Jehovas Zeugen ‘örtlichen Gerichten ausgeliefert’
VON seinen ersten Anfängen an stieß das Christentum auf Gegnerschaft. Als Jesus seine Jünger schulte, sagte er ihnen unter anderem: „Hütet euch vor den Menschen; denn sie werden euch an örtliche Gerichte ausliefern, und sie werden euch in ihren Synagogen geißeln. Ja, ihr werdet vor Statthalter und Könige geschleppt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zu einem Zeugnis“ (Matthäus 10:17, 18). Heutzutage zeigt sich der Widerstand in den meisten Ländern nicht in einer so direkten Form wie bei der mörderischen Verfolgungswelle, die kurz nach der Hinrichtung Jesu einsetzte. In der komplizierten Welt, in der wir leben, konzentrieren sich die Gegner mit ihren Streitfragen nicht nur auf das Predigen der guten Botschaft vom Königreich.
Sorgerechtsfälle
Ein Gericht, vor das Zeugen Jehovas in zunehmendem Maße kommen, ist das Familiengericht. In Belgien, Frankreich, Kanada, Norwegen, Österreich, in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern versuchen kleine Gruppen von Gegnern in Sorgerechtsfällen, bei denen sich ungläubige Ehepartner von treuen Zeugen Jehovas haben scheiden lassen, die Religion zu einem Schlüsselfaktor zu machen. In einigen Fällen haben Beteiligte allein aufgrund der Tatsache, daß sie Zeugen Jehovas sind, das Sorgerecht für ihre Kinder verloren.
Eine Zeugin Jehovas verlor das Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn, und es wurde ihr untersagt, während der Besuchszeiten religiöse Dinge auch nur zu erwähnen. Die Rechtsabteilung der Watchtower Society legte gegen das Urteil Berufung ein und verlor in der zweiten Instanz. Dann ging man am obersten Gericht des Staates Ohio in Revision. Glücklicherweise entschied das Gericht am 15. April 1992 zugunsten der Freiheit der Zeugen. Die elfseitige Urteilsbegründung war ein schwerer Schlag gegen den sogenannten sachverständigen Zeugen — in Wirklichkeit ein Ausgeschlossener, der behauptete, ein Psychologe zu sein. Er habe, so das Gericht, „auf der Grundlage einer Dissertation, die er verfaßt hat, bezeugt, daß unter Jehovas Zeugen Geisteskrankheiten häufiger auftreten als in der Gesamtbevölkerung. Diese Aussage ist ein eindeutiger Versuch, eine ganze Religionsgemeinschaft in ein Klischee zu pressen. ... Dieser einzelne statistische Wert ist ohne Bedeutung.“
Das Gericht ordnete eine neue Verhandlung an und führte aus: „Das Sorgerecht darf einem Elternteil nicht einfach deswegen entzogen werden, weil er sein Kind nicht dazu anhalten wird, die Fahne zu grüßen, Feiertage zu begehen oder an außerlehrplanmäßigen Aktivitäten teilzunehmen. Wir heben das in erster Instanz gefällte Urteil bezüglich des Sorge- und Besuchsrechts auf, weil diese Entscheidung fälschlicherweise auf die religiösen Ansichten [eines Elternteils] gegründet wurde.“ Als Folge davon konnte die Mutter zusammen mit ihrem Sohn am 17. April im Königreichssaal der Feier zum Gedenken an den Tod Christi beiwohnen.
Die Rechtsabteilung des kanadischen Zweigbüros der Watch Tower Society hat zur gleichen Frage zwei Fälle am Obersten Gerichtshof Kanadas anhängig. Der österreichische Zweig war an einem beeindruckenden Erfolg in einem Fall vor der Europäischen Menschenrechtskommission beteiligt. Daneben wurde in letzter Zeit aus Belgien, Frankreich und Norwegen von anderen Sorgerechtsfällen berichtet, bei denen die Religion im Mittelpunkt der Angriffe stand und Zeugen Jehovas in erster Instanz einen Sieg erringen konnten. Wie von Jesus vorhergesagt, ist es jedesmal zu einem Zeugnis ausgeschlagen, und zwar nicht nur für die Gerichte und die Anwälte, sondern durch die Publicity, für die die Medien sorgten, auch für die Nationen.
Blutfrage
Eine andere Streitfrage, mit der Zeugen Jehovas konfrontiert werden, ist die Blutfrage. Trotz jüngster Siege für die Religionsfreiheit und die persönliche Selbstbestimmung der Zeugen Jehovas vor den obersten Gerichten der Staaten Florida, Illinois, Massachusetts und New York und trotz der unermüdlichen Bemühungen von Hospital Information Services und vielen Krankenhausverbindungskomitees überall in den Vereinigten Staaten kommt diese unangenehme Streitfrage wieder und wieder auf den Tisch. Wie auch immer, Personen, die in der Gesundheitspflege arbeiten, bekommen dadurch ein Zeugnis, und einige Krankenhäuser versuchen schnell und eindeutig festzustellen, ob Patienten Zeugen Jehovas sind.
Ein Gericht, das in San Diego (Kalifornien) tagte, respektierte den Standpunkt einer japanischen Zeugin in der Blutfrage. Sie litt an einem intrakraniellen Aneurysma und war ohne Bewußtsein. Ihr ordnungsgemäß unterzeichnetes Dokument zur ärztlichen Versorgung und die Aussage einer Kinderärztin, die von der Zeugin im Haus-zu-Haus-Predigtdienst angetroffen worden war und die sie intensiv zum Thema Blut befragt hatte, reichten aus, um den Richter davon zu überzeugen, daß die bewußtlose Zeugin unter keinen Umständen mit einer Bluttransfusion einverstanden sein würde.
Ein Fall auf Long Island, bei dem man eine Zeugin ans Bett fixierte und dann transfundierte, während ihr Mann in Handschellen abgeführt wurde, wurde von der Rechtsabteilung der Watchtower Society vor das New Yorker Landgericht gebracht. Eine Entscheidung zugunsten der Persönlichkeitsrechte der Zeugen Jehovas wurde gefällt, und der Fall läuft jetzt durch das Vorverfahren eines Zivilprozesses. Das Verfahren eines 16jährigen und seiner Mutter am Bundesgericht in Atlanta nähert sich der Verhandlung. Der Jugendliche war ans Bett fixiert und acht Stunden lang transfundiert worden. Die Anhörung zur Erlangung der gerichtlichen Einwilligung fand im Krankenhaus statt, ohne daß der Jugendliche oder seine Mutter davon unterrichtet worden wäre. Eine ganze Reihe anderer Fälle sind bei Berufungsgerichten anhängig, und täglich kommen neue hinzu. Siege werden errungen, doch der Kampf für die Menschenrechte ist noch nicht zu Ende. Jehovas Zeugen vertrauen darauf, daß Jehova Gott zu seiner eigenen bestimmten Zeit sein Gesetz in dieser Frage rechtfertigen wird.
Seit 1943 sind nur wenige Zeugen Jehovas in den Vereinigten Staaten wegen des Predigens vor örtliche Gerichte zitiert worden. Doch jede Woche erhält die Watchtower Society Dutzende Anrufe und Briefe von Ältestenschaften, die um Beistand bitten, wenn Zeugen Jehovas in ihrem öffentlichen Predigtwerk auf Probleme stoßen. Ein Fall im Staat Washington nahm eine überraschende Wendung. Ein wütender Wohnungsinhaber schloß eine Gruppe von Zeugen, die zusammen in einem Auto gekommen waren, auf seinem umzäunten Grundstück ein und rief die Polizei. Die Zeugen blieben wegen seines Geschreis und seiner Gewaltandrohungen wohlweislich im Auto sitzen. Als dann das Einsatzfahrzeug kam, wurden die Zeugen jedoch nicht etwa wegen einer Gesetzesübertretung festgenommen, sondern die Polizisten bedankten sich bei ihnen. Die Polizei hielt den Wohnungsinhaber nämlich für einen Flüchtigen, hatte das Grundstück aber nicht betreten können, um das nachzuprüfen. Jetzt, wo er die Polizisten selbst auf sein Grundstück gebeten hatte, stellten sie seine Identität fest und brachten daraufhin ihn und die Frau, mit der er zusammenlebte, ins Gefängnis, während die Zeugen mit ihrem Predigt- und Lehrwerk fortfuhren.
Weitere Rechtskämpfe zur Verteidigung der Königreichsinteressen sind zu erwarten. Die Watchtower Society schätzt das Interesse und die Anteilnahme vieler Zeugen auf der ganzen Welt sowie deren Gebete zu Jehova um Führung und Leitung in der Handhabung der komplexen rechtlichen Fragen, die heutzutage bei der Durchführung des Werkes Gottes auftreten. Jehova sagte der Nation Israel, sie würde das Land der Verheißung nicht auf einmal einnehmen, sondern „nach und nach“ (5. Mose 7:22). Mit dem Fortschritt, den Jehovas Volk der Neuzeit bei der Verteidigung seiner Rechte verzeichnen kann, verhält es sich ähnlich; Schritt für Schritt geht es voran. Doch ob die Prozesse nun gewonnen oder verloren werden, sicher ist, daß, wann immer Jehovas Volk vor Herrscher, Könige, Gerichte oder sonst jemanden gezerrt wird, es zu einem Zeugnis für diese Personen und die Nationen ausschlägt.
In naher Zukunft wird Jehova sich selbst vollständig rechtfertigen, und zwar nicht nur in Fragen, bei denen es um Blut und das Sorgerecht geht, sondern auch in dem Rechtsfall, der seine Souveränität betrifft. Dann wird sein Volk Frieden vor allen Gegnern haben und voller Freude unter der Königreichsherrschaft leben — denn Jehova liebt das Recht (Psalm 37:28).
[Herausgestellter Text auf Seite 12]
Der Jugendliche war ans Bett fixiert und acht Stunden lang transfundiert worden