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Die Entwicklung der organisatorischen StrukturJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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Bruder Russell lag es fern, eine andere Einrichtung zu schaffen, und er lehnte es entschieden ab, irgendeinen Beitrag zum Sektierertum der nominellen Christen zu leisten.
Gleichzeitig war er sich jedoch völlig darüber im klaren, daß sich die Diener des Herrn im Einklang mit dem Rat aus Hebräer 10:23-25 versammeln mußten. Er unternahm deshalb Reisen, um Leser des Wacht-Turms zu besuchen, sie zu erbauen und sie mit Gleichgesinnten in ihrer Gegend in Verbindung zu bringen. Anfang 1881 bat er Personen, die regelmäßig Zusammenkünfte abhielten, dem Watch-Tower-Büro mitzuteilen, wo diese stattfanden. Er erkannte, wie wertvoll es war, miteinander in Verbindung zu bleiben.
Bruder Russell betonte allerdings, daß man nicht versuche, eine „irdische Organisation“ zu gründen. Er sagte: „Wir gehören nur der himmlischen Organisation an — ‚deren Namen im Himmel eingeschrieben sind‘ (Hebr. 12:23; Luk. 10:20).“ Wegen der unrühmlichen Geschichte der Christenheit erinnerte die Bezeichnung „Kirchenorganisation“ gewöhnlich an Sektierertum, an eine herrschende Geistlichkeit und an eine Mitgliedschaft, die auf der Annahme eines von einem Konzil formulierten Glaubensbekenntnisses beruhte. Deshalb hielt Bruder Russell den Begriff „Vereinigung“ als Selbstbezeichnung für besser.
Natürlich wußte er, daß Christi Apostel Versammlungen gegründet und in jeder dieser Versammlungen Älteste ernannt hatten. Doch er glaubte, daß Christus wieder gegenwärtig war — wenn auch unsichtbar — und selbst die abschließende Ernte derer leitete, die seine Miterben sein sollten. In Anbetracht der Umstände hielt Bruder Russell anfangs die Ältestenvorkehrung, die in der Christenversammlung des ersten Jahrhunderts bestanden hatte, in der Zeit der Ernte nicht für nötig.
Als die Bibelforscher allerdings an Zahl zunahmen, erkannte Bruder Russell, daß der Herr die Dinge anders lenkte, als er erwartet hatte. So mußte er seinen Standpunkt korrigieren. Doch gestützt worauf?
Für die anfänglichen Bedürfnisse der wachsenden Vereinigung gesorgt
Im Wacht-Turm vom 15. November 1895 (engl.) wurde fast ausschließlich das Thema „Anständig und in Ordnung“ behandelt. Bruder Russell gab darin freimütig zu: „Die Apostel hatten der Urkirche viel über Ordnung bei den Zusammenkünften der Heiligen zu sagen; und wir haben diesen weisen Rat offensichtlich ziemlich vernachlässigt, indem wir ihn für nicht allzu wichtig hielten, weil sich die Kirche so nahe am Ende ihres Laufes befindet und die Ernte eine Zeit der Trennung ist.“ Was war ausschlaggebend dafür, daß man diesen apostolischen Rat nun mit anderen Augen betrachtete?
In dem Artikel wurden vier Umstände angeführt: 1. Die einzelnen unterschieden sich in ihrer geistigen Entwicklung voneinander. Es gab Versuchungen, Prüfungen, Schwierigkeiten und Gefahren, und nicht alle waren gleich gerüstet, ihnen zu begegnen. Daher bestand ein Bedarf an weisen und besonnenen Aufsehern, erfahrenen und fähigen Männern, denen das geistige Wohl aller sehr am Herzen lag und die sie in der Wahrheit unterweisen konnten. 2. Man hatte beobachtet, daß die Herde vor ‘Wölfen in Schafskleidern’ geschützt werden mußte (Mat. 7:15). Die einzelnen mußten dadurch gestärkt werden, daß man ihnen half, eine genaue Erkenntnis der Wahrheit zu erlangen. 3. Wenn es keine Regelung gäbe, Älteste zu ernennen, die die Herde schützten, würden sich einige, wie die Erfahrung gezeigt hatte, diese Stellung anmaßen und die Herde als ihr Eigentum betrachten. 4. Ohne eine ordentliche Regelung würden Personen, die loyal zur Wahrheit standen, womöglich feststellen müssen, daß ihre Dienste unerwünscht waren, nur weil ein paar Einflußreiche eine andere Ansicht vertraten als sie.
Aus dieser Sicht hieß es im Wacht-Turm: „Ohne Zögern empfehlen wir den Kirchenc an jedem Ort — seien sie zahlenmäßig groß oder klein —, sich an den apostolischen Rat zu halten und in jeder Gruppe Älteste auszuwählen, die die Herde weiden und die Aufsicht übernehmen“ (Apg. 14:21-23; 20:17, 28). Die Ortsversammlungen befolgten diesen vernünftigen biblischen Rat. Das war ein wichtiger Schritt, den Aufbau der Versammlung so zu gestalten wie in den Tagen der Apostel.
Gemäß dem damaligen Verständnis erfolgte jedoch die Wahl der Ältesten und der sie unterstützenden Diakone durch die Versammlung. Alljährlich oder nötigenfalls öfter erwog man die Befähigung derer, die als Diener in Frage kamen, und gab dann seine Stimme ab. Im Grunde genommen handelte es sich um eine demokratische Verfahrensweise, der jedoch gewisse Grenzen gesetzt waren, die als Schutz dienen sollten. Alle in der Versammlung wurden ermahnt, die biblischen Anforderungen gewissenhaft durchzugehen, um durch die Wahl nicht ihrer eigenen Meinung Ausdruck zu geben, sondern dem, was nach ihrer Überzeugung der Wille des Herrn war. Wählen durften nur Personen, die „geweiht“ waren. Wenn daher ihre gemeinsame Wahl unter der Leitung des Wortes und Geistes des Herrn erfolgte, sah man das Ergebnis als den Willen des Herrn an. Bruder Russells Empfehlung, so vorzugehen, war möglicherweise nicht allein von seiner Entschlossenheit beeinflußt, alles zu vermeiden, was an eine höhergestellte Geistlichenklasse erinnerte, sondern auch von seiner persönlichen Erfahrung als Jugendlicher in der Kongregationalistenkirche, wenngleich er sich dessen vielleicht nicht völlig bewußt war.
Als in dem Buch Die neue Schöpfung (herausgegeben 1904), das zu der Bücherserie Millennium-Tagesanbruch gehörte, erneut ausführlich behandelt wurde, welche Rolle die Ältesten spielen und wie sie gewählt werden sollten, wurde die Aufmerksamkeit besonders auf Apostelgeschichte 14:23 gelenkt. Die von James Strong und Robert Young zusammengestellten Konkordanzen dienten als Stütze für die Ansicht, daß die Worte „ordneten ihnen hin und her Aeltesten“ (Lu, 1877) eigentlich bedeuteten, „sie ließen sie durch Handerheben Älteste wählen“.d In einigen Bibelübersetzungen heißt es sogar, die Ältesten seien ‘durch Wahl ernannt’ worden (Young, Literal Translation of the Holy Bible; Rotherham, Emphasised Bible). Aber wer sollte sie wählen?
Man vertrat den Standpunkt, die ganze Versammlung sollte wählen, doch das zeitigte nicht immer die erhofften Ergebnisse. Die Wählenden mußten zwar „Geweihte“ sein, und einige der Gewählten erfüllten auch wirklich die biblischen Erfordernisse und dienten demütig ihren Brüdern. Aber oftmals ließ die Wahl nicht auf Gottes Wort und Geist schließen, sondern auf eine persönliche Vorliebe. In Halle (Deutschland) dachten zum Beispiel einige, sie müßten Älteste sein, und verursachten schwere Auseinandersetzungen, als sie die gewünschte Stellung nicht erhielten. Unter den Kandidaten in Barmen (Deutschland) waren 1927 auch Männer, die sich gegen das Werk der Gesellschaft stellten, und so kam es während des Handerhebens bei der Wahl zu lauten Beschimpfungen, und man mußte zu einer geheimen Stimmabgabe übergehen.
Im Jahre 1916 — etliche Jahre vor jenen Begebenheiten — hatte Bruder Russell tief besorgt folgendes geschrieben: „In einigen Klassen herrschen schreckliche Verhältnisse, wenn gewählt werden soll. Die Diener der Kirche versuchen, sich als Herrscher, ja als Diktatoren aufzuspielen — mitunter führen sie sogar den Vorsitz bei der Zusammenkunft offensichtlich in der Absicht, sicherzustellen, daß sie und ihre speziellen Freunde zu Ältesten und Diakonen gewählt werden. ... Einige suchen die Klasse in unauffälliger Weise zu übervorteilen, indem sie die Wahl auf eine für sie und ihre Freunde besonders günstige Zeit festsetzen. Andere suchen alle ihre Freunde zur Zusammenkunft mitzubringen, sogar verhältnismäßig fremde Personen, die gar nicht daran denken, regelmäßig die Klasse zu besuchen, sondern lediglich aus Gefälligkeit kommen, um für einen ihrer Freunde zu stimmen.“
Ging es lediglich darum, zu lernen, wie man demokratische Wahlen reibungsloser durchführt, oder enthielt Gottes Wort Hinweise, die man noch nicht deutlich erkannt hatte?
Organisiert, damit die gute Botschaft gepredigt wird
Schon sehr früh war sich Bruder Russell darüber im klaren, daß das Evangelisieren zu den wichtigsten Aufgaben jedes Angehörigen der Christenversammlung zählte (1. Pet. 2:9). Im Wacht-Turm hieß es, daß nicht nur Jesus, sondern allen seinen geistgesalbten Nachfolgern die prophetischen Worte aus Jesaja 61:1 galten, nämlich: „Jehova [hat] mich gesalbt ..., um ... gute Botschaft kundzutun“ oder, wie die Lutherbibel Jesu Zitat dieses Textes wiedergibt: „Er [hat] mich gesalbt ..., zu verkündigen das Evangelium“ (Luk. 4:18).
Bereits 1881 erschien in Englisch der Wacht-Turm-Artikel „1 000 Prediger gesucht“. Darin wurde jeder in der Versammlung ermuntert, soviel Zeit wie möglich (eine halbe Stunde, eine, zwei oder drei Stunden) dafür einzusetzen, die biblische Wahrheit zu verbreiten. Männer und Frauen, die keine familiären Verpflichtungen hatten und die Hälfte ihrer Zeit oder mehr im Werk des Herrn verbringen konnten, wurden ermuntert, als Kolporteure das Evangelium zu verkündigen. Die Zahl schwankte von Jahr zu Jahr beträchtlich, doch 1885 waren bereits etwa 300 Kolporteure im Werk tätig. Auch einige andere beteiligten sich, allerdings in begrenztem Maße. Die Kolporteure erhielten Anregungen, wie sie vorgehen sollten. Aber das Feld war groß, und zumindest anfangs suchten sie sich ihr Gebiet selbst aus und zogen meist nach eigenem Ermessen von einem Ort zu einem anderen. Wenn sie sich auf Kongressen trafen, nahmen sie nötige Änderungen vor, um ihre Bemühungen aufeinander abzustimmen.
In dem Jahr, in dem der Kolporteurdienst begann, ließ Bruder Russell mehrere Traktate (oder Broschüren) zur kostenfreien Verbreitung drucken. Herausragend war die Publikation Speise für denkende Christen, von der in den ersten vier Monaten 1 200 000 Exemplare verbreitet wurden. Die mit dem Druck und der Verbreitung verbundene Arbeit war Anlaß zur Gründung von Zion’s Watch Tower Tract Society, die sich der erforderlichen Arbeiten im einzelnen annehmen sollte. Damit das Werk im Falle seines Todes nicht unterbrochen würde und um die Handhabung der für das Werk gedachten Spenden zu vereinfachen, beantragte Bruder Russell die gesetzliche Eintragung der Gesellschaft, die am 15. Dezember 1884 erfolgte. So entstand das erforderliche Rechtsinstrument.
Je nach Bedarf richtete man in anderen Ländern Zweigbüros der Watch Tower Society ein. Das erste wurde am 23. April 1900 in London (England) gegründet, ein weiteres 1902 in Elberfeld (Deutschland). Zwei Jahre danach wurde in Melbourne (Australien), auf der anderen Seite des Globus, ein Zweigbüro eröffnet. Zur Zeit der Abfassung dieses Buches gab es weltweit 99 Zweigstellen.
Die organisatorischen Einrichtungen, die zur Beschaffung großer Mengen biblischer Literatur benötigt wurden, nahmen zwar Formen an, doch anfangs blieb es den Versammlungen überlassen, über die Art der Verbreitung am Ort zu entscheiden. In einem Brief vom 16. März 1900 legte Bruder Russell seinen Standpunkt dazu dar. In diesem Brief an „Alexander M. Graham und die Kirche in Boston (Massachusetts)“ hieß es: „Wie Ihr alle wißt, ist es meine erklärte Absicht, es jeder Gruppe des Volkes des Herrn zu überlassen, ihre Angelegenheiten gemäß ihrem eigenen Urteilsvermögen zu regeln, und mich nicht einzumischen, sondern lediglich durch Anregungen zu beraten.“ Das betraf nicht nur die Zusammenkünfte, sondern auch die Art und Weise, wie der Predigtdienst verrichtet wurde. Wenn er den Brüdern einen praktischen Rat gab, schloß er mit den Worten: „Das ist lediglich eine Anregung.“
Bei einigen Tätigkeiten bedurfte es indessen genauerer Anweisungen der Gesellschaft. In Verbindung mit dem Vorführen des „Photo-Dramas der Schöpfung“ war es beispielsweise jeder Versammlung überlassen, zu entscheiden, ob sie für eine Vorstellung ein Kino oder einen anderen Raum am Ort mieten wollte oder konnte. Es mußten aber Ausrüstungsgegenstände dafür von einer Stadt zur anderen transportiert und bestimmte Termine eingehalten werden. Diesbezüglich erteilte die Gesellschaft daher bestimmte Anweisungen. Jede Versammlung wurde ermuntert, ein Drama-Komitee zu bilden, das die örtlichen Angelegenheiten regelte. Doch ein von der Gesellschaft ausgesandter Verantwortlicher kümmerte sich gewissenhaft um die Einzelheiten, damit alles reibungslos ablief.
Während die Jahre 1914 und 1915 verstrichen, warteten jene geistgezeugten Christen sehnsüchtig auf die Verwirklichung ihrer himmlischen Hoffnung. Gleichzeitig wurden sie ermuntert, ständig im Dienst des Herrn beschäftigt zu sein. Die Zeit, die ihnen im Fleische noch verblieb, war ihrer Ansicht nach zwar sehr kurz, doch wie sich herausstellte, war zu einer geordneten Fortsetzung des Predigens der guten Botschaft mehr Anleitung nötig als zu der Zeit, wo sie nur wenige Hunderte gezählt hatten. Kurz nachdem J. F. Rutherford der zweite Präsident der Watch Tower Society geworden war, nahm diese Anleitung neue Formen an. Im Wacht-Turm vom Juli 1917 (engl.: 1. März) wurde bekanntgegeben, daß die in den Versammlungen von Kolporteuren und Arbeitern im pastoralen Werke zu bearbeitenden Gebiete vom Büro der Gesellschaft zugeteilt würden. Wenn sich in einer Stadt oder einem Kreis sowohl ansässige Arbeiter im pastoralen Werk als auch Kolporteure am Predigtdienst beteiligten, wurde das Gebiet von einem örtlich ernannten Distriktskomitee unter ihnen aufgeteilt. Diese Regelung trug 1917/18 innerhalb nur weniger Monate zu einer wahrhaft bemerkenswerten Verbreitung der englischen Ausgabe des Buches Das vollendete Geheimnis bei. Sie war auch ausschlaggebend für die schnelle Verbreitung von 10 000 000 Exemplaren eines Traktats mit dem Titel „Der Fall Babylons“, in dem die Christenheit nachdrücklich bloßgestellt wurde.
Kurze Zeit danach wurden Vorstandsmitglieder der Gesellschaft verhaftet und am 21. Juni 1918 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Predigen der guten Botschaft kam fast zum Erliegen. War es wenigstens jetzt an der Zeit, mit dem Herrn in himmlischer Herrlichkeit vereint zu werden?
Wenige Monate danach ging der Krieg zu Ende. Im Jahr darauf wurden die führenden Vertreter der Gesellschaft freigelassen. Sie befanden sich immer noch im Fleische. Ihre Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Daher schlußfolgerten sie, daß Gott für sie auf der Erde noch ein Werk zu tun haben mußte.
Sie hatten gerade schwere Glaubensprüfungen hinter sich, da wurden sie 1919 durch die anspornenden biblischen Studienartikel gestärkt, die im Wacht-Turm unter dem Thema „Glückselig sind die Furchtlosen“ erschienen. Dasselbe traf auf den Artikel „Gelegenheiten des Dienstes“ zu. Aber die Brüder hatten keine Vorstellung von den umfangreichen organisatorischen Entwicklungen, die in den folgenden Jahrzehnten eintreten würden.
Vorbild für die Herde
Damit das Werk weiterhin auf ordentliche und einheitliche Weise voranging, ungeachtet wie kurz die Zeit sein mochte, mußte der Herde, wie Bruder Rutherford erkannte, das rechte Beispiel gegeben werden. Jesus hatte seine Nachfolger als Schafe bezeichnet, und Schafe folgen ihrem Hirten. Natürlich ist Jesus selbst der vortreffliche Hirte, doch bedient er sich auch älterer Männer oder Ältester als Unterhirten seines Volkes (1. Pet. 5:1-3). Diese Ältesten müssen sich selbst an dem von Jesus angeordneten Werk beteiligen und auch andere dazu ermuntern. Sie müssen wirklich den Geist des Evangelisierens haben. Bei der Verbreitung des Buches Das vollendete Geheimnis machten allerdings manche Älteste nicht mit; einige von ihnen rieten anderen ziemlich offen davon ab.
Ein höchst bedeutsamer Schritt, diese Situation zu berichtigen, erfolgte 1919 mit der Herausgabe der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter in Englisch. Sie sollte ein wirksames Instrument sein, das Königreich Gottes als die einzige Lösung für die Probleme der Menschheit zu verkündigen. Jede Versammlung, die sich an dieser Tätigkeit beteiligen wollte, wurde gebeten, sich bei der Gesellschaft als „Dienstorganisation“ anzumelden. Dann wurde von der Gesellschaft ein sogenannter Erntewerksvorsteher oder Dienstleiter ernannt, der nicht der jährlichen Wahl unterworfen war.f Als örtlicher Vertreter der Gesellschaft sollte er das Werk organisieren, Gebiet zuteilen und die Versammlung ermuntern, sich am Predigtdienst zu beteiligen. So trat neben den demokratisch gewählten Ältesten und Diakonen eine andersartige organisatorische Einrichtung in Funktion. Durch diese Einrichtung wurde eine Befugnis zur Ernennung von Personen anerkannt, die außerhalb der Ortsversammlung lag, und das Predigen der guten Botschaft von Gottes Königreich stärker betont.g
Wie von einer unwiderstehlichen Kraft angetrieben, erhielt die Verkündigung des Königreiches in den nachfolgenden Jahren gewaltigen Auftrieb. Die Ereignisse im Jahre 1914 und danach machten deutlich, daß sich die große Prophezeiung des Herrn Jesus Christus über den Abschluß des alten Systems erfüllte. Deshalb wurde 1920 im Wacht-Turm darauf hingewiesen, daß es, wie gemäß Matthäus 24:14 vorausgesagt, an der Zeit war, die gute Botschaft von dem „Ende der alten Ordnung der Dinge“ und der „Aufrichtung des messianischen Königreiches“ zu verkündigenh (Mat. 24:3-14). Nach dem Kongreß der Bibelforscher in Cedar Point (Ohio) im Jahre 1922 klangen den Delegierten die Worte im Ohr: „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.“ 1931 trat die Aufgabe wahrer Christen sogar noch deutlicher in den Mittelpunkt, als sie den Namen Jehovas Zeugen annahmen.
Offensichtlich hatte Jehova seinen Dienern ein Werk aufgetragen, an dem sich alle beteiligen konnten. Sie reagierten begeistert. Viele stellten ihr Leben grundlegend um, damit sie diesem Werk ihre volle Zeit widmen konnten. Selbst von denen, die weniger Zeit einsetzten, verbrachte an den Wochenenden eine beträchtliche Anzahl ganze Tage im Predigtdienst. Aufgrund der Ermunterungen, die 1938 und 1939 im Wachtturm und im Informator gegeben wurden, strengten sich viele Zeugen Jehovas damals gewissenhaft an, monatlich 60 Stunden im Predigtdienst einzusetzen.
Zu diesen eifrigen Zeugen zählten auch zahlreiche demütige und ergebene Diener Jehovas, die Älteste in den Versammlungen waren. An einigen Orten jedoch widersetzte man sich in den 20er Jahren und Anfang der 30er Jahre energisch der Vorstellung, daß sich jeder am Predigtdienst beteiligen sollte. Demokratisch gewählte Älteste brachten oft recht deutlich zum Ausdruck, daß sie mit der im Wacht-Turm erläuterten Verantwortung, den Menschen außerhalb der Versammlung zu predigen, nicht einiggingen. In ihren Gruppen wurde das Wirken des Geistes Gottes dadurch behindert, daß man nicht auf das hören wollte, was der Geist den Versammlungen in dieser Angelegenheit durch die Heilige Schrift zu sagen hatte (Offb. 2:5, 7).
Im Jahre 1932 unternahm man Schritte, diese Situation zu berichtigen. Entscheidend war dabei nicht die Frage, ob einige angesehene Älteste vielleicht gekränkt sein könnten oder ob sich möglicherweise einige der mit der Versammlung Verbundenen zurückziehen würden. Vielmehr lag den Brüdern daran, Jehova zu gefallen und seinen Willen zu tun. Deshalb wurde in den Wachtturm-Ausgaben vom 15. September und 1. Oktober die Aufmerksamkeit auf das Thema „Jehovas Organisation“ gelenkt.
Die Artikel machten deutlich, daß alle, die zur Organisation Jehovas gehörten, das Werk verrichten würden, das gemäß seinem Wort in dieser Zeit getan werden müßte. In den Artikeln wurde die Ansicht vertreten, die Stellung eines christlichen Ältesten sei kein Amt, in das man gewählt werden könne, sondern ein Zustand, der durch geistiges Wachstum erreicht werde. Besonders betont wurde, daß Jesus darum betete, daß seine Nachfolger „alle eins seien“ — in Gemeinschaft mit Gott und Christus und somit beim Tun des Willens Gottes vereint (Joh. 17:21). Und was ergab sich daraus? Der zweite Artikel enthielt die Antwort, daß „ein jeder des Überrestes für den Namen und das Königreich Jehovas Gottes Zeugnis geben muß“. Die Aufsicht sollte keinem anvertraut werden, der nicht tat, was er vernünftigerweise tun konnte, um sich am öffentlichen Zeugnisgeben zu beteiligen, oder sich weigerte, es zu tun.
Nach dem Studium dieser Artikel wurden die Versammlungen eingeladen, durch die Annahme einer Resolution ihre Zustimmung auszudrücken. So hörte man in den Versammlungen damit auf, jährlich Männer zu Ältesten und Diakonen zu wählen. In Belfast (Nordirland) und an anderen Orten verließen einige frühere „Wahlälteste“ zusammen mit Sympathisanten die Versammlung. Dadurch lichteten sich zwar die Reihen etwas, doch die Organisation als Ganzes wurde gestärkt. Übrig blieben diejenigen, die willig die christliche Verantwortung übernahmen, Zeugnis zu geben. Die Angehörigen der Versammlungen wählten — immer noch auf demokratische Weise — statt Älteste ein Dienstkomiteei, das aus geistig reifen Männern bestand, die sich am Zeugnisgeben in der Öffentlichkeit beteiligten. Auch wählten sie einen Vorsitzenden für ihre Zusammenkünfte sowie einen Sekretär und einen Schatzmeister. Bei ihnen allen handelte es sich um fleißige Zeugen für Jehova.
Mit der Aufsicht in den Versammlungen waren jetzt Männer betraut, denen nicht an einer persönlichen Stellung gelegen war, sondern daran, Gottes Werk zu verrichten — das heißt, über seinen Namen und sein Königreich Zeugnis abzulegen —, und die durch ihre Beteiligung ein gutes Beispiel gaben; daher ging das Werk reibungsloser voran. Sie wußten damals allerdings nicht, daß es noch viel zu tun gab, daß ein umfangreicheres Zeugnis als bis dahin gegeben würde und eine von ihnen nicht erwartete Einsammlung erfolgen sollte (Jes. 55:5). Offensichtlich bereitete Jehova sie darauf vor.
Es pflegten bereits einige derer, die ewig auf der Erde zu leben hofften, Gemeinschaft mit ihnen.j Aber die Bibel sagte die Einsammlung einer großen Volksmenge vorher, die in der bevorstehenden großen Drangsal bewahrt werden soll (Offb. 7:9-14). Um wen es sich bei der großen Volksmenge handelt, wurde 1935 geklärt. Aufgrund der Änderungen in der Auswahl der Aufseher in den 30er Jahren war die Organisation besser ausgerüstet, diese Menschen einzusammeln, zu belehren und zu schulen.
Die meisten Zeugen Jehovas waren über das sich ausdehnende Werk begeistert. Ihr Predigtdienst nahm eine neue Bedeutung an. Aber einige waren nicht darauf erpicht zu predigen. Sie legten die Hände in den Schoß und versuchten ihre Untätigkeit mit dem Hinweis zu rechtfertigen, erst nach Harmagedon werde eine große Volksmenge eingesammelt. Die allermeisten sahen jedoch darin eine weitere Gelegenheit, ihre Loyalität gegenüber Jehova und ihre Liebe zu ihrem Nächsten zu beweisen.
Wie fügten sich die Angehörigen der großen Volksmenge in die organisatorische Struktur ein? Sie erfuhren, welche Rolle Gottes Wort der „kleinen Herde“ Geistgesalbter zuschrieb, und wirkten freudig im Einklang mit dieser Einrichtung (Luk. 12:32-44). Auch erfuhren sie, daß sie — wie die Geistgesalbten — die Verantwortung hatten, die gute Botschaft anderen zu übermitteln (Offb. 22:17). Wenn sie Untertanen des Königreiches Gottes sein wollten, mußten sie dieses Königreich in ihrem Leben an die erste Stelle setzen und es eifrig bekanntmachen. Damit sie der biblischen Beschreibung derer entsprachen, die die große Drangsal überleben und in Gottes neue Welt gelangen, mußten sie „fortwährend mit lauter Stimme [rufen], indem sie sagen: ‚Die Rettung verdanken wir unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm‘ “ (Offb. 7:10, 14). Als ihre Zahl stieg und ihr Eifer für den Herrn offenbar wurde, lud man 1937 auch sie ein, die Last der Verantwortung beim Beaufsichtigen der Versammlung mitzutragen.
Sie wurden jedoch daran erinnert, daß es sich um die Organisation Jehovas handelte, nicht um die eines Menschen. Zwischen dem Überrest der Geistgesalbten und den Angehörigen der großen Volksmenge anderer Schafe sollte es keine Trennung geben. Sie sollten wie Brüder und Schwestern im Dienst Jehovas zusammenarbeiten. Denn Jesus hatte gesagt: „Ich habe andere Schafe, die nicht aus dieser Hürde sind; auch diese muß ich bringen, und sie werden auf meine Stimme hören, und sie werden e i n e Herde werden unter e i n e m Hirten“ (Joh. 10:16). Diese Tatsache zeigte sich immer deutlicher.
In verhältnismäßig kurzer Zeit waren erstaunliche Entwicklungen in der Organisation vor sich gegangen. Mußte aber noch mehr geschehen, damit die Angelegenheiten der Versammlungen in vollem Einklang mit den Wegen Jehovas geregelt würden, wie sie aus seinem Wort zu erkennen sind?
Theokratische Organisation
„Theokratie“ bedeutet „Gottesherrschaft“. Zeugte die Leitung der Versammlungen von dieser Art Herrschaft? Beteten sie Jehova nicht nur an, sondern ließen sie sich auch in Versammlungsangelegenheiten von ihm leiten? Paßten sie sich völlig dem an, was er über diese Angelegenheiten in seinem inspirierten Wort sagte? In dem zweiteiligen Artikel „Organisation“, der in den Wachtturm-Ausgaben vom 1. und 15. Juli 1938 erschien, hieß es: „Jehovas Organisation ist in keiner Weise demokratisch. Jehova ist der Höchste, und seine Herrschaft oder Organisation ist streng theokratisch.“ Aber in den Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas wurden damals die meisten derer, die die Zusammenkünfte und den Predigtdienst beaufsichtigten, immer noch auf demokratische Weise gewählt. Weitere Änderungen waren angebracht.
Ging aber nicht aus Apostelgeschichte 14:23 hervor, daß Älteste in den Versammlungen durch ‘Ausstrecken der Hand’ wie bei einer Wahl für ihr Amt bestimmt werden sollten? Im ersten der erwähnten Wachtturm-Artikel, betitelt „Organisation“, wurde zugegeben, daß man diesen Text in der Vergangenheit falsch verstanden hatte. Nicht durch das ‘Ausstrecken der Hand’ aller in der Versammlung wurden in der Christenversammlung des ersten Jahrhunderts Ernennungen vorgenommen, sondern die Apostel und die von ihnen Bevollmächtigten ‘streckten ihre Hände aus’. Das geschah nicht dadurch, daß sie an einer Abstimmung der Versammlung teilnahmen, sondern indem sie geeigneten Personen die Hände auflegten. Es war ein Symbol der Bestätigung, Anerkennung oder Ernennung.k Die frühen Christenversammlungen empfahlen mitunter geeignete Männer, aber die endgültige Ernennung oder Anerkennung erfolgte durch die Apostel, die von Christus unmittelbar dazu beauftragt worden waren, oder durch die von den Aposteln Bevollmächtigten (Apg. 6:1-6). Im Wachtturm wurde darauf hingewiesen, daß Paulus nur in Briefen an verantwortliche Aufseher (Timotheus und Titus) unter der Leitung des heiligen Geistes die Anweisung erteilte, Aufseher zu ernennen (1. Tim. 3:1-13; 5:22; Tit. 1:5). Derartige Anweisungen waren in keinem inspirierten Brief an die Versammlungen enthalten.
Wie sollten demnach von da an Ernennungen zum Dienst in den Versammlungen vorgenommen werden? In der Analyse der theokratischen Organisation im Wachtturm wurde, gestützt auf die Heilige Schrift, dargelegt, daß Jehova Jesus Christus als „Haupt ... der Versammlung“ eingesetzt habe; daß Christus, als er als Herr wiedergekommen sei, seinem „treuen und verständigen Sklaven“ Verantwortung für „seine ganze Habe“ übertragen habe; daß dieser treue und verständige Sklave aus allen bestehe, die auf der Erde mit heiligem Geist zu Miterben mit Christus gesalbt worden seien und vereint unter seiner Leitung dienten, und daß Christus diese Sklavenklasse als sein Werkzeug gebrauche, um für die nötige Aufsicht der Versammlungen zu sorgen (Kol. 1:18; Mat. 24:45-47; 28:18). Es sei die Aufgabe der Sklavenklasse, die in Gottes inspiriertem Wort deutlich niedergelegten Anweisungen gebetsvoll zu befolgen und so festzustellen, wer sich für Dienststellungen eigne.
Da es sich bei dem von Christus gebrauchten sichtbaren Werkzeug um den treuen und verständigen Sklaven handle (und dieser „Sklave“, wie die bereits behandelten Tatsachen aus der neuzeitlichen Geschichte zeigten, die Watch Tower Society als Rechtsinstrument gebrauchte), würde es die theokratische Verfahrensweise erfordern, daß Ernennungen zum Dienst durch dieses Werkzeug erfolgten. Die Versammlungen im ersten Jahrhundert erkannten die leitende Körperschaft in Jerusalem an, und auch heute würden die Versammlungen ohne zentrale Aufsicht nicht geistig gedeihen (Apg. 15:2-30; 16:4, 5).
Damit man die Dinge im richtigen Verhältnis zueinander sah, wurde darauf hingewiesen, daß jedesmal, wenn im Wachtturm von der „Gesellschaft“ die Rede war, kein reines Rechtsinstrument gemeint war, sondern die Gruppe gesalbter Christen, die diese rechtliche Körperschaft gegründet hatte und sich ihrer bediente. Der Ausdruck stand somit für den treuen und verständigen Sklaven mit seiner leitenden Körperschaft.
Als die Versammlungen in London, New York, Chicago und Los Angeles so sehr gewachsen waren, daß es ratsam war, sie in kleinere Gruppen zu teilen, baten diese Versammlungen die Gesellschaft bereits, bevor 1938 die Wachtturm-Artikel, betitelt „Organisation“, erschienen, alle ihre Diener zu ernennen. In der Wachtturm-Ausgabe vom 15. Juli 1938 wurden alle anderen Versammlungen eingeladen, ebenso vorzugehen. Zu diesem Zweck wurde vorgeschlagen, folgende Resolution zu fassen:
„Wir, die Gruppe des Volkes Gottes, das für seinen Namen herausgenommen ist und sich nun in ... befindet, anerkennen, daß Gottes Regierung eine reine Gottesherrschaft ist, daß Christus Jesus sich im Tempel befindet und den vollen Befehl und die volle Gewalt über die sichtbare Organisation Jehovas wie auch über die unsichtbare innehat und daß ‚DIE GESELLSCHAFT‘ der sichtbare Vertreter des Herrn auf Erden ist. Daher stellen wir das Gesuch, daß ‚Die Gesellschaft‘ unsere Gruppe für den Dienst organisiere und deren verschiedene Diener bestelle, damit wir alle in Frieden, Gerechtigkeit, Eintracht und vollständiger Einheit zusammenwirken können. Wir legen hier die Namenliste derjenigen Personen unserer Gruppe bei, die uns als gereifter und darum am geeignetsten scheinen, die betreffenden Dienstposten auszufüllen.“l
Praktisch alle Versammlungen der Zeugen Jehovas nahmen diese Resolution an. Die wenigen, die es nicht taten, hatten bald keinen Anteil mehr am Verkündigen des Königreiches und waren somit keine Zeugen Jehovas mehr.
Der Nutzen der theokratischen Leitung
Es liegt auf der Hand, daß die Organisation bald ihre Identität und Einheit eingebüßt hätte, wenn man über Lehren und Verhaltensmaßstäbe sowie über organisatorische Verfahrensweisen und Methoden des Zeugnisgebens jeweils örtlich hätte entscheiden dürfen. Aufgrund sozialer, kultureller und nationaler Unterschiede hätte es unter den Brüdern durchaus zu Spaltungen kommen können. Die theokratische Leitung dagegen gewährleistete, daß allen Versammlungen weltweit der Nutzen des geistigen Fortschritts ungehindert zuteil wurde. So kam echte Einheit zustande, um die Jesus für seine wahren Nachfolger gebetet hatte, und das Werk des Evangelisierens, das er geboten hatte, konnte in vollem Umfang durchgeführt werden (Joh. 17:20-22).
Einige haben jedoch behauptet, J. F. Rutherford sei lediglich bemüht gewesen, durch diese organisatorische Veränderung größeren Einfluß auf die Zeugen auszuüben, und habe durch diesen Schritt seine Autorität geltend gemacht. War dem wirklich so? Bruder Rutherford war zweifellos ein Mann, der von seiner Sache fest überzeugt war. Er äußerte sich mit allem Nachdruck über das, was nach seiner Überzeugung die Wahrheit war, und machte dabei keine Zugeständnisse. Er konnte ziemlich barsch werden, wenn er in bestimmten Situationen feststellte, daß jemand mehr an sich selbst interessiert war als am Werk des Herrn. Aber vor Gott war er wirklich demütig. Karl Klein, der 1974 in die leitende Körperschaft berufen wurde, schrieb später: „Ich denke auch an Bruder Rutherfords Gebete, durch die er ... meine Zuneigung gewann. Er hatte zwar eine außerordentlich kraftvolle Stimme, doch wenn er sich im Gebet an Gott wandte, klangen seine Worte, als spräche ein kleiner Junge mit seinem Vater. Welch wunderbares Verhältnis zu Jehova dies offenbarte!“ Bruder Rutherford war von der Identität der sichtbaren Organisation Jehovas völlig überzeugt und wollte unbedingt sicherstellen, daß weder eine Einzelperson noch eine Gruppe die Brüder in den Versammlungen daran hindern konnte, aus der geistigen Speise und der Leitung, für die Jehova durch seine Diener sorgte, vollen Nutzen zu ziehen.
Bruder Rutherford diente zwar 25 Jahre als Präsident der Watch Tower Society und setzte all seine Kraft zur Förderung des Werkes der Organisation ein, aber er war nicht der Führer der Zeugen Jehovas und wollte es auch nicht sein. 1941, kurz vor seinem Tod, sprach er auf einem Kongreß in St. Louis (Missouri) über das Thema Führerschaft und sagte: „Ich möchte gern, daß alle Fremden hier erfahren, ob ihr einen Menschen für euren Führer haltet, so daß es ihnen unvergeßlich bleibt. Immer dann, wenn eine Bewegung aufkommt und wächst, ist von einem menschlichen Führer mit einer großen Gefolgschaft die Rede. Wenn es jemand unter den Anwesenden gibt, der denkt, ich — der Mann, der hier steht — sei der Führer der Zeugen Jehovas, dann sage er: ‚Ja.‘ “ Die Reaktion war eine eindrucksvolle Stille, die nur von einem nachdrücklichen „Nein“ einiger Zuhörer unterbrochen wurde. Der Redner fuhr fort: „Falls ihr hier der Ansicht seid, daß ich nur ein Diener des Herrn bin und wir Schulter an Schulter in Einheit zusammenarbeiten und Gott und Christus dienen, dann sagt bitte: ‚Ja.‘ “ Von den Zuhörern war ein einstimmiges und entschiedenes „Ja“ zu hören. Genauso reagierte im darauffolgenden Monat eine Zuhörerschaft in England.
In einigen Gegenden machten sich die Vorteile einer theokratischen Organisation schnell bemerkbar; andernorts dauerte es länger. Diejenigen, die sich nicht als reife, demütige Diener erwiesen, wurden schließlich entfernt, und andere wurden ernannt.
Jedenfalls wurden immer mehr theokratische Verfahrensweisen eingeführt, und Jehovas Zeugen freuten sich, das zu erleben, was in Jesaja 60:17 vorhergesagt worden war. Jehova schildert dort in sinnbildlichen Worten den verbesserten Zustand, der unter seinen Dienern herrschen würde, indem er sagt: „Statt des Kupfers werde ich Gold herbeibringen, und statt des Eisens werde ich Silber herbeibringen und statt des Holzes Kupfer und statt der Steine Eisen; und ich will den Frieden zu deinen Aufsehern einsetzen und die Gerechtigkeit zu deinen Arbeitszuteilern.“ Hier wird nicht beschrieben, was Menschen bewerkstelligen, sondern was Gott herbeiführt und welcher Nutzen sich für seine Diener ergäbe, wenn sie sich all dem unterordnen würden. Frieden sollte unter ihnen herrschen, und Liebe zur Gerechtigkeit sollte die Triebkraft ihres Dienstes sein.
Maud Yuille, die Frau des Zweigaufsehers in Brasilien, schrieb in einem Brief an Bruder Rutherford: „Die Artikel ‚Organisation‘ in den Wachttürmen vom 1. und 15. Juni [1938] drängen mich, Dir, dessen treuen Dienst Jehova gebraucht, in ein paar Worten zu schreiben, wie dankbar ich Jehova für die wunderbare Vorkehrung bin, die er für seine sichtbare Organisation getroffen hat, wie in den beiden Wachttürmen gezeigt wird. ... Welch eine Erleichterung, zu sehen, daß Schluß ist mit dem unabhängigen Schalten und Walten einschließlich der ‚Frauenrechte‘ und anderen unbiblischen Methoden, durch die einige Seelen der örtlich vorherrschenden Meinung und dem Urteil einzelner unterworfen wurden statt ... [Jehova Gott und Jesus Christus], wodurch Schmach auf den Namen Jehovas gekommen ist. Es stimmt zwar, erst ‚in jüngster Vergangenheit hat die Gesellschaft alle in der Organisation als „Diener“ bezeichnet‘, doch ich habe beobachtet, daß Du Dich schon viele Jahre lang in Deiner Korrespondenz mit Deinen Brüdern als ‚Euer Bruder und Diener durch Seine Gnade‘ bezeichnet hast.“
In bezug auf diese organisatorische Änderung berichtete der britische Zweig: „Es war recht erstaunlich, wie gut sie sich auswirkte. Die poetische und prophetische Beschreibung in Jesaja, Kapitel sechzig ist voller Schönheit, doch nicht übertrieben. Jeder, der in der Wahrheit war, sprach davon. Sie war das Hauptgesprächsthema. Man empfand eine allgemeine Belebung — die Bereitschaft, zielstrebig weiterzukämpfen. Während in der Welt die Spannungen zunahmen, war die Freude über die theokratische Herrschaft überströmend.“
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Die Entwicklung der organisatorischen StrukturJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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[Kasten auf Seite 207]
Warum die Änderung?
Als C. T. Russell gefragt wurde, warum er seine Ansicht über die Wahl der Ältesten in den verschiedenen Gruppen des Volkes des Herrn geändert habe, antwortete er wie folgt:
„Zuallererst möchte ich versichern, daß ich niemals Unfehlbarkeit beansprucht habe. ... Wir leugnen nicht ab, daß wir in der Erkenntnis wachsen und den Willen des Herrn in bezug auf die Ältesten oder Leiter in den kleinen Gruppen seines Volkes heute in etwas anderem Licht sehen. Unser Fehler war, zuviel von den lieben Brüdern zu erwarten, die, nachdem sie früh in die Wahrheit gekommen waren, ganz automatisch die Leiter dieser kleinen Gruppen wurden. Unsere zu optimistische Idealvorstellung von ihnen lief darauf hinaus, daß die Erkenntnis der Wahrheit sie äußerst demütig stimmen und ihnen helfen würde, ihre eigene Bedeutungslosigkeit zu erkennen und sich in allem, was sie wußten und anderen vermitteln konnten, als ein von Gott benutztes Sprachrohr zu verstehen. Wir hatten den Idealfall angenommen, daß sie im wahrsten Sinne des Wortes Vorbilder für die Herde wären und daß — falls durch des Herrn Vorsehung ein oder mehr Brüder in die kleine Gruppe kämen, die ebenso befähigt oder noch befähigter wären, die Wahrheit darzulegen — der Geist der Liebe sie anleiten würde, einander Ehre zu erweisen und auf diese Weise sich gegenseitig beizustehen und einander anzuspornen, sich am Dienst der Kirche, des Leibes Christi, zu beteiligen.
Mit diesem Gedanken im Sinn schlußfolgerten wir, daß es sich aufgrund des für heute vorgesehenen und von des Herrn geweihtem Volk geschätzten größeren Maßes an Gnade und Wahrheit erübrigt, der von den Aposteln aufgezeigten Methode der Urkirche zu folgen. Unser Fehler bestand darin, nicht zu erkennen, daß die von den Aposteln unter göttlicher Aufsicht umrissenen Vorkehrungen all dem weit überlegen waren, was andere formulieren konnten, und daß die ganze Kirche die von den Aposteln eingeführten Verordnungen so lange benötigt, bis wir alle durch die Umwandlung in der Auferstehung vollkommen gemacht worden sind und uns unmittelbar in Gemeinschaft mit dem Herrn befinden.
Unser Fehler wurde uns allmählich bewußt, als wir unter lieben Brüdern einen gewissen Konkurrenzgeist feststellten und sich bei vielen der Wunsch zeigte, an der Leitung der Zusammenkünfte als an einem Amt statt einem Dienst festzuhalten und andere Brüder mit den gleichen natürlichen Fähigkeiten und derselben Erkenntnis der Wahrheit und Geschicklichkeit, das Schwert des Geistes zu schwingen, davon auszuschließen und daran zu hindern, Führungseigenschaften zu entwickeln“ („Zions Wacht-Turm“, 15. März 1906, engl., S. 90).
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Die Entwicklung der organisatorischen StrukturJehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes
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[Kasten/Bild auf Seite 215]
V.-D.-M.-Fragen
Die Buchstaben V. D. M. stehen für die lateinischen Wörter „Verbi Dei Minister“ oder Diener des Wortes Gottes.
1916 stellte die Gesellschaft einen Fragebogen zu biblischen Themen zusammen. Alle, die die Gesellschaft als Vortragsredner vertreten sollten, wurden gebeten, jede Frage schriftlich zu beantworten. Dadurch war es der Gesellschaft möglich, herauszufinden, wie die Brüder dachten und empfanden und wie es um ihr Verständnis grundlegender biblischer Wahrheiten stand. Die schriftlichen Antworten wurden von einem Prüfungsausschuß im Büro der Gesellschaft sorgfältig durchgesehen. Wer als befähigter Redner anerkannt wurde, mußte mindestens 85 Prozent der Fragen richtig beantwortet haben.
Später baten viele Älteste, Diakone und andere Bibelforscher um einen Fragebogen. Schließlich stellte man fest, daß es nützlich wäre, wenn die Bibelklassen als ihre Vertreter nur Personen auswählten, die sich als befähigte V. D. M. erwiesen.
Wenn die Gesellschaft jemandem die Bezeichnung „Diener des Wortes Gottes“ verlieh, hieß das nicht, daß sie den Betreffenden ordinierte. Es besagte lediglich, daß sich der Prüfungsausschuß im Büro der Gesellschaft sowohl über sein Verständnis der biblischen Lehren als auch in vernünftigem Maße über seinen Ruf informiert hatte und zu dem Schluß gekommen war, daß der Betreffende würdig war, ein Diener des Wortes Gottes genannt zu werden.
Die V.-D.-M.-Fragen lauteten wie folgt:
1. Was war die erste schöpferische Tätigkeit Gottes?
2. Was bedeutet das Wort „Logos“ in Verbindung mit dem Sohne Gottes, und was bezeichnen die Worte Vater und Sohn?
3. Wann und wie kam die Sünde in die Welt?
4. Welches ist die göttliche Strafe der Sünde für die Sünder, und wer sind die Sünder?
5. Warum war es nötig, daß der „Logos“ Fleisch ward, und war er eine „Inkarnation“?
6. Welche Natur hatte der Mensch Christus Jesus von seiner Kindheit an bis zu seinem Tode?
7. Welche Natur hat Jesus seit seiner Auferstehung, und welches ist sein Amt bei Jehova?
8. Welches ist das Werk Jesu während des Evangelium-Zeitalters, während der Zeit von Pfingsten bis jetzt?
9. Was ist bis jetzt für die Welt von seiten Jehovas Gottes und was von seiten Jesu geschehen?
10. Welches ist der göttliche Vorsatz hinsichtlich der Kirche, wenn sie vollendet ist?
11. Welches ist der göttliche Vorsatz hinsichtlich der Welt?
12. Was wird mit den schließlich Unverbesserlichen geschehen?
13. Welches wird die Belohnung oder Segnung für die Welt für Gehorsam im Königreiche des Messias sein?
14. Durch welche Schritte kann ein Sünder zu Christo und zu dem himmlischen Vater gelangen?
15. Welchen Weg schreibt das Wort Gottes einem Christen vor, der die Zeugung aus dem Heiligen Geiste empfangen hat?
16. Hast Du Dich von der Sünde abgewandt, um dem lebendigen Gott zu dienen?
17. Hast Du Dein Leben, all Deine Kräfte und Talente dem Herrn und seinem Dienste geweiht?
18. Hast Du diese Weihung durch die Wassertaufe symbolisiert?
19. Hast Du das Gelübde der Heiligkeit des Lebens von der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher auf Dich genommen?
20. Hast Du die sechs Bände Schriftstudien vollständig und sorgfältig gelesen?
21. Hast Du dadurch viel Erleuchtung und Nutzen empfangen?
22. Glaubst Du, so viel und gründliche Kenntnis der Bibel zu haben, daß sie Dich während des Restes Deines Lebens mehr geeignet macht, ein Diener Gottes zu sein, als es vorher sein konnte?
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