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    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 10

      In genauer Erkenntnis der Wahrheit wachsen

      JEHOVAS ZEUGEN haben nicht vorgehabt, neue Lehren, eine neue Form der Anbetung oder eine neue Religion einzuführen. Statt dessen zeugt ihre neuzeitliche Geschichte von gewissenhaften Bemühungen, das zu lehren, was in der Bibel, dem inspirierten Wort Gottes, steht. Sie verweisen darauf als Grundlage aller ihrer Glaubensansichten und ihrer Lebensweise. Statt Anschauungen zu entwickeln, die den liberalen Trend der heutigen Welt widerspiegeln, versuchen sie, sich immer enger an die Lehren der Bibel und die Handlungsweise des Urchristentums zu halten.

      Anfang der 1870er Jahre begannen Charles Taze Russell und seine Gefährten ein ernsthaftes Studium der Bibel. Es fiel ihnen auf, daß die Christenheit von den Lehren und Bräuchen des Urchristentums weit abgekommen war. Bruder Russell behauptete nicht, der erste zu sein, der das erkannte, und er gab offen zu, daß er anderen Dank schuldete für ihre Unterstützung während der Anfangsjahre seines Studiums der Heiligen Schrift. Er äußerte sich anerkennend über die gute Arbeit, die verschiedene Bewegungen innerhalb der Reformation geleistet hatten, um das Licht der Wahrheit heller erstrahlen zu lassen. Er erwähnte namentlich Männer, die älter waren als er, wie Jonas Wendell, George Stetson, George Storrs und Nelson Barbour, die persönlich auf verschiedene Weise zu seinem Verständnis des Wortes Gottes beitrugen.a

      Außerdem sagte er, daß die „verschiedenen Lehren, die wir vertreten und die so neu und frisch und anders wirken, schon vor langem in irgendeiner Form vertreten wurden, zum Beispiel: Auserwählung, freie Gnade, Wiederherstellung, Rechtfertigung, Heiligung, Verherrlichung und Auferstehung“. Häufig war es allerdings so, daß sich die eine religiöse Gruppe durch ein klareres Verständnis einer bestimmten biblischen Wahrheit auszeichnete, während eine andere Gruppe eine andere Wahrheit besser verstand. Oft wurde deren weiterer Fortschritt dadurch behindert, daß sie an Lehren und Glaubensbekenntnisse gefesselt waren, die gängige Ansichten des alten Babylons und Ägyptens enthielten oder der griechischen Philosophie entlehnt waren.

      Doch welche Gruppe würde sich mit der Hilfe des Geistes Gottes allmählich wieder das ganze „Muster gesunder Worte“ aneignen, an dem die Christen des ersten Jahrhunderts festgehalten hatten? (2. Tim. 1:13). Wessen Pfad wäre „wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag wird“? (Spr. 4:18). Wer würde wirklich das Werk tun, das Jesus mit den Worten gebot: „Ihr werdet Zeugen von mir sein ... bis zum entferntesten Teil der Erde.“? Wer würde nicht nur Jünger machen, sondern sie auch ‘lehren, alles zu halten’, was Jesus geboten hatte? (Apg. 1:8; Mat. 28:19, 20). War tatsächlich die Zeit gekommen, wo der Herr deutlich die wahren Christen, die er mit Weizen verglich, von den Scheinchristen unterschied, die er als Unkraut bezeichnete (eine Sorte Unkraut, die dem Weizen bis zur Reife sehr ähnlich ist)b? (Mat. 13:24-30, 36-43). Wer würde sich als der „treue und verständige Sklave“ erweisen, den der Herr, Jesus Christus, bei seiner Gegenwart in Königreichsmacht mit mehr Verantwortung für das Werk betrauen würde, das für den Abschluß des Systems der Dinge vorhergesagt wurde? (Mat. 24:3, 45-47).

      Das Licht leuchten lassen

      Jesus wies seine Jünger an, andere an dem Licht der göttlichen Wahrheit, das sie von ihm empfangen hatten, teilhaben zu lassen. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagte er. „Laßt euer Licht vor den Menschen leuchten“ (Mat. 5:14-16; Apg. 13:47). Charles Taze Russell und seine Gefährten erkannten, daß sie dazu verpflichtet waren.

      Auf die Frage, ob sie glaubten, über alles Bescheid zu wissen und das gesamte Licht der Wahrheit erfaßt zu haben, antwortete Bruder Russell treffend: „Nein, bestimmt nicht — weder jetzt noch in nächster Zeit, sondern erst, wenn der ‘vollkommene Tag’ da ist“ (Spr. 4:18, King James [KJ]). Oft bezeichneten sie ihre biblischen Glaubensansichten als die „gegenwärtige Wahrheit“ — ohne damit auch nur im entferntesten ausdrücken zu wollen, daß die Wahrheit selbst sich verändere, sondern um zu zeigen, daß ihr Verständnis der Wahrheit fortschreitend sei.

      Diese gewissenhaften Erforscher der Bibel schreckten nicht vor dem Gedanken zurück, daß es in Religionsfragen so etwas wie Wahrheit gibt. Sie erkannten Jehova als den „Gott der Wahrheit“ an und die Bibel als sein Wort der Wahrheit (Ps. 31:5; Jos. 21:45; Joh. 17:17). Ihnen war klar, daß sie vieles noch nicht wußten, aber sie hielten sich nicht zurück, das aus der Bibel Gelernte mit Überzeugung zu vertreten. Und wenn traditionelle religiöse Lehren und Bräuche dem widersprachen, was ihrer Meinung nach im inspirierten Wort Gottes unmißverständlich gesagt wurde, wiesen sie wie Jesus Christus deutlich darauf hin, obwohl ihnen das den Spott und den Haß der Geistlichkeit einbrachte (Mat. 15:3-9).

      Um die geistigen Bedürfnisse anderer anzusprechen und zu stillen, gab C. T. Russell vom Juli 1879 an die Zeitschrift Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi heraus.

      Die Bibel — tatsächlich das Wort Gottes

      Charles Taze Russell vertraute der Bibel nicht einfach deshalb, weil es damals aus Tradition so üblich gewesen wäre. Im Gegenteil, zu jener Zeit war die Bibelkritik ziemlich populär. Ihre Verfechter zweifelten die Zuverlässigkeit des Bibelberichts an.

      Als Jugendlicher hatte sich Russell der Kongregationalistenkirche angeschlossen und seinen Glauben praktiziert, doch die Unlogik der althergebrachten Glaubenssätze machte ihn mit der Zeit zum Skeptiker. Er stellte fest, daß das, was man ihm beigebracht hatte, nicht zufriedenstellend durch die Bibel erhärtet werden konnte. Deshalb verwarf er die kirchlichen Glaubensartikel mitsamt der Bibel. Als nächstes untersuchte er die bedeutenden Religionen des Ostens, aber auch sie befriedigten ihn nicht. Dann fragte er sich, ob die Bibel womöglich durch die Glaubensbekenntnisse der Christenheit falsch dargestellt wurde. Die Gedanken, die er eines Abends bei einer Zusammenkunft der Adventisten hörte, regten ihn zu einem systematischen Studium der Bibel an. Was sich dabei vor ihm auftat, war tatsächlich das inspirierte Wort Gottes.

      Er war von der inneren Harmonie der Bibel tief beeindruckt und auch davon, wie sie mit der Persönlichkeit desjenigen harmonierte, der als ihr göttlicher Autor ausgewiesen wurde. Um dies anderen zu vermitteln, schrieb er später das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter, das er 1886 veröffentlichte. Es enthielt eine längere Abhandlung über das Thema „Die Bibel als göttliche Offenbarung im Lichte der Vernunft und Erkenntnis betrachtet“. Gegen Ende des Kapitels erklärte er unmißverständlich: „Die Tiefe, Kraft, Weisheit und der Umfang desselben [des Zeugnisses der Bibel] gibt uns die Überzeugung, daß nicht Menschen, sondern der allmächtige Gott der Urheber ihrer Pläne und Offenbarungen ist.“

      Das Vertrauen zur ganzen Bibel als Gottes Wort ist bis heute ein Eckstein im Glaubensgebäude der neuzeitlichen Zeugen Jehovas. Da ihnen weltweit Studienhilfsmittel zur Verfügung stehen, können sie die Beweise für die Inspiration der Bibel persönlich überprüfen. In ihren Zeitschriften wird dieses Thema immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. 1969 veröffentlichten sie das Buch Ist die Bibel wirklich das Wort Gottes? Zwanzig Jahre später wurde das Thema der Glaubwürdigkeit der Bibel in dem Buch Die Bibel — Gottes oder Menschenwort? erneut untersucht; es wurde auf weitere Beweise aufmerksam gemacht, und man kam zur selben Schlußfolgerung: Die Bibel ist wirklich das inspirierte Wort Gottes. 1963 brachten sie das Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich“ heraus, das 1990 auf den neusten Stand gebracht wurde. Weitere Einzelheiten sind in ihrem biblischen Nachschlagewerk Einsichten über die Heilige Schrift zu finden, das in Englisch 1988 veröffentlicht wurde.

      Dadurch, daß sie solche Informationen persönlich und im Rahmen der Versammlung studieren, sind sie zu der Überzeugung gelangt, daß Gott die Niederschrift dessen, was die 66 Bücher der Bibel enthalten, durch seinen Geist geleitet hat, auch wenn dafür in einem Zeitraum von 16 Jahrhunderten rund 40 Männer gebraucht wurden. Der Apostel Paulus schrieb: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert“ (2. Tim. 3:16; 2. Pet. 1:20, 21). Diese Überzeugung ist eine starke Triebfeder im Leben der Zeugen Jehovas. Eine britische Zeitung sagte dazu: „Alles, was ein Zeuge tut, hat einen biblischen Grund. Ja, ihr einer Grundlehrsatz ist die Anerkennung der Bibel als ... wahr.“

      Den wahren Gott kennengelernt

      Bei ihrem Studium der Heiligen Schrift fiel Bruder Russell und seinen Gefährten bald auf, daß der Gott der Bibel nicht dem Gott der Christenheit entspricht. Das war eine wichtige Erkenntnis, denn die Aussicht der Menschen auf ewiges Leben hängt nach den Worten Jesu davon ab, daß sie den allein wahren Gott erkennen sowie den, den er ausgesandt hat, den Hauptvermittler der Rettung (Joh. 17:3; Heb. 2:10). C. T. Russell und die Gruppe, die gemeinsam mit ihm die Bibel studierte, wurden sich bewußt, daß die Gerechtigkeit Gottes in einem vollkommen harmonischen Verhältnis zu seiner Weisheit, Liebe und Macht steht und daß sich diese Eigenschaften in allen seinen Werken zeigen. Auf der Grundlage ihrer damaligen Erkenntnis über den Vorsatz Gottes verfaßten sie eine Abhandlung über die Frage, warum das Böse zugelassen wird, die sie in das 162seitige Buch Speise für denkende Christen aufnahmen — eine ihrer ersten und am weitesten verbreiteten Publikationen, die zuerst als Sonderausgabe von Zions Wacht-Turm im September 1881 in Englisch erschien.

      Das Studium des Wortes Gottes führte ihnen vor Augen, daß der Schöpfer einen Eigennamen hat und daß er es den Menschen ermöglicht, ihn kennenzulernen und ein enges Verhältnis zu ihm zu haben (1. Chr. 28:9; Jes. 55:6; Jak. 4:8). Im Wacht-Turm von Oktober/November 1881 (engl.) wurde betont: „JEHOVA ist der Name, der auf niemand anders angewandt wird als auf das höchste Wesen — unseren Vater, ihn, den Jesus Vater und Gott nannte“ (Ps. 83:18; Joh. 20:17).

      Im folgenden Jahr konnte man als Antwort auf die Frage: „Behaupten Sie, die Bibel lehre nicht, daß es drei Personen in einem Gott gibt?“ lesen: „Ja! Im Gegenteil, sie sagt uns, daß es einen Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus gibt, aus dem alle Dinge sind (oder der alle Dinge erschuf). Wir glauben daher an den einen Gott und Vater und auch an den einen Herrn Jesus Christus. ... Diese aber sind zwei und nicht ein Wesen. Sie sind nur in dem Sinne eins, daß sie miteinander in Einklang sind. Wir glauben auch an einen Geist Gottes. ... Aber dabei handelt es sich genausowenig um eine Person wie bei dem teuflischen Geist, dem Geist der Welt und dem Geist des Antichristen“ (Zions Wacht-Turm, Juni 1882, engl.; Joh. 17:20-22).

      Wachsende Wertschätzung für Gottes Namen

      Diesen Erforschern der Bibel wurde im Laufe der Zeit zunehmend bewußt, wie sehr die inspirierte Heilige Schrift den Eigennamen Gottes hervorhebt. Dieser Name wurde im Englischen in der katholischen Douay-Übersetzung und der protestantischen King-James-Bibel verheimlicht, was auch später, im 20. Jahrhundert, auf die meisten Übersetzungen in vielen Sprachen zutraf. Doch verschiedene Übersetzungen und biblische Nachschlagewerke bezeugten, daß der Name Jehova im Urtext Tausende von Malen vorkommt — weit öfter als jeder andere Name und auch häufiger als alle Stellen zusammengenommen, an denen Titel wie Gott und Herr stehen. Als „ein Volk für seinen Namen“ bekamen sie immer mehr Wertschätzung für den göttlichen Namen (Apg. 15:14). Im Wacht-Turm vom 1. Februar 1926 wurde die Streitfrage behandelt, der sich nach ihrem Verständnis jeder stellen muß: „Wer wird Jehova ehren?“

      Der Nachdruck, den sie auf den Namen Gottes legten, war nicht nur eine Sache religiösen Wissens. Wie in dem Buch Prophezeiung (1929) erklärt wurde, geht es bei der wichtigsten Streitfrage, der sich die gesamte vernunftbegabte Schöpfung gegenübersieht, um den Namen und das Wort Jehovas. Jehovas Zeugen betonen die Aussage der Bibel, daß jeder Gottes Namen kennen und heiligen soll (Mat. 6:9; Hes. 39:7). Er muß von aller Schmach befreit werden, die auf ihn gehäuft wurde, nicht nur von denen, die Jehova offen Widerstand geleistet haben, sondern auch von denen, die ihn durch ihre Lehren und Handlungen falsch dargestellt haben (Hes. 38:23; Röm. 2:24). Jehovas Zeugen erkennen aus der Bibel, daß das Wohl des gesamten Universums mitsamt allen Geschöpfen von der Heiligung des Namens Jehovas abhängt.

      Sie wissen, daß es für seine Zeugen eine Pflicht und ein Vorrecht ist, anderen die Wahrheit über Jehova mitzuteilen, bevor er einschreitet und die Bösen vernichtet. Jehovas Zeugen haben das weltweit getan. Sie sind dieser Verantwortung auf der ganzen Erde so eifrig nachgekommen, daß man jeden, der den Namen Jehovas freimütig verwendet, sofort als einen Zeugen Jehovas erkennt.

      Die Dreieinigkeit bloßgestellt

      Als Zeugen für Jehova empfanden es C. T. Russell und seine Gefährten als ihre unbedingte Pflicht, Lehren bloßzustellen, die Gott falsch darstellten, um wahrheitsliebenden Menschen erkennen zu helfen, daß sie nicht biblisch begründet sind. Sie waren nicht die ersten, die entdeckten, daß die Dreieinigkeit unbiblisch ist,c aber sie verstanden, daß sie die Wahrheit darüber bekanntmachen mußten, wenn sie treue Diener Gottes sein wollten. Im Interesse aller wahrheitsliebenden Menschen enthüllten sie mutig den heidnischen Ursprung dieser zentralen Lehre der Christenheit.

      Im Wacht-Turm vom Juni 1882 (engl.) hieß es: „Viele heidnische Philosophen, die es für taktisch klug hielten, sich der aufstrebenden Religion [eine abtrünnige Form des Christentums, die von römischen Kaisern im 4. Jahrhundert u. Z. gebilligt wurde] anzuschließen, machten sich die Sache leichter, indem sie im Christentum nach Dingen suchten, die eine Entsprechung im Heidentum hätten, um beides miteinander zu verschmelzen. Das gelang ihnen nur allzu gut. ... Da es in der alten Theologie viele Hauptgötter und etliche Halbgötter beiderlei Geschlechts gab, machten sich die heidnischen Christen (wenn wir einen neuen Begriff prägen dürfen) daran, die Liste für die neue Theologie zu revidieren. Zu diesem Zeitpunkt also wurde die Lehre von drei Göttern erfunden — Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.“

      Manche Geistliche versuchten, ihrer Lehre einen biblischen Anstrich zu geben, indem sie Texte wie 1. Johannes 5:7 zitierten, doch wie Bruder Russell nachwies, war es Gelehrten durchaus bekannt, daß ein Teil dieses Textes eine Fälschung war, ein Einschiebsel eines Schreibers, der eine unbiblische Lehre stützen wollte. Andere Verfechter der Dreieinigkeit beriefen sich auf Johannes 1:1, aber im Wacht-Turm wurde dieser Bibeltext auf seinen Inhalt und den Kontext hin untersucht, um zu zeigen, daß er den Glauben an die Dreieinigkeit keineswegs rechtfertigte. In diesem Zusammenhang wurde im Wacht-Turm vom Juli 1883 (engl.) gesagt: „Mehr Bibeltheologie und weniger Gesangbuchtheologie, und allen wäre das Thema klarer geworden. Die Dreieinigkeitslehre steht im krassen Gegensatz zur Bibel.“

      Bruder Russell zeigte unverhohlen auf, wie unvernünftig es ist, an die Bibel glauben zu wollen und gleichzeitig eine Lehre wie die Dreieinigkeit zu vertreten, die der Bibel widerspricht. So schrieb er: „In was für einen Wirrwarr von konfusen Widersprüchen sich diejenigen doch verstricken, die sagen, Jesus und der Vater seien e i n Gott! Dann müßte man ja denken, unser Herr Jesus habe den Heuchler gespielt, als er auf der Erde war, und er habe nur vorgegeben, zu Gott zu beten, wenn er derselbe Gott gewesen wäre. ... Ferner war der Vater schon immer unsterblich, er konnte nicht sterben. Wie hätte Jesus dann sterben können? Alle Apostel wären falsche Zeugen, wenn Jesus nicht gestorben wäre, da sie den Tod und die Auferstehung Jesu verkündigt haben. Die Bibel erklärt indessen, daß er starb.“d

      Jehovas Zeugen haben also schon früh in ihrer neuzeitlichen Geschichte das Dreieinigkeitsdogma der Christenheit zugunsten der vernünftigen, herzerfrischenden Lehre der Bibel entschieden abgelehnt.e Das Werk, das sie getan haben, um diese Wahrheit zu verkündigen und sie Menschen überall zu Gehör zu bringen, hat Ausmaße angenommen, die von keiner Einzelperson oder Gruppe je erreicht worden sind — weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart.

      In welchem Zustand befinden sich die Toten?

      C. T. Russell machte sich schon als junger Mann darüber Gedanken, welche Zukunft denen bevorsteht, die Gottes Weg zur Rettung nicht angenommen haben. Als Jugendlicher glaubte er das, was die Geistlichen über das Höllenfeuer sagten; er dachte, sie predigten das Wort Gottes. Öfter ging er nachts nach draußen und schrieb mit Kreide an auffällige Stellen Bibeltexte, um Arbeiter, die dort vorbeigingen, zu warnen und sie vor der schrecklichen Strafe ewiger Qualen zu bewahren.

      Nachdem er sich später selbst davon überzeugt hatte, was die Bibel wirklich lehrt, sagte er nach den Worten eines seiner Gefährten: „Sollte die Bibel wirklich lehren, ewige Qual sei das Los aller, ausgenommen der Heiligen, dann müßte das gepredigt werden — ja wöchentlich, täglich, stündlich auf den Hausdächern ausgerufen werden; wenn sie das aber nicht lehrt, soll das bekanntgemacht werden, und der schlimme Schandfleck, der Gottes heiligen Namen entehrt, soll beseitigt werden.“

      Bereits zu Anfang seines Studiums der Bibel wurde C. T. Russell klar, daß die Hölle kein Ort ist, an dem Seelen nach dem Tod gequält werden. Zu dieser Erkenntnis verhalf ihm höchstwahrscheinlich George Storrs, der Herausgeber des Bible Examiner, über den Bruder Russell mit liebevoller Anerkennung schrieb und der selbst viel über sein biblisches Verständnis, den Zustand der Toten betreffend, geschrieben hatte.

      Doch wie stand es mit der Seele? Glaubten die Bibelforscher, sie sei etwas Geistiges, was dem Menschen innewohne, etwas, was nach dem Tod des Körpers weiterlebe? Im Gegenteil! 1903 hieß es im Wacht-Turm (engl.): „Der entscheidende Punkt ist nicht, daß der Mensch eine Seele hat, sondern daß der Mensch eine Seele oder ein Wesen ist — das müssen wir besonders beachten. Nehmen wir ein Beispiel aus der Natur — die Luft, die wir atmen: Sie setzt sich aus Sauerstoff und Stickstoff zusammen, von denen keines für sich die Atmosphäre oder die Luft ist; aber die beiden zusammen, im richtigen chemischen Verhältnis, ergeben Luft. Genauso ist es mit der Seele. Von diesem Standpunkt gesehen, bezeichnet Gott jeden einzelnen von uns als Seele. Er spricht dabei nicht von unserem Körper oder unserem Odem des Lebens, sondern spricht von uns als vernunftbegabten Wesen oder Seelen. Als er die Strafe für die Übertretung seines Gesetzes verkündete, sprach er nicht speziell vom Körper Adams, sondern von dem Menschen, der Seele, dem vernunftbegabten Wesen: ‚Du!‘ ‚Welches Tages du davon issest, wirst du gewißlich sterben.‘ ‚Die Seele, welche sündigt, die soll sterben‘ (1. Mo. 2:17; Hes. 18:20).“ So etwas hatte der Wacht-Turm sogar schon im April 1881 (engl.) geschrieben.f

      Wie entstand dann der Glaube, der Menschenseele wohne Unsterblichkeit inne? Wer war sein Urheber? Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Bibel und der Religionsgeschichte schrieb Bruder Russell im Wacht-Turm vom 15. April 1894 (engl.): „Offensichtlich entstammt er nicht der Bibel ... Die Bibel sagt unmißverständlich, daß der Mensch sterblich ist, daß er sterben kann. ... Durchblättert man die Seiten der Geschichte, so entdeckt man, daß die Lehre von der Unsterblichkeit des Menschen zwar der Kern aller heidnischen Religionen ist, nicht aber von Gottes inspirierten Zeugen gelehrt wird. ... Es stimmt also nicht, daß Sokrates und Platon die ersten waren, die diese Lehre vertraten: Schon vor ihnen wurde sie vertreten, und zwar von einem fähigeren Lehrer, als sie es waren. ... Die erste Aufzeichnung dieser falschen Lehre ist in dem ältesten dem Menschen bekannten Geschichtsbericht zu finden — in der Bibel. Der falsche Lehrer war Satan.“ g

      Den „Wasserstrahl“ auf die Hölle gerichtet

      Da es Bruder Russell sehr am Herzen lag, den schlimmen Schandfleck von Gottes Namen zu beseitigen, der durch die Lehre von einer ewigen Qual im Höllenfeuer darauf gebracht worden war, schrieb er ein Traktat über das Thema: „Lehrt die Schrift, daß ewige Qual der Lohn der Sünde ist?“ (Die alte Theologie, 1889, engl.). Darin erklärte er:

      „Die Idee einer ewigen Qual ist heidnischen Ursprungs, wenn sie bei den Heiden auch keine so unbarmherzige Lehre war, wie es später der Fall war, als sie allmählich das nominelle Christentum durchdrang, während es im zweiten Jahrhundert mit heidnischen Philosophien verschmolz. Es blieb dem großen Abfall überlassen, den heidnischen Philosophien die heute allgemein geglaubten schauerlichen Einzelheiten beizufügen, sie an die Kirchenmauern zu malen, wie es in Europa geschehen ist, sie in den Glaubensbekenntnissen und Lobgesängen festzuhalten und das Wort Gottes so zu verdrehen, als erwecke es den Anschein, Gott stünde hinter dieser schändlichen Blasphemie. Die leichtgläubigen Menschen von heute haben dieses Vermächtnis also weder vom Herrn noch von den Aposteln, noch von den Propheten erhalten, sondern es ist das Vermächtnis eines kompromißbereiten Geistes, der in seinem unheiligen ehrgeizigen Streben nach Macht, Reichtum und Anhängerschaft die Wahrheit und die Vernunft preisgab und in schamloser Weise die Lehren des Christentums entstellte. Ewige Qual als Strafe für Sünden war den Patriarchen alter Zeit unbekannt; sie war den Propheten des jüdischen Zeitalters unbekannt; und sie war dem Herrn und den Aposteln unbekannt; aber sie ist seit dem großen Abfall die wichtigste Lehre des nominellen Christentums — die Geißel, mit der den Leichtgläubigen, Unwissenden und Abergläubischen der Welt sklavischer Gehorsam gegenüber der Tyrannei eingebleut wird. Allen, die sich gegen die Autorität Roms auflehnten oder sie verschmähten, wurde ewige Qual angekündigt, und soweit es in der Macht Roms lag, wurde ihnen schon zu Lebzeiten Pein zugefügt.“

      Bruder Russell wußte, daß die meisten vernünftigen Menschen nicht recht an die Höllenfeuerlehre glaubten. „Da sie jedoch meinen, sie sei biblisch“, schrieb er 1896 in der Broschüre Was sagt die Heilige Schrift über die Hölle?, „so bedeutet ihr Fortschritt in wahrer Intelligenz und brüderlicher Liebe ... in den meisten Fällen eine Anzweiflung des Wortes Gottes, welches sie fälschlich dieser Lehre beschuldigen.“

      Um solche denkenden Menschen zu Gottes Wort zurückzuführen, gab er in dieser Broschüre alle Bibeltexte in der King-James-Bibel (dt.: Lutherbibel) an, in denen das Wort Hölle vorkam, damit sich der Leser selbst ein Bild von ihren Aussagen machen konnte, und dann erklärte er: „Gott sei Dank, wir finden keinen solchen Ort ewiger Qual, wie die Bekenntnisse und Gesangbücher und viele Kanzeln irrigerweise lehren. Doch haben wir eine Hölle gefunden, Scheol, Hades, zu der um der Sünde Adams willen unser ganzes Geschlecht verdammt war und von der alle durch den Tod unseres Herrn erkauft worden sind, und diese Hölle ist das Grab, der Todeszustand. Und wir finden eine andere Hölle (Gehenna, den zweiten Tod, völlige Vernichtung) uns vor Augen gestellt als die letzte Strafe für alle, welche, nachdem sie erlöst und zur vollen Erkenntnis der Wahrheit gebracht worden sind und zu voller Fähigkeit, ihr zu gehorchen, doch den Tod wählen werden, indem sie vorziehen, sich Gott und seiner Gerechtigkeit zu widersetzen. Und unsere Herzen sagen: Amen! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, o König der Nationen! Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden“ (Offb. 15:3, 4).

      Seine Lehren verärgerten und beschämten die Geistlichkeit der Christenheit. 1903 forderte man ihn zu einer öffentlichen Debatte heraus. Der Zustand der Toten war einer der Streitpunkte in der anschließenden Serie von Debatten zwischen C. T. Russell und Dr. E. L. Eaton, dem Sprecher einer inoffiziellen Allianz protestantischer Prediger in Westpennsylvanien.

      In diesen Debatten verteidigte Bruder Russell energisch die Aussage: „Tod ist Tod, und unsere lieben Angehörigen und Freunde sind wirklich tot, wenn sie von uns gegangen sind; sie leben weder bei den Engeln noch bei den Dämonen an einem Ort der Verzweiflung.“ Zur Untermauerung nannte er Bibeltexte wie Prediger 9:5, 10, Römer 5:12, 6:23 und 1. Mose 2:17. Außerdem sagte er: „Die Bibel stimmt mit dem überein, was Sie und ich und jeder normale, vernünftige Mensch in der Welt wohl als die Wesensart unseres Gottes betrachten werden, wie sie ihm vernünftigerweise zuzuschreiben wäre. Was wird von unserem himmlischen Vater gesagt? Daß er gerecht ist, daß er weise ist, daß er liebevoll ist, daß er mächtig ist. Jeder Christ wird diese Merkmale der göttlichen Wesensart anerkennen. Wenn dem so ist, wie läßt es sich dann mit unserer Vorstellung von einem gerechten Gott vereinbaren, zu glauben, er würde eines seiner eigenen Geschöpfe bis in alle Ewigkeit strafen, wie schlimm seine Sünde auch gewesen sein mag? Ich verteidige die Sünde nicht; ich selbst lebe nicht in Sünde, noch predige ich je Sünde. ... Doch ich sage Ihnen, daß allen Leuten hier, von denen unser Bruder [Dr. Eaton] behauptet, sie stießen lästerliche Flüche gegen Gott und den heiligen Namen Jesu Christi aus, die Lehre von der ewigen Qual beigebracht wurde. Und allen Mördern, Dieben und sonstigen Übeltätern in den Gefängnissen wurde diese Lehre beigebracht. ... Es sind verwerfliche Lehren; sie haben der Welt lang genug geschadet; sie gehören ganz und gar nicht zur Lehre des Herrn, und unser lieber Bruder hat noch immer den Schleier des finsteren Mittelalters auf den Augen.“

      Nach der Debatte soll ein Geistlicher aus dem Publikum auf Russell zugegangen sein und gesagt haben: „Es freut mich, daß Sie den Wasserstrahl auf die Hölle richten und das Feuer auslöschen!“

      Um die Wahrheit über den Zustand der Toten noch weiter publik zu machen, hielt Bruder Russell auf etlichen Tageskongressen von 1905 bis 1907 den öffentlichen Vortrag: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort? Hoffnung auf Befreiung für viele“. Das Thema weckte Interesse und lockte viele an. Versammlungssäle in kleinen und großen Städten der Vereinigten Staaten und Kanadas waren zum Bersten voll von Leuten, die die Ansprache hören wollten.

      Zu denjenigen, die von der Aussage der Bibel über den Zustand der Toten tief beeindruckt waren, gehörte ein Student aus Cincinnati (Ohio), der presbyterianischer Geistlicher werden wollte. 1913 gab ihm sein leiblicher Bruder die Broschüre Wo sind die Toten?, die von dem Bibelforscher John Edgar, einem Arzt in Schottland, verfaßt worden war. Der Student, der diese Broschüre erhielt, war Frederick Franz. Nachdem er sie sorgfältig durchgelesen hatte, erklärte er entschlossen: „Das ist die Wahrheit!“ Ohne Zögern änderte er seine Lebensziele und nahm den Vollzeitdienst als Kolporteur auf. Von 1920 an zählte er zu den Mitarbeitern im Hauptbüro der Watch Tower Society. Viele Jahre danach wurde er in die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas aufgenommen, und später wurde er der Präsident der Watch Tower Society.

      Das Loskaufsopfer Jesu Christi

      Bei seinem Studium der Bibel betrachtete Bruder Russell mit seinen Gefährten 1872 das Thema Wiederherstellung von einer anderen Seite, und zwar aus dem Blickwinkel des Loskaufsopfers Jesu Christi (Apg. 3:21, EB). Er war begeistert, in Hebräer 2:9 zu lesen, daß ‘Jesus durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte’. Das führte ihn nicht zu dem Glauben an die Allversöhnung, da er wußte, daß in der Bibel auch stand, man müsse Glauben an Jesus Christus ausüben, um gerettet zu werden (Apg. 4:12; 16:31). Aber er begriff — wenn auch nicht auf einmal —, was für eine herrliche Gelegenheit das Loskaufsopfer Jesu Christi der Menschheit bot. Es ebnete ihr den Weg, das zu erhalten, was Adam verloren hatte — die Aussicht auf ewiges Leben als vollkommene Menschen. Bruder Russell hielt sich nicht zurück; er erkannte die tiefe Bedeutung des Lösegeldes und verteidigte es vehement, selbst als ein paar seiner vertrauten Mitarbeiter zuließen, daß ihr Denken durch philosophische Anschauungen verdorben wurde.

      Mitte 1878 war Bruder Russell eineinhalb Jahre Mitherausgeber der Zeitschrift Herald of the Morning gewesen, deren hauptverantwortlicher Herausgeber N. H. Barbour war. Als Barbour allerdings in der Ausgabe vom August 1878 ihrer gemeinsamen Zeitschrift die biblische Lehre vom Lösegeld lächerlich machte, verteidigte Russell diese fundamentale biblische Wahrheit energisch.

      Unter der Überschrift „Die Sühne“ hatte Barbour erläutert, wie er über die Lehre dachte: „Ich sage einem der Diener: Wenn Hans seine Schwester beißt, fang eine Fliege und spieß sie mit einer Nadel an die Wand, und dann will ich Hans verzeihen. Das veranschaulicht die Lehre von der Stellvertretung.“ Obwohl Barbour vorgab, an das Lösegeld zu glauben, sagte er, die Ansicht, Christus habe durch seinen Tod die Strafe für die Sünden der Nachkommen Adams bezahlt, sei „unbiblisch und unserem Gerechtigkeitsempfinden ganz und gar zuwider“.h

      Gleich in der nächsten Ausgabe des Herald of the Morning (September 1878) distanzierte sich Russell entschieden von dem, was Barbour geschrieben hatte. Russell untersuchte genau, was die Bibel wirklich sagt und wie sie in der Vorkehrung des Lösegeldes mit der „Vollkommenheit der Gerechtigkeit [Gottes] und schließlich seiner großen Barmherzigkeit und Liebe“ im Einklang ist (1. Kor. 15:3; 2. Kor. 5:18, 19; 1. Pet. 2:24; 3:18; 1. Joh. 2:2). Nachdem Russell wiederholt versucht hatte, Barbour zu helfen, die Dinge im biblischen Licht zu sehen, hörte er im darauffolgenden Frühjahr auf, den Herald zu unterstützen; und mit der Ausgabe vom Juni 1879 erschien sein Name nicht mehr als Mitherausgeber in der Zeitschrift. Seine mutige, kompromißlose Haltung in Verbindung mit dieser Hauptlehre der Bibel hatte weitreichende Folgen.

      Während ihrer neuzeitlichen Geschichte haben Jehovas Zeugen durchweg die biblische Lehre vom Lösegeld hochgehalten. In der allerersten Ausgabe von Zions Wacht-Turm (Juli 1879, engl.) wurde betont, daß „das Verdienst bei Gott ... auf Christi vollkommenem Opfer beruht“. Auf dem Programm für einen Kongreß im Jahre 1919, der von der International Bible Students Association (Internationale Bibelforscher-Vereinigung) in Cedar Point (Ohio) abgehalten worden war, stachen die Worte ins Auge: „Willkommen, ihr alle, die ihr an das großartige Loskaufsopfer glaubt!“ Auf der Impressumseite des Wachtturms wird nach wie vor die Aufmerksamkeit auf das Lösegeld gelenkt, denn dort heißt es über den Zweck des Wachtturms: „Er ermuntert, an den jetzt herrschenden König, Jesus Christus, zu glauben, dessen vergossenes Blut den Menschen ermöglicht, ewiges Leben zu erlangen.“

      Auf Fortschritt bedacht und nicht an Glaubensbekenntnisse gebunden

      Ein klares Verständnis des Wortes Gottes kam nicht auf einmal. In vielen Fällen begriffen die Bibelforscher eine Einzelheit des Gesamtbildes der Wahrheit, erkannten aber noch nicht das vollständige Bild. Doch sie waren bereit zu lernen. Sie waren nicht an Glaubensbekenntnisse gebunden, sondern auf Fortschritt bedacht. Was sie lernten, teilten sie anderen mit. Sie rechneten sich das, was sie lehrten, nicht als Verdienst an; sie wollten „von Jehova belehrt“ werden (Joh. 6:45). Außerdem wurde ihnen bewußt, daß Jehova das Verständnis der Einzelheiten seines Vorsatzes zu der von ihm bestimmten Zeit und auf seine Weise ermöglicht (Dan. 12:9; vergleiche Johannes 16:12, 13).

      Etwas Neues zu lernen erfordert, Ansichten zu korrigieren. Fehler zuzugeben und vorteilhafte Änderungen vorzunehmen setzt Demut voraus. Diese Eigenschaft mitsamt ihren Früchten ist in Jehovas Augen wünschenswert, und wahrheitsliebende Menschen fühlen sich von einer solchen Haltung sehr angezogen (Zeph. 3:12). Sie wird jedoch von denen belächelt, die sich mit Glaubensbekenntnissen brüsten, die über Jahrhunderte unverändert geblieben sind, obwohl sie von unvollkommenen Menschen aufgestellt wurden.

      Die Art und Weise der Wiederkunft des Herrn

      Mitte der 1870er Jahre erkannten Bruder Russell und diejenigen, die gemeinsam mit ihm gewissenhaft die Bibel studierten, daß der Herr bei seiner Wiederkunft für das menschliche Auge unsichtbar wäre (Joh. 14:3, 19).

      Später sagte Bruder Russell: „Wir fühlten eine große Betrübnis über den Irrtum der Adventisten, die Christum im Fleische erwarteten und lehrten, daß die Welt und alles, was darin ist, die Adventisten ausgenommen, um das Jahr 1873 oder 1874 verbrannt werden würde. Ihre Zeitrechnungen und Enttäuschungen und unreifen Ideen hinsichtlich des Zwecks und der Art und Weise seines Kommens brachten allgemein mehr oder weniger Schmach auf uns und auf alle, die sich nach seinem Reiche sehnten und es verkündigten. Diese so allgemein angenommenen falschen Ansichten sowohl von dem Zweck als auch der Art und Weise der Wiederkunft des Herrn veranlaßten mich, eine Flugschrift zu verfassen — Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn.“ Diese Flugschrift wurde 1877 in Englisch veröffentlicht. Bruder Russell ließ etwa 50 000 Exemplare drucken und verbreiten.

      In der Flugschrift schrieb er: „Nach unserer Überzeugung lehrt die Heilige Schrift, daß er bei seinem Kommen und einige Zeit danach unsichtbar bleiben wird; anschließend wird er sich durch Gerichte und in verschiedenerlei Gestalt offenbaren oder zeigen, so daß ‘ihn jedes Auge sehen wird’.“ Um das zu untermauern, erörterte er Bibeltexte wie Apostelgeschichte 1:11 (‘Er wird in derselben Weise kommen, wie ihr ihn in den Himmel habt gehen sehen’ — das heißt, ohne daß die Welt es beobachtet) und Johannes 14:19 („Noch eine kleine Weile, und die Welt wird mich nicht mehr sehen“). Außerdem wies Bruder Russell darauf hin, daß nach der Emphatic Diaglott, einer interlinearen Wort-für-Wort-Übersetzung ins Englische, die 1864 als vollständiges Werk erschien, der griechische Ausdruck parousía „Gegenwart“ bedeutet. In der Flugschrift erörterte Russell den Gebrauch dieses Wortes in der Bibel und erklärte: „Das griechische Wort, das sich generell auf den zweiten Advent des Herrn bezieht — parousía, oft mit Kommen übersetzt —, bedeutet ausnahmslos die persönliche Gegenwart jemandes, der gekommen oder angekommen ist, und bedeutet nie auf dem Wege sein, wie wir das mit dem Wort Kommen ausdrücken.“

      Russell machte in seiner Erklärung über den Zweck der Gegenwart Christi deutlich, daß sie sich nicht durch ein momentanes welterschütterndes Ereignis erfüllen würde. „Der zweite Advent dauert wie der erste eine Zeitlang an und ist kein momentanes Ereignis“, schrieb er. In dieser Zeit, führte er weiter aus, würde die „kleine Herde“ ihren Lohn als Miterben mit dem Herrn in seinem Königreich empfangen, und andere, vielleicht Milliarden, würden die Gelegenheit erhalten, in Vollkommenheit auf einer Erde zu leben, die so schön wäre wie der Garten Eden (Luk. 12:32).

      Innerhalb weniger Jahre erkannte Russell aufgrund seines weiteren Studiums der Bibel, daß Christus nicht nur unsichtbar wiederkommen, sondern auch unsichtbar bleiben würde, auch dann noch, wenn er seine Gegenwart durch das Gericht an den Bösen offenbaren würde.

      Als Russell 1876 zum erstenmal den Herald of the Morning las, erfuhr er von einer weiteren Gruppe, die damals glaubte, Christi Wiederkunft sei unsichtbar, und die mit der Wiederkunft Segnungen für alle Familien der Erde verband. Herr Barbour, der Herausgeber dieser Zeitschrift, überzeugte Russell dann auch davon, daß Christi unsichtbare Gegenwart 1874 begonnen hätte.i Darauf wurde später auf der Titelseite von Zions Wacht-Turm durch den Untertitel „Verkünder der Gegenwart Christi“ aufmerksam gemacht.

      Die Erkenntnis über die unsichtbare Gegenwart Christi sollte als wichtige Grundlage zum Verständnis vieler biblischer Prophezeiungen dienen. Den damaligen Bibelforschern wurde klar, daß die Gegenwart des Herrn für alle wahren Christen von allergrößter Wichtigkeit sein sollte (Mar. 13:33-37). Sie waren an der Wiederkunft des Herrn brennend interessiert und waren sich ihrer Verpflichtung bewußt, sie zu verkünden, nur verstanden sie noch nicht alle Einzelheiten. Dennoch ist es äußerst bemerkenswert, zu wieviel Verständnis ihnen der Geist Gottes schon so früh verhalf. Eine dieser Wahrheiten berührte ein höchst bedeutsames Jahr, auf das biblische Prophezeiungen hindeuteten.

      Das Ende der Zeiten der Nationen

      Die biblische Chronologie war für Erforscher der Bibel schon seit langem von großem Interesse. Kommentatoren hatten verschiedene Ansichten geäußert in bezug auf Jesu Prophezeiung über die „Zeiten der Nationen“ sowie den Bericht des Propheten Daniel über den Traum Nebukadnezars von dem Baumstumpf, der für „sieben Zeiten“ gebunden war (Luk. 21:24, EB; Dan. 4:10-17).

      Bereits 1823 ermittelte John A. Brown, dessen Werk in London (England) veröffentlicht wurde, daß die in Daniel, Kapitel 4 erwähnten „sieben Zeiten“ 2 520 Jahre andauern müßten. Allerdings war ihm nicht klar, in welchem Jahr diese vorhergesagte Zeit begann und wann sie enden sollte. Immerhin brachte er die „sieben Zeiten“ mit den Zeiten der Nationen aus Lukas 21:24 in Verbindung. 1844 lenkte der britische Geistliche E. B. Elliott die Aufmerksamkeit auf das Jahr 1914 als möglichen Zeitpunkt für das Ende der in Daniel erwähnten „sieben Zeiten“, doch stellte er noch eine andere These auf, die auf die Zeit der Französischen Revolution hindeutete. Robert Seeley aus London ging 1849 ähnlich vor. Spätestens 1870 wurden in einer Veröffentlichung von Joseph Seiss und seinen Mitarbeitern, die in Philadelphia (Pennsylvanien) gedruckt worden war, Berechnungen dargelegt, die auf 1914 als bedeutsames Jahr hinwiesen, wenn die Argumentation auch auf einer Chronologie beruhte, die C. T. Russell später verwarf.

      In den Ausgaben des Herald of the Morning von August, September und Oktober 1875 trug N. H. Barbour dazu bei, die Einzelheiten, auf die andere aufmerksam gemacht hatten, miteinander in Einklang zu bringen. Mit Hilfe der Chronologie Christopher Bowens, eines Geistlichen aus England, die von E. B. Elliott veröffentlicht worden war, setzte Barbour den Beginn der Zeiten der Nationen mit der in Hesekiel 21:25, 26 vorausgesagten Absetzung König Zedekias gleich und wies auf 1914 hin als das Jahr, in dem die Zeiten der Nationen enden würden.

      Anfang 1876 erhielt C. T. Russell ein Exemplar des Herald of the Morning. Er schrieb umgehend an Barbour und verbrachte im Sommer einige Zeit mit ihm in Philadelphia, wo sie sich unter anderem über prophetische Zeitperioden unterhielten. Kurz darauf brachte Russell in dem Artikel „Wann werden die Zeiten der Nationen enden?“ biblische Argumente vor und erklärte, alles spreche dafür, daß „die sieben Zeiten 1914 n. Chr. enden werden“. Dieser Artikel wurde in der Ausgabe des Bible Examiner vom Oktober 1876 abgedruckt.j In dem Buch Three Worlds, and the Harvest of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt), das N. H. Barbour 1877 in Zusammenarbeit mit C. T. Russell herausbrachte, wurde dieselbe Schlußfolgerung gezogen. Danach wurde das Jahr 1914 u. Z. in den ersten Ausgaben des Wacht-Turms, wie beispielsweise vom Dezember 1879 und vom Juli 1880 (engl.), als ein Jahr hervorgehoben, das, vom Standpunkt der biblischen Prophezeiungen gesehen, höchst bedeutsam ist. In dem Werk Millennium-Tagesanbruch (später Schriftstudien genannt) behandelte 1889 das gesamte vierte Kapitel des zweiten Bandes das Thema „Die Zeiten der Nationen“. Doch was würde das Ende der Zeiten der Nationen bedeuten?

      Die Bibelforscher waren sich nicht ganz sicher, was geschehen würde. Sie waren davon überzeugt, daß die Erde nicht verbrannt und nicht alles menschliche Leben ausgelöscht würde. Sie wußten, daß es vielmehr ein bedeutsamer Zeitpunkt in Verbindung mit der göttlichen Herrschaft war. Zuerst glaubten sie, das Königreich Gottes hätte bis dahin die volle, universelle Herrschaft erlangt. Als das nicht eintrat, ließ ihr Vertrauen in die biblischen Prophezeiungen, die auf dieses Jahr hinwiesen, trotzdem nicht nach. Statt dessen folgerten sie, daß dieses Jahr nur den Beginn der Königreichsherrschaft kennzeichnete.

      Auch dachten sie anfangs, vor dieser Zeit würden weltweite Unruhen in Anarchie gipfeln (die nach ihrem Verständnis mit dem Krieg „des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“, verbunden wäre) (Offb. 16:14). Doch zehn Jahre vor 1914 wies der Wacht-Turm darauf hin, daß der weltweite Aufruhr, dem die Vernichtung der menschlichen Einrichtungen folgen würde, unmittelbar nach dem Ende der Zeiten der Nationen entstehen würde. Man erwartete für das Jahr 1914 einen entscheidenden Wendepunkt für Jerusalem, denn laut der Prophezeiung sollte ‘Jerusalem zertreten werden’, bis die Zeiten der Nationen abgelaufen seien. Als das Jahr 1914 näher rückte und sie immer noch als Menschen am Leben waren und nicht ‘in Wolken entrückt’ worden waren zur Begegnung mit dem Herrn — wie früher erwartet —, hofften sie ernstlich auf ihre Verwandlung am Ende der Zeiten der Nationen (1. Thes. 4:17).

      Während die Jahre vergingen und sie unermüdlich in der Bibel forschten, blieb ihr Glaube an die Prophezeiungen stark, und sie hielten sich nicht davon zurück, über ihre Erwartungen zu sprechen. Bei Einzelheiten, die nicht ausdrücklich in der Bibel standen, bemühten sie sich mit mehr oder weniger Erfolg, nicht dogmatisch zu sein.

      Ging der „Wecker“ zu früh los?

      Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach — der viele Jahre lang einfach der Große Krieg genannt wurde —, geriet die Welt zweifellos in großen Aufruhr, doch er führte nicht sofort zum Umsturz aller menschlichen Regierungen. Die Bibelforscher meinten, in den Entwicklungen nach 1914 in Verbindung mit Palästina Anzeichen bedeutender Veränderungen für Israel zu erkennen. Doch Monate und Jahre verstrichen, ohne daß die Bibelforscher ihren erwarteten himmlischen Lohn erhielten. Wie nahmen sie das auf?

      Im Wacht-Turm vom Mai 1916 wurde speziell auf den 1. Oktober 1914 eingegangen und gesagt: „Dies war der letzte Zeitpunkt, den uns die Zeitrechnung der Bibel hinsichtlich der Erfahrungen der Kirche andeutete. Hat uns der Herr gesagt, daß wir da [in den Himmel] hinweggenommen werden würden? Nein! Was hat er uns gesagt? Sein Wort und die Erfüllung der Weissagung scheinen unfehlbar anzuzeigen, daß dieses Datum das Ende der Zeiten der Nationen bezeichnete. Wir folgerten hieraus, daß die ‚Verwandlung‘ der Herauswahl an oder vor jenem Datum stattfinden würde. Doch Gott sagte uns nicht, daß es so geschehen würde. Er ließ es zu, daß wir jene Schlußfolgerung zogen; und wir glauben, daß sich dies überall als eine notwendige Prüfung für die geliebten Heiligen Gottes erwiesen hat.“ Bedeuteten diese Entwicklungen indessen, daß ihre herrliche Hoffnung vergeblich gewesen war? Nein. Es zeigte sich nur, daß nicht alles so schnell eintraf, wie sie es erwartet hatten.

      Einige Jahre vor 1914 schrieb Russell: „Mit der Chronologie (Zeitprophezeiungen im allgemeinen) wurde offensichtlich nicht bezweckt, dem Volk Gottes durch die Jahrhunderte hindurch genaue chronologische Angaben zu vermitteln. Anscheinend ist sie eher als ein Wecker gedacht, der das Volk des Herrn zur richtigen Zeit wecken und anspornen soll. ... Nehmen wir aber einmal an, der Oktober 1914 geht vorüber, ohne daß ein bedeutender Sturz der Heidenmacht eintritt. Was würde das beweisen oder widerlegen? Es würde keine Facette des göttlichen Plans der Zeitalter widerlegen. Der auf Golgotha bezahlte Loskaufspreis würde immer noch als Gewähr für die endgültige Erfüllung des großartigen göttlichen Programms zur Wiederherstellung der Menschheit bestehenbleiben. Die ‚himmlische Berufung‘ der Kirche, mit dem Erlöser zu leiden und mit ihm als seine Leibesglieder oder als seine Braut verherrlicht zu werden, wäre unverändert. ... Die Chronologie würde einzig und allein den Zeitpunkt der Erfüllung dieser herrlichen Hoffnungen für die Kirche und die Welt berühren. ... Und wenn dieser Zeitpunkt einfach so vorüberginge, würde das lediglich besagen, daß unser ‚Wecker‘, unsere Zeitrechnung, ein wenig zu voreilig war. Wäre es für uns so schrecklich, wenn uns unser Wecker an einem herrlichen Tag, der voller Freude und Wonne zu sein verspricht, morgens ein paar Augenblicke früher weckte? Sicherlich nicht!“

      Der „Wecker“ war jedoch nicht zu früh losgegangen. Nur, was sie erlebten, als er sie weckte, entsprach nicht genau ihren Erwartungen.

      Mehrere Jahre danach, als das Licht heller geworden war, räumten sie ein: „Viele der teuren Heiligen dachten, daß das ganze Werk getan sei. ... Sie frohlockten wegen des klaren Beweises, daß die Welt geendet hatte, daß das Königreich des Himmels nahe gekommen war und daß der Tag ihrer Errettung sich näherte. Sie hatten aber etwas übersehen, das getan werden mußte. Die frohe Kunde, welche sie empfangen hatten, mußte anderen gesagt werden, weil Jesus geboten hatte: ‚Dieses Evangelium des Reiches wird gepredigt werden auf dem ganzen Erdkreis, allen Nationen zu einem Zeugnis, und dann wird das Ende kommen‘ (Matthäus 24:14)“ (Der Wacht-Turm, 1. Juni 1925).

      Als die Bibelforscher die Ereignisse nach 1914 mit den Vorhersagen des Herrn verglichen, begriffen sie allmählich, daß sie in den letzten Tagen des alten Systems lebten — und zwar schon seit 1914. Außerdem verstanden sie mit der Zeit, daß im Jahre 1914 die unsichtbare Gegenwart Christi begonnen hatte, und zwar nicht, indem er persönlich in den Bereich der Erde zurückgekehrt wäre (auch nicht unsichtbar), sondern indem er als regierender König seine Aufmerksamkeit der Erde zuwandte. Sie erkannten ihre große Verantwortung, in dieser kritischen Zeit der Menschheitsgeschichte „diese gute Botschaft vom Königreich“ zu einem Zeugnis für alle Nationen zu verkündigen, und waren bereit, dieser Verantwortung nachzukommen (Mat. 24:3-14).

      Was genau war die Botschaft vom Königreich, die sie predigen sollten? Unterschied sie sich irgendwie von der Botschaft der ersten Christen?

      Gottes Königreich, die einzige Hoffnung der Menschheit

      Durch ihr sorgfältiges Studium des Wortes Gottes verstanden die Bibelforscher, die mit Bruder Russell verbunden waren, daß Gottes Königreich die Regierung ist, die Jehova durch seinen Sohn zum Segen der gesamten Menschheit aufzurichten verheißen hatte. Im Himmel würde sich Jesus Christus eine „kleine Herde“ Mitherrscher anschließen, die Gott aus der Menschheit erwählen würde. Sie verstanden, daß diese Regierung durch treue Männer aus alter Zeit vertreten würde, die als Fürsten auf der ganzen Erde dienen würden. Man nannte sie die „alttestamentlichen Überwinder“ (Luk. 12:32; Dan. 7:27; Offb. 20:6; Ps. 45:16).

      Die Christenheit hatte lange das „Gottesgnadentum“ vertreten, um die Menschen in Untertänigkeit zu halten. Doch die Bibelforscher erkannten aus der Heiligen Schrift, daß die menschlichen Regierungen keinerlei göttliche Garantie für eine sichere Zukunft erhalten hatten. Damit in Übereinstimmung hieß es im Wacht-Turm vom Dezember 1881 (engl.): „Die Aufrichtung dieses Königreiches wird natürlich den Sturz aller Königreiche der Erde bedeuten, da sie alle — auch die besten — ungerecht und parteilich sind und da sie die Mehrheit bedrücken und einige wenige begünstigen, denn wir lesen: ‚Es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber ewiglich bestehen‘ “ (Dan. 2:44).

      Über die Art und Weise, wie die bedrückenden Königreiche zermalmt würden, hatten die Bibelforscher noch viel zu lernen. Sie verstanden noch nicht völlig, wie sich die Segnungen des Königreiches Gottes auf die ganze Menschheit erstrecken würden. Aber sie verwechselten das Königreich Gottes nicht mit einem unbestimmten Empfinden, das jemand im Herzen hat, oder mit der Herrschaft einer religiösen Hierarchie, die den Staat als Werkzeug benutzt.

      Im Jahre 1914 waren die treuen vorchristlichen Diener Gottes noch nicht als Fürsten und Vertreter des messianischen Königs auf der Erde auferstanden, wie man erwartet hatte, noch hatten sich in jenem Jahr die Übriggebliebenen der „kleinen Herde“ Christus im himmlischen Königreich angeschlossen. Trotzdem wurde im Wacht-Turm vom 15. Februar 1915 (engl.) zuversichtlich erklärt, daß 1914 der Zeitpunkt war, zu dem „unser Herr seine große Macht und Herrschaft an sich nahm“, wodurch er der jahrtausendelangen ununterbrochenen Herrschaft der Nationen ein Ende setzte. In der Ausgabe vom September 1920 bekräftigte Der Wacht-Turm diesen Standpunkt und verknüpfte ihn mit der guten Botschaft, die nach der Vorhersage Jesu vor dem Ende auf der ganzen Erde verkündigt würde (Mat. 24:14). Auf dem Kongreß der Bibelforscher, der 1922 in Cedar Point (Ohio) stattfand, wurde dieses Verständnis in einer allgemeinen Resolution neu formuliert, und Bruder Rutherford forderte die Kongreßbesucher auf: „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“

      Damals meinten die Bibelforscher allerdings, daß das Königreich im Himmel erst dann richtig aufgerichtet würde, wenn die letzten Glieder der Braut Christi verherrlicht wären. Es war daher ein echter Meilenstein, als 1925 im Wacht-Turm vom 15. April der Artikel „Die Geburt der Nation“ erschien. Er enthielt eine überraschende Erklärung über Offenbarung, Kapitel 12. In dem Artikel wurden Beweise angeführt, daß das messianische Königreich 1914 geboren, das heißt aufgerichtet worden war, daß Christus in jenem Jahr seinen himmlischen Thron bestiegen hatte und daß Satan danach aus dem Himmel in die Umgebung der Erde geschleudert worden war. Das war die gute Botschaft, die verkündigt werden sollte, die Botschaft, daß Gottes Königreich bereits in Tätigkeit war. Wie dieses klare Verständnis die Königreichsverkündiger doch anspornte, auf der ganzen Erde zu predigen!

      Durch jedes geeignete Mittel machte Jehovas Volk bekannt, daß allein Gottes Königreich die tiefgreifenden Probleme der Menschheit lösen und endgültige Befreiung bringen kann. Diese Botschaft wurde 1931 in einer Rundfunksendung von J. F. Rutherford vermittelt, die über das bis dahin größte internationale Sendernetz ausgestrahlt wurde. Der Text der Sendung wurde außerdem in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt in vielen Sprachen abgedruckt; in nur wenigen Monaten wurden Millionen von Exemplaren verbreitet. Abgesehen von der weiten Verbreitung in der Öffentlichkeit, bemühte man sich besonders, Politikern, führenden Geschäftsleuten und Geistlichen Exemplare zukommen zu lassen.

      In der Broschüre hieß es unter anderem: „Die gegenwärtigen ungerechten Regierungen der Welt können dem Volke keinerlei Hoffnung bieten. Gottes Urteil über sie erklärt, daß sie untergehen müssen. Somit ist die einzige Hoffnung der Welt das gerechte Königreich oder die Regierung Gottes mit Christus Jesus als ihrem unsichtbaren Herrscher.“ Man erkannte, daß dieses Königreich der Menschheit wahren Frieden und echte Sicherheit bringen wird. Unter seiner Herrschaft wird die Erde ein richtiges Paradies werden, und Krankheit und Tod wird es nicht mehr geben (Offb. 21:4, 5).

      Die gute Botschaft von Gottes Königreich bildet auch weiterhin den Kern der Glaubensansichten der Zeugen Jehovas. Seit der Ausgabe vom 1. März 1939 (engl.) trägt ihre wichtigste Zeitschrift, die heute in über 110 Sprachen erscheint, den Titel Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich.

      Doch bevor die Erde durch die Königreichsherrschaft in ein Paradies umgewandelt werden kann, muß das gegenwärtige böse System beseitigt werden. Wie wird sich das abspielen?

      Der Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen

      Der Weltkrieg, der 1914 begann, erschütterte das bestehende System der Dinge bis in seine Grundfesten. Eine Weile entwickelte sich scheinbar alles so, wie die Bibelforscher es erwartet hatten.

      Im August 1880 hatte Bruder Russell geschrieben: „Wir gehen davon aus, daß die gegenwärtigen Reiche der Welt, die die Menschheit heute einengen und bedrücken, alle vernichtet werden, bevor die Menschheitsfamilie wiederhergestellt oder überhaupt gesegnet wird, daß das Königreich Gottes die Herrschaft an sich nehmen wird und daß durch dieses neue Königreich die Segnungen und die Wiederherstellung herbeigeführt werden.“ Auf welche Weise würden die Königreiche vernichtet werden? Aufgrund der sich damals entwickelnden Weltverhältnisse glaubte Russell, Gott werde während des Krieges von Harmagedon entzweite Parteien der Menschheit gebrauchen, um bestehende Institutionen umzustürzen. Er sagte: „Die Zerstörung der Menschenherrschaft beginnt. Die Macht, die sie umstürzen wird, ist jetzt am Werk. Die Menschen rotten sich bereits im Namen des Kommunismus, des Sozialismus, des Nihilismus usw. zusammen.“

      In dem 1897 veröffentlichten Buch Der Tag der Rache (später Der Krieg von Harmagedon) wurde auf das damalige Verständnis der Bibelforscher über dieses Thema noch weiter eingegangen mit den Worten: „Der Herr wird in seiner alles überragenden Vorsehung die Leitung über das große Heer der Unzufriedenen übernehmen — Patrioten, Reformer, Sozialisten, Moralisten, Anarchisten, Ignoranten und Hoffnungslose — und sich entsprechend seiner göttlichen Weisheit ihrer Hoffnungen, Ängste, Torheiten und ihrer Selbstsucht bedienen, um seine eigenen großartigen Vorsätze auszuführen, nämlich die Vernichtung der gegenwärtigen Einrichtungen und die Vorbereitung des Menschen auf das Reich der Gerechtigkeit.“ Sie dachten also, der Krieg von Harmagedon wäre mit radikalen sozialen Umwälzungen verbunden.

      Doch sollte Harmagedon lediglich ein Kampf zwischen entzweiten Parteien der Menschheit sein, eine soziale Revolution, deren sich Gott bedient, um die bestehenden Einrichtungen zu vernichten? Nachdem man sich noch eingehender mit Bibeltexten beschäftigt hatte, die dieses Thema berühren, wies Der Wacht-Turm vom 15. August 1925 auf Sacharja 14:1-3 mit den Worten hin: „Hierunter würden wir verstehen, daß alle Nationen der Erde unter der Leitung Satans versammelt würden, um gegen die ‚Jerusalem-Klasse‘ zu kämpfen, nämlich diejenigen, welche ihren Stand auf der Seite des Herrn einnehmen ... Offenbarung 16:14, 16.“

      Im darauffolgenden Jahr wurde in dem Buch Befreiung auf den wahren Zweck dieses Krieges aufmerksam gemacht: „Jehova wird jetzt, gemäß seinem Wort, eine so klare und unzweideutige Kundgebung seiner Macht geben, daß die Menschen von der Gottlosigkeit ihres Laufes überzeugt und verstehen werden, daß Jehova Gott ist. Das ist der Grund, weshalb Gott einst die Sintflut brachte, den Turm von Babel niederwarf, die Ägypter im Schilfmeer verschlang und das Heer Sanheribs, des Königs von Assyrien, vernichtete, und aus demselben Grunde beabsichtigt er zur jetzigen Zeit, eine neue große Drangsal über die Welt zu bringen. Die früheren Katastrophen waren nur Schatten dessen, was jetzt bevorsteht. Das Ansammeln geschieht für den großen Tag Gottes, des Allmächtigen. Es ist ‚der Tag Jehovas, der große und furchtbare‘ (Joel 2:31), an welchem sich Gott einen Namen machen wird. In diesem großen und endgültigen Kampf werden die Menschen aller Nationen, Zungen und Geschlechter erfahren, daß Jehova der allmächtige, allweise und gerechte Gott ist.“ Doch die Diener Jehovas auf der Erde wurden ermahnt: „Die Christen werden in dieser großen Schlacht nicht kämpfen. Sie kämpfen nicht, weil Jehova gesagt hat: ‚Denn nicht euer ist der Streit, sondern Gottes.‘ “ Bei dem hier besprochenen Krieg handelte es sich ganz eindeutig nicht um den Krieg, den die Nationen 1914 begannen. Er lag noch in der Zukunft.

      Es gab noch weitere Fragen, die anhand der Bibel beantwortet werden mußten. Eine Frage drehte sich darum, was das Jerusalem war, das gemäß Lukas 21:24 bis zum Ende der Zeiten der Nationen zertreten werden sollte; in Verbindung damit war auch herauszufinden, worum es sich bei dem Israel handelte, das in so vielen Wiederherstellungsprophezeiungen erwähnt wurde.

      Würde Gott die Juden nach Palästina zurückführen?

      Die Bibelforscher kannten die vielen Wiederherstellungsprophezeiungen, die Gottes Propheten dem alten Israel übermittelt hatten, sehr gut (Jer. 30:18; 31:8-10; Am. 9:14, 15; Röm. 11:25, 26). Bis 1932 dachten sie, sie bezögen sich speziell auf die natürlichen Juden. Daher glaubten sie, Gott werde Israel wieder Gunst erweisen, indem er die Juden allmählich nach Palästina zurückführen, ihnen die Augen für die Wahrheit über Jesus als Loskäufer und messianischen König öffnen und durch sie alle Nationen segnen werde. In diesem Bewußtsein sprach Bruder Russell zu großen jüdischen Zuhörerschaften in New York und auch in Europa über das Thema „Zionismus in der Prophezeiung“, und 1925 schrieb Bruder Rutherford das Buch Trost für die Juden.

      Mit der Zeit wurde jedoch offensichtlich, daß sich durch Geschehnisse in Palästina in Verbindung mit den Juden die großartigen Wiederherstellungsprophezeiungen Jehovas nicht erfüllten. Das Jerusalem des ersten Jahrhunderts wurde verwüstet, weil die Juden Gottes Sohn, den Messias, verworfen hatten, der im Namen Jehovas gesandt worden war (Dan. 9:25-27; Mat. 23:38, 39). Es wurde immer augenfälliger, daß sie, als Volk gesehen, ihre Einstellung nicht geändert hatten. Sie bereuten die verkehrte Handlungsweise ihrer Vorväter nicht. Daß einige nach Palästina zurückkehrten, geschah nicht aus Liebe zu Gott oder aus dem Wunsch heraus, daß sein Name durch die Erfüllung seines Wortes verherrlicht werde. Das wurde im zweiten Band des Werkes Rechtfertigung, das 1932 von der Watch Tower Bible and Tract Society herausgegeben wurde, deutlich erklärt.k Daß dieser Standpunkt richtig war, bestätigte sich 1949, als der Staat Israel, der damals gerade als Nation und Heimstätte für die Juden gegründet worden war, den Vereinten Nationen beitrat, wodurch er verriet, daß er nicht Jehova, sondern den politischen Nationen der Welt vertraute.

      Die Ereignisse, durch die sich die Wiederherstellungsprophezeiungen erfüllten, wiesen in eine andere Richtung. Jehovas Diener erkannten nach und nach, daß das geistige Israel — das aus geistgesalbten Christen bestehende „Israel Gottes“ — sich in Erfüllung des Vorsatzes Gottes durch Jesus Christus des Friedens mit Gott erfreute (Gal. 6:16). Ihnen wurden nun die Augen dafür geöffnet, in der Handlungsweise Gottes mit diesen wahren Christen eine wunderbare geistige Erfüllung der Wiederherstellungsverheißungen zu sehen. Mit der Zeit wurde ihnen auch klar, daß es sich bei dem Jerusalem, das am Ende der Zeiten der Nationen erhöht wurde, nicht lediglich um eine irdische Stadt handelte oder um ein irdisches Volk, für das diese Stadt stand, sondern vielmehr um das „himmlische Jerusalem“, wo Jehova seinen Sohn, Jesus Christus, 1914 als Herrscher eingesetzt hatte (Heb. 12:22).

      Dank dieser Klarstellung waren Jehovas Zeugen besser in der Lage, ohne Parteilichkeit gegenüber einer bestimmten Gruppe ihrem Auftrag nachzukommen, die gute Botschaft vom Königreich ‘auf der ganzen bewohnten Erde zu predigen, allen Nationen zu einem Zeugnis’ (Mat. 24:14).

      Wem gebührt die Ehre für alle diese biblischen Erklärungen, die in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society erschienen sind?

      Das Mittel, durch das die Diener Jehovas belehrt werden

      Jesus Christus hatte vorhergesagt, daß er nach seiner Rückkehr in den Himmel seinen Jüngern den heiligen Geist senden würde. Dieser würde als ein Helfer dienen, der sie „in die ganze Wahrheit leiten“ würde (Joh. 14:26; 16:7, 13). Jesus sagte auch, er habe als Herr der wahren Christen einen „treuen und verständigen Sklaven“, einen „treuen Verwalter“, der an die Hausknechte, das heißt die Arbeiter im Haushalt des Glaubens, geistige „Speise zur rechten Zeit“ austeilen werde (Mat. 24:45-47; Luk. 12:42). Wer ist dieser treue und verständige Sklave?

      In der allerersten Ausgabe des Wacht-Turms wurde mit Bezug auf Matthäus 24:45-47 gesagt, das Ziel der Herausgeber dieser Zeitschrift bestehe darin, gegenüber Ereignissen, die mit der Gegenwart Christi in Zusammenhang stünden, wachsam zu sein und den Haushalt des Glaubens mit geistiger „Speise zur rechten Zeit“ zu versorgen. Doch der verantwortliche Redakteur der Zeitschrift behauptete nicht von sich selbst, der treue und verständige Sklave oder der „treue und kluge Knecht“ (nach der Wiedergabe der Elberfelder Bibel) zu sein.

      So erklärte C. T. Russell in der Ausgabe der Zeitschrift von Oktober/November 1881 (engl.): „Wir glauben, daß jeder einzelne des Leibes Christi an diesem gesegneten Werk, dem Haushalt des Glaubens Speise zur rechten Zeit zu geben, entweder direkt oder indirekt beteiligt ist. ‚Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat‘, um ihnen Speise zur rechten Zeit zu geben? Ist es nicht die ‚kleine Herde‘ geweihter Diener, die ihr Weihegelübde treu erfüllen — der Leib Christi —, und teilt nicht der gesamte Leib, als einzelne und als Gesamtheit, zur rechten Zeit Speise an den Haushalt des Glaubens aus — die große Anzahl von Gläubigen? Gesegnet ist dieser Sklave (der gesamte Leib Christi), den der Herr bei seiner Ankunft (gr.: elthon) also tuend findet. ‚Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen.‘ “

      Über zehn Jahre später äußerte Bruder Russells Frau jedoch öffentlich den Gedanken, Russell selbst sei der treue und kluge Knecht.l Die von ihr vertretene Ansicht darüber, wer der „treue Knecht“ sei, wurde von den Bibelforschern etwa 30 Jahre lang allgemein geteilt. Bruder Russell widersprach dieser Ansicht nicht, aber er selbst vermied es, den Text so anzuwenden, und unterstrich, wie sehr ihm die Vorstellung von einer Geistlichenklasse widerstrebte, die im Gegensatz zu einer Laienklasse zum Lehren des Wortes Gottes beauftragt sei. Das von Bruder Russell 1881 geäußerte Verständnis, wonach der treue und kluge Knecht in Wirklichkeit ein kollektiver Knecht ist, der sich aus allen geistgesalbten Gliedern des Leibes Christi auf der Erde zusammensetzt, wurde im Wacht-Turm vom 1. April 1927 bestätigt. (Vergleiche Jesaja 43:10.)

      Wie sah Bruder Russell seine Rolle selbst? Behauptete er, von Gott eine besondere Offenbarung erhalten zu haben? Im Wacht-Turm vom April 1907 (Seite 65) räumte Russell demütig ein: „Nein, liebe Freunde, ich schreibe mir keinerlei Überlegenheit zu noch auch übernatürliche Kraft, Würde oder Autorität; auch erstrebe ich für mich keine Erhöhung in der Achtung meiner Brüder in dem Haushalte des Glaubens, es sei denn in dem von dem Meister empfohlenen Sinne, als er sagte: ‚Wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein‘ (Matth. 20, 26). ... Die Wahrheiten, die ich als Gottes Mundstück vortrage, sind mir nicht in Gesichten und Träumen offenbart worden, nicht durch eine hörbare Stimme Gottes, auch nicht zugleich auf einmal, sondern allmählich fortschreitend. ... Auch ist diese klare Entfaltung der Wahrheit nicht menschlichem Scharfsinn oder scharfer Auffassungsgabe entsprungen, sondern der einfachen Tatsache zu verdanken, daß Gottes rechte Zeit herbeigekommen ist; und wenn ich nicht redete und kein anderer zu finden wäre, so würden sogar die Steine schreien.“

      Die Leser des Wacht-Turms wurden, so wie alle Zeugen Jehovas heute, ermuntert, auf Jehova als ihren Großen Unterweiser zu blicken (Jes. 30:20). Dieser Gedanke wurde im Wachtturm vom 1. Dezember 1931 in dem Artikel „Von Gott gelehrt“ besonders hervorgehoben, wo es hieß: „Der Wachtturm macht geltend, daß die Wahrheit Jehova und nicht irgendwelchem Geschöpfe gehört. Der Wachtturm ist nicht das Werkzeug irgendeines Menschen noch einer Gruppe von Menschen, und er wird auch nicht nach dem Gutdünken von Menschen veröffentlicht. ... Jehova Gott ist der große Lehrer seiner Kinder. Die Veröffentlichung dieser Wahrheiten geschieht allerdings durch unvollkommene Menschen, und aus diesem Grunde sind sie nicht absolut vollkommen im Ausdruck; sie sind aber in eine solche Form gebracht, daß sie Gottes Wahrheit, die er seinen Kindern lehrt, widerspiegeln.“

      Wenn im ersten Jahrhundert Fragen über eine Lehre oder Verfahrensweise auftauchten, wandte man sich damit an eine zentrale leitende Körperschaft, die aus in geistiger Hinsicht älteren Männern bestand. Entscheidungen wurden gefällt, nachdem man die Aussagen der inspirierten Schriften untersucht hatte sowie die Ergebnisse der Tätigkeiten, die im Einklang mit diesen Schriften waren und aufgrund der Wirksamkeit des heiligen Geistes gediehen. Die Versammlungen wurden von den Entscheidungen schriftlich unterrichtet (Apg. 15:1 bis 16:5). Das wird unter Jehovas Zeugen heute genauso gehandhabt.

      Für die geistige Belehrung wird durch Zeitschriftenartikel, Bücher, Kongreßprogramme und Dispositionen für Vorträge in der Versammlung gesorgt, die alle nach den Anweisungen der leitenden Körperschaft des treuen und verständigen Sklaven vorbereitet werden. Ihr Inhalt beweist deutlich, daß sich die Vorhersage Jesu in unserer Zeit erfüllt: Er besitzt tatsächlich eine Klasse des treuen und verständigen Sklaven, die treu ‘alles lehrt, was er geboten hat’; dieses Organ ‘wacht beharrlich’ und achtet auf Ereignisse, durch die sich biblische Prophezeiungen erfüllen, besonders was die Gegenwart Christi anbelangt; es hilft gottesfürchtigen Menschen verstehen, was es heißt, die Gebote Jesu „zu halten“ und sich so als seine wahren Jünger zu erweisen (Mat. 24:42; 28:20; Joh. 8:31, 32).

      Im Laufe der Jahre wurden Praktiken, durch die in Verbindung mit der Vorbereitung der geistigen Speise eventuell ungebührliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Personen gelenkt worden wäre, nach und nach abgelegt. Bis zum Tod C. T. Russells wurde sein Name nahezu in jeder Ausgabe des Wacht-Turms als Herausgeber aufgeführt. Oft fanden sich die Namen oder Initialen derer, die Beiträge geliefert hatten, am Ende ihres jeweiligen Artikels. Mit der Ausgabe vom 1. Dezember 1916 (engl.) begann man dann, im Wacht-Turm die Namen eines Herausgeberkomitees aufzuführen, statt den Namen eines einzigen Herausgebers zu nennen. In der Ausgabe vom 15. Oktober 1931 (engl.) wurde auch diese Namenliste gestrichen und statt dessen Jesaja 54:13 abgedruckt. Nach dem Wortlaut der Elberfelder Bibel war dort zu lesen: „Und alle deine Kinder werden von Jehova gelehrt, und der Friede deiner Kinder wird groß sein.“ Seit 1942 gilt allgemein die Regel, daß in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society auf keine Einzelperson als Verfasser die Aufmerksamkeit gelenkt wird.a Unter der Aufsicht der leitenden Körperschaft liefern getaufte Christen aus Nord- und Südamerika, Europa, Afrika, Asien und von den Inseln des Meeres Beiträge zu dem Stoff, der in den Versammlungen der Zeugen Jehovas weltweit behandelt wird. Aber alle Ehre dafür wird Jehova Gott zugeschrieben.

      Das Licht scheint immer heller

      Wie die neuzeitliche Geschichte der Zeugen Jehovas erkennen läßt, decken sich ihre Erfahrungen mit Sprüche 4:18: „Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag ist.“ Ja, das Licht ist nach und nach heller geworden, genauso wie die frühe Morgendämmerung in den Sonnenaufgang und dann in das volle Tageslicht übergeht. Da sie die Sachverhalte nur in dem Licht untersuchen konnten, das ihnen jeweils zur Verfügung stand, waren ihre Vorstellungen manchmal unvollständig oder sogar ungenau. So sehr sie sich auch bemühten, einige Prophezeiungen konnten sie einfach erst verstehen, als sie sich zu erfüllen begannen. In dem Maße, wie Jehova durch seinen Geist immer mehr Licht auf sein Wort geworfen hat, sind seine Diener demütig dazu bereit gewesen, die nötigen Korrekturen vorzunehmen.

      Dieses fortschreitende Verständnis beschränkte sich nicht auf die Anfänge ihrer neuzeitlichen Geschichte. Auch heute ist es noch so. Zum Beispiel wurde 1962 das Verständnis über die „obrigkeitlichen Gewalten“ aus Römer 13:1-7 berichtigt.

      Viele Jahre hatten die Bibelforscher gelehrt, die „höheren Gewalten“ (KJ) seien Jehova Gott und Jesus Christus. Weshalb? Im Wacht-Turm vom 1. Juli und vom 15. Juli 1929 wurden eine Reihe weltlicher Gesetze angeführt, und es wurde gezeigt, daß das, was in einem Land erlaubt war, in einem anderen verboten war. Außerdem wurde auf weltliche Gesetze hingewiesen, die von den Menschen etwas verlangten, was Gott verboten hatte, oder etwas untersagten, was Gott seinen Dienern geboten hatte. Da es den Bibelforschern sehr am Herzen lag, der höchsten Autorität, das heißt Gott, Respekt zu erweisen, mußten die „höheren Gewalten“ ihres Erachtens Jehova Gott und Jesus Christus sein. Sie gehorchten den weltlichen Gesetzen trotzdem, legten aber Nachdruck darauf, daß der Gehorsam gegenüber Gott an erster Stelle stand. Das war eine wichtige Lehre, die sie für die darauffolgenden Jahre weltweiter Unruhen stärkte. Aber sie verstanden nicht die genaue Bedeutung von Römer 13:1-7.

      Jahre später wurde die Bibelstelle nochmals sorgfältig auf ihren Kontext hin untersucht sowie auf ihre Bedeutung im Licht der gesamten Bibel hin. So räumte man 1962 ein, daß die „obrigkeitlichen Gewalten“ die weltlichen Herrscher sind, doch wurde der Grundsatz der relativen Unterordnung dank der Neuen-Welt-Übersetzung klar erkannt.b Die Einstellung der Zeugen Jehovas gegenüber den Regierungen änderte sich dadurch nicht grundlegend, doch ihr Verständnis einer wichtigen Passage der Heiligen Schrift wurde berichtigt. Während dieser Zeit konnte jeder Zeuge gründlich darüber nachdenken, ob er seinen Verpflichtungen gegenüber Gott und den weltlichen Gewalten wirklich nachkam. Dieses klare Verständnis über die „obrigkeitlichen Gewalten“ hat Jehovas Zeugen zum Schutz gedient, vor allen Dingen in Ländern, wo die Wogen des Nationalismus und der Ruf nach größerer Freiheit zu Gewaltausbrüchen und der Bildung neuer Regierungen geführt haben.

      Im darauffolgenden Jahr (1963) wurde eine erweiterte Anwendung des Begriffs „Babylon die Große“ unterbreitetc (Offb. 17:5). Ein Rückblick auf die weltliche und religiöse Geschichte führte zu dem Schluß, daß der Einfluß des alten Babylons nicht nur in der Christenheit, sondern überall auf der Erde zu verspüren war. Man verstand also unter Babylon der Großen nun das gesamte Weltreich der falschen Religion. Diese Erkenntnis ermöglichte Jehovas Zeugen, vielen weiteren Menschen verschiedener Herkunft zu helfen, dem biblischen Gebot Folge zu leisten: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“ (Offb. 18:4).

      Die Entwicklung der Ereignisse, die im gesamten Buch der Offenbarung vorhergesagt wurden, führte zu einer Fülle von geistigem Aufschluß. 1917 wurde in dem Buch Das vollendete Geheimnis die Offenbarung eingehend behandelt. Doch der in Offenbarung 1:10 erwähnte „Tag des Herrn“ hatte damals erst angefangen; viele Vorhersagen waren noch nicht eingetroffen und waren unklar. Die Entwicklungen in den folgenden Jahren warfen jedoch mehr Licht auf die Bedeutung dieses Bibelbuches, und diese Ereignisse nahmen großen Einfluß auf die äußerst aufschlußreiche Besprechung der Offenbarung in dem 1930 veröffentlichten zweibändigen Werk Licht. In den 60er Jahren erschien der neuste Erkenntnisstand in den Büchern „Babylon die Große ist gefallen!“ Gottes Königreich herrscht! und „Dann ist das Geheimnis Gottes vollendet“. Zwei Jahrzehnte später nahm man erneut ein gründliches Studium dieses Bibelbuches in Angriff. Die bilderreiche Sprache in der Offenbarung wurde gewissenhaft anhand ähnlicher Ausdrücke in anderen Bibelpassagen untersucht (1. Kor. 2:10-13). Man hielt Rückblick auf Geschehnisse des 20. Jahrhunderts, durch die sich die Prophezeiungen erfüllten. Die Ergebnisse wurden 1988 in dem begeisternden Buch Die Offenbarung — Ihr großartiger Höhepunkt ist nahe! veröffentlicht.

      In den Anfangsjahren der neuzeitlichen Geschichte der Zeugen Jehovas wurden Grundlagen gelegt. Es wurde viel wertvolle geistige Speise dargeboten. In den letzten Jahren wurde für eine Vielfalt an Bibelstudienhilfsmitteln gesorgt, um sowohl den Bedürfnissen reifer Christen als auch interessierter Personen verschiedener Herkunft zu entsprechen. Durch fortgesetztes Bibelstudium und aufgrund der Erfüllung göttlicher Prophezeiungen ist es in vielen Fällen möglich gewesen, biblische Lehren verständlicher zu formulieren. So, wie die Bibel es für Gottes Diener vorhersagte, haben Jehovas Zeugen dank ihres fortschreitenden Studiums des Wortes Gottes eine Fülle an geistiger Speise (Jes. 65:13, 14). Wenn eine Ansicht korrigiert wird, dann nie, um der Welt zu gefallen und ihre sinkenden Moralbegriffe zu übernehmen. Im Gegenteil, die Geschichte der Zeugen Jehovas zeigt, daß Änderungen vorgenommen werden, um sich noch enger an die Bibel zu halten, um den treuen Christen des ersten Jahrhunderts ähnlicher zu werden und so für Gott annehmbarer zu sein.

      Ihre Erfahrungen sind also im Einklang mit dem Gebet des Apostels Paulus, der an seine Mitchristen schrieb: „Wir ... [haben] nicht aufgehört ..., für euch zu beten und darum zu bitten, daß ihr in aller Weisheit und in geistigem Verständnis mit der genauen Erkenntnis seines Willens erfüllt werdet, damit ihr Jehovas würdig wandelt, um ihm völlig zu gefallen, während ihr fortfahrt, in jedem guten Werk Frucht zu tragen und an der genauen Erkenntnis Gottes zuzunehmen“ (Kol. 1:9, 10).

      Diese Zunahme an genauer Erkenntnis über Gott wirkte sich auch auf ihren Namen aus: Jehovas Zeugen.

      [Fußnoten]

      a Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi, April 1907, Seite 65—68.

      b Siehe Einsichten über die Heilige Schrift, herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft, Band 2, Seite 1183, 1184.

      c Zum Beispiel: 1. Im 16. Jahrhundert waren in Europa antitrinitarische Bewegungen stark geworden. Der Ungar Ferenc Dávid wußte zum Beispiel, daß das Dreieinigkeitsdogma nicht biblisch war, und er lehrte das. Er mußte für seine Glaubensansichten im Gefängnis sterben. 2. Auch die kleinere reformierte Kirche, die in Polen während des 16. und 17. Jahrhunderts etwa 100 Jahre ihre Blütezeit erlebte, verwarf die Dreieinigkeit, und ihre Anhänger überschwemmten ganz Europa mit Literatur, bis es die Jesuiten erreichten, daß sie aus Polen vertrieben wurden. 3. Sir Isaac Newton (1642—1727) aus England lehnte die Dreieinigkeitslehre ab und legte schriftlich detaillierte geschichtliche und biblische Beweise dar, die er jedoch offensichtlich aus Furcht vor den Konsequenzen zeit seines Lebens nicht veröffentlichte. 4. In Amerika entlarvte unter anderem Henry Grew die Dreieinigkeit als unbiblisch. 1824 behandelte er dieses Thema ausführlich in An Examination of the Divine Testimony Concerning the Character of the Son of God.

      d Siehe auch Schriftstudien (Ausgabe 1926), Band 5, Seite 35—72.

      e Die Watchtower Bible and Tract Society hat verschiedentlich ausführliche Abhandlungen über geschichtliche und biblische Belege zu diesem Thema veröffentlicht. Siehe „Das Wort“ — von wem spricht Johannes? (1962), „Dinge, in denen es unmöglich ist, daß Gott lügt“ (1965), Unterredungen anhand der Schriften (1985) und Sollte man an die Dreieinigkeit glauben? (1989).

      f Die Aussagen der Bibel über die Seele sind jüdischen und sogenannten christlichen Gelehrten bekannt, werden aber in ihren Gotteshäusern kaum gelehrt. Siehe New Catholic Encyclopedia (1967), Band XIII, Seite 449, 450; The Eerdmans Bible Dictionary (1987), Seite 964, 965; The Interpreter’s Dictionary of the Bible, veröffentlicht von G. Buttrick (1962), Band 1, Seite 802; The Jewish Encyclopedia (1910), Band VI, Seite 564.

      g In einer ausführlicheren Abhandlung über dieses Thema wurde 1955 in der Broschüre Was sagt die Heilige Schrift über ein „Weiterleben nach dem Tode“? gezeigt, daß Satan gemäß dem Bibelbericht Eva glauben machen wollte, sie würde nicht im Fleische sterben, wenn sie Gottes Verbot, von dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen, außer acht ließe (1. Mo. 2:16, 17; 3:4). Mit der Zeit wurde offenkundig, daß das nicht stimmte, doch diese erste Lüge war das Fundament für spätere Entwicklungen. Die Menschen gelangten zu der Ansicht, etwas Unsichtbares, was dem Menschen innewohne, lebe nach dem Tod weiter. Diese Vorstellung wurde nach der Sintflut durch dämonische, spiritistische Bräuche bekräftigt, die aus Babylon stammten (Jes. 47:1, 12; 5. Mo. 18:10, 11).

      h Barbour behauptete, an das Lösegeld zu glauben, daran, daß Christus für uns starb. Er verwarf jedoch den Gedanken der „Stellvertretung“ — daß Christus anstelle von uns gestorben ist und durch seinen Tod die Strafe für die Sünden der Nachkommen Adams bezahlt hat.

      i Das rührte von der Ansicht her, 1873 sei das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte angebrochen und 1878 werde eine Zeit göttlicher Ungnade gegenüber dem natürlichen Israel enden (die, wie man meinte, ebensolang sei wie eine frühere Zeit der Gunst). Die chronologische Berechnung war fehlerhaft, da sie sich auf eine ungenaue Wiedergabe von Apostelgeschichte 13:20 in der King-James-Bibel stützte sowie auf die Ansicht, 1. Könige 6:1 enthalte einen Abschreibfehler, und weil man es versäumt hatte, bei der Bestimmung der Regierungszeiten der Könige Judas und Israels in der Bibel vorkommende Überschneidungen zu berücksichtigen. Ein klareres Verständnis der biblischen Chronologie wurde 1943 in dem Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ veröffentlicht; im darauffolgenden Jahr wurde in dem Buch „Das Königreich ist herbeigekommen“ ein noch besseres Verständnis vermittelt, was auch auf spätere Publikationen zutrifft.

      j Eine von George Storrs in Brooklyn (New York) herausgegebene Zeitschrift.

      k Als die leitende Körperschaft 1978 von der Presse gebeten wurde, zur Haltung der Zeugen Jehovas gegenüber dem Zionismus Stellung zu nehmen, sagte sie: „Jehovas Zeugen vertreten nach wie vor den biblischen Standpunkt der Neutralität gegenüber allen politischen Bewegungen und Regierungen. Sie sind überzeugt, daß keine menschliche Bewegung das erreichen wird, was einzig und allein Gottes himmlisches Königreich bewirken kann.“

      l Leider verließ sie ihn kurz danach aus dem Wunsch heraus, sich selbst in den Vordergrund zu rücken.

      a In Ländern, in denen das Gesetz es vorschreibt, kann allerdings ein örtlicher Vertreter als verantwortlicher Redakteur genannt werden.

      b Der Wachtturm, 1. Januar, 15. Januar und 1. Februar 1963 (engl.: 1. November, 15. November und 1. Dezember 1962).

      c Der Wachtturm, 15. Januar und 1. Februar 1964 (engl.: 15. November und 1. Dezember 1963).

      [Herausgestellter Text auf Seite 120]

      C. T. Russell gab offen zu, daß ihm andere in den Anfangsjahren seines Studiums der Bibel eine Hilfe waren

      [Herausgestellter Text auf Seite 122]

      Sie haben sich persönlich davon überzeugt, daß die Bibel wirklich das Wort Gottes ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 123]

      Den Bibelforschern wurde bewußt, daß Gottes Gerechtigkeit in einem vollkommen harmonischen Verhältnis zu seiner Weisheit, Liebe und Macht steht

      [Herausgestellter Text auf Seite 127]

      Russell wurde klar, daß die Hölle kein Ort der Qual nach dem Tod ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 129]

      Die meisten vernünftigen Menschen glaubten nicht an die Lehre vom Höllenfeuer

      [Herausgestellter Text auf Seite 132]

      Russells entschiedene Haltung gegenüber dem Lösegeld hatte weitreichende Folgen

      [Herausgestellter Text auf Seite 134]

      Sie erkannten, daß biblische Prophezeiungen deutlich auf 1914 hinwiesen

      [Herausgestellter Text auf Seite 136]

      Nicht alles trat so schnell ein, wie sie es erwarteten

      [Herausgestellter Text auf Seite 139]

      Die gute Botschaft, die verkündigt werden sollte, lautete: Gottes Königreich ist bereits in Tätigkeit!

      [Herausgestellter Text auf Seite 140]

      Würde Harmagedon lediglich eine soziale Revolution sein?

      [Herausgestellter Text auf Seite 141]

      1932 fand man schließlich heraus, wer das wahre „Israel Gottes“ ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 143]

      „Der treue und verständige Sklave“ — eine Person oder eine Klasse?

      [Herausgestellter Text auf Seite 146]

      Nach und nach wurden Praktiken abgelegt, durch die eventuell ungebührliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Personen gelenkt worden wäre

      [Herausgestellter Text auf Seite 148]

      Änderungen werden vorgenommen, um sich enger an das Wort Gottes zu halten

      [Kasten auf Seite 124]

      Den Namen Gottes bekanntgemacht

      ◆ Seit 1931 steht der Name Jehovas Zeugen für diejenigen, die Jehova als den allein wahren Gott anbeten und ihm dienen.

      ◆ Seit dem 1. November 1931 (engl.: 15. Oktober) erscheint der Eigenname Gottes, Jehova, auf der Titelseite jeder Ausgabe des „Wachtturms“.

      ◆ Jehovas Zeugen gaben 1950, zu einer Zeit, als die meisten modernen Übersetzungen den Eigennamen Gottes wegließen, die „Neue-Welt-Übersetzung“ („NW“) heraus, in der der göttliche Name wieder seinen rechtmäßigen Platz erhielt.

      ◆ Außer der Bibel hat die Watch Tower Bible and Tract Society viele weitere Publikationen herausgegeben, die den göttlichen Namen in den Brennpunkt rücken — zum Beispiel die Bücher „Jehova“ (1934), „ ,Dein Name werde geheiligt‘ “ (1961) und „‘Die Nationen sollen erkennen, daß ich Jehova bin’ — Wie?“ (1971) sowie die Broschüre „Der göttliche Name, der für immer bleiben wird“ (1984).

      [Kasten auf Seite 126]

      „Sollen wir ... Jesus selbst widersprechen?“

      Nachdem C. T. Russell die Dreieinigkeitslehre als unbiblisch und unlogisch bloßgestellt hatte, fragte er zu Recht entrüstet: „Sollen wir also den Aposteln, den Propheten und Jesus selbst widersprechen, uns über die Vernunft und den gesunden Menschenverstand hinwegsetzen, um an einem Dogma festzuhalten, das uns durch eine verderbte, abtrünnige Kirche aus einer finsteren, abergläubischen Vergangenheit überliefert wurde? Niemals! ‚Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Worte sprechen, dann deshalb, weil kein Licht in ihnen ist‘ “ („Der Wacht-Turm“, 15. August 1915, engl.).

      [Kasten auf Seite 133]

      Fortschreitende Wahrheit

      C. T. Russell schrieb 1882: „Die Bibel ist unser einziger Maßstab, und ihre Lehren sind unser einziges Glaubensbekenntnis, und da wir verstehen, daß sich die biblischen Wahrheiten fortschreitend entfalten, sind wir bereit und darauf eingestellt, unser Glaubensbekenntnis (Glaube — Lehre) zu ergänzen beziehungsweise zu ändern, wenn wir von unserem Maßstab mehr Licht erhalten“ („Der Wacht-Turm“, April 1882, engl., S. 7).

      [Kasten auf Seite 144, 145]

      Glaubenslehren der Zeugen Jehovas

      ◆ Die Bibel ist Gottes inspiriertes Wort (2. Tim. 3:16, 17).

      Was sie enthält, ist nicht lediglich Geschichte oder die Ansicht von Menschen, sondern das Wort Gottes, das zu unserem Nutzen aufgeschrieben wurde (2. Pet. 1:21; Röm. 15:4; 1. Kor. 10:11).

      ◆ Jehova ist der allein wahre Gott (Ps. 83:18; 5. Mo. 4:39).

      Jehova ist der Schöpfer aller Dinge, und als solcher verdient nur er es, angebetet zu werden (Offb. 4:11; Luk. 4:8).

      Jehova ist der universelle Souverän; ihm schulden wir uneingeschränkten Gehorsam (Apg. 4:24; Dan. 4:17; Apg. 5:29).

      ◆ Jesus Christus ist der einziggezeugte Sohn Gottes, der einzige, der direkt von Gott erschaffen wurde (1. Joh. 4:9; Kol. 1:13-16).

      Jesus war die erste Schöpfung Gottes; er lebte also im Himmel, ehe er als Mensch empfangen und geboren wurde (Offb. 3:14; Joh. 8:23, 58).

      Jesus betet seinen Vater als den allein wahren Gott an; Jesus behauptete nie, Gott gleich zu sein (Joh. 17:3; 20:17; 14:28).

      Jesus gab sein vollkommenes menschliches Leben als ein Lösegeld für die Menschheit. Durch sein Opfer wird allen, die wirklich Glauben daran ausüben, ewiges Leben ermöglicht (Mar. 10:45; Joh. 3:16, 36).

      Jesus wurde als unsterbliche Geistperson von den Toten auferweckt (1. Pet. 3:18; Röm. 6:9).

      Jesus ist wiedergekommen (indem er als König seine Aufmerksamkeit der Erde zugewandt hat) und ist jetzt als herrlicher Geist gegenwärtig (Mat. 24:3, 23-27; 25:31-33; Joh. 14:19).

      ◆ Satan ist der unsichtbare „Herrscher dieser Welt“ (Joh. 12:31; 1. Joh. 5:19).

      Ursprünglich war er ein vollkommener Sohn Gottes, aber er ließ zu, daß sein Herz überheblich wurde; er begehrte die Anbetung, die nur Jehova zustand, für sich und verleitete Adam und Eva dazu, ihm zu gehorchen, statt auf Gott zu hören. Dadurch machte er sich zum Satan, was „Widersacher“ bedeutet (Joh. 8:44; 1. Mo. 3:1-5; vergleiche 5. Mose 32:4, 5; Jakobus 1:14, 15; Lukas 4:5-7).

      Satan ‘führt die ganze bewohnte Erde irre’; er und seine Dämonen sind für die Zunahme der Bedrängnis auf der Erde in der heutigen Zeit des Endes verantwortlich (Offb. 12:7-9, 12).

      Zu Gottes bestimmter Zeit werden Satan und seine Dämonen für immer vernichtet (Offb. 20:10; 21:8).

      ◆ Gottes Königreich in den Händen Christi wird alle menschlichen Regierungen ersetzen und die einzige Regierung über die ganze Menschheit werden (Dan. 7:13, 14).

      Das gegenwärtige böse System der Dinge wird vollständig vernichtet werden (Dan. 2:44; Offb. 16:14, 16; Jes. 34:2).

      Das Königreich Gottes wird mit Gerechtigkeit regieren und seinen Untertanen wahren Frieden bringen (Jes. 9:6, 7; 11:1-5; 32:17; Ps. 85:10-12).

      Die Bösen werden für immer abgeschnitten werden, und Anbeter Jehovas werden sich dauernder Sicherheit erfreuen (Spr. 2:21, 22; Ps. 37:9-11; Mat. 25:41-46; 2. Thes. 1:6-9; Mi. 4:3-5).

      ◆ Wir leben jetzt, seit 1914,d in der „Zeit des Endes“ dieser bösen Welt (Mat. 24:3-14; 2. Tim. 3:1-5; Dan. 12:4).

      Während dieser Zeit wird allen Nationen ein Zeugnis gegeben; danach wird das Ende kommen — nicht das Ende des Planeten, sondern des bösen Systems und gottloser Menschen (Mat. 24:3, 14; 2. Pet. 3:7; Pred. 1:4).

      ◆ Es gibt nur e i n e n Weg zum Leben; nicht alle Religionen und religiösen Bräuche sind Gott wohlgefällig (Mat. 7:13, 14; Joh. 4:23, 24; Eph. 4:4, 5).

      Bei der wahren Anbetung geht es nicht um ein Ritual und um äußeren Schein, sondern um echte Liebe zu Gott, die sich im Gehorsam gegenüber seinen Geboten und in der Liebe zum Mitmenschen zeigt (Mat. 15:8, 9; 1. Joh. 5:3; 3:10-18; 4:21; Joh. 13:34, 35).

      Menschen aus allen Nationen, Rassen und Sprachgruppen können Jehova dienen und seine Anerkennung erlangen (Apg. 10:34, 35; Offb. 7:9-17).

      Gebete dürfen nur an Jehova gerichtet werden durch Jesus; Bilder dürfen weder als Gegenstände der Verehrung noch als Gebetshilfen verwendet werden (Mat. 6:9; Joh. 14:6, 13, 14; 1. Joh. 5:21; 2. Kor. 5:7; 6:16; Jes. 42:8).

      Spiritistische Bräuche muß man meiden (Gal. 5:19-21; 5. Mo. 18:10-12; Offb. 21:8).

      Unter wahren Christen gibt es keine Einteilung in Geistliche und Laien (Mat. 20:25-27; 23:8-12).

      Wahres Christentum schließt nicht ein, daß man einen wöchentlichen Sabbat hält oder anderen Forderungen des mosaischen Gesetzes nachkommt, um Rettung zu erlangen; das zu tun würde bedeuten, daß man Christus verwirft, der das Gesetz erfüllt hat (Gal. 5:4; Röm. 10:4; Kol. 2:13-17).

      Diejenigen, die die wahre Anbetung pflegen, lassen sich nicht auf Interkonfessionalismus ein (2. Kor. 6:14-17; Offb. 18:4).

      Alle, die wirklich Jünger Jesu sind, unterziehen sich der Taufe durch völliges Untertauchen (Mat. 28:19, 20; Mar. 1:9, 10; Apg. 8:36-38).

      Alle, die dem Beispiel Jesu folgen und seinen Geboten gehorchen, geben anderen Zeugnis über das Königreich Gottes (Luk. 4:43; 8:1; Mat. 10:7; 24:14).

      ◆ Der Tod ist eine Folge der von Adam ererbten Sünde (Röm. 5:12; 6:23).

      Was beim Tod stirbt, ist die Seele selbst (Hes. 18:4).

      Die Toten wissen nichts (Ps. 146:4; Pred. 9:5, 10).

      Die Hölle (der Scheol, der Hades) ist das allgemeine Grab der Menschheit (Hiob 14:13, „Allioli“; Offb. 20:13, 14; vergleiche „Lu“, 1950 sowie „Reinhardt“).

      Der ‘Feuersee’, in den die unverbesserlich Bösen kommen, bedeutet, wie die Bibel selbst sagt, den „zweiten Tod“, ewigen Tod (Offb. 21:8).

      Die Hoffnung für die Toten und für diejenigen, die Angehörige durch den Tod verloren haben, ist die Auferstehung (1. Kor. 15:20-22; Joh. 5:28, 29; vergleiche Johannes 11:25, 26, 38-44; Markus 5:35-42).

      Der durch die adamische Sünde verursachte Tod wird nicht mehr sein (1. Kor. 15:26; Jes. 25:8; Offb. 21:4).

      ◆ Eine „kleine Herde“ von nur 144 000 kommt in den Himmel (Luk. 12:32; Offb. 14:1, 3).

      Das sind die, die als geistige Söhne Gottes „wiedergeboren“ sind (Joh. 3:3; 1. Pet. 1:3, 4).

      Gott wählt sie aus allen Völkern und Nationen aus, damit sie als Könige mit Christus im Königreich regieren (Offb. 5:9, 10; 20:6).

      ◆ Andere, die Gottes Anerkennung haben, werden für immer auf der Erde leben (Ps. 37:29; Mat. 5:5; 2. Pet. 3:13).

      Die Erde wird nie zerstört oder entvölkert werden (Ps. 104:5; Jes. 45:18).

      Gottes ursprünglichem Vorsatz entsprechend wird die ganze Erde ein Paradies (1. Mo. 1:27, 28; 2:8, 9; Luk. 23:42, 43).

      Zur Freude aller wird es angenehme Wohnhäuser und eine Fülle an Nahrung geben (Jes. 65:21-23; Ps. 72:16).

      Krankheiten, Behinderungen jeder Art und selbst der Tod werden dann der Vergangenheit angehören (Offb. 21:3, 4; Jes. 35:5, 6).

      ◆ Weltlichen Obrigkeiten muß der gebührende Respekt entgegengebracht werden (Röm. 13:1-7; Tit. 3:1, 2).

      Wahre Christen lehnen sich nicht gegen die Regierungsgewalt auf (Spr. 24:21, 22; Röm. 13:1).

      Sie gehorchen allen Gesetzen, die nicht im Widerspruch zu Gottes Gesetz stehen; der Gehorsam gegenüber Gott ist jedoch vorrangig (Apg. 5:29).

      Wie Jesus bleiben sie gegenüber den politischen Angelegenheiten der Welt neutral (Mat. 22:15-21; Joh. 6:15).

      ◆ Christen müssen sich an die biblischen Maßstäbe halten, die das Blut und die Geschlechtsmoral betreffen (Apg. 15:28, 29).

      Orale oder intravenöse Aufnahme von Blut verletzt das Gesetz Gottes (1. Mo. 9:3-6; Apg. 15:19, 20).

      Christen müssen sittlich rein sein; Hurerei, Ehebruch und Homosexualität sowie Trunkenheit und Drogenmißbrauch haben in ihrem Leben keinen Platz (1. Kor. 6:9-11; 2. Kor. 7:1).

      ◆ Ehrlichkeit und Treue im Erfüllen der ehelichen und familiären Verpflichtungen sind für Christen wichtig (1. Tim. 5:8; Kol. 3:18-21; Heb. 13:4).

      Unehrlichkeit im Reden oder im Geschäftsleben sowie Heuchelei läßt sich mit dem Christsein nicht vereinbaren (Spr. 6:16-19; Eph. 4:25; Mat. 6:5; Ps. 26:4).

      ◆ Um Jehova auf annehmbare Weise anbeten zu können, muß man ihn über alles lieben (Luk. 10:27; 5. Mo. 5:9).

      Den Willen Jehovas zu tun und so Ehre auf seinen Namen zu bringen ist das Wichtigste im Leben eines wahren Christen (Joh. 4:34; Kol. 3:23; 1. Pet. 2:12).

      Christen tun, soweit es ihnen möglich ist, allen Menschen Gutes, doch fühlen sie sich besonders gegenüber denen verpflichtet, die Gott in gleicher Weise dienen; besonders ihnen lassen sie in Zeiten der Krankheit oder des Unglücks ihre Hilfe zukommen (Gal. 6:10; 1. Joh. 3:16-18).

      Gott zu lieben bedeutet für wahre Christen nicht nur, daß sie seinem Gebot der Nächstenliebe gehorchen müssen, sondern auch, daß sie die unsittliche und materialistische Lebensweise der Welt nicht lieben dürfen. Wahre Christen sind kein Teil der Welt und beteiligen sich daher nicht an Aktivitäten, derentwegen man sie mit dem Geist der Welt in Verbindung bringen würde (Röm. 13:8, 9; 1. Joh. 2:15-17; Joh. 15:19; Jak. 4:4).

      [Fußnote]

      d Näheres ist in dem Buch „ ,Dein Königreich komme‘ “ zu finden.

      [Bild auf Seite 121]

      C. T. Russell gab 1879 im Alter von 27 Jahren „Zions Wacht-Turm“ heraus

      [Bilder auf Seite 125]

      Sir Isaac Newton und Henry Grew gehörten zu denen, die schon früher die Dreieinigkeit als unbiblisch abgelehnt hatten

      [Bilder auf Seite 128]

      Bei einer öffentlichen Debatte argumentierte Russell, daß die Toten wirklich tot seien und weder bei den Engeln lebten noch bei den Dämonen an einem Ort der Verzweiflung

      Carnegie Hall in Allegheny (Pennsylvanien), wo die Debatte stattfand

      [Bild auf Seite 130]

      Russell reiste in große und kleine Städte, um die Wahrheit über die Hölle zu verkünden

      [Bild auf Seite 131]

      Als Frederick Franz, der damals zur Universität ging, die Wahrheit über den Zustand der Toten erfuhr, änderte er seine Lebensziele von Grund auf

      [Bild auf Seite 135]

      Die Bibelforscher machten weit und breit bekannt, daß 1914 die Zeiten der Nationen zu Ende gingen — zum Beispiel durch dieses IBSA-Traktat, das 1914 verbreitet wurde

      [Bilder auf Seite 137]

      Über das bis dahin größte Sendernetz erklärte J. F. Rutherford 1931, daß einzig und allein Gottes Königreich der Menschheit endgültige Befreiung bringen kann

      Der Vortrag „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“ wurde von 163 Rundfunkstationen gleichzeitig übertragen und später von weiteren 340 Stationen ausgestrahlt

      [Bilder auf Seite 142]

      A. H. Macmillan wurde 1925 mit dem Schiff nach Palästina gesandt, da man sich besonders für die Rolle der Juden in Verbindung mit biblischen Prophezeiungen interessierte

  • Wie wir als Jehovas Zeugen bekannt wurden
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 11

      Wie wir als Jehovas Zeugen bekannt wurden

      IN DEN ersten Jahrzehnten ihrer neuzeitlichen Geschichte nannte man sie häufig einfach Bibelforscher. Wenn sich andere nach dem Namen der Organisation erkundigten, sagten unsere Brüder meist: „Wir sind Christen.“ Bruder Russell erklärte im Wacht-Turm einmal auf eine solche Frage: „Wir sondern uns nicht von anderen Christen ab, indem wir uns irgendeinen besonderen oder eigenen Namen geben. Wir sind mit dem Namen Christ zufrieden, unter dem die frühen Heiligen bekannt waren“ (Ausgabe vom September 1888, engl.).

      Wie kam es also, daß wir heute als Jehovas Zeugen bekannt sind?

      Der Name Christ

      Wahre Nachfolger Jesu Christi bezeichneten sich und ihre Glaubensbrüder sowohl im ersten Jahrhundert als auch in der Neuzeit als „Brüder“, „Freunde“ und als „Versammlung Gottes“ (Apg. 11:29; 3. Joh. 14; 1. Kor. 1:2). Christus nannten sie den „Herrn“ und sich selbst „Sklaven Christi Jesu“ und „Sklaven Gottes“ (Kol. 3:24; Phil. 1:1; 1. Pet. 2:16). Diese Bezeichnungen waren in der Versammlung allgemein üblich, und jeder wußte, wer oder was damit gemeint war.

      Die Lebensweise, in deren Mittelpunkt der Glaube an Jesus Christus stand, nannte man im ersten Jahrhundert den „WEG“ (und in erweitertem Sinne wurde auch die Versammlung so genannt) (Apg. 9:2; 19:9). Aus einigen Übersetzungen von Apostelgeschichte 18:25 geht hervor, daß man auch vom „Weg Jehovas“ sprach.a Außenstehende hingegen nannten die Versammlung spöttisch die „Sekte der Nazarener“ (Apg. 24:5).

      Im Jahre 44 u. Z. oder kurz danach wurden treue Nachfolger Jesu Christi als Christen bekannt. Einige behaupten, Außenstehende hätten ihnen in abfälliger Weise diesen Namen gegeben. Wie jedoch mehrere Bibellexikographen und -kommentatoren erklären, deutet ein in Apostelgeschichte 11:26 gebrauchtes Verb auf göttliche Leitung oder Offenbarung hin. In der Neuen-Welt-Übersetzung heißt es daher an dieser Stelle: „Es war zuerst in Antiochia, daß die Jünger durch göttliche Vorsehung Christen genannt wurden.“ (Ähnliche Wiedergaben findet man in Robert Youngs Literal Translation of the Holy Bible, revidierte Ausgabe 1898, in The Simple English Bible, 1981 und in Hugo McCords New Testament, 1988.) Um 58 u. Z. waren selbst römische Beamte mit dem Namen Christ vertraut (Apg. 26:28).

      Solange die Apostel Christi lebten, war der Name Christ bezeichnend und eindeutig (1. Pet. 4:16). Wer vorgab, ein Christ zu sein, aber diese Behauptung durch seine Glaubensansichten oder seinen Lebenswandel Lügen strafte, wurde aus der Christengemeinde ausgeschlossen. Wie jedoch Jesus vorausgesagt hatte, säte Satan nach dem Tode der Apostel Samen, aus dem Scheinchristen hervorgingen. Diese Betrüger beanspruchten ebenfalls den Namen Christ (Mat. 13:24, 25, 37-39). Als die abtrünnige Christenheit zur Zwangsbekehrung überging, bekannten sich einige nur deshalb zum Christentum, weil sie der Verfolgung entgehen wollten. Schließlich galt jeder Europäer — ungeachtet seiner Glaubensansichten oder seines Lebenswandels — als ein Christ, solange er sich nicht als Jude, Muslim oder Atheist ausgab.

      Spitznamen

      Dieser Umstand stellte die Reformatoren ab dem 16. Jahrhundert vor ein Problem. Wie konnten sie sich von anderen, die sich als Christen ausgaben, unterscheiden, nachdem der Name Christ ein so nichtssagender Begriff geworden war?

      Viele nahmen einfach den Spitznamen an, mit dem ihre Feinde sie bedacht hatten. In Deutschland gebrauchten zum Beispiel theologische Gegner Martin Luthers als erste dessen Namen als Bezeichnung für seine Anhänger und nannten sie Lutheraner. In England bezeichnete man John Wesleys Gefolgsleute als Methodisten, weil sie ihre religiösen Pflichten ungewöhnlich genau und methodisch erfüllten. Die Baptisten lehnten anfangs den Spitznamen Anabaptist (was „Wiedertäufer“ bedeutet) ab, nahmen aber im Laufe der Zeit als eine Art Zugeständnis den Namen „Baptist“ an.

      Wie verhielt es sich mit den Bibelforschern? Die Geistlichkeit hatte sie als Russelliten und Rutherfordanhänger bezeichnet. Aber einen solchen Namen anzunehmen hätte einem sektiererischen Geist Vorschub geleistet. Es wäre mit der Zurechtweisung unvereinbar gewesen, die der Apostel Paulus frühen Christen erteilte, als er schrieb: „Wenn einer sagt: ‚Ich gehöre zu Paulus‘, ein anderer aber sagt: ‚Ich zu Apollos‘, seid ihr da nicht einfach Menschen [das heißt fleischlich gesinnt statt geistig gesinnt]?“ (1. Kor. 3:4). Von einigen wurden die Bibelforscher „Millennium-Tagesanbruch-Leute“ genannt; aber Christi Millenniumsherrschaft war nur e i n e ihrer Lehren. Andere bezeichneten sie als „Wacht-Turm-Leute“; aber auch dieser Name war unpassend, denn Der Wacht-Turm war lediglich e i n e der Publikationen, die sie veröffentlichten, um die biblische Wahrheit zu verbreiten.

      Ein besonderer Name erforderlich

      Schließlich wurde immer deutlicher, daß sich die Versammlung der Diener Jehovas, abgesehen von der Bezeichnung „Christen“, durch einen besonderen Namen von anderen unterscheiden mußte. Die Allgemeinheit hatte eine falsche Auffassung davon, was mit dem Namen Christ gemeint war, weil Menschen, die sich als Christen ausgaben, oftmals wenig oder nichts über Jesus Christus, seine Lehren und seinen Auftrag an wahre Nachfolger wußten. Während unsere Brüder Gottes Wort immer besser verstanden, erkannten sie auch deutlich, daß sie sich unbedingt von den Glaubensgemeinschaften unterscheiden mußten, die sich als christlich ausgaben.

      Es stimmt, daß sich unsere Brüder häufig als Bibelforscher bezeichneten und ab 1910 in Verbindung mit ihren Zusammenkünften die Bezeichnung Internationale Vereinigung der Bibelforscher gebrauchten. 1914 gaben sie ihren örtlichen Gruppen den Namen Vereinigte Bibelforscher, um eine Verwechslung mit ihrer zuvor gegründeten gesetzlich eingetragenen Körperschaft, der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (International Bible Students Association), zu vermeiden. Aber ihre Anbetung umfaßte weit mehr als das Forschen in der Bibel. Zudem gab es andere, die ebenfalls in der Bibel forschten — manche in ehrfürchtiger Weise, andere recht kritisch und nicht wenige lediglich deshalb, weil die Bibel in ihren Augen guter Lesestoff war. Nach Bruder Russells Tod lehnten es einige, die früher mit ihm verbunden waren, ab, mit der Watch Tower Society und der International Bible Students Association zusammenzuarbeiten, und leisteten dem Werk dieser Gesellschaften sogar Widerstand. Diese Splittergruppen nannten sich unterschiedlich; einige hielten an der Bezeichnung Vereinigte Bibelforscher fest. Das schuf zusätzliche Verwirrung.

      Aber 1931 nahmen wir den wirklich einzigartigen Namen Jehovas Zeugen an. Der Autor Chandler W. Sterling nannte es einen „Geniestreich“ J. F. Rutherfords, des damaligen Präsidenten der Watch Tower Society. Nach Sterlings Ansicht war es ein kluges Manöver, das nicht nur der Gruppe einen offiziellen Namen gab, sondern es auch erleichterte, alle biblischen Hinweise auf „Zeugen“ und „Zeugnisgeben“ als spezielle Bezugnahmen auf Jehovas Zeugen zu interpretieren. A. H. Macmillan, der mit drei verschiedenen Präsidenten der Watch Tower Society eng zusammenarbeitete, sagte dagegen über die Ankündigung Bruder Rutherfords: „Ich zweifle heute nicht daran — und habe auch damals nicht daran gezweifelt —, daß ihn der Herr in dieser Sache geleitet hat und daß dies der Name ist, von dem Jehova wünscht, daß wir ihn tragen, und wir sind sehr glücklich und froh, ihn zu haben.“ Welcher Standpunkt wird durch die Tatsachen gestützt? War die Namengebung ein „Geniestreich“ Bruder Rutherfords, oder war sie göttlicher Vorsehung zuzuschreiben?

      Entwicklungen, die auf den Namen hindeuteten

      Im achten Jahrhundert v. u. Z. ließ Jehova durch Jesaja die Worte aufzeichnen: „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚ja mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr erkennt und an mich glaubt und damit ihr versteht, daß ich derselbe bin. Vor mir wurde kein Gott gebildet, und nach mir war weiterhin keiner. ... Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott‘ “ (Jes. 43:10, 12). Wie aus den Christlichen Griechischen Schriften hervorgeht, erfüllen sich viele von Jesaja aufgezeichnete Prophezeiungen an der Christenversammlung. (Vergleiche Jesaja 8:18 mit Hebräer 2:10-13; Jesaja 66:22 mit Offenbarung 21:1, 2.) Jesaja 43:10, 12 wurde im Wacht-Turm in den ersten 40 Jahren seines Erscheinens jedoch nie ausführlich besprochen.

      Danach wurden Jehovas Diener aber durch ihr Studium der Bibel auf bedeutsame neue Entwicklungen aufmerksam. Gottes Königreich war mit Jesus als messianischem König 1914 in den Himmeln geboren worden. Im Jahre 1925, als diese Tatsache im Wacht-Turm deutlich gemacht wurde, lenkten 11 verschiedene Ausgaben der Zeitschrift die Aufmerksamkeit auf das prophetische Gebot aus Jesaja, Kapitel 43, Zeugen Jehovas zu sein.

      Im Hauptartikel des Wacht-Turms vom 1. Februar 1926 wurde die herausfordernde Frage behandelt „Wer wird Jehova ehren?“ In den folgenden fünf Jahren wurde in 46 Ausgaben des Wacht-Turms jeweils etwas aus Jesaja 43:10-12 besprochen und auf wahre Christen angewandt.b 1929 wurde betont, daß es bei der herausragenden Streitfrage, vor der alle vernunftbegabten Geschöpfe stehen, darum geht, den Namen Jehovas zu ehren. Und in Zusammenhang mit der Aufgabe, die Jehovas Dienern im Hinblick auf diese Streitfrage zukommt, stand Jesaja 43:10-12 wiederholt zur Betrachtung.

      Wie die Tatsachen zeigen, wurde als Ergebnis des Studiums der Bibel wiederholt die Aufmerksamkeit auf ihre Verpflichtung gelenkt, Zeugen Jehovas zu sein. Das Hauptaugenmerk galt nicht dem Namen einer Gruppe, sondern dem Werk, das sie tun sollte.

      Unter welchem Namen sollten diese Zeugen aber bekannt sein? Welcher Name wäre angesichts ihres Werkes passend? Welche Schlußfolgerung legte Gottes Wort nahe? Das wurde auf dem Kongreß in Columbus (Ohio, USA) vom 24. bis 30. Juli 1931 besprochen.

      Ein neuer Name

      Auf der Titelseite des Kongreßprogramms standen in Großdruck die Buchstaben JW. Was hatten sie zu bedeuten? Das wurde erst am Sonntag, den 26. Juli erklärt. An jenem Tag hielt Bruder Rutherford den öffentlichen Vortrag „Das Königreich — die Hoffnung der Welt“. Als der Redner darauf hinwies, wer die Verkündiger des Königreiches Gottes sind, erwähnte er ausdrücklich den Namen Jehovas Zeugen (engl.: Jehovah’s Witnesses).

      Dieses Thema griff Bruder Rutherford in einer späteren Ansprache am selben Tag wieder auf, in der er die Notwendigkeit eines besonderen Namens besprach.c Auf welchen Namen deutete die Bibel hin? Der Redner zitierte Apostelgeschichte 15:14, wo von Gottes Vorsatz die Rede ist, aus den Nationen „ein Volk für seinen Namen“ herauszunehmen. Auch unterstrich er die Tatsache, daß Jesus Christus gemäß Offenbarung 3:14 „der treue und wahrhaftige Zeuge“ ist. Er verwies auf Johannes 18:37, wo Jesu Worte zu lesen sind: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Er machte auf 1. Petrus 2:9, 10 aufmerksam, wo es heißt, daß Gottes Diener ‘die Vorzüglichkeiten dessen weit und breit verkünden sollten, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat’. Nach einigen Texten aus Jesaja, von denen damals noch nicht alle deutlich verstanden wurden, kam er zum Höhepunkt seiner Ausführungen, und zwar mit Jesaja 43:8-12, wo unter anderem der göttliche Auftrag zu finden ist: „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott.‘ “ Zu welchem Schluß kamen sie also aufgrund des Wortes Jehovas? Welcher Name wäre im Einklang mit der Art und Weise, wie Gott mit ihnen handelte?

      Eine Resolution, die bei dieser Gelegenheit begeistert angenommen wurde, enthielt offensichtlich die Antwort.d In dieser Resolution hieß es unter anderem:

      „D a r u m wird jetzt zur Bekanntgabe unsrer wahren Stellung, in dem Glauben, daß es in Übereinstimmung mit Gottes in seinem Worte ausgedrücktem Willen geschieht, beschlossen kundzutun:

      d a ß wir für Bruder Charles T. Russell seines Werkes wegen große Liebe hegen und freudig anerkennen, daß der Herr ihn gebraucht und seine Arbeit überaus gesegnet hat, doch können wir, dem Worte Gottes entsprechend, nicht zustimmen, ‚Russelliten‘ genannt zu werden; daß ferner die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung und die Volkskanzel-Vereinigung lediglich Namen von Korporationen sind, die wir als eine Gruppe christlicher Leute besitzen, kontrollieren und gebrauchen, unser Werk im Gehorsam gegen Gottes Gebote auszuführen, doch daß keine dieser Bezeichnungen uns als Körperschaft von Christen, die den Fußtapfen unsres Herrn und Meisters, Christus Jesus, nachfolgen, gehörigerweise angeheftet oder beigegeben werden kann; daß wir in der Bibel forschen, aber als eine Vereinigung bildende Körperschaft von Christen es ablehnen, den Namen ‚Bibelforscher‘ oder ähnliche Namen als Mittel zur Feststellung unsrer richtigen Stellung vor dem Herrn anzunehmen oder uns so nennen zu lassen; daß wir es ablehnen, den Namen irgendeines Menschen zu tragen oder so genannt zu werden;

      d a ß wir, erkauft durch das teure Blut unsres Herrn und Erlösers, gerechtfertigt und gezeugt durch Jehova Gott und berufen zu seinem Königreiche, ohne Zaudern erklären, daß wir Jehova Gott und seinem Königreiche untertan und ergeben sind; daß wir Knechte Jehovas sind, beauftragt, in seinem Namen und seinem Gebot gehorchend, ein Werk zu tun, das Zeugnis Jesu Christi zu überbringen und den Menschen bekanntzumachen, daß Jehova der wahre und allmächtige Gott ist; weshalb wir mit Freuden den Namen, den der Mund des Herrn genannt hat, annehmen und wünschen, unter folgendem Namen bekannt zu sein und also genannt zu werden: J e h o v a s Z e u g e n (Jesaja 43:10-12 ...).“e

      Nach dem Vorlesen des vollen Wortlauts der Resolution stimmte die Zuhörerschaft mit lautem, anhaltenden Beifall den Ausführungen uneingeschränkt zu.

      Die Verantwortung übernehmen

      Welch eine Ehre, den Namen des allein wahren Gottes, des Souveräns des Universums, zu tragen! Aber mit diesem Namen ist eine Verantwortung verbunden. Andere religiöse Gruppen scheuen diese Verantwortung. Bruder Rutherford sagte in seiner Ansprache: „Glückselig sind die, die einen Namen annehmen können, den kein Mensch unter der Sonne zu haben wünscht, ausgenommen die, die Jehova gänzlich und rückhaltlos ergeben sind.“ Wie passend ist es doch, daß Jehovas Diener Gottes Eigennamen tragen, daß sie ihn bekanntmachen und daß er bei der Verkündigung seines Vorsatzes eine hervorragende Rolle spielt!

      Eine Gruppe oder Einzelperson, die im Namen Jehovas redet, ist verpflichtet, sein Wort getreu zu übermitteln (Jer. 23:26-28). Sie muß nicht nur Jehovas Vorkehrungen zum Segen gerechtigkeitsliebender Menschen bekanntmachen, sondern auch seine Urteilssprüche über diejenigen, die Unrecht verüben. Die Propheten der alten Zeit durften gemäß dem Gebot Jehovas nichts von seinen Worten wegnehmen, indem sie versäumt hätten, sie bekanntzumachen. Und das trifft auch auf seine Zeugen heute zu (Jer. 1:17; 26:2; Hes. 3:1-11). Sie müssen „das Jahr des Wohlwollens seitens Jehovas und den Tag der Rache seitens unseres Gottes“ verkündigen (Jes. 61:1, 2). Alle, die die obige Resolution annahmen, erkannten diese Verantwortung an und erklärten im letzten Teil der Resolution:

      „Als Jehovas Zeugen ist unser einziger und ausschließlicher Wunsch, seinen Geboten völlig gehorsam zu sein; bekanntzumachen, daß er der allein wahre und allmächtige Gott ist; daß sein Wort wahr und daß sein Name aller Ehre und allen Ruhmes würdig ist; daß Christus Gottes König ist, den er auf seinen Thron der Vollmacht gesetzt hat; daß sein Königreich nun gekommen ist und daß wir im Gehorsam gegen die Gebote des Herrn diese gute Kunde als Bekenntnis oder Zeugnis den Nationen bekanntmachen müssen und die Herrscher und das Volk über Satans grausame und bedrückende Organisation, besonders unter Hinweis auf die ‚Christenheit‘, den greulichsten Teil seiner sichtbaren Organisation, aufklären und ihnen Gottes Vorhaben, die satanische Organisation binnen kurzem zu zermalmen, ankündigen müssen, nach welchem großen Zerstörungswerk Christus, der König, den gehorsamen Menschen der Erde rasch Frieden, Wohlfahrt, Freiheit und Gesundheit, Glück und ewiges Leben bringen wird; daß Gottes Königreich die Hoffnung der Welt ist, außer der es keine andre Hoffnung gibt, und daß diese Botschaft durch die überbracht werden muß, die als Jehovas Zeugen kenntlich gemacht worden sind.

      Wir laden jedermann, der Jehova und seinem Königreich gänzlich ergeben ist, in aller Demut ein, sich an der Verkündigung dieser guten Kunde an andre zu beteiligen, damit das gerechte Panier des Herrn erhöht werde und die Völker der Erde wissen mögen, wo sie die Wahrheit und Hoffnung auf Hilfe finden können; und über alles, damit der große und heilige Name Jehovas gerechtfertigt und erhöht werde.“

      Nicht nur in Columbus (Ohio), in Amerika, sondern auch im fernen Australien applaudierten die Anwesenden stürmisch, als sie die Bekanntmachung über den neuen Namen hörten. In Japan empfing man nach stundenlangem Bemühen mitten in der Nacht mit einem Kurzwellenempfänger lediglich einen kurzen Teil des Programms, der unverzüglich übersetzt wurde. So hörte die dortige kleine Gruppe die Resolution und den donnernden Applaus. Matsue Ishii war dabei, und wie sie später schrieb, jubelten sie gemeinsam mit ihren Brüdern in Amerika. Nach dem Kongreß in Columbus brachten Jehovas Zeugen auf den Kongressen und in den Versammlungen in all den Ländern, wo sie ihren Predigtdienst verrichteten, ihre volle Übereinstimmung mit der Resolution zum Ausdruck. Aus Norwegen — um nur ein Beispiel anzuführen — wurde berichtet: „Auf unserer Jahresversammlung ... in Oslo erhoben wir uns alle und riefen mit großer Begeisterung ‚Ja‘, als wir unseren neuen Namen ‚Jehovas Zeugen‘ annahmen.“

      Mehr als ein Etikett

      Würde die Welt im allgemeinen erfahren, daß unsere Brüder einen neuen Namen angenommen hatten? Ja. Die Ansprache, mit der der Name zum erstenmal bekanntgemacht wurde, wurde über die bis dahin größte Gemeinschaftssendung des Rundfunks ausgestrahlt. Außerdem war die Resolution, die den neuen Namen erläuterte, in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt enthalten. Nach dem Kongreß verbreiteten Jehovas Zeugen in Nord- und Südamerika, in Europa, Afrika und Asien sowie auf den Inseln des Meeres Millionen Exemplare dieser Broschüre in vielen Sprachen. Sie boten die Broschüre nicht nur im Haus-zu-Haus-Dienst an, sondern waren auch bemüht, sie jedem Regierungsvertreter, prominenten Geschäftsmann und bekannten Geistlichen zu übergeben. Einige konnten sich 1992 noch gut daran erinnern, wie sie sich an jenem bedeutsamen Feldzug beteiligten.

      Nicht jeder nahm die Broschüre dankbar an. Wie sich Eva Abbott erinnert, sprach sie in den Vereinigten Staaten im Haus eines Geistlichen vor. Beim Weggehen flog ihr die Broschüre hinterher. Sie wollte sie nicht auf dem Boden liegen lassen und bückte sich, um sie aufzuheben; da schnappte ein großer Hund nach der Broschüre und riß sie knurrend aus ihrer Hand und brachte sie seinem Herrn, dem Geistlichen, zurück. Eva sagte: „Ich konnte sie ihm nicht dalassen, aber der Hund hat’s geschafft.“

      Martin Pötzinger, der später als ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas diente, berichtete: „Die Leute waren erstaunt, wenn wir uns mit den Worten vorstellten: ‚Ich komme heute zu Ihnen als Zeuge für Jehova.‘ Sie schüttelten den Kopf oder fragten uns: ‚Sie sind doch noch Bibelforscher, oder gehören Sie zu einer neuen Sekte?‘ “ Das änderte sich allmählich. Nachdem die Zeugen einige Jahrzehnte ihren unverwechselbaren Namen gebraucht hatten, schrieb Bruder Pötzinger: „Wie ganz anders ist es heute ...! Bevor ich zu Wort komme, sagen die Menschen: ‚Sie sind bestimmt ein Zeuge Jehovas.‘ “ Ja, heute kennt man den Namen.

      Dieser Name ist nicht einfach ein Etikett. Alle Zeugen Jehovas, ob jung oder alt, Mann oder Frau, beteiligen sich am Zeugnisgeben für Jehova und seinen großartigen Vorsatz. C. S. Braden, Professor für Religionsgeschichte, konnte deshalb schreiben: „Jehovas Zeugen haben mit ihrem Zeugnis buchstäblich die ganze Erde umspannt“ (These Also Believe).

      Zwar ist das Zeugniswerk, das unsere Brüder verrichtet haben, schon weltumspannend gewesen, bevor sie den Namen Jehovas Zeugen angenommen haben, doch im nachhinein scheint es, daß Jehova sie auf ein noch größeres Werk vorbereitete — die Einsammlung einer großen Volksmenge, die durch Harmagedon hindurch bewahrt werden und die Gelegenheit erhalten soll, ewig auf einer paradiesischen Erde zu leben.

      [Fußnoten]

      a Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift; A Literal Translation of the New Testament ... From the Text of the Vatican Manuscript von Herman Heinfetter und sechs Übersetzungen ins Hebräische. Siehe auch die Fußnote zu Apostelgeschichte 19:23 in der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift.

      b Während dieser Zeit erschienen im Wacht-Turm unter anderem folgende Hauptartikel: „Jehova und seine Werke“, „Ehret seinen Namen“, „Ein Volk für seinen Namen“, „Sein Name erhaben“, „Der treue und wahrhaftige Zeuge“, „Preise Jehova!“, „Erquicke dich an Jehova“, „Jehova erhaben“, „Die Rechtfertigung seines Namens“, „Sein Name“ und „Singet Jehova!“

      c Siehe den Artikel „Ein neuer Name“ im Wachtturm vom 1. November 1931.

      d Der Wachtturm vom 1. Oktober 1931, Seite 295—297.

      e Bei der Auswahl des Namens Jehovas Zeugen deutet zwar alles in überzeugender Weise auf Jehovas Führung hin, doch wurde im Wachtturm (1. Februar 1944, engl., S. 42, 43; 1. Dezember 1957, S. 735) und später in dem Buch „Neue Himmel und eine neue Erde“ (S. 228—234) darauf hingewiesen, daß dieser Name nicht der in Jesaja 62:2; 65:15 und Offenbarung 2:17 erwähnte neue Name ist, auch wenn er im Einklang mit dem neuen Verhältnis steht, von dem in den beiden Jesaja-Texten die Rede ist.

      [Herausgestellter Text auf Seite 149]

      ‘Die Jünger wurden durch göttliche Vorsehung Christen genannt’

      [Herausgestellter Text auf Seite 150]

      Die Allgemeinheit hatte eine falsche Auffassung von dem Namen Christ

      [Herausgestellter Text auf Seite 151]

      Sie waren mehr als nur Bibelforscher

      [Herausgestellter Text auf Seite 157]

      „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas, ‚und ich bin Gott‘ “

      [Kasten auf Seite 151]

      Der Name Jehovas Zeugen in Amerika

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Armenisch Եհովայի Վկաներ

      Chinesisch 耶和華見證人

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Griechisch Μάρτυρες του Ιεχωβά

      Grönländisch Jehovap Nalunaajaasui

      Italienisch Testimoni di Geova

      Japanisch エホバの証人

      Koreanisch 여호와의 증인

      Papiamento Testigonan di Jehova

      Polnisch Świadkowie Jehowy

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Samoanisch Molimau a Ieova

      Spanisch Testigos de Jehová

      Sranan Tongo Jehovah Kotoigi

      Tagalog Mga Saksi ni Jehova

      Vietnamesisch Nhân-chứng Giê-hô-va

      [Kasten auf Seite 152]

      Auch andere erkannten es

      Nicht nur im „Wacht-Turm“ wurde, gestützt auf die Bibel, darauf hingewiesen, daß Jehova Zeugen auf der Erde haben würde. H. A. Ironside sprach beispielsweise in dem Buch „Lectures on Daniel the Prophet“ (herausgegeben 1911) von denjenigen, an denen sich die kostbaren Verheißungen aus Jesaja, Kapitel 43 erfüllen würden, und erklärte: „Diese werden Jehovas Zeugen sein, die die Macht und Herrlichkeit des einen wahren Gottes bezeugen, wenn die abtrünnige Christenheit der Verblendung übergeben worden ist, damit sie der Lüge des Antichristen glaubt.“

      [Kasten auf Seite 153]

      Der Name Jehovas Zeugen in Asien und auf den Inseln des Pazifiks

      Bengali যিহোবার সাক্ষিরা

      Bikol, Cebuano,

      Hiligaino,

      Samar-Leyte,

      Tagalog Mga Saksi ni Jehova

      Birmanisch ယေဟောဝါသက်သေများ

      Bislama Ol Wetnes blong Jeova

      Chinesisch 耶和華見證人

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Fidschi Vakadinadina i Jiova

      Gudscharati યહોવાહના સાક્ષીઓ

      Hindi यहोवा के साक्षी

      Hiri Motu Iehova ena Witness Taudia

      Iloko Dagiti Saksi ni Jehova

      Indonesisch Saksi-Saksi Yehuwa

      Japanisch エホバの証人

      Kannada ಯೆಹೋವನ ಸಾಕ್ಷಿಗಳು

      Koreanisch 여호와의 증인

      Malajalam യഹോവയുടെ സാക്ഷികൾ

      Marathi यहोवाचे साक्षीदार

      Marschallisch Dri Kennan ro an Jeova

      Nepali यहोवाका साक्षीहरू

      Neumelanesisch Ol Witnes Bilong Jehova

      Niue Tau Fakamoli a Iehova

      Palau reSioning er a Jehovah

      Pangasinan Saray Tasi nen Jehova

      Ponape Sounkadehde kan en Siohwa

      Rarotonga Au Kite o Iehova

      Ruk Ekkewe Chon Pwarata Jiowa

      Russisch Свидетели Иеговы

      Salomonen-Pidgin all’gether Jehovah’s Witness

      Samoanisch, Tuvalu Molimau a Ieova

      Singhalesisch යෙහෝවාගේ සාක්ෂිකරුවෝ

      Tahitisch Ite no Iehova

      Tamil யெகோவாவின் சாட்சிகள்

      Telugu యెహోవాసాక్షులు

      Thai พยานพระยะโฮวา

      Tonga Fakamo‘oni ‘a Sihova

      Urdu

      Vietnamesisch Nhân-chứng Giê-hô-va

      Yap Pi Mich Rok Jehovah

      [Kasten auf Seite 154]

      Der Name Jehovas Zeugen in Afrika

      Afrikaans Jehovah se Getuies

      Amharisch የይሖዋ ምሥክሮች

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Bemba Inte sha kwa Yehova

      Efik Mme Ntiense Jehovah

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Ewe Yehowa Ðasefowo

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Ga Yehowa Odasefoi

      Gan Kunnudetọ Jehovah tọn lẹ

      Ganda Abajulirwa ba Yakuwa

      Haussa Shaidun Jehovah

      Igbo Ndịàmà Jehova

      Kinyaruanda Abahamya ba Yehova

      Kissi Seiyaa Jɛhowaa

      Lingala Batemwe ya Jéhovah

      Lozi Lipaki za Jehova

      Luba Ba Tumoni twa Yehova

      Malagasy Vavolombelon’i Jehovah

      Moore A Zeova Kaset rãmba

      Ndonga Oonzapo dhaJehova

      Nyama Eendombwedi daJehova

      Pedi Dihlatse tša Jehofa

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Rundi Ivyabona vya Yehova

      Sango A-Témoin ti Jéhovah

      Shona Zvapupu zvaJehovha

      Suaheli Mashahidi wa Yehova

      Sutho Lipaki tsa Jehova

      Tigrinja ናይ የሆዋ መሰኻኽር

      Tschewa Mboni za Yehova

      Tschiluba Bantemu ba Yehowa

      Tschwana Basupi ba ga Jehofa

      Tsonga Timbhoni ta Yehova

      Twi Yehowa Adansefo

      Venda Ṱhanzi dza Yehova

      Xhosa amaNgqina kaYehova

      Yoruba Ẹlẹ́rìí Jehofa

      Zulu oFakazi BakaJehova

      [Kasten auf Seite 154]

      Der Name Jehovas Zeugen in Europa und dem Nahen Osten

      Albanisch Dëshmitarët e Jehovait

      Arabisch ش‍هود ‍ي‍هوه‍

      Armenisch Եհովայի Վկաներ

      Bulgarisch Свидетелите на Йехова

      Dänisch Jehovas Vidner

      Deutsch Jehovas Zeugen

      Englisch Jehovah’s Witnesses

      Estnisch Jehoova tunnistajad

      Finnisch Jehovan todistajat

      Französisch Témoins de Jéhovah

      Griechisch Μάρτυρες του Ιεχωβά

      Hebräisch עדי־יהוה

      Isländisch Vottar Jehóva

      Italienisch Testimoni di Geova

      Kroatisch Jehovini svjedoci

      Maltesisch Xhieda ta’ Jehovah

      Mazedonisch,

      Serbisch Јеховини сведоци

      Niederländisch Jehovah’s Getuigen

      Norwegisch Jehovas vitner

      Polnisch Świadkowie Jehowy

      Portugiesisch Testemunhas de Jeová

      Rumänisch Martorii lui Iehova

      Russisch Свидетели Иеговы

      Schwedisch Jehovas vittnen

      Slowakisch Jehovovi svedkovia

      Slowenisch Jehovove priče

      Spanisch Testigos de Jehová

      Tschechisch svĕdkové Jehovovi

      Türkisch Yehova’nın Şahitleri

      Ukrainisch Свідки Єгови

      Ungarisch Jehova Tanúi

  • Die große Volksmenge — Wird sie im Himmel oder auf der Erde leben?
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 12

      Die große Volksmenge — Wird sie im Himmel oder auf der Erde leben?

      IM Gegensatz zu denen, die den Kirchen der Christenheit angehören, hoffen die meisten Zeugen Jehovas, einmal ewig auf der Erde zu leben — nicht im Himmel. Wie läßt sich das erklären?

      Es war nicht immer so. Die Christen des ersten Jahrhunderts erwarteten, eines Tages zusammen mit Jesus Christus als himmlische Könige zu regieren (Mat. 11:12; Luk. 22:28-30). Jesus hatte ihnen jedoch gesagt, die Königreichserben würden nur eine „kleine Herde“ ausmachen (Luk. 12:32). Wer würde dazugehören? Wie viele sollten es sein? Die Einzelheiten erfuhren sie erst später.

      Zu Pfingsten 33 u. Z. wurden die ersten jüdischen Jünger Jesu mit heiligem Geist zu Miterben Christi gesalbt. Im Jahre 36 u. Z. wurde durch das Wirken des Geistes Gottes deutlich, daß auch unbeschnittene Nichtjuden an diesem Erbe beteiligt sein würden (Apg. 15:7-9; Eph. 3:5, 6). Weitere 60 Jahre vergingen, bevor dem Apostel Johannes geoffenbart wurde, daß nur 144 000 von der Erde mit Christus an dem himmlischen Königreich teilhätten (Offb. 7:4-8; 14:1-3).

      Auch Charles Taze Russell und seine Gefährten hegten diese Hoffnung — wie überhaupt die meisten Zeugen Jehovas bis Mitte der 30er Jahre. Durch ihr Studium der Bibel wußten sie außerdem, daß die Salbung mit heiligem Geist nicht nur bedeutete, daß sie für künftige Dienste im Himmel als Könige und Priester mit Christus vorgesehen waren, sondern auch, daß sie ein besonderes Werk zu tun hatten, solange sie noch im Fleische waren (1. Pet. 1:3, 4; 2:9; Offb. 20:6). Was für ein Werk? Sie kannten Jesaja 61:1 sehr gut und zitierten diesen Text oft: „Der Geist des Souveränen Herrn Jehova ist auf mir, darum, daß Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen gute Botschaft kundzutun.“

      Mit welcher Absicht gepredigt?

      Obwohl sie nur wenige waren, bemühten sie sich, so vielen wie möglich die Wahrheit über Gott und seinen Vorsatz mitzuteilen. Sie druckten und verbreiteten große Mengen Literatur, die von der guten Botschaft über Gottes Rettungsvorkehrung durch Christus handelte. Doch ihre Absicht war keineswegs die Bekehrung aller, denen sie predigten. Warum predigten sie ihnen dann? Der Wacht-Turm vom Juli 1889 (engl.) erklärte: „Wir sind seine [Jehovas] Vertreter auf der Erde; die Ehre seines Namens muß in Gegenwart seiner Feinde und vor vielen seiner betrogenen Kinder gerechtfertigt werden; sein herrlicher Plan muß weit und breit bekanntgemacht werden als etwas, was allen weltweisen Plänen, die die Menschen seit jeher zu erdenken versucht haben, entgegengesetzt ist.“

      Man wandte sich besonders an die, die behaupteten, zum Volk des Herrn zu gehören, und zum großen Teil mit den Kirchen der Christenheit verbunden waren. Mit welcher Absicht predigte man ihnen? Wie Bruder Russell wiederholt erklärte, hatten die Bibelforscher damals nicht den Wunsch, Angehörige der Kirchen wegzuziehen und zu einer anderen Organisation zu leiten, sondern sie näher zum Herrn zu führen als Glieder der einen wahren Kirche. Die Bibelforscher wußten allerdings, daß solche Personen, wenn sie das Gebot aus Offenbarung 18:4 befolgen wollten, „Babylon“ verlassen mußten, das sich nach ihrem Verständnis in der nominellen Kirche manifestierte, ja den Kirchen der Christenheit mit all ihren unbiblischen Lehren und sektiererischen Abspaltungen. In der allerersten Ausgabe des Wacht-Turms (Juli 1879, engl.) erklärte Bruder Russell: „Nach unserem Verständnis besteht der Zweck des gegenwärtigen Zeugniswerkes darin, ‚ein Volk zu nehmen für seinen Namen‘, die Kirche, die beim Kommen Christi mit ihm vereint wird und seinen Namen erhält (Off. 3, 12).“

      Sie erkannten, daß damals an alle wahren Christen nur e i n e „Berufung“ erging. Es war die Einladung, zur Braut Christi zu gehören, die schließlich nur 144 000 Glieder zählen würde (Eph. 4:4; Offb. 14:1-5). Sie bemühten sich, alle, die bekannten, an Christi Loskaufsopfer zu glauben — ob Kirchenmitglieder oder nicht —, dazu aufzurütteln, „die kostbaren und überaus großen Verheißungen“ Gottes zu erkennen (2. Pet. 1:4; Eph. 1:18). Sie wollten in ihnen Eifer dafür wecken, den Anforderungen für die kleine Herde von Königreichserben zu entsprechen. Bruder Russell und seine Gefährten bemühten sich, alle geistig zu stärken, die ihrer Ansicht nach „Hausgenossen des Glaubens“ waren (weil sie bekannten, an das Lösegeld zu glauben), und so gaben sie sich große Mühe, durch den Wacht-Turm und andere biblische Veröffentlichungen geistige ‘Speise zur rechten Zeit’ zu beschaffen (Gal. 6:10; Mat. 24:45, 46, EB).

      Es war ihnen allerdings klar, daß nicht alle, die bekannten, eine „Weihung“ vollzogen zu haben (oder „sich völlig dem Herrn gegeben zu haben“, was es gemäß ihrem Verständnis bedeutete), danach weiterhin ein Leben bereitwilliger Selbstaufopferung führten und den Dienst für den Herrn als vorrangige Lebensaufgabe betrachteten. Wie sie erklärten, hatten geweihte Christen jedoch eingewilligt, im Hinblick auf ein himmlisches Erbe das Menschsein bereitwillig aufzugeben; es gab kein Zurück; wenn sie kein Leben im geistigen Bereich erlangten, erwartete sie der zweite Tod (Heb. 6:4-6; 10:26-29). Doch etliche nur scheinbar geweihte Christen machten es sich leicht, sie bekundeten keinen echten Eifer für die Sache des Herrn und wollten sich nicht aufopfern. Dennoch hatten sie das Lösegeld offenbar nicht zurückgewiesen und führten ein einigermaßen reines Leben. Was würde aus solchen Personen werden?

      Viele Jahre dachten die Bibelforscher, es handle sich bei ihnen um die Gruppe, die in Offenbarung 7:9, 14 (Lu) als „eine große Schar“ bezeichnet wird, die aus der großen Trübsal oder Drangsal kommt und „vor dem Thron“ Gottes und dem Lamm, Jesus Christus, steht. Man kam zu dem Schluß, daß sie trotz ihres Versäumnisses, ein aufopferungsvolles Leben zu führen, in einer Zeit der Drangsal nach der Verherrlichung der letzten Glieder der Braut Christi mit Glaubensprüfungen bis zum Tod konfrontiert würden. Wenn diese Menschen, die man als die große Schar betrachtete, sich darin als treu erwiesen, so glaubte man, würden sie zu himmlischem Leben auferweckt werden — nicht um als Könige zu herrschen, sondern um sich vor den Thron zu stellen. Das Argument war, daß ihnen diese zweitrangige Stellung deshalb gegeben würde, weil ihre Liebe zum Herrn nicht glühend genug gewesen sei, weil sie nicht genug Eifer gezeigt hätten. Es wurde angenommen, diese Menschen seien zwar von Gottes Geist gezeugt worden, hätten sich aber keine große Mühe gegeben, Gott zu gehorchen, und hätten womöglich weiterhin zu den Kirchen der Christenheit gehalten.

      Man dachte auch, daß den „alttestamentlichen Überwindern“, die während des Millenniums als Fürsten auf der Erde dienen würden, am Ende dieser Periode — eventuell — auf irgendeine Weise himmlisches Leben verliehen würde (Ps. 45:16). Man schlußfolgerte, daß allen, die sich „weihten“, nachdem die Auserwählung der 144 000 Königreichserben abgeschlossen wäre und bevor die Zeit der Wiederherstellung auf der Erde beginnen würde, etwas Ähnliches in Aussicht stände. In gewissem Sinne hatte man die Ansicht der Christenheit beibehalten, alle guten Menschen kämen in den Himmel. Doch es gab eine biblisch begründete Glaubensansicht, die den Bibelforschern sehr viel bedeutete und durch die sie sich von der gesamten Christenheit unterschieden. Worum handelte es sich dabei?

      Für immer in Vollkommenheit auf der Erde leben

      Sie erkannten, daß einer begrenzten Anzahl Menschen himmlisches Leben verliehen würde, einer weit größeren Zahl aber ewiges Leben auf der Erde, und zwar unter Verhältnissen, wie sie im Edenparadies herrschten. Jesus hatte seine Jünger beten gelehrt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde.“ Außerdem hatte er gesagt: „Glücklich sind die Mildgesinnten, da sie die Erde erben werden“ (Mat. 5:5; 6:10).

      Damit in Übereinstimmung wurde auf einer Kartea, die als Beilage im Wacht-Turm von Juli/August 1881 (engl.) erschien, gezeigt, daß viele Menschen während der Millenniumsherrschaft Christi Gottes Gunst erlangen und die „Menschenwelt“ bilden würden, „die zur Vollkommenheit und zum Leben emporgehoben“ würde. Die Karte diente viele Jahre lang als Grundlage für Vorträge vor kleinen und größeren Gruppen.

      Unter welchen Verhältnissen würden die Menschen während des Millenniums auf der Erde leben? Der Wacht-Turm vom Oktober 1912 erklärte dazu: „Ehe Sünde in die Welt gekommen war, war Gottes Vorsorge für unsere ersten Eltern der Garten Eden. Wenn wir daran gedenken, laßt unseren Geist in die Zukunft schauen, geleitet vom Worte Gottes; und in geistiger Vision sehen wir das wiederhergestellte Paradies — nicht nur ein Garten, sondern die ganze Erde schön, fruchtbar, sündlos, glücklich gemacht. Dann denken wir an die inspirierte Verheißung, die uns so vertraut ist. — ‚Und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein‘; denn die früheren Dinge, Sünde und Tod, werden vergangen sein, und alles wird neu gemacht sein! (Off. 21, 4. 5).“

      Wer würde für immer auf der Erde leben?

      Bruder Russell dachte auf keinen Fall, Gott ließe die Menschen nach ihrer Vorliebe zwischen himmlischem Leben oder irdischem Leben im Paradies wählen. Im Wacht-Turm vom 15. September 1905 (engl.) hieß es: „Die Berufung hat nichts mit Gefühlen oder Ambitionen zu tun. Sonst gäben wir zu verstehen, daß wir uns selbst berufen würden. Über unsere Priesterschaft erklärt der Apostel: ‚Niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern als von Gott berufen‘ (Heb. 5, 4), und um festzustellen, wozu uns Gott berufen hat, dürfen wir uns nicht auf unsere Gefühle verlassen, sondern müssen in Gottes geoffenbartem Wort suchen.“

      Was die Gelegenheit betrifft, in einem wiederhergestellten irdischen Paradies zu leben, glaubten die Bibelforscher, daß sie den Menschen erst gewährt würde, wenn die kleine Herde insgesamt ihren Lohn erhalten hätte und das Millenniumszeitalter da sei. Das wäre nach ihrem Verständnis die Zeit der „Wiederherstellung aller Dinge“, auf die in Apostelgeschichte 3:21 (EB) hingewiesen wird. Selbst die Toten würden dann auferweckt werden, so daß diese liebevolle Vorkehrung allen zugute käme. Die Brüder stellten sich vor, wie alle Menschen (die zu himmlischem Leben Berufenen ausgenommen) dann die Gelegenheit erhalten würden, das Leben zu wählen. Ihrer Ansicht nach wäre das die Zeit, in der Christus auf seinem himmlischen Thron die Menschen voneinander trennen würde, so wie ein Hirt die Schafe von den Ziegenböcken trennt (Mat. 25:31-46). Die gehorsamen Menschen, ob jüdischer oder heidnischer Abstammung, wären die „anderen Schafe“ des Herrn (Joh. 10:16).b

      Nachdem die Zeiten der Nationen abgelaufen waren, meinten sie, die Zeit der Wiederherstellung sei sehr nahe; daher verkündigten sie von 1918 bis 1925: „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben.“ Ja, sie nahmen an, daß die damals lebenden Menschen — die Menschheit im allgemeinen — die Gelegenheit hätten, in die Zeit der Wiederherstellung hinüberzuleben und dann Jehovas Anforderungen für das Leben kennenzulernen. Wer gehorsam wäre, würde allmählich menschliche Vollkommenheit erlangen. Rebellisches Verhalten dagegen hätte letztlich ewige Vernichtung zur Folge.

      Die Brüder ahnten in diesen Anfangsjahren nicht, daß die Königreichsbotschaft so ausgedehnt und so viele Jahre lang bekanntgemacht würde, wie dies geschehen ist. Aber sie erforschten weiterhin die Bibel und wollten für das empfänglich sein, was sie über das Werk sagte, das Gott von ihnen getan haben wollte.

      „Schafe“ zur Rechten Christi

      Bei einem wahrhaft bedeutenden Schritt im Verständnis des Vorsatzes Jehovas ging es um Jesu Gleichnis von den Schafen und Böcken aus Matthäus 25:31-46. In diesem Gleichnis sagte Jesus: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit gekommen sein wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf seinen Thron der Herrlichkeit setzen. Und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird die Menschen voneinander trennen, so wie ein Hirt die Schafe von den Ziegenböcken trennt. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zu seiner Linken.“ Weiter heißt es in dem Gleichnis, daß die „Schafe“ den „Brüdern“ Christi helfen und ihnen sogar Erleichterung zu bringen versuchen, wenn sie verfolgt werden und im Gefängnis sind.

      Lange war man der Ansicht, das Gleichnis beziehe sich auf das Millennium, auf die Zeit der Wiederherstellung, und mit dem endgültigen Gericht, auf das in dem Gleichnis hingewiesen werde, sei das Gericht gemeint, das am Ende des Millenniums vollstreckt werde. Doch 1923 legte J. F. Rutherford, der Präsident der Watch Tower Society, in einem aufschlußreichen Vortrag in Los Angeles (Kalifornien) Gründe für eine andere Ansicht dar. Dieser Vortrag wurde im selben Jahr in der englischen Ausgabe des Wacht-Turms vom 15. Oktober (dt.: 1. Januar 1924) veröffentlicht.

      Was die Zeit betrifft, in der sich dieses prophetische Gleichnis erfüllen sollte, wurde in dem Artikel gezeigt, daß Jesus es in seine Antwort auf die Frage nach dem ‘Zeichen seiner Gegenwart und des Abschlusses des Systems der Dinge’ einschloß (Mat. 24:3). Der Artikel erklärte, warum die in dem Gleichnis erwähnten „Brüder“ weder die Juden des Evangeliumszeitalters sein konnten noch Personen, die während der Tausendjahrperiode der Prüfung und des Gerichts Glauben bekunden, sondern diejenigen sein mußten, die mit Christus das himmlische Königreich ererben, so daß sich das Gleichnis in einer Zeit erfüllen müßte, in der einige Miterben Christi noch im Fleische wären. (Vergleiche Hebräer 2:10, 11.) Die Erlebnisse, die diese gesalbten Brüder Christi hatten, wenn sie sich bemühten, der Geistlichkeit und dem einfachen Volk der Kirchen der Christenheit Zeugnis zu geben, ließen ebenfalls darauf schließen, daß die in Jesu Gleichnis enthaltene Prophezeiung sich bereits erfüllte. Wieso? Viele Geistliche und angesehene Kirchenmitglieder reagierten feindselig — sie reichten ihnen kein erfrischendes Glas Wasser, weder buchstäblich noch in übertragenem Sinne; statt dessen stachelten einige den Pöbel dazu auf, den Brüdern die Kleider vom Leib zu reißen und sie zu schlagen, oder sie verlangten von Beamten, die Brüder einzusperren (Mat. 25:41-43). Im Gegensatz dazu nahmen viele demütige Kirchenmitglieder die Königreichsbotschaft freudig auf, boten den Überbringern Erfrischungen an und halfen ihnen, wo sie nur konnten, selbst wenn die Gesalbten wegen der guten Botschaft inhaftiert wurden (Mat. 25:34-36).

      Soweit die Bibelforscher verstanden, befanden sich die Schafe, von denen Jesus sprach, noch in den Kirchen der Christenheit. Nach ihrem Verständnis handelte es sich dabei um Personen, die nicht beanspruchten, dem Herrn geweiht zu sein, andererseits jedoch großen Respekt vor Jesus Christus und seinen Nachfolgern hatten. Dürften sie aber in den Kirchen verbleiben?

      Ein fester Stand in der reinen Anbetung

      Ein Studium des prophetischen Bibelbuches Hesekiel warf Licht auf diese Frage. Der erste Band eines dreiteiligen Kommentars darüber, betitelt Rechtfertigung, wurde 1931 veröffentlicht. Darin wurde die Bedeutung der Worte Hesekiels über Jehovas Grimm gegen das abtrünnige alte Juda einschließlich Jerusalems erklärt. Obwohl die Judäer beanspruchten, dem lebendigen, wahren Gott zu dienen, übernahmen sie die religiösen Bräuche der sie umgebenden Völker, sie brachten leblosen Götzen Räucherwerk dar und setzten unsittlicherweise ihr Vertrauen auf politische Bündnisse, statt Glauben an Jehova zu bekunden (Hes. 8:5-18; 16:26, 28, 29; 20:32). In alledem glichen sie haargenau der Christenheit; folglich würde Jehova an der Christenheit ein Strafgericht vollstrecken, genauso wie am untreuen Juda mitsamt Jerusalem. In Hesekiel, Kapitel 9 wird indessen gezeigt, daß vor der Vollstreckung des göttlichen Strafgerichts einige zur Rettung gekennzeichnet würden. Um wen handelt es sich dabei?

      In der Prophezeiung heißt es, die Gekennzeichneten würden ‘seufzen und stöhnen über all die Abscheulichkeiten, die in ihrer Mitte getan werden’, das heißt in der Christenheit, dem gegenbildlichen Jerusalem (Hes. 9:4). Natürlich konnten sie sich dann nicht vorsätzlich an diesen Abscheulichkeiten beteiligen. Deshalb wurden die Gekennzeichneten im ersten Band des Werkes Rechtfertigung als Personen bezeichnet, die es ablehnen, den kirchlichen Organisationen der Christenheit anzugehören, und die irgendwie für den Herrn Stellung beziehen.

      Nach diesen Darlegungen wurde 1932 der Bibelbericht über Jehu und Jonadab und seine prophetische Bedeutung erörtert. Jehu wurde von Jehova beauftragt, König des Zehnstämmereiches Israel zu sein und Jehovas Strafgericht an dem bösen Haus Ahabs und Isebels zu vollstrecken. Als Jehu nach Samaria unterwegs war, um den Baalskult auszurotten, kam ihm Jonadab, der Sohn Rechabs, entgegen. Jehu fragte Jonadab: „Ist dein Herz redlich mit mir?“, worauf Jonadab antwortete: „Es ist’s.“ „Gib mir deine Hand“, bat Jehu Jonadab und zog ihn auf seinen Wagen. Dann forderte Jehu ihn auf: „Geh doch mit mir, und sieh, daß ich keine Rivalität gegenüber Jehova dulde“ (2. Kö. 10:15-28). Jonadab war zwar kein Israelit, aber er hieß Jehus Vorgehen gut; er wußte, daß Jehova, dem wahren Gott, ausschließliche Ergebenheit entgegengebracht werden sollte (2. Mo. 20:4, 5). Jahrhunderte später hatten Jonadabs Nachkommen immer noch eine Gesinnung, die Jehova gefiel, so daß er verhieß: „Es wird von Jonadab, dem Sohn Rechabs, kein Mann davon abgeschnitten werden, vor mir zu stehen allezeit“ (Jer. 35:19). Es erhob sich also die Frage: Gibt es heute Menschen auf der Erde, die keine geistigen Israeliten mit himmlischem Erbe sind, die aber Jonadab gleichen?

      Im Wachtturm vom 1. September 1932 wurde erklärt: „Jonadab stellt im Schattenbilde jene Klasse von Menschen guten Willens dar, die jetzt ... auf der Erde leben, nicht in Harmonie mit der Organisation Satans sind und sich auf die Seite der Gerechtigkeit stellen. Diese sind es, die der Herr während der Zeit Harmagedons bewahren, durch jene Trübsal hindurchbringen und ihnen ewiges Leben auf der Erde geben wird. Sie bilden die Klasse der ‚Schafe‘, die dem gesalbten Volke Gottes zugetan sind, weil sie wissen, daß die Gesalbten des Herrn sein Werk verrichten.“ Wer einen solchen Geist bekundete, wurde eingeladen, sich den Gesalbten darin anzuschließen, anderen die Königreichsbotschaft zu überbringen (Offb. 22:17).

      Es gab Personen (wenn auch relativ wenige damals), die sich Jehovas Zeugen zugesellten, sich aber darüber im klaren waren, daß der Geist Gottes in ihnen nicht die Hoffnung auf himmlisches Leben hervorgerufen hatte. Mit der Zeit wurden sie als Jonadabe bekannt, weil sie es wie der Jonadab aus alter Zeit als Vorrecht betrachteten, mit den gesalbten Dienern Jehovas identifiziert zu werden, und sie waren froh, sich an den Aufgaben beteiligen zu dürfen, auf die Gottes Wort sie hinwies. Würde es vor Harmagedon viele geben, die die Aussicht hätten, nie zu sterben? Wäre es möglich, daß ihre Zahl, wie man gesagt hatte, in die Millionen ginge?

      Wer bildet die „große Volksmenge“?

      In der Ankündigung, daß vom 30. Mai bis 3. Juni 1935 in Washington (D. C.) ein Kongreß der Zeugen Jehovas geplant war, schrieb Der Wachtturm (engl.): „Früher hatten nicht viele Jonadabe das Vorrecht, einem Kongreß beizuwohnen, und der Kongreß in Washington wird für sie sicher eine echte Wohltat und Segnung sein.“ Das stellte sich bestimmt als zutreffend heraus.

      Auf diesem Kongreß wurde besonders auf Offenbarung 7:9, 10 eingegangen, wo es heißt: „Nach diesen Dingen sah ich, und siehe, eine große Volksmenge, die kein Mensch zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Zungen stand vor dem Thron und vor dem Lamm, in weiße lange Gewänder gehüllt, und Palmzweige waren in ihren Händen. Und sie rufen fortwährend mit lauter Stimme, indem sie sagen: ‚Die Rettung verdanken wir unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm.‘ “ Aus wem setzt sich diese große Volksmenge oder „große Schar“ (Lu) zusammen?

      Jahrelang, das heißt sogar bis 1935, wurden die Betreffenden nicht mit den Schafen aus Jesu Gleichnis von den Schafen und Böcken gleichgesetzt. Wie erwähnt, dachte man, sie seien eine zweitrangige himmlische Klasse — zweitrangig, weil sie in ihrem Gehorsam gegenüber Gott nachlässig gewesen seien.

      Diese Ansicht ließ jedoch Fragen im Raum stehen. Einige davon wurden Anfang 1935 im Hauptbüro der Watch Tower Society beim Mittagessen diskutiert. Manche, die sich damals dazu äußerten, hielten die große Schar für eine irdische Klasse. Grant Suiter, der später zur leitenden Körperschaft gehörte, erinnerte sich: „Anläßlich eines Bethel-Studiums, das Bruder T. J. Sullivan leitete, fragte ich: ‚Müssen diejenigen, die die „große Schar“ bilden, nicht ihre Lauterkeit bewahren, da sie doch ewiges Leben erlangen?‘ Viele Kommentare wurden gegeben, aber eine definitive Antwort blieb aus.“ Am Freitag, den 31. Mai 1935 wurde auf dem Kongreß in Washington (D. C.) eine zufriedenstellende Antwort gegeben. Bruder Suiter saß im zweiten Rang, von wo aus er die Menge überschauen konnte, und hörte den Ausführungen fasziniert zu.

      Nicht lange nach dem Kongreß erschien der Inhalt dieses Vortrags in den Ausgaben des Wachtturms vom 1. und 15. September 1935. Wie dargelegt wurde, sei es für das richtige Verständnis des Sachverhalts entscheidend, sich darüber im klaren zu sein, daß das Hauptvorhaben Jehovas nicht die Errettung von Menschen sei, sondern die Rechtfertigung seines eigenen Namens (oder, wie wir heute sagen würden, die Rechtfertigung seiner Souveränität). Wer seine Lauterkeit Jehova gegenüber bewahrt, steht somit in seiner Gunst; wer sich dagegen bereit erklärt, seinen Willen zu tun, dann aber Gottes Namen in Mißkredit bringt, indem er mit der Organisation Satans Kompromisse schließt, wird von ihm nicht belohnt. Von allen, die in Gottes Gunst stehen möchten, wird Treue verlangt.

      Dazu schrieb Der Wachtturm: „Offenbarung 7:15 ist eigentlich der Schlüssel zur Feststellung, wer die große Volksmenge ist. ... Die Offenbarung ... erklärt in ihrer Schilderung der großen Volksmenge: ‚Sie sind vor dem Throne Gottes und dienen ihm öffentlich‘ ... [Sie] sehen, verstehen und befolgen ... die Worte Jesu, des Lammes Gottes, der ihnen gebietet: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen‘, welche Worte auf alle Geschöpfe anwendbar sind, die Jehova billigt“ (Mat. 4:10). Es wäre also nicht richtig, das, was die Bibel über die große Volksmenge oder große Schar sagt, als eine Art Absicherung für Menschen zu betrachten, die zwar vorgeben, Gott zu lieben, sich aber nicht bemühen, seinen Willen zu tun.

      Ist die große Volksmenge dann eine himmlische Klasse? Der Wachtturm zeigte, daß die Ausdrucksweise der Bibel zu keinem solchen Schluß führt. Über ihre Stellung „vor dem Throne“ hieß es, daß nach Matthäus 25:31, 32 alle Nationen vor dem Thron Christi versammelt würden, diese Nationen seien jedoch auf der Erde. Die große Volksmenge dagegen ‘steht’ vor dem Thron, weil sie die Anerkennung dessen hat, der auf dem Thron sitzt. (Vergleiche Jeremia 35:19.)

      Doch wo war eine solche Gruppe zu finden — Menschen „aus allen Nationen“, Menschen, die nicht zum geistigen Israel gehörten (wie es davor, in Offenbarung 7:4-8, beschrieben wird), Menschen, die Glauben an das Lösegeld ausübten (die in übertragenem Sinne ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen hatten), Menschen, die Christus als König zujubelten (mit Palmzweigen in den Händen wie die Menge, die Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem als König in Empfang nahm), Menschen, die sich tatsächlich als Diener Jehovas vor seinem Thron darstellten? Gab es auf der Erde eine solche Gruppe von Menschen?

      Jehova lieferte die Antwort durch die Erfüllung seiner eigenen Prophezeiung. Webster Roe, der den Kongreß in Washington miterlebte, erinnerte sich, daß Bruder Rutherford, an einem Höhepunkt seines Vortrags angelangt, sagte: „Würden alle, die die Hoffnung haben, ewig auf der Erde zu leben, bitte einmal aufstehen?“ Wie Bruder Roe erzählte, „standen mehr als die Hälfte der Zuhörer auf“. Der Wachtturm vom 15. September 1935 schrieb darüber: „Wir sehen jetzt eine Schar, die genau der Beschreibung entspricht, die in Offenbarung sieben über die große Volksmenge gegeben ist. Während der wenigen vergangenen Jahre, und zwar während der Zeit, wo dieses Evangelium vom Reiche zu einem Zeugnis gepredigt wird, ist eine große Anzahl solcher hervorgekommen (und sie kommen immer noch), die den Herrn Jesus als den Retter und Jehova als ihren Gott bekennen; sie beten ihn im Geist und in der Wahrheit an und dienen ihm mit Freuden. Sie werden auch ‚die Jonadabe‘ genannt. Sie sind im Sinnbild getauft worden, womit sie bezeugten, ... daß sie sich auf die Seite Jehovas gestellt haben und ihm und seinem König dienen.“

      Damals erkannte man, daß die große Volksmenge aus Offenbarung 7:9, 10 zu den „anderen Schafen“ gehört, von denen Jesus sprach (Joh. 10:16); sie ist es, die den „Brüdern“ Christi zu Hilfe kommt (Mat. 25:33-40); es sind Menschen, die zum Überleben gekennzeichnet sind, weil sie über die Abscheulichkeiten entsetzt sind, die in der Christenheit geschehen, und damit nichts zu tun haben wollen (Hes. 9:4); sie sind wie Jonadab, der sich offen mit dem gesalbten Diener Jehovas solidarisch erklärte, als dieser seinen göttlichen Auftrag ausführte (2. Kö. 10:15, 16). Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas handelt es sich um loyale Diener Gottes, die Harmagedon überleben werden und die Aussicht haben, für immer auf einer Erde zu leben, die in einen paradiesischen Zustand zurückgeführt wird.

      Ein dringendes Werk zu verrichten

      Ihr Verständnis dieser Bibelstellen hatte weitreichende Auswirkungen auf die Tätigkeit der Diener Jehovas. Ihnen wurde bewußt, daß nicht sie es waren, die die Angehörigen der großen Volksmenge auswählen und einsammeln würden; es stand ihnen nicht zu, Menschen zu sagen, ob sie eine himmlische oder eine irdische Hoffnung hätten. Der Herr würde die Dinge entsprechend seinem Willen lenken. Als Zeugen Jehovas hatten sie indessen eine wichtige Verantwortung. Sie sollten als Verkündiger des Wortes Gottes dienen, das heißt anderen die Wahrheiten mitteilen, die Gott ihnen verstehen half, damit die Menschen erfuhren, was Jehova vorgesehen hat, und die Gelegenheit erhielten, empfänglich darauf zu reagieren.

      Auch war ihnen bewußt, daß ihr Werk sehr dringend war. In einer Artikelserie über das Thema „Einsammlung der großen Volksmenge“, die 1936 erschien, erklärte Der Wachtturm: „Die Schrift enthält starke Stützen für die Schlußfolgerung, daß Jehova in der Schlacht von Harmagedon die Völker der Erde vertilgen wird, ausgenommen nur die Menschen, die seinen Geboten, sich an seine Organisation zu halten, gehorchen. In der Vergangenheit sind Millionen um Millionen Menschen ins Grab gesunken, ohne jemals von Gott und Christus Jesus zu hören, und diese müssen zur bestimmten Zeit aus dem Tode auferweckt werden und eine Erkenntnis der Wahrheit erhalten, damit sie ihre Entscheidung treffen können. Doch verhält es sich anders mit den Menschen, die jetzt auf der Erde leben. ... Die von der großen Volksmenge müssen diese frohe Botschaft vor der Schlacht des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, das ist vor Harmagedon, erhalten. Wenn der großen Volksmenge die Wahrheitsbotschaft nicht jetzt gegeben würde, würde es zu spät sein, nachdem das Gemetzel schon angefangen haben wird.“ (Siehe 2. Könige 10:25; Hesekiel 9:5-10; Zephanja 2:1-3; Matthäus 24:21; 25:46.)

      Als Folge dieses biblischen Verständnisses wurden Jehovas Zeugen mit neuem Eifer für das Zeugniswerk erfüllt. Leo Kallio, der später in Finnland als reisender Aufseher diente, sagte: „Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals mehr Freude und Eifer verspürte, auch kann ich mich nicht entsinnen, daß ich mit meinem Fahrrad jemals schneller fuhr als in dieser Zeit, wo ich es kaum erwarten konnte, interessierten Personen die Botschaft zu überbringen, daß ihnen wegen der unverdienten Güte Jehovas ewiges Leben auf der Erde in Aussicht gestellt wurde.“

      In den nächsten fünf Jahren, während die Zahl der Zeugen Jehovas anstieg, wurden diejenigen, die bei der alljährlichen Feier zum Gedenken an den Tod Christi von den Symbolen nahmen, nach und nach weniger. Allerdings wuchs die große Volksmenge nicht so schnell an, wie Bruder Rutherford es erwartet hatte. Einmal sagte er sogar zu Fred Franz, der der vierte Präsident der Gesellschaft wurde: „Es sieht so aus, als ob die ‚große Volksmenge‘ doch nicht so groß sein wird.“ Aber seither ist die Zahl der Zeugen Jehovas in die Millionen gegangen, wohingegen diejenigen, die ein himmlisches Erbe erwarten, generell immer weniger geworden sind.

      E i n e Herde unter e i n e m Hirten

      Die Klasse der Gesalbten und die große Volksmenge rivalisieren nicht miteinander. Diejenigen, die eine himmlische Hoffnung haben, blicken nicht auf die anderen herab, die sich auf ewiges Leben in einem irdischen Paradies freuen. Jeder nimmt dankbar die Vorrechte an, die ihm Jehova gewährt, und folgert nicht, er sei durch seine Stellung etwas Besseres beziehungsweise anderen irgendwie unterlegen (Mat. 11:11; 1. Kor. 4:7). So, wie Jesus voraussagte, sind die beiden Gruppen wirklich „e i n e Herde“ geworden, die unter ihm als ihrem „e i n e n Hirten“ dient (Joh. 10:16).

      Das Empfinden der gesalbten Brüder Christi gegenüber ihren Gefährten aus der großen Volksmenge wird in dem Buch Weltweite Sicherheit unter dem „Fürsten des Friedens“ treffend ausgedrückt: „Seit dem Zweiten Weltkrieg erfüllt sich die für die Zeit des ‚Abschlusses des Systems der Dinge‘ gegebene Prophezeiung Jesu hauptsächlich aufgrund der Rolle, die die aus ‚anderen Schafen‘ bestehende ‚große Volksmenge‘ spielt. Das Licht der angezündeten Lampen des Überrestes hat die Augen ihres Herzens erleuchtet, und es ist ihnen geholfen worden, dieses Licht auf andere widerzustrahlen, die sich noch in der Finsternis der Welt befinden. ... Sie sind zu unzertrennlichen Gefährten des Überrestes der Brautklasse geworden. ... Der internationalen ‚großen Volksmenge‘, die viele Sprachen spricht, gebührt daher aufrichtiger Dank für den überwältigenden Anteil, den sie an der Erfüllung der Prophezeiung des Bräutigams aus Matthäus 24:14 hat!“

      Während jedoch Jehovas Zeugen, die große Volksmenge inbegriffen, vereint die herrliche Botschaft von Gottes Königreich verkündigt haben, ist der Öffentlichkeit außer ihrem eifrigen Zeugnis noch etwas anderes an ihnen aufgefallen.

      [Fußnoten]

      a Diese „Karte der Zeitalter“ erschien später in dem Buch Der göttliche Plan der Zeitalter.

      b Zions Wacht-Turm, 15. März 1905 (engl.), Seite 88—91.

      [Herausgestellter Text auf Seite 159]

      Die meisten Zeugen Jehovas sehen ewigem Leben auf der Erde entgegen

      [Herausgestellter Text auf Seite 161]

      Eine Ansicht, durch die sie sich von der gesamten Christenheit unterschieden

      [Herausgestellter Text auf Seite 164]

      Zeit der Erfüllung des Gleichnisses von den Schafen und Böcken

      [Herausgestellter Text auf Seite 165]

      Sie wurden mit der Zeit als Jonadabe bekannt

      [Herausgestellter Text auf Seite 166]

      Am 31. Mai 1935 wurde deutlich erklärt, wer die „große Schar“ ist

      [Herausgestellter Text auf Seite 170]

      Himmlische oder irdische Hoffnung — Wer bestimmt das?

      [Kasten auf Seite 160]

      Eine Zeit des Verständnisses

      Vor über 250 Jahren schrieb Sir Isaac Newton einen interessanten Kommentar über das Verständnis von Prophezeiungen einschließlich der über die „große Volksmenge“ aus Offenbarung 7:9, 10. In seinem Werk „Observations Upon the Prophecies of Daniel, and the Apocalypse of St. John“, das 1733 erschien, erklärte er: „Diese Prophezeiungen Daniels und Johannis sollten erst in der Zeit des Endes verstanden werden: Aber dann sollten einige lange Zeit in einem elenden und traurigen Zustand daraus prophezeien, und das nur undeutlich, so daß sie nur wenige bekehren. ... Dann, so sagt Daniel, werden viele hin und her schweifen, und die Erkenntnis wird zunehmen. Denn das Evangelium muß vor der großen Trübsal und dem Ende der Welt allen Völkern gepredigt werden. Die Schar mit Palmzweigen, die aus dieser großen Trübsal kommt, kann nur unzählbar sein und aus allen Völkern kommen, wenn sie vor Eintreten der Trübsal durch das Predigen des Evangeliums dazu gemacht wird.“

      [Kasten/Bild auf Seite 168]

      Die Erde, die ewige Heimat des Menschen

      Worin bestand Gottes ursprünglicher Vorsatz für die Menschheit?

      „Gott [segnete] sie, und Gott sprach zu ihnen: ‚Seid fruchtbar, und werdet viele, und füllt die Erde, und unterwerft sie euch, und haltet euch die Fische des Meeres und die fliegenden Geschöpfe der Himmel untertan und jedes lebende Geschöpf, das sich auf der Erde regt‘ “ (1. Mo. 1:28).

      Hat sich Gottes Vorsatz in Verbindung mit der Erde geändert?

      „Mein Wort ... wird nicht ergebnislos zu mir zurückkehren, sondern es wird gewiß das tun, woran ich Gefallen gehabt habe, und es wird bestimmt Erfolg haben in dem, wozu ich es gesandt habe“ (Jes. 55:11).

      „Dies ist, was Jehova gesprochen hat, der Schöpfer der Himmel, ER, der wahre Gott, der Bildner der Erde und der sie gemacht hat, ER, der ihr festen Bestand gab, der sie nicht einfach umsonst erschuf, der sie bildete, damit sie auch bewohnt werde: ‚Ich bin Jehova, und sonst gibt es keinen‘ “ (Jes. 45:18).

      „Ihr sollt daher auf folgende Weise beten: ,Unser Vater in den Himmeln, dein Name werde geheiligt. Dein Königreich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde‘ “ (Mat. 6:9, 10).

      „Die Übeltäter, sie werden weggetilgt, die aber auf Jehova hoffen, sind es, die die Erde besitzen werden. Die Gerechten selbst werden die Erde besitzen, und sie werden immerdar darauf wohnen“ (Ps. 37:9, 29).

      Was für Verhältnisse werden unter Gottes Königreich auf der Erde herrschen?

      „Doch gibt es neue Himmel und eine neue Erde, die wir gemäß seiner Verheißung erwarten, und in diesen wird Gerechtigkeit wohnen“ (2. Pet. 3:13).

      „Nicht werden sie das Schwert erheben, Nation gegen Nation, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen. Und sie werden tatsächlich sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und da wird niemand sein, der sie aufschreckt; denn der Mund Jehovas der Heerscharen selbst hat es geredet“ (Mi. 4:3, 4).

      „Sie werden gewiß Häuser bauen und sie bewohnen; und sie werden bestimmt Weingärten pflanzen und deren Fruchtertrag essen. Sie werden nicht bauen und ein anderer es bewohnen; sie werden nicht pflanzen und ein anderer essen. Denn gleich den Tagen eines Baumes werden die Tage meines Volkes sein; und das Werk ihrer eigenen Hände werden meine Auserwählten verbrauchen“ (Jes. 65:21, 22).

      „Kein Bewohner wird sagen: ‚Ich bin krank‘ “ (Jes. 33:24).

      „Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen“ (Offb. 21:3, 4; siehe auch Johannes 3:16).

      „Wer wird dich nicht wirklich fürchten, Jehova, und deinen Namen verherrlichen, denn du allein bist loyal? Denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, weil deine gerechten Verordnungen offenbar gemacht worden sind“ (Offb. 15:4).

      [Kasten/Bild auf Seite 169]

      Wer in den Himmel kommt

      Wie viele Menschen kommen in den Himmel?

      „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Königreich zu geben“ (Luk. 12:32).

      „Ich sah, und siehe, das Lamm [Jesus Christus] stand auf dem [himmlischen] Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die seinen Namen und den Namen seines Vaters auf ihrer Stirn geschrieben trugen. Und sie singen gleichsam ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebenden Geschöpfen und den Ältesten; und niemand konnte dieses Lied meistern als nur die hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde erkauft worden sind“ (Offb. 14:1, 3).

      Sind alle 144 000 Juden?

      „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist weder männlich noch weiblich; denn ihr alle seid e i n e r in Gemeinschaft mit Christus Jesus. Überdies, wenn ihr Christus angehört, seid ihr wirklich Abrahams Same, Erben hinsichtlich einer Verheißung“ (Gal. 3:28, 29).

      „Nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch besteht die Beschneidung in dem, was äußerlich am Fleisch vollzogen worden ist; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und seine Beschneidung ist die des Herzens durch Geist und nicht durch ein geschriebenes Recht“ (Röm. 2:28, 29).

      Warum nimmt Gott einige in den Himmel auf?

      „Sie werden Priester Gottes und des Christus sein und werden als Könige die tausend Jahre mit ihm regieren“ (Offb. 20:6).

      [Kasten/Übersicht auf Seite 171]

      Gedächtnismahlbericht

      Nach 25 Jahren war die Zahl der Gedächtnismahlbesucher 100mal höher als die Zahl der Teilnehmer

      [Übersicht]

      (Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

      Teilnehmer

      Anwesende

      1 500 000

      1 250 000

      1 000 000

      750 000

      500 000

      250 000

      1935 1940 1945 1950 1955 1960

      [Bilder auf Seite 167]

      Auf dem Kongreß in Washington (D. C.) ließen sich 840 Personen taufen

  • Unser Lebenswandel als Erkennungsmerkmal
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 13

      Unser Lebenswandel als Erkennungsmerkmal

      WIR leben in einer Zeit, in der sittliche Normen, die man lange achtete, in weiten Kreisen der Bevölkerung als überholt angesehen werden. Die meisten Kirchen der Christenheit haben sich diesem Trend angeschlossen — entweder im Namen der Toleranz oder mit dem Argument, die Zeiten hätten sich geändert und die Tabus früherer Generationen seien nicht mehr gültig. Samuel Miller, Dekan der Theologischen Fakultät der Harvarduniversität äußerte sich wie folgt über die Auswirkungen: „Die Kirche gleicht einem stumpfen Messer. Sie hat die Kultur unserer Zeit angenommen und in sich aufgenommen.“ Das wirkt sich auf Menschen, die in diesen Kirchen Anleitung suchen, verheerend aus.

      Das Wochenblatt der katholischen Erzdiözese von Montreal (Kanada), L’Eglise de Montréal, schrieb dagegen in einem Bericht über Jehovas Zeugen: „Sie haben bemerkenswerte Moralbegriffe.“ Dem pflichten viele Lehrer, Arbeitgeber und Regierungsvertreter bei. Was hat zu diesem Ruf beigetragen?

      Ein Zeuge Jehovas zu sein schließt weit mehr ein, als nur an einem Gerüst von Glaubenslehren festzuhalten und über diese Lehren Zeugnis abzulegen. Das Urchristentum war als der „WEG“ bekannt, und Jehovas Zeugen sind sich darüber im klaren, daß die wahre Religion auch heute ein Lebensweg sein muß (Apg. 9:2). Wie es auch auf anderen Gebieten der Fall war, gelangten die neuzeitlichen Zeugen Jehovas allerdings nicht sofort zu einer ausgeglichenen Ansicht darüber, was das alles einschließt.

      „Charakter oder Bund?“

      Gleich zu Anfang wurde zwar vernünftiger biblischer Rat über das Erfordernis gegeben, Christus ähnlich zu sein, doch einige der ersten Bibelforscher legten solchen Nachdruck auf die von ihnen so genannte „Charakterentwicklung“, daß gewisse Aspekte des wahren Christentums in den Hintergrund traten. Manche waren offenbar der Meinung, eine edle Wesensart — das heißt, immer freundlich und gütig zu erscheinen, mit sanfter Stimme zu sprechen, keinerlei Zorn zu zeigen und täglich in der Bibel zu lesen — würde ihnen den Zutritt zum Himmel garantieren. Dabei übersahen sie aber, daß Christus seinen Nachfolgern ein Werk aufgetragen hatte.

      Dieses Problem wurde in dem Artikel „Charakter oder Bund?“ in der Ausgabe des Wacht-Turms vom 1. Juni 1926 deutlich angesprochen.a Darin hieß es, manche seien in dem Bemühen, einen „vollkommenen Charakter“ zu entwickeln, solange sie im Fleische seien, mutlos geworden und hätten aufgegeben, während andere selbstgerecht geworden seien und dazu neigten, das Verdienst des Opfers Christi aus den Augen zu verlieren. In dem Artikel wurde zunächst der Glaube an das vergossene Blut Christi hervorgehoben und dann betont, wie wichtig es sei, ‘diese Dinge zu tun’, das heißt, im Dienste Gottes tätig zu sein, um zu beweisen, daß man ein Leben führe, das Gott gefalle (2. Pet. 1:5-10). Damals, als ein Großteil der Christenheit noch den Anspruch erhob, sich an die sittlichen Normen der Bibel zu halten, wurde durch das Betonen der Tätigkeit der Kontrast zwischen Jehovas Zeugen und der Christenheit offenkundig. Der Gegensatz wurde noch krasser, als sich alle, die Christen sein wollten, mit aktuell werdenden Fragen der Moral auseinandersetzen mußten.

      ‘Enthaltet euch der Hurerei’

      Der christliche Maßstab für eine gute Geschlechtsmoral wurde vor langer Zeit in der Bibel klar und deutlich dargelegt. „Das ist, was Gott will, eure Heiligung, daß ihr euch der Hurerei enthaltet ... Denn Gott hat uns nicht mit der Erlaubnis zur Unreinheit berufen, sondern in Verbindung mit der Heiligung. So mißachtet denn der, der Mißachtung bekundet, nicht einen Menschen, sondern Gott“ (1. Thes. 4:3-8). „Die Ehe sei ehrbar unter allen, und das Ehebett sei unbefleckt, denn Gott wird Hurer und Ehebrecher richten“ (Heb. 13:4). „Wißt ihr nicht, daß Ungerechte das Königreich Gottes nicht erben werden? Laßt euch nicht irreführen. Weder Hurer ... noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei männlichen Personen liegen, ... werden Gottes Königreich erben“ (1. Kor. 6:9, 10).

      Im Wacht-Turm wurde schon im November 1879 (engl.) auf diesen Maßstab für wahre Christen aufmerksam gemacht. Aber er wurde nicht wiederholt oder ausführlich behandelt, so als hätte es unter den ersten Bibelforschern in dieser Hinsicht ein großes Problem gegeben. Doch in dem Maße, wie die Einstellung der Welt freizügiger wurde, lenkte man mehr Aufmerksamkeit auf diese Richtlinien, was besonders auf die Jahre um den Zweiten Weltkrieg herum zutraf. Das war deshalb notwendig, weil sich einige Zeugen Jehovas die Auffassung zu eigen gemacht hatten, solange sie im Zeugniswerk tätig seien, sei ein wenig Laxheit in der Geschlechtsmoral eine rein persönliche Angelegenheit. Zwar wurde im Wachtturm vom 1. April 1935 ausdrücklich gesagt, die Teilnahme am Predigtdienst berechtige nicht zu unmoralischem Verhalten, aber nicht alle nahmen sich die Worte zu Herzen. Daher behandelte Der Wachtturm in seiner Ausgabe vom 15. Juni 1941 dieses Thema ziemlich ausführlich in dem Artikel „Noahs Tage“. Es wurde darauf hingewiesen, daß die sexuellen Ausschweifungen der Tage Noahs ein Grund waren, warum Gott die damalige Welt vernichtete, und daß Gottes Handlungsweise ein Vorbild dafür war, was er in unserer Zeit tun würde. Mit warnenden offenen Worten wurde darauf hingewiesen, daß ein Diener Gottes, der seine Lauterkeit bewahren wolle, nicht einen Teil des Tages damit verbringen könne, den Willen des Herrn zu tun, um sich dann nach der Arbeit den „Werken des Fleisches“ hinzugeben (Gal. 5:17-21). Darauf wurde in einem Artikel des Wachtturms vom 1. Juli 1942 (engl.) ein Lebenswandel verurteilt, der nicht den sittlichen Normen der Bibel für Verheiratete und Unverheiratete entsprach. Niemand dürfe auf den Gedanken kommen, die Beteiligung am öffentlichen Predigen der Königreichsbotschaft als Zeuge Jehovas berechtige zu einem zügellosen Leben (1. Kor. 9:27). Im Laufe der Zeit sollte noch entschlossener vorgegangen werden, um die sittliche Reinheit der Organisation zu wahren.

      Einige, die damals den Wunsch äußerten, ein Zeuge Jehovas zu sein, waren in Gegenden aufgewachsen, wo man nichts gegen die Ehe auf Probe hatte, wo sexuelle Beziehungen zwischen Verlobten toleriert wurden oder wo eheähnliche Gemeinschaften als normal galten. Manche Ehepaare bemühten sich, sexuell enthaltsam zu leben. Einige Verheiratete lebten unklugerweise von ihrem Ehepartner getrennt. Um die nötige Anleitung zu geben, behandelte Der Wachtturm in den 50er Jahren alle diese Lebensumstände; er erörterte die ehelichen Pflichten, betonte das biblische Verbot der Hurerei und definierte Hurereib, damit keine Mißverständnisse aufkämen (Apg. 15:19, 20; 1. Kor. 6:18).

      In Ländern, wo Personen, die sich der Organisation Jehovas anzuschließen begannen, die sittlichen Normen der Bibel nicht ernst nahmen, wurde diesem Problem besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So hielt N. H. Knorr, der dritte Präsident der Watch Tower Society, als er 1945 in Costa Rica war, einen Vortrag über christliche Moral, in dem er sagte: „Allen, die heute abend hier anwesend sind und die mit einer Frau zusammenleben, ohne gesetzlich verheiratet zu sein, gebe ich einen Rat: Geht zum katholischen Priester, und laßt euch bei ihm als Kirchenmitglied eintragen, denn in der katholischen Kirche könnt ihr es so halten. Dies aber ist Gottes Organisation, und in ihr darf man nicht so handeln.“

      Seit den 60er Jahren, als sich Homosexuelle offener zu ihren Praktiken bekannten, debattierten viele Kirchen diese Angelegenheit und akzeptierten Homosexuelle dann als Mitglieder. In manchen Kirchen werden sie heute sogar als Geistliche ordiniert. Als Hilfe für aufrichtige Menschen, die Fragen zu diesem Thema hatten, wurde in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas auch darüber geschrieben. Aber für Jehovas Zeugen war der Standpunkt zur Homosexualität von vornherein klar. Warum? Weil sie die Richtlinien der Bibel nicht lediglich als die Meinung von Menschen aus einer anderen Zeit ansehen (1. Thes. 2:13). Sie studieren gern mit Homosexuellen die Bibel, um ihnen die Richtlinien Jehovas zu vermitteln, und Homosexuelle können die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas besuchen, um zuzuhören, aber niemand, der sich weiter homosexuell betätigt, kann ein Zeuge Jehovas werden (1. Kor. 6:9-11; Jud. 7).

      In neuerer Zeit ist es weltweit üblich geworden, daß unverheiratete Jugendliche sexuelle Beziehungen haben. Jugendliche in den Familien der Zeugen Jehovas blieben von dem moralischen Druck nicht verschont, und manche nahmen sich an der Handlungsweise ihrer Umwelt ein Beispiel. Wie ging die Organisation in dieser Situation vor? In den Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! wurden Artikel veröffentlicht, die Eltern und Jugendlichen helfen sollten, die Dinge aus biblischer Sicht zu betrachten. Auf Kongressen wurden lebensnahe Dramen gezeigt, um allen Anwesenden bewußtzumachen, was es nach sich zieht, die sittlichen Normen der Bibel zu mißachten, und wie gut es sich auswirkt, Gottes Gebote zu befolgen. Eines der ersten dieser Dramen wurde 1969 aufgeführt und hatte das Thema „Dornen und Fallstricke sind auf dem Wege dessen, der nach Unabhängigkeit strebt“. Es wurden Bücher speziell für junge Menschen geschrieben, um ihnen erkennen zu helfen, wie vernünftig der Rat der Bibel ist. Dazu gehörten die Bücher Mache deine Jugend zu einem Erfolg (1976 erschienen) und Fragen junger Leute — Praktische Antworten (1989 erschienen). Älteste leisteten Einzelpersonen und Familien in geistiger Hinsicht persönlich Hilfe. Die Versammlungen der Zeugen Jehovas wurden auch dadurch geschützt, daß man reuelosen Sündern die Gemeinschaft entzog.

      Der Sittenverfall der Welt hat Jehovas Zeugen nicht zu freizügigeren Anschauungen veranlaßt. Im Gegenteil, die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas legt immer mehr Nachdruck darauf, daß man keine unerlaubten sexuellen Handlungen begeht und sogar Einflüsse und Situationen meidet, durch die Moralbegriffe unterhöhlt werden. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sie für Belehrung gesorgt, durch die Personen im Kampf gegen „geheime Sünden“ wie Masturbation unterstützt und vor Gefahren gewarnt worden sind, die Pornographie, rührselige Fernsehserien und verderbliche Musik in sich bergen. Während es also mit der Moral der Welt bergab geht, geht es mit der Moral der Zeugen Jehovas bergauf.

      Göttliche Maßstäbe im Familienleben

      Dem Familienleben der Zeugen Jehovas ist es sehr zugute gekommen, daß sie sich eng an den biblischen Maßstab für eine gute Geschlechtsmoral halten. Ein Zeuge Jehovas zu sein ist allerdings keine Garantie dafür, daß man vor familiären Problemen bewahrt wird. Doch Jehovas Zeugen sind sich sicher, daß Gottes Wort den allerbesten Rat enthält, wie man solche Probleme lösen kann. Die Organisation hat ihnen viel Material zur Verfügung gestellt, das ihnen hilft, diesen Rat anzuwenden; und wenn sie sich daran halten, wirkt sich das bestimmt gut aus.

      Schon 1904 wurden im sechsten Band der Schriftstudien ausführlich die ehelichen und elterlichen Pflichten behandelt. Seither sind Hunderte von Artikeln erschienen und in jeder Versammlung der Zeugen Jehovas zahlreiche Vorträge gehalten worden, durch die jedem Familienmitglied seine von Gott zugewiesene Rolle vor Augen geführt worden ist. Diese Belehrung über ein gutes Familienleben richtet sich nicht nur an Jungverheiratete, sondern bildet ein fortlaufendes Programm für die ganze Versammlung (Eph. 5:22 bis 6:4; Kol. 3:18-21).

      Wäre die Polygamie akzeptabel?

      Obwohl die Bräuche, die die Ehe und das Familienleben betreffen, von Land zu Land verschieden sind, erkennen Jehovas Zeugen an, daß die in der Bibel dargelegten Normen überall gelten. Als ihr Werk im 20. Jahrhundert in Afrika Fuß faßte, lehrten Jehovas Zeugen dort wie überall, daß in einer christlichen Ehe nur e i n Ehepartner erlaubt ist (Mat. 19:4, 5; 1. Kor. 7:2; 1. Tim. 3:2). Dennoch gab es Hunderte, die zwar die biblische Bloßstellung des Götzendienstes akzeptierten und freudig die Lehren der Zeugen Jehovas über Gottes Königreich annahmen, sich aber taufen ließen, ohne die Polygamie aufgegeben zu haben. Um das zu beheben, betonte Der Wachtturm vom 1. Mai 1947, daß die Polygamie im Christentum ungeachtet der Landesbräuche nicht erlaubt ist. In einem Brief an die Versammlungen wurde mitgeteilt, daß alle, die sich als Zeugen Jehovas bekannten, aber in Polygamie lebten, sechs Monate Zeit hätten, ihre ehelichen Angelegenheiten entsprechend der biblischen Norm zu regeln. Das wurde in einem Vortrag bekräftigt, den Bruder Knorr im selben Jahr bei einem Besuch in Afrika hielt.

      In Nigeria prophezeiten etliche Außenstehende den Zeugen Jehovas, daß sich ihre Reihen stark lichten würden, falls sie die Polygamie in ihrer Mitte ausmerzten. Tatsächlich unternahmen selbst 1947 nicht alle Polygamisten, die durch ihre Taufe Zeugen Jehovas geworden waren, die erforderlichen Schritte. Zum Beispiel erzählt Asuquo Akpabio, ein reisender Aufseher, daß ihn der Zeuge Jehovas, bei dem er in Ifiayong übernachtete, um Mitternacht weckte und von ihm verlangte, die Bekanntmachung über das Erfordernis der Monogamie zu widerrufen. Weil er dazu nicht bereit war, setzte ihn sein Gastgeber in derselben Nacht bei strömendem Regen vor die Tür.

      Andere dagegen haben durch ihre Liebe zu Jehova die Kraft erhalten, seine Gebote zu befolgen. Hier nur einige wenige Beispiele: In Zaire schickte ein Exkatholik, der in Polygamie gelebt hatte, zwei seiner Frauen weg, um ein Zeuge Jehovas werden zu können, obwohl es für ihn eine schwere Glaubensprüfung war, da er seine Lieblingsfrau entlassen mußte, weil sie nicht die ‘Ehefrau seiner Jugend’ war (Spr. 5:18). In Dahomey (heute Benin) mußte ein ehemaliger Methodist, der noch fünf Frauen hatte, für die erforderlichen Scheidungen komplizierte gesetzliche Hindernisse überwinden, damit er sich taufen lassen konnte. Er sorgte jedoch weiterhin für seine früheren Frauen und ihre Kinder, wie es auch andere taten, die ihre Nebenfrauen entließen. Die Nigerianerin Warigbani Whittington war die zweite der beiden Frauen ihres Mannes. Als für sie feststand, daß sie vor allen Dingen Jehova, dem wahren Gott, gefallen wollte, nahm sie den Zorn ihres Mannes und ihrer Blutsverwandten auf sich. Ihr Mann ließ sie mit ihren beiden Kindern gehen, leistete ihr aber keinerlei finanzielle Hilfe — nicht einmal Geld für die Fahrt gab er ihr. Aber sie sagte, daß die materiellen Vorteile, auf die sie verzichtet habe, nichts seien im Vergleich zu dem Bewußtsein, Gott zu gefallen.

      Was ist über Ehescheidung zu sagen?

      In westlichen Ländern wird die Polygamie kaum praktiziert, aber dafür sind dort andere unbiblische Anschauungen modern. Man vertritt zum Beispiel den Standpunkt, es sei besser, sich scheiden zu lassen, als eine unglückliche Ehe zu führen. In jüngerer Zeit haben einige Zeugen Jehovas diese Haltung auf sich abfärben lassen und aus Gründen wie „unüberwindliche Abneigung“ auf Scheidung geklagt. Was hat man dagegen unternommen? Die Organisation lehrt immer wieder mit Nachdruck die Ansicht Jehovas über die Ehescheidung, was sowohl langjährigen Zeugen Jehovas zugute kommt als auch den Hunderttausenden, die sich ihnen jedes Jahr anschließen.

      Welche biblischen Richtlinien hat Der Wachtturm beleuchtet? Unter anderem folgende: In dem Bibelbericht über die erste Eheschließung wird die Einheit zwischen Ehemann und Ehefrau mit den Worten betont: ‘Der Mann soll fest zu seiner Frau halten, und sie sollen e i n Fleisch werden’ (1. Mo. 2:24). Später, bei den Israeliten, verbot das mosaische Gesetz Ehebruch, und für Ehebrecher war die Todesstrafe vorgeschrieben (5. Mo. 22:22-24). Bei ihnen konnte eine Ehe zwar auch aus anderen Gründen als Ehebruch geschieden werden, aber nur ‘wegen ihrer Herzenshärte’, wie Jesus sagte (Mat. 19:7, 8). Wie dachte Jehova darüber, wenn jemand seinen Ehepartner loswerden wollte, um wieder zu heiraten? In Maleachi 2:16 heißt es: „Er hat Ehescheidung gehaßt.“ Dennoch erlaubte er denen, die sich scheiden ließen, in der Versammlung Israels zu bleiben. Wenn sie für die Zurechtweisungen empfänglich waren, die Jehova seinem Volk erteilte, würde sich ihr Herz aus Stein vielleicht mit der Zeit erweichen lassen, so daß sie wahre Liebe für Gottes Wege zum Ausdruck bringen könnten. (Vergleiche Hesekiel 11:19, 20.)

      Der Wachtturm hat wiederholt gezeigt, daß Jesus bei seinen Bezugnahmen auf die Ehescheidung, wie sie im alten Israel praktiziert wurde, auf einen höheren Maßstab hinwies, der unter seinen Nachfolgern eingeführt werden sollte. Jesus sagte, daß jeder, der sich von seiner Frau scheiden lasse, außer wegen Hurerei (pornéia, „unerlaubter Geschlechtsverkehr“), und wieder heirate, Ehebruch begehe; und selbst wenn er nicht wieder heiratete, so würde er doch seine Frau dem Ehebruch aussetzen (Mat. 5:32; 19:9). Somit ist die Ehescheidung für Christen, wie Der Wachtturm hervorhob, eine weit schwerwiegendere Angelegenheit, als es in Israel der Fall war. Die Bibel schreibt zwar nicht vor, daß jeder, der sich scheiden läßt, aus der Versammlung ausgeschlossen wird, aber wer außerdem Ehebruch begeht und nicht bereut, dem wird von der Versammlung der Zeugen Jehovas die Gemeinschaft entzogen (1. Kor. 6:9, 10).

      Die Einstellung der Welt zur Ehe und zum Familienleben hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Dennoch halten sich Jehovas Zeugen nach wie vor an die Normen Gottes, des Urhebers der Ehe, wie sie in der Bibel aufgezeichnet sind. Sie bemühen sich, aufrichtigen Menschen mit Hilfe dieser Richtlinien zu zeigen, wie man mit den schwierigen Verhältnissen fertig werden kann, in denen sich so viele befinden.

      Daraufhin haben viele, die auf die biblische Belehrung der Zeugen Jehovas positiv reagiert haben, ihr Leben von Grund auf geändert. Männer, die früher ihre Frau schlugen, Männer, die ihrer Verantwortung nicht nachkamen, Männer, die zwar für das materielle, nicht aber für das emotionelle und geistige Wohl ihrer Familie sorgten — viele Tausende von ihnen sind liebevolle Ehemänner und Väter geworden, die sich um ihre Familie richtig kümmern. Frauen, die erbittert nach Unabhängigkeit strebten, Frauen, die ihre Kinder vernachlässigten und nicht auf ihr Äußeres achteten oder die Wohnung nicht in Ordnung hielten — viele von ihnen sind heute Ehefrauen, die ihren Mann als Haupt respektieren und sich so verhalten, daß ihr Mann und ihre Kinder sie von Herzen lieben. Jugendliche, die gegenüber den Eltern aufsässig waren und sich gegen die Gesellschaftsordnung auflehnten, Jugendliche, die durch ihre Handlungsweise ihr Leben ruinierten und so ihren Eltern Kummer bereiteten — nicht wenige von ihnen haben durch Glauben an Gott einen Sinn im Leben gefunden, was ihnen geholfen hat, ihre Persönlichkeit umzuwandeln.

      Natürlich ist es für ein glückliches Familienleben unerläßlich, zueinander ehrlich zu sein. Ehrlichkeit ist auch in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig.

      Wie weit muß die Ehrlichkeit gehen?

      Jehovas Zeugen sind sich bewußt, daß sie in allem, was sie tun, ehrlich sein müssen. Sie stützen ihre Ansicht unter anderem durch folgende Bibelstellen: Jehova selbst ist der „Gott der Wahrheit“ (Ps. 31:5). „Der Vater der Lüge“ dagegen ist nach Jesu Worten der Teufel (Joh. 8:44). Daher ist es einleuchtend, daß zu den Dingen, die Jehova haßt, „eine falsche Zunge“ gehört (Spr. 6:16, 17). Sein Wort fordert uns auf: „Da ihr jetzt die Unwahrheit abgelegt habt, rede jeder von euch mit seinem Nächsten Wahrheit“ (Eph. 4:25). Und Christen müssen nicht nur die Wahrheit reden, sondern sich auch nach dem Vorbild des Apostels Paulus ‘in allen Dingen ehrlich benehmen’ (Heb. 13:18). Es gibt keinen Lebensbereich, in dem Jehovas Zeugen berechtigt sind, andere Wertvorstellungen gelten zu lassen.

      Als Jesus den Steuereinnehmer Zachäus in dessen Haus besuchte, gab dieser Mann zu, daß sein Geschäftsgebaren unrecht war, und er unternahm Schritte, um frühere erpresserische Handlungen wiedergutzumachen (Luk. 19:8). Auch heute haben Personen, die sich Jehovas Zeugen anschlossen, so gehandelt, um vor Gott ein reines Gewissen zu haben. In Spanien begann zum Beispiel ein Gewohnheitsdieb, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Bald quälte ihn sein Gewissen, so daß er seinem früheren Arbeitgeber und seinen Nachbarn gestohlene Gegenstände zurückgab und das übrige Diebesgut zur Polizei brachte. Er bekam eine Geldstrafe und mußte für kurze Zeit ins Gefängnis, aber dafür hat er heute ein reines Gewissen. In England stellte sich ein ehemaliger Diamantendieb der Polizei, nachdem er erst zwei Monate mit einem Zeugen Jehovas die Bibel studiert hatte — zum Erstaunen der Beamten, denn sie waren schon sechs Monate auf der Suche nach ihm gewesen. In den zweieinhalb Jahren, die er im Gefängnis saß, studierte er sorgfältig die Bibel und lernte, mit anderen über biblische Wahrheiten zu sprechen. Nach seiner Entlassung wurde er durch seine Taufe ein Zeuge Jehovas (Eph. 4:28).

      Jehovas Zeugen sind für ihre Ehrlichkeit bekannt. Arbeitgeber wissen, daß Zeugen Jehovas sie nicht bestehlen, ja nicht einmal auf die Anweisung ihres Chefs hin lügen oder Unterlagen fälschen — und das, selbst wenn ihnen mit Kündigung gedroht wird. Für Jehovas Zeugen ist ein gutes Verhältnis zu Gott viel wichtiger als die Anerkennung irgendeines Menschen. Und sie sind sich darüber im klaren, daß alles „nackt und bloßgelegt [ist] vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben“, ganz gleich, wo wir sind oder was wir tun (Heb. 4:13; Spr. 15:3).

      In Italien hieß es in der Zeitung La Stampa über Jehovas Zeugen: „Sie praktizieren, was sie predigen ... Die moralischen Ideale der Nächstenliebe, der Ablehnung von Gewalt und der persönlichen Ehrlichkeit (für die meisten Christen ‚Sonntagsregeln‘, die sich nur für die Predigt auf der Kanzel eignen) gehen in ihre ‚tägliche‘ Lebensführung ein.“ Und in den Vereinigten Staaten schrieb Louis Cassels, Fachredakteur für Religion bei der Nachrichtenagentur United Press International (Washington, D. C.): „Jehovas Zeugen halten treu an ihren Glaubensansichten fest, koste es, was es wolle.“

      Warum das Glücksspiel für sie keine Frage war

      In der Vergangenheit verband man Ehrlichkeit generell mit der Bereitschaft, hart zu arbeiten. Das Spielen um Geld oder das Wetten wurde von der Gesellschaft allgemein mißbilligt. Doch als das 20. Jahrhundert von einem selbstsüchtigen, auf Reichtum versessenen Geist durchdrungen wurde, breitete sich das Glücksspiel — legal oder illegal — stark aus. Es wird nicht nur von der Unterwelt gefördert, sondern oft auch von Kirchen und Regierungen, die sich dadurch Geld beschaffen wollen. Wie haben Jehovas Zeugen auf diese veränderte Haltung in der Gesellschaft reagiert? Sie orientieren sich an biblischen Grundsätzen.

      Wie sie in ihren Veröffentlichungen geschrieben haben, gibt es in der Bibel kein ausdrückliches Verbot des Glücksspiels. Doch das Glücksspiel hat durchweg schlechte, verderbliche Auswirkungen, und darauf machen Der Wachtturm und das Erwachet! schon seit einem halben Jahrhundert aufmerksam. Außerdem haben diese Zeitschriften gezeigt, daß bei jeder Art des Spielens um Geld eine Einstellung gefördert wird, vor der die Bibel warnt. Als Beispiel kann man die Geldliebe nennen — „Die Geldliebe ist eine Wurzel von schädlichen Dingen aller Arten“ (1. Tim. 6:10) —, die Selbstsucht — „Ebenso sollst du nicht selbstsüchtig nach ... irgend etwas [verlangen], was deinem Mitmenschen gehört“ (5. Mo. 5:21; vergleiche 1. Korinther 10:24) — und die Habgier — ‘Habt keinen Umgang mehr mit jemandem, der Bruder genannt wird, wenn er ein Habgieriger ist’ (1. Kor. 5:11). Außerdem warnt die Bibel davor, das „Glück“ anzurufen, als wäre es eine Art übernatürliche Kraft, die einem Gefälligkeiten erweisen könnte (Jes. 65:11). Da sich Jehovas Zeugen diese biblischen Warnungen zu Herzen nehmen, sind sie entschieden gegen das Spielen um Geld. Und seit 1976 sind sie besonders darum bemüht, daß niemand unter ihnen einer beruflichen Tätigkeit nachgeht, durch die er eindeutig mit einem Glücksspielunternehmen in Verbindung gebracht würde.

      Das Spielen um Geld war unter Jehovas Zeugen eigentlich nie eine Frage. Sie wissen, daß die Bibel die Einstellung nicht gutheißt, auf Kosten anderer gewinnen zu wollen, sondern dazu auffordert, mit den Händen zu arbeiten, sorgfältig mit dem umzugehen, was einem anvertraut ist, großzügig zu sein und mit Bedürftigen zu teilen (Eph. 4:28; Luk. 16:10; Röm. 12:13; 1. Tim. 6:18). Können andere diese Haltung ohne weiteres erkennen? Ja, besonders Leute, die beruflich mit ihnen zu tun haben. Nicht selten sind Zeugen Jehovas als Arbeitnehmer gefragt, weil sie für ihre Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit bekannt sind. Weltliche Arbeitgeber wissen, daß es die Religion der Zeugen ist, die sie zu solchen Menschen macht.

      Was ist über Tabak und Drogen zu sagen?

      Die Bibel erwähnt weder Tabak noch die vielen anderen Drogen, die heute genommen werden. Doch sie vermittelt Richtlinien, die Jehovas Zeugen geholfen haben, festzustellen, welche Verhaltensweise Gott gefällt. So wies der Wacht-Turm bereits 1895 (engl.) in einer Stellungnahme zum Tabakgenuß auf 2. Korinther 7:1 hin, wo es heißt: „Da wir also diese Verheißungen haben, Geliebte, so laßt uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und Geistes, indem wir die Heiligkeit in der Furcht Gottes vervollkommnen.“

      Viele Jahre lang war dieser Rat offenbar ausreichend. Als die Tabakindustrie jedoch die Werbung einsetzte, um dem Rauchen Reiz zu verleihen, und als sich der Mißbrauch „illegaler“ Drogen ausbreitete, war mehr nötig. Es wurden weitere biblische Prinzipien hervorgehoben: Achtung vor Jehova, dem Lebengeber (Apg. 17:24, 25), Nächstenliebe (Jak. 2:8), der Grundsatz, daß jemand, der seinen Mitmenschen nicht liebt, keine richtige Liebe zu Gott hat (1. Joh. 4:20), und Gehorsam gegenüber weltlichen Regierungen (Tit. 3:1). Man wies darauf hin, daß Bibelschreiber mit dem griechischen Wort pharmakía, dessen Grundbedeutung „Drogengebrauch“ ist, die „Ausübung von Spiritismus“ bezeichneten, weil Drogen bei spiritistischen Bräuchen verwendet wurden (Gal. 5:20).

      In der Zeitschrift Trost wurde schon 1946 (engl.) aufgedeckt, daß die gekauften „Kenner“aussagen in der Zigarettenwerbung oft Betrug sind. Als entsprechende wissenschaftliche Beweise zur Verfügung standen, berichtete die Zeitschrift Erwachet!, die Trost ablöste, daß Tabak Krebs und Herzkrankheiten verursacht, ungeborenes Leben schädigt, Nichtraucher gefährdet, die gezwungenermaßen den Rauch einatmen, und daß Nikotin süchtig macht. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Marihuana eine berauschende Wirkung hat und zu Hirnschädigungen führen kann. Darüber hinaus hat man wiederholt die bedrohlichen Risiken anderer suchterzeugender Drogen erörtert, um den Lesern der Wachtturm-Publikationen nützliche Informationen zu geben.

      Lange bevor sich staatliche Behörden darüber einig waren, inwieweit man die Bevölkerung vor den schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums warnen sollte, erklärte Der Wachtturm vom 1. März 1935 (engl.) unmißverständlich, kein Raucher dürfe ein Mitarbeiter im Hauptbüro der Watch Tower Bible and Tract Society oder einer ihrer ernannten Vertreter sein. Nachdem man 1938 eingeführt hatte, daß alle Diener in den Versammlungen der Zeugen Jehovas von der Gesellschaft ernannt wurden, hieß es im Wachtturm vom 1. Juli 1942 (engl.), daß das Tabakverbot auch für alle diese ernannten Diener gelte. Manchenorts dauerte es mehrere Jahre, bis man sich ganz und gar daran hielt. Doch die Mehrheit der Zeugen Jehovas reagierte positiv auf den biblischen Rat und das gute Beispiel derer, die unter ihnen die Führung innehatten.

      Ein weiterer Fortschritt in der konsequenten Beachtung der biblischen Richtlinien bestand darin, daß von 1973 an kein Raucher mehr zur Taufe zugelassen wurde. In den folgenden Monaten wurde denen, die in der Tabakherstellung tätig waren oder den Verkauf von Tabak förderten, zu der Einsicht verholfen, daß sie damit nicht fortfahren und gleichzeitig als Zeugen Jehovas anerkannt werden konnten. Die Richtlinien des Wortes Gottes müssen konsequent in jedem Lebensbereich beachtet werden. Es ist für Jehovas Zeugen ein Schutz gewesen, daß biblische Grundsätze auf Tabak, Marihuana und die sogenannten harten Drogen angewandt worden sind. Sie konnten auch vielen Tausenden, die ihr Leben durch Drogenmißbrauch ruinierten, durch die Bibel helfen.

      Verhält es sich mit alkoholischen Getränken anders?

      In den Wachtturm-Publikationen wird nicht die Ansicht vertreten, der Genuß alkoholischer Getränke sei dasselbe wie Drogenmißbrauch. Wieso nicht? Die Erklärung dafür lautet: Unser Schöpfer kennt unsere Beschaffenheit, und sein Wort erlaubt den mäßigen Genuß alkoholischer Getränke (Ps. 104:15; 1. Tim. 5:23). Andererseits warnt die Bibel vor ‘starkem Trinken’ und verurteilt Trunkenheit entschieden (Spr. 23:20, 21, 29, 30; 1. Kor. 6:9, 10; Eph. 5:18).

      Da sich viele durch den unmäßigen Konsum berauschender Getränke zugrunde richteten, trat Charles Taze Russell selbst für völlige Abstinenz ein. Er räumte allerdings ein, daß Jesus Wein trank. Im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in den Vereinigten Staaten der Ruf nach einem Alkoholverbot laut. Der Wacht-Turm brachte offen seine Sympathie gegenüber denen zum Ausdruck, die gegen die schädigende Wirkung des Alkohols kämpften, aber er schloß sich ihrer Kampagne zur Durchsetzung der Prohibition nicht an. Die Zeitschrift wies jedoch nachdrücklich auf die Schäden hin, die durch übermäßigen Alkoholgenuß verursacht werden, und erklärte wiederholt, es sei am besten, Wein und Spirituosen ganz zu meiden. Wer der Meinung war, er könne alkoholische Getränke ruhig in Maßen zu sich nehmen, wurde angeregt, über Römer 14:21 nachzudenken, wo es heißt: „Es ist gut, nicht Fleisch zu essen noch Wein zu trinken, noch sonst etwas zu tun, woran dein Bruder Anstoß nimmt.“

      Als jedoch 1930 in den Vereinigten Staaten der Leiter der Anti-Saloon League (Verein, der für die Einführung der Prohibition kämpfte) soweit ging, öffentlich zu behaupten, seine Organisation sei „von Gott ins Leben gerufen“, wies J. F. Rutherford, der damalige Präsident der Watch Tower Society, in Rundfunkansprachen darauf hin, daß ein solcher Anspruch einer Verleumdung Gottes gleichkomme. Weshalb? Weil Gottes Wort den Weingenuß nicht ganz und gar verbiete, weil durch die Prohibition die Trunkenheit, die Gott verurteile, nicht aus der Welt geschafft werde und weil die Reaktion auf das Alkoholverbot Schwarzbrennerei, Schmuggel, illegaler Ausschank und Korruption in der Regierung sei.

      Jehovas Zeugen überlassen es dem einzelnen, ob er alkoholische Getränke zu sich nimmt oder abstinent lebt. Doch sie halten sich an die biblische Richtlinie, daß Aufseher „mäßig in den Gewohnheiten“ sein müssen. Dieser Ausdruck ist eine Übersetzung des griechischen Wortes nēphálion, das buchstäblich bedeutet: „nüchtern, gemäßigt; entweder sich ganz des Weines enthaltend ... oder mindestens in bezug auf den übermäßigen Gebrauch“. Auch Dienstamtgehilfen dürfen „nicht vielem Wein ergeben“ sein (1. Tim. 3:2, 3, 8). Jemand, der viel trinkt, eignet sich also nicht für besondere Dienstvorrechte. Dadurch, daß diejenigen, die die Führung unter Jehovas Zeugen übernehmen, ein gutes Beispiel geben, können sie unbefangen Personen helfen, die in Streßsituationen dem Alkohol als Krücke zuneigen oder die tatsächlich völlig abstinent leben müssen, um nicht dem Alkohol zu verfallen. Was ist das Ergebnis?

      Beispielsweise heißt es in einer Zeitungsnotiz aus dem Süden Zentralafrikas: „Allen Berichten ist zu entnehmen, daß in den Gebieten, in denen Jehovas Zeugen unter den Afrikanern am stärksten vertreten sind, jetzt am wenigsten Unruhe herrscht. Gewiß üben sie einen Einfluß aus gegen Aufwiegelungen, Zauberei, Trunkenheit und Gewalttat jeder Art“ (The Northern News, Sambia).

      Der Lebenswandel der Zeugen Jehovas zeichnet sich auch durch ihre Achtung vor dem Leben aus — ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Welt.

      Die Achtung vor dem Leben

      Diese Achtung ist in der Anerkennung der Tatsache begründet, daß das Leben ein Geschenk Gottes ist (Ps. 36:9; Apg. 17:24, 25). Hinzu kommt das Bewußtsein, daß selbst das ungeborene Leben in den Augen Gottes kostbar ist (2. Mo. 21:22-25; Ps. 139:1, 16). Außerdem ist zu berücksichtigen, daß „jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft ablegen“ wird (Röm. 14:12).

      Diesen biblischen Grundsätzen entsprechend lehnen Jehovas Zeugen die Abtreibung konsequent ab. Um ihren Lesern eine gute Anleitung zu geben, hat die Zeitschrift Erwachet! ihnen geholfen zu erkennen, daß Gott sittliche Reinheit fordert; sie hat die Wunder der Fortpflanzung sowie die psychologischen und physiologischen Begleitumstände der Geburt ausführlich besprochen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg Abtreibungen üblicher wurden, zeigte Der Wachtturm deutlich, daß sie mit dem Wort Gottes unvereinbar sind. In der Ausgabe vom 15. März 1970 hieß es unverblümt: „Eine Schwangerschaftsunterbrechung, die lediglich zu dem Zweck vorgenommen wird, ein unerwünschtes Kind loszuwerden, käme demnach einer willentlichen Tötung eines Menschen gleich.“

      Warum Bluttransfusionen abgelehnt werden

      Die Achtung vor dem Leben, die Jehovas Zeugen bekunden, berührt auch ihre Einstellung zu Bluttransfusionen. Als sie mit der Frage der Bluttransfusion konfrontiert wurden, behandelte Der Wachtturm vom 1. Juli 1945 (engl.) eingehend den christlichen Standpunkt zur Heiligkeit des Blutes.c Es wurde gezeigt, daß das göttliche Verbot, das Noah gegeben wurde und das für alle seine Nachkommen bindend ist, sowohl Tier- als auch Menschenblut betrifft (1. Mo. 9:3-6). Außerdem sei diese Vorschrift im ersten Jahrhundert erneut hervorgehoben worden, und zwar in dem für Christen geltenden Gebot, ‘sich von Blut zu enthalten’ (Apg. 15:28, 29). In demselben Artikel wurde erklärt, Gott billige nach der Bibel die Verwendung von Blut nur für Opferzwecke, und weil die unter dem mosaischen Gesetz dargebrachten Tieropfer auf das Opfer Christi hindeuteten, sei die Mißachtung der christlichen Vorschrift, ‘sich von Blut zu enthalten’, ein Zeichen äußerster Respektlosigkeit gegenüber dem Loskaufsopfer Jesu Christi (3. Mo. 17:11, 12; Heb. 9:11-14, 22). Im Einklang mit diesem Verständnis wurde von 1961 an jemand, der sich über diese göttliche Vorschrift hinwegsetzte, der eine Bluttransfusion akzeptierte und eine reuelose Haltung offenbarte, aus der Versammlung der Zeugen Jehovas ausgeschlossen.

      Anfangs wurden in den Wachtturm-Veröffentlichungen die gesundheitlichen Begleiterscheinungen von Bluttransfusionen nicht besprochen. Als aber später entsprechende Informationen erhältlich waren, wurden sie veröffentlicht — nicht als Begründung dafür, warum Jehovas Zeugen Bluttransfusionen ablehnen, sondern um ihre Wertschätzung für das göttliche Verbot zu vertiefen, das die Verwendung von Blut betrifft (Jes. 48:17). Zu diesem Zweck erschien 1961 die gut dokumentierte Broschüre Blut, Medizin und das Gesetz Gottes. 1977 wurde eine weitere Broschüre zu diesem Thema gedruckt, betitelt Jehovas Zeugen und die Blutfrage. Sie hob erneut hervor, daß der Standpunkt der Zeugen Jehovas religiös begründet ist, sich auf die Bibel stützt und nicht von medizinischen Risikofaktoren abhängt. Der neuste Stand wurde 1990 in der Broschüre Wie kann Blut dein Leben retten? dargelegt. Mit Hilfe dieser Publikationen haben sich Jehovas Zeugen sehr darum bemüht, Ärzte zur Zusammenarbeit zu bewegen und ihnen den Standpunkt der Zeugen verstehen zu helfen. Allerdings haben Bluttransfusionen in der Medizin viele Jahre lang einen hohen Stellenwert besessen.

      Obwohl Jehovas Zeugen den Ärzten sagten, sie hätten keine religiösen Einwände gegen alternative Behandlungen, war es nicht leicht, Bluttransfusionen abzulehnen. Oft wurden Zeugen Jehovas und ihre Angehörigen stark unter Druck gesetzt, das übliche medizinische Verfahren zu akzeptieren. In Puerto Rico erklärte sich die 45jährige Ana Paz de Rosario im November 1976 mit einer Operation und der erforderlichen medikamentösen Behandlung einverstanden, bat aber wegen ihrer religiösen Überzeugung darum, daß kein Blut verwendet werde. Fünf Polizeibeamte und drei Krankenschwestern kamen nach Mitternacht mit einem Gerichtsentscheid in der Hand in ihr Krankenzimmer, fesselten sie an das Bett und verabreichten ihr gegen ihren Willen und den ihres Mannes und ihrer Kinder gewaltsam eine Bluttransfusion. Sie erlitt einen Schock und starb. Das war keineswegs ein Einzelfall, und nicht nur in Puerto Rico kam es zu solchen Übergriffen.

      In Dänemark wurden Eltern 1975 von der Polizei verfolgt, weil sie nicht gestatteten, daß man ihrem kleinen Sohn zwangsweise eine Bluttransfusion gab, und sie sich statt dessen nach einer alternativen Behandlung umsahen. In Italien wurde 1982 ein Ehepaar, das sich liebevoll in vier Ländern nach medizinischer Hilfe für seine unheilbar kranke Tochter umgesehen hatte, wegen Mord zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem das Mädchen während einer gerichtlich angeordneten Blutübertragung gestorben war.

      In Fällen, wo es darum ging, Kindern von Zeugen Jehovas zwangsweise Bluttransfusionen zu verabreichen, hat die Presse häufig die Öffentlichkeit aufgehetzt. Mitunter haben Richter sogar ohne eine Gerichtsverhandlung, bei der sich die Eltern hätten äußern können, angeordnet, Kindern Blut zu übertragen. In Kanada wurden jedoch in über 40 solcher Fälle Kinder, denen man Blut transfundiert hatte, ihren Eltern tot zurückgegeben.

      Nicht alle Ärzte und Richter sind mit dieser willkürlichen Vorgehensweise einverstanden. Einige haben sich für mehr Hilfsbereitschaft ausgesprochen. Nicht wenige Ärzte haben ihr Können für blutlose Behandlungen aufgeboten. Dadurch haben sie in allen Arten blutloser Chirurgie viel Erfahrung gewonnen. Im Laufe der Zeit erwies es sich, daß alle Arten operativer Eingriffe sowohl bei Erwachsenen als auch bei kleinen Kindern ohne Bluttransfusion erfolgreich durchgeführt werden können.d

      Damit es in Notfällen nicht zu unnötigen Konfrontationen käme, begannen Jehovas Zeugen Anfang der 60er Jahre, ihre Ärzte aufzusuchen, um mit ihnen speziell über ihren Standpunkt zu sprechen und ihnen entsprechenden Lesestoff zu geben. Später baten Jehovas Zeugen darum, daß eine schriftliche Erklärung zu ihren Unterlagen gelegt werde, in der es hieß, daß man ihnen keine Bluttransfusion geben dürfe. In den 70er Jahren machten sie es sich allgemein zur Angewohnheit, eine Karte bei sich zu tragen, um medizinisches Personal darauf hinzuweisen, daß ihnen unter gar keinen Umständen Blut verabreicht werden sollte. Nachdem man Ärzte und Anwälte zu Rate gezogen hatte, faßte man die Karte so ab, daß sie ein rechtliches Dokument wurde.

      Um Jehovas Zeugen in ihrem Entschluß zu unterstützen, sich keine Bluttransfusion geben zu lassen, um Mißverständnisse von seiten der Ärzte und Krankenhäuser auszuräumen und um die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen medizinischen Einrichtungen und behandlungsbedürftigen Zeugen Jehovas zu fördern, wurden auf die Anweisung der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas hin Krankenhaus-Verbindungskomitees eingerichtet. 1979 gab es nur eine Handvoll davon, doch ihre Zahl ist auf mehr als 800 in über 70 Ländern angestiegen. In Nordamerika, im Fernen Osten, in den größeren Ländern des südpazifischen Raums, in Europa und Lateinamerika wurden qualifizierte Älteste geschult und leisten solche Dienste. Abgesehen davon, daß sie den Standpunkt der Zeugen Jehovas erläutern, machen diese Ältesten Mitarbeiter von Krankenhäusern auf wirksame Alternativen aufmerksam. In Notsituationen können sie dabei behilflich sein, Gespräche zwischen überweisenden Ärzten und Chirurgen zu vereinbaren, die in ähnlich gelagerten Fällen Zeugen Jehovas ohne Blut behandelt haben. Wenn nötig, suchen diese Komitees nicht nur medizinisches Personal auf, sondern auch Richter, die mit Fällen zu tun haben, in denen sich Krankenhäuser um gerichtliche Verfügungen zur Verabreichung von Bluttransfusionen bemühen.

      Gelegentlich haben Jehovas Zeugen Ärzte und Krankenhäuser vor Gericht verklagt, wenn es sich nicht auf andere Weise erreichen ließ, daß man ihre religiösen Ansichten über die Heiligkeit des Blutes respektierte. In der Regel ging es ihnen lediglich darum, eine einstweilige Anordnung oder einen gerichtlichen Beschluß zu erwirken. Doch in den letzten Jahren haben sie Ärzte und Krankenhäuser, die willkürlich handelten, sogar auf Schadenersatz verklagt. 1990 gab das Berufungsgericht von Ontario (Kanada) einer solchen Schadenersatzklage statt, weil der Arzt eine Karte in der Brieftasche des Patienten unbeachtet gelassen hatte, auf der ausdrücklich stand, daß er als Zeuge Jehovas unter keinen Umständen einer Bluttransfusion zustimmen würde. In den Vereinigten Staaten wurde seit 1985 landesweit mindestens zehnmal auf Schadenersatz geklagt, und oft haben sich die Beklagten entschieden, den Fall außergerichtlich zu vergleichen und den vereinbarten Betrag zu zahlen, um nicht das Risiko einzugehen, vom Gericht eine noch höhere Schadenersatzleistung auferlegt zu bekommen. Jehovas Zeugen sind fest entschlossen, das göttliche Verbot zu befolgen, das die Verwendung von Blut betrifft. Sie möchten keine rechtlichen Schritte gegen Ärzte unternehmen, aber wenn nötig, tun sie es doch, damit man ihnen keine Behandlung aufnötigt, die sie aus ethischen Gründen ablehnen.

      Der Öffentlichkeit werden die mit Bluttransfusionen verbundenen Gefahren zunehmend bewußt. Das liegt zum Teil an der Angst vor Aids. Der Beweggrund der Zeugen Jehovas ist dagegen der aufrichtige Wunsch, Gott zu gefallen. 1987 schrieb die französische Ärztezeitung Le Quotidien du Médecin: „Vielleicht haben Jehovas Zeugen recht, wenn sie die Verwendung von Blutprodukten ablehnen, denn es stimmt, daß eine bedeutende Zahl pathogener Wirkstoffe durch Bluttransfusionen übertragen werden können.“

      Jehovas Zeugen verfügen nicht über höhere medizinische Kenntnisse, auf die sie ihren Standpunkt gründen. Sie vertrauen einfach darauf, daß Jehovas Richtlinien recht sind und daß er seinen loyalen Dienern ‘nichts Gutes vorenthält’ (Ps. 19:7, 11; 84:11). Selbst wenn jemand von ihnen als Folge von Blutverlust stirbt — was gelegentlich vorgekommen ist —, vertrauen Jehovas Zeugen ganz und gar darauf, daß Gott seine treuen Diener nicht vergißt, sondern sie durch eine Auferstehung wieder zum Leben bringt (Apg. 24:15).

      Wenn sich einzelne über biblische Maßstäbe hinwegsetzen

      Millionen haben mit Jehovas Zeugen die Bibel studiert, aber nicht alle sind Zeugen Jehovas geworden. Manche entschließen sich, nachdem sie die verbindlichen hohen Normen kennengelernt haben, daß sie kein solches Leben führen möchten. Alle, die sich taufen lassen wollen, werden zunächst eingehend in den biblischen Grundlehren unterwiesen, worauf (besonders seit 1967) Versammlungsälteste mit ihnen diese Lehren nochmals besprechen. Man bemüht sich sehr darum, daß Taufanwärter nicht nur die Lehre gut verstehen, sondern daß ihnen auch klar ist, was ein christlicher Lebenswandel alles einschließt. Was aber, wenn sich Getaufte später aus Liebe zur Welt zu schlimmen Vergehen verleiten lassen?

      Schon 1904 wurde in dem Buch Die Neue Schöpfung darauf hingewiesen, daß entsprechende Maßnahmen ergriffen werden müßten, damit die Versammlung nicht moralisch verdorben würde. Es wurde besprochen, wie die Bibelforscher damals das Vorgehen gegen Sünder nach Matthäus 18:15-17 verstanden. Gestützt darauf, gab es vereinzelt „Kirchenverfahren“, bei denen in Fällen von schweren Vergehen die Beweise der ganzen Versammlung vorgetragen wurden. Jahre später besprach Der Wachtturm in seiner Ausgabe vom Februar 1945 dieses Thema im Licht der gesamten Bibel und erklärte, solche die Versammlung betreffenden Angelegenheiten sollten von verantwortlichen Brüdern behandelt werden, die in der Versammlung die Aufsicht innehätten (1. Kor. 5:1-13; vergleiche 5. Mose 21:18-21). Darauf folgten im Wachtturm vom 1. Mai 1952 Artikel, in denen nicht nur die richtige Vorgehensweise hervorgehoben wurde, sondern auch die Notwendigkeit, Schritte zu unternehmen, um die Organisation rein zu erhalten. Seither ist dieses Thema wiederholt erörtert worden. Aber das Ziel ist unverändert geblieben: 1. die Organisation rein zu erhalten und 2. jemandem, der sich eines Vergehens schuldig gemacht hat, die Notwendigkeit aufrichtiger Reue vor Augen zu führen, um ihn wieder zurückzubringen.

      Im ersten Jahrhundert gaben einige ihren Glauben preis, um ein zügelloses Leben führen zu können. Andere ließen sich von abtrünnigen Lehren wegziehen (1. Joh. 2:19). So etwas kommt auch im 20. Jahrhundert unter Jehovas Zeugen vor. Leider mußte in jüngerer Zeit jedes Jahr Zehntausenden von reuelosen Sündern die Gemeinschaft entzogen werden. Zu ihnen gehörten auch angesehene Älteste. Für alle gelten die gleichen biblischen Richtlinien (Jak. 3:17). Jehovas Zeugen sind sich bewußt, daß es unerläßlich ist, die Organisation sittlich rein zu erhalten, wenn sie in Gottes Gunst bleiben möchten.

      Die neue Persönlichkeit

      Jesus forderte die Menschen auf, nicht nur äußerlich rein zu sein, sondern auch innerlich (Luk. 11:38-41). Er sagte, daß unsere Worte und Taten ein Spiegelbild dessen sind, was wir im Herzen haben (Mat. 15:18, 19). Wie der Apostel Paulus erklärte, werden wir, sofern wir wirklich von Christus belehrt sind, ‘erneuert in der Kraft, die unseren Sinn antreibt’, und wir werden ‘die neue Persönlichkeit anziehen, die nach Gottes Willen in wahrer Gerechtigkeit und Loyalität geschaffen worden ist’ (Eph. 4:17-24). Die von Christus Belehrten bemühen sich, „die gleiche Gesinnung zu haben, die Christus Jesus hatte“, damit sie so denken und handeln wie er (Röm. 15:5). Der Lebenswandel der Zeugen Jehovas als einzelne spiegelt wider, inwieweit sie das tatsächlich getan haben.

      Jehovas Zeugen behaupten nicht von sich, daß ihr Lebenswandel makellos ist. Aber sie strengen sich sehr an, Christus nachzuahmen, während sie sich nach den hohen Verhaltensnormen der Bibel richten. Sie leugnen nicht, daß es auch andere Einzelpersonen gibt, die nach hohen moralischen Grundsätzen leben. Doch Jehovas Zeugen sind nicht nur als einzelne, sondern als internationale Organisation leicht an ihrem Lebenswandel zu erkennen, der sich nach biblischen Maßstäben ausrichtet. Sie lassen sich von dem inspirierten Rat aus 1. Petrus 2:12 motivieren: „Führt euren Wandel vortrefflich unter den Nationen, damit sie ... zufolge eurer vortrefflichen Werke, von denen sie Augenzeugen sind, Gott verherrlichen mögen.“

      [Fußnoten]

      a Im Wachtturm vom 15. Oktober 1941 (engl.) wurde das Thema unter der Überschrift „Charakter oder Lauterkeit?“ noch einmal in etwas kürzerer Form behandelt.

      b Im Wachtturm vom 15. Juni 1951 wurde gesagt, Hurerei bedeute „den willentlichen Geschlechtsverkehr von seiten einer unverheirateten Person mit einer Person vom andern Geschlecht“. In der Ausgabe vom 1. Juli 1952 wurde hinzugefügt, daß sich der Begriff, wie er in der Bibel gebraucht wird, auch auf geschlechtliche Unmoral bei Verheirateten anwenden läßt.

      c Bereits im Wacht-Turm vom 15. Januar 1928 wurde die Heiligkeit des Blutes erörtert, ferner im Wachtturm vom 15. Dezember 1946, wo Blutübertragungen speziell erwähnt wurden.

      d Contemporary Surgery, März 1990, S. 45—49; The American Surgeon, Juni 1987, S. 350 bis 356; Miami Medicine, Januar 1981, S. 25; New York State Journal of Medicine, 15. Oktober 1972, S. 2524—2527; The Journal of the American Medical Association, 27. November 1981, S. 2471, 2472; Cardiovascular News, Februar 1984, S. 5; Circulation, September 1984.

      [Herausgestellter Text auf Seite 172]

      „Sie haben bemerkenswerte Moralbegriffe“

      [Herausgestellter Text auf Seite 174]

      War der Standpunkt zur Homosexualität je unklar?

      [Herausgestellter Text auf Seite 175]

      Der Sittenverfall der Welt hat Jehovas Zeugen nicht zu mehr Freizügigkeit veranlaßt

      [Herausgestellter Text auf Seite 176]

      Einige wollten Zeugen Jehovas sein, ohne die Polygamie aufzugeben

      [Herausgestellter Text auf Seite 177]

      Die Ansicht Jehovas über die Ehescheidung wird mit Nachdruck gelehrt

      [Herausgestellter Text auf Seite 178]

      Menschen haben ihr Leben von Grund auf geändert

      [Herausgestellter Text auf Seite 181]

      Tabak? Nein!

      [Herausgestellter Text auf Seite 182]

      Alkoholische Getränke? Wenn, dann in Maßen.

      [Herausgestellter Text auf Seite 183]

      Sie sind fest entschlossen, sich kein Blut übertragen zu lassen

      [Herausgestellter Text auf Seite 187]

      Gemeinschaftsentzug — damit die Organisation moralisch rein bleibt

      [Kasten auf Seite 173]

      „Charakterentwicklung“ — Das Resultat war nicht immer gut

      In einem Bericht aus Dänemark hieß es, daß besonders unter den älteren Brüdern viele in ihrem aufrichtigen Bemühen, eine christliche Persönlichkeit anzuziehen, auch nur die leiseste Spur von Weltlichkeit vermeiden wollten, um sich des himmlischen Königreiches würdig zu erweisen. Es habe als unangebracht gegolten, während der Zusammenkünfte zu lächeln, und viele der älteren Brüder hätten nur schwarze Anzüge, schwarze Schuhe und schwarze Krawatten getragen. Oft hätten sie sich damit begnügt, ein ruhiges und friedliches Leben im Herrn zu führen. Sie seien der Meinung gewesen, es genüge, Zusammenkünfte abzuhalten, und das Predigen könne man den Kolporteuren überlassen.

      [Kasten auf Seite 179]

      Was andere bei Jehovas Zeugen beobachten

      ◆ Die Zeitung „Münchner Merkur“ berichtete über Jehovas Zeugen: „Sie gelten als die ehrlichsten und pünktlichsten Steuerzahler der Bundesrepublik, ihre Gesetzestreue fällt im Straßenverkehr und in der Verbrechensstatistik auf ...; sie zollen der Obrigkeit (Eltern, Lehrern, dem Staat) Gehorsam. ... Die Bibel, Grundlage all ihrer Handlungen, ist ihre Stütze.“

      ◆ Der Bürgermeister von Lens (Frankreich) sagte zu den Zeugen, nachdem sie im dortigen Stadion einen Kongreß abgehalten hatten: „Was mir an Ihnen gefällt, ist, daß Sie Ihre Versprechen und Abmachungen halten, und darüber hinaus sind Sie sauber, diszipliniert und ordentlich. Diese Gesellschaft ist mir sympathisch. Ich bin gegen Unordnung und habe etwas gegen Leute, die alles schmutzig und kaputt hinterlassen.“

      ◆ Das Buch „Voices From the Holocaust“ enthält die Erinnerungen einer Polin, die die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat. Sie schrieb: „Ich habe Leute gesehen, die sehr, sehr gute Menschen wurden, und Leute, die absolut niederträchtig wurden. Die freundlichste Gruppe waren Jehovas Zeugen. Ich ziehe den Hut vor diesen Menschen. ... Sie haben für andere Erstaunliches getan. Sie halfen den Kranken, teilten ihr Brot und gaben jedem, der in ihrer Nähe war, durch ihren Glauben Trost. Die Deutschen haßten sie und hatten gleichzeitig Achtung vor ihnen. Sie gaben ihnen die schlimmste Arbeit, aber die Zeugen Jehovas nahmen das mit erhobenem Kopf hin.“

  • „Sie sind kein Teil der Welt“
    Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
    • Kapitel 14

      „Sie sind kein Teil der Welt“

      DIE Religion ist heute überwiegend ein Teil der Welt, und das sehr ausgeprägt; sie beteiligt sich an ihren Feiern und spiegelt ihren Nationalismus wider. Geistliche geben das oft zu, und vielen ist es auch ganz recht so. In krassem Gegensatz dazu sagte Jesus von seinen wahren Nachfolgern: „Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin“ (Joh. 17:16).

      Welchen Ruf haben Jehovas Zeugen in dieser Hinsicht? Haben sie überzeugende Beweise dafür geliefert, daß sie kein Teil der Welt sind?

      Wie sie zu ihren Mitmenschen eingestellt sind

      Die ersten Bibelforscher waren sich durchaus bewußt, daß wahre Christen kein Teil der Welt sein dürfen. Da Christi gesalbte Nachfolger geheiligt und durch heiligen Geist gezeugt worden seien, um an dem himmlischen Königreich teilhaben zu können, wie es Der Wacht-Turm erklärte, seien sie durch diesen Akt Gottes von der Welt abgesondert worden. Auch wurde darauf hingewiesen, daß sie verpflichtet seien, den Geist der Welt zu meiden, das heißt die Ziele, Ambitionen und Hoffnungen der Welt sowie deren selbstsüchtige Verhaltensweisen (1. Joh. 2:15-17).

      Wirkte sich das auf die Einstellung der Bibelforscher zu Menschen aus, die ihre Glaubensansichten nicht teilten? Mit Sicherheit wurden sie keine Einsiedler. Aber wer wirklich das anwandte, was er aus der Bibel lernte, suchte nicht dahin gehend Gemeinschaft mit Weltmenschen, daß er ihren Lebensstil übernahm. Der Wacht-Turm machte Gottes Diener auf den biblischen Rat aufmerksam, „gegenüber allen das Gute [zu] wirken“. Er riet ihnen auch, bei Verfolgung gegen rachsüchtige Gefühle anzukämpfen und, wie Jesus gesagt hatte, ‘ihre Feinde zu lieben’ (Gal. 6:10; Mat. 5:44-48). Sie wurden insbesondere aufgefordert, die kostbare Wahrheit über Gottes Rettungsvorkehrung an andere weiterzugeben.

      Das zu tun würde verständlicherweise dazu führen, daß die Welt sie als andersartig betrachtete. Aber kein Teil der Welt zu sein schließt mehr ein — viel mehr.

      Ganz getrennt von Babylon der Großen

      Damit sie kein Teil der Welt wären, durften sie auch kein Teil der religiösen Systeme sein, die in die Angelegenheiten der Welt verwickelt waren und die Lehren und Bräuche des alten Babylon übernommen hatten, das seit eh und je mit der wahren Anbetung verfeindet ist (Jer. 50:29). Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hatten die Bibelforscher bereits jahrzehntelang offen dargelegt, daß Lehren der Christenheit wie zum Beispiel die von der Dreieinigkeit, der Unsterblichkeit der Menschenseele und dem Höllenfeuer heidnischen Ursprungs waren. Sie hatten auch enthüllt, wie die Kirchen zur Durchsetzung ihrer selbstsüchtigen Ziele immer wieder versuchten, die Regierungen zu manipulieren. Die Bibelforscher hatten die Christenheit wegen ihrer Lehren und Praktiken mit „Babylon der Großen“ gleichgesetzt (Offb. 18:2). Sie wiesen darauf hin, daß die Christenheit Wahrheit und Irrglauben, laues Christentum und krasse Weltlichkeit miteinander vermischte und daß die biblische Bezeichnung „Babylon“ („Verwirrung“) diesen Sachverhalt treffend beschrieb. Sie forderten Menschen, die Gott liebten, auf, aus „Babylon“ hinauszugehen (Offb. 18:4). So verbreiteten sie von Ende Dezember 1917 bis ins Frühjahr 1918 10 000 000 Exemplare des Schriftforschers mit dem Thema „Der Fall Babylons“, wodurch die Christenheit schonungslos bloßgestellt wurde. Daraufhin wurden sie von der Geistlichkeit heftig angefeindet, die die Kriegshysterie ausnutzte, um das Werk der Zeugen Jehovas gewaltsam zu unterdrücken.

      Wollte man Babylon die Große verlassen, mußte man aus Organisationen austreten, die ihre falschen Lehren vertraten. Die Bibelforscher taten das, obschon sie jahrelang einzelne Kirchenmitglieder, die ihre uneingeschränkte Weihung und ihren Glauben an das Lösegeld beteuerten, als christliche Brüder ansahen. Dessenungeachtet schrieben die Bibelforscher nicht nur Briefe, in denen sie ihren Kirchenaustritt erklärten, sondern einige lasen ihren Brief außerdem beim Gottesdienst vor, sofern es in der jeweiligen Kirche angebracht war, daß sich Gemeindemitglieder laut äußerten. Andernfalls schickten sie eventuell jedem Gemeindemitglied eine Kopie ihrer Austrittserklärung, die in freundlichem Ton abgefaßt war und ein passendes Zeugnis enthielt.

      Achteten sie auch darauf, daß sie keine gottlosen Bräuche und Praktiken dieser Organisationen mitnahmen? Wie sah es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aus?

      Sollte sich die Religion in die Politik einmischen?

      Was die Politik betrifft, so hatten die Herrscher vieler führender Nationen wegen ihrer Verbindungen zur katholischen oder protestantischen Kirche lange behauptet, „von Gottes Gnaden“ eingesetzt zu sein, das heißt, als Vertreter des Reiches Gottes und durch die besondere Gunst Gottes zu regieren. Die Kirche gab der Regierung ihren Segen, woraufhin die Regierung die Kirche unterstützte. Ließen sich die Bibelforscher auch auf so etwas ein?

      Sie ahmten die Kirchen der Christenheit nicht nach, sondern bemühten sich, von den Lehren und dem Beispiel Jesu Christi und seiner Apostel zu lernen. Was zeigte ihnen ihr Studium der Bibel? Wie aus frühen Wachtturm-Publikationen hervorgeht, wußten sie, daß Jesus, als er von dem römischen Statthalter Pontius Pilatus verhört wurde, erklärte: „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt.“ Auf die Frage nach seiner Rolle sagte Jesus zu dem Statthalter: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh. 18:36, 37). Die Bibelforscher wußten auch, daß sich Jesus durch nichts von dieser Aufgabe abbringen ließ. Als der Teufel ihm alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit anbot, lehnte er ab. Als ihn das Volk zum König machen wollte, zog er sich zurück (Mat. 4:8-10; Joh. 6:15). Die Bibelforscher verschlossen nicht die Augen vor der Tatsache, daß Jesus den Teufel als den „Herrscher der Welt“ bezeichnete und sagte, der Teufel könne ihm „nicht beikommen“ (Joh. 14:30). Wie sie feststellten, war es Jesus nicht daran gelegen, daß er oder seine Nachfolger in der römischen Politik mitwirkten, sondern er war ganz damit beschäftigt, „die gute Botschaft vom Königreich Gottes“ zu verkündigen (Luk. 4:43).

      Ermutigte der Glaube an diese Berichte aus Gottes Wort zu respektlosem Verhalten gegenüber der Regierung? Bestimmt nicht. Vielmehr half er ihnen verstehen, warum die Regierenden vor gewaltigen Problemen stehen, warum es soviel Gesetzlosigkeit gibt und warum Regierungsprogramme, durch die das Los der Menschen verbessert werden soll, oft scheitern. Durch ihren Glauben konnten sie in Zeiten der Not die Geduld bewahren, weil sie darauf vertrauten, daß Gott zu der von ihm bestimmten Zeit durch sein Königreich auf Dauer für Abhilfe sorgen würde. Damals verstanden sie unter den „höheren Gewalten“ aus Römer 13:1-7 (KJ) die weltlichen Herrscher. Darum forderten sie dazu auf, Regierungsvertretern Achtung entgegenzubringen. C. T. Russell schrieb in dem Buch Die Neue Schöpfung (1904 erschienen) über Römer 13:7: „Wo solche Gesinnung herrscht [unter wahren Christen], da erfreuen sich auch die Regenten dieser Welt der aufrichtigsten Anerkennung; denn diese Gesinnung schafft Bürger, die sich ohne weiteres den Gesetzen und Forderungen unterwerfen, soweit dieselben nichts vorschreiben, was den göttlichen Anforderungen und Geboten zuwiderläuft ... Da es heutzutage keine oder doch sehr wenige Herrscher gibt, welche etwas dagegen einwenden, daß wir an einen obersten Schöpfer glauben und ihm zu gehorchen suchen, so ... [haben wahre Christen] alle Ursache, ihre Achtung vor dem Gesetz in jeder Weise zu bezeugen, und gar keinen Grund zum Agitieren, Händelsuchen und Kritisieren.“

      Als Christen wußten die Bibelforscher, daß das Werk, dem sie sich widmen sollten, im Predigen des Königreiches Gottes bestand. „Wenn das getreulich getan wird, so wird weder Zeit noch Neigung vorhanden sein, sich in die Staatsangelegenheiten der gegenwärtigen Regierungen zu mischen“, hieß es im ersten Band der Schriftstudien.

      In dieser Hinsicht ähnelten sie stark den ersten Christen, wie sie August Neander in seinem Buch Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche beschreibt: „Die Christen standen, wie ein priesterliches, geistliches Geschlecht dem Staate gegenüber, und das Christenthum schien nur auf die Weise in das bürgerliche Leben eingreifen zu können, welche freilich die reinste ist, daß es immer mehr heilige Gesinnung unter den Bürgern des Staates zu verbreiten würkte.“

      Als die Welt in den Krieg zog

      Durch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs wurden weltweit die Behauptungen derer, die sich zum Christentum bekannten, auf die Probe gestellt. Es war der schrecklichste Krieg bis dahin; fast die ganze Weltbevölkerung war auf die eine oder andere Weise betroffen.

      Papst Benedikt XV. bemühte sich trotz der Sympathie des Vatikans für die Mittelmächte, einen Anschein der Neutralität zu wahren. Doch die Geistlichkeit, ob katholisch oder protestantisch, bewahrte in keinem Land eine neutrale Haltung. Dr. Ray Abrams schrieb in seinem Buch Preachers Present Arms über die Lage in den Vereinigten Staaten: „Die Kirchen zeigten eine Einmütigkeit, wie sie bis dahin in den religiösen Annalen unbekannt war. ... Die führenden Köpfe hatten nichts Eiligeres zu tun, als sich voll und ganz auf den Krieg einzustellen. Innerhalb von 24 Stunden nach der Kriegserklärung legte der Generalrat der Kirchen Christi in Amerika Pläne zur weitestgehenden Zusammenarbeit vor. ... Die katholische Kirche, die unter dem nationalen katholischen Kriegsrat auf einen ähnlichen Dienst eingestellt war, bekundete, angeführt von vierzehn Erzbischöfen und mit Kardinal Gibbons als Vorsitzendem, die gleiche Hingabe an die Sache. ... Viele Kirchen gingen noch viel weiter, als man von ihnen erwartete. Sie wurden Rekrutierungsstellen für die Anwerbung von Soldaten.“ Wie verhielten sich die Bibelforscher?

      Sie gaben sich zwar Mühe, so zu handeln, wie es Gott ihrer Meinung nach gefiel, aber sie nahmen nicht durchweg eine streng neutrale Haltung ein. Ihr Verhalten wurde von der Ansicht beeinflußt, die sie mit anderen Bekennern des Christentums teilten, nämlich, daß — nach dem Wortlaut der King-James-Bibel — die „höheren Gewalten ... von Gott bestimmt“ seien (Röm. 13:1). Entsprechend einer Proklamation des Präsidenten der Vereinigten Staaten forderte Der Wacht-Turm die Bibelforscher auf, den 30. Mai 1918 zu einem Tag des gemeinsamen Gebets und Flehens in bezug auf den Ausgang des Weltkriegs zu machen.a

      Die Umstände, in die einzelne Bibelforscher während der Kriegsjahre gerieten, waren unterschiedlich. Auch war ihr Verhalten in den verschiedenen Situationen uneinheitlich. Da sie sich gegenüber den weltlichen Herrschern zum Gehorsam verpflichtet fühlten — auf die sie als „Gewalten, welche sind“, Bezug nahmen —, gingen manche mit Gewehren und Bajonetten in die Schützengräben an der Front. Doch mit der Bibelstelle im Sinn: „Du sollst nicht töten“, schossen sie in die Luft oder versuchten einfach, Gegnern die Waffen aus der Hand zu schlagen (2. Mo. 20:13, EB). Einige wenige, wie zum Beispiel Remigio Cuminetti aus Italien, weigerten sich, eine militärische Uniform anzuziehen. Die italienische Regierung machte damals keine Ausnahme für jemanden, der aus Gewissensgründen nicht bereit war, zur Waffe zu greifen. Er stand fünfmal vor Gericht und wurde in Gefängnissen und in einer psychiatrischen Klinik festgehalten, aber sein Glaube und seine Entschlossenheit waren unerschütterlich. In England wurden einige, die Freistellung beantragten, einer dem Staatswohl dienenden Tätigkeit oder dem waffenlosen Dienst zugewiesen. Andere nahmen eine streng neutrale Haltung ein, ganz gleich, welche Konsequenzen das für sie persönlich nach sich zog, so zum Beispiel Pryce Hughes.

      Zumindest hier entsprach das Gesamtbild der Bibelforscher nicht ganz dem der ersten Christen, wie sie in dem Buch The Rise of Christianity von E. W. Barnes beschrieben werden: „Eine sorgfältige Nachprüfung all der erhältlichen Angaben zeigt, daß kein Christ vor der Zeit des Mark Aurel [römischer Kaiser von 161 bis 180 u. Z.] Soldat wurde und daß kein Soldat, der ein Christ wurde, im Heeresdienst blieb.“

      Doch am Ende des Ersten Weltkriegs ergab sich eine weitere Situation, in der religiöse Gruppen zeigen konnten, wie es um ihre Loyalität stand.

      Politischer Ausdruck des Reiches Gottes auf Erden?

      Am 28. Juni 1919 wurde in Versailles (Frankreich) ein Friedensvertrag abgeschlossen, der die Völkerbundssatzung enthielt. Schon vor der Unterzeichnung dieses Friedensvertrages tat sich der Generalrat der Kirchen Christi in Amerika mit der Ankündigung hervor, der Völkerbund werde sich als „der politische Ausdruck des Reiches Gottes auf Erden“ erweisen. Und der US-Senat erhielt eine Flut von Briefen, in denen er von religiösen Gruppen aufgefordert wurde, die Völkerbundssatzung zu ratifizieren.

      Jehovas Zeugen bliesen jedoch nicht ins gleiche Horn. Schon vor der Ratifizierung des Friedensvertrages (im Oktober) hielt J. F. Rutherford am 7. September 1919 in Cedar Point (Ohio) eine Ansprache, in der er zeigte, daß nicht der Völkerbund, sondern das von Gott aufgerichtete Königreich die einzige Hoffnung für die bedrängte Menschheit sei. Die Bibelforscher räumten zwar ein, daß ein menschlicher Bund zur Verbesserung der Verhältnisse viel Gutes bewirken könne, doch sie kehrten nicht Gottes Königreich den Rücken zugunsten einer von Politikern geschaffenen Notlösung, die von der Geistlichkeit gepriesen wurde. Vielmehr machten sie sich an das Werk, weltweit über das Königreich Zeugnis abzulegen, das Gott Jesus Christus übergeben hatte (Offb. 11:15; 12:10). Im Wacht-Turm vom September 1920 wurde erklärt, es handle sich dabei um das Werk, das Jesus nach Matthäus 24:14 vorausgesagt habe.

      Nach dem Zweiten Weltkrieg standen Christen vor einer ähnlichen Situation. Diesmal ging es um die Vereinten Nationen, die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes. 1942, während der Zweite Weltkrieg noch im Gange war, hatten Jehovas Zeugen bereits aus der Bibel ersehen, daß die Organisation zur Erhaltung des Weltfriedens gemäß Offenbarung 17:8 wieder emporkommen, aber keinen dauerhaften Frieden bringen würde. Das erklärte N. H. Knorr, der damalige Präsident der Watch Tower Society, in dem Kongreßvortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“ Jehovas Zeugen verkündigten mutig diese Ansicht über die Entwicklung der Weltlage. Dagegen nahmen führende katholische, protestantische und jüdische Geistliche 1945 an den Beratungen in San Francisco teil, bei denen die UN-Charta abgefaßt wurde. Beobachtern dieser Entwicklungen war klar, wer „ein Freund der Welt“ sein wollte und wer bemüht war, „kein Teil der Welt“ zu sein, was nach Jesu Worten auf seine Jünger zutreffen würde (Jak. 4:4; Joh. 17:14).

      Ein Zeugnis christlicher Neutralität

      Einige Fragen, die das Verhältnis des Christen zur Welt betreffen, wurden Jehovas Zeugen rasch klar, andere Fragen erforderten mehr Zeit. Als jedoch der Zweite Weltkrieg in Europa anfing, half ihnen ein wichtiger Artikel im Wachtturm vom 1. Dezember 1939, die Bedeutung der christlichen Neutralität zu erkennen. Nachfolger Jesu Christi, hieß es in dem Artikel, seien vor Gott verpflichtet, ihm und seinem Königreich, der Theokratie, ganz ergeben zu sein. Sie sollten um Gottes Königreich beten, nicht für die Welt (Mat. 6:10, 33). Wenn man bedenkt, wen Jesus Christus als den unsichtbaren Herrscher der Welt entlarvte (Joh. 12:31; 14:30) — wurde in dem Artikel argumentiert —, wie könnte dann jemand, der dem Königreich Gottes ergeben ist, in einem Konflikt zwischen Parteien der Welt für die eine oder die andere Seite eintreten? Hatte Jesus nicht von seinen Nachfolgern gesagt: „Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin.“ (Joh. 17:16)? Die Welt im allgemeinen würde diese Haltung christlicher Neutralität nicht verstehen. Aber würden Jehovas Zeugen wirklich danach leben?

      Im Zweiten Weltkrieg wurde ihre Neutralität vor allem in Deutschland einer harten Prüfung unterzogen. Der Historiker Brian Dunn sagte, die Zeugen Jehovas und der Nationalsozialismus hätten sich nicht vertragen. Der größte Einwand der Nazis gegen sie sei ihre politische Neutralität gewesen. Das habe bedeutet, daß keiner ihrer Gläubigen eine Waffe tragen oder ein politisches Amt einnehmen konnte, noch konnten sie sich an öffentlichen Feiern beteiligen oder durch irgendein Zeichen Untertanentreue erkennen lassen (The Churches’ Response to the Holocaust, 1986). In dem Buch A History of Christianity schrieb Paul Johnson: „Viele wurden zum Tode verurteilt, weil sie den Kriegsdienst verweigerten ..., oder sie kamen nach Dachau oder in eine Irrenanstalt.“ Wie viele Zeugen wurden in Deutschland inhaftiert? Die deutschen Zeugen Jehovas berichteten später, daß 6 262 festgenommen wurden und 2 074 davon in Konzentrationslager kamen. Weltliche Autoren gehen meistens von höheren Zahlen aus.

      In Großbritannien, wo sowohl Männer als auch Frauen eingezogen wurden, ermöglichte das Gesetz eine Freistellung vom Kriegsdienst; diese wurde Jehovas Zeugen allerdings von vielen Gerichten verweigert, und Richter verhängten über sie Gefängnisstrafen, die sich insgesamt auf über 600 Jahre beliefen. In den Vereinigten Staaten wurden Hunderte von Zeugen Jehovas als christliche Diener Gottes vom Kriegsdienst befreit. Über 4 000 anderen wurde dagegen die im Wehrpflichtgesetz vorgesehene Freistellung verweigert; sie wurden verhaftet und erhielten Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren. In jedem Land der Erde nahmen Jehovas Zeugen in der Frage der christlichen Neutralität die gleiche Haltung ein.

      Doch die Echtheit ihrer Neutralität wurde auch nach Kriegsende noch geprüft. Die schwere Zeit von 1939 bis 1945 war zwar vorbei, aber es kam zu weiteren Konflikten; und selbst in Zeiten relativen Friedens behielten viele Staaten die Wehrpflicht bei. Dort, wo man Jehovas Zeugen nicht als christliche Diener Gottes vom Wehrdienst befreite, drohte ihnen nach wie vor Gefängnishaft. 1949 verurteilte die griechische Regierung Ioannis Tsukaris und Georgios Orphanidis zum Tode, weil sie es ablehnten, auf ihren Nächsten eine Waffe zu richten. Die verschiedenen Maßnahmen gegen Jehovas Zeugen in Griechenland waren oft so hart, daß sich schließlich der Europarat (Menschenrechtskommission) bemühte, seinen Einfluß für sie geltend zu machen, doch wegen des Drucks von seiten der griechisch-orthodoxen Kirche wich man bis 1992 mit wenigen Ausnahmen seinen Forderungen geschickt aus. Einigen Regierungen war es jedoch unangenehm, Jehovas Zeugen weiterhin wegen ihrer religiösen Gewissensentscheidung zu bestrafen. In den 90er Jahren hat man tätige Zeugen Jehovas in manchen Ländern wie zum Beispiel Schweden, Finnland, Polen, Niederlande und Argentinien nicht mehr zum Wehrdienst oder Ersatzdienst gedrängt, obwohl man jeden Fall eingehend untersucht hat.

      Jehovas Zeugen gerieten in einem Land nach dem anderen in Situationen, in denen ihre christliche Neutralität auf die Probe gestellt wurde. Unter anderem sind in Lateinamerika, Afrika, im Nahen Osten und in Nordirland Regierungen von revolutionären Kräften bekämpft worden. Als Folge davon sind Jehovas Zeugen sowohl von den Regierungen als auch von oppositionellen Kräften zur aktiven Unterstützung gedrängt worden. Aber sie sind ganz und gar neutral geblieben. Eine Anzahl von ihnen wurde wegen ihrer Haltung grausam geschlagen oder sogar hingerichtet. Doch durch ihre echte christliche Neutralität haben sie sich die Achtung von Verantwortlichen beider Seiten erworben, und man läßt sie unbehelligt mit ihrem Werk der Verkündigung der guten Botschaft von Jehovas Königreich fortfahren.

      In den 60er und 70er Jahren wurde die Neutralität der Zeugen in Malawi brutal auf die Probe gestellt, als man von allen Bürgern forderte, Mitgliedskarten für die regierende politische Partei zu kaufen. Jehovas Zeugen betrachteten das als unvereinbar mit ihrem christlichen Glauben. Deshalb verfolgte man sie mit beispielloser sadistischer Grausamkeit. Zehntausende waren gezwungen, aus dem Land zu fliehen, und viele wurden nach einer Zwangsrücksiedlung erneut brutal behandelt.

      Obwohl man sie heftig verfolgte, haben Jehovas Zeugen nicht mit einem Geist der Auflehnung reagiert. Ihre Glaubensansichten gefährden keine Regierung, unter der sie leben. Im Gegensatz dazu hat der Weltkirchenrat Revolutionen mitfinanziert, und katholische Geistliche haben Guerilleros unterstützt. Sollte sich dagegen ein Zeuge Jehovas an politischen Umtrieben beteiligen, würde das bedeuten, daß er sich von seinem Glauben lossagt.

      Es stimmt, Jehovas Zeugen glauben, daß alle menschlichen Regierungen von Gottes Königreich beseitigt werden. Das sagt die Bibel in Daniel 2:44. Aber wie Jehovas Zeugen betonen, heißt es in der Bibel nicht, daß Menschen dieses Königreich aufrichten werden, sondern daß „der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten“ wird. Auch erklären sie, daß die Bibel nicht sagt, Menschen seien von Gott ermächtigt worden, für dieses Königreich den Weg freizumachen, indem sie menschliche Regierungen beseitigen würden. Jehovas Zeugen ist bewußt, daß das Werk wahrer Christen im Predigen und Lehren besteht (Mat. 24:14; 28:19, 20). Da sie Gottes Wort achten, weiß man von ihnen, daß sie nie versucht haben, irgendeine Regierung der Welt zu stürzen oder einen Anschlag auf einen Staatsbeamten oder Regierungsvertreter zu verüben. Die italienische Zeitung La Stampa schrieb über Jehovas Zeugen: „Sie sind die loyalsten Bürger, die man sich nur wünschen kann: Sie hinterziehen keine Steuern und versuchen nicht, um des eigenen Vorteils willen unbequeme Gesetze zu umgehen.“ Dabei ist jeder einzelne von ihnen fest entschlossen, weiterhin „kein Teil der Welt“ zu sein, weil sie sich darüber im klaren sind, wie wichtig das in den Augen Gottes ist (Joh. 15:19; Jak. 4:4).

      Als Hoheitszeichen Gegenstand der Verehrung wurden

      Als in Deutschland Adolf Hitler an die Macht kam, wurde die Welt von einem patriotischen Fieber erfaßt. Um das Volk unter Kontrolle zu halten, machte man die Teilnahme an patriotischen Handlungen zur Pflicht. In Deutschland mußte jeder zu einer vorgeschriebenen Grußgeste „Heil Hitler!“ rufen. Das hieß, Hitler als Retter zu preisen; es sollte damit ausgedrückt werden, daß alle Hoffnungen der Menschen seine Führerschaft zum Mittelpunkt hatten. Jehovas Zeugen konnten diese Gesinnung aber nicht teilen. Sie wußten, daß sie nur Jehova anbeten durften und daß er Jesus Christus zum Retter der Menschheit erhoben hatte (Luk. 4:8; 1. Joh. 4:14).

      Schon bevor Hitler in Deutschland Diktator wurde, behandelten Jehovas Zeugen in der Broschüre Das Königreich — die Hoffnung der Welt (1931 veröffentlicht) das in der Bibel beschriebene vorbildliche Verhalten der drei mutigen hebräischen Gefährten des Propheten Daniel in Babylon. Als ihnen vom König befohlen wurde, sich zu einer bestimmten Musik vor einem Standbild niederzubeugen, weigerten sich diese treuen Hebräer, Zugeständnisse zu machen, und Jehova zeigte ihnen seine Anerkennung dadurch, daß er sie befreite (Dan. 3:1-26). In der Broschüre hieß es, die Treue der Zeugen Jehovas werde in neuerer Zeit durch patriotische Zeremonien ähnlich auf die Probe gestellt.

      Mit der Zeit machte man auch außerhalb von Deutschland die Teilnahme an patriotischen Handlungen zur Pflicht. Als J. F. Rutherford am 3. Juni 1935 auf einem Kongreß in Washington (D. C.) gebeten wurde, zum Fahnengruß in der Schule Stellung zu nehmen, sprach er mit Nachdruck über die Treue zu Gott. Ein paar Monate später berichteten im ganzen Land die Zeitungen darüber, daß der achtjährige Carleton B. Nichols jr. aus Lynn (Massachusetts) es ablehnte, die amerikanische Fahne zu grüßen und ein patriotisches Lied mitzusingen.

      Zur Erklärung hielt Bruder Rutherford am 6. Oktober eine Rundfunkansprache über das Thema „Fahnengruß“, in der er sagte: „Für viele ist der Fahnengruß etwas rein Formelles und hat kaum eine Bedeutung. Wer ihn dagegen aufrichtig vom biblischen Standpunkt aus untersucht, sieht ihn nicht als unbedeutend an.

      Die Fahne steht für die sichtbaren regierenden Mächte. Einen Bürger oder das Kind eines Bürgers durch das Gesetz zwingen zu wollen, irgend etwas zu grüßen oder sogenannte patriotische Lieder zu singen, ist ganz und gar ungerecht und verkehrt. Gesetze sind dazu da, die Verübung von Handlungen, durch die ein anderer geschädigt wird, zu verhindern, und dienen nicht dem Zweck, jemanden zu zwingen, gegen sein Gewissen zu handeln, insbesondere wenn sich dieses Gewissen nach dem Wort Jehovas ausrichtet.

      Dadurch, daß sich dieser Junge weigerte, die Fahne zu grüßen, und stumm dastand, konnte niemandem geschadet werden. Glaubt indessen jemand aufrichtig, daß der Fahnengruß gegen Gottes Gebot ist, so erleidet er großen Schaden, wenn man ihn dazu nötigt, entgegen dem Wort Gottes und seinem Gewissen eine Fahne zu grüßen. Der Staat hat nicht das Recht, den Menschen durch das Gesetz oder sonstwie Schaden zuzufügen.“

      Weitere Begründungen für die Haltung der Zeugen Jehovas wurden ebenfalls 1935 in der Broschüre Loyalty (Loyalität) unterbreitet. Man verwies zum Beispiel auf folgende Bibeltexte: 2. Mose 20:3-7 — nur Jehova darf angebetet werden, und Gottes Dienern wird verboten, sich vor einem Götzenbild oder dem Abbild von irgend etwas, was im Himmel oder auf der Erde ist, niederzubeugen oder dergleichen anzufertigen; Lukas 20:25 — Jesus Christus ordnete an, nicht nur Cäsars Dinge Cäsar zurückzuzahlen, sondern auch Gott das wiederzugeben, was ihm zusteht; Apostelgeschichte 5:29 — die Apostel erklärten entschlossen: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen.“

      In den Vereinigten Staaten ließ man gerichtlich untersuchen, ob jemand zum Fahnengruß gezwungen werden dürfe. Am 14. Juni 1943 stieß das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten sein früheres Urteil um und entschied in dem Fall Staatliche Schulbehörde von West Virginia gegen Barnette, daß die Fahnengrußpflicht mit der verfassungsmäßig garantierten Freiheit unvereinbar sei.b

      Das Problem nationalistischer Zeremonien blieb keineswegs auf Deutschland und die Vereinigten Staaten beschränkt. In Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien sind Jehovas Zeugen wegen ihrer Nichtteilnahme grausam verfolgt worden, obwohl sie während Fahnengruß- oder ähnlichen Zeremonien respektvoll stehen. Man hat Kinder geschlagen, und viele wurden von der Schule verwiesen. Es wurden zahlreiche Prozesse geführt.

      Beobachter mußten jedoch zugeben, daß sich Jehovas Zeugen hierin sowie auf anderen Gebieten wie die ersten Christen verhalten. Allerdings war es so, wie in dem Buch The American Character beschrieben: „Für die große Mehrheit ... waren die Einwände der Zeugen genauso unverständlich wie [im Römischen Reich] für Trajan und Plinius die Einwände der Christen, die sich weigerten, dem göttlich verehrten Kaiser zu opfern.“ Das war zu erwarten, da Jehovas Zeugen wie die ersten Christen die Dinge nicht mit den Augen der Welt sahen, sondern im Licht biblischer Grundsätze betrachteten.

      Ihre Haltung klar dargelegt

      Nachdem Jehovas Zeugen viele Jahre lang schwere Prüfungen ihrer christlichen Neutralität ertragen hatten, wurde ihre Haltung im Wachtturm vom 1. Februar 1980 nochmals bestätigt. Auch wurde erklärt, was einzelne Zeugen zu ihrem Verhalten bewog. Es hieß darin: „Durch ein fleißiges Studium des Wortes Gottes waren diese jungen Christen in der Lage, eine Entscheidung zu fällen. Niemand anders traf diese Entscheidung für sie. Jeder konnte sie allein, nämlich aufgrund seines eigenen biblisch geschulten Gewissens, treffen. Sie entschieden sich dafür, feindselige und kriegerische Handlungen gegen ihre Mitmenschen aus anderen Nationen zu unterlassen. Ja, sie glaubten an die berühmte Prophezeiung Jesajas, an deren Erfüllung sie einen Anteil haben wollten: ‚Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nation wird nicht gegen Nation das Schwert erheben, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen‘ (Jes. 2:4). Genau das taten jene jungen Männer, die aus allen Nationen stammten.“

      Während der Jahre, in denen ihr Festhalten an der christlichen Neutralität geprüft wurde, führte eine nochmalige Untersuchung der Bibelpassage in Römer 13:1-7 über die „obrigkeitlichen Gewalten“ zu einer klareren Definition des Verhältnisses der Zeugen zu weltlichen Regierungen. Diese Erklärung erschien in den Ausgaben des Wachtturms vom 1. Januar, 15. Januar und 1. Februar 1963 und wurde in der Ausgabe vom 1. November 1990 nochmals bestätigt. In den Artikeln wurde die Stellung Jehovas als „Allerhöchster“ betont, und zugleich wurde darauf hingewiesen, daß weltliche Regierungen nur in Beziehung zu anderen Menschen „obrigkeitliche Gewalten“ sind sowie in dem Tätigkeitsbereich, in dem Gott sie im gegenwärtigen System der Dinge fungieren läßt. Die Artikel zeigten, daß wahre Christen verpflichtet sind, solche weltlichen Regierungen gewissenhaft zu ehren und ihnen in allem zu gehorchen, soweit es nicht dem Gesetz Gottes und ihrem biblisch geschulten Gewissen zuwiderläuft (Dan. 7:18; Mat. 22:21; Apg. 5:29; Röm. 13:5).

      Dadurch, daß sich Jehovas Zeugen strikt an diese biblischen Normen halten, haben sie sich den Ruf erworben, von der Welt getrennt zu sein, weshalb die Menschen durch sie an die ersten Christen erinnert werden.

      Weltliche Feiertage oder Feste

      Als Jehovas Zeugen religiöse Lehren verwarfen, die heidnischen Ursprungs waren, gaben sie auch viele ähnlich befleckte Bräuche auf. Eine Zeitlang ging man bestimmten weltlichen Feiertagen oder Festen allerdings nicht so sorgfältig auf den Grund, wie man es hätte tun sollen. So war es zum Beispiel mit Weihnachten.

      Dieses Fest wurde sogar im Hauptbüro der Watch Tower Society, im Brooklyner Bethel (New York), alljährlich gefeiert. Seit Jahren wußte man, daß der 25. Dezember nicht das richtige Datum ist, aber man argumentierte, dieser Tag werde von der Allgemeinheit schon lange mit der Geburt des Erlösers in Verbindung gebracht und es sei jeden Tag angebracht, anderen Gutes zu tun. Doch nach weiteren Nachforschungen auf diesem Gebiet beschloß man im Hauptbüro der Gesellschaft und in den Zweigbüros in England und in der Schweiz, Weihnachten nicht mehr zu feiern, so daß es dort nach 1926 kein Weihnachtsfest mehr gab.

      R. H. Barber, ein Mitarbeiter des Hauptbüros, untersuchte gründlich den Ursprung der Weihnachtsbräuche und ihre Auswirkungen, worauf er die Ergebnisse in einer Rundfunksendung vortrug. Diese Informationen wurden auch im Goldenen Zeitalter vom 12. Dezember 1928 (engl.) veröffentlicht. Es handelte sich um eine gründliche Entlarvung der gottentehrenden Wurzeln des Weihnachtsfestes. Seither ist der heidnische Ursprung der Weihnachtsbräuche allgemein bekanntgeworden, aber nur wenige ändern deswegen ihre Lebensweise. Jehovas Zeugen dagegen waren bereit, die notwendigen Änderungen vorzunehmen, um annehmbarere Diener Jehovas zu sein.

      Als sie erkannten, daß für die Leute die Geburt Jesu wichtiger geworden war als das durch seinen Tod beschaffte Lösegeld; daß der Trubel der Feier und die Einstellung, mit der viele Geschenke gegeben wurden, Gott nicht zur Ehre gereichten; daß es sich bei den Weisen aus dem Morgenland, die das Vorbild für das Beschenken waren, in Wirklichkeit um dämonisch beeinflußte Astrologen handelte; daß Eltern ihren Kindern ein schlechtes Beispiel gaben, wenn sie ihnen etwas vom Weihnachtsmann vorlogen; daß Nikolaus anerkanntermaßen ein anderer Name für den Teufel war und daß solche Feste, wie Kardinal Newman in seinem Werk Über die Entwicklung der Glaubenslehre zugab, „die Werkzeuge und das Zubehör des Dämonenkultes“ sind, die die Kirche übernommen hatte — ja, als sie das erkannten, wollten Jehovas Zeugen prompt nichts mehr mit Weihnachten zu tun haben, und das sollte auch so bleiben.

      Jehovas Zeugen treffen sich von Zeit zu Zeit mit Verwandten und Freunden zu einem netten Beisammensein. Aber sie machen nicht bei Festen mit, die mit heidnischen Göttern in Zusammenhang stehen (wie es bei Ostern, Silvester, der Maifeier und dem Muttertag der Fall ist) (2. Kor. 6:14-17). Wie die ersten Christenc feiern sie noch nicht einmal Geburtstag. Sie nehmen auch — ohne sich dabei respektlos zu verhalten — von Nationalfeiertagen Abstand, bei denen man politischer oder militärischer Ereignisse gedenkt, und verehren keine Nationalhelden. Weshalb? Weil Jehovas Zeugen kein Teil der Welt sind.

      Hilfe für ihre Mitmenschen

      Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens im Römischen Reich stand die Verehrung der Götter. Da sich Christen von allem fernhielten, was durch heidnische Götter befleckt war, betrachtete das Volk das Christentum als Angriff auf seine Lebensweise; und nach den Worten des Geschichtsschreibers Tacitus sagte man den Christen nach, sie würden die Menschheit hassen. Eine ähnliche Ansicht beschreibt Minucius Felix in seinen Schriften, in denen er einen Römer anführt, der zu einem christlichen Bekannten sagt: „Ihr besucht keine Schauspiele, nehmt an den öffentlichen Prozessionen nicht teil; ... die heiligen Spiele finden ohne euch statt.“ Das gemeine Volk der alten römischen Welt hatte wenig Verständnis für die Christen.

      Auch heute werden Jehovas Zeugen von vielen in der Welt nicht verstanden. Man bewundert vielleicht die hohen sittlichen Normen der Zeugen, steht aber auf dem Standpunkt, sie sollten sich an dem Geschehen der Welt um sie herum beteiligen und sich engagieren, um die Welt zu verbessern. Wer Jehovas Zeugen jedoch persönlich kennenlernt, erfährt, daß sie für alles, was sie tun, einen biblischen Grund haben.

      Statt sich vom Rest der Menschheit abzukapseln, widmen sich Jehovas Zeugen ganz der Aufgabe, ihren Mitmenschen auf die Art und Weise zu helfen, die ihnen Jesus Christus vorlebte. Sie helfen Menschen, zu lernen, wie sie heute schon die Probleme des Lebens meistern können, indem sie sie mit dem Schöpfer und den in seinem inspirierten Wort dargelegten Richtlinien vertraut machen. Sie sprechen freimütig mit anderen über biblische Wahrheiten, die die gesamte Einstellung eines Menschen zum Leben verändern können. Wesentlich für ihren Glauben ist das Bewußtsein, daß „die Welt vergeht“, daß Gott bald eingreift, um das gegenwärtige böse System zu beseitigen, und daß denen, die sich von der Welt getrennt halten und die fest an das Königreich Gottes glauben, eine herrliche Zukunft in Aussicht steht (1. Joh. 2:17).

      [Fußnoten]

      a Der Wacht-Turm, 1. Juni 1918 (engl.), Seite 174.

      b Wegen weiterer Einzelheiten siehe Kapitel 30: „ ‘Verteidigung und gesetzliche Befestigung der guten Botschaft’ “.

      c Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche von August Neander, Seite 165.

      [Herausgestellter Text auf Seite 188]

      Sie sind keine Einsiedler, übernehmen aber auch nicht den Lebensstil der Welt

      [Herausgestellter Text auf Seite 189]

      Sie zogen sich von den Kirchen der Christenheit zurück

      [Herausgestellter Text auf Seite 190]

      „Die Christen standen, wie ein priesterliches, geistliches Geschlecht dem Staate gegenüber“

      [Herausgestellter Text auf Seite 194]

      Christliche Neutralität geprüft

      [Herausgestellter Text auf Seite 198]

      „Niemand anders traf diese Entscheidung für sie“

      [Herausgestellter Text auf Seite 199]

      Warum sie aufhörten, Weihnachten zu feiern

      [Kasten auf Seite 195]

      Keine Bedrohung für irgendeine Regierung

      ◆ In einem Leitartikel über die Behandlung der Zeugen Jehovas in einem lateinamerikanischen Land schrieb die in Omaha (Nebraska, USA) erscheinende Zeitung „World-Herald“: „Wer glaubt, Jehovas Zeugen wären für eine Regierung eine Gefahr, muß eine bigotte und paranoide Denkweise haben; sie sind so wenig staatsgefährdend und so friedliebend, wie eine Religionsgemeinschaft nur sein kann, und wollen lediglich in Ruhe gelassen werden, so daß sie ihrem Glauben entsprechend leben können.“

      ◆ Die italienische Zeitung „Il Corriere di Trieste“ erklärte: „Jehovas Zeugen sind wegen ihrer Standhaftigkeit und ihres Zusammenhalts zu bewundern. Im Gegensatz zu anderen Religionen bewahrt sie ihre Einheit als Volk davor, im Namen Christi denselben Gott zu bitten, die beiden gegnerischen Seiten eines Konfliktes zu segnen, oder Politik mit Religion zu vermischen, um den Interessen von Staatsoberhäuptern oder politischen Parteien zu dienen. Und nicht zuletzt sind sie bereit, eher den Tod auf sich zu nehmen, als gegen ... das Gebot [zu verstoßen:] DU SOLLST NICHT TÖTEN!“

      ◆ Die Zeitung „Nová Svoboda“ schrieb 1990, nachdem Jehovas Zeugen in der Tschechoslowakei 40 Jahre verboten gewesen waren: „Der Glaube der Zeugen Jehovas verbietet den Gebrauch von Waffen gegen Menschen. Wer den Grundwehrdienst ablehnte und nicht in den Kohlenbergwerken arbeiten konnte, kam ins Gefängnis, teilweise bis zu vier Jahren. Allein daran läßt sich eines erkennen: Sie haben eine enorme moralische Stärke. Wir könnten solche selbstlosen Menschen sogar in den höchsten politischen Ämtern gebrauchen — doch da werden wir sie nie hinbekommen. ... Natürlich erkennen sie die staatliche Autorität an, aber sie glauben, daß nur Gottes Königreich alle Probleme der Menschen lösen kann. Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen: Sie sind keine Fanatiker. Sie sind Leute, die als normale Menschen unter uns leben.“

      [Kasten/Bilder auf Seite 200, 201]

      Aufgegebene Bräuche und Gewohnheiten

      Diese Weihnachtsfeier im Brooklyner Bethel 1926 war die letzte. Die Bibelforscher erkannten allmählich, daß weder der Ursprung dieses Festes noch die damit verbundenen Bräuche Gott zur Ehre gereichten.

      Jahrelang trugen die Bibelforscher ein Kreuz und eine Krone als Abzeichen, und dieses Symbol war von 1891 bis 1931 auf dem Titelblatt des „Wacht-Turms“ abgebildet. Doch wie 1928 hervorgehoben wurde, beweist man nicht durch ein dekoratives Abzeichen, sondern durch seine Tätigkeit als Zeuge, daß man ein Christ ist. 1936 wurde erklärt, alles deute darauf hin, daß Christus an einem Pfahl starb, nicht an einem Kreuz aus zwei rechtwinklig angeordneten Balken.

      In ihrem Buch „Täglich Manna“ schrieben die Bibelforscher verschiedene Geburtstage auf. Aber nachdem sie nicht mehr Weihnachten feierten und als sie erkannten, daß durch Geburtstagsfeiern Geschöpfen ungebührliche Ehre entgegengebracht wird (einer der Gründe, weshalb die ersten Christen keine Geburtstage feierten), hörten sie auch damit auf.

      Etwa 35 Jahre lang dachte Pastor Russell, die Cheopspyramide von Giseh sei Gottes Steinzeuge, durch den biblische Zeitperioden bestätigt würden (Jes. 19:19). Jehovas Zeugen haben jedoch die Vorstellung aufgegeben, eine ägyptische Pyramide hätte irgend etwas mit der wahren Anbetung zu tun. (Siehe „Wacht-Turm“, 15. Dezember 1928.)

      [Bild auf Seite 189]

      Es wurden zehn Millionen Exemplare verbreitet

      [Bilder auf Seite 191]

      Manche gingen mit Gewehren in die Schützengräben, doch andere verweigerten den Kriegsdienst, darunter A. P. Hughes aus England und R. Cuminetti aus Italien

      [Bilder auf Seite 193]

      Jehovas Zeugen lehnten es ab, den Völkerbund oder die UN als von Gott kommend zu bestätigen, und traten allein für Gottes messianisches Königreich ein

      [Bild auf Seite 197]

      Carleton und Flora Nichols; als ihr Sohn es ablehnte, die Fahne zu grüßen, berichtete im ganzen Land die Presse darüber

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