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Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 1 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Dies ist der erste von fünf Teilen eines Kapitels, in dem berichtet wird, wie sich die Tätigkeit der Zeugen Jehovas über die ganze Erde ausgedehnt hat. Teil 1, der die Zeit von den 1870er Jahren bis 1914 behandelt, geht von Seite 404 bis 422. Die menschliche Gesellschaft hat sich nie von den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges erholt, der 1914 begann. Dieses Jahr hatten die Bibelforscher schon lange mit dem Ende der Zeiten der Nationen gleichgesetzt.
EHE Jesus Christus zum Himmel auffuhr, gab er seinen Aposteln einen Auftrag. Er erklärte: „Ihr werdet Zeugen von mir sein ... bis zum entferntesten Teil der Erde“ (Apg. 1:8). Er hatte auch vorausgesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Dieses Werk wurde im ersten Jahrhundert nicht abgeschlossen. Ein Großteil ist in der Neuzeit getan worden. Und es ist wirklich begeisternd, zu lesen, was von den 1870er Jahren bis zur Gegenwart geleistet wurde.
Charles Taze Russell wurde durch seine weithin angekündigten biblischen Vorträge zwar zu einer bekannten Persönlichkeit, aber ihm war nicht lediglich an großen Zuhörerschaften gelegen, sondern an Menschen. Daher unternahm er bald nach 1879, dem Jahr, als er mit der Herausgabe des Wacht-Turms begann, ausgedehnte Reisen, um kleine Gruppen von Lesern der Zeitschrift zu besuchen und mit ihnen über biblische Gedanken zu sprechen.
C. T. Russell ermutigte diejenigen, die an die kostbaren Verheißungen aus Gottes Wort glaubten, sich daran zu beteiligen, sie anderen zu überbringen. Wer von dem Gelernten tief im Innersten berührt war, tat genau das mit echtem Eifer. Zur Förderung des Werkes wurden Druckerzeugnisse bereitgestellt. Anfang 1881 erschien eine Reihe von Traktaten. Material daraus wurde dann zusammen mit Zusatzinformationen in Form der umfangreicheren Publikation Speise für denkende Christen herausgegeben, von der 1 200 000 Exemplare zur Verbreitung hergestellt wurden. Aber wie könnte die kleine Schar Bibelforscher (damals an die 100) das alles verbreiten?
Kirchgänger angesprochen
Einen Teil gab man an Verwandte und Freunde weiter. Eine Anzahl Zeitungen erklärte sich bereit, allen ihren Abonnenten ein Exemplar zuzusenden. (Man konzentrierte sich auf wöchentlich und monatlich erscheinende Zeitungen, damit die Veröffentlichung Speise für denkende Christen vielen Bewohnern ländlicher Gegenden zukäme.) Aber zum größten Teil verbreitete man die Publikation an mehreren aufeinanderfolgenden Sonntagen vor Kirchen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Da es nicht so viele Bibelforscher gab, daß sie alles allein bewältigen konnten, engagierte man Helfer.
Bruder Russell sandte zwei Mitarbeiter, J. C. Sunderlin und J. J. Bender, nach Großbritannien, damit sie sich dort um die Verteilung von 300 000 Exemplaren kümmerten. Bruder Sunderlin ging nach London, während Bruder Bender in den Norden, nach Schottland, reiste und von da aus in Richtung Süden arbeitete. Man konzentrierte sich auf Großstädte. Durch Zeitungsanzeigen wurden geeignete Männer ausfindig gemacht, die man damit beauftragen konnte, für die Verbreitung einer bestimmten Anzahl von Exemplaren genügend Helfer zu suchen. Allein in London wurden fast 500 Verteiler angeworben. Die Arbeit wurde rasch erledigt — an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen.
Im selben Jahr wurde dafür gesorgt, daß Bibelforscher, die in der Lage waren, die Hälfte ihrer Zeit oder mehr dem Werk des Herrn zu widmen, als Kolporteure dienen konnten, um Literatur für das Bibelstudium zu verbreiten. Diese Vorläufer der heutigen Pioniere leisteten im Hinaustragen der guten Botschaft wirklich Bemerkenswertes.
In den nächsten zehn Jahren verfaßte Bruder Russell verschiedene Traktate, mit denen es leicht war, anderen einige der herausragenden neugelernten Wahrheiten der Bibel zu vermitteln. Er schrieb auch mehrere Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt). Dann begab er sich persönlich auf Evangelisierungsreisen in andere Länder.
Russell reist ins Ausland
Im Jahre 1891 besuchte er Kanada, wo seit 1880 so viel Interesse geweckt worden war, daß nun in Toronto ein Kongreß mit 700 Teilnehmern stattfinden konnte. Er reiste 1891 auch nach Europa, um zu sehen, was dort für die Ausbreitung der Wahrheit getan werden könnte. Die Reise führte ihn nach Irland, Schottland, England, in viele Länder des europäischen Festlandes, nach Rußland (in das heutige Moldawien) und in den Nahen Osten.
Zu welchem Schluß kam er durch seine Kontakte auf dieser Reise? „In Rußland beobachteten wir keine Öffnung oder Bereitschaft für die Wahrheit ... Wir sahen nichts, was uns auf eine Ernte in Italien, der Türkei, in Österreich oder Deutschland hoffen lassen würde“, berichtete er. „Aber Norwegen, Schweden, Dänemark, die Schweiz und besonders England, Irland und Schottland sind Felder, die reif sind und auf die Ernte warten. Diese Felder scheinen zu rufen: ‚Komm herüber und hilf uns!‘ “ Es war eine Zeit, in der die katholische Kirche noch das Lesen der Bibel verbot, in der viele Protestanten ihre Kirche verließen und in der etliche, von ihrer Kirche enttäuscht, die Bibel ganz und gar verwarfen.
Um diesen geistig Hungernden zu helfen, unternahm man nach Bruder Russells Reise von 1891 größere Anstrengungen, Literatur in die Sprachen Europas zu übersetzen. Außerdem sorgte man dafür, daß in London Literatur gedruckt und gelagert wurde, damit sie in Großbritannien leichter zu erhalten wäre. Das britische Feld stellte sich tatsächlich als reif für die Ernte heraus. Im Jahre 1900 gab es dort bereits neun Versammlungen und insgesamt 138 Bibelforscher — darunter einige eifrige Kolporteure. Als Bruder Russell 1903 Großbritannien erneut besuchte und die Ansprache „Die Hoffnung und die Aussicht auf das Millennium“ hielt, versammelten sich 1 000 Zuhörer in Glasgow, 800 in London und 500 bis 600 in anderen Städten.
Was Italien betraf, bestätigten sich Bruder Russells Bedenken allerdings, denn nach seinem Besuch vergingen 17 Jahre, bis in Pinerolo die erste Versammlung der Bibelforscher in diesem Land gegründet wurde. Und wie stand es mit der Türkei? Ende der 1880er Jahre hatte Basil Stephanoff in Mazedonien gepredigt, das damals zum europäischen Teil der Türkei gehörte. Einige Leute schienen zwar Interesse zu haben, aber dann machten angebliche Brüder Falschaussagen, die zu seiner Inhaftierung führten. Erst 1909 hieß es in dem Brief eines Griechen aus Smyrna (heute Izmir) in der Türkei, daß dort eine Gruppe voller Wertschätzung die Wachtturm-Publikationen studierte. Nach Österreich kehrte Bruder Russell 1911 selbst zurück, um in Wien einen Vortrag zu halten, doch die Zusammenkunft wurde vom Pöbel gesprengt. Auch in Deutschland ließ eine positive Reaktion auf sich warten. Die Skandinavier hingegen waren sich ihrer geistigen Bedürfnisse anscheinend stärker bewußt.
Skandinavier helfen sich gegenseitig
Viele Schweden lebten in Amerika. 1883 sollte ein Probeexemplar des ins Schwedische übersetzten Wacht-Turms unter ihnen verbreitet werden. Die Ausgaben gelangten bald darauf mit der Post zu Freunden und Verwandten nach Schweden. Norwegische Literatur war bis dahin nicht hergestellt worden. Doch 1892, ein Jahr nach Bruder Russells Europareise, kehrte Knud Pederson Hammer, ein Norweger, der die Wahrheit in Amerika kennengelernt hatte, nach Norwegen zurück, um seinen Verwandten Zeugnis zu geben.
Im Jahre 1894, als Publikationen in Dänisch-Norwegisch herausgebracht wurden, sandte man Sophus Winter, einen 25jährigen Amerikaner dänischer Herkunft, nach Dänemark und gab ihm einen Literaturvorrat zum Verbreiten. Bis zum darauffolgenden Frühjahr hatte er 500 Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch abgegeben. Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich ihm einige andere, die die Veröffentlichungen gelesen hatten, in dem Werk an. Leider betrachtete er später sein kostbares Vorrecht mit Geringachtung, aber dafür ließen andere das Licht weiter leuchten.
Ehe Winter seinen Dienst aufgab, war er jedoch eine Zeitlang in Schweden als Kolporteur tätig. Bald darauf entdeckte August Lundborg, ein junger Heilsarmeehauptmann, als er bei einem Freund auf der Insel Sturkö zu Besuch war, zwei Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch. Er borgte sie sich, las sie begierig, trat aus der Kirche aus und sprach mit den Leuten über das Gelernte. Einem anderen jungen Mann, P. J. Johansson, gingen die Augen auf, nachdem er ein Traktat gelesen hatte, das auf einer Parkbank lag.
Als die schwedische Gruppe größer wurde, gingen einige nach Norwegen, um biblische Literatur zu verbreiten. Doch schon vorher hatten in Norwegen einzelne mit der Post Literatur von Angehörigen aus Amerika erhalten. So war es gekommen, daß Rasmus Blindheim den Dienst für Jehova aufgenommen hatte. Zu denen, die in diesen Anfangsjahren in Norwegen die Wahrheit annahmen, gehörte Theodor Simonsen, ein Prediger der Freien Mission. In seinen Ansprachen in der Freien Mission begann er, die Höllenfeuerlehre zu widerlegen. Seine Zuhörer sprangen vor Begeisterung über diese wunderbare Botschaft auf, aber als sich herausstellte, daß er mit der „Millennium-Tagesanbruch“-Bewegung in Berührung gekommen war, entließ ihn die Kirche. Dennoch sprach er unverdrossen weiter über seine erfreulichen neugelernten Kenntnisse. Ein anderer junger Mann, der einige Veröffentlichungen in die Hände bekam, war Andreas Øiseth. Als er überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verließ er das elterliche Gut und nahm die Tätigkeit als Kolporteur auf. Er arbeitete systematisch in nördlicher Richtung und dann nach Süden entlang den Fjorden, wobei er keine Gemeinde ausließ. Im Winter lud er sein Gepäck, das aus Lebensmitteln, Kleidung und Literatur bestand, auf einen Tretschlitten, und gastfreundliche Leute boten ihm Schlafgelegenheiten an. Während einer achtjährigen Reise bearbeitete er fast das ganze Land mit der guten Botschaft.
Ebba, August Lundborgs Frau, ging 1906 von Schweden nach Finnland und war dort als Kolporteurin tätig. Ungefähr zur selben Zeit brachten Männer, die aus den Vereinigten Staaten zurückkehrten, Wachtturm-Publikationen mit und sprachen mit anderen über das Gelernte. So gelangte Emil Österman, der etwas Besseres suchte als das, was die Kirchen zu bieten hatten, schon nach wenigen Jahren in den Besitz des Buches Der göttliche Plan der Zeitalter. Er zeigte es seinem Freund Kaarlo Harteva, der ebenfalls den richtigen Weg suchte. Als Harteva erkannte, wie wertvoll dieser Besitz war, übersetzte er das Buch ins Finnische und sorgte mit Östermans finanzieller Unterstützung dafür, daß es herausgebracht wurde. Sie machten sich gemeinsam daran, es zu verbreiten. Mit dem Elan echter Evangeliumsverkündiger redeten sie auf öffentlichen Plätzen mit den Leuten, gingen von Haus zu Haus und hielten in großen vollbesetzten Vortragssälen Ansprachen. Nachdem Bruder Harteva vor einer Zuhörerschaft in Helsinki die falschen Lehren der Christenheit entlarvt hatte, forderte er die Anwesenden auf, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele biblisch zu stützen, falls sie dazu imstande wären. Die Augen aller richteten sich auf die Geistlichen im Publikum. Keiner ergriff das Wort; niemand konnte etwas auf die klare Aussage in Hesekiel 18:4 erwidern. Einige Anwesende sagten, daß sie nach dem, was sie gehört hatten, in der Nacht kaum Schlaf fanden.
Ein einfacher Gärtner predigt in Europa
Unterdessen verließ Adolf Weber auf Anraten eines mit ihm befreundeten älteren Wiedertäufers die Schweiz und ging auf der Suche nach einem besseren Verständnis der Heiligen Schrift in die Vereinigten Staaten. Dort wurde er auf eine Anzeige hin Gärtner für Bruder Russell. Durch das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter (das es damals schon in Deutsch gab) und die von Bruder Russell geleiteten Zusammenkünfte erlangte er die biblische Erkenntnis, die er gesucht hatte, und ließ sich 1890 taufen. Die ‘Augen seines Herzens waren erleuchtet’, so daß er für die großartige Gelegenheit, die sich ihm eröffnete, von Herzen dankbar war (Eph. 1:18). Nachdem er eine Zeitlang in den Vereinigten Staaten eifrig Zeugnis abgelegt hatte, kehrte er in sein Geburtsland zurück, um dort die Arbeit „im Weinberg des Herrn“ aufzunehmen. So war er Mitte der 1890er Jahre wieder in der Schweiz und sprach mit Menschen, die ein empfängliches Herz hatten, über die biblische Wahrheit.
Adolf Weber verdiente seinen Lebensunterhalt als Gärtner und Förster, doch sein Hauptinteresse galt dem Evangelisieren. Er gab den Leuten, mit denen er arbeitete, und den Bewohnern der umliegenden schweizerischen Dörfer und Städte Zeugnis. Er beherrschte mehrere Sprachen und nutzte seine Kenntnisse, um die Publikationen der Gesellschaft ins Französische zu übersetzen. Zur Winterszeit packte er biblische Literatur in seinen Rucksack und ging zu Fuß nach Frankreich, und manchmal reiste er in nordwestlicher Richtung nach Belgien oder in den Süden, nach Italien.
Um Menschen zu erreichen, mit denen er nicht persönlich sprechen konnte, ließ er in Zeitungen und Zeitschriften Anzeigen setzen, die auf Literatur für das Bibelstudium aufmerksam machten. Elie Thérond aus Mittelfrankreich antwortete auf eine der Anzeigen, erkannte bei dem, was er las, den Klang der Wahrheit und verbreitete die Botschaft bald selbst. In Belgien entdeckte Jean-Baptiste Tilmant sen. 1901 eine dieser Anzeigen und erhielt zwei Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch. Er war begeistert, die biblische Wahrheit so klar dargelegt zu sehen. Er mußte unbedingt mit seinen Freunden darüber sprechen. Im darauffolgenden Jahr versammelte sich regelmäßig eine Studiengruppe in seiner Wohnung. Bald trug die Tätigkeit dieser kleinen Gruppe sogar in Nordfrankreich Früchte. Bruder Weber blieb mit ihr in Kontakt, ja, er besuchte die verschiedenen Gruppen, die sich bildeten, in regelmäßigen Abständen, erbaute sie im Glauben und gab ihnen Anleitung, wie sie die gute Botschaft anderen überbringen könnten.
Die gute Botschaft erreicht Deutschland
Kurz nachdem Mitte der 1880er Jahre einige Publikationen in Deutsch erschienen waren, schickten Deutschamerikaner, die sie zu schätzen wußten, Exemplare davon an Verwandte in ihrem Geburtsland. Eine Krankenschwester gab in dem Hamburger Krankenhaus, wo sie arbeitete, einige Bände der Serie Millennium-Tagesanbruch an andere weiter. 1896 ließ Adolf Weber in der Schweiz Anzeigen in deutschsprachige Zeitungen setzen und sandte mit der Post Traktate nach Deutschland. Im Jahr darauf wurde in Deutschland ein Literaturdepot eingerichtet, um die Verbreitung des Wacht-Turms zu erleichtern, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten. 1902 zog jedoch Margarethe Demut, die in der Schweiz die Wahrheit kennengelernt hatte, nach Tailfingen, östlich des Schwarzwaldes. Ihre eifrige Zeugnistätigkeit trug zur Gründung einer der frühen Bibelforschergruppen in Deutschland bei. Samuel Lauper aus der Schweiz zog ins Bergische Land, nordöstlich von Köln, um in dieser Gegend die gute Botschaft zu verbreiten. 1904 wurden in Wermelskirchen Zusammenkünfte abgehalten. Zu den Besuchern gehörte ein 80jähriger Mann mit Namen Gottlieb Paas, der die Wahrheit gesucht hatte. Nicht lange nachdem diese Zusammenkünfte eingeführt worden waren, starb Paas, aber auf dem Sterbebett hielt er noch einmal den Wacht-Turm hoch und sagte: „Das ist die Wahrheit, daran müßt ihr festhalten.“
Die Zahl derer, die sich für die biblischen Wahrheiten interessierten, nahm allmählich zu. Obwohl es teuer war, sorgte man dafür, daß deutschen Zeitungen kostenlose Probeexemplare des Wacht-Turms beigefügt wurden. Aus einem 1905 veröffentlichen Bericht geht hervor, daß über 1 500 000 dieser Wacht-Turm-Muster verbreitet wurden. Das war eine große Leistung für eine Handvoll Leute.
Eine Anzahl Bibelforscher war nicht der Meinung, es sei damit getan, Menschen in der näheren Umgebung zu erreichen. Schon 1907 unternahm Bruder Erler aus Deutschland Reisen nach Böhmen (später Teil der Tschechoslowakei) im damaligen Österreich-Ungarn. Er verbreitete Literatur, die vor Harmagedon warnte und von den Segnungen handelte, die der Menschheit danach zukommen würden. 1912 hatte ein anderer Bibelforscher bereits biblische Literatur im Memelgebiet (heute Litauen) verbreitet. Viele reagierten begeistert auf die Botschaft, und es bildeten sich rasch mehrere ziemlich große Bibelforschergruppen. Aber als sie erfuhren, daß wahre Christen auch Zeugen sein müssen, ging ihre Zahl allmählich zurück. Einige erwiesen sich jedoch als echte Nachahmer Christi, des ‘treuen und wahrhaftigen Zeugen’ (Offb. 3:14).
Als Nikolaus von Tornow, ein deutscher Baron mit großen Besitztümern in Rußland, um 1907 in der Schweiz war, gab man ihm ein Traktat der Watch Tower Society. Zwei Jahre später erschien er in seiner besten Garderobe und in Begleitung seines persönlichen Dieners in der Versammlung Berlin. Es dauerte eine Zeit, bis er erkannte, warum Gott solch einfachen Leuten kostbare Wahrheiten anvertraute, aber es war ihm eine Hilfe, die Worte aus 1. Korinther 1:26-29 zu lesen: „Ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt ..., damit sich vor Gott kein Fleisch rühme.“ Überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben, verkaufte von Tornow seine Besitztümer in Rußland und setzte seine Kräfte und Geldmittel ein, um die Interessen der reinen Anbetung zu fördern.
Im Jahre 1911, als ein junges deutsches Paar — die Herkendells — heiratete, erbat die Braut von ihrem Vater statt einer Aussteuer Geld für eine ungewöhnliche Hochzeitsreise. Sie und ihr Mann hatten eine anstrengende Reise vor, die viele Monate dauern würde. Ihre Hochzeitsreise war eine Predigttour durch Rußland, auf der sie die dortige deutschsprachige Bevölkerung erreichen wollten. So vermittelten die unterschiedlichsten Menschen auf die verschiedenste Art und Weise anderen, was sie über Gottes liebevollen Vorsatz gelernt hatten.
Wachstum in Großbritannien
Nachdem 1881 in Großbritannien große Mengen Literatur verbreitet worden waren, sahen einige Kirchgänger ein, daß sie das Gelernte in ihrem Leben anwenden müßten. Zum Beispiel war Tom Hart aus Islington (London) von dem biblischen Rat des Wacht-Turms tief berührt: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“ — das hieß, aus den babylonischen Kirchen der Christenheit hinauszugehen und sich an die Lehre der Bibel zu halten (Offb. 18:4). 1884 trat er aus der Kirche aus, und eine Reihe anderer folgte seinem Beispiel.
Aus vielen, die mit den Studiengruppen verbunden waren, wurden erfolgreiche Evangeliumsverkündiger. Manche boten in den Parks von London und an anderen Orten, wo sich die Leute entspannten, biblische Literatur an. Andere konzentrierten sich auf Geschäftshäuser. Üblicher war es jedoch, Besuche von Haus zu Haus zu machen.
Sarah Ferrie, eine Wacht-Turm-Abonnentin aus Glasgow, schrieb an Bruder Russell, sie und ein paar Freunde aus der Stadt würden sich gern als Freiwillige an der Traktatverbreitung beteiligen. Wie überrascht sie doch war, als vor ihrer Tür ein Lastwagen mit 30 000 Druckschriften hielt, die alle kostenlos abgegeben werden sollten! Die Gruppe machte sich an die Arbeit. Minnie Greenlees und ihre drei minderjährigen Söhne zogen mit einem Einspänner als Transportmittel durch das schottische Landgebiet, um dort biblische Literatur zu verbreiten. Später fuhren Alfred Greenlees und Alexander MacGillivray mit Fahrrädern durch weite Teile Schottlands und verteilten Traktate. Jetzt brauchte man nicht mehr dafür zu bezahlen, daß andere die Literatur verbreiteten, sondern diese Arbeit wurde von Gott hingegebenen Freiwilligen verrichtet.
Von ihrem Herzen angetrieben
In einem seiner Gleichnisse sagte Jesus, daß Menschen, die ‘das Wort Gottes mit einem edlen und guten Herzen hörten’, Frucht tragen würden. Aufrichtige Dankbarkeit für Gottes liebevolle Vorkehrungen würde sie veranlassen, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich zu überbringen (Luk. 8:8, 11, 15). Sie würden ungeachtet ihrer Lebensumstände einen Weg finden, das zu tun.
Ein argentinischer Reisender erhielt beispielsweise von einem italienischen Seemann einen Teil der Publikation Speise für denkende Christen. Während das Schiff in Peru vor Anker lag, bestellte der Reisende brieflich weitere Schriften, und 1885 schrieb er von Argentinien aus mit gesteigertem Interesse erneut an den Herausgeber des Wacht-Turms und bat um Literatur. Im selben Jahr nahm ein Angehöriger der britischen Marine, der mit seiner Einheit nach Singapur gesandt wurde, den Wacht-Turm mit. Hoch erfreut über das, was er aus der Zeitschrift lernte, gebrauchte er sie freimütig, um die biblische Ansicht über Themen bekanntzumachen, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. 1910 machte ein Schiff, mit dem zwei Christinnen reisten, im Hafen von Colombo auf Ceylon (heute Sri Lanka) Zwischenstation. Sie ergriffen die Gelegenheit, Herrn Van Twest, dem Seemannsamtsleiter des Hafens, Zeugnis zu geben. Sie sprachen eindringlich mit ihm über die erfreulichen Kenntnisse, die sie aus dem Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gewonnen hatten. Daraufhin wurde Herr Van Twest ein Bibelforscher, und auf Sri Lanka kam das Predigen der guten Botschaft in Gang.
Auch diejenigen, die keine Reisen unternehmen konnten, suchten Mittel und Wege, Menschen in anderen Ländern die herzerfrischenden biblischen Wahrheiten zu vermitteln. Wie aus einem Dankschreiben hervorgeht, das 1905 veröffentlicht wurde, hatte jemand aus den Vereinigten Staaten das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter einem Mann auf St. Thomas im damaligen Dänisch-Westindien geschickt. Als der Empfänger es durchgelesen hatte, fiel er auf die Knie und brachte den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck, von Gott gebraucht zu werden, um dessen Willen zu tun. 1911 führte Bellona Ferguson aus Brasilien ihren Fall an als „eindeutigen, greifbaren Beweis dafür, daß niemand zu weit weg ist“, um von den Wassern der Wahrheit erreicht zu werden. Sie hatte die Veröffentlichungen der Gesellschaft offenbar von 1899 an mit der Post erhalten. Noch vor dem Ersten Weltkrieg fand ein deutscher Emigrant, der in Paraguay lebte, in seinem Briefkasten ein Traktat der Gesellschaft. Er bestellte weitere Literatur und löste bald darauf seine Verbindungen zu den Kirchen der Christenheit. Er und sein Schwager beschlossen, sich gegenseitig zu taufen, da es in dem Land niemanden gab, der das sonst hätte tun können. Ja, in den entfernten Teilen der Erde wurde Zeugnis abgelegt, und diese Tätigkeit trug Früchte.
Andere Bibelforscher fühlten sich gedrängt, zu ihrem Geburtsort oder dem ihrer Eltern zu reisen, um Bekannten und Verwandten zu erzählen, was für einen wunderbaren Vorsatz Jehova hat und wie sie daraus Nutzen ziehen könnten. So kehrte zum Beispiel 1895 Bruder Oleszynski mit der guten Botschaft über „das Lösegeld, die Wiederherstellung und die Berufung nach oben“ nach Polen zurück, aber leider harrte er im Dienst nicht aus. 1898 ging ein emeritierter ungarischer Professor von Kanada weg, um die dringliche Botschaft der Bibel in seiner Heimat zu verbreiten. 1905 kehrte ein Grieche, der in Amerika Bibelforscher geworden war, zum Zeugnisgeben nach Griechenland zurück. Und 1913 brachte ein junger Mann Samen der biblischen Wahrheit von New York nach Ram Allah, dem Heimatort seiner Angehörigen, unweit Jerusalems.
Erschließung des karibischen Raums
Während die Zahl der Evangeliumsverkündiger in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Europa zunahm, begann die biblische Wahrheit auch in Panama, Costa Rica, Niederländisch-Guayana (heute Suriname) und Britisch-Guayana (heute Guyana) Fuß zu fassen. Joseph Brathwaite wurde in Britisch-Guayana geholfen, den Vorsatz Gottes zu verstehen, worauf er 1905 nach Barbados ging und seine ganze Zeit dafür einsetzte, die dortigen Bewohner darin zu unterweisen. Louis Facey und H. P. Clarke hörten die gute Botschaft, als sie in Costa Rica arbeiteten, und kehrten 1897 nach Jamaika zurück, um mit ihrem eigenen Volk über den neugefundenen Glauben zu sprechen. Diejenigen, die dort die Wahrheit annahmen, waren eifrig tätig. Allein 1906 verbreitete die Gruppe auf Jamaika rund 1 200 000 Traktate und andere Veröffentlichungen. Ein anderer Wanderarbeiter, der die Wahrheit in Panama kennenlernte, nahm die biblische Botschaft der Hoffnung mit zurück nach Grenada.
Die Revolution in Mexiko von 1910/11 war ein weiterer Faktor, der dazu beitrug, daß wahrheitshungrigen Menschen die Botschaft von Gottes Königreich überbracht wurde. Viele flohen nach Norden, in die Vereinigten Staaten. Dort kamen einige mit den Bibelforschern in Berührung, erfuhren von Jehovas Vorsatz, der Menschheit bleibenden Frieden zu bringen, und schickten Literatur nach Mexiko. Das war jedoch nicht das erstemal, daß diese Botschaft nach Mexiko gelangte. Bereits 1893 veröffentlichte der Wacht-Turm einen Brief von F. de P. Stephenson aus Mexiko, der einige Publikationen der Watch Tower Society gelesen hatte und weitere wünschte, da er sie auch seinen Freunden in Mexiko und in Europa zukommen lassen wollte.
Um den karibischen Raum noch weiter für das Predigen der biblischen Wahrheit zu erschließen und regelmäßige Zusammenkünfte für das Bibelstudium zu organisieren, sandte Bruder Russell 1911 E. J. Coward nach Panama und dann auf die Inseln. Bruder Cowards Ansprachen waren eindringlich und farbig, und oft strömten Hunderte herbei, um seine Vorträge zu hören, in denen er die Lehren vom Höllenfeuer und von der Unsterblichkeit der Menschenseele widerlegte und von der herrlichen Zukunft der Erde sprach. Er zog von Ort zu Ort und von Insel zu Insel — St. Lucia, Dominica, St. Kitts, Barbados, Grenada und Trinidad — und sprach mit so vielen Menschen wie nur möglich. Er hielt auch in Britisch-Guayana Ansprachen. In Panama lernte er W. R. Brown kennen, einen eifrigen jungen Bruder von Jamaika, der dann mit ihm zusammen auf einer Reihe von karibischen Inseln diente. Später half Bruder Brown noch bei der Erschließung weiterer Gebiete.
Im Jahre 1913 hielt Bruder Russell Vorträge in Panama, in Kuba und auf Jamaika. Bei einem öffentlichen Vortrag in Kingston auf Jamaika waren zwei Vortragssäle voll besetzt, und ungefähr 2 000 Personen konnten nicht mehr eingelassen werden. Die Presse nahm zur Kenntnis, daß der Redner nichts über Geld sagte und daß es keine Kollekte gab.
Das Licht der Wahrheit dringt nach Afrika
In dieser Zeit drang das Licht der Wahrheit auch nach Afrika durch. In einem Brief aus Liberia von 1884 hieß es, daß ein Bibelleser dort in den Besitz der Publikation Speise für denkende Christen gelangt war und mehr Veröffentlichungen wünschte, um sie auch anderen zu geben. Ein paar Jahre später wurde berichtet, daß ein Geistlicher in Liberia die Kanzel verlassen hatte, damit er ungehindert die biblischen Wahrheiten lehren konnte, die er durch den Wacht-Turm kennenlernte, und daß in dem Land eine Gruppe von Bibelforschern regelmäßig Zusammenkünfte abhielt.
Ein Geistlicher der Niederländisch-Reformierten Kirche nahm aus Holland einige Veröffentlichungen von C. T. Russell mit, als er 1902 nach Südafrika gesandt wurde. Ihm selbst brachten sie zwar keinen langfristigen Nutzen, wohl aber Frans Ebersohn und Stoffel Fourie, die sie in seiner Büchersammlung sahen. Ein paar Jahre später, als zwei eifrige Bibelforscher von Schottland nach Durban in Südafrika auswanderten, erhielt die Gruppe in diesem Gebiet Verstärkung.
Leider ließen einige wenige, die Literatur von Bruder Russell in die Hände bekamen und anderen etwas aus deren Inhalt vermittelten — zum Beispiel Joseph Booth und Elliott Kamwana —, ihre eigenen Gedanken einfließen, um zu sozialen Veränderungen aufzuwiegeln. Manche Außenstehende in Südafrika und Njassaland (heute Malawi) konnten daraufhin nicht richtig auseinanderhalten, wer die echten Bibelforscher waren. Dennoch hörten viele die Botschaft, die die Aufmerksamkeit auf Gottes Königreich als Lösung für die Probleme der Menschheit hinlenkte, und zeigten Wertschätzung dafür.
Eine ausgedehnte Predigttätigkeit in Afrika lag allerdings noch in der Zukunft.
Nach Asien und zu den Inseln des Pazifiks
Bald nachdem biblische Publikationen von C. T. Russell zum erstenmal in Großbritannien verbreitet worden waren, gelangten sie auch nach Asien. 1883 erhielt Fräulein C. B. Downing, eine Missionarin der Presbyterianer im chinesischen Chefoo (heute Yantai), ein Exemplar des Wacht-Turms. Sie schätzte das, was sie über die Wiederherstellung lernte, und gab an andere Missionare — darunter Horace Randle, der mit der Missionsgesellschaft der Baptisten verbunden war — Publikationen weiter. Später wurde sein Interesse durch eine Anzeige für das Werk Millennium-Tagesanbruch in der Londoner Times weiter angeregt, und dann erhielt er die Bücher selbst — eines von Fräulein Downing und ein anderes mit der Post von seiner Mutter aus England. Am Anfang schockierte ihn das, was er las. Aber als er davon überzeugt war, daß die Dreieinigkeit nicht in der Bibel gelehrt wird, trat er aus der Baptistenkirche aus und ging dazu über, mit anderen Missionaren über das Gelernte zu sprechen. Im Jahre 1900 berichtete er, daß er 2 324 Briefe und etwa 5 000 Traktate an Missionare in China, Japan, Korea und Siam (heute Thailand) geschickt hatte. Damals gab man in Asien hauptsächlich den Missionaren der Christenheit Zeugnis.
Im gleichen Zeitraum wurde auch in Australien und Neuseeland Samen der Wahrheit ausgestreut. Das erste „Samenkorn“ ist möglicherweise 1884 oder kurz darauf nach Australien gelangt, und zwar durch einen Mann, der in England in einem Park zum erstenmal von einem Bibelforscher angesprochen wurde. Weitere „Samenkörner“ trafen per Post von Freunden und Verwandten aus Übersee ein.
Wenige Jahre nachdem 1901 der Australische Bund gebildet worden war, gab es Hunderte von Wacht-Turm-Abonnenten. Die Tätigkeit derer, die es als Vorrecht betrachteten, anderen die Wahrheit näherzubringen, führte dazu, daß Tausende von Traktaten an Leute versandt wurden, deren Namen man den Wählerlisten entnahm. Weitere wurden auf den Straßen verteilt, und man warf aus fahrenden Zügen Bündel von Traktaten Arbeitern an der Eisenbahnlinie zu sowie Landbewohnern, die dort einsam und abgelegen wohnten. Die Leute wurden von dem nahenden Ende der Zeiten der Nationen, die 1914 ablaufen würden, in Kenntnis gesetzt. Arthur Williams sen. sprach in seinem Laden in Westaustralien mit allen Kunden darüber und lud Leute, die Interesse zeigten, zu weiteren Gesprächen in sein Haus ein.
Wer als erster die biblische Wahrheit nach Neuseeland brachte, weiß man heute nicht mehr. Doch 1898 hatte Andrew Anderson, ein Einwohner Neuseelands, so viel in den Wachtturm-Publikationen gelesen, daß er sich bewogen fühlte, dort als Kolporteur die Wahrheit zu verbreiten. Seine Bemühungen wurden 1904 durch weitere Kolporteure unterstützt, die aus Amerika und von dem australischen Zweigbüro der Gesellschaft kamen, das im selben Jahr gegründet worden war. Die Frau von Thomas Barry aus Christchurch nahm von einem der Kolporteure sechs Bände der Schriftstudien entgegen. Ihr Sohn Bill las sie 1909 während einer sechswöchigen Schiffsreise nach England und erkannte, daß ihr Inhalt der Wahrheit entsprach. Jahre später wurde sein Sohn Lloyd in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen.
Zu denen, die in jenen Anfangsjahren eifrig tätig waren, gehörte Ed Nelson, der zwar nicht gerade taktvoll war, aber immerhin 50 Jahre lang seine ganze Zeit dafür einsetzte, die Königreichsbotschaft von der Nordspitze Neuseelands bis in den Süden zu verbreiten. Nach ein paar Jahren schloß sich ihm Frank Grove an, der als Ausgleich für seine schwache Sehkraft sein Gedächtnis trainierte und bis zu seinem Tod ebenfalls über 50 Jahre als Pionier diente.
Weltreise zur Förderung des Predigens der guten Botschaft
Auch 1911/12 bemühte man sich intensiv, den Einwohnern Asiens zu helfen. Die International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) sandte ein aus sieben Männern bestehendes Komitee aus, das, angeführt von C. T. Russell, die Verhältnisse an Ort und Stelle erkunden sollte. Überall, wohin sie gingen, sprachen sie über Gottes Vorsatz, die Menschheit durch das messianische Königreich zu segnen. Manchmal hatten sie nur eine kleine Zuhörerschaft, doch auf den Philippinen und in Indien hörten ihnen Tausende zu. Sie unterstützten nicht die Kampagne, die damals in der Christenheit populär war, nämlich Gelder für eine Weltbekehrung zu sammeln. Sie beobachteten, daß die Missionare der Christenheit ihre Mühe hauptsächlich dafür aufwendeten, die Schulbildung zu fördern. Doch nach Bruder Russells Überzeugung war das, was die Menschen wirklich brauchten, „das Evangelium von Gottes liebevoller Vorkehrung des künftigen messianischen Königreiches“. Die Bibelforscher rechneten nicht damit, die Welt zu bekehren, aber sie ersahen aus der Bibel, daß ihre damalige Aufgabe darin bestand, Zeugnis abzulegen, und daß dadurch „eine Minderheit von Auserwählten aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen als Glieder der Brautklasse [Braut Christi]“ eingesammelt würde, „um während der tausend Jahre mit ihm auf seinem Thron zu sitzen und bei der Aufgabe mitzuwirken, das Menschengeschlecht als Ganzes zu vervollkommnen“a (Offb. 5:9, 10; 14:1-5).
Nachdem die Mitglieder des Komitees unter anderem in Japan, China und auf den Philippinen gewesen waren, legten sie in Indien weitere 6 400 Kilometer zurück. Dort lasen schon 1887 Einzelpersonen die Literatur der Gesellschaft und schrieben Briefe, in denen sie ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck brachten. Außerdem gab von 1905 an ein junger Mann, der als Student in Amerika Bruder Russell begegnet war und die Wahrheit kennengelernt hatte, unter der tamilsprachigen Bevölkerung Zeugnis. Dieser junge Mann half bei der Gründung von ungefähr 40 Bibelstudiengruppen im Süden Indiens mit. Doch nachdem er anderen gepredigt hatte, erwies er sich selbst als unbewährt, da er sich über christliche Normen hinwegsetzte. (Vergleiche 1. Korinther 9:26, 27.)
Etwa zur gleichen Zeit erhielt jedoch A. J. Joseph aus Trawankur (heute Kerala) als Antwort auf eine briefliche Anfrage an einen bekannten Adventisten mit der Post einen Band der Schriftstudien. Darin fand er zufriedenstellende biblische Antworten auf seine Fragen über die Dreieinigkeitslehre. Bald darauf gingen er und Angehörige von ihm hinaus zu den Reisfeldern und Kokosnußplantagen Südindiens und sprachen über ihren neugefundenen Glauben. Nach dem Besuch Bruder Russells im Jahre 1912 nahm Bruder Joseph den Vollzeitdienst auf. Er fuhr mit der Eisenbahn, dem Ochsenkarren und dem Flußboot oder ging zu Fuß, um biblische Literatur zu verbreiten. Seine öffentlichen Vorträge wurden oft von Geistlichen und ihren Anhängern unterbrochen. Als in Kundara ein „christlicher“ Pfarrer seine Gemeindeglieder anstachelte, eine Zusammenkunft zu stören und Bruder Joseph mit Dung zu bewerfen, kam ein einflußreicher, vornehmer Hindu und erkundigte sich nach der Ursache des Lärms. Er fragte den Geistlichen, ob Christus den Christen ein solches Beispiel gegeben habe oder ob sein Verhalten nicht eher dem der Pharisäer zu Jesu Zeiten entspreche. Darauf verschwand der Pfarrer.
Ehe die viermonatige Weltreise des IBSA-Komitees zu Ende war, setzte Bruder Russell R. R. Hollister in Asien als Vertreter der Gesellschaft ein, der dafür Sorge tragen sollte, daß die Botschaft von Gottes liebevoller Vorkehrung des messianischen Königreiches unter den dortigen Völkern verbreitet wurde. Es wurden in zehn Sprachen spezielle Traktate hergestellt, die in Indien, China, Japan und Korea von Einheimischen zu Millionen verbreitet wurden. Dann übersetzte man Bücher in vier dieser Sprachen, um für Menschen, die Interesse zeigten, mehr geistige Speise zu beschaffen. Man hatte dort ein riesiges Gebiet vor sich, und es blieb noch viel zu tun. Doch was man bis dahin erreicht hatte, war wirklich erstaunlich.
Ein beeindruckendes Zeugnis gegeben
Bevor der Erste Weltkrieg große Verwüstungen anrichtete, war weltweit ein umfassendes Zeugnis gegeben worden. Bruder Russell hatte in den Vereinigten Staaten und in Kanada Vortragsreisen in Hunderte von Städten unternommen, er war wiederholt nach Europa gereist und hatte in Panama, Jamaika und Kuba sowie in bedeutenden Städten Asiens Ansprachen gehalten. Zehntausende hatten persönlich seine mitreißenden biblischen Vorträge gehört und miterlebt, wie er vor der Öffentlichkeit anhand der Bibel Fragen von Freund und Feind beantwortete. Dadurch wurde viel Interesse geweckt, und in Amerika, Europa, Südafrika und Australien druckten Tausende von Zeitungen regelmäßig die Predigten Bruder Russells ab. Die Bibelforscher hatten Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate und andere Veröffentlichungen in 35 Sprachen verbreitet.
Trotz seiner herausragenden Rolle war Bruder Russell nicht der einzige, der predigte. Über die ganze Erde verstreut, erhoben auch andere ihre Stimme als Zeugen für Jehova und seinen Sohn, Jesus Christus. Die Beteiligten waren nicht alle Vortragsredner. Sie kamen aus allen Schichten der Bevölkerung und gebrauchten jedes verfügbare Mittel, um die gute Botschaft zu verbreiten.
Im Januar 1914, als das Ende der Zeiten der Nationen weniger als ein Jahr entfernt war, wurde noch auf andere Weise ein gründliches Zeugnis gegeben. Gemeint ist das „Photo-Drama der Schöpfung“, durch das Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Erde einmal ganz anders hervorgehoben wurde. Das erreichte man durch schöne handkolorierte Lichtbilder und Filme, die mit Ton synchronisiert waren. In den Vereinigten Staaten meldete die Presse, daß es landesweit wöchentlich von insgesamt Hunderttausenden gesehen wurde. Am Ende des ersten Jahres hatte die Gesamtzahl der Zuschauer in den Vereinigten Staaten und in Kanada fast acht Millionen erreicht. In England waren das Opernhaus und die Royal Albert Hall in London zum Bersten voll mit Leuten, die die vierteilige Aufführung von je zwei Stunden Dauer sehen wollten. In einem halben Jahr wurden in 98 Städten auf den Britischen Inseln 1 226 000 Besucher verzeichnet. In Deutschland und in der Schweiz waren die Säle voll besetzt. Auch in Skandinavien und im Südpazifik sahen viele Zuschauer die Darbietung.
Während dieser ersten Jahrzehnte in der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas wurde bestimmt ein beachtliches, gründliches, weltweites Zeugnis gegeben. Aber eigentlich begann das Werk gerade erst.
Anfang der 1880er Jahre beteiligten sich nur ein paar Hundert rege an der Verbreitung der biblischen Wahrheit. 1914 nahmen nach vorhandenen Berichten ungefähr 5 100 an diesem Werk teil. Andere verbreiteten möglicherweise gelegentlich Traktate. Es waren relativ wenige tätig.
Diese kleine Schar von Evangeliumsverkündigern hatte in der zweiten Hälfte des Jahres 1914 auf verschiedene Weise die Verkündigung des Königreiches Gottes bereits auf 68 Länder ausgedehnt. Und ihr Werk als Prediger und Lehrer des Wortes Gottes wurde in 30 dieser Länder ziemlich beständig durchgeführt.
Ehe die Zeiten der Nationen endeten, waren Millionen von Büchern und Hunderte von Millionen Traktate verbreitet worden. Außerdem druckten 1913 2 000 Zeitungen regelmäßig Predigten C. T. Russells ab, und im Jahre 1914 sahen auf drei Kontinenten insgesamt über 9 000 000 Menschen das „Photo-Drama der Schöpfung“.
Man hatte wirklich ein erstaunliches Zeugnis gegeben. Aber es sollte noch viel mehr folgen.
[Fußnote]
a Ein ausführlicher Bericht über diese Weltreise ist im Wacht-Turm vom 15. April 1912 (engl.) erschienen.
[Karte/Bild auf Seite 405]
C. T. Russell hielt in Nordamerika und im karibischen Raum in über 300 Städten (durch Punkte gekennzeichnet) biblische Ansprachen — in vielen 10- bis 15mal
[Karte]
(Siehe gedruckte Ausgabe)
[Karte auf Seite 407]
(Siehe gedruckte Ausgabe)
Russells Predigtreisen nach Europa, zumeist über England
1891
1903
1908
1909
1910 (zweimal)
1911 (zweimal)
1912 (zweimal)
1913
1914
[Karte/Bild auf Seite 408]
Als Andreas Øiseth überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, verbreitete er in fast jeder Gegend Norwegens eifrig biblische Literatur
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
NORWEGEN
Nördlicher Polarkreis
[Karte/Bild auf Seite 409]
Adolf Weber, ein einfacher Gärtner, trug die gute Botschaft von der Schweiz in andere Länder Europas
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BELGIEN
DEUTSCHLAND
SCHWEIZ
ITALIEN
FRANKREICH
[Karte/Bild auf Seite 413]
Bellona Ferguson aus Brasilien sagte, niemand sei zu weit weg, um erreicht zu werden
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
BRASILIEN
[Karte auf Seite 415]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
ALASKA
KANADA
GRÖNLAND
ST. PIERRE UND MIQUELON
VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA
BERMUDAS
BAHAMAS
TURKS- UND CAICOSINSELN
KUBA
MEXIKO
BELIZE
JAMAIKA
HAITI
DOMINIKANISCHE REPUBLIK
PUERTO RICO
CAYMAN ISLANDS
GUATEMALA
EL SALVADOR
HONDURAS
NICARAGUA
COSTA RICA
PANAMA
VENEZUELA
GUYANA
SURINAME
FRANZÖSISCH-GUAYANA
KOLUMBIEN
ECUADOR
PERU
BRASILIEN
BOLIVIEN
PARAGUAY
CHILE
ARGENTINIEN
URUGUAY
FALKLANDINSELN
JUNGFERNINSELN (USA)
JUNGFERNINSELN (BRITISCH)
ANGUILLA
ST. MAARTEN
SABA
ST. EUSTATIUS
ST. KITTS
NEVIS
ANTIGUA
MONTSERRAT
GUADELOUPE
DOMINICA
MARTINIQUE
ST. LUCIA
ST. VINCENT
BARBADOS
GRENADA
TRINIDAD
ARUBA
BONAIRE
CURAÇAO
ATLANTISCHER OZEAN
KARIBISCHES MEER
PAZIFISCHER OZEAN
[Karte auf Seite 416, 417]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
GRÖNLAND
SCHWEDEN
ISLAND
NORWEGEN
FÄRÖER
FINNLAND
RUSSLAND
ESTLAND
LETTLAND
LITAUEN
WEISSRUSSLAND
UKRAINE
MOLDAWIEN
GEORGIEN
ARMENIEN
ASERBAIDSCHAN
TURKMENISTAN
USBEKISTAN
KASACHSTAN
TADSCHIKISTAN
KIRGISTAN
POLEN
DEUTSCHLAND
NIEDERLANDE
DÄNEMARK
GROSSBRITANNIEN
IRLAND
BELGIEN
LUXEMBURG
LIECHTENSTEIN
SCHWEIZ
ANDORRA
TSCHECHOSLOWAKEI
ÖSTERREICH
UNGARN
RUMÄNIEN
JUGOSLAWIEN
SLOWENIEN
KROATIEN
BOSNIEN U. HERZEGOWINA
BULGARIEN
ALBANIEN
ITALIEN
SAN MARINO
GIBRALTAR
SPANIEN
PORTUGAL
AZOREN
MADEIRA
MAROKKO
WESTSAHARA
SENEGAL
KAP VERDE
ALGERIEN
LIBYEN
ÄGYPTEN
LIBANON
ISRAEL
ZYPERN
SYRIEN
TÜRKEI
IRAK
IRAN
BAHRAIN
KUWAIT
JORDANIEN
SAUDI-ARABIEN
KATAR
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
OMAN
JEMEN
DSCHIBUTI
SOMALIA
ÄTHIOPIEN
SUDAN
TSCHAD
NIGER
MALI
MAURETANIEN
GAMBIA
GUINEA-BISSAU
SIERRA LEONE
LIBERIA
CÔTE D’IVOIRE
GHANA
TOGO
BENIN
ÄQUATORIALGUINEA
ST. HELENA
GUINEA
BURKINA FASO
NIGERIA
ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK
KAMERUN
SÃO TOMÉ
KONGO
GABUN
ZAIRE
ANGOLA
SAMBIA
NAMIBIA
BOTSUANA
SÜDAFRIKA
LESOTHO
SWASILAND
MOSAMBIK
MADAGASKAR
RÉUNION
MAURITIUS
RODRIGUEZ
SIMBABWE
MAYOTTE
KOMOREN
SESCHELLEN
MALAWI
TANSANIA
BURUNDI
RUANDA
UGANDA
FRANKREICH
PAKISTAN
AFGHANISTAN
NEPAL
BHUTAN
MYANMAR
BANGLADESCH
INDIEN
SRI LANKA
GRIECHENLAND
MALTA
TUNESIEN
KENIA
ATLANTISCHER OZEAN
INDISCHER OZEAN
ALASKA
MONGOLEI
DEMOKRATISCHE VOLKSREPUBLIK KOREA
JAPAN
REPUBLIK KOREA
CHINA
MACAU
TAIWAN
HONGKONG
LAOS
THAILAND
VIETNAM
KAMBODSCHA
PHILIPPINEN
BRUNEI
MALAYSIA
SINGAPUR
INDONESIEN
SAIPAN
ROTA
GUAM
YAP
PALAU
TRUK
POHNPEI
KOSRAE
MARSHALLINSELN
NAURU
PAPUA-NEUGUINEA
AUSTRALIEN
NEUSEELAND
NORFOLK-INSEL
NEUKALEDONIEN
WALLIS UND FUTUNA
VANUATU
TUVALU
FIDSCHI
KIRIBATI
TOKELAUINSELN
HAWAII
MARQUESASINSELN
WESTSAMOA
AMERIKANISCH-SAMOA
NIUE
TONGA
COOKINSELN
TAHITI
SALOMONEN
PAZIFISCHER OZEAN
INDISCHER OZEAN
[Karte/Bild auf Seite 421]
A. J. Joseph aus Indien mit seiner Tochter Gracie, die als Gileadmissionarin diente
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
INDIEN
[Bild auf Seite 411]
Hermann Herkendell ging mit seiner Braut auf eine monatelange Hochzeitsreise, auf der sie deutschsprachigen Bewohnern Rußlands predigten
[Bilder auf Seite 412]
Kolporteure in England und Schottland bemühten sich, jedem die Gelegenheit zu geben, ein Zeugnis zu erhalten; sogar ihre Kinder halfen beim Verteilen von Traktaten mit
[Bild auf Seite 414]
E. J. Coward verbreitete eifrig die biblische Wahrheit im karibischen Raum
[Bild auf Seite 418]
Frank Grove (links) und Ed Nelson (mit ihren Frauen abgebildet) setzten beide über 50 Jahre ihre ganze Zeit dafür ein, die Königreichsbotschaft überall in Neuseeland zu verbreiten
[Bilder auf Seite 420]
C. T. Russell machte 1911/12 mit sechs Gefährten eine Weltreise, um das Predigen der guten Botschaft zu fördern
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Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der ErdeJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Kapitel 22
Teil 2 — Zeugen bis zum entferntesten Teil der Erde
Das Werk der Königreichsverkündigung von 1914 bis 1935 wird von Seite 423 bis 443 behandelt. Jehovas Zeugen verweisen auf 1914 als das Jahr, in dem Jesus Christus als himmlischer König inthronisiert wurde, der Gewalt über die Nationen hat. Während seines irdischen Daseins sagte Jesus vorher, das weltweite Predigen der Königreichsbotschaft, verbunden mit heftiger Verfolgung, sei ein Teil des Zeichens seiner Gegenwart in Königreichsmacht. Was geschah nun in den Jahren nach 1914?
EUROPA wurde 1914 in den Strudel des Ersten Weltkrieges gerissen. Dann weitete sich der Krieg so stark aus, daß die beteiligten Länder schätzungsweise 90 Prozent der Weltbevölkerung umfaßten. Wie wirkte sich das Kriegsgeschehen auf die Predigttätigkeit der Diener Jehovas aus?
Die trostlosen Jahre des Ersten Weltkrieges
Zu Beginn des Krieges wurden ihnen außer in Deutschland und Frankreich kaum Steine in den Weg gelegt. Vielerorts verteilten sie ungehindert Traktate, und das „Photo-Drama“ wurde weiterhin aufgeführt — nach 1914 allerdings bei weitem nicht mehr so oft. Während das Kriegsfieber heftiger wurde, brachte die Geistlichkeit auf den britischen Westindischen Inseln das Gerücht auf, E. J. Coward, der Vertreter der Watch Tower Society, sei ein deutscher Spion, woraufhin er ausgewiesen wurde. Als man von 1917 an das Buch Das vollendete Geheimnis verbreitete, nahm die Gegnerschaft zu.
Die Öffentlichkeit war darauf erpicht, dieses Buch zu besitzen. Die Anzahl, die von der Gesellschaft ursprünglich zum Drucken in Auftrag gegeben wurde, mußte in nur wenigen Monaten um mehr als das Zehnfache erhöht werden. Die Geistlichen der Christenheit waren indessen wütend über die Bloßstellung ihrer falschen Lehren. Sie nutzten die Kriegshysterie dazu aus, die Bibelforscher bei Regierungsvertretern zu denunzieren. Überall in den Vereinigten Staaten wurden Männer und Frauen, von denen man annahm, daß sie Veröffentlichungen der Bibelforscher verbreiteten, vom Pöbel angegriffen und geteert und gefedert. In Kanada wurden Wohnungen durchsucht, und wenn man bei jemandem bestimmte Veröffentlichungen der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) fand, erhielt er eine hohe Geldstrafe oder kam ins Gefängnis. Thomas J. Sullivan, der sich damals in Port Arthur (Ontario) aufhielt, berichtete jedoch, daß die Polizei in dieser Stadt, als er einmal über Nacht eingesperrt wurde, die verbotenen Publikationen für sich und ihre Freunde mit nach Hause nahm und so den gesamten Vorrat von 500 bis 600 Veröffentlichungen verteilte.
Auch das Hauptbüro der Watch Tower Society wurde zur Zielscheibe von Angriffen, und man verurteilte leitende Mitarbeiter zu langjährigen Gefängnisstrafen. Den Feinden der Bibelforscher schien es, als hätte man ihnen den Todesstoß versetzt. Ihre Zeugnistätigkeit in der Weise, daß weit und breit die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wurde, kam praktisch zum Stillstand.
Allerdings hatten inhaftierte Bibelforscher die Gelegenheit, mit anderen Häftlingen über Gottes Vorsatz zu sprechen. Als die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft und ihre vertrauten Mitarbeiter im Gefängnis von Atlanta (Georgia) ankamen, verbot man ihnen anfangs zu predigen. Aber sie sprachen im eigenen Kreis über die Bibel, und andere fühlten sich wegen ihres Verhaltens, ja wegen ihrer Lebensweise zu ihnen hingezogen. Nach ein paar Monaten übertrug ihnen der Gefängnisdirektor die Aufgabe, andere Gefangene religiös zu unterweisen. Es kamen immer mehr, bis ungefähr 90 Personen an dem Unterricht teilnahmen.
Auch andere treue Christen fanden Mittel und Wege, in diesen Kriegsjahren Zeugnis zu geben. Dadurch gelangte die Königreichsbotschaft mitunter in Länder, wo sie bis dahin noch nicht gepredigt worden war. Zum Beispiel schickte 1915 ein kolumbianischer Bibelforscher in New York einem Mann in Bogotá (Kolumbien) die spanische Ausgabe des Göttlichen Plans der Zeitalter. Nach etwa sechs Monaten kam ein Antwortschreiben von Ramón Salgar. Er hatte das Buch sorgfältig studiert, war davon sehr angetan und wünschte 200 Exemplare zum Verbreiten. Bruder J. L. Mayer aus Brooklyn (New York) verschickte viele Exemplare des Schriftforschers in Spanisch. Eine beträchtliche Anzahl wurde nach Spanien gesandt. Als Alfred Joseph, der damals auf Barbados war, einen Arbeitsvertrag für Sierra Leone (Westafrika) abschloß, nahm er Gelegenheiten wahr, dort über seine neugelernten biblischen Wahrheiten Zeugnis abzulegen.
Die Kolporteure hatten es oft schwerer, da es zu ihrem Dienst gehörte, in Wohnungen und Geschäften vorzusprechen. Doch mehrere gingen nach El Salvador, Honduras und Guatemala und waren 1916 damit beschäftigt, den dortigen Bewohnern lebengebende Wahrheiten zu vermitteln. In dieser Zeit unternahm Fanny Mackenzie, eine Kolporteurin britischer Nationalität, zwei Schiffsreisen nach Asien mit Aufenthalten in China, Japan und Korea, um biblische Literatur zu verbreiten, und später hielt sie vorgefundenes Interesse brieflich wach.
Allerdings ging nach vorhandenen Unterlagen die Zahl der Bibelforscher, die 1918 einen Anteil am Predigen der guten Botschaft hatten, im Vergleich zu dem Bericht für 1914 weltweit um 20 Prozent zurück. Würden sie unbeirrt mit ihrem Predigtdienst fortfahren, nachdem man sie in den Kriegsjahren so hart behandelt hatte?
Mit neuem Leben erfüllt
Am 26. März 1919 kamen der Präsident der Watch Tower Society und seine Gefährten aus ihrer ungerechtfertigten Haft frei. Rasch nahmen Pläne, die weltweite Verkündigung der guten Botschaft von Gottes Königreich voranzubringen, Gestalt an.
Auf einer allgemeinen Hauptversammlung in Cedar Point (Ohio), die im September desselben Jahres stattfand, betonte J. F. Rutherford, der damalige Präsident der Gesellschaft, in einem Vortrag, das Kommen des herrlichen messianischen Königreiches Gottes zu verkünden sei das wahrhaft wichtige Werk der Diener Jehovas.
Die Zahl derer, die sich tatsächlich an diesem Werk beteiligten, war allerdings gering. Manche, die sich 1918 aus Angst zurückgehalten hatten, setzten sich nun erneut ein, und einige weitere kamen hinzu. Aber aus den vorhandenen Aufzeichnungen geht hervor, daß 1919 nur ungefähr 5 700 Zeugen in 43 Ländern tätig waren. Jesus hatte jedoch vorhergesagt: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis“ (Mat. 24:14). Wie sollte das zu schaffen sein? Sie wußten es nicht und hatten auch keine Ahnung, wie lange das Zeugniswerk noch weitergehen würde. Dessenungeachtet verspürten die loyalen Diener Gottes den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren. Sie waren zuversichtlich, daß Jehova die Geschehnisse seinem Willen gemäß lenken würde.
Voller Eifer machten sie sich an das Werk, das sie in Gottes Wort beschrieben fanden. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl derer, die das Königreich Gottes öffentlich verkündigten, nach vorliegenden Berichten fast auf das Dreifache an, und 1922 predigten sie in 15 Ländern mehr als 1919.
Ein faszinierendes Thema
Sie verkündigten eine sensationelle Botschaft: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!“ Bruder Rutherford hatte 1918 einen Vortrag über dieses Thema gehalten. Es war auch der Titel einer 128seitigen Broschüre, die 1920 erschien. Von 1920 bis 1925 wurde das Thema weltweit in über 30 Sprachen bei öffentlichen Zusammenkünften in allen Gegenden, wo Redner zur Verfügung standen, immer und immer wieder behandelt. In diesem Vortrag wurde die biblisch begründete Hoffnung, daß gehorsame Menschen einmal ewig auf einer paradiesischen Erde leben werden, in den Vordergrund gestellt, und es hieß nicht — wie in der Christenheit —, alle guten Menschen kämen in den Himmel (Jes. 45:18; Offb. 21:1-5). Außerdem wurde darin die Überzeugung geäußert, die Zeit für die Verwirklichung dieser Hoffnung sei sehr nahe.
Die Ansprache wurde in Zeitungen und auf Reklametafeln angekündigt. Das Thema faszinierte die Leute. Am 26. Februar 1922 zählte man allein in Deutschland 70 000 Besucher an 121 Orten. Es kam nicht selten vor, daß sich an einem Ort Tausende von Zuhörern einfanden. In Kapstadt (Südafrika) waren zum Beispiel 2 000 Personen anwesend, als der Vortrag im Opernhaus gehalten wurde. In der norwegischen Hauptstadt waren im Hörsaal der Universität alle Plätze besetzt, und es konnten so viele nicht eingelassen werden, daß das Programm eineinhalb Stunden später wiederholt werden mußte — erneut in einem vollbesetzten Saal.
Im österreichischen Klagenfurt sagte Richard Heide zu seinem Vater: „Ich höre mir den Vortrag an, egal, was immer die Leute sagen mögen. Ich will wissen, ob das nur ein Bluff ist oder ob etwas Wahres daran ist.“ Er war von dem, was er hörte, tief berührt, und bald sprachen er, seine Eltern und seine Schwester mit anderen darüber.
Doch die biblische Botschaft war nicht bloß für Menschen bestimmt, die bereit waren, sich einen öffentlichen Vortrag anzuhören. Auch andere mußten davon unterrichtet werden. Nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch führende Politiker und Geistliche mußten sie hören. Wie konnte das erreicht werden?
Kraftvolle Erklärungen hinausgetragen
Durch Druckerzeugnisse wurden Millionen von Menschen erreicht, die die Bibelforscher und ihre Botschaft nur vom Hörensagen kannten. Von 1922 bis 1928 gab man durch sieben kraftvolle Erklärungen — Resolutionen, die auf den Jahreshauptversammlungen der Bibelforscher angenommen wurden — ein wirkungsvolles Zeugnis. Von den einzelnen Resolutionen wurden nach den Kongressen zumeist 45 bis 50 Millionen Exemplare verbreitet, was sicher eine erstaunliche Leistung für die damalige kleine Schar von Königreichsverkündigern war.
Die Resolution von 1922 war betitelt „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“ — ja, sie waren aufgerufen, ihre Behauptung zu rechtfertigen, daß sie der Menschheit Frieden, Wohlfahrt und Glück sichern könnten, oder andernfalls zuzugeben, daß nur Gottes messianisches Königreich das erreichen kann. In Deutschland wurde diese Resolution per Einschreiben an den im Exil lebenden deutschen Kaiser, an den Reichspräsidenten und an alle Mitglieder des Reichstages gesandt, und etwa 4,5 Millionen Exemplare wurden in der Öffentlichkeit verteilt. In Südafrika bearbeitete Edwin Scott — die Literatur in einer Tasche auf dem Rücken und einen Stock in der Hand, um bissige Hunde abzuwehren — 64 Orte und verbreitete persönlich 50 000 Exemplare. Als darauf Geistliche der südafrikanischen Landeskirche bei ihren Gemeindemitgliedern an die Türen kamen, um Geld zu sammeln, hielten ihnen viele Leute die Resolution vor das Gesicht und sagten: „Das sollten Sie einmal lesen, dann würden Sie nicht mehr hier vorbeikommen, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.“
Im Jahre 1924 stellte die Resolution „Offene Anklage gegen die Geistlichkeit“ die unbiblischen Lehren und Bräuche der Geistlichen bloß; sie zeigte, welche Rolle sie im Weltkrieg gespielt hatten, und forderte die Menschen auf, die Bibel zu studieren, damit sie die wunderbaren Vorkehrungen, die Gott zum Segen der Menschheit getroffen hat, selbst kennenlernten. In Italien mußten Drucker damals ihren Namen unter alles setzen, was sie produzierten, und waren für den Inhalt verantwortlich. Der Bibelforscher, der das Werk in Italien beaufsichtigte, legte die Resolution den Behörden vor, sie sahen sie durch und gaben dann ohne weiteres die Genehmigung zum Drucken und Verteilen. Auch die Druckerei war einverstanden, sie herauszubringen. Die Brüder in Italien verbreiteten 100 000 Exemplare. Sie achteten besonders darauf, daß der Papst und andere hohe Amtsträger des Vatikans die Resolution erhielten.
In Frankreich löste die Verbreitung der Resolution heftige und oft aggressive Reaktionen der Geistlichen aus. In Pommern reichte ein Pfarrer in seiner Verzweiflung eine Klage gegen die Gesellschaft und ihren Leiter ein, doch der Geistliche verlor den Prozeß, als das Gericht den gesamten Inhalt der Resolution hörte. Die Bibelforscher in der kanadischen Provinz Quebec ließen die Resolutionen in den frühen Morgenstunden ab drei Uhr an den Türen zurück, um in ihrem Werk nicht von Leuten behindert zu werden, die nicht wollten, daß andere die Wahrheit kennenlernten. Das war eine aufregende Zeit.
Dankbar für zufriedenstellende Antworten
Im Ersten Weltkrieg wurden viele Armenier unbarmherzig aus ihren Häusern und ihrem Geburtsland vertrieben. Nur zwei Jahrzehnte zuvor waren Hunderttausende von Armeniern niedergemetzelt worden, und andere waren geflohen, um ihr Leben zu retten. Einige wenige hatten in ihrer Heimat Publikationen der Watch Tower Society gelesen. Doch weit mehr von ihnen hörten in den Ländern, in die sie flüchteten, ein Zeugnis.
Viele machten sich nach ihren schlimmen Erlebnissen ernsthaft Gedanken, warum Gott das Böse zuläßt. Wie lange würde es noch so weitergehen? Wann gäbe es kein Leid mehr? Einige von ihnen waren dankbar, die zufriedenstellenden Antworten aus der Bibel kennenzulernen. Rasch entstanden in mehreren Städten des Nahen Ostens Gruppen armenischer Bibelforscher. Ihr Eifer für die biblische Wahrheit beeinflußte auch andere. In Äthiopien, Argentinien und den Vereinigten Staaten nahmen Armenier die gute Botschaft an und akzeptierten freudig die Verantwortung, mit anderen darüber zu sprechen. Zu ihnen gehörte Krikor Hatzakortzian, der Mitte der 30er Jahre als einsamer Pionier die Königreichsbotschaft in Äthiopien verbreitete. Als er einmal von Gegnern zu Unrecht angeklagt wurde, hatte er sogar die Gelegenheit, dem Kaiser, Haile Selassie, Zeugnis zu geben.
Kostbare Wahrheiten ins Geburtsland mit zurückgenommen
Der brennende Wunsch, anderen lebenswichtige biblische Wahrheiten zu überbringen, bewog viele, in ihre Heimat zurückzukehren, um sich dort am Evangelisieren zu beteiligen. Sie handelten ähnlich wie die Besucher aus vielen Ländern, die sich 33 u. Z. in Jerusalem aufhielten und gläubig wurden, als der heilige Geist die Apostel und ihre Gefährten veranlaßte, in vielen Zungen „über die großen Dinge Gottes“ zu reden (Apg. 2:1-11). Ebenso, wie diese Gläubigen des ersten Jahrhunderts die Wahrheit mit in ihre Heimat nahmen, taten das auch die erwähnten Jünger der heutigen Zeit.
Sowohl Männer als auch Frauen, die die Wahrheit im Ausland kennengelernt hatten, kehrten nach Italien zurück. Sie hatten in Amerika, Belgien oder Frankreich gelebt und verkündigten da, wo sie sich niederließen, eifrig die Königreichsbotschaft. Auch Kolporteure aus dem italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin zogen nach Italien und setzten dort ihr Werk fort. Das Ergebnis ihres vereinten Wirkens war, daß sie trotz ihrer geringen Zahl bald in allen bedeutenden Städten und vielen Dörfern Italiens gepredigt hatten. Sie zählten nicht die Stunden, die sie für dieses Werk einsetzten. In der Überzeugung, daß sie Wahrheiten predigten, von denen Gott wünschte, daß die Menschen sie kennenlernten, waren sie oft von morgens bis spätabends tätig, um so viele wie möglich zu erreichen.
Auch Griechen, die im nahe gelegenen Albanien und im fernen Amerika Bibelforscher geworden waren, schenkten ihrer Heimat Aufmerksamkeit. Sie freuten sich sehr, zu erfahren, daß der Ikonenkult unbiblisch ist (2. Mo. 20:4, 5; 1. Joh. 5:21), daß Sünder nicht im Höllenfeuer schmoren (Pred. 9:5, 10; Hes. 18:4; Offb. 21:8) und daß Gottes Königreich die wahre und einzige Hoffnung der Menschheit ist (Dan. 2:44; Mat. 6:9, 10). Sie brannten darauf, ihren Landsleuten diese Wahrheiten persönlich oder brieflich zu vermitteln. Daraufhin entstanden auf dem griechischen Festland und auf den Inseln Gruppen von Zeugen Jehovas.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Tausende von Polen als Bergarbeiter nach Frankreich. Ihre fremde Sprache war für die französischen Versammlungen kein Grund, sie zu übergehen. Es gelang ihnen irgendwie, diesen Bergleuten und ihren Familien die biblischen Wahrheiten zu überbringen, und die Zahl derer, die günstig reagierten, war bald größer als die der französischen Zeugen. Als 1935 wegen einer Ausweisungsverfügung der Regierung 280 nach Polen zurückkehren mußten, diente das nur dazu, dort die Verbreitung der Königreichsbotschaft zu verstärken. 1935 waren 1 090 Königreichsverkündiger daran beteiligt, in Polen Zeugnis abzulegen.
Andere folgten der Einladung, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland den Dienst aufzunehmen.
Eifrige europäische Evangeliumsverkündiger helfen im Ausland
Durch internationale Zusammenarbeit erfuhren die Baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) von den herzerfrischenden Wahrheiten über Gottes Königreich. In den 20er und 30er Jahren legten eifrige Brüder und Schwestern aus Dänemark, Deutschland, England und Finnland in dieser Region umfassend Zeugnis ab. Es wurde viel Literatur verbreitet, und Tausende hörten biblische Vorträge. Regelmäßige biblische Rundfunkprogramme in mehreren Sprachen, die in Estland gesendet wurden, konnte man sogar in der Sowjetunion empfangen.
Von Deutschland aus ließen sich in den 20er und 30er Jahren bereitwillige Verkündiger in Länder wie Belgien, Bulgarien, Frankreich, Jugoslawien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Spanien und Tschechoslowakei senden. Zu ihnen gehörte Willy Unglaube. Nachdem er eine Zeitlang im Magdeburger Bethel gedient hatte, ging er als Vollzeitprediger nach Frankreich, Algerien, Spanien, Singapur, Malaysia und Thailand.
Als in den 30er Jahren von Frankreich ein Hilferuf ausging, war Kolporteuren aus Großbritannien ganz offensichtlich bewußt, daß der christliche Predigtauftrag nicht nur das Evangelisieren im eigenen Land verlangte, sondern auch in anderen Gebieten der Erde (Mar. 13:10). Einer der fleißigen Erntearbeiter, die dem Ruf nach Mazedonien folgten, war John Cooke. (Vergleiche Apostelgeschichte 16:9, 10.) Während der folgenden sechs Jahrzehnte nahm er Dienstaufgaben in Frankreich, Spanien, Irland, Portugal, Angola, Mosambik und Südafrika wahr. Sein Bruder Eric gab seine Stellung in Barclay’s Bank auf und schloß sich John im Vollzeitpredigtdienst in Frankreich an; danach diente auch er in Spanien und Irland und war außerdem in Südrhodesien (heute Simbabwe) und Südafrika als Missionar tätig.
Im Mai 1926 nahmen George Wright und Edwin Skinner aus England die Einladung an, beim Aufbau des Königreichswerkes in Indien mitzuhelfen. Das war eine gewaltige Aufgabe. Das Gebiet umschloß ganz Afghanistan, Birma (heute Myanmar), Ceylon (heute Sri Lanka), Indien und Persien (heute Iran). Bei ihrer Ankunft in Bombay machten sie mit dem Monsunregen Bekanntschaft. Doch sie legten keinen übermäßigen Wert auf Komfort oder Bequemlichkeit und reisten bald in die entlegenen Winkel des Landes, um Bibelforscher, von deren Existenz man bereits wußte, ausfindig zu machen und sie zu ermuntern. Sie verbreiteten auch große Mengen Literatur, durch die bei anderen Interesse geweckt werden sollte. Das Werk wurde gründlich durchgeführt. 1928 arrangierten die 54 Königreichsverkündiger im südindischen Trawankur (heute Kerala) 550 öffentliche Zusammenkünfte, die von rund 40 000 Personen besucht wurden. 1929 zogen vier weitere Pioniere von Großbritannien nach Indien, um bei dem Werk mitzuhelfen. Und 1931 trafen erneut drei Helfer aus England in Bombay ein. Immer wieder suchten sie die verschiedenen Gegenden dieses riesigen Landes auf und verbreiteten nicht nur Literatur in Englisch, sondern auch in den indischen Sprachen.
Was trug sich unterdessen in Osteuropa zu?
Eine geistige Ernte
Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Osteuropa Samenkörner biblischer Wahrheit ausgestreut worden, und einige waren aufgegangen. 1908 war Andrásné Benedek, eine einfache Ungarin, nach Österreich-Ungarn zurückgekehrt, um mit anderen über all das Gute, was sie gelernt hatte, zu sprechen. Zwei Jahre später waren außerdem Károly Szabó und József Kiss in dieses Land zurückgegangen, und sie verbreiteten die biblische Botschaft besonders in der Region der späteren Tschechoslowakei und Rumäniens. Trotz der heftigen Gegnerschaft zorniger Geistlicher bildeten sich Studiengruppen, und es wurde weit und breit Zeugnis abgelegt. Andere schlossen sich ihnen im öffentlichen Verkünden ihres Glaubens an, und bis 1935 war die Schar der Königreichsverkündiger in Ungarn auf 348 angewachsen.
Die Größe Rumäniens verdoppelte sich nahezu, als nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen Europas von den Siegermächten neu gezogen wurden. Laut Berichten gab es in diesem größer gewordenen Land 1920 ungefähr 150 Bibelforschergruppen, mit denen 1 700 Personen verbunden waren. Im darauffolgenden Jahr nahmen beim Abendmahl des Herrn fast 2 000 von den Gedächtnismahlsymbolen, wodurch sie sich als geistgesalbte Brüder Christi zu erkennen gaben. Diese Zahl nahm während der nächsten vier Jahre stark zu. 1925 waren beim Gedächtnismahl 4 185 anwesend, und wie es damals üblich war, nahmen zweifellos die meisten von den Symbolen. Allerdings sollte der Glaube all dieser Personen geprüft werden. Würden sie sich als echter „Weizen“ erweisen oder bloß als Scheinweizen? (Mat. 13:24-30, 36-43). Würden sie wirklich das Zeugniswerk verrichten, das Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hatte? Würden sie auch bei heftiger Gegnerschaft damit fortfahren? Wären sie treu, selbst wenn andere eine Haltung wie die des Judas Iskariot einnehmen würden?
Der Bericht für 1935 deutet darauf hin, daß nicht alle den Glauben hatten, der zum Ausharren befähigt. In jenem Jahr waren es nur 1 188, die einen gewissen Anteil daran hatten, in Rumänien Zeugnis abzulegen, obgleich damals mehr als doppelt so viele von den Gedächtnismahlsymbolen nahmen. Die Treuen hielten sich jedoch im Dienst des Herrn beschäftigt. Sie überbrachten anderen demütigen Menschen die biblischen Wahrheiten, die sie selbst als so herzerfreuend empfunden hatten. Dabei fiel besonders auf, wieviel Literatur sie verbreiteten. Von 1924 bis 1935 hatten sie bei interessierten Personen bereits mehr als 800 000 Bücher und Broschüren zurückgelassen und außerdem Traktate.
Wie stand es mit der Tschechoslowakei, die 1918 nach dem Zusammenbruch des österreichisch-ungarischen Reiches zur Nation wurde? Hier trug ein noch gründlicheres Zeugnis zur geistigen Ernte bei. Es war schon früher in Ungarisch, Russisch, Rumänisch und Deutsch gepredigt worden. 1922 kehrten dann mehrere Bibelforscher aus Amerika dorthin zurück, um sich der slowakischsprechenden Bevölkerung zuzuwenden, und im Jahr darauf begann ein Ehepaar aus Deutschland, sich auf das tschechische Gebiet zu konzentrieren. Regelmäßige Kongresse wirkten sich — wenn sie auch klein waren — ermunternd und einigend aus. Nachdem die Versammlungen 1927 besser für das Evangelisieren von Haus zu Haus organisiert worden waren, wurde das Wachstum offenkundiger. 1932 erlebte das Werk einen starken Aufschwung, als ein internationaler Kongreß in Prag stattfand, dem ungefähr 1 500 Besucher aus der Tschechoslowakei und aus Nachbarländern beiwohnten. Außerdem sahen große Zuschauermengen eine vierstündige Version des „Photo-Dramas der Schöpfung“, das von einem Ende des Landes bis zum anderen aufgeführt wurde. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt wurden mehr als 2 700 000 Publikationen unter den verschiedenen Sprachgruppen in diesem Land verbreitet. Das geistige Pflanzen, Bebauen und Bewässern führte zu einer Ernte, an der sich 1935 1 198 Königreichsverkündiger beteiligten.
Jugoslawien (zunächst das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) war durch die Veränderung der Europakarte nach dem Ersten Weltkrieg ins Dasein gekommen. Schon 1923 hieß es, daß eine Bibelforschergruppe in Belgrad Zeugnis ablegte. Später wurde das „Photo-Drama der Schöpfung“ im ganzen Land vor großen Besuchermengen gezeigt. Als man Jehovas Zeugen in Deutschland heftig verfolgte, wurde die Gruppe in Jugoslawien durch deutsche Pioniere verstärkt. Ohne sich über persönlichen Komfort Gedanken zu machen, drangen sie in die entlegensten Gegenden dieses gebirgigen Landes vor, um dort zu predigen. Andere deutsche Pioniere gingen nach Bulgarien. Auch unternahm man Anstrengungen, die gute Botschaft in Albanien zu predigen. In allen diesen Ländern wurde der Samen der Königreichswahrheit gesät. Einige Samenkörner keimten. Doch erst in späteren Jahren sollte dort eine größere Ernte eingebracht werden.
Weiter südlich, auf dem afrikanischen Kontinent, wurde die gute Botschaft ebenfalls von Personen verbreitet, die das Vorrecht, Zeugen des Allerhöchsten zu sein, von ganzem Herzen schätzten.
In Westafrika erstrahlt geistiges Licht
Etwa sieben Jahre nachdem ein Bibelforscher von Barbados mit einem Arbeitsvertrag nach Westafrika gegangen war, schrieb er an das Büro der Watch Tower Society in New York, daß sich ziemlich viele Leute für die Bibel interessierten. Ein paar Monate später, am 14. April 1923, kam W. R. Brown, der vorher auf Trinidad gedient hatte, auf Bruder Rutherfords Einladung hin mit seiner Familie nach Freetown in Sierra Leone.
Es wurde gleich dafür gesorgt, daß Bruder Brown einen Vortrag in der Wilberforce Memorial Hall hielt. Am 19. April waren rund 500 Zuhörer anwesend, darunter die meisten Geistlichen aus Freetown. Am darauffolgenden Sonntag hielt er wieder eine Ansprache. Er wählte ein Thema, über das C. T. Russell oft gesprochen hatte: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort?“ Bruder Browns Vorträge waren stets mit Bibelzitaten durchsetzt, die er für die Anwesenden auf eine Leinwand projizierte. In seinen Ansprachen sagte er immer wieder: „Das sagt nicht Brown, sondern die Bibel.“ Deswegen wurde er als „Bibel-Brown“ bekannt. Und als Ergebnis seiner logischen biblischen Darlegungen traten einige angesehene Kirchenmitglieder aus der Kirche aus und nahmen den Dienst für Jehova auf.
Er unternahm weite Reisen, um das Königreichswerk in noch mehr Gebieten in Gang zu bringen. Deshalb hielt er auch zahlreiche biblische Vorträge, verbreitete große Mengen Literatur und ermutigte andere, es ihm gleichzutun. Sein Evangelisierungswerk führte ihn an die Goldküste (heute Ghana), nach Liberia, Gambia und Nigeria. Von Nigeria brachten andere die Königreichsbotschaft nach Benin (damals Dahomey) und Kamerun. Bruder Brown wußte, daß die Bevölkerung für die sogenannte „Religion des weißen Mannes“ nicht viel übrig hatte, und so sprach er in der Glover Memorial Hall in Lagos darüber, daß die Religion der Christenheit versagt hat. Nach der Zusammenkunft nahmen die begeisterten Zuhörer 3 900 Bücher entgegen, um sie selbst zu lesen und an andere weiterzugeben.
Als Bruder Brown nach Westafrika kam, hatten dort nur eine Handvoll Leute von der Königreichsbotschaft gehört. Doch als er 27 Jahre später wegging, gab es in diesem Gebiet weit über 11 000 eifrige Zeugen Jehovas. Religiöse Irrlehren wurden entlarvt; die wahre Anbetung hatte Fuß gefaßt und breitete sich rasch aus.
Die Ostküste Afrikas entlang
Schon ziemlich früh im 20. Jahrhundert waren einige Publikationen von C. T. Russell im Südosten Afrikas von Einzelpersonen in Umlauf gebracht worden, die ein paar Gedanken aus diesen Büchern übernommen, sie aber mit ihren eigenen Anschauungen vermischt hatten. Dadurch entstanden eine Reihe sogenannter Watchtower-Bewegungen, die überhaupt keine Verbindung zu Jehovas Zeugen hatten. Einige waren politisch orientiert und stifteten unter den Eingeborenen Unruhe. Viele Jahre lang wurde das Werk der Zeugen Jehovas durch den schlechten Ruf dieser Gruppen behindert.
Dennoch erkannten eine Reihe von Afrikanern den Unterschied zwischen Wahr und Falsch. Wanderarbeiter brachten die gute Botschaft von Gottes Königreich in Nachbarländer und verkündigten sie in den afrikanischen Sprachen. Die englischsprachige Bevölkerung in Südostafrika vernahm die Botschaft überwiegend durch Kontakte mit Südafrika. In manchen Ländern wurden allerdings europäische Zeugen durch heftige Gegnerschaft von offizieller Seite, angeheizt von der Geistlichkeit der Christenheit, am Predigen unter den afrikanischen Sprachgruppen gehindert. Dessenungeachtet breitete sich die Wahrheit aus, obwohl viele, die sich für die biblische Botschaft interessierten, Hilfe brauchten, um das Gelernte richtig in die Praxis umzusetzen.
Einige unvoreingenommene Beamte schenkten den boshaften Anschuldigungen, die die Geistlichkeit der Christenheit gegen Jehovas Zeugen vorbrachte, nicht ohne weiteres Glauben. So war es bei einem Polizeichef in Njassaland (heute Malawi), der sich verkleidete und die Zusammenkünfte der eingeborenen Zeugen besuchte, um selbst herauszufinden, was für Leute das waren. Sie machten einen guten Eindruck auf ihn. Als die Regierung genehmigte, daß ein ansässiger Europäer die Gesellschaft vertrat, wurden Bert McLuckie und dann sein Bruder Bill Mitte der 30er Jahre dorthin gesandt. Sie blieben mit der Polizei und den Distriktskommissaren in Kontakt, damit diese Beamten ein klares Bild von ihrer Tätigkeit hätten und Jehovas Zeugen nicht mit irgendeiner fälschlich so genannten Watchtower-Bewegung verwechselten. Gleichzeitig arbeiteten sie geduldig mit Gresham Kwazizirah, einem reifen einheimischen Zeugen, zusammen, um den Hunderten, die sich den Versammlungen anschließen wollten, bewußtzumachen, daß geschlechtliche Unmoral, der Mißbrauch alkoholischer Getränke und Aberglaube mit der Lebensweise eines Zeugen Jehovas nicht zu vereinbaren sind (1. Kor. 5:9-13; 2. Kor. 7:1; Offb. 22:15).
Im Jahre 1930 gab es nur etwa hundert Zeugen Jehovas im Süden Afrikas. Doch sie hatten in etwa ganz Afrika südlich des Äquators und einige Gebiete, die sich nördlich davon erstreckten, zu bearbeiten. Die Königreichsbotschaft in einem so weiten Umkreis zu predigen erforderte echte Pioniere. Frank und Gray Smith waren von dieser Art.
Sie reisten mit dem Schiff von Kapstadt aus 4 800 Kilometer in nordöstlicher Richtung und fuhren dann noch vier Tage mit dem Auto über holprige Straßen, um nach Nairobi (Kenia, Britisch-Ostafrika) zu gelangen. In weniger als einem Monat gaben sie 40 Kartons biblische Literatur ab. Aber tragischerweise starb Frank auf der Rückreise an Malaria. Trotzdem gingen kurze Zeit später Robert Nisbet und David Norman auf die Reise — diesmal mit 200 Kartons Literatur —, um in Kenia und Uganda sowie in Tanganjika und auf Sansibar (heute beides Tansania) so viele Leute wie möglich zu erreichen. Bei ähnlichen Expeditionen gelangte die Königreichsbotschaft zu den Inseln Mauritius und Madagaskar im Indischen Ozean und St. Helena im Atlantik. Es wurde Wahrheitssamen ausgestreut, aber er ging nicht überall sofort auf.
Von Südafrika aus wurde bereits 1925 das Predigen der guten Botschaft auf Basutoland (heute Lesotho), Betschuanaland (heute Botsuana) und Swasiland ausgedehnt. Als ungefähr acht Jahre später erneut Pioniere in Swasiland predigten, bereitete ihnen König Sobhusa II. einen königlichen Empfang. Er versammelte seine Leibwache von hundert Kriegern, hörte sich ein gründliches Zeugnis an und nahm darauf alle Veröffentlichungen der Gesellschaft entgegen, die die Brüder bei sich hatten.
Allmählich wurde in diesem Teil des weltweiten Predigtgebietes die Zahl der Zeugen Jehovas größer. Den wenigen, die dem Werk in Afrika schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Weg gebahnt hatten, schlossen sich andere an, und 1935 gab es auf dem afrikanischen Kontinent 1 407 Personen, die sich gemäß Berichten am Predigen des Königreiches Gottes beteiligt hatten. Eine beträchtliche Anzahl lebte in Südafrika und Nigeria. Weitere große Gruppen, die sich als Zeugen Jehovas zu erkennen gaben, befanden sich in Njassaland (heute Malawi), Nordrhodesien (heute Sambia) und Südrhodesien (heute Simbabwe).
In demselben Zeitraum schenkte man auch spanisch- und portugiesischsprachigen Gebieten Aufmerksamkeit.
Spanisch- und portugiesischsprachige Gebiete bearbeitet
Während der Erste Weltkrieg noch andauerte, kam Der Wachtturm in Spanisch heraus. In dieser Zeitschrift stand die Adresse eines Büros in Los Angeles (Kalifornien), das speziell für das spanischsprachige Gebiet eingerichtet worden war. Brüder, die in diesem Büro arbeiteten, waren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Ländern südlich davon interessierten Personen eine große Hilfe.
Juan Muñiz, der 1917 ein Diener Jehovas geworden war, wurde 1920 von Bruder Rutherford ermutigt, die Vereinigten Staaten zu verlassen und nach Spanien, in sein Geburtsland, zurückzuziehen, um dort das Königreichspredigtwerk zu organisieren. Die Ergebnisse ließen allerdings zu wünschen übrig — nicht etwa, weil es ihm an Eifer gemangelt hätte, sondern weil die Polizei ständig hinter ihm her war; deshalb wurde er ein paar Jahre später nach Argentinien versetzt.
In Brasilien predigten bereits einige Anbeter Jehovas. Acht einfache Seeleute hatten die Wahrheit während ihres Landurlaubs kennengelernt, als ihr Schiff im New Yorker Hafen lag. Zurück in Brasilien, sprachen sie Anfang 1920 eifrig mit anderen über die Botschaft der Bibel.
Der Kanadier George Young wurde 1923 nach Brasilien gesandt. Er trug bestimmt dazu bei, das Werk zu beleben. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen, die gedolmetscht wurden, zeigte er, was die Bibel über den Zustand der Toten sagt, entlarvte den Spiritismus als dämonisch und erklärte, daß es Gottes Vorsatz ist, alle Familien der Erde zu segnen. Was seine Ansprachen noch überzeugender machte, war, daß er manchmal die erörterten Bibeltexte auf eine Leinwand projizierte, damit die Anwesenden sie in ihrer eigenen Sprache lesen konnten. Während er sich in Brasilien aufhielt, hatten Bellona Ferguson aus São Paulo und vier ihrer Kinder endlich die Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Sie hatte 25 Jahre darauf gewartet. Von denen, die die Wahrheit annahmen, boten dann einige ihre Dienste für das Übersetzen der Literatur ins Portugiesische an. Bald gab es eine beachtliche Zahl von Veröffentlichungen in dieser Sprache.
Bruder Young ging 1924 von Brasilien nach Argentinien und sorgte dafür, daß 300 000 spanischsprachige Publikationen in 25 der wichtigen Städte unentgeltlich verbreitet wurden. Noch im selben Jahr reiste er nach Chile, Peru und Bolivien, um Traktate zu verteilen.
Nicht lange danach war George Young auf dem Weg in ein neues Gebiet. Diesmal ging es nach Spanien und Portugal. Nachdem er vom britischen Botschafter Regierungsvertretern vorgestellt worden war, konnte er es arrangieren, daß Bruder Rutherford in Barcelona, Madrid und in der portugiesischen Hauptstadt Vorträge hielt. Nach diesen Ansprachen gaben insgesamt mehr als 2 350 Personen ihre Adresse ab mit der Bitte um weiteren Aufschluß. Dann druckte eine der großen Zeitungen Spaniens den Vortrag ab, und in Traktatform wurde er im ganzen Land Leuten mit der Post zugeschickt. In Portugal erschien er ebenfalls in der Zeitung.
Dadurch gelangte die Botschaft auch weit über die Grenzen Spaniens und Portugals hinaus. Ende 1925 war die gute Botschaft zu den Kapverdischen Inseln (heute Republik Kap Verde), nach Madeira, Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik), Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) und zu Inseln im Indischen Ozean vorgedrungen.
Im Jahr darauf bemühte man sich darum, daß die kraftvolle Resolution „Ein Zeugnis an die Herrscher der Welt“ in der spanischen Zeitung La Libertad abgedruckt wurde. Rundfunksendungen, die Verbreitung von Büchern, Broschüren und Traktaten sowie Aufführungen des „Photo-Dramas der Schöpfung“ trugen dazu bei, noch intensiver Zeugnis zu geben. 1932 folgten mehrere englische Pioniere der Einladung, in diesem Gebiet mitzuhelfen, und sie bearbeiteten systematisch große Teile des Landes mit biblischer Literatur, bis sie wegen des spanischen Bürgerkrieges ausreisen mußten.
Inzwischen hatte Bruder Muñiz gleich nach seiner Ankunft in Argentinien angefangen zu predigen. Mit Uhrreparaturen sorgte er für seinen Lebensunterhalt. Abgesehen von seiner Tätigkeit in Argentinien, kümmerte er sich auch noch um Chile, Paraguay und Uruguay. Auf seine Bitte hin kamen einige Brüder aus Europa, um den deutschsprachigen Einwohnern Zeugnis zu geben. Viele Jahre später erzählte Carlos Ott, daß sie ihren Dienst um vier Uhr morgens begannen, indem sie in einem bestimmten Gebiet unter jeder Haustür ein Traktat zurückließen. Sie kamen dann noch am selben Tag wieder, um zusätzlich Zeugnis zu geben und interessierten Wohnungsinhabern weitere biblische Literatur anzubieten. Von Buenos Aires aus durchzogen die Vollzeitprediger das ganze Land — zunächst entlang den Eisenbahnlinien, die sich von der Hauptstadt aus wie die gespreizten Finger einer Hand Hunderte von Kilometern ins Land erstreckten, und dann mit allen möglichen Transportmitteln, je nachdem, was sich gerade anbot. Sie hatten kaum materielle Güter und machten viel durch, aber geistig gesehen waren sie reich.
Zu denen, die in Argentinien eifrig tätig waren, gehörte der Grieche Nicolás Argyrós. Als er Anfang 1930 einige Veröffentlichungen der Watch Tower Society erhielt, war er besonders von einer Broschüre mit dem Thema Die Hölle beeindruckt und von den Fragen auf der Titelseite: „Was ist sie? Wer ist dort? Können sie herauskommen?“ Er war erstaunt, festzustellen, daß diese Broschüre nicht beschrieb, wie Sünder geröstet würden. Zu seiner großen Überraschung erkannte er, daß die Lehre vom Höllenfeuer eine religiöse Lüge war, erfunden, um den Leuten angst zu machen, so wie sie ihm Angst eingejagt hatte. Er machte sich prompt daran, über die Wahrheit zu sprechen — zuerst mit Griechen und dann, als sich sein Spanisch verbesserte, auch mit anderen. Jeden Monat setzte er 200 bis 300 Stunden dafür ein, anderen die gute Botschaft zu überbringen. Zu Fuß und mit irgendwelchen vorhandenen Beförderungsmitteln brachte er die biblischen Wahrheiten in 14 der 22 Provinzen Argentiniens. Während er von Ort zu Ort zog, konnte er in Betten schlafen, wenn sie ihm von gastfreundlichen Leuten angeboten wurden, oft aber übernachtete er im Freien und einmal sogar in einem Stall, wo ihm ein Esel als Wecker diente.
Auch Richard Traub, der die Wahrheit in Buenos Aires kennengelernt hatte, besaß den Geist eines echten Pioniers. Ihm lag viel daran, den Menschen jenseits der Anden die gute Botschaft zu bringen. 1930, fünf Jahre nach seiner Taufe, kam er in Chile an — der einzige Zeuge Jehovas in einem Land mit 4 000 000 Einwohnern. Anfangs hatte er nur eine Bibel, mit der er arbeiten konnte, aber er begann, von Haus zu Haus zu predigen. Es gab keine Versammlungszusammenkünfte, die er besuchen konnte, und so ging er sonntags zu der Zeit, wo sie normalerweise stattfanden, zum Berg San Christóbal, setzte sich in den Schatten eines Baumes und vertiefte sich in sein Studium und ins Gebet. Nachdem er eine Wohnung gemietet hatte, lud er andere zu Zusammenkünften dorthin ein. Der einzige, der zur ersten Zusammenkunft erschien, war Juan Flores; er fragte: „Und die anderen, wann werden sie kommen?“ Bruder Traub antwortete einfach: „Sie werden kommen.“ Und sie kamen. In weniger als einem Jahr wurden 13 Personen getaufte Diener Jehovas.
Vier Jahre später taten sich zwei Zeuginnen zusammen, die sich nie zuvor begegnet waren, um die gute Botschaft in Kolumbien zu predigen. Nach einem produktiven Jahr dort mußte Hilma Sjoberg in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Käthe Palm dagegen fuhr mit dem Schiff nach Chile und nutzte die 17 Tage auf See, um sowohl der Mannschaft als auch den Passagieren Zeugnis zu geben. Während des folgenden Jahrzehnts predigte sie von Arica, dem nördlichsten Hafen Chiles, bis nach Feuerland im äußersten Süden. Sie sprach in Geschäftshäusern vor und gab Regierungsvertretern Zeugnis. Beladen mit einer Satteltasche voll Literatur, die sie auf den Schultern trug, und einigen unentbehrlichen Gütern wie einer Decke zum Schlafen, suchte sie die abgelegensten Bergarbeitersiedlungen und Schaffarmen auf. Sie führte das Leben eines echten Pioniers. Und es gab noch andere, die denselben Geist hatten — Ledige, Verheiratete, Jüngere und Ältere.
Im Jahre 1932 bemühte man sich besonders, die Königreichsbotschaft in lateinamerikanischen Ländern zu verkündigen, in denen bis dahin kaum gepredigt worden war. In diesem Jahr wurde von der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt eine beachtliche Anzahl verbreitet. Diese Broschüre enthielt einen Vortrag, der schon in einer internationalen Rundfunksendung ausgestrahlt worden war. Nun wurden in Chile rund 40 000 Exemplare dieser gedruckten Ansprache verbreitet, 25 000 in Bolivien, 25 000 in Peru, 15 000 in Ecuador, 20 000 in Kolumbien, 10 000 in Santo Domingo (heute Dominikanische Republik) und weitere 10 000 in Puerto Rico. Ja, die Königreichsbotschaft wurde verkündigt, und das sehr gründlich.
Im Jahre 1935 gab es in Südamerika nur 247 Personen, die vereint verkündigten, daß nur Gottes Königreich der Menschheit wahres Glück bringen wird. Aber sie gaben ein gewaltiges Zeugnis.
Menschen in noch abgelegeneren Regionen erreicht
Jehovas Zeugen vertraten keinesfalls den Standpunkt, sie kämen ihrer Verantwortung gegenüber Gott nach, wenn sie einfach mit den wenigen sprächen, die zufällig in ihrer Nähe wohnten. Sie bemühten sich, allen die gute Botschaft zu überbringen.
Menschen, die in Gegenden lebten, wohin die Zeugen nicht persönlich reisen konnten, wurden auf andere Weise erreicht. Ende der 20er Jahre zum Beispiel versandten die Zeugen in Kapstadt (Südafrika) 50 000 Broschüren an alle Farmer, Leuchtturmwärter, Förster und an andere, die abgelegen wohnten. Man beschaffte sich auch ein neues Adreßbuch von ganz Südwestafrika (heute Namibia) und schickte jedem, dessen Name darin stand, die Broschüre Des Volkes Freund zu.
Im Jahre 1929 wurde F. J. Franske mit der Verantwortung für den Schoner Morton, der der Watch Tower Society gehörte, betraut und erhielt die Aufgabe, zusammen mit Jimmy James Menschen in Labrador und allen Fischersiedlungen von Neufundland zu besuchen. Im Winter bereiste Bruder Franske die Küste mit einem Hundegespann. Die Eskimos und Neufundländer, bei denen er biblische Literatur zurückließ, gaben ihm Lederwaren, Fische oder ähnliches, um die Kosten dafür zu decken. Ein paar Jahre später machte er sich auf zu den Bergarbeitern, Holzfällern, Pelztierjägern, Viehzüchtern und Indianern in dem rauhen Karibugebiet von Britisch-Kolumbien. Während er unterwegs war, jagte er, um sich Fleisch zu beschaffen, pflückte wilde Beeren und backte sein Brot in einer Bratpfanne über einem offenen Lagerfeuer. Danach benutzte er zusammen mit einem Partner ein Lachsfangboot als Transportmittel, und sie brachten die Königreichsbotschaft zu jeder Insel, jeder Bucht, in jedes Holzfällerlager, zu jedem Leuchtturm und in jede Siedlung an der Westküste Kanadas. Er war nur einer von vielen, die einiges auf sich nahmen, um die Menschen in den entlegenen Winkeln der Erde zu erreichen.
Ende der 20er Jahre reiste Frank Day in Richtung Norden durch die Dörfer Alaskas, predigte, verbreitete Literatur und verkaufte nebenbei Brillen, um für sich sorgen zu können. Obwohl er wegen eines künstlichen Beines humpelte, bearbeitete er das Gebiet von Ketchikan bis Nome — eine Entfernung von ungefähr 1 900 Kilometern. Schon 1897 hatte ein Goldgräber in Kalifornien Exemplare der Serie Millennium-Tagesanbruch und des Wachtturms erhalten und geplant, sie mit zurück nach Alaska zu nehmen. Und 1910 hatte ein gewisser Kapitän Beams Literatur in den Häfen von Alaska zurückgelassen, die er mit seinem Walfangschiff anlief. Aber die Predigttätigkeit begann sich dadurch auszudehnen, daß Bruder Day über 12 Jahre lang jeden Sommer nach Alaska reiste.
Zwei andere Zeugen fuhren mit dem 12 Meter langen Motorboot Esther die norwegische Küste entlang bis weit in die Arktis hinein. Sie gaben auf den Inseln Zeugnis, suchten Leuchttürme auf, predigten in Küstendörfern und besuchten abgelegene Orte tief in den Bergen. Viele Leute nahmen sie freundlich in Empfang, und im Laufe eines Jahres konnten sie 10 000 bis 15 000 Bücher und Broschüren verbreiten, in denen Gottes Vorsatz in bezug auf die Menschheit erklärt wurde.
Inseln hören die Lobpreisung Jehovas
Nicht nur auf Inseln in der Nähe von Festlandküsten wurde Zeugnis abgelegt. Anfang der 30er Jahre reiste Sydney Shepherd zwei Jahre lang mitten im Pazifik, um auf den Cookinseln und auf Tahiti zu predigen. Weiter westlich predigte George Winton die gute Botschaft auf den Neuen Hebriden (heute Vanuatu).
Etwa um die gleiche Zeit machte sich auch Joseph Dos Santos, ein Amerikaner portugiesischer Abstammung, auf den Weg in unberührtes Gebiet. Zunächst gab er auf den äußeren Inseln Hawaiis Zeugnis; dann ging er auf eine Predigtreise rund um die Welt. Als er jedoch auf den Philippinen ankam, erhielt er einen Brief von Bruder Rutherford, in dem er gebeten wurde, dort zu bleiben, um das Königreichspredigtwerk in Gang zu bringen und zu organisieren. Er blieb 15 Jahre lang.
Zu dieser Zeit wandte das australische Zweigbüro der Gesellschaft dem Werk im Südpazifik seine Aufmerksamkeit zu. Zwei Pioniere, die von dort ausgesandt wurden, gaben 1930/31 auf Fidschi ein umfassendes Zeugnis. Samoa hörte die Botschaft 1931. Auf Neukaledonien wurde 1932 gepredigt. Ein Pionierehepaar aus Australien nahm 1933 sogar den Dienst in China auf und legte in den folgenden paar Jahren in 13 bedeutenden chinesischen Städten Zeugnis ab.
Den Brüdern in Australien wurde klar, daß mehr erreicht werden könnte, wenn ihnen ein Schiff zur Verfügung stünde. Bald rüsteten sie einen 16 Meter langen Zweimaster aus, den sie Lightbearer nannten, und er diente von Anfang 1935 an einer Gruppe eifriger Brüder mehrere Jahre als Ausgangspunkt für ihre Tätigkeit, während sie in Niederländisch-Indien (heute Indonesien), Singapur und Malaya Zeugnis gaben. Die Ankunft des Schiffes erregte immer viel Aufsehen, und dadurch bot sich den Brüdern oft Gelegenheit, zu predigen und eine Menge Literatur abzugeben.
Unterdessen beschlossen 1935 auf der anderen Seite der Erdkugel zwei Pionierinnen aus Dänemark, eine Urlaubsreise zu den Färöern im Nordatlantik zu machen. Aber ihnen war nicht nur an der schönen Landschaft gelegen. Sie waren mit Tausenden von Publikationen ausgerüstet und machten guten Gebrauch davon. Wind und Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben, und sie bearbeiteten die bewohnten Inseln, soweit es ihnen während ihres Aufenthalts möglich war.
Weiter westlich übernahm Georg Lindal, ein Kanadier isländischer Herkunft, eine Aufgabe, die viel mehr Zeit in Anspruch nahm. Auf die Anregung Bruder Rutherfords hin zog er 1929 als Pionier nach Island. Er hatte eine erstaunliche Ausdauer. In den folgenden 18 Jahren diente er dort überwiegend allein. Immer wieder besuchte er die Dörfer und Städte. Er verbreitete Zehntausende von Veröffentlichungen, doch damals schloß sich ihm kein einziger Isländer im Dienst für Jehova an. Bis 1947, als zwei Gileadmissionare eintrafen, gab es mit Ausnahme eines einzigen Jahres keine Zeugen, mit denen er Gemeinschaft pflegen konnte.
Wenn Menschen etwas untersagen, was Gott gebietet
In ihrem öffentlichen Predigtdienst — besonders von den 20er bis zu den 40er Jahren — stießen Jehovas Zeugen nicht selten auf Anfeindungen, hinter denen meistens Geistliche und mitunter auch Regierungsvertreter steckten.
In einem ländlichen Gebiet nördlich von Wien sahen sich die Zeugen einer vom Dorfgeistlichen mit Unterstützung der Gendarmerie aufgehetzten Menge gegenüber. Die Geistlichen wollten unbedingt verhindern, daß Jehovas Zeugen in ihren Dörfern predigten. Die Zeugen hingegen waren entschlossen, ihren göttlichen Auftrag auszuführen; sie kehrten an einem anderen Tag zurück und änderten ihre Methode, indem sie auf Umwegen in die Ortschaften gingen.
Ganz gleich, womit Menschen ihnen drohten oder was sie von ihnen forderten, es war Jehovas Zeugen klar, daß sie vor Gott verpflichtet waren, sein Königreich zu verkündigen. Sie entschieden sich dafür, Gott, dem Herrscher, mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg. 5:29). Wenn örtliche Behörden den Zeugen Jehovas keine Religionsfreiheit zuerkennen wollten, brachten die Zeugen einfach Verstärkung herbei.
Nachdem es 1929 in einem Bezirk Bayerns wiederholt zu Verhaftungen gekommen war, setzte man zwei Sonderzüge ein — der eine fuhr in Berlin ab, der andere in Dresden. Sie wurden in Reichenbach gekoppelt, und um zwei Uhr morgens erreichte der Zug die Gegend um Regensburg mit 1 200 Passagieren, die darauf brannten, sich am Zeugnisgeben zu beteiligen. Das Reisen war teuer, und alle hatten ihr Fahrgeld selbst bezahlt. An jedem Bahnhof stiegen einige aus. Mehrere hatten Fahrräder mitgebracht, so daß sie aufs Land hinausfahren konnten. Der ganze Bezirk wurde an einem einzigen Tag bearbeitet. Als sie die Ergebnisse ihrer vereinten Anstrengungen sahen, kam ihnen unwillkürlich in den Sinn, was Gott seinen Dienern verheißen hatte: „Welche Waffe es auch immer sei, die gegen dich gebildet sein wird, sie wird keinen Erfolg haben“ (Jes. 54:17).
Die Zeugen in Deutschland waren so eifrig, daß sie nach einer Schätzung zwischen 1919 und 1933 mindestens 125 000 000 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie Millionen von Traktaten verbreiteten. Es gab damals jedoch nur rund 15 000 000 Familien in Deutschland. In dieser Zeit wurde in Deutschland von allen Ländern der Erde mit am gründlichsten Zeugnis abgelegt. Dort gab es mit die größte Konzentration von Personen, die sich zu den geistgesalbten Nachfolgern Christi rechneten. Doch in den folgenden Jahren machten sie sehr harte Prüfungen ihrer Lauterkeit durch (Offb. 14:12).
Im Jahre 1933 nahm der Widerstand der Regierung gegen das Werk der Zeugen Jehovas in Deutschland stark zu. Die Wohnungen von Zeugen und das Zweigbüro der Gesellschaft wurden wiederholt von der Gestapo durchsucht. In den meisten deutschen Ländern wurde die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten, und es kam zu Verhaftungen. Viele Tonnen Bibeln und biblische Literatur von ihnen wurden öffentlich verbrannt. Am 1. April 1935 wurde ein allgemeines Reichsverbot gegen die Ernsten Bibelforscher erlassen, und man machte systematische Anstrengungen, ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. Die Zeugen wiederum versammelten sich jetzt nur noch in kleinen Gruppen, vervielfältigten ihr Bibelstudienmaterial auf eine Art und Weise, die von der Gestapo nicht ohne weiteres entdeckt werden konnte, und gingen zu weniger auffälligen Predigtmethoden über.
Schon davor, nämlich von 1925 an, hatten die Brüder in Italien unter einer faschistischen Diktatur gelebt, und 1929 war ein Konkordat zwischen der katholischen Kirche und dem faschistischen Staat unterzeichnet worden. Wahre Christen wurden erbarmungslos verfolgt. Sie trafen sich zum Teil in Scheunen und auf Heuböden, um Verhaftungen zu entgehen. Es gab damals nur sehr wenige Zeugen Jehovas in Italien; 1932 erhielten sie jedoch Verstärkung beim Verbreiten der Königreichsbotschaft, als 20 Zeugen Jehovas aus der Schweiz nach Italien gingen und in einer Blitzaktion 300 000 Exemplare der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt verbreiteten.
Auch im Fernen Osten nahm der Druck zu. In Japan wurden einzelne Zeugen Jehovas festgenommen. Beamte in Seoul (in der heutigen Republik Korea) und in Pjöngjang (in der heutigen Demokratischen Volksrepublik Korea) vernichteten große Mengen biblische Literatur.
Mitten in diesen sich zusammenbrauenden Schwierigkeiten erlangten Jehovas Zeugen 1935 ein klares Verständnis darüber, wer die „große Schar“ oder „große Volksmenge“ (Lu; NW) aus Offenbarung 7:9-17 ist. Durch dieses Verständnis wurde ihnen bewußt, daß ein unvorhergesehenes und dringendes Werk vor ihnen lag (Jes. 55:5). Jetzt vertraten sie nicht mehr die Ansicht, daß alle, die nicht zur „kleinen Herde“ von Erben des himmlischen Königreiches gehörten, irgendwann in der Zukunft die Gelegenheit hätten, ihr Leben nach den Anforderungen Jehovas auszurichten (Luk. 12:32). Sie erkannten, daß nun die Zeit da war, aus solchen Menschen Jünger zu machen, damit sie überleben und in Gottes neue Welt gelangen könnten. Wie lange die Einsammlung dieser großen Volksmenge aus allen Nationen andauern würde, wußten sie nicht, obwohl sie meinten, das Ende des bösen Systems müsse sehr nahe sein. Sie waren sich nicht sicher, wie das Werk unter der Verfolgung, die sich ausweitete und immer heftiger wurde, im einzelnen durchzuführen wäre. Doch eines stand für sie fest: Jehova würde ihnen den Weg ebnen, damit sie seinen Willen tun könnten, denn „die Hand Jehovas ist nicht zu kurz“ (Jes. 59:1).
Im Jahre 1935 gab es relativ wenige Zeugen Jehovas — nur 56 153 weltweit.
Sie predigten damals in 115 Ländern; allerdings gab es in fast der Hälfte dieser Länder weniger als zehn Zeugen. Nur in zwei Ländern waren 10 000 oder mehr Zeugen Jehovas tätig (in den Vereinigten Staaten 23 808 und in Deutschland schätzungsweise 10 000 von den 19 268, die zwei Jahre vorher in der Lage gewesen waren, über ihre Tätigkeit zu berichten). In sieben anderen Ländern (Australien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei) verzeichneten sie jeweils mehr als 1 000, aber weniger als 6 000 Zeugen. Nach Unterlagen aus 21 weiteren Ländern gab es dort jeweils zwischen 100 und 1 000 Zeugen. Doch in jenem Jahr setzte diese Schar eifriger Zeugen weltweit 8 161 424 Stunden ein, um Gottes Königreich als einzige Hoffnung für die Menschheit zu verkündigen.
Außer den Ländern, in denen 1935 gepredigt wurde, hatten vorher schon weitere die gute Botschaft vom Königreich gehört, so daß sie bis dahin in 149 Ländern und Inselgebieten gepredigt worden war.
[Herausgestellter Text auf Seite 424]
Auch in Haft hatten sie die Gelegenheit zu predigen
[Herausgestellter Text auf Seite 425]
Sie verspürten den brennenden Wunsch, mit dem Werk fortzufahren
[Herausgestellter Text auf Seite 441]
Wind, Regen und die Feindseligkeit der Geistlichen konnten ihnen nichts anhaben
[Herausgestellter Text auf Seite 442]
Bevor die „Ernsten Bibelforscher“ in Deutschland verboten wurden, war hier ein Zeugnis von enormem Ausmaß gegeben worden
[Karte/Bilder auf Seite 423]
Während die Welt Krieg führte, waren R. R. Hollister und Fanny Mackenzie damit beschäftigt, den Menschen in China, Japan und Korea eine Friedensbotschaft zu überbringen
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
KOREA
JAPAN
CHINA
PAZIFISCHER OZEAN
[Karte auf Seite 428]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Als Emigranten aus den Ländern, die auf dieser Karte aufgeführt sind, von Gottes wunderbarem Vorsatz erfuhren, die Menschheit zu segnen, fühlten sie sich gedrängt, diese Botschaft mit zurück in ihre Heimat zu nehmen
AMERIKA
↓ ↓
ÖSTERREICH
BULGARIEN
ZYPERN
TSCHECHOSLOWAKEI
DÄNEMARK
FINNLAND
DEUTSCHLAND
GRIECHENLAND
UNGARN
ITALIEN
NIEDERLANDE
NORWEGEN
POLEN
PORTUGAL
RUMÄNIEN
SPANIEN
SCHWEDEN
SCHWEIZ
TÜRKEI
JUGOSLAWIEN
[Karte auf Seite 432]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
In den 20er und 30er Jahren zogen Evangeliumsverkündiger von Deutschland in viele Länder, um Zeugnis abzulegen
Deutschland
↓ ↓
SÜDAMERIKA
NORDAFRIKA
ASIEN
[Karte/Bilder auf Seite 435]
Eifrige Pioniere wie Frank Smith und sein Bruder Gray (oben abgebildet) verbreiteten die gute Botschaft entlang der Ostküste Afrikas
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
UGANDA
KENIA
TANSANIA
SÜDAFRIKA
[Karte/Bild auf Seite 439]
1928 wurde diese Broschüre Menschen in ganz Südwestafrika (heute Namibia) mit der Post geschickt
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
NAMIBIA
[Karte/Bilder auf Seite 440]
Mit dem Zweimaster „Lightbearer“ verbreiteten eifrige Pioniere die Königreichsbotschaft in Südostasien
[Karte]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
MALAYA
BORNEO
CELEBES
SUMATRA
JAVA
TIMOR
NEUGUINEA
AUSTRALIEN
PAZIFISCHER OZEAN
[Bilder auf Seite 426]
In vielen Ländern lockte der Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ eine Menge von Zuhörern an
[Bilder auf Seite 427]
In Südafrika verbreitete Edwin Scott persönlich 50 000 Exemplare der Resolution „Ein Aufruf an die Führer der Welt!“
[Bild auf Seite 429]
Willy Unglaube folgte dem Ruf nach Evangeliumsverkündigern und diente in Europa, Afrika und Asien
[Bilder auf Seite 430]
1992 waren sowohl Eric Cooke als auch sein Bruder John (sitzend) über 60 Jahre im Vollzeitdienst; sie hatten spannende Erlebnisse in Europa und Afrika hinter sich
[Bild auf Seite 431]
Als Edwin Skinner 1926 nach Indien ging, hatte er einen Auftrag, der sich auf fünf Länder erstreckte; 64 Jahre lang predigte er dort treu
[Bild auf Seite 433]
Alfred und Frieda Tuc̆ek, ausgerüstet mit lebensnotwendigen Gütern und Literatur zum Zeugnisgeben, dienten in Jugoslawien als Pioniere
[Bilder auf Seite 434]
In ganz Westafrika beteiligte sich „Bibel-Brown“ tatkräftig daran, die falsche Anbetung bloßzustellen
[Bild auf Seite 436]
George Young beteiligte sich an der ausgedehnten Verkündigung des Königreiches Gottes in Südamerika, Spanien und Portugal
[Bild auf Seite 437]
Juan Muñiz (links), der von 1924 an in Südamerika gepredigt hatte, hieß N. H. Knorr willkommen, als dieser über 20 Jahre später zum erstenmal Argentinien besuchte
[Bild auf Seite 438]
Nicolás Argyrós verbreitete die biblische Befreiungsbotschaft in 14 argentinischen Provinzen
[Bilder auf Seite 439]
F. J. Franske reiste auf Land- und Seewegen, um die biblische Wahrheit in abgelegene Siedlungen zu bringen
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