Ein begeisternder Bericht aus der Sowjetunion
Freudiger Höhepunkt der einhundertjährigen Zeugnistätigkeit
„REGISTRIERUNG der Satzung der Administrativen Zentrale der Religionsgemeinschaft der ‚Zeugen Jehovas in der UdSSR‘.“
So lautet die Übersetzung der ersten Worte des russischen Dokuments, das auf dieser Seite abgedruckt ist. Jene Worte sind wahrhaftig die Erhörung vieler Gebete. Das Dokument wurde in Moskau von einem hochrangigen Vertreter des Justizministeriums der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) unterzeichnet und gesiegelt. Damit sind Jehovas Zeugen in der ganzen UdSSR als Religionsgemeinschaft anerkannt. Es war ein Wendepunkt in ihrer einhundertjährigen Geschichte in dem riesigen Land.
Ein sehr kleiner Anfang
Eine einhundertjährige Geschichte? Jawohl! In der Neuzeit war unseres Wissens der erste Prediger der guten Botschaft in diesem Land Charles Taze Russell, der 1891 von einer Reise dorthin berichtete. Wie er in der Septemberausgabe der Zeitschrift Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence jenes Jahres erwähnte, kam er im Verlauf einer Europareise nach Kischinjow (Rußland). Dort traf er sich mit einem gewissen Joseph Rabinowitch, der an Christus glaubte und sich bemühte, jüdischen Familien in der Gegend zu predigen. Russell berichtete ausführlich über seinen Besuch bei Rabinowitch und über ihre tiefgehenden, interessanten Gespräche, die sich um das Königreich drehten.
Die gute Botschaft wird erneut gehört
Über die Zeugnistätigkeit im Gebiet der heutigen UdSSR nach Russells Besuch ist kaum etwas bekannt, aber das bedeutet keineswegs, daß nichts erreicht wurde. 1927 sandten drei Versammlungen aus der Sowjetunion Berichte über ihre Gedächtnismahlfeier an die Gesellschaft. Bis zum Zweiten Weltkrieg scheint es jedoch keine großen Fortschritte gegeben zu haben. Der Krieg führte dann zu der dramatischen Umsiedlung vieler Völker in Europa. Eine unerwartete Folge dieser Verschiebungen war, daß nicht wenige Königreichsverkündiger in die Sowjetunion gelangten.
So schrieb Der Wachtturm vom 15. April 1946, daß „mehr als tausend Verkündiger, die früher im Osten Polens auf Ukrainisch predigten, nun in das Innere Rußlands versetzt worden seien. ... Dann sind ferner Hunderte von Geschwistern, die in Bessarabien wohnten, das früher zu Rumänien gehörte, jetzt Einwohner Rußlands geworden, und sie setzen ihre Arbeit des Lehrens aller Nationen fort.“
Während des Zweiten Weltkriegs litten außerdem viele Sowjetbürger in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Für einige führte diese harte Erfahrung zu unerwarteten Segnungen. In einem Bericht ist von einigen jungen russischen Frauen die Rede, die im Konzentrationslager Ravensbrück waren. Sie kamen dort mit Zeugen Jehovas in Berührung, nahmen die Wahrheit an und machten so weit Fortschritte, daß sie sich taufen lassen konnten. Ähnliches geschah in anderen Lagern. Als die neugetauften Zeugen nach dem Krieg befreit wurden, nahmen sie die gute Botschaft vom Königreich mit in die Sowjetunion. Auf diese Weise führte der Zweite Weltkrieg zu einer schnellen Zunahme der Zahl der Königreichsverkündiger in sowjetischem Gebiet. 1946 waren dort schätzungsweise 1 600 Verkündiger tätig.
Predigen im Gefängnis
Gefängnisse spielten auch weiterhin eine Hauptrolle bei der Verbreitung der guten Botschaft in der Sowjetunion. Nach dem Krieg hielten die Behörden die Zeugen fälschlicherweise für eine Bedrohung, und viele wurden eingesperrt. Dadurch konnte man aber ihrem Predigen nicht Einhalt gebieten. Wie hätte man auch? Schließlich waren sie aufrichtig davon überzeugt, daß die Botschaft von Gottes Königreich die beste Botschaft für die Menschheit ist. So wurde das Gefängnis für viele zum Predigtdienstgebiet, und zahlreiche Gefangene, mit denen sie sprachen, reagierten günstig. In einem Bericht aus dem Jahr 1957 heißt es: „Man kann darauf schließen, daß von allen, die heute in Rußland in der Wahrheit sind, vierzig Prozent sie im Gefängnis und in Lagern angenommen haben.“
Waren die Zeugen entmutigt, weil sie ständig damit rechnen mußten, eingesperrt zu werden? Keineswegs. Ein Bericht aus dem Jahr 1964 lautet: „In diesen Lagern sind Zeugen Jehovas, die schon zum zweiten oder dritten Mal dort sind, weil sie nach ihrer Entlassung nicht aufhörten, die Botschaft zu predigen.“ Andere, so heißt es weiter, waren Kriminelle, die zu Gefängnis- oder Lagerhaft verurteilt worden waren und dort mit den Zeugen in Berührung kamen. Sie nahmen die Wahrheit an und konnten sich noch vor ihrer Freilassung taufen lassen.
Der Druck läßt nach
Mitte der 60er Jahre begann sich die Haltung der Behörden gegenüber den Zeugen etwas zu lockern. Wahrscheinlich erkannten sie, daß Jehovas Volk in keiner Weise eine Bedrohung für das Gesetz und die öffentliche Ordnung darstellte. Die Tätigkeit dieser demütigen Christen war zwar weiterhin ungesetzlich, aber sie wurden seltener verhaftet, und man durchsuchte nicht mehr so häufig ihre Wohnungen. Sie waren dankbar für die Lockerung, denn vor allem war es ihr Wunsch, weiterhin ein christliches Leben zu führen und auf ruhige, freundliche und friedliche Weise tätig zu sein, soweit es von ihnen abhing (Römer 12:17-19; 1. Timotheus 2:1, 2).
Im Jahre 1966 wurden alle, die lange Zeit in Sibirien in der Verbannung gelebt hatten, freigelassen, und man gestattete ihnen, innerhalb des Landes an einen Ort ihrer Wahl zu ziehen. Viele kehrten nach langen Jahren der Abwesenheit nach Hause zurück; einige beschlossen jedoch, in dem fruchtbaren Gebiet zu bleiben. Und nicht alle, die nach Hause zurückkehrten, blieben auch dort. Eine junge Schwester, die als Kind mit ihren Angehörigen nach Sibirien deportiert worden war, begleitete ihre Eltern zurück nach Westrußland, wo sie aber nur kurze Zeit blieb. Da sie die demütigen, gastfreundlichen Bewohner Sibiriens so sehr liebte, verließ sie ihre Angehörigen und ging wieder zurück in den Osten, um weiterhin diesen empfänglichen Menschen zu predigen.
Eine typische Erfahrung aus jener Zeit handelt von einem Bruder, der von einer Stadt in eine andere zog. Nach einiger Zeit fand er zwei weitere Zeugen. Die drei beteten um Hilfe und kamen bald darauf mit einer jungen Frau in Verbindung, die griechisch-orthodox erzogen worden war. Sie nahm die Wahrheit schnell an und führte die Brüder zu zwei weiteren Interessierten — zu ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester. Der Bericht endet: „Heute sind dort vierzig Personen mit diesen Brüdern verbunden, von denen dreißig die Wahrheit in den vergangenen sechs Monaten kennenlernten.“
Allerdings wurden Jehovas Zeugen bei der Durchführung ihrer Tätigkeit dadurch behindert, daß die gesetzliche Anerkennung fehlte. Zusammenkünfte wurden heimlich abgehalten. Das Predigen wurde vorsichtig durchgeführt. Man mußte weiterhin mit Gefängnishaft rechnen, und öffentlich von Haus zu Haus Zeugnis zu geben war unmöglich. Trotzdem fuhren diese standhaften sowjetischen Christen fort, ihrem Gott treu zu dienen und gute Bürger ihres Landes zu sein (Lukas 20:25). Ihre Einstellung kam in dem Brief eines Bruders zum Ausdruck: „Es ist ein großes Vorrecht, in allen Prüfungen auszuharren und Jehova Gott treu zu bleiben, ihn im Leben stets zu preisen, um von ihm durch Jesus Christus ewiges Leben zu erhalten.“ Welch vortreffliche Beispiele des Ausharrens und der Treue diese sowjetischen Zeugen doch gewesen sind!
Endlich die gesetzliche Anerkennung!
Im Jahre 1988 kam es in Ländern, die mit der Sowjetunion verbunden waren, zum Umbruch. Nun überwog ein Klima größerer Freiheit, und Länder, die bis dahin die Tätigkeit der Zeugen Jehovas unterdrückt hatten, änderten ihre Politik. Polen, Ungarn, Rumänien und andere Staaten gewährten diesen aufrichtigen Christen die gesetzliche Anerkennung, gestatteten ihnen, öffentlich tätig zu sein, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Welch eine Freude herrschte doch in den letzten drei Jahren in Osteuropa! Wie ausgiebig die Brüder dort ihre neugewonnene Freiheit genutzt haben, um die friedliche Botschaft vom Königreich zu verbreiten! Und wie sehr sich Jehovas Zeugen in den anderen Teilen der Welt mit ihnen gefreut haben!
Die sowjetischen Zeugen haben aus ihrer größeren Freiheit bereits Nutzen gezogen. Tausende — einige sogar von der fernen asiatischen Pazifikküste — besuchten 1989 die epochemachenden Kongresse in Polen, und 1990 waren dann 17 454 Zeugen aus der Sowjetunion in Warschau anwesend. Was für Erinnerungen sie mit nach Hause nahmen! Die meisten von ihnen waren zuvor nie mit mehr als einer Handvoll Glaubensbrüdern zusammengekommen, doch nun versammelten sie sich zu Zehntausenden!
Sie gingen in eine zunehmend tolerantere Sowjetunion zurück. Zeugen auf der ganzen Erde fragten sich: Wann werden Jehovas Zeugen in der Sowjetunion gesetzlich anerkannt? Nun, das geschah 1991 — genau einhundert Jahre nach dem Besuch von Charles Taze Russell in jenem Land! Am 27. März 1991 wurde die „Administrative Zentrale der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in der UdSSR“ in einem Dokument registriert, das der Justizminister der RSFSR in Moskau unterzeichnete. Wie weit geht die Freiheit, die man den Zeugen gewährt?
Die Satzung der neu registrierten Körperschaft enthält folgende Erklärung: „Das Ziel der Religionsgemeinschaft besteht darin, das religiöse Werk durchzuführen, den Namen Gottes, Jehova, und seine liebevollen Vorkehrungen für die Menschheit durch sein himmlisches messianisches Königreich bekanntzumachen.“
Wie soll dies geschehen? Aufgezählt werden unter anderem folgende Methoden: indem man öffentlich predigt und die Menschen in ihren Wohnungen aufsucht, diejenigen, die hören möchten, die biblische Wahrheit lehrt, mit ihnen anhand biblischer Publikationen kostenlose Bibelstudien durchführt sowie für das Übersetzen, Einführen, Veröffentlichen, Drucken und Verbreiten von Bibeln sorgt.
Das Dokument umreißt auch die Organisation der Zeugen unter der leitenden Körperschaft, wozu Versammlungen mit einer Ältestenschaft, ein vorsitzführendes Komitee (Zweigkomitee) aus sieben Mitgliedern für das Land sowie Kreis- und Bezirksaufseher gehören.
Jehovas Zeugen in der Sowjetunion können nun so frei und öffentlich tätig sein wie ihre Brüder in vielen anderen Ländern. Man stelle sich die Freude von fünf der sieben Mitglieder des vorsitzführenden Komitees und der fünf langjährigen Versammlungsältesten vor, die das Vorrecht hatten, dieses historische Dokument zu unterzeichnen und zu beobachten, wie es vom Chef der Abteilung für die Registrierung öffentlicher und religiöser Vereinigungen gesiegelt wurde! Passenderweise waren auch Milton Henschel und Theodore Jaracz von der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas anwesend, um dieses bedeutsame Ereignis mitzuerleben. Jehovas Zeugen erhielten von allen Gruppen, die in der RSFSR anerkannt wurden, als erste ihre offizielle Registrierungsurkunde. Welch eine Belohnung für die treuen russischen Brüder nach so vielen Jahren geduldigen Ausharrens!
Jehovas Zeugen auf der ganzen Erde sind den Sowjetbehörden dankbar, die die gesetzliche Anerkennung gewährt haben. Aus ganzem Herzen danken sie aber vor allem Jehova für die neue Freiheit ihrer sowjetischen Brüder. Sie freuen sich mit ihren Glaubensbrüdern in der UdSSR und in den anderen osteuropäischen Ländern, die Jehova Gott nun viel freier dienen können. Möge Jehova sie reichlich segnen, während sie ihre Freiheit in vollem Maße gebrauchen, um seinen heiligen Namen zu preisen.
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Der Kreml in Moskau
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Russische Delegierte 1990 auf einem Kongreß außerhalb der Sowjetunion