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Prediger des Königreiches gehen vor GerichtGottes Königreich regiert!
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KAPITEL 13
Prediger des Königreiches gehen vor Gericht
1, 2. (a) Womit wurde die Christenversammlung konfrontiert, aber wie reagierten die Apostel darauf? (b) Warum hielten sich die Apostel nicht an das Predigtverbot?
PFINGSTEN 33 ist kaum vorüber. Die Christenversammlung in Jerusalem ist erst wenige Wochen alt. Wie nicht anders zu erwarten, sieht Satan die Zeit für einen Angriff gekommen. Bevor die Versammlung groß und stark wird, möchte er sie auslöschen. Durch geschickte Manipulation erwirkt er umgehend ein Verbot der Predigttätigkeit. Doch die Apostel predigen furchtlos weiter und viele Männer und Frauen glauben daraufhin an den Herrn (Apg. 4:18, 33; 5:14).
Jesu Apostel freuten sich, „weil sie für würdig erachtet worden waren, um seines Namens willen in Unehre zu kommen“
2 Verärgert holen die Gegner zum nächsten Schlag aus — diesmal sperren sie alle Apostel ins Gefängnis. In der Nacht öffnet der Engel Jehovas jedoch die Gefängnistüren und bei Tagesanbruch sind die Apostel schon wieder mit der guten Botschaft unterwegs. Sie werden unter der Anklage festgenommen, gegen das Predigtverbot verstoßen zu haben. Mutig erklären sie: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen.“ Die Mitglieder des Hohen Rats schäumen vor Wut und wollen die Apostel umbringen. Doch im entscheidenden Augenblick meldet sich der geachtete Gesetzeslehrer Gamaliel zu Wort und warnt: „Nehmt euch in Acht . . . Steht ab von diesen Menschen, und lasst sie gehen.“ Überraschenderweise stößt sein Rat auf offene Ohren und die Apostel kommen frei. Wie geht es weiter? Die treuen Männer lassen sich nicht davon abhalten, „ununterbrochen . . . zu lehren und die gute Botschaft über den Christus, Jesus, zu verkündigen“ (Apg. 5:17-21, 27-42; Spr. 21:1, 30).
3, 4. (a) Wie hat Satan Gottes Volk immer wieder angegriffen? (b) Worum geht es hier und in den nächsten beiden Kapiteln?
3 Dieser Prozess im Jahr 33 war der erste Fall, bei dem die Christenversammlung von offizieller Seite bekämpft wurde, aber bei Weitem nicht der letzte (Apg. 4:5-8; 16:20; 17:6, 7). Auch heute stachelt Satan immer wieder Gegner an, auf ein Verbot unserer Tätigkeit hinzuwirken. Uns wurden schon alle möglichen Gesetzesübertretungen unterstellt. Einmal stören wir angeblich die öffentliche Ordnung und sind deshalb Unruhestifter. Ein andermal gelten wir als Aufwiegler, dann wieder als Verkäufer oder Hausierer. Wenn es angebracht erschien, gingen wir vor Gericht, um diese Vorwürfe zu entkräften. Was war das Ergebnis? Wie wirken sich Urteile, die vor Jahrzehnten gefällt wurden, auf dich persönlich aus? Sehen wir uns einige Beispiele an, wie Prozesse zur „Verteidigung und gesetzlichen Befestigung der guten Botschaft“ beigetragen haben (Phil. 1:7).
4 In diesem Kapitel geht es darum, wie wir unsere Predigtfreiheit verteidigen konnten. Die nächsten zwei Kapitel beschäftigen sich mit einigen Gerichtsverfahren, zu denen es kam, weil wir uns von der Welt getrennt halten und nach den Gesetzen von Gottes Königreich leben wollen.
Unruhestifter oder loyale Unterstützer des Königreiches?
5. Warum kam es Ende der 30er-Jahre in den USA zu Verhaftungen, und wozu entschieden sich die verantwortlichen Brüder?
5 Ende der 30er-Jahre verlangte man in vielen Städten und Bundesstaaten der USA von Jehovas Zeugen eine behördliche Genehmigung für ihre Predigttätigkeit. Unsere Brüder ließen sich aber nicht darauf ein. Zum einen kann eine Genehmigung jederzeit zurückgezogen werden, und zum anderen durfte ihrer Meinung nach kein Staat gegen Jesu Gebot vorgehen, das Königreich bekannt zu machen (Mar. 13:10). Es kam zu Hunderten von Verhaftungen. Daraufhin beschlossen die verantwortlichen Brüder, vor Gericht zu gehen. Sie wollten darlegen, dass der Staat das Recht der Zeugen Jehovas auf ungestörte Religionsausübung widerrechtlich eingeschränkt hatte. Ein Vorfall im Jahr 1938 sollte schließlich zu einem Grundsatzurteil führen.
6, 7. Was erlebte die Familie Cantwell?
6 Am 26. April 1938, einem Dienstag, machten sich fünf Sonderpioniere morgens auf den Weg nach New Haven (Connecticut). Es handelte sich um den 60-jährigen Newton Cantwell, seine Frau Esther und ihre Söhne Henry, Russell und Jesse. Die Cantwells wollten dort den ganzen Tag im Predigtdienst verbringen. Allerdings waren sie darauf eingestellt, länger als einen Tag weg zu sein. Sie rechneten damit, festgenommen zu werden, wie sie es schon mehrmals erlebt hatten. Doch diese Aussicht dämpfte ihren Predigteifer nicht im Geringsten. Sie trafen mit zwei Autos in New Haven ein. Newton fuhr den mit biblischer Literatur und tragbaren Grammofonen beladenen Familienwagen und der 22-jährige Henry einen Lautsprecherwagen. Tatsächlich wurden sie innerhalb weniger Stunden von der Polizei angehalten.
7 Zuerst verhaftete man den 18-jährigen Russell, dann Newton und Esther. Jesse beobachtete aus der Ferne, wie seine Eltern und sein Bruder abgeführt wurden. Henry war in einem anderen Stadtteil unterwegs, deshalb blieb der 16-jährige Jesse ganz allein zurück. Doch er nahm sich sein Grammofon und predigte weiter. Zwei katholische Männer ließen sich Bruder Rutherfords Vortrag „Feinde“ vorspielen. Beim Zuhören wurden sie allerdings so ärgerlich, dass sie auf Jesse losgehen wollten. Der blieb jedoch ruhig und ging einfach weiter, bis ihn kurz darauf ein Polizist aufgriff. So landete auch Jesse hinter Gittern. Gegen Schwester Cantwell wurde keine Anzeige erstattet, wohl aber gegen ihren Mann und die Söhne, die allerdings noch am selben Tag gegen Kaution freikamen.
8. Warum wurde Jesse Cantwell als Unruhestifter verurteilt?
8 Einige Monate später, im September 1938, wurden Newton, Russell und Jesse in New Haven vor Gericht gestellt. Sie wurden schuldig gesprochen, weil sie angeblich ohne Genehmigung Spenden gesammelt hatten. Obwohl man sich an das Berufungsgericht von Connecticut wandte, wurde Jesse verurteilt, weil er die Ruhe und Ordnung gestört habe. Wie kam das? Die beiden Katholiken, die sich den Schallplattenvortrag angehört hatten, sagten aus, sie hätten den Vortrag als provozierend und als eine Beleidigung ihrer Kirche empfunden. Die verantwortlichen Brüder unserer Organisation wandten sich daraufhin an das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten.
9, 10. (a) Wie entschied das Oberste Bundesgericht im Fall Cantwell? (b) Welche Auswirkungen hat dieses Urteil bis heute?
9 Bei dem Prozess, der am 29. März 1940 begann, stand Bruder Hayden Covington als Anwalt vor dem Präsidenten des Obersten Bundesgerichts, Richter Charles E. Hughes, und acht Bundesrichtern.a Als der Staatsanwalt von Connecticut Jehovas Zeugen als Unruhestifter hinstellte, fragte ein Richter: „War denn nicht auch die Botschaft, die Christus Jesus predigte, seinerzeit unpopulär?“ Der Staatsanwalt erwiderte: „Das stimmt; und wenn ich mich recht erinnere, sagt die Bibel auch, wie es mit Jesus ausging, weil er diese Botschaft predigte.“ Diese Antwort ließ tief blicken! Der Staatsanwalt setzte unbewusst Jehovas Zeugen mit Jesus gleich und den Staat mit Jesu Anklägern. Am 20. Mai 1940 entschied das Gericht einstimmig zugunsten von Jehovas Zeugen.
Hayden Covington (vorn in der Mitte), Glen How (links) und andere nach einem gewonnenen Prozess vor dem Gerichtsgebäude
10 Was brachte dieses Urteil? Das Recht auf ungestörte Religionsausübung war nun besser geschützt. Die Religionsfreiheit durfte nicht mehr durch den Bund oder die einzelnen Staaten oder Gemeinden eingeschränkt werden. Außerdem sah das Gericht in Jesses Verhalten „keine . . . Bedrohung der öffentlichen Ruhe und Ordnung“. Nun hatte man es schwarz auf weiß: Jehovas Zeugen sind keine Unruhestifter. Was für ein Triumph für Gottes Diener — und das bis heute! Ein Anwalt, der Zeuge Jehovas ist, bemerkt dazu: „Heute können wir als Zeugen Jehovas unseren Mitmenschen eine Hoffnungsbotschaft bringen, weil wir das Recht haben, unsere Religion ungehindert auszuüben — ohne Angst vor unfairen Einschränkungen.“
Aufwiegler oder Enthüller?
Traktat mit der Aufschrift „Quebecs lodernder Hass gegen Gott, Christus und die Freiheit ist eine Schande für ganz Kanada“
11. Was unternahmen unsere Brüder in Kanada, und warum?
11 In den 40er-Jahren wurden Jehovas Zeugen in Kanada erbittert bekämpft. 1946 beschlossen unsere Brüder daher, die staatliche Missachtung der Religionsfreiheit publik zu machen. 16 Tage lang verbreitete man ein 4-seitiges Traktat mit der Aufschrift „Quebecs lodernder Hass gegen Gott, Christus und die Freiheit ist eine Schande für ganz Kanada“. Es beschrieb detailliert die von Geistlichen angestifteten Krawalle, die brutalen Übergriffe der Polizei und die Pöbelattacken. „Die unrechtmäßigen Verhaftungen von Zeugen Jehovas gehen weiter“, hieß es in dem Traktat. „Im Großraum Montreal liegen ungefähr 800 Anzeigen gegen Jehovas Zeugen vor.“
12. (a) Wie reagierten die Gegner auf die Flugschrift? (b) Was warf man unseren Brüdern vor? (Siehe auch Fußnote.)
12 Der Premierminister der Provinz Quebec, Maurice Duplessis, erklärte den Zeugen als Reaktion auf die Flugschrift einen „gnadenlosen Krieg“. Er arbeitete Hand in Hand mit Kardinal Villeneuve. Innerhalb kurzer Zeit verdoppelte sich die Zahl der Anzeigen von 800 auf 1 600. „Wir wurden so oft festgenommen, dass wir aufhörten zu zählen“, sagte eine Pionierin. Zeugen Jehovas, die man beim Verbreiten der Flugschrift aufgriff, wurden der „aufrührerischen Verleumdung“ bezichtigt.b
13. Wer waren die Ersten, die in Kanada wegen angeblicher Aufwiegelei angeklagt wurden, und wie entschied das Gericht?
13 Bruder Aimé Boucher und seine Töchter Gisèle (18) und Lucille (11) mussten 1947 als Erste wegen mutmaßlicher Aufwiegelei vor Gericht. Sie hatten die Flugschrift im Umkreis ihrer Farm im hügeligen Süden von Quebec City verteilt. Wie Gesetzesbrecher wirkten sie aber ganz und gar nicht. Bruder Boucher war ein einfacher, sanfter Mann, der friedlich seine kleine Farm bewirtschaftete und hin und wieder mal mit seinem Einspänner in die Stadt fuhr. Dennoch hatte seine Familie am eigenen Leib einige der Grausamkeiten zu spüren bekommen, die in der Flugschrift aufgeführt wurden. Der Richter der ersten Instanz, der einen Hass auf Jehovas Zeugen hatte, ließ kein Entlastungsmaterial zu. Vielmehr teilte er die Meinung der Anklage, das Traktat sei eine Hetzschrift und die Bouchers hätten sich strafbar gemacht. Der Richter vertrat also den Standpunkt: Es ist ein Verbrechen, die Wahrheit zu sagen! Aimé und Gisèle wurden wegen „aufrührerischer Verleumdung“ verurteilt und sogar die kleine Lucille saß zwei Tage hinter Gittern. Die Brüder wandten sich an den Obersten Gerichtshof von Kanada, der ihrem Antrag stattgab.
14. Wie reagierten die Brüder in Quebec auf die Verfolgung?
14 Unterdessen predigten unsere Brüder und Schwestern mutig weiter, und das obwohl die Gewaltakte nicht nachließen. Oft erzielten sie beeindruckende Ergebnisse. In den vier Jahren nach der Flugschriftaktion von 1946 stieg die Zahl der Zeugen Jehovas in Quebec von 300 auf 1 000.c
15, 16. (a) Wie entschied der Oberste Gerichtshof von Kanada im Fall Boucher? (b) Wie wirkte sich dieser Prozess auf unsere Brüder und die Allgemeinheit aus?
15 Im Juni 1950 befassten sich alle neun Richter des Obersten Gerichtshofs von Kanada mit dem Fall Aimé Boucher. Sechs Monate später, am 18. Dezember 1950, wurde zu unseren Gunsten entschieden. Wie kam es dazu? Nach Aussage von Bruder Glen How, einem Anwalt der Zeugen Jehovas, schloss sich das Gericht dem Argument der Verteidigung an: „Aufruhr“ beinhaltet Aufstachelung zu Gewalt oder umstürzlerisches Verhalten, die Flugschrift habe jedoch zu nichts dergleichen aufgestachelt. Es handle sich somit um „eine legale Form der freien Meinungsäußerung“. Bruder How fügte hinzu: „Ich sah mit eigenen Augen, wie Jehova die Sache zum Erfolg führte.“d
16 Das Urteil des Obersten Gerichtshofs war ein überwältigender Triumph für Gottes Königreich. Es entzog den 122 anhängigen Verfahren, in denen Quebecer Zeugen Jehovas der aufrührerischen Verleumdung angeklagt waren, die Grundlage. Auch gewährte es den Bürgern Kanadas und des Commonwealth die Freiheit, Kritik am Verhalten des Staates zu äußern. Außerdem brachte das Urteil den kirchlich-staatlichen Angriff Quebecs auf die Freiheit der Zeugen Jehovas endgültig zum Scheitern.e
Hausierer oder eifrige Prediger?
17. Wie versuchen manche Staaten unsere Predigttätigkeit zu erschweren?
17 Jehovas Diener „hausieren nicht mit dem Wort Gottes“ — heute genauso wenig wie im 1. Jahrhundert. (Lies 2. Korinther 2:17.) Dennoch versuchen manche Staaten, unsere Predigttätigkeit durch Gewerbevorschriften zu erschweren. Sehen wir uns zwei Prozesse an, bei denen es darum ging, ob Jehovas Zeugen Hausierer oder Prediger sind.
18, 19. Wie versuchte man in Dänemark, unsere Predigttätigkeit zu behindern?
18 Dänemark. Am 1. Oktober 1932 trat ein Gesetz in Kraft, das den Verkauf von Druckschriften ohne Reisegewerbekarte verbot. Unsere Brüder waren aber nicht bereit, einen Gewerbeschein zu erwerben. Am 2. Oktober predigten fünf Verkündiger den ganzen Tag in Roskilde, ungefähr 30 Kilometer von der Hauptstadt Kopenhagen entfernt. Am Abend fehlte einer der Verkündiger, August Lehmann. Man hatte ihn festgenommen, weil er angeblich ohne Gewerbeschein Waren verkaufte.
19 August Lehmann wurde am 19. Dezember 1932 vor Gericht geladen. Er sagte aus, er habe biblische Literatur angeboten, sei aber kein Hausierer. Das Gericht teilte seinen Standpunkt. In der Begründung hieß es: „Der Angeklagte . . . ist in der Lage, für sich selbst zu sorgen, und . . . hat sich keine wirtschaftlichen Vorteile verschafft, noch hatte er diese Absicht, sondern seine Tätigkeit hat für ihn finanzielle Einbußen mit sich gebracht.“ Das Gericht stand auf der Seite von Jehovas Zeugen und entschied, August Lehmanns Tätigkeit falle nicht „unter die Bezeichnung Gewerbe“. Gegner des Volkes Gottes waren jedoch entschlossen, das Predigtwerk im ganzen Land zu unterbinden (Ps. 94:20). Der Staatsanwalt brachte den Fall bis vor das oberste Berufungsgericht des Landes. Wie reagierten unsere Brüder darauf?
20. Wie urteilte das oberste Berufungsgericht von Dänemark, und wie verhielten sich unsere Brüder?
20 In der Woche vor der Anhörung steigerten Jehovas Zeugen in Dänemark ihren Predigteinsatz. Das oberste Berufungsgericht verkündete sein Urteil am 3. Oktober 1933. Wie schon die Vorinstanz kam es zu dem Schluss, dass August Lehmann kein Gesetz übertreten hatte. Jehovas Zeugen konnten nun ungehindert weiterpredigen. Aus Dankbarkeit für den Erfolg, zu dem Jehova ihnen verholfen hatte, setzten sie sich noch mehr ein. Seit diesem Gerichtsurteil können unsere Brüder in Dänemark ihre Predigttätigkeit ohne staatliche Behinderung ausüben.
Mutige Zeugen Jehovas in Dänemark (30er-Jahre)
21, 22. Welches Urteil fällte das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten im Fall Murdock?
21 USA. Am Sonntag, den 25. Februar 1940 wurde der Pionier Robert Murdock jun. zusammen mit sieben anderen Zeugen Jehovas festgenommen, als sie in Jeannette predigten, einer Stadt in der Nähe von Pittsburgh (Pennsylvania). Sie wurden verurteilt, weil sie sich keinen Gewerbeschein für das Anbieten von Literatur beschafft hatten. Ihre Berufungsklage wurde vom Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten angenommen.
22 Das Urteil vom 3. Mai 1943 gab Jehovas Zeugen recht. Das Bundesgericht sprach sich gegen das Verlangen eines Gewerbescheins aus, da man „für verfassungsmäßige Rechte keine Abgaben erheben“ dürfe. Es erklärte die städtische Verordnung für ungültig; sie sei „eine Beschneidung der Pressefreiheit und eine Einschränkung des Rechts auf freie Religionsausübung“. Richter William O. Douglas gab die Mehrheitsmeinung des Gerichts wieder, als er über das Werk der Zeugen Jehovas sagte: „Es ist mehr als Predigen und mehr als die Verteilung religiöser Schriften. Es ist eine Kombination aus beidem.“ Er fügte hinzu: „Diese Art religiöser Tätigkeit steht . . . auf derselben hohen Stufe wie der Gottesdienst in den Kirchen und das Predigen von der Kanzel.“
23. Warum sind die Prozesse, die wir 1943 gewannen, heute noch von Bedeutung?
23 Die Entscheidung des Obersten Bundesgerichts war ein großer Triumph für Gottes Volk. Sie stellte klar, was wir wirklich sind: keine Verkäufer, sondern christliche Prediger. An diesem denkwürdigen Tag im Jahr 1943 gewannen Jehovas Zeugen 12 von 13 Verfahren vor dem Obersten Bundesgericht. Dadurch wurde ein bedeutender Präzedenzfall geschaffen. Das kam uns sehr zugute, als man später erneut unser Recht angriff, öffentlich und von Haus zu Haus zu predigen.
„Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“
24. Wie verhalten wir uns, wenn unsere Predigttätigkeit verboten wird?
24 Als Diener Jehovas schätzen wir es sehr, wenn uns Staaten das Recht zugestehen, die Botschaft vom Königreich bekannt zu machen. Doch wenn uns das verboten wird, ändern wir unsere Vorgehensweise und setzen unsere Tätigkeit so gut es geht fort. Wie die Apostel müssen wir „Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5:29; Mat. 28:19, 20). Gleichzeitig legen wir Rechtsmittel ein, um eine Aufhebung des Verbots zu bewirken. Dazu zwei Beispiele.
25, 26. Wie kam es, dass Jehovas Zeugen in Nicaragua vor den Obersten Gerichtshof gingen, und was war das Ergebnis?
25 Nicaragua. Am 19. November 1952 erschien der Missionar und Zweigdiener Donovan Munsterman auf der Einwanderungsbehörde der Hauptstadt Managua. Man hatte ihn zu Capitán Arnoldo García beordert, der die Behörde leitete. Er teilte Donovan mit, es sei allen Zeugen Jehovas in Nicaragua „verboten, ihre Lehren zu verbreiten und ihre religiöse Tätigkeit voranzutreiben“. Als Grund gab Capitán García an, den Zeugen fehle für ihre Mission die Erlaubnis des Innenministeriums und man beschuldige sie, Kommunisten zu sein. Wer waren die Ankläger? Katholische Geistliche.
Brüder in Nicaragua unter Verbot
26 Bruder Munsterman wandte sich sofort an das Ministerium für Inneres und religiöse Angelegenheiten und an Präsident Anastasio Somoza García. Das brachte jedoch nichts. Daraufhin änderten die Brüder ihre Vorgehensweise. Sie schlossen den Königreichssaal, kamen in kleineren Gruppen zusammen und stellten den Straßendienst ein, verkündigten aber weiter die Botschaft von Gottes Königreich. Gleichzeitig reichten sie beim Obersten Gerichtshof von Nicaragua eine Petition ein, um eine Aufhebung des Verbots zu erreichen. Viele Zeitungen berichteten über das Verbot und den Wortlaut der Petition, und der Oberste Gerichtshof erklärte sich bereit, den Fall anzuhören. Wie ging das Ganze aus? Am 19. Juni 1953 veröffentlichte das Gericht sein einstimmiges Urteil zugunsten von Jehovas Zeugen. Darin hieß es, das Verbot verstoße gegen das verfassungsmäßige Recht auf Rede-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit und das ursprüngliche Verhältnis zwischen dem Staat Nicaragua und Jehovas Zeugen sei wiederherzustellen.
27. Was war an dem Urteil so ungewöhnlich, und wie reagierten die Brüder in Nicaragua auf diesen Erfolg?
27 Die Einwohner Nicaraguas staunten, dass sich der Oberste Gerichtshof auf die Seite der Zeugen Jehovas gestellt hatte. Bis dahin hatte das Gericht Konflikte mit der Kirche vermieden und sich nur selten gegen staatliche Beschlüsse ausgesprochen, weil sowohl der Klerus als auch staatliche Stellen starken Einfluss ausübten. Unsere Brüder führten diesen Erfolg auf den Schutz ihres Königs und auf ihr unbeirrtes Predigen zurück (Apg. 1:8).
28, 29. Wie änderte sich Mitte der 80er-Jahre die Lage in Zaire?
28 Zaire. Mitte der 80er-Jahre gab es rund 35 000 Zeugen Jehovas in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Um mit dem stetigen Wachstum Schritt zu halten, baute man ein neues Zweigbüro. Im Dezember 1985 fand in der Hauptstadt Kinshasa ein internationaler Kongress statt. 32 000 Besucher aus vielen verschiedenen Ländern strömten in das dortige Stadion. Doch dann änderte sich die Lage für Jehovas Zeugen.
29 Damals war Bruder Marcel Filteau in Zaire als Missionar eingesetzt. Er stammte aus der kanadischen Provinz Quebec und hatte die Verfolgung unter dem Regime von Duplessis miterlebt. Bruder Filteau berichtete: „Am 12. März 1986 überreichte man den verantwortlichen Brüdern einen Brief, in dem die Vereinigung der Zeugen Jehovas in Zaire für illegal erklärt wurde.“ Das Verbot war von Präsident Mobutu Sese Seko unterzeichnet worden.
30. Vor welcher schwierigen Entscheidung stand das Zweigkomitee, und was wurde beschlossen?
30 Am nächsten Tag wurde landesweit im Radio verkündet: „Jetzt werden wir nie wieder etwas von Jehovas Zeugen hören.“ Augenblicklich setzte Verfolgung ein. Man verwüstete Königreichssäle, und unsere Brüder wurden ausgeraubt, festgenommen, inhaftiert und geschlagen. Sogar Kinder kamen ins Gefängnis. Am 12. Oktober 1988 wurde das Eigentum des Zweigbüros beschlagnahmt und die Miliz besetzte das Grundstück. Die verantwortlichen Brüder wandten sich schriftlich an Präsident Mobutu, erhielten aber keine Antwort. Das Zweigkomitee stand vor einer schwierigen Entscheidung: „Sollen wir vor den Obersten Gerichtshof gehen oder noch warten?“ Timothy Holmes, Missionar und damaliger Koordinator des Zweigkomitees, erinnert sich: „Wir baten Jehova um Weisheit und Anleitung.“ Nach reiflicher Überlegung kam das Zweigkomitee zu dem Schluss, man solle besser noch warten. Stattdessen konzentrierte man sich darauf, für die Brüder und Schwestern da zu sein und Mittel und Wege zu suchen, um weiter predigen zu können.
„Während des Prozesses wurde uns klar, wie Jehova die Lage verändern kann“
31, 32. Welches bedeutende Urteil fällte der Oberste Gerichtshof von Zaire, und wie wirkte es sich auf unsere Brüder aus?
31 Es vergingen mehrere Jahre. Der Druck auf Jehovas Zeugen in Zaire ließ nach und die Menschenrechte zählten mehr. Jetzt hielt es das Zweigkomitee für günstig, den Obersten Gerichtshof anzurufen. Erstaunlicherweise wurde ihr Antrag angenommen. Am 8. Januar 1993, fast sieben Jahre nach dem Beschluss des Präsidenten, entschied das Gericht, das Vorgehen der Regierung sei ungesetzlich und das Verbot müsse rückgängig gemacht werden. Die Richter riskierten Kopf und Kragen, als sie die Entscheidung des Präsidenten für ungültig erklärten. Bruder Holmes sagt: „Während des Prozesses wurde uns klar, wie Jehova die Lage verändern kann“ (Dan. 2:21). Dieser Triumph stärkte den Glauben unserer Brüder. Offensichtlich hatte unser König Jesus seine Nachfolger genau zur richtigen Zeit zum Handeln bewogen.
Zeugen Jehovas in der Demokratischen Republik Kongo freuen sich, Jehova ungehindert dienen zu können
32 Jetzt, wo das Verbot nicht mehr existierte, konnte man Missionare einreisen lassen, ein neues Bethel bauen und biblische Literatur importieren.f Ja, Jehova lässt sein Volk nie im Stich! Das erfüllt seine Diener auf der ganzen Erde mit großer Freude (Jes. 52:10).
„Jehova ist mein Helfer“
33. Was hat uns diese Rückschau gezeigt?
33 Diese Rückschau hat uns gezeigt, dass Jesus sein Versprechen gehalten hat: „Ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner zusammen nicht widerstehen oder widersprechen können.“ (Lies Lukas 21:12-15.) Offensichtlich hat Jehova immer mal wieder zum Schutz seines Volkes einen „Gamaliel“ auftreten lassen oder er hat mutige Richter und Anwälte veranlasst, für das Recht einzutreten. Jehova hat die Waffen unserer Gegner stumpf werden lassen. (Lies Jesaja 54:17.) Kein Widerstand kann Gottes Werk lahmlegen.
34. Warum sind unsere Erfolge vor Gericht so bemerkenswert, und was wird dadurch bewiesen? (Siehe auch den Kasten „Bedeutende Urteile stabilisieren unser Predigtwerk“.)
34 Warum sind unsere Erfolge vor Gericht so bemerkenswert? Jehovas Zeugen sind weder berühmt noch einflussreich. Wir wählen nicht, unterstützen keine Wahlkampagnen und haben keine Lobby. Diejenigen von uns, die vor hohen Gerichten stehen, gelten meistens als „ungelehrte und gewöhnliche Menschen“ (Apg. 4:13). Aus menschlicher Sicht haben die Gerichte also kaum einen Anreiz, unseren mächtigen religiösen und politischen Gegnern Einhalt zu gebieten. Trotzdem haben sie wiederholt zu unseren Gunsten entschieden. Diese Erfolge beweisen, dass wir unseren Weg mit Gott gehen, „in Gemeinschaft mit Christus“ (2. Kor. 2:17). Wie der Apostel Paulus erklären wir: „Jehova ist mein Helfer; ich will mich nicht fürchten“ (Heb. 13:6).
a Cantwell gegen Staat Connecticut war der erste von 43 Prozessen vor dem Obersten Bundesgericht der USA, bei denen Hayden Covington Zeugen Jehovas verteidigte. Bruder Covington starb 1978. Seine Witwe Dorothy diente Jehova treu bis zu ihrem Tod. Sie verstarb 2015 im Alter von 92 Jahren.
b Die Anklage beruhte auf einem Gesetz aus dem Jahr 1606. Danach konnte ein Gericht jemanden schuldig sprechen, wenn es der Ansicht war, er schüre durch seine Aussagen Feindseligkeit — selbst wenn er die Wahrheit sagte.
c Im Jahr 1950 gab es in Quebec 164 Vollzeitprediger. Dazu gehörten 63 Gileadabsolventen, die bereitwillig dorthin gegangen waren, obwohl sie heftiger Widerstand erwartete.
d Bruder W. Glen How war ein mutiger, begabter Anwalt, der von 1943 bis 2003 Hunderte von Prozessen für Jehovas Zeugen in Kanada und anderen Ländern führte.
e Mehr dazu in dem Artikel „ ‚Nicht euer ist die Schlacht, sondern Gottes‘ “ (Erwachet!, 22. April 2000, Seite 18—24).
f Die Miliz räumte schließlich die Zweiggebäude. Das neue Bethel entstand an einem anderen Ort.
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Loyal auf der Seite der Regierung GottesGottes Königreich regiert!
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KAPITEL 14
Loyal auf der Seite der Regierung Gottes
1, 2. (a) Von welchem Grundsatz lassen sich Jesu Nachfolger bis heute leiten? (b) Wie wurden wir bekämpft, und wie ging die Sache aus?
VOR Pilatus, dem mächtigsten weltlichen Richter der Juden, äußerte Jesus einen Grundsatz, von dem sich seine wahren Nachfolger bis heute leiten lassen. „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt“, sagte er. „Wäre mein Königreich ein Teil dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königreich nicht von daher“ (Joh. 18:36). Pilatus ließ Jesus hinrichten, doch dieser Sieg war nur von kurzer Dauer; Jesus wurde auferweckt. Danach versuchten verschiedene Kaiser des riesigen Römischen Reichs, Christi Nachfolger aus dem Weg zu räumen, jedoch ohne Erfolg. Die Botschaft von Gottes Königreich breitete sich in der ganzen damaligen Welt aus (Kol. 1:23).
2 Nachdem das Königreich 1914 aufgerichtet worden war, wollten einige der stärksten Militärmächte, die es je gab, Gottes Volk auslöschen. Doch keiner einzigen von ihnen ist das gelungen. Viele Staaten und politische Gruppierungen versuchten, uns auf ihre Seite zu zwingen und so einen Keil zwischen uns zu treiben — vergebens. Obwohl die Untertanen des Königreiches Gottes über die ganze Erde verstreut leben, sind sie in einer weltweiten Bruderschaft vereint, die sich konsequent aus der Politik heraushält. Unsere Einheit liefert den überzeugenden Beweis, dass Gottes Königreich regiert und der König Jesus Christus seine Untertanen weiterhin anleitet, läutert und beschützt. Wie tut er das? Und zu welchen glaubensstärkenden gerichtlichen Erfolgen hat er uns verholfen, weil wir uns unbeirrt von der Welt getrennt halten? (Joh. 17:14).
Eine Frage steht im Brennpunkt
3, 4. (a) Was geschah nach der Geburt des Königreiches? (b) Hat Gottes Volk von Anfang an verstanden, was alles mit politischer Neutralität verbunden ist?
3 Nach der Geburt des Königreiches wütete im Himmel ein Krieg. Daraufhin wurde Satan zur Erde hinuntergestürzt. (Lies Offenbarung 12:7-10, 12.) Auch auf der Erde tobte ein Krieg, der die Entschlossenheit der Diener Gottes auf die Probe stellen würde. Wie Jesus wollten sie kein Teil der Welt sein. Sie verstanden aber nicht gleich, was alles mit politischer Neutralität verbunden ist.
4 In dem 1904 erschienenen sechsten Band der Serie Millennium-Tagesanbruch wurde Christen von der Teilnahme am Krieg abgeraten.a Im Fall einer Einberufung solle man sich um eine Art waffenlosen Dienst bemühen. Würde man dennoch an die Front geschickt, solle man sicherstellen, dass man niemanden tötet. Herbert Senior aus Großbritannien, der sich 1905 taufen ließ, sagte über die damalige Situation: „Unter den Brüdern herrschte große Verwirrung. Es gab keine klare Richtlinie, ob es richtig sei, als Soldat waffenlosen Dienst zu leisten.“
5. Welches klarere Verständnis lieferte Der Wacht-Turm (engl.) vom 1. September 1915?
5 Der Wacht-Turm (engl.) vom 1. September 1915 lieferte jedoch ein etwas klareres Verständnis. Über die Empfehlungen in den Schriftstudien wurde gesagt: „Die Frage ist, ob ein solches Verhalten nicht darauf hinausläuft, von unseren christlichen Grundsätzen abzurücken.“ Was aber, wenn ein Christ wegen seiner Weigerung, eine Uniform zu tragen und Kriegsdienst zu leisten, mit Erschießung rechnen musste? Der Artikel argumentierte: „Was wäre schlimmer: erschossen zu werden, weil man gegenüber dem Friedensfürsten loyal und gehorsam ist, oder erschossen zu werden, weil man zumindest dem Anschein nach die irdischen Könige unterstützt und von den Geboten des himmlischen Königs abweicht? Von den beiden Todesarten würden wir die erste vorziehen und lieber in Treue zu unserem himmlischen König sterben.“ Nach dieser kernigen Aussage hieß es allerdings abschließend: „Wir drängen nicht zu dieser Haltung, sondern raten lediglich dazu.“
6. Was kann man aus dem Beispiel Herbert Seniors lernen?
6 Für manche Brüder war die Sache klar und sie gingen unbeirrt ihren Weg. Der schon erwähnte Herbert Senior sagte: „Für mich läuft es auf das Gleiche hinaus, Munition von einem Schiff abzuladen [waffenloser Dienst] oder mit dieser Munition Waffen zum Abfeuern zu beladen“ (Luk. 16:10). Bruder Senior wurde wegen Kriegsdienstverweigerung ins Gefängnis gesperrt. Er und vier weitere Brüder gehörten zu einer Gruppe von sechzehn Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen, unter denen sich auch Männer anderer Religionszugehörigkeit befanden. Sie alle kamen in das Gefängnis von Richmond. Eines Tages wurde Herbert zusammen mit anderen heimlich an die französische Front transportiert. Dort verurteilte man sie zum Tod durch Erschießen. Sie mussten sich alle vor einem Hinrichtungskommando in einer Reihe aufstellen, aber nichts passierte. Stattdessen änderte man das Urteil auf zehn Jahre Gefängnis ab.
Simon Kraker wurde bewusst, „dass Gottes Volk selbst angesichts eines drohenden Krieges mit jedem Frieden halten muss“ (Siehe Absatz 7)
7. Was hatten Gottes Diener zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erkannt?
7 Bis zum Zweiten Weltkrieg gewann Jehovas Volk als Ganzes ein noch besseres Verständnis, was es bedeutete, dem Beispiel Jesu zu folgen und politisch neutral zu sein (Mat. 26:51-53; Joh. 17:14-16; 1. Pet. 2:21). Im Wachtturm vom 1. Dezember 1939 erschien der richtungsweisende Artikel „Neutralität“. Darin hieß es: „Der Grundsatz, durch den sich Jehovas Bundesvolk jetzt leiten lassen muss, ist der der strikten Neutralität unter den Krieg führenden Nationen.“ Simon Kraker, der später im Brooklyner Bethel tätig war, sagte über diesen Artikel: „Mir wurde dadurch bewusst, dass Gottes Volk selbst angesichts von Kriegsdrohungen mit jedem Frieden halten muss.“ Diese geistige Speise kam zur richtigen Zeit und wappnete Gottes Diener für einen beispiellosen Angriff auf ihre Loyalität gegenüber dem Königreich.
Widerstand, der wie ein „Strom“ hervorbricht
8, 9. Wie erfüllte sich die Prophezeiung des Apostels Johannes?
8 Der Apostel Johannes prophezeite für die Zeit nach der Geburt des Königreiches im Jahr 1914 Folgendes: Satan, der Drache, würde einen Strom aus seinem Maul speien, um die Unterstützer des Königreiches zu ertränken.b (Lies Offenbarung 12:9, 15.) Wie erfüllte sich das? Von den 20er-Jahren an gab es eine Flut von Angriffen auf Gottes Volk. Viele amerikanische Brüder, darunter auch Bruder Kraker, kamen während des Zweiten Weltkriegs wegen ihrer Treue zum Königreich ins Gefängnis. Damals waren in den US-Bundesgefängnissen gut zwei Drittel aller Kriegsdienstverweigerer aus religiösen Gründen Zeugen Jehovas.
9 Der Teufel und seine Unterstützer wollten überall auf der Erde die Untertanen des Königreiches von ihrer Treue abbringen. In Afrika, Europa und den Vereinigten Staaten wurden sie vor Gerichte und Prüfungsausschüsse zitiert. Wegen ihrer unerschütterlichen neutralen Haltung wurden sie inhaftiert, geschlagen und verstümmelt. Im nationalsozialistischen Deutschland setzte man sie enorm unter Druck, weil sie den Hitlergruß verweigerten und die Kriegsanstrengungen nicht unterstützten. Laut einer Enzyklopädie kamen schätzungsweise 6 000 ins Gefängnis und/oder Konzentrationslager und über 1 600 Zeugen Jehovas aus Deutschland und anderen Ländern verloren durch ihre Peiniger das Leben. Dennoch konnte der Teufel dem Volk Gottes keinen bleibenden Schaden zufügen (Mar. 8:34, 35).
Die „Erde“ verschlingt den „Strom“
10. Was ist mit der „Erde“ gemeint, und wie ist sie für Gottes Volk eingetreten?
10 In der Prophezeiung des Apostels Johannes verschlingt die „Erde“ — gemäßigte Kräfte im heutigen System — den „Strom“ der Verfolgung und kommt so dem Volk Gottes zu Hilfe. Wie hat sich dieser Teil der Prophezeiung erfüllt? In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist die „Erde“ oft für die treuen Unterstützer des messianischen Königreichs eingetreten. (Lies Offenbarung 12:16.) Viele hohe Instanzen haben das Recht der Zeugen Jehovas verteidigt, den Wehrdienst und die Teilnahme an patriotischen Zeremonien zu verweigern. Sehen wir uns zunächst einige bedeutende Erfolge an, die Jehova seinem Volk in Sachen Militärdienst geschenkt hat (Ps. 68:20).
11, 12. Womit wurden Bruder Sicurella und Bruder Thlimmenos konfrontiert, und wie ging die Sache aus?
11 Vereinigte Staaten. Anthony Sicurella und seine fünf Geschwister wuchsen als Zeugen Jehovas auf. Mit 15 Jahren ließ sich Anthony taufen. Als er 21 wurde, musste er sich bei der Einberufungsbehörde melden und wurde als Prediger registriert. Zwei Jahre später, 1950, wollte er den Eintrag auf Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen abändern lassen. Obwohl er laut FBI ein einwandfreies Führungszeugnis hatte, lehnte das Justizministerium den Antrag ab. Nachdem der Fall mehrere Instanzen durchlaufen hatte, kam er vor das Oberste Bundesgericht, das Bruder Sicurella recht gab. Von diesem Grundsatzurteil profitierten auch andere US-Bürger, die den Wehrdienst aus Gewissensgründen ablehnten.
12 Griechenland. 1983 wurde Iakovos Thlimmenos wegen Gehorsamsverweigerung verurteilt; er hatte es abgelehnt, eine Militäruniform zu tragen. Nach seiner Entlassung aus der Haft wollte er als Wirtschaftsprüfer arbeiten, erhielt aber keine Zulassung, weil er als vorbestraft galt. Er ging vor Gericht, verlor aber in allen Instanzen. Daraufhin wandte er sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Im Jahr 2000 entschied die mit 17 Richtern besetzte Große Kammer des EGMR zu seinen Gunsten. Damit wurde ein Präzedenzfall gegen Diskriminierung geschaffen. Über 3 500 Brüder, die wegen ihrer neutralen Haltung im Gefängnis gesessen hatten, galten bis dahin als vorbestraft. Doch nun wurde in Griechenland ein Gesetz verabschiedet, wonach diese Einträge aus dem Strafregister gelöscht werden mussten. Seit einigen Jahren haben außerdem alle griechischen Bürger das Recht, einen alternativen zivilen Dienst abzuleisten. Dieses Recht wurde bei der jüngsten Verfassungsreform bestätigt.
„Bevor ich den Gerichtssaal betrat, betete ich inständig zu Jehova und wurde auf einmal ganz ruhig“ (Iwailo Stefanow) (Siehe Absatz 13)
13, 14. Worin gaben uns Iwailo Stefanow und Wahan Bajatjan ein gutes Beispiel?
13 Bulgarien. Iwailo Stefanow war 19, als er im Jahr 1994 einberufen wurde. Er weigerte sich Soldat zu werden und war auch nicht bereit, einen dem Militär unterstehenden waffenlosen Dienst zu leisten. Daraufhin verurteilte man ihn zu 18 Monaten Haft. Er focht das Urteil an und berief sich dabei auf sein Recht, aus Gewissensgründen den Kriegsdienst zu verweigern. Schließlich erklärte sich der EGMR bereit, den Fall anzuhören. Doch noch ehe es dazu kam, wurde die Sache 2001 friedlich beigelegt. Die Regierung begnadigte Bruder Stefanow und räumte gleichzeitig allen bulgarischen Bürgern die Möglichkeit eines alternativen zivilen Dienstes ein.c
14 Armenien. Wahan Bajatjan sollte 2001 der Wehrpflicht Folge leisten.d Er lehnte dies aus Gewissensgründen ab, doch kein armenisches Gericht ließ seinen Standpunkt gelten. Im September 2002 musste er seine 30-monatige Gefängnisstrafe antreten, die aber nach zehneinhalb Monaten ausgesetzt wurde. Während der Haft rief er den EGMR an und seine Beschwerde wurde zugelassen. Am 27. Oktober 2009 entschied allerdings auch dieses Gericht gegen ihn. Das war für die Brüder in Armenien, die sich in derselben Lage befanden, eine große Enttäuschung. Dann aber befasste sich die Große Kammer des EGMR mit dem Fall. Am 7. Juli 2011 entschied sie zugunsten von Wahan Bajatjan. Damit erkannte der EGMR zum ersten Mal an, dass die Wehrdienstverweigerung aufgrund der religiösen Überzeugung durch die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit geschützt ist. Dieses Urteil wahrt nicht nur die Rechte von Zeugen Jehovas. Hunderte von Millionen Bürger in den Ländern, die dem Europarat angehören, profitieren davon.e
Brüder in Armenien, die nach einem günstigen Urteil des EGMR aus der Haft entlassen wurden
Nationalistische Zeremonien
15. Warum nehmen Jehovas Zeugen nicht an nationalistischen Zeremonien teil?
15 Aus Loyalität gegenüber dem messianischen Königreich verweigern wir nicht nur den Kriegsdienst, sondern nehmen auch respektvoll Abstand von nationalistischen Zeremonien. Besonders nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Welt von einer Woge des Nationalismus überflutet. Viele Länder haben von ihren Bürgern verlangt, ein Treuegelöbnis abzulegen, die Nationalhymne zu singen oder die Fahne zu grüßen. Unsere ausschließliche Ergebenheit gehört jedoch Jehova (2. Mo. 20:4, 5). Diese Haltung löste eine Flut der Verfolgung aus. Und wieder ließ Jehova „die Erde“ zu Hilfe kommen, um den Widerstand einzudämmen. Sehen wir uns einige bedeutende Erfolge an, zu denen uns Jehova durch Christus verholfen hat (Ps. 3:8).
16, 17. Welcher Herausforderung mussten sich Lillian und William Gobitas stellen, und was kann man von ihnen lernen?
16 Vereinigte Staaten. 1940 entschieden im Fall Schulbezirk Minersville gegen Gobitis acht der neun Richter am Obersten Bundesgericht gegen Jehovas Zeugen. Die 12-jährige Lillian Gobitasf und ihr 10-jähriger Bruder William hatten sich aus Treue zu Jehova geweigert, die Fahne zu grüßen und das Treuegelöbnis aufzusagen. Sie wurden deswegen von der Schule verwiesen. Das Oberste Bundesgericht beurteilte das Verhalten der Schule als verfassungskonform, weil es die „nationale Einheit“ fördere. Dieses Urteil löste eine Lawine von Übergriffen aus. Man verweigerte noch weiteren Kindern von Zeugen Jehovas den Schulbesuch, erwachsene Brüder und Schwestern verloren ihre Arbeit und eine Anzahl wurde Opfer grausamer Pöbelangriffe. Einem Autor zufolge war die „Verfolgung der Zeugen Jehovas von 1941 bis 1943 der größte Ausbruch religiöser Intoleranz im Amerika des 20. Jahrhunderts“ (The Lustre of Our Country).
17 Der Erfolg der Feinde Gottes war indessen nur von kurzer Dauer. 1943 befasste sich das Oberste Bundesgericht mit einem ähnlichen Fall wie dem Rechtsstreit Gobitis. Es ging um das Verfahren Staatliche Schulbehörde von West Virginia gegen Barnette. Diesmal gab das Oberste Bundesgericht Jehovas Zeugen recht. Noch nie in der amerikanischen Geschichte hatte dieser Gerichtshof in so kurzer Zeit eine Kehrtwendung gemacht. Nach der Urteilsverkündung ließen die ungehemmten Angriffe auf Jehovas Zeugen in den USA deutlich nach. Der Prozess stärkte die Rechte aller amerikanischen Bürger.
18, 19. Was sagte Pablo Barros darüber, warum er stark bleiben konnte? Wie kann man es ihm gleichtun?
18 Argentinien. Pablo und Hugo Barros (8 und 7 Jahre alt) wurden 1976 von der Schule verwiesen, weil sie die Teilnahme an einer Fahnengrußzeremonie verweigert hatten. Einmal war Pablo von der Rektorin gestoßen und auf den Kopf geschlagen worden. Nach der Schule hatte sie eine Stunde lang versucht, die beiden Jungen zu patriotischen Handlungen zu zwingen. Über dieses traumatische Erlebnis sagte Pablo: „Ohne die Hilfe Jehovas hätte ich dem Druck nie standhalten können.“
19 Der Richter, der den Fall behandelte, hielt es für angemessen, Pablo und Hugo vom Schulunterricht auszuschließen. Man wandte sich daraufhin an den Obersten Gerichtshof von Argentinien. 1979 wurde das Urteil der unteren Instanz umgestoßen mit der Begründung: „Besagte Strafe [der Schulausschluss] verstößt gegen das verfassungsmäßige Recht zu lernen (Artikel 14) und ist unvereinbar mit der Pflicht des Staates, eine elementare Schulbildung zu gewährleisten (Artikel 5).“ Dieser Prozessausgang kam rund 1 000 Kindern von Zeugen Jehovas zugute. Die einen durften auf der Schule bleiben, die anderen wie Pablo und Hugo wurden wieder aufgenommen.
Viele Kinder von Zeugen Jehovas sind unter Erprobungen treu geblieben
20, 21. Wieso sind die Erlebnisse der Familie Embralinag glaubensstärkend?
20 Philippinen. 1990 verwies man den 9-jährigen Roel Embralinagg, seine 10-jährige Schwester Emily und mehr als 65 weitere Kinder von Zeugen Jehovas von der Schule, weil sie die Fahne nicht gegrüßt hatten. Leonardo, der Vater von Roel und Emily, versuchte vergeblich, die Schulleitung zum Einlenken zu bewegen. Die Lage spitzte sich immer mehr zu, sodass er schließlich eine Eingabe an den Obersten Gerichtshof richtete. Allerdings hatte Leonardo weder Geld noch einen Anwalt, der ihn vertrat. Die Familie betete inbrünstig zu Jehova. Die ganze Zeit über wurden die Kinder ausgelacht und beschimpft. Leonardo rechnete sich keine Chancen aus, den Fall zu gewinnen, da er keinerlei juristische Vorbildung besaß.
21 Doch dann wurde die Familie von Felino Ganal vertreten, einem Anwalt, der früher für eine der angesehensten Kanzleien des Landes arbeitete. Inzwischen war er ein Zeuge Jehovas geworden. Der Oberste Gerichtshof entschied einstimmig zugunsten von Jehovas Zeugen und ordnete an, die Schulausschlüsse rückgängig zu machen. Wieder einmal war es nicht gelungen, die Treue der Diener Gottes zu brechen.
Unsere neutrale Haltung fördert die Einheit
22, 23. (a) Warum konnten wir so viele entscheidende Prozesse gewinnen? (b) Was wird durch die Existenz unserer weltweiten friedlichen Bruderschaft bewiesen?
22 Warum konnten wir so viele entscheidende Prozesse gewinnen, wo wir doch keinerlei politischen Einfluss haben? In einem Land nach dem anderen und vor zahllosen Gerichten haben unvoreingenommene Richter bösartige Attacken gegen uns abgewendet und durch Grundsatzurteile unsere verfassungsmäßigen Rechte bestätigt. Ganz klar, bei diesen Verfahren hat Christus hinter uns gestanden. (Lies Offenbarung 6:2.) Wenn wir vor Gericht ziehen, verfolgen wir nicht die Absicht, die Rechtsordnung zu reformieren. Wir möchten einfach sicherstellen, dass wir unserem König Jesus Christus ungehindert dienen können (Apg. 4:29).
23 In einer Welt, die durch politische Streitigkeiten und tief sitzende Hassgefühle zerrissen ist, sind wir neutral geblieben und wurden dafür von unserem König Jesus Christus gesegnet. Satan konnte uns nicht entzweien oder besiegen. Das Königreich hat erreicht, dass Millionen „den Krieg nicht mehr lernen“. Die Existenz einer weltweiten friedlichen Bruderschaft ist ein Wunder und beweist über jeden Zweifel erhaben: Gottes Königreich regiert! (Jes. 2:4).
a Dieser Band ist betitelt Die Neue Schöpfung. Später wurde die Serie in Schriftstudien umbenannt.
b Mehr zu dieser Prophezeiung findet man in dem Buch Die Offenbarung — ihr großartiger Höhepunkt ist nahe!, Kapitel 27, Seite 184 bis 186.
c Die bulgarische Regierung verpflichtete sich dazu, allen Wehrdienstverweigerern einen alternativen zivilen Dienst anzubieten, der einer Zivilbehörde unterstand.
d Weitere Einzelheiten findet man im Artikel „Europäischer Gerichtshof stärkt Recht auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen“ im Wachtturm vom 1. November 2012.
e In einem Zeitraum von 20 Jahren wurden in Armenien über 450 junge Zeugen Jehovas inhaftiert. Die letzten dieser Häftlinge kamen im November 2013 frei.
f Der Nachname wurde im Gerichtsprotokoll falsch geschrieben.
g Der Nachname wurde im Gerichtsprotokoll Ebralinag geschrieben.
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Wir kämpfen für unser Recht auf freie ReligionsausübungGottes Königreich regiert!
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KAPITEL 15
Wir kämpfen für unser Recht auf freie Religionsausübung
1, 2. (a) Wie beweist man, dass man ein Bürger des Königreiches Gottes ist? (b) Warum mussten Jehovas Zeugen hin und wieder für die Religionsfreiheit kämpfen?
ALS Zeuge Jehovas bist du ein Bürger des Königreiches Gottes. Diese „Staatsbürgerschaft“ kannst du natürlich nicht durch einen Personalausweis, einen Reisepass oder eine ähnliche Urkunde belegen. Den Nachweis lieferst du vielmehr durch deine Lebensführung als Diener Jehovas. Dazu gehört nicht nur dein Glaube, sondern auch deine Achtung vor den Gesetzen des Königreiches Gottes. Dies berührt jeden Lebensbereich, auch dein Familienleben und deine Entscheidungen in Gesundheitsfragen.
2 Unsere „Staatsbürgerschaft“ und die Gesetze der Regierung Gottes bedeuten uns allen ungeheuer viel. Das wird von unserem Umfeld allerdings nicht immer gern gesehen. Hier und dort hat man versucht, unsere Religionsausübung zu behindern oder völlig zu unterbinden. Zuweilen mussten wir für das Recht kämpfen, nach den Gesetzen unseres Königs Jesus Christus zu leben. Sollte uns das überraschen? Nein. Auch in biblischer Zeit musste Jehovas Volk oft für die freie Religionsausübung kämpfen.
3. Welcher Herausforderung sah sich Gottes Volk in den Tagen Königin Esthers gegenüber?
3 In den Tagen Königin Esthers beispielsweise stand das Leben von Gottes Volk in Gefahr. Haman, der höchste Würdenträger im Perserreich — ein gemeiner Schurke —, riet König Ahasverus, alle Juden in seinem Herrschaftsgebiet töten zu lassen. Der Grund? „Ihre Gesetze sind verschieden von denen jedes anderen Volkes“ (Esth. 3:8, 9, 13). Ließ Jehova seine Anbeter im Stich? Auf keinen Fall! Er schenkte Esther und Mordechai Gelingen, als sie den persischen König um Schutz für Gottes Volk ersuchten (Esth. 9:20-22).
4. Worum geht es in diesem Kapitel?
4 Wie ist es heute? Wir haben bereits im vorigen Kapitel gesehen, dass uns mitunter von staatlicher Seite Widerstand geleistet wurde. Jetzt geht es speziell darum, wie man versucht hat, unsere Religionsausübung einzuschränken. Es werden drei Bereiche beleuchtet: (1) unser Recht, eine Religionsgemeinschaft zu bilden und unseren Glauben zu praktizieren; (2) unsere Freiheit, eine medizinische Behandlung in Übereinstimmung mit biblischen Grundsätzen zu wählen, und (3) das Recht der Eltern, ihre Kinder nach den Maßstäben Jehovas zu erziehen. In jedem Bereich werden wir sehen, wie loyale Bürger des messianischen Königreiches tapfer dafür gekämpft haben, ihre kostbare „Staatsbürgerschaft“ zu behalten, und wie sie für ihren Einsatz gesegnet wurden.
Rechtliche Anerkennung und Grundfreiheiten erkämpft
5. Welche Vorteile bietet uns die rechtliche Anerkennung?
5 Sind wir auf staatliche Anerkennung angewiesen, um Jehova dienen zu können? Das nicht, aber die rechtliche Anerkennung macht es uns leichter, unseren Glauben zu praktizieren. Wir können uns dann zum Beispiel ungehindert zu unseren Zusammenkünften und Kongressen versammeln, biblische Literatur drucken oder einführen und offen mit anderen über die gute Botschaft sprechen. In vielen Ländern sind Jehovas Zeugen amtlich registriert und genießen dieselbe Glaubensfreiheit wie andere anerkannte Religionsgemeinschaften. Was aber, wenn man uns die rechtliche Anerkennung verweigert oder unsere Grundfreiheiten beschneiden will?
6. Welche Schwierigkeiten hatten Jehovas Zeugen Anfang der 40er-Jahre in Australien durchzustehen?
6 Australien. Anfang der 40er-Jahre bezeichnete der Generalgouverneur von Australien unsere Glaubensansichten als „wehrkraftzersetzend“. Unser Werk wurde verboten. Jehovas Zeugen konnten nicht mehr öffentlich zusammenkommen oder predigen, die Tätigkeit im Bethel wurde lahmgelegt und die Königreichssäle wurden beschlagnahmt. Man durfte noch nicht einmal Literatur von Jehovas Zeugen besitzen. Nachdem unsere Brüder in Australien mehrere Jahre im Untergrund tätig gewesen waren, kam endlich Erleichterung. Am 14. Juni 1943 erklärte das Oberste Bundesgericht von Australien das Verbot für ungültig.
7, 8. Wie haben Jehovas Zeugen in Russland im Laufe der Jahre für eine freie Religionsausübung gekämpft?
7 Russland. Vor ihrer Registrierung im Jahr 1991 waren Jehovas Zeugen unter dem kommunistischen Regime jahrzehntelang verboten gewesen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden sie 1992 in der Russischen Föderation rechtlich anerkannt. Es kam zu einem rapiden Wachstum, das allerdings besonders der russisch-orthodoxen Kirche nicht behagte. Von 1995 bis 1998 wurden fünf Ermittlungsverfahren gegen Jehovas Zeugen eingeleitet. In keinem Fall konnte die Staatsanwaltschaft eine Straftat nachweisen. 1998 strengten die verbissenen Gegner dann eine Zivilklage an. Diese wurde abgewiesen, doch die Gegner gingen in Berufung, und im Mai 2001 verloren Jehovas Zeugen das Verfahren. Im Oktober wurde der Fall wieder aufgenommen. Der Ausgang? 2004 wurde entschieden, die Rechtskörperschaft der Zeugen Jehovas in Moskau aufzulösen und ihre Tätigkeit zu untersagen.
8 Es kam zu einer Verfolgungswelle. (Lies 2. Timotheus 3:12.) Jehovas Zeugen wurden schikaniert und tätlich angegriffen. Man beschlagnahmte ihre Literatur, und es war so gut wie unmöglich, Versammlungssäle zu mieten oder zu bauen. Wie muss das unsere Brüder und Schwestern getroffen haben! Sie hatten sich bereits 2001 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gewandt, und 2004 lieferten sie dem Gericht zusätzliches Material. 2010 fiel schließlich die Entscheidung. Der EGMR wertete das Verbot der Zeugen Jehovas in Russland ganz klar als Ausdruck religiöser Intoleranz. Die Urteile der russischen Gerichte seien unrechtmäßig, da man keinem Zeugen Jehovas eine Straftat nachweisen könne. Das Verbot ziele darauf ab, Jehovas Zeugen ihrer Rechte zu berauben. Der EGMR sprach ihnen das Recht auf freie Religionsausübung zu. Obwohl sich verschiedene russische Behörden nicht an die Entscheidung dieses Gerichts halten, hat der Erfolg unseren Brüdern viel Mut gemacht.
Titos Manoussakis (Siehe Absatz 9)
9—11. Wie haben Jehovas Zeugen in Griechenland für ihre Versammlungsfreiheit gekämpft, und wie ging die Sache aus?
9 Griechenland. 1983 mietete Titos Manoussakis in Iraklion (Kreta) einen Versammlungsraum für eine kleine Gruppe von Zeugen Jehovas (Heb. 10:24, 25). Es dauerte jedoch nicht lange und ein orthodoxer Priester erstattete deswegen Anzeige. Warum? Einfach nur, weil die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas von denen der orthodoxen Kirche abweichen! Die Staatsanwaltschaft leitete ein Strafverfahren gegen Titos Manoussakis und drei andere Zeugen Jehovas ein. Sie wurden zu einer Geldstrafe und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Als loyale Bürger des Königreiches Gottes konnten die Brüder diese Beschneidung ihrer Religionsausübung nicht hinnehmen. Deshalb kämpften sie sich durch alle Instanzen und riefen schließlich den EGMR an.
10 Im Jahr 1996 mussten die Gegner eine herbe Niederlage einstecken. Der EGMR stellte fest, dass „Jehovas Zeugen unter die im griechischen Gesetz vorgesehene Definition ‚bekannte Religion‘ fallen“ und dass die Entscheidung der griechischen Gerichte „einen Eingriff in ihr Recht auf Freiheit der Religionsausübung darstellt“. Der griechische Staat dürfe nicht bestimmen, „ob Glaubensansichten oder die Methoden, wie diese Glaubensansichten vertreten werden, legitim sind“. Die Verurteilung der Brüder wurde aufgehoben und ihr Recht auf freie Religionsausübung bestätigt.
11 War die Angelegenheit damit erledigt? Leider nicht. Ein ähnlicher Fall in Kassandria führte zu einem 12 Jahre langen Rechtsstreit, der erst 2012 beigelegt wurde. Diesmal kam der Widerstand von einem orthodoxen Bischof. Der Staatsrat, das höchste Verwaltungsgericht in Griechenland, entschied jedoch zu unseren Gunsten. Das Urteil verwies auf die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit in Griechenland und widerlegte den oft erhobenen Vorwurf, Jehovas Zeugen seien keine bekannte Religion. Es hieß: „ ‚Jehovas Zeugen‘ legen ihre Lehren offen dar und bilden folglich eine bekannte Religion.“ Die kleine Versammlung in Kassandria ist froh, dass sie jetzt in ihrem eigenen Königreichssaal zusammenkommen kann.
12, 13. Wie hat man in Frankreich „durch Verordnung“ Unheil geschmiedet, und wie war der Ausgang?
12 Frankreich. Es kommt vor, dass Gegner des Volkes Gottes auf den Plan treten und man „durch Verordnung Unheil schmiedet“. (Lies Psalm 94:20.) Mitte der 90er-Jahre beispielsweise wurde eine der Rechtskörperschaften der Zeugen Jehovas in Frankreich, die Association Les Témoins de Jéhovah (ATJ), einer Rechnungsprüfung unterzogen. Der Haushaltsminister verriet die wahre Absicht dahinter, als er sagte: „Die Rechnungsprüfung könnte zu einem Liquidations- oder Strafverfahren . . . führen, das die Handlungsfähigkeit der Vereinigung beeinträchtigen oder sie zwingen würde, ihre Aktivitäten in unserem Gebiet einzustellen.“ Obwohl die Prüfung keine Unregelmäßigkeiten ergab, wurde die ATJ mit einer erdrückenden Steuer belegt. Hätte die Taktik Erfolg gehabt, dann wäre unseren Brüdern kaum etwas anderes übrig geblieben, als das Bethel zu schließen und die Gebäude zu verkaufen. Sonst hätten sie die enorme Summe nicht aufbringen können. Das war ein schwerer Schlag, aber Gottes Volk gab nicht auf. Jehovas Zeugen protestierten energisch gegen diese ungerechte Behandlung und brachten den Fall 2005 schließlich vor den EGMR.
13 Das Urteil wurde am 30. Juni 2011 verkündet. Laut EGMR schließt Religionsfreiheit aus, dass der Staat die Zulässigkeit von Glaubensansichten und Glaubensäußerungen bewertet — außer in Extremfällen. Die Richter stellten fest, dass der Glaubensgemeinschaft durch die Steuer die „notwendigen finanziellen Mittel entzogen“ wurden, sodass sie „praktisch nicht mehr in der Lage war, für ihre Anhänger die freie Ausübung ihrer Religion zu sichern“. Das Gericht entschied einstimmig zugunsten von Jehovas Zeugen. Es herrschte große Freude unter Gottes Volk, als der französische Staat die Steuer zuzüglich Zinsen an die ATJ zurückzahlte und, wie vom Gericht verfügt, seine Ansprüche auf das Eigentum von Jehovas Zeugen zurücknahm.
Es ist wichtig, immer wieder für Brüder und Schwestern zu beten, die unter Ungerechtigkeiten, Schikane oder Verfolgung leiden
14. Wie können wir als Einzelne den Kampf um freie Religionsausübung unterstützen?
14 Wie Esther und Mordechai in biblischer Zeit kämpfen Jehovas Diener auch heute für ihre Freiheit, ihren Glauben so zu praktizieren, wie es Jehova geboten hat (Esth. 4:13-16). Wie kannst du diesen Kampf unterstützen? Indem du immer wieder für Brüder und Schwestern betest, die unter Ungerechtigkeiten, Schikane oder Verfolgung leiden. Solche Gebete können viel bewirken. (Lies Jakobus 5:16.) An unseren Erfolgen vor Gericht sieht man, dass Jehova wirklich etwas bewegt (Heb. 13:18, 19).
Das Recht, nach dem eigenen Gewissen über eine medizinische Behandlung zu entscheiden
15. Worauf achten Jehovas Zeugen beim Thema Blut?
15 Wie in Kapitel 11 erörtert, vertreten die Bürger von Gottes Königreich einen klaren biblischen Standpunkt zum Thema Blut, und das in einer Welt, in der Missbrauch von Blut üblich geworden ist (1. Mo. 9:5, 6; 3. Mo. 17:11; lies Apostelgeschichte 15:28, 29). Wenn wir auch Bluttransfusionen ablehnen, so wünschen wir doch die bestmögliche ärztliche Behandlung für uns und unsere Familie, vorausgesetzt sie widerspricht nicht Gottes Geboten. Die höchsten Gerichtshöfe vieler Staaten gestehen Patienten das Recht zu, in Behandlungsfragen nach ihrem Gewissen und ihren Glaubensansichten zu entscheiden. In manchen Ländern hat man jedoch versucht, Zeugen Jehovas wegen ihrer Haltung einzuschüchtern. Es folgen einige Beispiele.
16, 17. Welchen Schock erlitt eine Schwester in Japan, und wie wurden ihre Gebete erhört?
16 Japan. Misae Takeda, eine 63-jährige Hausfrau, musste sich einer schweren Operation unterziehen. Als loyale Bürgerin des Königreiches Gottes erklärte sie ihrem Arzt ausdrücklich, sie wünsche ohne Blut behandelt zu werden. Monate später erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, dass man ihr während des Eingriffs dennoch Blut übertragen hatte. Sie empfand das als Verrat und Körperverletzung. Im Juni 1993 verklagte sie die Ärzte und das Krankenhaus. Diese bescheidene, sanfte Frau hatte einen unerschütterlichen Glauben. Beherzt sagte sie vor Gericht aus und verharrte trotz schwindender Kräfte über eine Stunde lang im Zeugenstand. Einen Monat vor ihrem Tod erschien sie zum letzten Mal im Gerichtssaal. Schwester Takeda bewies bewundernswerten Mut und Glauben. Sie sagte, sie habe Jehova unaufhörlich um seinen Segen für diesen Kampf angefleht und glaube fest daran, dass ihre Gebete erhört würden. Wie ging die Sache weiter?
17 Drei Jahre nach Schwester Takedas Tod bestätigte der Oberste Gerichtshof von Japan, dass es rechtswidrig war, ihr gegen ihren ausdrücklichen Willen Blut zu transfundieren. Gemäß dem Urteil vom 29. Februar 2000 muss in solchen Fällen die Entscheidungsfreiheit „als Persönlichkeitsrecht respektiert werden“. Schwester Takeda hat entschlossen für ihr Recht gekämpft, in Behandlungsfragen nach ihrem biblisch ausgerichteten Gewissen zu entscheiden. Heute brauchen Jehovas Zeugen in Japan deshalb bei medizinischen Eingriffen keine Angst mehr vor einer aufgezwungenen Bluttransfusion zu haben.
Pablo Albarracini (Siehe Absatz 18—20)
18—20. (a) Wie wurde die Patientenverfügung eines Zeugen Jehovas in Argentinien respektiert? (b) Wie können wir beim Thema Blut beweisen, dass wir loyal zu Christus stehen?
18 Argentinien. Wie kann ein Bürger des Königreiches sicherstellen, dass im Fall einer Bewusstlosigkeit sein erklärter Wille respektiert wird? Durch ein rechtsverbindliches Dokument, das er immer bei sich trägt. So machte es auch Pablo Albarracini. Im Mai 2012 war er Zeuge eines versuchten Raubüberfalls und wurde mehrfach angeschossen. Man lieferte ihn bewusstlos ins Krankenhaus ein. Vier Jahre zuvor hatte er eine Patientenverfügung ordnungsgemäß ausgefüllt, die seinen Standpunkt zu Bluttransfusionen deutlich machte. Pablos Zustand war zwar kritisch und einige Ärzte dachten, man müsse ihm Blut übertragen, um sein Leben zu retten, doch das Ärzteteam erklärte sich bereit, seinen Wünschen Folge zu leisten. Sein Vater, kein Zeuge Jehovas, erwirkte allerdings eine gerichtliche Anordnung, um den Willen seines Sohnes zu umgehen.
19 Der Anwalt von Pablos Frau legte sofort Rechtsmittel ein. Innerhalb weniger Stunden erklärte das Berufungsgericht die Anordnung der unteren Instanz für ungültig und entschied, die Patientenverfügung müsse respektiert werden. Daraufhin ging Pablos Vater vor den Obersten Gerichtshof von Argentinien. Für dieses Gericht bestand jedoch kein Zweifel daran, dass Pablo das Dokument „im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, in fester Absicht und aus freien Stücken abgefasst hatte“. Es führte weiter aus: „Jeder mündige, erwachsene Bürger ist in der Lage, eine Patientenverfügung niederzulegen, und darf bestimmte medizinische Behandlungen akzeptieren oder ablehnen . . . Diese Verfügung muss von dem behandelnden Arzt respektiert werden.“
Hast du eine Patientenverfügung ausgefüllt?
20 Bruder Albarracini hat sich wieder völlig erholt. Er und seine Frau sind froh, dass er die Patientenverfügung ausgefüllt hatte. Durch diesen einfachen und doch so wichtigen Schritt bewies er seine Loyalität gegenüber Christus, dem König von Gottes Reich. Hast du ähnliche Vorsorge getroffen? Und wie ist es mit deinen Angehörigen?
April Cadoreth (Siehe Absatz 21—24)
21—24. (a) Welche bedeutsame Entscheidung traf der Oberste Gerichtshof von Kanada für Minderjährige? (b) Was können junge Zeugen Jehovas aus diesem Fall lernen?
21 Kanada. Im Allgemeinen gestehen Gerichte Eltern das Recht zu, festzulegen, welche medizinische Behandlung für ihre Kinder am besten ist. Mitunter haben sie sogar entschieden, dass ein reifer Minderjähriger bei medizinischen Entscheidungen mit einbezogen werden sollte. Dazu hat April Cadoreth beigetragen. Im Alter von 14 Jahren kam sie mit schweren inneren Blutungen in ein Krankenhaus. Wenige Monate zuvor hatte sie eine Patientenverfügung ausgefüllt, in der stand, dass ihr nicht einmal im Notfall Blut übertragen werden solle. Der behandelnde Arzt setzte sich über Aprils ausdrücklichen Wunsch hinweg und erwirkte einen Gerichtsentscheid. Man transfundierte ihr gewaltsam drei Einheiten Erythrozytenkonzentrat (rote Blutkörperchen). April verglich dieses traumatische Erlebnis später mit einer Vergewaltigung.
22 April und ihre Eltern zogen vor Gericht. Nach zwei Jahren befasste sich der Oberste Gerichtshof von Kanada mit dem Fall. Formaljuristisch verlor April zwar die Verfassungsbeschwerde, aber das Gericht erließ ihr die Prozesskosten und urteilte in ihrem Sinne. Das Urteil kommt nämlich reifen Minderjährigen zugute, die ihr Recht wahrnehmen möchten, selbst über ihre medizinische Behandlung zu entscheiden. Es hieß darin: „Jugendlichen unter 16 sollte bei einem ärztlichen Eingriff gestattet sein, den Beweis zu erbringen, dass ihre Haltung zu einer bestimmten medizinischen Behandlung ein ausreichendes Maß an Reife und selbstständigem Denken erkennen lässt.“
23 Dieser Fall ist insofern bedeutsam, als sich der Oberste Gerichtshof mit den verfassungsmäßigen Rechten reifer Minderjähriger auseinandersetzte. Vor dem Urteil konnte ein kanadisches Gericht bei Jugendlichen unter 16 Jahren eine medizinische Behandlung genehmigen, wenn es der Meinung war, diese diene dem Kindeswohl. Doch nun kann ein Gericht keine Behandlung gegen den Willen Jugendlicher unter 16 autorisieren, ohne ihnen vorher Gelegenheit zu geben, zu beweisen, dass sie reif genug sind, eigene Entscheidungen zu treffen.
„Es macht mich richtig glücklich, dass ich ein bisschen dazu beitragen konnte, Gottes Namen zu verherrlichen und Satan zum Lügner zu stempeln“
24 War der dreijährige Kampf die Mühe wert? „Ja!“, sagt April. Sie ist inzwischen Pionier und erfreut sich guter Gesundheit. „Es macht mich richtig glücklich, dass ich ein bisschen dazu beitragen konnte, Gottes Namen zu verherrlichen und Satan zum Lügner zu stempeln.“ Wie Aprils Erfahrung zeigt, können junge Leute mutig für ihren Glauben eintreten und sich so als echte Bürger des Königreiches Gottes erweisen (Mat. 21:16).
Das Recht der Eltern, ihre Kinder nach Jehovas Maßstäben zu erziehen
25, 26. Zu welcher Situation kann es bei einer Ehescheidung kommen?
25 Jehova hat Eltern die Verantwortung übertragen, ihre Kinder in seinem Sinne zu erziehen (5. Mo. 6:6-8; Eph. 6:4). Das ist an sich schon eine Herausforderung, kann aber noch schwieriger werden, wenn die Eltern sich scheiden lassen. Ihre Ansichten über Kindererziehung weichen oft stark voneinander ab. Der eine findet es beispielsweise wichtig, sein Kind nach christlichen Maßstäben zu erziehen, was der andere womöglich nicht so sieht. Als Zeuge Jehovas sollte man sich natürlich respektvoll verhalten und anerkennen, dass eine Scheidung zwar die Ehe auflösen mag, nicht aber die Eltern-Kind-Beziehung.
26 Ein Elternteil, der kein Zeuge Jehovas ist, wird vielleicht das Sorgerecht beantragen, um die religiöse Erziehung kontrollieren zu können. Mancher behauptet, es schade einem Kind, als Zeuge Jehovas aufzuwachsen. Es dürfe beispielsweise nicht Geburtstag oder Weihnachten feiern und erhalte in einem medizinischen Notfall keine „lebensrettenden“ Bluttransfusionen. Glücklicherweise achten die meisten Gerichte darauf, was dem Kindeswohl dient, statt darüber zu urteilen, ob die Religion eines Elternteils bedenklich erscheint. Sehen wir uns dazu einige Vorfälle an.
27, 28. Wie reagierte der Oberste Gerichtshof von Ohio auf die Behauptung, es schade einem Kind, als Zeuge Jehovas aufzuwachsen?
27 Vereinigte Staaten. 1992 befasste sich der Oberste Gerichtshof von Ohio mit einem Fall, bei dem der Vater behauptete, es schade seinem kleinen Sohn, als Zeuge Jehovas aufzuwachsen. Das erstinstanzliche Gericht hatte seine Ansicht geteilt und ihm das Sorgerecht zugesprochen. Die Mutter, Jennifer Pater, hatte Umgangsrecht, durfte „dem Kind aber in keiner Form die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas vermitteln oder es auch nur damit in Berührung bringen“. Diesen weit gefassten Gerichtsbeschluss konnte man so auslegen, als dürfe Schwester Pater mit ihrem Sohn Bobby nicht einmal über die Bibel und ihre moralischen Werte sprechen. Was für eine bedrückende Situation! Jennifer war am Boden zerstört, doch wie sie selbst sagt, hat sie gelernt, geduldig zu sein und auf Jehova zu hoffen. „Jehova war immer für mich da.“ Ihre Anwältin beriet sich mit verantwortlichen Brüdern im Bethel und rief den Obersten Gerichtshof von Ohio an.
28 Das Gericht widersprach dem Urteil der unteren Instanz und erklärte: „Eltern haben das fundamentale Recht, ihren Kindern Werte zu vermitteln, wozu auch moralische und religiöse Werte gehören.“ Solange es nicht erwiesen sei, dass die religiösen Werte der Zeugen Jehovas dem körperlichen und psychischen Wohl des Kindes schaden, dürfe das Gericht nicht das Sorgerecht eines Elternteils aufgrund der Religionszugehörigkeit einschränken. Das Gericht konnte nicht feststellen, dass die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas die psychische oder körperliche Gesundheit des Kindes beeinträchtigen.
Viele Gerichte haben das Recht von Zeugen Jehovas respektiert, für ihre Kinder zu sorgen
29—31. Warum verlor eine Schwester in Dänemark das Sorgerecht für ihre Tochter, und wie entschied der Oberste Gerichtshof von Dänemark?
29 Dänemark. Anita Hansen stand vor einer ähnlichen Herausforderung, als ihr Exmann das Sorgerecht für die siebenjährige Amanda beantragte. Im Jahr 2000 übertrug ihr das erstinstanzliche Gericht zwar das Sorgerecht, aber der Vater legte Rechtsmittel ein, worauf ihm Amanda zugesprochen wurde. Das Argument? Die Eltern hätten aufgrund ihrer religiösen Überzeugung eine unterschiedliche Lebensauffassung und der Vater sei besser in der Lage, die dadurch entstehenden Konflikte anzugehen. Im Grunde genommen verlor Schwester Hansen also das Sorgerecht für Amanda, weil sie eine Zeugin Jehovas ist.
30 In dieser ganzen belastenden Zeit war Schwester Hansen manchmal so aufgewühlt, dass sie nicht mehr wusste, worum sie beten sollte. Doch sie sagt: „Die Gedanken in Römer 8, Vers 26 und 27 haben mich sehr getröstet. Ich hatte immer das Gefühl, Jehova weiß, was ich meine. Er hatte mich im Blick und war immer für mich da.“ (Lies Psalm 32:8; Jesaja 41:10.)
31 Schwester Hansen wandte sich an den Obersten Gerichtshof von Dänemark. Dieser kam zu dem Schluss: „Die Entscheidung über das Sorgerecht muss auf der konkreten Einschätzung beruhen, was im Interesse des Kindes ist.“ Es gehe darum, wie jeder Elternteil Konflikte löst, und nicht darum, welche „Lehren und Positionen“ Jehovas Zeugen vertreten. Was für eine Erleichterung für Schwester Hansen, als das Gericht ihre Eignung als Mutter bestätigte und ihr das Sorgerecht für Amanda zurückgab!
32. Wie hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Zeugen Jehovas vor Diskriminierung geschützt?
32 Verschiedene europäische Länder. Manchmal wurden Sorgerechtsstreitigkeiten bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gebracht. In zwei Fällen stellte der EGMR fest, dass die Gerichte des jeweiligen Landes die beiden Parteien lediglich aufgrund der Glaubenszugehörigkeit eines Elternteils ungleich behandelt hatten. Eine derartige Ungleichbehandlung sei diskriminierend. Der EGMR kam zu dem Schluss, dass „eine Unterscheidung, die im Wesentlichen allein auf einem Unterschied in der Religion basiert, nicht hinnehmbar“ ist. Eine Mutter, die von einem solchen Urteil des EGMR profitierte, sagte rückblickend: „Es hat sehr wehgetan, dass man mich beschuldigt hat, meinen Kindern zu schaden, wo ich ihnen doch einfach nur das geben wollte, was ich für ihr Wohl am besten hielt — eine christliche Erziehung.“
33. Wie kann ein Vater oder eine Mutter den Grundsatz aus Philipper 4:5 beachten?
33 Ein Zeuge Jehovas, der um sein Recht kämpfen muss, seinen Kindern biblische Werte ans Herz zu legen, bemüht sich natürlich vernünftig zu sein. (Lies Philipper 4:5.) So, wie er sein Recht schätzt, seine Kinder im Sinne Gottes zu erziehen, gesteht er auch dem anderen Elternteil zu, seine elterliche Verantwortung wahrzunehmen, sofern dieser es wünscht. Wie ernst nehmen Jehovas Zeugen ihre Verantwortung als Eltern?
34. Was können christliche Eltern von den Juden zur Zeit Nehemias lernen?
34 Das zeigt eine Situation aus der Zeit Nehemias. Damals waren die Juden angestrengt damit beschäftigt, die Stadtmauer Jerusalems auszubessern und wiederaufzubauen. Sie wussten, dass ihre Familien so vor den umliegenden feindlichen Völkern beschützt wären. Nehemia forderte sie eindringlich auf: „Kämpft für eure Brüder, eure Söhne und eure Töchter, eure Frauen und eure Heimstätten“ (Neh. 4:14). Für die Juden war dieser Kampf den Einsatz wert. Auch heute strengen sich die Eltern unter Jehovas Zeugen sehr an, ihre Kinder in der Wahrheit zu erziehen. Sie wissen, dass ihre Kinder in der Schule und in der Nachbarschaft oft mit schlechten Einflüssen bombardiert werden. Solche Einflüsse können über die Medien sogar ins Zuhause eindringen. Vergesst nie, liebe Eltern, dass der Kampf für eure Kinder den Einsatz wert ist. Sorgt für eine Umgebung, in der sie sich geborgen fühlen und geistig stark werden können.
Auf Jehovas Unterstützung bauen
35, 36. Was haben Jehovas Zeugen durch ihren Kampf für ihre Rechte erreicht, und wozu sind wir entschlossen?
35 Jehova hat seine Diener eindeutig dafür gesegnet, wie sie sich für das Recht auf freie Religionsausübung eingesetzt haben. Oft konnten sie dadurch vor Gericht und vor der Öffentlichkeit eindrucksvoll die biblische Wahrheit bekannt machen (Röm. 1:8). Als Nebeneffekt ihrer vielen gerichtlichen Erfolge wurden auch die Bürgerrechte anderer gestärkt. Wir sind jedoch keine Sozialreformer, und es geht uns auch nicht darum, uns zu rechtfertigen. Wenn wir für unsere Rechte kämpfen, dann vor allem deshalb, weil wir die reine Anbetung Jehovas fördern und festigen möchten. (Lies Philipper 1:7.)
36 Nehmen wir den Einsatz unserer Brüder und Schwestern nie für selbstverständlich! Sie haben in ihrem Kampf für eine freie Religionsausübung großes Vertrauen auf Jehova bewiesen. Tun wir es ihnen gleich, und seien wir zuversichtlich, dass Jehova uns unterstützt und uns die Kraft gibt, seinen Willen zu erfüllen (Jes. 54:17).
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