vergessen, wie ich anfangs mit den Schwestern in Almada in den Predigtdienst zog. Ja, zu demselben Haus gingen gleich sechs auf einmal. Stellt euch vor: Sechs Frauen an einer Tür, und eine von ihnen hält die Predigt! Doch nach und nach verstand man vieles besser, und das Werk ging voran.“
Der beispielhafte Mut von Missionaren half den Zeugen Jehovas auf den Leeward Islands, unerschrocken zu sein und sich von Gegnern, die das Werk behindern wollten, nicht einschüchtern zu lassen. In Spanien half der Glaube eines Missionars den Brüdern, trotz der katholischen faschistischen Diktatur, unter der sie damals lebten, den Haus-zu-Haus-Dienst aufzunehmen. Die Missionare, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan tätig waren, bekundeten auf vorbildliche Weise Takt, indem sie es vermieden, über das Versagen der Nationalreligion zu sprechen, nachdem der japanische Kaiser seinen Anspruch auf Göttlichkeit aufgegeben hatte, und statt dessen überzeugende Argumente für den Glauben an einen Schöpfer unterbreiteten.
Die Missionare waren sich damals oft nicht bewußt, welch tiefen Eindruck sie durch ihr Verhalten bei den einheimischen Zeugen Jehovas hinterließen. Auf Trinidad spricht man nach vielen Jahren noch heute von Begebenheiten, die die Demut der Missionare sowie ihre Bereitschaft, schwierige Verhältnisse ruhig hinzunehmen, erkennen ließen, und davon, wie fleißig sie trotz der Hitze im Dienst Jehovas tätig waren. Die Zeugen in Korea waren von der aufopferungsvollen Einstellung der Missionare sehr beeindruckt, die zehn Jahre lang darauf verzichteten, das Land zu verlassen und ihre Angehörigen zu besuchen. Die Regierung erteilte nämlich nur in wenigen Notfällen aus „humanitären“ Gründen eine erneute Einreiseerlaubnis.
Die meisten Missionare hatten Gelegenheit, sich während und nach ihrer Ausbildung in der Gileadschule ein genaueres Bild über die Wirkungsweise des Hauptbüros der sichtbaren Organisation Jehovas zu machen. Häufig war es ihnen möglich, mit Mitgliedern der leitenden Körperschaft Umgang zu pflegen. Später konnten sie in dem ihnen zugeteilten Land den einheimischen Zeugen und den Neuinteressierten aus erster Hand berichten, wie die Organisation funktioniert, und ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Die tiefe Wertschätzung, die sie für die theokratische Wirkungsweise der Organisation vermittelten, war oftmals ein entscheidender Faktor für das Wachstum.
In zahlreichen Ländern, in die die Missionare geschickt wurden, gab es zur Zeit ihrer Ankunft keine Zusammenkünfte. Deshalb trafen sie die nötigen Vorkehrungen und führten dann die Zusammenkünfte durch. Bis andere befähigt waren, sich am Programm zu beteiligen, hielten sie die meisten Ansprachen selbst. Sie schulten ständig andere Brüder, damit diese lernten, Verantwortung zu übernehmen (2. Tim. 2:2). Die erste Zusammenkunftsstätte war gewöhnlich das Missionarheim. Später sorgte man dann für Königreichssäle.
Dort, wo es schon Versammlungen gab, trugen die Missionare dazu bei, daß die Zusammenkünfte interessanter und lehrreicher wurden. Man schätzte ihre gut vorbereiteten Kommentare, und bald versuchten andere, sie darin nachzuahmen. Die Brüder gaben aufgrund ihrer Ausbildung in der Gileadschule im öffentlichen Reden und Lehren ein gutes Beispiel, und sie nahmen sich gern die Zeit, einheimischen Brüdern zu helfen, diese Kunst zu erlernen. In Ländern, wo sich die Leute gewöhnlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließen und nicht so sehr auf Pünktlichkeit bedacht waren, halfen die Missionare den Brüdern geduldig, zu erkennen, wie nützlich es ist, wenn die Zusammenkünfte pünktlich beginnen; sie ermunterten auch alle, rechtzeitig anwesend zu sein.
An manchen Orten fanden die Missionare Zustände vor, die zeigten, daß den Brüdern geholfen werden mußte, zu erkennen, wie wichtig es ist, sich eng an Jehovas gerechte Grundsätze zu halten. In Botsuana stellten sie beispielsweise fest, daß einige Schwestern ihren Babys noch immer Schnüre oder Perlen anlegten, um sie vor Schaden zu bewahren, weil sie nicht richtig erkannt hatten, daß dieser Brauch auf Aberglauben und Zauberei basiert. In Portugal wurde durch gewisse Umstände Uneinigkeit hervorgerufen. Mit Geduld, liebevoller Hilfe und, wenn nötig, mit Festigkeit wurde bewirkt, daß sich der geistige Gesundheitszustand merklich verbesserte.
Missionare, die in Finnland in Aufsichtsstellungen eingesetzt worden waren, wendeten viel Zeit und Mühe auf, um die einheimischen Brüder darin zu schulen, Probleme im Licht biblischer Grundsätze zu betrachten und so Schlußfolgerungen zu ziehen, die mit der Denkweise Gottes übereinstimmen. In Argentinien waren die Missionare den Brüdern auch behilflich, den Wert eines Zeitplans zu erkennen und zu lernen, wie man Unterlagen führt und sie in Ordnung hält. Den loyalen Brüdern in Deutschland, die zufolge ihres Überlebenskampfes in den Konzentrationslagern in ihren Ansichten manchmal zu streng waren, halfen die Missionare, beim Weiden der Herde die milde Art Jesu Christi noch besser nachzuahmen (Mat. 11:28-30; Apg. 20:28).
Die Tätigkeit einiger Missionare bestand auch darin, mit Regierungsvertretern gewisse Angelegenheiten zu regeln, ihre Fragen zu beantworten und Anträge auf rechtliche Anerkennung des Werkes der Zeugen Jehovas zu stellen. Zum Beispiel versuchte Bruder Joly — er war mit seiner Frau nach Kamerun gesandt worden — fast vier Jahre lang wiederholt, die rechtliche Anerkennung des Werkes zu erwirken. Immer wieder sprach er mit französischen und afrikanischen Beamten. Nach einem Regierungswechsel wurde das Werk schließlich anerkannt. Zu jenem Zeitpunkt waren Jehovas Zeugen in Kamerun schon 27 Jahre tätig, und es gab über 6 000 im Land.
Den Herausforderungen des Reisedienstes begegnen
Manche Missionare wurden beauftragt, als reisende Aufseher zu dienen. Australien benötigte besondere Hilfe, denn im Zweiten Weltkrieg waren mehrere Brüder so unweise und verfolgten statt der Königreichsinteressen weltliche Ziele. Im Laufe der Zeit konnte dieser Zustand geändert werden, und als Bruder Knorr 1947 das Land besuchte, hob er hervor, wie wichtig es ist, das Königreichspredigtwerk allem voranzustellen. Danach trugen die Begeisterung, das gute Beispiel und die Lehrmethoden von Gileadabsolventen, die als Kreis- und Bezirksaufseher dienten, dazu bei, unter den Zeugen Jehovas dort eine gottgefällige Atmosphäre zu schaffen.
Im Reisedienst durfte man keine Mühen und keine Gefahren scheuen. Wallace Liverance fand heraus, daß die einzige Möglichkeit, zu einer Verkündigergruppe in Volcán (Bolivien) — sie bestand aus einer Familie — zu gelangen, ein 90 Kilometer langer Fußmarsch (hin und zurück) war, der ihn bei sengender Hitze durch eine 3 400 Meter hoch gelegene steinige und kahle Gegend führte, wobei er seinen Schlafsack, Nahrung, Wasser und Literatur tragen mußte. Um Versammlungen auf den Philippinen zu besuchen, fuhr Neal Callaway häufig mit überfüllten Bussen, die nicht nur Leute, sondern auch Tiere und landwirtschaftliche Erzeugnisse transportierten. Richard Cotterill begann in Indien seinen Dienst als reisender Aufseher in einer Zeit, als Tausende aus religiösem Haß ermordet wurden. Es war vorgesehen, daß er den Brüdern in Gebieten dienen sollte, wo Unruhen herrschten. Der Schalterbeamte am Bahnhof versuchte, ihn von der Reise dorthin abzubringen. Für die meisten Reisenden war sie tatsächlich wie ein Alptraum, doch Bruder Cotterill liebte seine Brüder sehr, ganz gleich, wo sie lebten und welche Sprache sie sprachen. Voller Vertrauen auf Jehova sagte er: „Wenn es Jehovas Wille ist, werde ich versuchen, dorthin zu gelangen“ (Jak. 4:15).
Andere zum Vollzeitdienst ermuntern
Viele, die von den Missionaren belehrt wurden, haben den Eifer der Missionare nachgeahmt und ebenfalls den Vollzeitdienst aufgenommen. In Japan, wo 168 Missionare ihren Dienst verrichtet haben, gab es 1992 75 956 Pioniere; über 40 Prozent der Verkündiger Japans waren in irgendeinem Zweig des Vollzeitdienstes tätig. In der Republik Korea war es ähnlich.
Eine ganze Reihe Vollzeitdiener aus Ländern, in denen es im Verhältnis zur Bevölkerung viele Zeugen Jehovas gibt, wurden eingeladen, die Gileadschule zu besuchen; von dort aus wurden sie dann ausgesandt, um in anderen Ländern tätig zu sein. Aus den Vereinigten Staaten und Kanada kam eine große Anzahl Missionare, etwa 400 aus Großbritannien, über 240 aus Deutschland, mehr als 150 aus Australien und über 100 aus Schweden; hinzu kommt noch eine Vielzahl aus Dänemark, Finnland, Hawaii, den Niederlanden, Neuseeland und anderen Ländern. Einige Länder, die von Missionaren Hilfe erhalten hatten, stellten später selbst Missionare für den Dienst im Ausland.
In einer wachsenden Organisation Verpflichtungen übernehmen
Da die Organisation ständig wächst, haben die Missionare weitere Verpflichtungen übernommen. Viele sind in den Versammlungen, die sie mit aufgebaut haben, als Älteste und Dienstamtgehilfen tätig gewesen. In einer Reihe von Ländern waren sie die ersten Kreis- und Bezirksaufseher. Aufgrund der weiteren Entwicklung hat es sich als nützlich erwiesen, daß die Gesellschaft neue Zweigbüros eröffnete, und einer Anzahl von Missionaren wurde Verantwortung in einem Zweigbüro übertragen. Mehrere Missionare, die die Sprache gut gelernt hatten, wurden gebeten, beim Übersetzen und Korrekturlesen von biblischer Literatur mitzuhelfen.
Ein besonderer Lohn war es jedoch für sie, wenn diejenigen, mit denen sie Gottes Wort studiert hatten, oder Brüder, zu deren geistigem Fortschritt sie beigetragen hatten, sich für solche Verantwortlichkeiten qualifizierten. Ein Ehepaar in Peru hat zu seiner Freude erlebt, daß einige, mit denen es studierte, als Sonderpioniere tätig sind, die ihrerseits wieder zur Stärkung neuer Versammlungen beitragen und neues Gebiet erschließen. Ein Angehöriger einer Familie, mit der ein Missionar in Sri Lanka studiert hatte, wurde ein Mitglied des dortigen Zweigkomitees. Viele andere Missionare erlebten ähnliche Freuden.
Sie hatten aber auch mit Widerstand zu kämpfen.
Trotz Widerstand
Jesus erklärte seinen Nachfolgern, daß sie wie er verfolgt würden (Joh. 15:20). Da die Missionare gewöhnlich aus dem Ausland kamen, wurden sie meistens ausgewiesen, wenn schwere Verfolgung ausbrach.
Im Jahre 1967 wurden Sona Haidostian und ihre Eltern in Aleppo (Syrien) verhaftet. Fünf Monate mußten sie im Gefängnis zubringen. Dann wurden sie des Landes verwiesen, ohne daß sie ihr Hab und Gut mitnehmen durften. Margarita Königer aus Deutschland wurde nach Madagaskar gesandt; aber eine Ausweisung nach der anderen führte dazu, daß sie in neue Länder geschickt wurde: nach Kenia, Dahomey (heute Benin) und Obervolta (heute Burkina Faso). Domenick Piccone und seine Frau Elsa wurden wegen ihrer Predigttätigkeit 1957 aus Spanien ausgewiesen, 1962 dann aus Portugal und im Jahre 1969 aus Marokko. Doch in jedem Land wurde dadurch, daß man einer Ausweisung entgegenwirken wollte, Gutes bewirkt. Beamten wurde Zeugnis gegeben. In Marokko bot sich beispielsweise die Gelegenheit, Beamten der Sécurité Nationale, einem Richter des Obersten Gerichtshofs, dem Polizeichef von Tanger und den Konsuln der Vereinigten Staaten in Tanger und Rabat zu predigen.
Mit der Ausweisung der Missionare konnte dem Werk der Zeugen Jehovas nicht Einhalt geboten werden, wie es sich einige Beamte erhofft hatten. Der bereits ausgestreute Samen der Wahrheit ging oft weiter auf. Zum Beispiel führten vier Missionare nur wenige Monate in Burundi ihren Dienst durch, ehe sie 1964 von der Regierung gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Ein Missionar hielt indessen die Verbindung zu einem Interessierten durch Briefe aufrecht, und dieser teilte ihm mit, daß er mit 26 Personen die Bibel studierte. Ein Zeuge Jehovas aus Tansania, der kurz vorher nach Burundi gezogen war, beteiligte sich ebenfalls eifrig am Predigtdienst. Langsam nahm die Zahl der Verkündiger zu, und nun überbringen Hunderte von Zeugen anderen die Königreichsbotschaft.
In manchen Ländern wandten Beamte vor der Ausweisung brutale Gewalt an, um alle zu zwingen, ihren Forderungen nachzukommen. In Gbarnga (Liberia) wurden im Jahre 1963 400 Männer, Frauen und Kinder, die dort einem christlichen Kongreß beiwohnten, von Soldaten zusammengetrieben. Diese führten die Kongreßteilnehmer zum Militärgelände, drohten ihnen, schlugen sie und verlangten von jedermann, ungeachtet der Nationalität oder Religion, die liberianische Fahne zu grüßen. In der Gruppe befand sich Milton Henschel aus den Vereinigten Staaten. Es waren auch mehrere Missionare darunter, zum Beispiel John Charuk aus Kanada. Ein Gileadabsolvent machte Zugeständnisse, wie er es schon zuvor getan hatte (ohne es jedoch bekanntgegeben zu haben). Zweifellos trug seine Handlungsweise dazu bei, daß andere, die beim Kongreß anwesend gewesen waren, ebenfalls nachgaben. Es stellte sich heraus, wer wirklich Gott fürchtete und wer in die Schlinge der Menschenfurcht geraten war (Spr. 29:25). Danach verwies die Regierung alle ausländischen Missionare der Zeugen Jehovas des Landes, aber noch im selben Jahr erhielten sie durch einen Erlaß vom Präsidenten die Erlaubnis zurückzukehren.
Oftmals war das Vorgehen von Regierungsvertretern gegen die Missionare auf den Druck der Geistlichkeit zurückzuführen. Manchmal wurde der Druck im verborgenen ausgeübt. In anderen Fällen wußte jeder, woher der Widerstand kam. George Koivisto wird den ersten Vormittag, den er in Medellín (Kolumbien) im Predigtdienst verbrachte, nie vergessen. Plötzlich erschien eine schreiende Rotte von Schulkindern und warf mit Steinen und Lehmklumpen. Die Wohnungsinhaberin, die ihn noch nie zuvor gesehen hatte, nahm ihn schnell mit ins Haus und schloß geschwind die hölzernen Fensterläden. Dabei entschuldigte sie sich fortwährend wegen des Benehmens der Rotte draußen. Als die Polizei kam, gaben einige Leute dem Lehrer die Schuld, denn er habe den Schülern freigegeben. Ein anderer rief: „Nein! Es war der Pfarrer! Er hat über Lautsprecher gesagt, die Schüler sollten hinausgelassen werden, um die Protestantes mit Steinen zu bewerfen.“
Die Missionare brauchten gottgefälligen Mut und Liebe zu den Schafen. Elfriede Löhr und Ilse Unterdörfer wurden in das Gasteiner Tal in Österreich gesandt. In kurzer Zeit konnten sie bei Personen, die nach geistiger Speise hungerten, eine Menge biblische Literatur zurücklassen. Doch die Geistlichkeit reagierte mit Widerstand. Sie stachelte Schulkinder an, die Missionarinnen auf der Straße anzuschreien und vor ihnen herzurennen, damit die Wohnungsinhaber ihnen nicht zuhörten. Die Leute bekamen Angst. Die Missionarinnen bekundeten jedoch Liebe und Ausdauer und konnten auf diese Weise einige erfolgversprechende Bibelstudien beginnen. Als ein öffentlicher Vortrag gehalten werden sollte, stellte sich der Hilfspfarrer herausfordernd vor die Zusammenkunftsstätte. Aber er verschwand wieder, als die Missionarinnen auf die Straße gingen, um die Leute willkommen zu heißen. Er holte einen Polizisten und kehrte zurück, um die Zusammenkunft zu stören. Das gelang ihm aber nicht. Nach einiger Zeit konnte dort eine eifrige Versammlung gegründet werden.
Unn Raunholm und Julia Parsons wurden in kleinen Ortschaften in der Nähe von Ibarra (Ecuador) immer wieder mit dem Pöbel konfrontiert, der von einem Geistlichen aufgehetzt worden war. Jedesmal, wenn die Missionarinnen nach San Antonio kamen, verursachte der Geistliche einen Aufruhr. Deshalb beschlossen die Schwestern, ihre Tätigkeit auf einen anderen Ort namens Atuntaqui zu konzentrieren. Aber eines Tages forderte der Dorfpolizist Schwester Raunholm ganz aufgeregt auf, den Ort schnellstens zu verlassen. „Der Priester organisiert gerade eine Demonstration gegen Sie, und ich habe nicht genug Männer, um Sie zu schützen“, erklärte er. Sie kann sich noch lebhaft an die Ereignisse erinnern: „Die Menge war hinter uns her. Die weiß-gelbe Fahne des Vatikans wehte vor der Gruppe, und der Priester rief: ,Es lebe die katholische Kirche!‘ ,Nieder mit den Protestanten!‘ ,Es lebe die Jungfräulichkeit der Jungfrau!‘ ,Es lebe die Beichte!‘ Die Menge wiederholte jeden Spruch Wort für Wort.“ Dann wurden die Zeuginnen von einigen Männern in das Gewerkschaftshaus hineingebeten, wo sie sicher waren. Dort gaben die Missionarinnen all denen Zeugnis, die neugierig hereinkamen, um zu sehen, was vor sich ging. Sie verbreiteten ihre gesamte Literatur.
Kurse, durch die besondere Bedürfnisse gestillt werden sollen
Seitdem die ersten Missionare von der Gileadschule ausgesandt worden sind, ist die Organisation der Zeugen Jehovas in erstaunlichem Maße gewachsen. Als die Schule 1943 eröffnet wurde, gab es nur 129 070 Zeugen in 54 Ländern (103 Länder, wenn man von den Landesgrenzen Anfang der 90er Jahre ausgeht). Im Jahre 1992 sind es weltweit 4 472 787 Zeugen in 229 Ländern und Inselgebieten gewesen. Wegen dieses Wachstums haben sich die Bedürfnisse der Organisation geändert. Zweigbüros, die sich früher um weniger als hundert Zeugen in einigen wenigen Versammlungen gekümmert haben, beaufsichtigen jetzt die Tätigkeit von Zehntausenden Zeugen, und eine ganze Reihe dieser Zweige erachten es für notwendig, selbst Literatur zu drucken, um diejenigen auszurüsten, die sich am Evangelisierungswerk beteiligen.
Um den veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden, wurde 18 Jahre nach der Eröffnung der Gileadschule ein zehnmonatiger Schulkurs im Hauptbüro der Gesellschaft eingerichtet, der besonders für Brüder gedacht war, die in den Zweigbüros der Watch Tower Society große Verantwortung trugen. Einige hatten zuvor den fünfmonatigen Gilead-Schulkurs mitgemacht, andere nicht. Für alle Teilnehmer war die besondere Schulung, die sie im Hinblick auf ihre Aufgaben erhielten, von Nutzen. Es wurde behandelt, wie in bestimmten Situationen vorzugehen ist und wie man im Einklang mit biblischen Grundsätzen organisatorische Mängel beheben kann, was zur Vereinheitlichung beitrug. Der Kurs schloß analytische Vers-für-Vers-Betrachtungen der ganzen Bibel ein. Die Teilnehmer erhielten außerdem einen Überblick über die Religionsgeschichte, eine ins einzelne gehende Schulung in der Führung eines Zweigbüros, eines Bethelheims und einer Druckerei und Anweisungen für die Beaufsichtigung des Predigtwerkes, die Gründung neuer Versammlungen und die Erschließung neuer Gebiete. Diese Kurse (dazu gehörte auch der letzte, den man auf acht Monate verkürzte) wurden von 1961 bis 1965 in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) durchgeführt. Viele der Absolventen sandte man in die Länder zurück, wo sie zuvor tätig gewesen waren; mehrere wurden in andere Länder geschickt, wo sie einen wertvollen Beitrag zum Werk leisten konnten.
Als Vorbereitung auf weitere Ausdehnung, die man in Übereinstimmung mit biblischen Prophezeiungen erwartete, wurde am 1. Februar 1976 in den Zweigbüros der Gesellschaft etwas Neues eingeführt (Jes. 60:8, 22). Es sollte nicht wie bisher nur ein Zweigaufseher mit seinem Gehilfen ein Zweigbüro beaufsichtigen, sondern die leitende Körperschaft ernannte drei oder mehr befähigte Brüder dazu, als Zweigkomitee zu amtieren. Größere Zweige konnten sogar ein Komitee aus sieben Mitgliedern haben. Um alle diese Brüder zu schulen, wurde ein besonderer fünfwöchiger Gileadkurs in Brooklyn (New York) geplant. Von Ende 1977 bis 1980 erhielten 14 Klassen, die von Mitgliedern der Zweigkomitees aus aller Welt besucht wurden, in der Weltzentrale diese besondere Schulung. Es war eine günstige Gelegenheit, die Arbeitsvorgänge zu vereinheitlichen und zu verbessern.
In der Gileadschule wurden weiterhin diejenigen ausgebildet, die langjährige Erfahrung im Vollzeitdienst hatten sowie bereit und in der Lage waren, ins Ausland zu gehen; aber mehr Missionare wurden benötigt. Um die Ausbildung zu beschleunigen, wurden in anderen Ländern Außenstellen der Gileadschule eingerichtet, damit die Studenten nicht erst Englisch lernen mußten, bevor sie die Schule besuchen konnten. Spanischsprachige Studenten absolvierten 1980/81 die Gilead-Kulturschule von Mexiko. Dadurch konnte ein unmittelbarer Bedarf an qualifizierten Verkündigern in Mittel- und Südamerika gedeckt werden. In den Jahren 1981/82, 1984 und 1992 wurden auch in Deutschland Klassen der Außenstelle der Gileadschule unterrichtet. Von dort aus schickte man die Absolventen nach Afrika, Osteuropa, Südamerika und auf verschiedene Inseln. Weitere Kurse wurden 1983 in Indien durchgeführt.
Da eifrige einheimische Zeugen zusammen mit den Missionaren das Königreichswerk ausgedehnt haben, hat die Zahl der Zeugen Jehovas rasch zugenommen, weshalb neue Versammlungen gegründet wurden. Zwischen 1980 und 1987 stieg die Zahl der Versammlungen weltweit um 27 Prozent an, auf insgesamt 54 911. In einigen Gebieten besuchten zwar zahlreiche Personen die Zusammenkünfte und nahmen am Predigtdienst teil, aber die meisten Brüder waren ziemlich neu in der Wahrheit. Dringend benötigt wurden erfahrene christliche Männer, die als geistige Hirten und Lehrer dienen und im Evangelisierungswerk die Führung übernehmen würden. Aus diesem Grund eröffnete die leitende Körperschaft 1987 die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung als Teil des Gilead-Schulprogramms für biblische Unterweisung. Der achtwöchige Kurs schließt ein intensives Studium der Bibel ein, und den geistigen Fortschritten jedes Studenten wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Organisatorische und rechtliche Angelegenheiten sowie die Verantwortlichkeiten der Ältesten und Dienstamtgehilfen werden besprochen; des weiteren werden die Studenten sorgfältig im öffentlichen Reden geschult. Um die laufenden Schulkurse, in denen Missionare ausgebildet werden, nicht zu beeinträchtigen, wurden für die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung andere Stätten benutzt, und zwar in verschiedenen Ländern. Die Absolventen dieser Schule sind in vielen Ländern, in denen sie dringend gebraucht werden, eine große Hilfe.
Die vermehrte Schulung, die durch die Wachtturm-Bibelschule Gilead vermittelt wird, hat also mit den veränderten Bedürfnissen einer schnell wachsenden internationalen Organisation Schritt gehalten.
„Hier bin ich! Sende mich“
Die Missionare bekunden denselben Geist wie der Prophet Jesaja. Als Jehova ihm eine besondere Dienstgelegenheit vor Augen führte, antwortete er: „Hier bin ich! Sende mich“ (Jes. 6:8). Dieser Geist der Bereitwilligkeit hat Tausende junge Männer und Frauen bewogen, ihre gewohnte Umgebung und ihre Verwandten zu verlassen, um dort, wo sie benötigt werden, dazu beizutragen, daß der Wille Gottes geschieht.
Familiäre Umstände haben das Leben vieler Missionare verändert. Eine Reihe von ihnen, die Kinder bekamen, nachdem sie den Missionardienst aufgenommen hatten, waren in der Lage, in dem ihnen zugeteilten Land zu bleiben. Sie gingen, soweit es notwendig war, einer weltlichen Arbeit nach und arbeiteten mit der Versammlung zusammen. Einige mußten nach jahrelanger Missionartätigkeit in ihr Heimatland zurückkehren, um für ihre betagten Eltern zu sorgen oder aus anderen Gründen. Aber sie haben es als ein Vorrecht betrachtet, so lange im Missionardienst tätig gewesen zu sein, wie es ihnen möglich war.
Andere konnten den Missionardienst zu ihrer Lebensaufgabe machen. Um das zu tun, mußten sie verschiedenen Herausforderungen begegnen. Olaf Olson, der sich einer langen Missionarlaufbahn in Kolumbien erfreut hat, gestand: „Das erste Jahr war das schwerste.“ Dem war hauptsächlich so, weil er sich in der neuen Sprache noch nicht richtig ausdrücken konnte. Er sagte weiter: „Hätte ich fortwährend an das Land zurückgedacht, das ich verlassen hatte, so wäre ich unglücklich gewesen, aber ich hatte mich entschlossen, mich ganz und gar auf das Leben in Kolumbien einzustellen, mir die Brüder und Schwestern in der Wahrheit zu Freunden zu machen und mein Leben mit dem Predigtdienst auszufüllen, und so wurde mir mein Gebiet bald zur Heimat.“
Das Ausharren der Missionare beruhte nicht unbedingt darauf, daß sie die äußeren Umstände ideal fanden. Norman Barber, der von 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 1986 in Birma (heute Myanmar) und in Indien tätig gewesen war, drückte es so aus: „Wer sich darüber freut, daß er von Jehova gebraucht wird, dem ist ein Ort ebenso gut wie ein anderer. ... Offen gestanden, das tropische Klima ist nach meinem Begriff kein ideales Klima, in dem ich leben möchte. Auch ist die Art, wie die Menschen in den Tropen leben, nicht die Lebensweise, die ich persönlich wählen würde. Aber es gibt wichtigere Dinge, die in Betracht gezogen werden müssen, als diese unbedeutenden Punkte. Imstande zu sein, Leuten Hilfe zu leisten, die wirklich geistlich arm sind, ist ein Vorrecht, das zu beschreiben Menschenworte nicht ausreichen.“
Viele andere vertreten denselben Standpunkt. Dieser Geist der Selbstaufopferung hat zum großen Teil zur Erfüllung der Prophezeiung Jesu beigetragen, die besagt, daß vor dem Ende die gute Botschaft vom Königreich auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden wird, allen Nationen zu einem Zeugnis (Mat. 24:14).
[Fußnote]
a Der Wachtturm, 15. Februar 1943 (engl.), Seite 60—64.
[Herausgestellter Text auf Seite 523]
Die Wichtigkeit, völlig auf Jehova zu vertrauen und ihm gegenüber loyal zu sein, wurde betont
[Herausgestellter Text auf Seite 534]
Mit Humor ging es leichter
[Herausgestellter Text auf Seite 539]
Geduld, liebevolle Hilfe und, wenn nötig, Festigkeit
[Herausgestellter Text auf Seite 546]
„Leuten Hilfe zu leisten, die wirklich geistlich arm sind, ist ein Vorrecht, das zu beschreiben Menschenworte nicht ausreichen“
[Kasten auf Seite 533]
Klassen der Gileadschule
1943—1960: Schule in South Lansing (New York). 35 Klassen mit insgesamt 3 639 Studenten aus 95 Ländern wurden unterrichtet, von denen die meisten als Missionare ausgesandt wurden. Unter den Studenten befanden sich auch Kreis- und Bezirksaufseher, die in den Vereinigten Staaten tätig waren.
1961—1965: Schule in Brooklyn (New York). 5 Klassen mit insgesamt 514 Studenten wurden unterrichtet, die in Länder geschickt wurden, wo die Watch Tower Society Zweigbüros hat; den meisten Absolventen wurden Verwaltungsaufgaben übertragen. Vier dieser Klassen erhielten zehn Monate Unterricht und eine Klasse acht Monate.
1965—1988: Schule in Brooklyn (New York). 45 Klassen — jede besuchte die Schule 20 Wochen — mit weiteren 2 198 Studenten wurden geschult, die meisten für den Missionardienst.
1977—1980: Schule in Brooklyn (New York); ein fünfwöchiger Gileadkurs für die Mitglieder der Zweigkomitees; es wurden 14 Klassen unterrichtet.
1980—1981: Gilead-Kulturschule von Mexiko; zehnwöchiger Kurs; drei Klassen; 72 spanischsprachige Absolventen wurden auf den Dienst in Lateinamerika vorbereitet.
1981—1982, 1984, 1992: Außenstelle der Gileadschule in Deutschland; zehnwöchiger Kurs; vier Klassen; 98 deutschsprachige Studenten aus europäischen Ländern.
1983: Klassen in Indien; zehnwöchiger Kurs in Englisch; drei Gruppen; 70 Studenten.
Seit 1987: Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung; achtwöchiger Kurs, der an bestimmten Orten in verschiedenen Teilen der Erde durchgeführt wird. Bis zum Jahre 1992 waren Absolventen außerhalb ihres Geburtslandes bereits in über 35 Ländern tätig.
Seit 1988: Schule in Wallkill (New York). Zur Zeit werden dort zwanzigwöchige Kurse als Vorbereitung für den Missionardienst durchgeführt. Es ist geplant, daß die Schule nach Fertigstellung des Wachtturm-Schulungszentrums in Patterson (New York) dorthin verlegt werden wird.
[Kasten auf Seite 538]
Internationale Studentenschaft
Die Studenten, die die Gileadschule absolvierten, gehörten vielen Nationen an und kamen aus über 110 Ländern.
Die erste internationale Gruppe war die sechste Klasse (1945/46).
Für ausländische Studenten beantragte man bei den amerikanischen Behörden ein Visum, das für die Dauer des Studiums gültig sein sollte. Daraufhin erkannte die US-Schulbehörde an, daß in der Gileadschule Bildung vermittelt wird, die mit der von Fachhochschulen und ähnlichen Lehranstalten zu vergleichen ist. Seit 1953 haben daher die Konsuln der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt die Watchtower Bible School of Gilead auf ihrer Liste der anerkannten Lehranstalten. Die Schule wurde in der Publikation „Educational Institutions Approved by the Attorney General“ (Vom Justizminister anerkannte Lehranstalten) vom 30. April 1954 aufgeführt.
[Bilder auf Seite 522]
Studenten der ersten Klasse der Gileadschule
[Bild auf Seite 524]
Albert Schroeder bespricht mit Gileadstudenten Einzelheiten der Stiftshütte
[Bild auf Seite 525]
Maxwell Friend hält im Amphitheater der Gileadschule einen Vortrag
[Bilder auf Seite 526]
Die Abschlußfeiern der Gileadschule waren theokratische Höhepunkte
... einige auf großen Kongressen (New York, 1950)
... einige auf dem Schulgelände (wo N. H. Knorr 1956 vor der Bibliothek der Schule eine Ansprache hält)
[Bilder auf Seite 527]
Gelände der Gileadschule in South Lansing (New York) in den 50er Jahren
[Bild auf Seite 528]
Hermon Woodard (links) und John Errichetti (rechts) in ihrem Dienst in Alaska
[Bild auf Seite 529]
John Cutforth verwendet in Papua-Neuguinea Anschauungsmaterial als Lernhilfe
[Bild auf Seite 530]
Missionare 1950 in Irland mit dem Bezirksaufseher
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Gileadabsolventen 1947 auf dem Weg in ihre Missionarzuteilung in Asien
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Einige Missionare mit Glaubensbrüdern 1969 in Japan
[Bilder auf Seite 530]
Missionare 1956 in Brasilien
... 1954 in Uruguay
... 1950 in Italien
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Die ersten vier Missionare der Gileadschule, die nach Jamaika gesandt wurden
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Das erste Missionarheim in Salisbury (heute Harare) (Simbabwe), 1950
[Bild auf Seite 530]
Malcolm Vigo (1956/57 auf der Gileadschule) mit seiner Frau Louise; sie dienten gemeinsam in Malawi, Kenia und Nigeria
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Robert Tracy (links) und Jesse Cantwell (rechts) mit ihren Frauen — Missionare im Reisedienst 1960 in Kolumbien
[Bild auf Seite 532]
Sprachunterricht in einem Missionarheim in der Côte d’Ivoire
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Ted und Doris Klein fanden 1947 auf den Jungferninseln (USA) viele Menschen, die die biblische Wahrheit hören wollten
[Bild auf Seite 536]
Harvey Logan (vorn Mitte) in den 60er Jahren mit Zeugen vom Volksstamm der Ami vor dem Königreichssaal
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Victor White — ein Bezirksaufseher, der die Gileadschule absolviert hat — hält 1949 auf den Philippinen einen Vortrag
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Margarita Königer in Burkina Faso bei einem Heimbibelstudium
[Bild auf Seite 543]
Unn Raunholm — seit 1958 im Missionardienst — wurde in Ecuador mehrere Male mit dem Pöbel konfrontiert, den ein Geistlicher anführte
[Bilder auf Seite 545]
Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung
Erste Klasse, Coraopolis (Pennsylvanien, USA), 1987 (oben)
Dritte Klasse in Großbritannien, in Manchester, 1991 (rechts)
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Durch menschliche Kraft oder durch Gottes Geist?Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 24
Durch menschliche Kraft oder durch Gottes Geist?
DER Auftrag, den Jesus Christus seinen Nachfolgern erteilte, hatte solche Ausmaße, daß er scheinbar nicht zu bewältigen war. Sie sollten, obwohl nur wenige an Zahl, die gute Botschaft von Gottes Königreich auf der ganzen bewohnten Erde predigen (Mat. 24:14; Apg. 1:8). Die Aufgabe war nicht nur ungeheuer groß, sondern sie sollte auch angesichts einer, wie es schien, überwältigenden Übermacht ausgeführt werden, denn Jesus sagte seinen Jüngern offen, daß sie in allen Nationen gehaßt und verfolgt würden (Mat. 24:9; Joh. 15:19, 20).
Trotz weltweiter Gegnerschaft haben sich Jehovas Zeugen tatkräftig dem Werk gewidmet, das Jesus vorhergesagt hat. Das Ausmaß, in dem das Zeugnis bereits gegeben worden ist, ist verbürgt, und es ist wirklich sensationell. Aber wodurch wurde das möglich? Durch menschliche Kraft oder Genialität? Oder durch die Wirksamkeit des Geistes Gottes?
Der Bibelbericht über die Wiederherstellung der wahren Anbetung in Jerusalem im sechsten Jahrhundert v. u. Z. erinnert uns daran, daß die Rolle, die Gott bei der Durchführung seines Willens selbst spielt, nicht übersehen werden darf. Weltliche Kommentatoren suchen vielleicht nach einer anderen Erklärung für das, was geschieht. Als jedoch Gott erklärte, wie sein Vorsatz durchgeführt würde, ließ er seinen Propheten Sacharja feststellen: „ ‚Nicht durch eine Streitmacht noch durch Kraft, sondern durch meinen Geist‘, hat Jehova der Heerscharen gesagt“ (Sach. 4:6). Jehovas Zeugen sagen ganz offen, daß genau das auf das Predigen der Königreichsbotschaft heute zutrifft — es geschieht nicht mit Hilfe einer Streitmacht noch durch die persönliche Kraft oder den Einfluß irgendeiner führenden Gruppe von Menschen, sondern durch die Wirksamkeit des Geistes Jehovas. Wird ihre Überzeugung durch Beweise gestützt?
„Nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind“
Als der Apostel Paulus an die ersten Christen in Griechenland schrieb, erkannte er folgendes an: „Ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt; sondern Gott hat das Törichte der Welt auserwählt, damit er die Weisen beschäme; und Gott hat das Schwache der Welt auserwählt, damit er das Starke beschäme; und Gott hat das Unedle der Welt auserwählt und das, worauf man herabblickt, die Dinge, die nicht sind, um die Dinge, die sind, zunichte zu machen, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme“ (1. Kor. 1:26-29).
Jesu Apostel gehörten der Arbeiterklasse an. Vier waren von Beruf Fischer. Einer war ein Steuereinnehmer — ein Beruf, den die Juden verachteten. Die jüdischen Geistlichen betrachteten die Apostel als „ungelehrte und gewöhnliche Menschen“, was anzeigt, daß sie ihre Bildung nicht an höheren Schulen erlangt hatten (Apg. 4:13). Das bedeutet nicht, daß keiner, der eine höhere weltliche oder religiöse Bildung hatte, ein Christ wurde. Der Apostel Paulus hatte zu den Füßen Gamaliels studiert, eines Mitglieds des jüdischen Sanhedrins (Apg. 22:3). Doch, wie die Bibel sagt, gab es davon „nicht viele“.
Die Geschichte bezeugt, daß Celsus, ein römischer Philosoph des zweiten Jahrhunderts u. Z., darüber spottete, „daß Wollarbeiter, Schuster, Gerber die ungebildetsten und bäurischsten Menschen eifrige Verkündiger des Evangeliums seyen“ (August Neander, Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche, 1. Band, 3. Auflage, 1856). Was bestärkte wahre Christen darin, trotz des Spottes, mit dem sie überschüttet wurden, und der heftigen Verfolgung, die sie im Römischen Reich erleiden mußten, weiterhin die gute Botschaft zu verkündigen? Jesus sagte, daß es Gottes heiliger Geist sein würde (Apg. 1:8).
In jüngster Vergangenheit ist Jehovas Zeugen ebenso vorgeworfen worden, sie seien überwiegend einfache Leute und bekleideten keine Positionen, derentwegen die Welt zu ihnen aufblicken würde. In der Neuzeit war unter den Dienern Jehovas, die als erste die Königreichsbotschaft in Dänemark bekanntmachten, ein Schuster. In der Schweiz und in Frankreich war es ein Gärtner. In vielen Gegenden Afrikas waren es umherreisende Arbeiter, die die Botschaft weitertrugen. In Brasilien waren Seeleute daran beteiligt. Viele der polnischen Zeugen in Nordfrankreich waren Bergleute.
Das, was sie aus Gottes Wort mit der Hilfe von Wachtturm-Publikationen gelernt hatten, berührte sie tief, und so wollten sie ihre Liebe zu Jehova dadurch zeigen, daß sie ihm gehorchten; daher machten sie sich an das Werk, das wahre Christen gemäß Gottes Wort tun sollten. Seitdem haben sich Millionen aus allen Schichten an diesem Werk beteiligt. Sie alle sind Evangeliumsverkündiger.
Jehovas Zeugen bilden die einzige religiöse Organisation der Welt, in der jeder einzelne Außenstehenden Zeugnis gibt, sich bemüht, ihre Fragen mit der Bibel zu beantworten, und sie anspornt, an Gottes Wort zu glauben. Andere Religionsorganisationen erkennen an, daß das alle Christen tun sollten. Einige haben versucht, ihre Kirchenmitglieder dazu zu ermuntern. Aber nur Jehovas Zeugen tun es ausnahmslos. Wer leitet sie an, wer gibt ihnen Rat, wer sichert ihnen liebevolle Unterstützung zu, und wer gibt ihnen Verheißungen, die sie motivieren, das Werk zu tun, dem die anderen aus dem Weg gehen? Man frage sie selbst. In welchem Land sie auch leben, sie werden antworten: „Jehova.“ Wem also gebührt die Ehre dafür?
Eine Rolle, die für Gottes Engel vorhergesagt wurde
Als Jesus die Ereignisse beschrieb, die sich während des Abschlusses des Systems der Dinge zutragen würden, zeigte er, daß nicht nur seine Nachfolger auf der Erde an der Einsammlung gerechtigkeitsliebender Menschen beteiligt sein würden. Als er vom Einsammeln der letzten Glieder der 144 000 sprach, die mit ihm am himmlischen Königreich teilhaben würden, sagte er gemäß Matthäus, Kapitel 13: „Die Schnitter sind Engel.“ Und wie groß wäre das Feld, von dem sie die „Söhne des Königreiches“ einsammeln würden? „Das Feld ist die Welt“, erklärte Jesus. Von den äußersten Enden der Erde würden also diejenigen kommen, die eingesammelt werden sollten. Ist das tatsächlich geschehen? (Mat. 13:24-30, 36-43).
Ja! Als 1914 für die Welt die letzten Tage anbrachen, gab es zwar nur ein paar tausend Bibelforscher, doch die Königreichsbotschaft, die sie predigten, hatte schnell den gesamten Globus umspannt. In Asien, in Ländern Europas, Afrikas, Nord- und Südamerikas sowie auf den Inseln ergriffen einzelne die Gelegenheit, den Königreichsinteressen zu dienen, und sie wurden in eine geeinte Organisation versammelt.
In Westaustralien wurde zum Beispiel Bert Horton die Königreichsbotschaft überbracht. Religion, wie er sie kannte, interessierte ihn nicht; er beschäftigte sich mit Politik und Gewerkschaftsangelegenheiten. Als ihm seine Mutter jedoch das von der Watch Tower Society herausgegebene Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gab und er es zusammen mit der Bibel las, wußte er, daß er die Wahrheit gefunden hatte. Spontan sprach er darüber mit seinen Arbeitskollegen. Sobald er die Bibelforscher ausfindig machen konnte, schloß er sich ihnen an, ließ sich 1922 taufen, nahm den Vollzeitdienst auf und bot sich an, in irgendeinem Gebiet zu dienen, in das Jehovas Organisation ihn senden würde.
Auf der anderen Seite des Globus machte sich W. R. Brown, der schon auf den karibischen Inseln gepredigt hatte, 1923 auf die Reise nach Afrika, um dort die Königreichsbotschaft zu verbreiten. Er war kein unabhängiger Prediger mit irgendeiner persönlichen Mission. Auch er arbeitete mit Jehovas organisiertem Volk zusammen. Er hatte sich angeboten, dort zu dienen, wo er gebraucht würde, und nahm seine Zuteilung in Westafrika an, wohin ihn das Hauptbüro der Gesellschaft beordert hatte. Denen, die aus seinem Dienst persönlich Nutzen zogen, wurde ebenfalls geholfen zu verstehen, wie wichtig es ist, eng mit Jehovas Organisation zusammenzuarbeiten.
Die Königreichsbotschaft erreichte auch Südamerika. Hermán Seegelken aus Mendoza (Argentinien) hatte seit langem die Heuchelei sowohl in der katholischen als auch in den protestantischen Kirchen bemerkt. Aber 1929 hörte auch er die Botschaft vom Königreich, nahm sie begierig an und begann, sie anderen mitzuteilen — in Einheit mit Jehovas Dienern auf der ganzen Erde. Ähnliches geschah überall in der Welt. Menschen „aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation“ hörten nicht nur auf die Königreichsbotschaft, sondern stellten sich in den Dienst Gottes. Sie lebten zwar auf der ganzen Erde verstreut und hatten verschiedene Lebenswege eingeschlagen, aber sie wurden in eine geeinte Organisation eingesammelt, um das Werk zu tun, das Jesus für diese Zeit vorhergesagt hatte (Offb. 5:9, 10). Wie ist das zu erklären?
In der Bibel steht, daß Gottes Engel eine wesentliche Rolle dabei spielen würden. Deshalb würde die Verkündigung des Königreiches auf der ganzen Erde erschallen wie der Klang einer übernatürlichen Trompete. 1935 war die Botschaft in 149 Länder vorgedrungen — in den Norden, Süden, Osten und Westen —, von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende.
Anfangs hatte nur eine „kleine Herde“ echte Wertschätzung für Gottes Königreich und war bereit, dessen Interessen zu dienen. Das entspricht dem, was in der Bibel vorhergesagt worden ist. Jetzt hat sich ihr eine schnell wachsende „große Volksmenge“ angeschlossen, die in die Millionen geht und aus allen Nationen stammt. Auch das wurde in Gottes Wort vorhergesagt (Luk. 12:32; Joh. 10:16; Offb. 7:9, 10). Es handelt sich nicht um Leute, die einfach behaupten, derselben Religion anzugehören, aber in Wirklichkeit untereinander gespalten sind wegen der Ansichten und Philosophien, durch die die Welt um sie herum zersplittert wird. Man kann auch nicht von ihnen sagen, daß sie bloß über Gottes Königreich reden, dabei aber in Wirklichkeit auf menschliche Regierungen vertrauen. Sie gehorchen Gott als Herrscher sogar, wenn ihr Leben auf dem Spiel steht. In der Bibel wird deutlich erklärt, daß das Einsammeln solcher Menschen, die ‘Gott fürchten und ihm die Ehre geben’, unter der Leitung der Engel durchgeführt wird (Offb. 14:6, 7; Mat. 25:31-46). Die Zeugen sind fest davon überzeugt, daß genau das tatsächlich geschehen ist.
Während ihres Predigtdienstes haben sie bei zahllosen Gelegenheiten überzeugende Beweise für himmlische Leitung gesehen. Zum Beispiel beendete eine Gruppe von Zeugen in Rio de Janeiro (Brasilien) an einem Sonntag gerade ihren Haus-zu-Haus-Dienst, als jemand aus der Gruppe sagte: „Ich möchte noch etwas länger arbeiten. Ich weiß nicht, warum, aber ich möchte unbedingt noch in dieses Haus gehen.“ Der Leiter der Gruppe schlug vor, es für einen späteren Tag übrigzulassen, doch die Verkündigerin ließ sich nicht davon abbringen. Die Zeugin traf eine Frau an, die mit tränenüberströmtem Gesicht sagte, daß sie gerade um Hilfe gebetet habe. Sie war schon früher von Zeugen Jehovas angesprochen worden, hatte aber kein Interesse an der Botschaft der Bibel gezeigt. Der plötzliche Tod ihres Mannes brachte ihr zu Bewußtsein, daß sie geistige Hilfe brauchte. Sie suchte nach dem Königreichssaal, doch vergebens. Sie hatte ernsthaft zu Gott um Hilfe gebetet, und nun war diese Hilfe an ihrer Tür. Nicht lange danach wurde sie getauft. Sie war davon überzeugt, daß Gott ihr Gebet erhört und das Nötige bewirkt hatte, um für eine Antwort zu sorgen (Ps. 65:2).
Eine Zeugin Jehovas aus Deutschland, die damals in New York lebte, hatte sich zur Gewohnheit gemacht, Gott um Leitung zu bitten, wenn sie in den Predigtdienst ging. 1987 hielt sie wochenlang auf der Straße nach einer interessierten Frau Ausschau, denn sie wußte nicht, wo die Frau wohnte. Eines Tages betete sie, als sie mit ihrem Dienst begann: „Jehova, du weißt, wo sie ist. Bitte hilf mir, sie zu finden.“ Kurz darauf sah sie die Frau in einem Restaurant sitzen.
War das bloßer Zufall? In der Bibel steht, daß wahre Christen „Gottes Mitarbeiter“ sind und daß Engel ausgesandt werden, „um denen zu dienen, die die Rettung erben werden“ (1. Kor. 3:9; Heb. 1:14). Nachdem die Zeugin der Frau erzählt hatte, wie sie sie gefunden hatte, nahm die Frau die Einladung an, sich am gleichen Tag hinzusetzen und die Bibel weiter zu erforschen.
Die gute Botschaft in „unzugänglichen Gebieten“ predigen
Jehovas Zeugen haben sich beharrlich angestrengt, die Königreichsbotschaft in allen Ländern zu predigen. Aber das allein ist keine hinreichende Erklärung für das, was erzielt wurde. Sie haben miterlebt, daß sich die Königreichsbotschaft in Gebieten ausbreitete, wo ihre eigenen sorgfältig geplanten Bemühungen erfolglos geblieben waren.
In den 20er und 30er Jahren zum Beispiel wurden mehrfach Gesuche bei Regierungsvertretern der Sowjetunion eingereicht, um die Erlaubnis zu erhalten, biblische Literatur in das Land zu bringen oder dort zu drucken. Damals waren die Antworten negativ. Es gab ein paar Zeugen Jehovas in der Sowjetunion, doch es wurde viel mehr Hilfe benötigt, um das Predigtwerk durchzuführen, das gemäß Gottes Wort getan werden mußte. Könnte irgend etwas getan werden, um diese Hilfe zu bieten?
Interessanterweise gehörten nach Ende des Zweiten Weltkrieges vormals ostpolnische Gebiete, wo viele Menschen, darunter über tausend Zeugen Jehovas, lebten, plötzlich zur Sowjetunion. Im Konzentrationslager in Ravensbrück haben Hunderte junger Russinnen Mitgefangene kennengelernt, die Zeugen Jehovas waren. Manche von diesen Frauen haben sich während dieser Zeit Jehova hingegeben, und sie gingen später in verschiedene Teile der Sowjetunion zurück. Hunderte waren dadurch, daß man während des Krieges die Grenzen verändert hatte, Bürger der Sowjetunion geworden. Das Ergebnis war von der Sowjetunion nicht beabsichtigt. Die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas hatte diese Entwicklungen nicht bewirkt. Aber sie trugen zur Durchführung dessen bei, was in Gottes inspiriertem Wort vorhergesagt worden war. Der Wachtturm vom 15. April 1946 schrieb in einem Kommentar über diese Entwicklungen: „So wird ersichtlich, wie der Herr seiner Vorsehung gemäß in irgendeinem Lande Zeugen erwecken kann, damit sie dort das Panier der Wahrheit hochhalten und den Namen Jehovas kundtun.“
Nicht nur in e i n e m Land sagte man Jehovas Zeugen: „Sie dürfen nicht hierherkommen!“ oder: „Sie dürfen hier nicht predigen.“ Das ist überall auf der Erde — buchstäblich in Dutzenden von Ländern — immer wieder vorgekommen, und zwar oft aufgrund von Druck, den die Geistlichkeit auf Regierungsvertreter ausgeübt hat. Einige dieser Länder haben Jehovas Zeugen später einen gesetzlichen Status gewährt. Doch schon bevor das geschah, nahmen die Einwohner zu Tausenden die Anbetung Jehovas auf, des Schöpfers des Himmels und der Erde. Wie wurde das erreicht?
Die einfache Erklärung findet sich in der Bibel, nämlich, daß Gottes Engel dabei eine führende Rolle spielen, indem sie Menschen aus allen Nationen dringend auffordern: „Fürchtet Gott, und gebt ihm die Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen, und betet den an, der den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserquellen gemacht hat“ (Offb. 14:6, 7).
Erfolg trotz überwältigender Übermacht
In einigen Ländern sahen sich Jehovas Zeugen nicht nur mit Verboten konfrontiert, die ihren öffentlichen Predigtdienst betrafen, sondern mit Bemühungen, sie vollständig auszurotten.
Im Ersten Weltkrieg gaben sich die Geistlichen in den Vereinigten Staaten und in Kanada gemeinsam alle Mühe, dem Werk der Bibelforscher — so nannte man Jehovas Zeugen damals — ein Ende zu setzen. Das ist in der Öffentlichkeit allgemein bekannt. Trotz gesetzlich garantierter Rede- und Religionsfreiheit setzten die Geistlichen Regierungsvertreter unter Druck, Publikationen der Bibelforscher zu verbieten. Viele wurden verhaftet und konnten nicht gegen Kaution freikommen; andere wurden heftig geschlagen. Führende Vertreter der Watch Tower Society und ihre engsten Mitarbeiter erhielten hohe Freiheitsstrafen in Gerichtsverfahren, die sich später als rechtsungültig erwiesen. Ray Abrams schrieb in seinem Buch Preachers Present Arms: „Eine Untersuchung des ganzen Falles führt zu dem Schluß, daß ursprünglich die Kirchen und die Geistlichen hinter dieser Maßnahme standen, um die Russelliten auszurotten“ (die Geistlichen nannten die Bibelforscher verächtlich „Russelliten“). Aber nach dem Krieg traten diese Bibelforscher mit größerer Energie denn je in Erscheinung, um Jehovas König, Jesus Christus, und sein Königreich zu verkündigen. Woher kam diese erneuerte Energie? In der Bibel ist diese Entwicklung vorhergesagt worden, und zwar als Folge davon, daß „von Gott her Geist des Lebens in sie“ kam (Offb. 11:7-11).
Nachdem in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde in Ländern, die unter ihre Herrschaft gerieten, die Verfolgung der Zeugen Jehovas verstärkt. Es kam zu Verhaftungen und brutaler Behandlung. Verbote wurden verhängt. Schließlich, im Oktober 1934, schickten Versammlungen der Zeugen Jehovas überall in Deutschland Einschreibebriefe an die Regierung, in denen sie unmißverständlich erklärten, daß sie keine politischen Ziele verfolgten, sondern daß sie entschlossen waren, Gott als Herrscher zu gehorchen. Zur Unterstützung ihrer christlichen Brüder in Deutschland sandten zur gleichen Zeit Versammlungen der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt Protesttelegramme.
Am selben Tag, dem 7. Oktober 1934, ballte Adolf Hitler im Büro von Dr. Wilhelm Frick in Berlin seine Fäuste zusammen und schrie hysterisch: „Diese Brut [Jehovas Zeugen] wird aus Deutschland ausgerottet werden!“ Das war keine leere Drohung. Eine Welle von Verhaftungen setzte ein. Laut einer vertraulichen Mitteilung der preußischen Geheimen Staatspolizei vom 24. Juni 1936 wurde ein „Sonderkommando bei der Gestapo“ gebildet, um gegen die Zeugen zu kämpfen. Nach gründlicher Vorbereitung setzte die Gestapo eine Kampagne in Gang, um alle Zeugen Jehovas und alle, die verdächtigt wurden, Zeugen zu sein, einzufangen. Dabei wurde der gesamte Polizeiapparat eingesetzt, so daß kriminelle Elemente „Schonzeit“ hatten.
Aus Berichten geht hervor, daß schließlich 6 262 deutsche Zeugen verhaftet wurden. Karl Wittig, ein Beamter der früheren deutschen Regierung, der selbst in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war, schrieb später: „Keine Häftlingskategorie ist ... dem Sadismus der SS-Soldaten in einer solchen Weise ausgesetzt gewesen wie die Bibelforscher; ein Sadismus, der durch eine derartige nicht abreißende Kette physischer und seelischer Quälereien gekennzeichnet war, die keine Sprache der Welt wiederzugeben imstande ist.“
Was erreichten die Verfolger? In einem Buch, das 1982 herausgegeben wurde, kommt Christine King zu folgendem Schluß: „Nur gegen die Zeugen [im Gegensatz zu anderen religiösen Gruppen] war die Regierung machtlos.“ Hitler hatte geschworen, sie auszurotten, und Hunderte wurden ermordet. Wie jedoch Dr. King feststellt, „ging das Werk [des Predigens von Gottes Königreich] weiter, und im Mai 1945 war die Bewegung der Zeugen Jehovas im Unterschied zum Nationalsozialismus immer noch da“. Ferner betont sie: „Sie waren keine Kompromisse eingegangen“ (The Nazi State and the New Religions: Five Case Studies in Non-Conformity). Warum war Hitler mit seiner gut ausgerüsteten Armee, seiner hervorragend ausgebildeten Polizei und seinen zahllosen Vernichtungslagern nicht fähig, seine Drohung wahr zu machen, diese verhältnismäßig kleine und unbewaffnete Gruppe gewöhnlicher Leute, wie die Welt sie betrachtet, zu vernichten? Warum ist es anderen Nationen nicht gelungen, ihrer Tätigkeit ein Ende zu setzen? Warum sind nicht nur einige wenige, sondern Jehovas Zeugen als Ganzes trotz brutaler Verfolgung festgeblieben?
Die Antwort liegt in einem weisen Rat, den Gamaliel, ein Gesetzeslehrer, den übrigen Mitgliedern des jüdischen Sanhedrins gab, als es um einen ähnlichen Fall ging, der die Apostel Jesu Christi betraf. Er sagte: „Steht ab von diesen Menschen, und laßt sie gehen (denn wenn dieses Unterfangen oder dieses Werk von Menschen ist, wird es umgestürzt werden; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht stürzen können); andernfalls mögt ihr vielleicht als solche erfunden werden, die in Wirklichkeit gegen Gott kämpfen“ (Apg. 5:38, 39).
Somit zeigen die geschichtlichen Tatsachen, daß die scheinbar unausführbare Aufgabe, die Jesus seinen Nachfolgern angesichts einer, wie es schien, überwältigenden Übermacht übertrug, nicht durch menschliche Kraft, sondern durch Gottes Geist bewältigt wird. Es ist so, wie Jesus in einem Gebet zu Gott sagte: „Vater, alle Dinge sind dir möglich“ (Mar. 14:36).
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Öffentlich und von Haus zu Haus predigenJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 25
Öffentlich und von Haus zu Haus predigen
ALS Jesus Christus seine Jünger aussandte, gab er ihnen die Anweisung: „Während ihr hingeht, predigt, indem ihr sagt: ‚Das Königreich der Himmel hat sich genaht‘ “ (Mat. 10:7). Und in seinem prophetischen Auftrag an wahre Christen, die in der Zeit des Abschlusses des Systems der Dinge leben würden, sagte er: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Was bedeutete das?
Damit war nicht gemeint, daß sie Kirchen bauen, Glocken läuten und darauf warten sollten, daß eine Gemeinde zusammenkäme, der sie einmal in der Woche eine Predigt halten würden. Das griechische Verb, das hier mit „predigen“ (kērýssō) wiedergegeben wird, bedeutet eigentlich „als Herold verkünden“. Tatsächlich geht es nicht darum, vor einer geschlossenen Gruppe von Jüngern Predigten zu halten, sondern darum, eine öffentliche Erklärung abzugeben.
Jesus selbst zeigte, wie dies zu tun wäre. Er begab sich an Orte, wo er Menschen traf. Im ersten Jahrhundert versammelte man sich regelmäßig in Synagogen, wo aus den Schriften vorgelesen wurde. Jesus ergriff die Gelegenheit, den dort Versammelten zu predigen, und zwar nicht nur in e i n e r Stadt, sondern in vielen Städten und Dörfern in ganz Galiläa und Judäa (Mat. 4:23; Luk. 4:43, 44; Joh. 18:20). Wie die Evangelien erkennen lassen, predigte er noch häufiger an Stränden, an Berghängen, unterwegs, in Dörfern und in den Häusern derer, die ihn willkommen hießen. Wo immer er Leute traf, sprach er mit ihnen über Gottes Vorsatz in Verbindung mit den Menschen (Luk. 5:3; 6:17-49; 7:36-50; 9:11, 57-62; 10:38-42; Joh. 4:4-26, 39-42). Als er seine Jünger aussandte, wies er sie an, die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen, um nach denen zu forschen, die es verdienten, und ihnen von Gottes Königreich zu erzählen (Mat. 10:7, 11-13).
Jehovas Zeugen der Neuzeit haben sich bemüht, dem Vorbild Jesu und seiner Jünger im ersten Jahrhundert zu entsprechen.
Die Botschaft von Christi Gegenwart verkündigen
Charles Taze Russell und seine Gefährten waren tief bewegt, als sie das harmonische Gesamtbild der Wahrheit aus Gottes Wort begriffen und den Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft Christi erkannten. Bruder Russell verspürte die dringende Notwendigkeit, dies bekanntzumachen. Er regelte alles so, daß er dorthin reisen konnte, wo sich Menschen aufhielten, denen er diese biblischen Wahrheiten übermitteln konnte. Er ging zu Zeltmissionen und nutzte die Gelegenheiten, zu den Versammelten zu sprechen, so wie es Jesus in den Synagogen getan hatte. Doch bald wurde ihm klar, daß auf andere Weise mehr erreicht werden könnte. Bei seinem Studium der Bibel fand er heraus, daß Jesus und seine Apostel überwiegend in persönlichen Gesprächen und bei ihren Besuchen von Haus zu Haus predigten. Außerdem wurde ihm bewußt, wie wertvoll es wäre, jemandem nach einem Gespräch etwas Gedrucktes in die Hände zu legen.
Bereits 1877 hatte Charles Taze Russell die Broschüre The Object and Manner of Our Lord’s Return (Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn) herausgegeben. Zwei Jahre später begann er, regelmäßig die Zeitschrift Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi herauszugeben. Ja, der Zweck bestand darin, zu predigen oder zu verkünden, und zwar wichtige Botschaften in Verbindung mit der Gegenwart Christi.
Schon 1881 wurden Schriften von Bibelforschern unweit von Kirchen kostenfrei verteilt — nicht direkt an der Kirchentür, doch in der Nähe, so daß religiöse Bürger die Druckschriften entgegennehmen konnten. Viele Bibelforscher gaben Literatur an Bekannte weiter oder versandten sie mit der Post. Im Jahre 1903 wurde im Wacht-Turm empfohlen, bei der Verbreitung der Traktate von Haus zu Haus bemüht zu sein, alle Menschen zu erreichen, statt sich nur auf Kirchgänger zu konzentrieren. Nicht alle beteiligten sich daran, doch eine ansehnliche Zahl war mit Eifer dabei. Es wurde beispielsweise berichtet, daß in den Vereinigten Staaten in einigen Großstädten und in ihren Vororten im Umkreis von mehr als 16 Kilometern praktisch jeder Haushalt aufgesucht wurde. Millionen und Abermillionen von Traktaten oder Broschüren wurden auf diese Weise verbreitet. Damals verkündigten die meisten Bibelforscher die gute Botschaft, indem sie auf vielerlei Weise Traktate und andere Schriften kostenfrei verteilten.
Andere Bibelforscher — eine begrenzte Anzahl — dienten als Kolporteurverkündiger und setzten den größten Teil ihrer Zeit in diesem Werk ein.
Eifrige Kolporteure übernehmen die Führung
Der erste Aufruf an ergebene Männer und Frauen, die einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in diesem Dienst einsetzen könnten, erging im April 1881. Sie sollten Wohnungsinhabern und Geschäftsleuten ein Taschenbuch, das biblische Wahrheiten erklärte, und ein Abonnement des Wacht-Turms anbieten. Ihr Ziel bestand darin, wahrheitshungrige Menschen zu finden und ihnen Erkenntnis zu vermitteln. Eine Zeitlang bemühten sich die Verkündiger, mit wenigen Worten Interesse zu wecken und beim Wohnungsinhaber ein Päckchen mit Literatur zur Ansicht zurückzulassen. Nach einigen Tagen kamen sie wieder. Manche Wohnungsinhaber gaben die Literatur zurück, während andere sie erwarben. Häufig ergaben sich Gelegenheiten zu Gesprächen. Über das Ziel bemerkte der Wacht-Turm: „Was wirklich zählt, ist nicht der Verkauf der Päckchen noch das Aufnehmen von Abonnements, sondern die Verbreitung der Wahrheit, indem die Menschen angeregt werden zu lesen.“
Die Anzahl derer, die sich am Kolporteurwerk beteiligten, war verhältnismäßig klein. In den ersten 30 Jahren schwankte die Zahl zwischen einigen wenigen und etwa 600. Diese Kolporteure waren im wahrsten Sinne des Wortes Pioniere — sie erschlossen neue Gebiete. Anna Andersen harrte beispielsweise Jahrzehnte in diesem Dienst aus. Gewöhnlich war sie mit dem Fahrrad unterwegs und brachte die gute Botschaft in nahezu jede Stadt Norwegens. Andere Kolporteure verließen ihr Heimatland und brachten die Botschaft als erste in Länder wie Finnland, Barbados, El Salvador, Guatemala, Honduras und Birma (heute Myanmar). Einige waren nicht in der Lage, in andere Gebiete zu ziehen, und dienten in ihrem Heimatgebiet als Kolporteurverkündiger.
Das Werk, das die Kolporteure verrichteten, war herausragend. Im Jahre 1898 berichtete einer von ihnen, der an der Westküste der Vereinigten Staaten tätig war, er habe in den vergangenen 33 Monaten mit seinem Pferdewagen 12 800 Kilometer zurückgelegt, in 72 Städten Zeugnis gegeben, 18 000 Besuche gemacht, 4 500 Bücher zurückgelassen, 125 Abonnements aufgenommen und 40 000 Traktate verteilt. Außerdem hatten 40 Personen die Botschaft angenommen und sogar damit begonnen, anderen davon zu erzählen. Einem Ehepaar in Australien gelang es, 20 000 Bücher in die Hände von interessierten Personen zu legen, und das in nur zweieinhalb Jahren.
War es eher die Ausnahme oder die Regel, viel Literatur abzugeben? Nun, wie der Bericht für 1909 zeigte, erhielten 625 Kolporteure (die damalige Gesamtzahl) von der Gesellschaft 626 981 gebundene Bücher zum Verbreiten (durchschnittlich tausend pro Kolporteur); darüber hinaus gaben sie viele Schriften kostenfrei ab. Häufig waren sie nicht in der Lage, all die Bücher zu tragen, die sie hätten abgeben können; daher nahmen sie Bestellungen auf und lieferten die Bücher später aus.
Dennoch wandten einige ein: „Das ist kein Predigen!“ Es war jedoch, wie Bruder Russell erklärte, eine äußerst wirkungsvolle Art des Predigens. Statt nur e i n e Predigt zu hören, kamen die Menschen nun in den Genuß vieler gedruckter Predigten, die sie immer wieder lesen und mit ihrer Bibel vergleichen konnten. Diese Art des Evangelisierens war möglich, weil die Menschen aufgrund der Allgemeinbildung des Lesens mächtig waren. Das Buch Die Neue Schöpfung hob hervor: „Dagegen, daß diese Evangeliumsverkündiger nach modernen Methoden arbeiten, kann ebensowenig etwas eingewendet werden wie dagegen, daß sie nicht zu Fuß oder auf Kamelen, sondern per Bahn das Land durchqueren. Das Wesentliche an der Evangelisation ist die Verkündigung der Wahrheit ..., des Wortes Gottes.“
Das aufrichtige Interesse der Bibelforscher, ihren Mitmenschen zu helfen, zeigte sich in der Gründlichkeit, die schließlich für ihre Predigttätigkeit charakteristisch werden sollte. Der Wacht-Turm vom Juli 1917 beschrieb, wie man vorging: Zuerst machten die Kolporteure in einem Gebiet Hausbesuche und boten die Schriftstudien an. Danach besuchten die am pastoralen Werka beteiligten Arbeiter diejenigen, deren Namen von den Kolporteuren notiert oder nach öffentlichen Vorträgen abgegeben worden waren. Sie spornten die Menschen an, die Literatur zu lesen, und ermunterten Interessierte, speziell organisierte Vorträge zu besuchen. Außerdem bemühten sie sich, Beröer-Bibelstudien-Klassen einzurichten. Wenn möglich, gingen die Kolporteure erneut durch das Gebiet, und daraufhin folgten die mit dem pastoralen Werk Beauftragten, um mit denen, die Interesse gezeigt hatten, in Verbindung zu bleiben. Später besuchten andere Klassen-Arbeiter dieselben Haushalte mit der „Freiwilligen-Sache“, wie sie die Traktate und andere kostenfreie Schriften nannten. So war es möglich, daß jeder etwas in die Hände bekam, was bei ihm den Wunsch wecken konnte, mehr über Gottes Vorsatz zu erfahren.
Falls in einem Gebiet nur ein oder zwei Kolporteure tätig waren und keine Versammlung bestand, verrichteten die Kolporteure die Nacharbeit oft selbst. Als zum Beispiel Hermann Herkendell und sein Partner 1908 als Kolporteure nach Bielefeld kamen, wurden sie speziell angewiesen, die Interessierten miteinander bekannt zu machen und eine Versammlung zu gründen. Einige Jahre später erwähnte Der Wacht-Turm andere Kolporteure, die aufgrund intensiver Schulung der Interessierten in jeder kleineren oder größeren Stadt, in der sie tätig waren, Bibelklassen gründen konnten.
Eine wertvolle Hilfe in diesem Werk war das Buch Die Harfe Gottes, das 1921 erschien. Es war besonders für Neuinteressierte gedacht und erreichte schließlich eine Auflage von 5 819 037 und wurde in 22 Sprachen verbreitet. Um denen weiterzuhelfen, die das Buch erworben hatten, bot die Gesellschaft einen thematischen Bibel-Fernkurs an. Er bestand aus 12 Fragebogen und wurde über einen Zeitraum von 12 Wochen versandt. Das Buch diente als Grundlage für ein gruppenweises Bibelstudium, das in Wohnungen von Interessierten stattfand. Gewöhnlich waren mehrere Bibelforscher zugegen.
Die Zeugen waren sich jedoch völlig darüber im klaren, daß die Ernte zwar groß, sie selbst aber sehr wenige waren (Luk. 10:2).
Mit wenigen wurden viele erreicht
Der Wacht-Turm (engl.) wies darauf hin, daß wahre geistgesalbte Christen die ihnen von Gott übertragene Verantwortung haben, alle aufrichtigen Christen, ob sie nun Kirchgänger waren oder nicht, ausfindig zu machen und ihnen beizustehen (Jes. 61:1, 2). Wie könnte das bewerkstelligt werden?
Die beiden Bibelforscher J. C. Sunderlin und J. J. Bender, die 1881 nach England gesandt wurden, hätten allein relativ wenig ausrichten können; doch durch die Mithilfe Hunderter junger Männer, die für ihre Arbeit bezahlt wurden, war es ihnen möglich, in kurzer Zeit 300 000 Exemplare der Publikation Speise für denkende Christen unter die Menschen zu bringen. Vor Adolf Weber, der Mitte der 1890er Jahre mit der guten Botschaft in die Schweiz zurückkehrte, lag ein riesiges Predigtgebiet, das sich über mehrere Länder erstreckte. Wie konnte er dieses große Gebiet bearbeiten? Als Kolporteur machte er weite Reisen. Außerdem gab er Anzeigen in Zeitungen auf und veranlaßte Buchhändler, Wachtturm-Publikationen in ihr Sortiment aufzunehmen. Die kleine Gruppe Bibelforscher in Deutschland sorgte 1907 dafür, daß 4 850 000 vierseitige Traktate mit Tageszeitungen ausgeliefert wurden. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg bezahlte ein lettischer Bruder, der ein Mitarbeiter im Hauptbüro der Gesellschaft in New York war, Zeitungsanzeigen in seinem Geburtsland. Der erste Bibelforscher in Lettland war ein Mann, der günstig auf eine dieser Anzeigen reagiert hatte. Allerdings ersetzte diese Art der Bekanntmachung nicht das persönliche Zeugnisgeben und die Suche von Haus zu Haus nach würdigen Menschen. Vielmehr wurde die Verkündigung dadurch noch unterstützt.
Man veröffentlichte in Tageszeitungen jedoch nicht nur Anzeigen. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als Bruder Russell die Leitung innehatte, wurden auch regelmäßig seine Predigten abgedruckt. Binnen kurzem war ein enormer Aufschwung zu verzeichnen. In mehr als 2 000 Zeitungen mit einer Leserschaft von insgesamt 15 000 000 erschienen die Predigten gleichzeitig, und zwar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Australien und Südafrika. Könnte noch mehr getan werden? Bruder Russell war davon überzeugt.
Nach zweijähriger Vorbereitungsarbeit wurde im Januar 1914 das „Photo-Drama der Schöpfung“ zum erstenmal vorgeführt, und zwar in vier Folgen. Das achtstündige Programm bestand aus einer Kombination von Filmen, Lichtbildern und Schallplatten. Man konnte es wirklich als eine außergewöhnliche Produktion bezeichnen, die dazu bestimmt war, Wertschätzung für die Bibel und den darin enthaltenen Vorsatz Gottes zu fördern. Es wurde dafür gesorgt, daß täglich in 80 Städten Vorführungen stattfinden konnten. Das Ereignis wurde in der Presse angekündigt und durch Plakate in Schaufenstern und in Fenstern von Privatwohnungen. Zusätzlich wurden Unmengen von Flugblättern verteilt — all das, um die Aufmerksamkeit auf das „Photo-Drama“ zu lenken. Wo immer es gezeigt wurde, erschienen große Menschenmengen. Innerhalb eines Jahres hatten über 8 000 000 Personen in den Vereinigten Staaten und Kanada das „Photo- Drama“ gesehen. Außerdem wurde von hohen Anwesendenzahlen in Großbritannien, auf dem europäischen Festland sowie in Australien und Neuseeland berichtet. Später gab es eine kürzere Version des „Photo-Dramas“ (ohne Filme), die in Kleinstädten und Landgebieten gezeigt wurde. Das „Photo-Drama“ wurde noch mindestens zwei Jahrzehnte in mehreren Sprachen gezeigt. Das Interesse war beachtlich, und aufgrund der abgegebenen Adressen konnten viele Rückbesuche gemacht werden.
Dann, in den 20er Jahren, stand ein anderes Hilfsmittel zur Verfügung, durch das die Königreichsbotschaft weithin verbreitet wurde. Bruder Rutherford war fest davon überzeugt, daß die Hand des Herrn in dieser Entwicklung eine Rolle spielte. Worum handelte es sich? Um den Rundfunk. Weniger als zwei Jahre nachdem die erste kommerzielle Rundfunkanstalt der Welt mit regelmäßigen Sendungen begonnen hatte (1920), machte sich J. F. Rutherford, der Präsident der Watch Tower Society, den Äther zunutze und verbreitete über den Rundfunk biblische Wahrheiten. Durch dieses Medium konnten Millionen von Menschen gleichzeitig erreicht werden. Weitere zwei Jahre später (1924) nahm die Gesellschaft in New York ihren eigenen Rundfunksender WBBR in Betrieb. Um das Jahr 1933 war der Höhepunkt erreicht, als die Botschaft über 408 Stationen in sechs Erdteile ausgestrahlt wurde. Außer Live-Sendungen standen Aufzeichnungen über eine Vielzahl von Themen auf dem Programm. Damit die Bevölkerung Nutzen daraus ziehen konnte, wurde sie durch Flugblätter umfassend informiert. Die Sendungen trugen dazu bei, starke Vorurteile abzubauen und aufrichtigen Menschen die Augen zu öffnen. Viele Menschen scheuten sich, die Zusammenkünfte der Bibelforscher zu besuchen, und zwar aus Furcht vor den Nachbarn und der Geistlichkeit; doch dieser Umstand hielt sie nicht davon zurück, in der Geborgenheit ihres Heims den Rundfunksendungen zu lauschen. Die Übertragungen waren kein Ersatz für das Zeugnisgeben von Haus zu Haus, allerdings bewirkten sie, daß die biblische Wahrheit in schwer zugängliche Gebiete gelangte, und außerdem ergaben sich ausgezeichnete Möglichkeiten für Gespräche, wenn die Zeugen die einzelnen Haushalte aufsuchten.
Die Verantwortung eines jeden, Zeugnis zu geben
Auf die Verantwortung, sich persönlich am Zeugniswerk zu beteiligen, war im Wacht-Turm schon seit Jahrzehnten hingewiesen worden. Doch ab 1919 wurde dieses Thema in Druckschriften und auf Kongressen ständig behandelt. Dennoch hatten viele Verkündiger Schwierigkeiten, Fremden an den Türen gegenüberzutreten, und anfangs beteiligten sich nur wenige Bibelforscher regelmäßig am Zeugnisgeben von Haus zu Haus.
Zu Herzen gehende biblische Ermunterung enthielt die Wacht-Turm-Ausgabe vom Oktober/November 1919 mit dem Thema „Glückselig sind die Furchtlosen“. Darin wurde vor Menschenfurcht gewarnt, und es wurde die Aufmerksamkeit auf die 300 mutigen Krieger Gideons gelenkt, die hellwach und bereitwillig dienten ungeachtet dessen, was der Herr ihnen gebot, und trotz scheinbar unüberwindlicher Hindernisse. Auch Elisa wurde wegen seiner Furchtlosigkeit und seines Vertrauens zu Jehova lobend erwähnt (Ri. 7:1-25; 2. Kö. 6:11-19; Spr. 29:25). In dem Artikel „Sei guten Mutes“ wurde 1921 betont, daß es nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Vorrecht ist, an der Seite des Herrn gegen die satanischen Mächte der Finsternis zu kämpfen, indem man sich an dem in Matthäus 24:14 vorhergesagten Werk beteiligt. Wer sich wegen seiner Lebensumstände Beschränkungen auferlegen mußte, wurde aufgefordert, nicht entmutigt zu sein, sondern das zu tun, was ihm möglich war.
Durch eine offene Sprache führte Der Wacht-Turm allen, die sich zu den gesalbten Dienern Gottes zählten, vor Augen, daß sie gemäß der Bibel die Verantwortung haben, das Königreich zu verkündigen. Die Ausgabe vom 15. August 1922 (engl.) enthielt einen äußerst treffenden Artikel, betitelt „Dienst unbedingt erforderlich“, und zwar ein Dienst nach dem Muster Christi, der es mit sich bringt, daß man zu Menschen geht und ihnen von Gottes Königreich erzählt. Noch im selben Jahr wurde gezeigt, daß ein solcher Dienst für Gott nur dann zählt, wenn Liebe die Triebkraft ist (1. Joh. 5:3). In einem Artikel in der Ausgabe vom 15. Juli 1926 hieß es, daß Gott absolut nichts von einer formalistischen Anbetung hält; was er möchte, ist Gehorsam, und das schließt Wertschätzung für jedes Mittel ein, das er benutzt, um seinen Vorsatz auszuführen (1. Sam. 15:22). Bei der Betrachtung des Artikels „Der Auftrag des Christen auf Erden“ im darauffolgenden Jahr wurde die Aufmerksamkeit auf die Rolle Jesu als „der treue und wahrhaftige Zeuge“ gelenkt sowie auf die Tatsache, daß der Apostel Paulus „öffentlich und von Haus zu Haus“ predigte (Offb. 3:14; Apg. 20:20).
Ausführliche Darbietungen, die die Verkündiger auswendig lernen sollten, erschienen im Bulletin, ihrem monatlichen Dienstanweisungsblatt. Es wurde dazu ermuntert, jede Woche Predigtdienst zu verrichten. Doch die Anzahl derer, die sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus beteiligten, war anfangs sehr klein, und einige, die damit begonnen hatten, gaben wieder auf. 1922 berichteten beispielsweise in den Vereinigten Staaten jede Woche durchschnittlich 2 712 Personen über ihren Predigtdienst. 1924 sank die Zahl auf 2 034. Im Jahre 1926 stieg die Durchschnittszahl auf 2 261, und eine Höchstzahl von 5 937 Verkündigern beteiligte sich in einer Woche besonderer Tätigkeit.
Gegen Ende des Jahres 1926 ermunterte die Gesellschaft die Versammlungen dann, am Sonntag Zeit für gruppenweises Zeugnisgeben einzuplanen und dabei nicht nur Traktate, sondern auch Bücher zum Bibelstudium anzubieten. 1927 forderte Der Wacht-Turm loyale Christen in den Versammlungen auf, alle, die durch ihre Äußerungen oder Handlungen zu erkennen gaben, daß sie die Verantwortung, öffentlich und von Haus zu Haus Zeugnis zu geben, nicht übernehmen wollten, aus ihrer Stellung als Älteste zu entfernen. Zweige, die keine Frucht hervorbrachten, wurden sozusagen weggenommen, und die verbleibenden wurden beschnitten, damit sie zum Lobpreis Gottes mehr Frucht brächten. (Vergleiche Jesu Gleichnis aus Johannes 15:1-10.) Hat das tatsächlich dazu beigetragen, den Lobpreis Jehovas in der Öffentlichkeit zu mehren? 1928 stieg in den Vereinigten Staaten die Durchschnittszahl derer, die sich wöchentlich am Zeugnisgeben beteiligten, um 53 Prozent!
Von nun an beschränkten sich die Zeugen nicht mehr darauf, den Menschen lediglich ein Gratistraktat zu überreichen und dann weiterzugehen. Manche führten jetzt kurze Gespräche mit den Wohnungsinhabern, um Interesse an der biblischen Botschaft zu wecken, und boten dann Bücher an.
Die Zeugen in jener Anfangszeit waren zwar mutig, doch nicht alle zeichneten sich durch Takt aus. Nichtsdestoweniger unterschieden sie sich von anderen Religionsgemeinschaften. Sie sagten nicht nur, daß jeder über seinen Glauben Zeugnis ablegen sollte, sondern sie taten es auch. Und ihre Zahl nahm ständig zu.
Zeugniskarten und Grammophone
Gegen Ende des Jahres 1933 wurde eine neue Predigtmethode eingeführt. Jeder Zeuge stellte sich vor und überreichte dem Wohnungsinhaber eine Zeugniskarte mit einer kurzen Botschaft zum Lesen. Das war speziell für neue Verkündiger eine große Hilfe, die damals noch nicht so gut geschult wurden. Gewöhnlich sprachen sie nur ein paar Worte mit dem Wohnungsinhaber, nachdem er die Karte gelesen hatte; einige unterhielten sich etwas länger und gebrauchten die Bibel. Zeugniskarten wurden noch bis weit in die 40er Jahre benutzt. Dadurch wurde eine rasche Bearbeitung des Gebiets möglich; die Zeugen trafen mehr Menschen an, viel wertvolle biblische Literatur gelangte in die Hände der Wohnungsinhaber, ein einheitliches Zeugnis wurde gegeben, und selbst in Sprachen, die die Zeugen nicht beherrschten, wurde die Botschaft überbracht. Manchmal entstanden auch peinliche Situationen. Wenn zum Beispiel die Tür zuging und der Wohnungsinhaber die Karte behalten hatte, mußte der Zeuge erneut klopfen, um sie wiederzubekommen.
Biblische Vorträge auf Schallplatten spielten in den 30er und zu Beginn der 40er Jahre eine bedeutende Rolle. Einige Zeugen begannen 1934 damit, tragbare Grammophone mitzunehmen, wenn sie in den Dienst gingen. Da das Gerät ziemlich schwer war, ließen sie es zuweilen im Auto oder an einem günstigen Platz, bis sie Personen gefunden hatten, die einen biblischen Schallplattenvortrag hören wollten. Im Jahre 1937 begann man, das tragbare Grammophon an den Türen zu gebrauchen. Die Verfahrensweise war einfach: Nachdem der Zeuge erklärt hatte, daß er eine wichtige biblische Botschaft zu überbringen habe, setzte er die Nadel auf die Platte, und die Predigt lief ab. Kasper Keim, ein deutscher Pionier, der in den Niederlanden diente, war sehr dankbar für seinen „Aaron“, wie er das Grammophon nannte, denn er hatte Schwierigkeiten, auf niederländisch zu predigen. (Vergleiche 2. Mose 4:14-16.) Aus Neugierde hörten sich manchmal ganze Familien die Schallplatten an.
Um das Jahr 1940 waren 40 000 Grammophone im Gebrauch. Damals wurde ein neues vertikal spielbares Modell vorgestellt. Es war von den Zeugen entworfen und gebaut worden und wurde hauptsächlich auf dem amerikanischen Kontinent eingesetzt. Dieses Gerät rief noch größeres Erstaunen hervor, denn die Platte war nicht zu sehen, wenn sie abgespielt wurde. Mit 78 Umdrehungen pro Minute lief die Platte viereinhalb Minuten. Die Titel waren kurz und bündig: „Königreich“, „Gebet“, „Weg zum Leben“, „Dreieinigkeit“, „Fegefeuer“, „Warum widersteht die Geistlichkeit der Wahrheit?“ Über 90 Vorträge wurden aufgenommen; mehr als eine Million Platten waren im Umlauf. Die Darbietungen waren klar und verständlich — man konnte ihnen gut folgen. Viele Wohnungsinhaber hörten mit Wertschätzung zu; nur wenige lehnten schroff ab. Aber es wurde ein wirkungsvolles und einheitliches Zeugnis gegeben.
Die gute Botschaft in der Öffentlichkeit mutig verkündigt
Obwohl Zeugniskarten und Schallplatten größtenteils das „Reden“ übernahmen, war in jenen Jahren außergewöhnlicher Mut geboten, ein Zeuge zu sein. Das Werk als solches machte es erforderlich, daß jeder Zeuge an die Öffentlichkeit trat.
Im Anschluß an den Kongreß in Columbus (Ohio) im Jahre 1931 verbreiteten Jehovas Zeugen die Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt, in der auch eine Resolution mit dem Titel „Warnung von Jehova“ enthalten war, die „an die Herrscher und das Volk“ gerichtet wurde. Sie erkannten deutlich, daß auf ihnen als Zeugen für Jehova die ernste Verpflichtung ruhte, anderen die Warnung aus Jehovas Wort zu überbringen (Hes. 3:17-21). Sie verschickten die Broschüren nicht einfach mit der Post oder schoben sie unter den Türen durch, sondern übergaben sie persönlich. Die Verkündiger besuchten alle Geistlichen und im Rahmen des Möglichen auch Politiker, Militärs und leitende Angestellte großer Firmen. Darüber hinaus wandten sie sich in annähernd hundert Ländern, in denen Jehovas Zeugen damals das Zeugniswerk organisiert durchführten, an die Allgemeinheit.
Im Jahre 1933 waren Plattenspieler mit Lautsprecheranlage in Gebrauch, mit denen man auf öffentlichen Plätzen biblische Vorträge abspielte, die sich durch ihre deutliche Sprache auszeichneten. Bruder Smets und Bruder Poelmans montierten ihre Ausrüstung auf ein Dreirad und ließen die Botschaft in Lüttich (Belgien) auf Marktplätzen und in der Nähe von Kirchen erschallen, während sie daneben standen. Nicht selten waren sie täglich zehn Stunden unterwegs. Auf Jamaika strömten die Menschen schnell zusammen, wenn Musik ertönte, also legten die Brüder zuerst eine Musikplatte auf. Als die Menschen aus dem Hinterland auf die Hauptstraßen strömten, um zu sehen, was los war, stießen sie auf Jehovas Zeugen, die die Königreichsbotschaft verkündigten.
Einige Plattenspieler installierte man auf Booten und in Personenwagen, während die Lautsprecher auf dem Dach angebracht wurden, damit der Vortrag weithin zu hören war. Bert und Vi Horton bereisten Australien in einem Wagen mit einem großen Schalltrichter auf dem Dach, auf dem das Wort „Königreichsbotschaft“ zu lesen war. Ein Jahr lang ließen sie in fast jeder Straße Melbournes aufrüttelnde Bloßstellungen der falschen Religion und die herzerfrischende Botschaft von den Segnungen des Königreiches Gottes erschallen. In dieser Zeit diente Claude Goodman als Pionier in Indien. Mit Hilfe des Lautsprecherwagens und der Schallplattenaufnahmen in verschiedenen Sprachen war es ihm möglich, in Basaren, Parks und auf den Straßen große Menschenmengen zu erreichen — überall, wo Leute anzutreffen waren.
Als Brüder im Libanon ihren Lautsprecherwagen auf einem Hügel parkten, waren die Schallplattenvorträge bis in die Täler zu hören. Einige Dorfbewohner fürchteten sich, weil sie glaubten, Gott spreche zu ihnen aus dem Himmel, denn sie konnten nicht sehen, woher die Stimme kam.
Die Brüder erlebten auch einige aufregende Situationen. In Syrien ließ einmal ein Dorfpriester sein Mittagessen stehen, ergriff seinen großen Spazierstock und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge, die sich um den Lautsprecherwagen scharte, um den Vortrag zu hören. Er fuchtelte zornig mit dem Stock und schrie: „Aufhören! Ich befehle Ihnen aufzuhören!“ Die Brüder bemerkten jedoch, daß viele Bewohner auf ihrer Seite waren und zuhören wollten. Einige Leute aus der Menge packten den Priester und trugen ihn nach Hause, wo sie ihn wieder an seinen Mittagstisch setzten. Trotz des Widerstandes von seiten der Geistlichkeit setzten sich die Brüder mutig dafür ein, daß die Bevölkerung Gelegenheit erhielt, die Botschaft zu hören.
In dieser Zeit machten die Zeugen bei der Ankündigung besonderer Vorträge auch ausgiebig Gebrauch von Plakaten zum Umhängen, mit denen sie durch die Geschäftsviertel gingen, wobei sie Einladungszettel verteilten. Mit dieser Tätigkeit begann man 1936 in Glasgow (Schottland). Noch in demselben Jahr wurde die Methode in London (England) und dann in den Vereinigten Staaten eingeführt. Zwei Jahre danach kam noch hinzu, daß man an Stäben befestigte Plakate durch die Straßen trug. Darauf stand zu lesen: „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“b und „Dienet Gott und Christus, dem König“. Bei Kongressen bildeten die Plakatträger manchmal kilometerlange Umzüge. Schweigend gingen sie im Gänsemarsch durch verkehrsreiche Straßen, was in etwa dem Marsch um Jericho glich, als die Streitmacht Israels um die Stadt herummarschierte, bevor die Mauer fiel (Jos. 6:10, 15-21). Von London in England bis Manila auf den Philippinen wurde auf diese Weise mutig öffentlich Zeugnis gegeben.
Eine weitere Methode des Zeugnisgebens wurde 1940 eingeführt. Im Einklang mit dem Bibeltext, der besagt, daß ‘die wahre Weisheit auf der Straße laut ruft’, begannen Jehovas Zeugen im Februar jenes Jahres damit, die Zeitschriften Der Wachtturm und Trost (heute Erwachet!) auf der Straße anzubietenc (Spr. 1:20). Sie riefen Schlagworte aus, die die Aufmerksamkeit auf die Zeitschriften und ihre Botschaft lenkten. Überall in der Welt — in Groß- und Kleinstädten — wurden Jehovas Zeugen mit ihren Zeitschriften zum vertrauten Anblick. Dieses Werk erfordert Mut, und das war besonders am Anfang der Fall, denn es war eine Zeit heftiger Verfolgung, gepaart mit dem lodernden Nationalismus der Kriegszeit.
Als die Verkündiger aufgefordert wurden, an diesem öffentlichen Zeugnisgeben teilzunehmen, gingen sie glaubensvoll ans Werk. Die Anzahl derer, die sich daran beteiligten, nahm ständig zu. Sie betrachteten es als ein Vorrecht, auf diese Weise ihre Lauterkeit gegenüber Jehova unter Beweis zu stellen. Doch es gab für sie noch mehr zu lernen.
Jeder befähigt, seinen Glauben zu begründen
Ein außergewöhnliches Bildungsprogramm wurde im Jahre 1942 in Angriff genommen. Es begann in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas, und vom darauffolgenden Jahr an wurde es weltweit in den Versammlungen der Zeugen eingeführt. Im Vertrauen darauf, daß Gottes Geist auf seinen Zeugen ruhte und Gott sein Wort in ihren Mund gelegt hatte, waren sie entschlossen, dieses Wort zu predigen — selbst wenn Verfolger ihnen die Wachtturm-Publikationen oder die Bibel wegnehmen würden (Jes. 59:21). Es gab bereits Länder, zum Beispiel Nigeria, wo die Zeugen nur die Bibel beim Predigen verwendeten, weil die Regierung alle Wachtturm-Publikationen verboten hatte; selbst Publikationen, die viele Brüder in ihrer Privatbibliothek aufbewahrt hatten, waren beschlagnahmt worden.
Am 16. Februar 1942 führte Bruder Knorr im Bethelheim in Brooklyn (New York) einen „Fortbildungskurs im theokratischen Dienstamt“ ein. Die Unterweisung erstreckte sich auf Gebiete wie Nachforschungsarbeit, klare und deutliche Ausdrucksweise, Ausarbeiten eines Redeplans, wirkungsvolles Halten von Ansprachen, überzeugende Darlegung von Gedanken und taktvolles Verhalten. Sowohl Brüder als auch Schwestern waren bei dem Kurs willkommen, doch nur Brüder wurden eingeladen, sich eintragen zu lassen und Ansprachen zu halten, für die sie dann Rat erhielten. Der Nutzen zeigte sich bald, und zwar nicht nur in den Ansprachen auf der Bühne, sondern auch im wirkungsvolleren Predigen von Haus zu Haus.
Im Jahr darauf wurde damit begonnen, diesen Kurs in den Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas weltweit einzuführen, und zwar zunächst in Englisch und später auch in anderen Sprachen. Das erklärte Ziel der Schule bestand darin, jedem Zeugen Jehovas zu helfen, Menschen im Haus-zu-Haus-Dienst zu belehren, Rückbesuche zu machen und Bibelstudien durchzuführen. Jedem Zeugen sollte geholfen werden, ein befähigter Diener Gottes zu werden (2. Tim. 2:2). Ab 1959 erhielten auch Schwestern die Gelegenheit, sich in die Schule eintragen zu lassen. Sie wählten für ihre Aufgaben Situationen aus dem Predigtdienst, das heißt, sie wandten sich nicht an die gesamte Zuhörerschaft, sondern an den Partner, der die Rolle des Wohnungsinhabers übernahm. Das war aber noch nicht alles.
Seit 1926 waren reisende Beauftragte der Gesellschaft mit anderen Zeugen gemeinsam im Predigtdienst tätig gewesen, um ihnen zu helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. 1953 auf dem internationalen Kongreß in New York erklärte jedoch Bruder Knorr — die Kreis- und Bezirksaufseher saßen vorn an der Bühne —, daß die Hauptaufgabe aller Diener oder Aufseher darin bestehen sollte, jedem Zeugen zu helfen, ein regelmäßiger Haus-zu-Haus-Verkündiger zu sein. „Jeder“, sagte er, „sollte in der Lage sein, die gute Botschaft von Haus zu Haus zu predigen.“ Um das zu erreichen, wurde ein weltweiter Feldzug in die Wege geleitet.
Warum wurde so großer Nachdruck darauf gelegt? Betrachten wir beispielsweise die Vereinigten Staaten: 28 Prozent der Zeugen verteilten damals lediglich Handzettel oder standen mit Zeitschriften auf der Straße. Und mehr als 40 Prozent der Zeugen beteiligten sich nur unregelmäßig am Predigtdienst, das heißt, sie ließen Monate verstreichen, ohne sich an irgendeiner Art des Zeugnisgebens zu beteiligen. Liebevolle Unterstützung war nötig, und zwar in Form persönlicher Schulung. Pläne wurden aufgestellt, nach denen allen Zeugen Jehovas, die noch nicht von Haus zu Haus Zeugnis gaben, geholfen werden sollte, sich an den Türen mit Menschen anhand der Bibel zu unterhalten und Fragen zu beantworten. Sie sollten Predigten ausarbeiten, die sie beschäftigten Wohnungsinhabern vielleicht in drei Minuten halten könnten oder anderen in etwa acht Minuten. Das Ziel bestand darin, jedem Zeugen beizustehen, ein reifer christlicher Evangeliumsverkündiger zu werden.
Nicht nur reisende Aufseher erteilten diese Unterweisung, sondern auch Diener oder Aufseher am Ort. Und in den folgenden Jahren übertrug man weiteren befähigten Zeugen die Aufgabe, andere zu schulen. Über Jahre hinweg war in den wöchentlichen Dienstzusammenkünften der Versammlung in sogenannten Demonstrationen gezeigt worden, wie das Werk durchgeführt werden sollte. Doch nun legte man auch vermehrten Nachdruck auf persönliche Schulung im Predigtdienst.
Die Ergebnisse waren überwältigend. Die Zahl der Zeugen, die von Haus zu Haus predigten, nahm zu, was auch auf die zutraf, die sich regelmäßig am Predigtdienst beteiligten. Innerhalb von 10 Jahren stieg die Gesamtzahl der Zeugen weltweit um 100 Prozent. Sie machten auch 126 Prozent mehr Rückbesuche bei interessierten Personen, indem sie ihre Fragen beantworteten. Darüber hinaus wurden 150 Prozent mehr regelmäßige Heimbibelstudien mit Personen durchgeführt, die nach der biblischen Wahrheit hungerten. Die Verkündiger erwiesen sich wirklich als befähigte Prediger.
Wenn man die unterschiedliche Bildung und die verschiedenen Kulturkreise der Zeugen in Betracht zieht sowie die Tatsache, daß sie weltweit in kleinen Gruppen verstreut auf der Erde leben, kann man verstehen, warum die Zeugen nicht Menschen die Ehre dafür geben, daß sie für die Verkündigung der guten Botschaft ausgerüstet und geschult worden sind, sondern Jehova Gott (Joh. 14:15-17).
Das Predigen von Haus zu Haus — ein Erkennungsmerkmal
Zu verschiedenen Zeiten haben andere Religionsgemeinschaften ihre Anhänger ermuntert, die Menschen in ihrer Gemeinde zu Hause zu besuchen, um mit ihnen über Religion zu sprechen. Manche haben es versucht. Einige sind vielleicht sogar ein paar Jahre als Missionare tätig, aber das ist dann auch alles. Nur bei Jehovas Zeugen beteiligen sich eigentlich alle, Jung und Alt, Männer wie Frauen, jahrein und jahraus am Predigtdienst von Haus zu Haus. Nur Jehovas Zeugen bemühen sich aufrichtig, im Gehorsam gegenüber dem prophetischen Gebot aus Matthäus 24:14 die ganze bewohnte Erde mit der Königreichsbotschaft zu erreichen.
Nicht jedem Zeugen Jehovas fällt diese Tätigkeit leicht.d Viele sagten, als sie anfingen, die Bibel zu studieren: „Eins steht fest, von Haus zu Haus gehe ich nie!“ Dennoch beteiligen sich nahezu alle Zeugen Jehovas an dieser Tätigkeit, sofern sie gesundheitlich dazu in der Lage sind. Und viele tun es trotz Gebrechen — zum Beispiel im Rollstuhl und an Krücken. Andere geben telefonisch Zeugnis oder schreiben Briefe, sei es, weil sie ihre Wohnung ständig oder vorübergehend nicht verlassen können oder um mit Menschen in Verbindung zu treten, die sie sonst nicht erreichen können. Warum diese entschiedenen Anstrengungen?
Während sie Jehova kennenlernen, bewirkt ihre Liebe zu ihm eine völlig neue Einstellung zum Leben. Sie möchten über ihn sprechen. All das Wundervolle, das er für diejenigen bereithält, die ihn lieben, ist einfach zu schön, als daß sie es für sich behalten könnten. Und sie fühlen sich Gott gegenüber verantwortlich, Menschen vor der bevorstehenden großen Drangsal zu warnen (Mat. 24:21; vergleiche Hesekiel 3:17-19). Doch warum sollte dies durch die Tätigkeit von Haus zu Haus geschehen?
Jehovas Zeugen wissen, daß Jesus seine Jünger anwies, die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen, um ihnen zu predigen und sie zu belehren (Mat. 10:11-14). Auch wissen sie, daß die Apostel nach der Ausgießung des heiligen Geistes zu Pfingsten 33 u. Z. „im Tempel [in Jerusalem] und von Haus zu Haus“ ununterbrochen fortfuhren, die gute Botschaft zu verkündigen (Apg. 5:42). Jeder Zeuge kennt den Text aus Apostelgeschichte 20:20, wo es heißt, daß der Apostel Paulus „öffentlich und von Haus zu Haus“ lehrte. Und sie sehen in der Neuzeit überwältigende Beweise dafür, daß der Segen Jehovas auf diesem Werk ruht. Mit zunehmender Erfahrung im Haus-zu-Haus-Dienst wird diese Tätigkeit, vor der sie sich früher fürchteten, zu etwas, worauf sie sich freuen.
Die Verkündiger gehen gründlich vor. Sie machen sorgfältige Notizen, damit sie überall dort noch einmal vorsprechen, wo niemand zu Hause war. Aber nicht nur das, sie sprechen auch in jeder Wohnung wiederholt vor.
Da der Haus-zu-Haus-Dienst so erfolgreich ist, haben Gegner in vielen Ländern versucht, dieser Tätigkeit einen Riegel vorzuschieben. Jehovas Zeugen sind an Behörden herangetreten, damit ihnen das Recht zugestanden würde, von Haus zu Haus zu predigen. Wenn nötig, sind sie vor Gericht gegangen, um das Recht, die gute Botschaft auf diese Weise zu verbreiten, gesetzlich zu befestigen (Phil. 1:7). Und wo bedrückende Regierungen das Verbot ihrer Tätigkeit nicht aufhoben, sind Jehovas Zeugen bei der Verkündigung der Königreichsbotschaft einfach unauffälliger vorgegangen oder haben sich gegebenenfalls andere Methoden zunutze gemacht, um die Menschen zu erreichen.
Jehovas Zeugen haben zwar Rundfunk und Fernsehen bei der Verbreitung der Königreichsbotschaft genutzt, doch sie erkennen, daß Besuche von Haus zu Haus wegen des persönlichen Kontakts wesentlich erfolgreicher sind. Man kann besser auf die Fragen der einzelnen Wohnungsinhaber eingehen und würdige Personen ausfindig machen (Mat. 10:11). Das war einer der Gründe, weshalb die Watch Tower Society 1957 die Rundfunkstation WBBR in New York verkaufte.
Jehovas Zeugen betrachten aber ihre Arbeit nicht als abgeschlossen, wenn sie Menschen Zeugnis gegeben haben. Das ist erst der Anfang.
„Macht Jünger ... lehrt sie“
Jesus gebot seinen Nachfolgern nicht nur zu predigen. Wie er sollten auch sie lehren (Mat. 11:1). Vor seiner Himmelfahrt gab er seinen Jüngern den Auftrag: „Geht daher hin, und macht Jünger aus Menschen aller Nationen, ... lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe“ (Mat. 28:19, 20). Lehren (griech.: didáskō) unterscheidet sich vom Predigen insofern, als der Lehrer nicht nur verkündigt, sondern auch unterweist, erklärt und Beweise anführt.
Schon der Wacht-Turm vom April 1881 (engl.) enthielt kurze Anregungen, wie man lehren sollte. Einige der ersten Kolporteure machten es sich zur Aufgabe, bei Interessierten wieder vorzusprechen, um sie zu ermuntern, die Bücher der Gesellschaft zu lesen und sich mit anderen zu einem regelmäßigen Studium des Wortes Gottes zu versammeln. Hierbei verwendete man häufig das Buch Die Harfe Gottes (1921 veröffentlicht). Später wurde sogar noch mehr im Hinblick auf die persönliche Betreuung von Interessierten unternommen. Schallplattenvorträge und gedruckte Studienhilfsmittel spielten dabei eine wesentliche Rolle. Wie kam es dazu?
Als Ergänzung zu den Rundfunksendungen hatte die Gesellschaft 1933 Schallplattenaufnahmen eingesetzt, die auf transportablen Plattenspielern beispielsweise in Sälen, Parks und vor Fabriktoren abgespielt werden konnten. Schon bald vereinbarten Zeugen, die in ihrem Dienst von Haus zu Haus Interessierte fanden, bei diesen Rückbesuche, um eine der Schallplatten vorzuspielen. Als 1936 das Buch Reichtum herauskam, wurde nach dem Schallplattenvortrag Stoff aus dem Buch besprochen mit dem Ziel, Studien einzurichten, denen dann Interessierte aus der Umgebung beiwohnen konnten. Auf diese Tätigkeit legte man besonders deshalb Nachdruck, weil voraussichtlichen Angehörigen der „großen Volksmenge“ geholfen werden sollte, die Wahrheit kennenzulernen (Offb. 7:9).
Etwa zu dieser Zeit verstärkte die katholische Hierarchie ihren Druck auf Eigentümer und Leiter von Rundfunkanstalten sowie auf Regierungsstellen in dem entschlossenen Bemühen, die Wachtturm-Sendungen zu unterbinden. In einer Petition, die von 2 630 000 Bürgern in den Vereinigten Staaten unterzeichnet worden war, wurde eine Debatte zwischen einem hohen Vertreter der römisch-katholischen Kirche und J. F. Rutherford gefordert. Kein katholischer Geistlicher war bereit, die Herausforderung anzunehmen. Daher ließ Bruder Rutherford 1937 Schallplattenvorträge mit den Titeln „Offenbar gemacht“ und „Religion und Christentum“ aufnehmen, in denen es um grundlegende Lehren der Bibel und um die Widerlegung unbiblischer katholischer Lehren ging. Derselbe Stoff wurde in den Broschüren Schutz und Aufgedeckt veröffentlicht, und jedem, der die Petition unterzeichnet hatte, wurde ein Exemplar der Broschüre Aufgedeckt persönlich überbracht, damit er sich mit der biblischen Wahrheit, die die katholische Hierarchie zu unterdrücken suchte, vertraut machen konnte.
Um den Menschen zu helfen, die Streitpunkte klar zu erfassen und die biblische Grundlage dafür zu untersuchen, wurde die Broschüre Musterstudium Nr. 1 gedruckt, die in Zusammenkünften für Interessierte verwendet werden sollte. Diese Broschüre enthielt Fragen und Antworten sowie Schriftstellen, auf die man die Antworten stützen konnte. Zuerst ließ der Studienleiter einen oder mehrere der zuvor erwähnten Schallplattenvorträge ablaufen, so daß sich jeder mit dem Stoff vertraut machen konnte. Dann folgte eine Besprechung anhand der Broschüre, bei der die Bibeltexte eingehend betrachtet wurden. Auf die Broschüre Musterstudium Nr. 1 folgten Nr. 2 und Nr. 3 zusammen mit anderen Schallplattenvorträgen. Studien dieser Art wurden zunächst dort eingerichtet, wo Gruppen interessierter Personen zusammenkamen; doch schon bald richtete man sie auch bei Einzelpersonen und Familien ein.
Seither sind viele ausgezeichnete Bücher herausgegeben worden, die von Jehovas Zeugen speziell beim Durchführen von Heimbibelstudien benutzt werden. Zu denen, die am weitesten verbreitet wurden, gehören „Gott bleibt wahrhaftig“, Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt und Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben. Es gab auch 32seitige Broschüren wie „Diese gute Botschaft vom Königreich“, Gottes Weg ist Liebe, „Siehe! Ich mache alle Dinge neu“ und viele andere. Danach folgten Broschüren wie Für immer auf der Erde leben!, die sich durch eine sehr einfache, leichtverständliche Darlegung der biblischen Grundlehren auszeichnet.
Der Gebrauch dieser Hilfsmittel sowie die umfassende Unterweisung in der Versammlung und die persönliche Schulung hatten eine großartige Zunahme der Heimbibelstudien zur Folge. 1950 wurden durchschnittlich 234 952 Bibelstudien durchgeführt — die meisten davon wöchentlich. Studien mit Interessierten, die keine Fortschritte machten, wurden eingestellt. Viele allerdings machten so weit Fortschritte, daß sie selbst Lehrer wurden. Trotz des ständigen Wechsels stieg die Zahl der Bibelstudien laufend, manchmal sogar sprunghaft. 1992 führten Jehovas Zeugen weltweit 4 278 127 Heimbibelstudien durch.
Zur Durchführung dieses gewaltigen Predigt- und Lehrwerkes in allen Sprachen der Welt machen Jehovas Zeugen ausgiebigen Gebrauch von Druckschriften. Dazu ist eine Verlagsorganisation gigantischen Ausmaßes nötig.
[Fußnoten]
a Das pastorale Werk wurde in den Jahren 1915/16 in den etwa 500 Versammlungen organisiert, die Bruder Russell zu ihrem Pastor gewählt hatten. Als ihr Pastor hatte er in einem Brief an sie das Werk beschrieben, das zunächst auf Schwestern beschränkt war. Im darauffolgenden Jahr beteiligten sich auch Brüder an dieser Tätigkeit. Das pastorale Werk wurde von einer ausgewählten Gruppe noch bis 1921 durchgeführt.
b Dieser Ausspruch war darauf zurückzuführen, daß man unter der Bezeichnung Religion jede Form der Anbetung verstand, die sich auf menschliche Traditionen gründete statt auf Gottes Wort, die Bibel. Als jedoch im Jahre 1950 die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften herausgegeben wurde, wiesen Fußnoten zu Apostelgeschichte 26:5, Kolosser 2:18 und Jakobus 1:26, 27 darauf hin, daß der Ausdruck Religion ohne weiteres sowohl die wahre als auch die falsche Anbetung bezeichnen kann. Dies wurde im Wachtturm vom 1. Juli 1951, Seite 208 sowie in dem Buch Was hat die Religion der Menschheit gebracht? auf Seite 8—10 weiter erläutert.
c Ein Jahr zuvor führte man in Kalifornien (USA) probeweise den Zeitschriftendienst auf der Straße durch. Bereits 1926 waren die Bibelforscher allgemein damit beschäftigt, auf der Straße Broschüren mit wichtigem Inhalt zu verbreiten. Viel früher noch, nämlich 1881, hatten sie an Sonntagen in der Nähe von Kirchen Literatur verbreitet.
[Herausgestellter Text auf Seite 556]
Wo immer Jesus Leute traf, sprach er mit ihnen über Gottes Vorsatz in Verbindung mit den Menschen
[Kasten auf Seite 559]
Besonderer Segen ruht auf der Haus-zu-Haus-Tätigkeit
„Wie bei Christi erstem Advent schien der besondere Segen des Herrn auf der Haus-zu-Haus-Tätigkeit zu ruhen anstatt auf dem Predigen von der Kanzel“ („Wacht-Turm“, 15. Juli 1892, engl.).
[Kasten auf Seite 570]
Warum die Zeugen immer wieder vorsprechen
„Der Wachtturm“ vom 1. September 1962 erklärte, warum Jehovas Zeugen wiederholt an jeder Tür vorsprechen: „Oft ändern sich die Verhältnisse. Jemand, der heute vielleicht nicht zu Hause ist, mag das nächste Mal dasein. Jemand, der heute vielleicht keine Zeit hat, mag das nächste Mal Zeit haben. Heute kommt vielleicht die Mutter an die Tür, das nächste Mal der Sohn. Die Zeugen bemühen sich nicht nur, jede Familie in ihrem Gebiet aufzusuchen, sondern auch, wenn irgend möglich, mit jeder reifen Person in jeder Familie zu sprechen. Oft ist man in einer Familie geteilter Meinung über die Religion, weshalb ein einzelnes Mitglied nicht immer maßgebend ist für die ganze Familie. Auch ziehen manche Leute wieder aus und andere ein, so daß ein Zeuge nie genau weiß, wen er an einer bestimmten Tür antrifft.
Nicht nur die Verhältnisse können sich ändern, sondern auch die Leute ... Jemand mag wegen einer Kleinigkeit verärgert sein und im Augenblick keine Lust haben, sich mit jemand, der an seine Tür kommt, auf ein Gespräch über Religion oder über irgend etwas anderes einzulassen. Das heißt aber noch lange nicht, daß er ein andermal auch wieder so gelaunt ist. Es ist auch nicht gesagt, daß jemand, der im vergangenen Monat nichts von Religion wissen wollte, in diesem Monat auch nichts davon wissen will. Vielleicht hat er inzwischen etwas erlebt, was ihn zutiefst erschüttert oder demütig gemacht und bewirkt hat, daß er [sozusagen] hungrig oder sich seiner geistigen Bedürfnisse bewußt geworden ist ...
Außerdem erscheint vielen die Botschaft, die die Zeugen verkündigen, so sonderbar, daß sie sie gar nicht ernst nehmen. Erst wenn sie sie mehrmals gehört haben, merken sie, worum es eigentlich geht.“
[Kasten/Bild auf Seite 574]
„Alles darangesetzt“
„Wir, die wir uns in der Organisation des Herrn befinden, haben alles darangesetzt, ihre Aufmerksamkeit [die der Welt] auf die Botschaft des Lebens zu lenken. Wir haben Slogans gebraucht, ganzseitige Anzeigen in Zeitungen gesetzt, den Rundfunk, Lautsprecherwagen und Grammophone benutzt, Mammutkongresse veranstaltet, Informationsmärsche organisiert, bei denen Plakate getragen wurden, und ein wachsendes Heer von Verkündigern hat die Botschaft von Haus zu Haus gepredigt. Diese Tätigkeit hat bewirkt, daß sich die Leute für oder gegen das aufgerichtete Königreich Gottes entschieden. Das ist das Werk, von dem Jesus voraussagte, daß es in meiner Generation getan werden würde.“ (1987 von Melvin Sargent eingesandt, als er 91 Jahre alt war.)
[Bild]
Melvin Sargent
[Übersicht auf Seite 574]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Zunahme der Heimbibelstudien:
4 000 000
3 000 000
2 000 000
1 000 000
1950 1960 1970 1980 1992
[Bilder auf Seite 557]
Zigmillionen von diesen Traktaten wurden unweit von Kirchen, von Haus zu Haus und per Post verteilt
[Bilder auf Seite 558]
Kolporteurverkündiger verbreiteten bibelerklärende Schriften
[Bild auf Seite 559]
Anna Andersen verbreitete in nahezu jeder Stadt Norwegens biblische Literatur
[Bilder auf Seite 560]
Zeitungsanzeigen richteten sich an Menschen, die sonst nicht erreichbar waren
[Bilder auf Seite 561]
In mehr als 2 000 Tageszeitungen auf vier Kontinenten erschienen Bruder Russells Predigten gleichzeitig
[Bilder auf Seite 562]
Durch das „Photo-Drama der Schöpfung“ erhielten Millionen von Menschen in vielen Ländern ein großartiges Zeugnis
[Bild auf Seite 563]
J. F. Rutherford erreichte, daß weltweit Millionen von Menschen über den Rundfunk in ihrer Wohnung ein Zeugnis erhielten
[Bild auf Seite 564]
Startbereit, um sich am gruppenweisen Zeugnisgeben in England zu beteiligen
[Bild auf Seite 565]
Ab 1933 wurden Zeugniskarten benutzt
[Bild auf Seite 566]
Durch biblische Schallplattenvorträge wurde in den 30er und 40er Jahren ein wirksames Zeugnis gegeben
[Bild auf Seite 567]
Lautsprecherwagen, manchmal eine stattliche Anzahl (wie hier in Australien), wurden eingesetzt, um die biblische Wahrheit auf öffentlichen Plätzen erschallen zu lassen
[Bild auf Seite 568]
Beleuchtete Schilder in Wohnungsfenstern von Zeugen Jehovas gaben sozusagen rund um die Uhr Zeugnis
[Bild auf Seite 568]
Durch Plakate und Schilder wurde in der Öffentlichkeit (wie hier in Schottland) furchtlos Zeugnis gegeben
[Bild auf Seite 569]
Straßendienst mit den Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Trost“ (wie hier in den USA) begann 1940
[Bild auf Seite 569]
Ab 1943 erhielten die Brüder in den Versammlungen Unterweisung im öffentlichen Sprechen
[Bilder auf Seite 571]
Mit interessierten Personen werden Heimbibelstudien durchgeführt. Hier sind einige Publikationen zu sehen, die speziell für diesen Zweck bestimmt sind. Sie wurden zunächst in Englisch und später in vielen anderen Sprachen herausgegeben.
[Bilder auf Seite 572, 573]
Jung und Alt, Männer wie Frauen — Zeugen auf der ganzen Erde beteiligen sich am Zeugnisgeben von Haus zu Haus
Rumänien
Bolivien
Simbabwe
Hongkong
Belgien
Uruguay
Fidschi
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Königreichspredigtwerk durch die Herstellung biblischer Literatur gefördertJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Abschnitt 5
Königreichspredigtwerk durch die Herstellung biblischer Literatur gefördert
Auf der ganzen bewohnten Erde predigen — wie würde das erreicht werden? Wie dieser Abschnitt (Kapitel 25 bis 27) zeigt, hat man sich weltweit verschiedener Einrichtungen zur Herstellung von Bibeln und biblischer Literatur bedient, um Menschen aus allen Nationen zu erreichen.
[Ganzseitiges Bild auf Seite 554]
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