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Erneute Versuche, Jesus zu tötenDer größte Mensch, der je lebte
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Er verläßt Jerusalem und begibt sich über den Jordan, dorthin, wo Johannes fast vier Jahre zuvor zu taufen begann. Dieser Ort liegt offenbar nicht weit vom Südufer des Galiläischen Meeres entfernt; die Reise dauert von Jerusalem aus etwa zwei Tage.
An diesem Ort kommen viele Leute zu Jesus, und sie sagen: „Johannes hat zwar kein einziges Zeichen getan, aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, ist wahr gewesen.“ Daher glauben hier viele an Jesus.
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Jesus ist wieder unterwegs nach JerusalemDer größte Mensch, der je lebte
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Jesus ist wieder unterwegs nach Jerusalem
JESUS ist bald wieder unterwegs und lehrt von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf. Offensichtlich hält er sich im Bezirk Peräa auf, der jenseits des Jordan liegt, gegenüber von Judäa. Das eigentliche Ziel Jesu ist jedoch Jerusalem.
Nach der jüdischen Anschauung verdient nur eine begrenzte Zahl von Menschen die Rettung; vielleicht deshalb stellt ein Mann die Frage: „Herr, sind derer wenige, die gerettet werden?“ Jesu Antwort zwingt die Menschen, darüber nachzudenken, was für die Rettung erforderlich ist: „Ringt danach [das heißt kämpft darum], durch die enge Tür einzugehen.“
Solch große Anstrengungen sind notwendig, weil viele, wie Jesus weiter zeigt, „hineinzukommen suchen“, „es aber nicht vermögen“. Warum ist es ihnen nicht möglich? Er erklärt, daß der Hausherr, ‘wenn er einmal aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und die Leute draußen stehen und klopfen und rufen: „Herr, öffne uns“, sagen wird: „Ich weiß nicht, woher ihr seid. Geht weg von mir, all ihr Täter der Ungerechtigkeit!“ ’
Diese ausgesperrten Leute kommen offensichtlich zu einer Zeit, die ihnen am besten paßt. Doch dann ist die Tür — das heißt die sich bietende Gelegenheit — verschlossen und verriegelt. Um hineinzugelangen, hätten sie eher kommen müssen, auch wenn das zu jener Zeit für sie unbequem gewesen wäre. Diejenigen, die es aufschieben, die Anbetung Jehovas in ihrem Leben an die erste Stelle zu setzen, erwartet tatsächlich ein trauriges Los.
Die Juden, zu denen Jesus gesandt wurde, um ihnen zu predigen, haben zum größten Teil die wunderbare Gelegenheit versäumt, Gottes Vorkehrung zur Rettung anzunehmen. Daher sagt Jesus, daß sie weinen und mit den Zähnen knirschen werden, wenn man sie hinausgeworfen hat. Dagegen werden Leute aus „östlichen und westlichen Gegenden und von Norden und Süden“, ja aus allen Nationen „zu Tisch liegen im Königreich Gottes“.
Jesus fährt fort: „Es gibt Letzte [verachtete Nichtjuden sowie unterdrückte Juden], die Erste sein werden, und es gibt Erste [die materiell und religiös begünstigten Juden], die Letzte sein werden.“ Daß solche trägen, undankbaren Menschen Letzte sind, bedeutet, daß sie auf keinen Fall in das Königreich Gottes eingehen werden.
Einige Pharisäer kommen jetzt zu Jesus und sagen: „Geh weg, und zieh fort von hier, denn Herodes [Antipas] will dich töten.“ Es könnte sein, daß Herodes das Gerücht selbst in die Welt gesetzt hat, um Jesus zur Flucht aus dem Gebiet zu veranlassen. Herodes möchte wohl nicht noch einmal etwas mit dem Tod eines Propheten Gottes zu tun haben, wie das bei der Ermordung von Johannes dem Täufer der Fall war. Doch Jesus erwidert den Pharisäern: „Geht und sagt diesem Fuchs: ‚Siehe! Ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tag werde ich fertig sein.‘ “
Nachdem Jesus sein Werk dort vollendet hat, setzt er seine Reise nach Jerusalem fort und erklärt den Grund dafür wie folgt: „Es geht nicht an, daß ein Prophet außerhalb Jerusalems umgebracht wird.“ Warum ist anzunehmen, daß Jesus in Jerusalem getötet wird? Weil Jerusalem die Hauptstadt ist, in der sich der 71 Mitglieder zählende Sanhedrin, der hohe Gerichtshof der Juden, befindet und in der die Tieropfer dargebracht werden. Daher wäre es unstatthaft, das „Lamm Gottes“ irgendwo anders als in Jerusalem zu töten.
„Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind“, klagt Jesus. „Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, so wie eine Henne ihre Brut, ihre Küken, unter ihre Flügel sammelt, ihr aber habt nicht gewollt! Siehe! Euer Haus wird euch verödet überlassen.“ Da die Nation den Sohn Gottes verwirft, ist sie zum Untergang verurteilt.
Auf dem Weg nach Jerusalem wird Jesus in das Haus eines Vorstehers der Pharisäer eingeladen. Es ist Sabbat, und die Menschen beobachten ihn aufmerksam, da ein Mann zugegen ist, der an Wassersucht leidet, einer Wasserstauung, die möglicherweise in seinen Armen und Beinen auftritt. Jesus wendet sich an die anwesenden Pharisäer und Gesetzeskundigen und fragt: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen, oder nicht?“
Niemand sagt ein Wort. Daher heilt Jesus den Mann und sendet ihn fort. Dann fragt er: „Wer von euch, dessen Sohn oder Stier in einen Brunnen fällt, wird ihn am Sabbattag nicht sogleich herausziehen?“ Wieder erhält er keine Antwort. Lukas 13:22 bis 14:6; Johannes 1:29.
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Zu Gast bei einem PharisäerDer größte Mensch, der je lebte
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Zu Gast bei einem Pharisäer
JESUS ist immer noch im Haus eines prominenten Pharisäers und hat gerade einen Mann geheilt, der an Wassersucht litt. Als er sieht, wie sich die anderen Gäste die besten Plätze bei dem Mahl aussuchen, erteilt er allen eine Lektion in bezug auf Demut.
„Wenn du von jemandem zu einem Hochzeitsfest eingeladen bist“, erklärt Jesus, „so lege dich nicht an dem hervorragendsten Platz nieder. Vielleicht mag ein Vornehmerer als du zur gleichen Zeit von ihm eingeladen worden sein, und der dich und ihn eingeladen hat, wird kommen und zu dir sagen: ‚Laß diesen den Platz haben.‘ Und dann wirst du beschämt davongehen, um den untersten Platz einzunehmen.“
Jesus rät daher: „Wenn du aber eingeladen bist, so geh und leg dich auf den untersten Platz, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sage: ‚Freund, rück höher hinauf.‘ Dann wirst du vor allen Mitgästen geehrt sein.“ Abschließend sagt Jesus: „Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
Als nächstes wendet sich Jesus an den Pharisäer, der ihn eingeladen hat, und beschreibt, wie man ein Gastmahl bereiten kann, das bei Gott wirklich von Wert ist. „Wenn du ein Mittag- oder ein Abendessen veranstaltest, so rufe weder deine Freunde noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn herbei. Vielleicht könnten sie auch dich wieder einmal einladen, und es würde dir Vergeltung zuteil. Sondern wenn du ein Gastmahl veranstaltest, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein, und du wirst glücklich sein, weil sie nichts haben, dir zu vergelten.“
Ein solches Mahl für Minderbemittelte macht denjenigen, der es bereitet, glücklich. Den Grund dafür erklärt Jesus seinem Gastgeber wie folgt: „Es wird dir in der Auferstehung der Gerechten vergolten werden.“ Jesu Beschreibung dieses Mahls ruft einem der Mitgäste eine andere Art von Mahl in den Sinn. „Glücklich ist, wer Brot ißt im Königreich Gottes“, sagt dieser Gast. Doch nicht alle schätzen diese freudige Aussicht richtig ein, wie Jesus in einem Gleichnis zeigt.
„Ein gewisser Mensch veranstaltete ein großes Abendessen, und er lud viele ein. Und ... er [sandte] seinen Sklaven aus, um zu den Geladenen zu sagen: ‚Kommt, denn alles ist nun bereit.‘ Sie aber fingen allesamt an, sich loszubitten. Der erste sagte zu ihm: ‚Ich habe ein Feld gekauft und muß hingehen und es ansehen; ich bitte dich, entschuldige mich.‘ Und ein anderer sprach: ‚Ich habe fünf Joch Rinder gekauft und gehe, sie zu prüfen; ich bitte dich, entschuldige mich.‘ Noch ein anderer sprach: ‚Ich habe eben eine Frau geheiratet, und darum kann ich nicht kommen.‘ “
Welch fadenscheinige Entschuldigungen! Ein Feld oder Vieh prüft man normalerweise, bevor man es kauft, und deshalb ist es nicht unbedingt notwendig, es sich hinterher anzuschauen. Auch sollte sich jemand durch eine Heirat nicht daran hindern lassen, eine so wichtige Einladung anzunehmen. Als der Herr daher die Entschuldigungen hört, wird er zornig und gebietet seinem Sklaven:
„ ‚Geh schnell hinaus auf die breiten Straßen und die Gassen der Stadt, und bring die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen herein.‘ Zu seiner Zeit sagte der Sklave: ‚Herr, was du befohlen hast, ist getan worden, und noch ist Raum da.‘ Und der Herr sprach zu dem Sklaven: ‚Geh hinaus auf die Wege und an die eingezäunten Orte und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus gefüllt werde. ... Keiner von jenen Männern, die eingeladen waren, wird von meinem Abendessen kosten.‘ “
Was veranschaulicht dieses Gleichnis? Nun, der „Herr“, der das Mahl bereitet, stellt Jehova Gott dar; der „Sklave“, der die Einladung austeilt, ist Jesus Christus; und das „große Abendessen“ ist die Gelegenheit, ein voraussichtlicher Teilhaber am Königreich der Himmel zu werden.
Zu den ersten, die die Einladung erhielten, ein voraussichtlicher Teilhaber am Königreich zu werden, gehörten vor allem die jüdischen religiösen Führer der Tage Jesu. Sie lehnten diese Einladung jedoch ab. Daher erging besonders von Pfingsten 33 u. Z. an eine zweite Einladung, und zwar an die Verachteten und Geringen in der jüdischen Nation. Doch es reagierten nicht genug, um alle 144 000 Plätze in Gottes himmlischem Königreich zu besetzen. Deshalb erging im Jahre 36 u. Z., dreieinhalb Jahre später, eine dritte und letzte Einladung, und zwar an unbeschnittene Nichtjuden. Die Einsammlung dieser Gruppe hat bis in unsere Tage angedauert. Lukas 14:1-24.
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Die Verantwortung als JüngerDer größte Mensch, der je lebte
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Die Verantwortung als Jünger
NACHDEM Jesus das Haus des prominenten Pharisäers, der offenbar dem Sanhedrin angehört, wieder verlassen hat, setzt er seinen Weg nach Jerusalem fort. Große Volksmengen folgen ihm. Doch welche Beweggründe haben sie? Was bedeutet es in Wirklichkeit, einer seiner wahren Nachfolger zu sein?
Unterwegs wendet sich Jesus an die Volksmengen mit folgender, für sie möglicherweise schockierenden Aussage: „Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern, ja selbst seine eigene Seele, so kann er nicht mein Jünger sein.“
Was meint Jesus damit? Jesus sagt hier nicht, daß seine Nachfolger ihre Verwandten buchstäblich hassen sollten. Sie müssen sie vielmehr in dem Sinne hassen, daß sie sie weniger lieben als ihn. Von Jakob, einem der Vorfahren Jesu, heißt es, er habe Lea „gehaßt“ und Rahel geliebt, was bedeutet, daß Lea weniger geliebt wurde als ihre Schwester Rahel.
Beachte außerdem, daß Jesus sagt, ein Jünger müsse „selbst seine eigene Seele“ oder sein Leben hassen. Auch damit will Jesus zeigen, daß ein wahrer Jünger ihn mehr lieben muß als sein eigenes Leben. Jesus weist somit nachdrücklich darauf hin, daß es eine schwere Verantwortung ist, einer seiner Jünger zu werden. Ein solcher Schritt muß sorgfältig bedacht werden.
Ein Jünger Jesu zu sein bringt Härten und Verfolgung mit sich, wie er in seinen weiteren Ausführungen zeigt: „Wer nicht seinen Marterpfahl trägt und mir nachkommt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Ein wahrer Jünger muß demnach bereit sein, eine genauso schmachvolle Behandlung über sich ergehen zu lassen wie Jesus, was sogar einschließt, nötigenfalls durch die Hand der Feinde Gottes zu sterben, wie es Jesus bevorsteht.
Diejenigen, die Jesus folgen, müssen sich daher sehr genau überlegen, ob sie seine Jünger sein wollen. Darauf weist Jesus durch eine Veranschaulichung nachdrücklich hin. Er sagt: „Zum Beispiel: Wer von euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuerst nieder und berechnet die Kosten, um zu sehen, ob er genug habe, ihn zu vollenden? Sonst könnte er den Grund dazu legen, aber nicht imstande sein, ihn zu Ende zu bringen, und alle Zuschauenden könnten anfangen, ihn zu verspotten und zu sagen: ‚Dieser Mensch fing an zu bauen, konnte es aber nicht zu Ende bringen.‘ “
Auf diese Weise zeigt Jesus den Volksmengen, die ihm folgen, daß sich jemand, bevor er sein Jünger wird, vergewissern muß, ob er alles, was damit verbunden ist, tun kann, so wie sich ein Mann, der einen Turm bauen möchte, vor Baubeginn versichert, daß seine Mittel reichen, um ihn zu vollenden. Jesus fährt mit einer weiteren Veranschaulichung fort:
„Oder welcher König, der auszieht, um mit einem anderen König im Krieg zusammenzutreffen, setzt sich nicht zuerst nieder und hält Rat, ob er imstande ist, sich mit zehntausend Mann mit dem zu messen, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? In der Tat, wenn er es nicht tun kann, dann schickt er, während jener noch weit weg ist, eine Gesandtschaft hin und wirbt um Frieden.“
Jesus hebt dann den entscheidenden Punkt seiner Veranschaulichungen hervor und sagt: „Somit könnt ihr sicher sein, daß keiner von euch, der nicht seiner ganzen Habe Lebewohl sagt, mein Jünger sein kann.“ Dazu müssen diejenigen, die ihm folgen, ja alle, die von ihm lernen, bereit sein. Sie müssen gewillt sein, alles zu opfern, was sie haben — all ihren Besitz einschließlich des eigenen Lebens —, wenn sie seine Jünger sein möchten. Bist du dazu entschlossen?
„Das Salz ist sicherlich vortrefflich“, fährt Jesus fort. In seiner Bergpredigt hatte er gesagt, daß seine Jünger „das Salz der Erde“ sind, das heißt, daß sie einen lebenserhaltenden Einfluß auf andere haben gleich Salz, das konserviert. „Wenn aber selbst das Salz seine Kraft verliert, womit wird es gewürzt werden? Es ist weder für den Boden noch als Dünger tauglich“, sagt Jesus zum Schluß. „Man wirft es hinaus. Wer Ohren hat zu hören, höre zu.“
So zeigt Jesus, daß auch diejenigen, die bereits seit einiger Zeit seine Jünger sind, in ihrer Entschlossenheit, es zu bleiben, nicht nachlassen dürfen. Sonst wären sie nicht mehr zu gebrauchen — ein Gegenstand des Spotts für die Welt und untauglich vor Gott, tatsächlich eine Schmach für Gott. Gleich kraftlosem, verunreinigtem Salz würden sie hinausgeworfen, ja vernichtet werden. Lukas 14:25-35; 1. Mose 29:30-33; Matthäus 5:13.
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Auf der Suche nach den VerlorenenDer größte Mensch, der je lebte
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Auf der Suche nach den Verlorenen
JESUS ist eifrig bemüht, diejenigen zu finden, die Gott demütig dienen möchten. Er versucht, sie ausfindig zu machen, indem er mit jedem über das Königreich spricht, selbst mit eingefleischten Sündern. Solche Personen kommen nun näher, um ihm zuzuhören.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die das sehen, kritisieren Jesus, weil er mit Menschen verkehrt, die in ihren Augen dieser Aufmerksamkeit nicht würdig sind. Sie murren: „Dieser Mann heißt Sünder willkommen und ißt mit ihnen.“ So etwas wäre für sie unter aller Würde. Die Pharisäer und Schriftgelehrten betrachten das gewöhnliche Volk wie Schmutz unter ihren Füßen. Sie gebrauchen sogar den hebräischen Ausdruck ‛am-ha’árez, „Menschen des Landes [oder der Erde]“, um zu zeigen, wie sehr sie diese Leute verachten.
Jesus behandelt dagegen jeden mit Würde, Freundlichkeit und Mitgefühl. Daher sind viele dieser Niedrigen, ja selbst Personen, die für ihr schlechtes Tun bekannt sind, begierig, ihm zuzuhören. Doch wie verhält es sich mit der Kritik der Pharisäer an Jesus, weil er sich mit solchen abgibt, die sie nicht für würdig halten?
Jesus begegnet ihrem Einwand mit einer Veranschaulichung. Er geht dabei vom Standpunkt der Pharisäer aus und spricht von ihnen, als seien sie gerecht und befänden sich auf alle Fälle in der Hürde Gottes, während die verachtenswerten ‛am-ha’árez vom rechten Weg abgekommen seien und sich in einem aussichtslosen Zustand befänden. Hören wir uns einmal an, welche Frage Jesus aufwirft:
„Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat, wird nicht, wenn er eines von ihnen verliert, die neunundneunzig in der Wildnis hinter sich lassen und dem einen verlorenen nachgehen, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, legt er es auf seine Schultern und freut sich. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und seine Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ‚Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.‘ “
Jesus erklärt auch gleich die Bedeutung seiner Geschichte: „Ich sage euch, daß so im Himmel mehr Freude über einen einzigen Sünder sein wird, der bereut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Reue nicht bedürfen.“
Die Pharisäer halten sich selbst für gerecht und sehen somit keine Notwendigkeit zu bereuen. Als zwei Jahre zuvor einige von ihnen Jesus kritisierten, weil er mit Steuereinnehmern und Sündern aß, hatte er zu ihnen gesagt: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ Die selbstgerechten Pharisäer, die nicht erkennen, daß sie bereuen müßten, lösen im Himmel keine Freude aus. Das ist jedoch bei Sündern der Fall, die wirklich bereuen.
Um noch einmal hervorzuheben, daß die Umkehr von verlorenen Sündern ein Grund zu großer Freude ist, bedient sich Jesus einer weiteren Veranschaulichung. Er sagt: „Welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht eine Lampe an, wenn sie eine Drachme verliert, und fegt ihr Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ‚Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.‘ “
Jesus erklärt dies ähnlich und fährt fort: „So, sage ich euch, gibt es bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der bereut.“
Wie bemerkenswert diese liebevolle Anteilnahme der Engel Gottes an der Umkehr von verlorenen Sündern doch ist! Das ist besonders deshalb der Fall, weil die einst niedergedrückten, verachteten ‛am-ha’árez voraussichtliche Teilhaber an Gottes himmlischem Königreich werden können. Dadurch erhalten sie eine Stellung im Himmel, die höher ist als selbst die der Engel. Aber statt eifersüchtig oder beleidigt zu sein, erkennen die Engel demütig an, daß diese sündigen Menschen bestimmte Situationen erlebt und gemeistert haben, wodurch sie in der Lage sind, als mitfühlende und barmherzige himmlische Könige und Priester zu dienen. Lukas 15:1-10; Matthäus 9:13; 1. Korinther 6:2, 3; Offenbarung 20:6.
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Die Geschichte vom verlorenen SohnDer größte Mensch, der je lebte
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Die Geschichte vom verlorenen Sohn
JESUS hat gerade den Pharisäern zwei Gleichnisse erzählt, die vom Wiederfinden eines verlorenen Schafes und einer Drachme handelten. Nun fährt er mit einem weiteren Gleichnis fort. Es geht darum, wie ein liebevoller Vater zwei Söhne behandelt, die beide schwere Fehler begehen.
Da ist zuerst der jüngere Sohn, die Hauptperson in dem Gleichnis. Er kassiert sein Erbe ein, das ihm sein Vater ohne Zögern gegeben hat. Dann verläßt er sein Zuhause und fängt an, ein sehr unsittliches Leben zu führen. Doch hören wir Jesus zu, während er die Geschichte erzählt, und versuchen wir herauszufinden, wen die Betreffenden darstellen.
„Ein gewisser Mensch“, beginnt Jesus, „hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: ‚Vater, gib mir den Anteil des Eigentums, der mir zukommt.‘ Darauf teilte er [der Vater] seine Mittel zum Lebensunterhalt unter sie.“ Was tat der jüngere Sohn mit dem, was er erhielt?
„Später“, erklärt Jesus, „nicht viele Tage danach, packte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste fort in ein fernes Land und verschwendete dort sein Eigentum, indem er ein ausschweifendes Leben führte.“ Ja, er gab sein Geld aus, indem er mit Prostituierten zusammenlebte. Doch dann kamen schwere Zeiten, wie Jesus weiter erzählt:
„Als er alles verbraucht hatte, entstand eine schwere Hungersnot in jenem ganzen Land; und er fing an, Not zu leiden. Er ging sogar hin und schloß sich einem der Bürger jenes Landes an, und er sandte ihn auf seine Felder, damit er Schweine hüte. Und er begehrte jeweils, sich mit den Johannisbrotschoten zu sättigen, die die Schweine fraßen, und niemand gab ihm welche.“
Wie entwürdigend, zum Schweinehüten gezwungen zu sein, da diese Tiere nach dem Gesetz unrein waren! Was den Sohn jedoch am meisten peinigte, war der quälende Hunger, der ihn sogar veranlaßte, das Futter zu begehren, das die Schweine erhielten. Seine furchtbare Notlage brachte ihn wieder „zur Besinnung“, wie Jesus sagt.
Jesus setzt die Geschichte fort und erzählt: „Er [sagte zu sich]: ‚Wie viele Lohnarbeiter meines Vaters haben Brot in Fülle, während ich hier vor Hunger zugrunde gehe! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater ziehen und zu ihm sagen: „Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn genannt zu werden. Halte mich wie einen deiner Lohnarbeiter.“ ‘ Er machte sich also auf und ging zu seinem Vater.“
Hier können wir etwas Beachtenswertes erkennen: Wenn der Vater seinen Sohn ärgerlich angeschrien hätte, als dieser von zu Hause fortging, wäre er sich wahrscheinlich nicht so sicher gewesen, was er tun würde. Er hätte sich zur Rückkehr entschließen und irgendwo in seinem Heimatland Arbeit suchen können, ohne seinem Vater unter die Augen zu treten. Solch ein Gedanke kam ihm jedoch nicht in den Sinn. Er wollte wieder nach Hause!
Der Vater in dem Gleichnis Jesu stellt eindeutig unseren liebevollen, barmherzigen himmlischen Vater, Jehova Gott, dar. Und wahrscheinlich erkennen wir auch, daß der verlorene Sohn für Menschen steht, die als Sünder bekannt sind. Die Pharisäer, zu denen Jesus spricht, haben Jesus bei einer früheren Gelegenheit kritisiert, weil er mit solchen Sündern gegessen hat. Doch wer wird durch den älteren Sohn dargestellt?
Der verlorene Sohn wiedergefunden
Wie wird der verlorene Sohn aus dem Gleichnis Jesu aufgenommen, als er in das Haus seines Vaters zurückkehrt? Hören wir, wie Jesus es beschreibt:
„Als er noch weit weg war, erblickte ihn sein Vater und wurde von Mitleid bewegt, und er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn zärtlich.“ Welch ein barmherziger, liebevoller Vater, der in vortrefflicher Weise Jehova, unseren himmlischen Vater, darstellt!
Wahrscheinlich hat der Vater von dem ausschweifenden Leben seines Sohnes gehört. Doch er heißt ihn zu Hause willkommen, ohne eine ausführliche Erklärung abzuwarten. Auch Jesus hat eine solch herzliche Art, denn er geht auf Sünder und Steuereinnehmer zu, Personen, die in dem Gleichnis durch den verlorenen Sohn dargestellt werden.
Bestimmt kann sich der verständnisvolle Vater in Jesu Geschichte ein gewisses Bild von der Reue seines Sohnes machen, da er den traurigen, niedergeschlagenen Gesichtsausdruck des Heimkehrers beobachtet. Die liebevolle Initiative des Vaters erleichtert es dem Sohn allerdings auch, seine Sünden zu bekennen, wie Jesus erzählt: „Da sagte der Sohn zu ihm: ‚Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn genannt zu werden. Halte mich wie einen deiner Lohnarbeiter.‘ “
Kaum hat der Sohn diese Worte ausgesprochen, wird der Vater aktiv und befiehlt seinen Sklaven: „Schnell! Bringt ein langes Gewand heraus, das beste, und kleidet ihn damit, und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße. Und bringt den gemästeten jungen Stier her, schlachtet ihn, und laßt uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und kam wieder zum Leben; er war verloren und wurde gefunden.“ Dann fangen sie an, „fröhlich zu sein.“
Währenddessen war der ältere Sohn des Vaters „auf dem Feld“. Versuche jetzt, aus dem übrigen Teil der Geschichte herauszufinden, wen er darstellt. Jesus sagt von dem älteren Sohn: „Als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Konzertklänge und Tanz. Da rief er einen von den Knechten herbei und erkundigte sich, was diese Dinge bedeuteten. Er sprach zu ihm: ‚Dein Bruder ist gekommen, und weil dein Vater ihn gesund zurückerhalten hat, hat er den gemästeten jungen Stier geschlachtet.‘ Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Da kam sein Vater heraus und begann ihm zuzureden. Als Antwort sagte er zu seinem Vater: ‚Sieh, ich habe so viele Jahre wie ein Sklave für dich gearbeitet, und kein einziges Mal habe ich dein Gebot übertreten, und doch hast du mir kein einziges Mal ein Böckchen gegeben, damit ich mit meinen Freunden hätte fröhlich sein können. Sobald aber dieser dein Sohn, der deine Mittel zum Lebensunterhalt mit Huren verpraßt hat, angekommen ist, hast du den gemästeten jungen Stier für ihn geschlachtet.‘ “
Wer hat wie der ältere Sohn Barmherzigkeit und Aufmerksamkeit gegenüber Sündern kritisiert? Waren es nicht die Schriftgelehrten und die Pharisäer? Da Jesus das Gleichnis als Reaktion auf ihre Kritik, daß er Sünder willkommen hieß, erzählte, ist es ganz eindeutig diese Personengruppe, die durch den älteren Sohn dargestellt wird.
Jesus beendet die Geschichte mit folgenden Worten, die der Vater an seinen älteren Sohn richtet: „Kind, du bist immer bei mir gewesen, und alles, was mein ist, ist dein; aber wir mußten einfach fröhlich sein und uns freuen, denn dieser dein Bruder war tot und kam zum Leben, und er war verloren und wurde gefunden.“
Jesus gibt keinen weiteren Aufschluß darüber, was der ältere Sohn schließlich tut. Tatsächlich begann später, nach Jesu Tod und Auferstehung, „eine große Menge Priester ... dem Glauben gehorsam zu sein“, möglicherweise auch einige, die zu der Klasse des „älteren Sohnes“ gehörten, von der Jesus hier spricht.
Doch wer wird durch die beiden Söhne in der Neuzeit dargestellt? Es müssen Personen sein, die genug über Jehovas Vorsätze erfahren haben, um auf dieser Grundlage ein Verhältnis zu ihm zu entwickeln. Der ältere Sohn stellt bestimmte Glieder der „kleinen Herde“ oder der „Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln eingetragen worden sind“, dar. Diese entwickelten eine ähnliche Einstellung wie der ältere Sohn. Sie wollten keine irdische Klasse — die „anderen Schafe“ — willkommen heißen, da diese sie ihrer Meinung nach in den Schatten stellen würde.
Der verlorene Sohn stellt dagegen diejenigen aus Gottes Volk dar, die es verlassen, um die Vergnügungen der Welt zu genießen, die aber im Laufe der Zeit reumütig zurückkehren und wieder aktive Diener Gottes werden. Wie liebevoll und barmherzig der Vater doch denen gegenüber ist, die erkennen, daß sie der Vergebung bedürfen, und zu ihm zurückkehren! Lukas 15:11-32; 3. Mose 11:7, 8; Apostelgeschichte 6:7; Lukas 12:32; Hebräer 12:23; Johannes 10:16.
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Mit praktischer Weisheit für die Zukunft sorgenDer größte Mensch, der je lebte
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Mit praktischer Weisheit für die Zukunft sorgen
JESUS hat einer Volksmenge, zu der auch seine Jünger, unehrliche Steuereinnehmer und andere Sünder sowie Schriftgelehrte und Pharisäer gehören, gerade die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt. Nun wendet er sich an seine Jünger und erzählt ein Gleichnis, in dem es um einen reichen Mann geht, der einen ungünstigen Bericht über seinen Hausverwalter erhält.
Wie Jesus sagt, ruft der reiche Mann seinen Verwalter zu sich, um ihm mitzuteilen, daß er ihn zu entlassen gedenke. „Was soll ich tun, da mir mein Herr die Verwaltung wegnehmen wird?“ fragt sich der Verwalter. „Zum Graben bin ich nicht stark genug, zu betteln schäme ich mich. Ah, ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute, wenn ich der Verwaltung enthoben bin, in ihre Häuser aufnehmen.“
Welchen Plan hat der Verwalter? Er läßt diejenigen kommen, die bei seinem Herrn Schulden haben. „Wieviel schuldest du meinem Herrn?“ fragt er den ersten.
Dieser antwortet: ‘2 200 Liter Olivenöl’.
‘Nimm deinen schriftlichen Vertrag zurück, und setz dich, und schreib schnell 1 100’, fordert er ihn auf.
Dann wendet er sich an den nächsten: ‘Du nun, wieviel schuldest du ihm?’
Der Betreffende erwidert: ‘22 000 Liter Weizen’.
‘Nimm deinen schriftlichen Vertrag zurück, und schreib 18 000.’
Der Verwalter hat das Recht, die Schuldscheine seines Herrn zu ändern, da er immer noch für dessen finanzielle Angelegenheiten verantwortlich ist. Indem er die Mengen verringert, macht er sich diejenigen zu Freunden, die ihm als Gegenleistung eine Gefälligkeit erweisen können, wenn er seine Arbeit verliert.
Als sein Herr von der Sache erfährt, ist er beeindruckt, ja er „lobte den Verwalter, weil er, obwohl ungerecht, mit praktischer Weisheit gehandelt hatte“. Jesus fügt sogar noch hinzu: „Die Söhne dieses Systems der Dinge sind ihrer eigenen Generation gegenüber in praktischer Hinsicht weiser als die Söhne des Lichts.“
Dann zeigt er, welche Lehre seine Jünger daraus ziehen sollen, und ermuntert sie: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Reichtum, damit, wenn dieser versagt, sie euch in die ewigen Wohnstätten aufnehmen.“
Jesus lobt den Verwalter nicht für seine Unredlichkeit, sondern für seine Weitsicht, für seine praktische Weisheit. Oft verwenden „die Söhne dieses Systems der Dinge“ ihr Geld oder ihre Stellung in kluger Weise dafür, sich Freunde zu machen, die ihnen ihrerseits einen Gefallen tun können. Gottes Diener, „die Söhne des Lichts“, sollten ihren materiellen Besitz, ihren „ungerechten Reichtum“, somit auch auf kluge Weise zu ihrem eigenen Nutzen verwenden.
Wie Jesus jedoch sagt, sollen sie sich durch diesen Reichtum diejenigen zu Freunden machen, die sie „in die ewigen Wohnstätten“ aufnehmen können. Für die Glieder der kleinen Herde befinden sich diese Stätten im Himmel, für die „anderen Schafe“ auf einer paradiesischen Erde. Da nur Jehova Gott und sein Sohn Menschen in diese Stätten aufnehmen können, sollten wir eifrig eine Freundschaft mit ihnen entwickeln, indem wir jeden „ungerechten Reichtum“, den wir besitzen mögen, zur Unterstützung der Königreichsinteressen einsetzen. Wenn dann der materielle Reichtum versagt oder verschwindet, was ganz bestimmt der Fall sein wird, bleibt uns die sichere Hoffnung auf eine ewige Zukunft.
Jesus sagt des weiteren, daß Personen, die selbst diese materiellen oder geringen Dinge treu verwalten, sich auch als treu erweisen werden, wenn es um Dinge von größerer Bedeutung geht. Er fährt fort: „Wenn ihr euch also in Verbindung mit dem ungerechten Reichtum nicht als treu erwiesen habt, wer wird euch das Wahre [d. h. die geistigen Interessen oder Königreichsinteressen] anvertrauen? Und wenn ihr euch in Verbindung mit dem, was einem anderen gehört [d. h. die Königreichsinteressen, die Gott seinen Dienern anvertraut], nicht als treu erwiesen habt, wer wird euch das Eure [Lohn in Form von Leben in den ewigen Wohnstätten] geben?“
Wir können auf keinen Fall wahre Diener Gottes und gleichzeitig Sklaven des ungerechten Reichtums, des materiellen Besitzes, sein, wie Jesus zum Schluß zeigt: „Kein Hausknecht kann ein Sklave zweier Herren sein; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Sklaven Gottes und des Reichtums sein.“ Lukas 15:1, 2; 16:1-13; Johannes 10:16.
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Der reiche Mann und LazarusDer größte Mensch, der je lebte
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Der reiche Mann und Lazarus
JESUS spricht mit seinen Jüngern über den richtigen Gebrauch von materiellem Besitz und erklärt, daß wir nicht gleichzeitig Sklaven des Reichtums und Sklaven Gottes sein können. Die geldliebenden Pharisäer, die ebenfalls zuhören, beginnen Jesus deshalb zu verhöhnen. Daher sagt er zu ihnen: „Ihr seid es, die sich vor Menschen selbst gerechtsprechen, aber Gott kennt euer Herz; denn was bei den Menschen hoch ist, ist etwas Abscheuliches in Gottes Augen.“
Es ist an der Zeit, daß sich die Situation für jene Leute ändert, die reich sind an weltlichen Gütern, an politischer Gewalt sowie an Macht und Einfluß auf religiösem Gebiet. Sie sollen erniedrigt werden. Diejenigen jedoch, die ihre geistigen Bedürfnisse erkennen, sollen erhöht werden. Jesus weist auf einen solchen Wechsel hin, als er zu den Pharisäern weiter sagt:
„Das GESETZ und die PROPHETEN waren bis zu Johannes [dem Täufer]. Von da an wird das Königreich Gottes als gute Botschaft verkündigt, und Menschen von jeder Art drängen vorwärts, ihm entgegen. Es ist tatsächlich leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein Teilchen eines Buchstabens des GESETZES unerfüllt bleibe.“
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer sind stolz auf ihre an sich scheinheilige Befolgung des mosaischen Gesetzes. Wie wir uns erinnern, prahlten sie bei einer Gelegenheit, als Jesus in Jerusalem einen gewissen Mann durch ein Wunder sehend machte: „Wir ... sind Moses’ Jünger. Wir wissen, daß Gott zu Moses geredet hat.“ Doch nun hat das Gesetz Mose seinen eigentlichen Zweck so gut wie erfüllt, nämlich demütige Menschen zu Gottes auserwähltem König, Jesus Christus, zu führen. Deshalb bemühen sich — seit Johannes mit seinem Dienst begann — alle Arten von Menschen, vor allem die demütigen und die armen, Untertanen des Königreiches Gottes zu werden.
Da das mosaische Gesetz nun im Begriff ist, sich zu erfüllen, soll die Verpflichtung, es zu halten, aufgehoben werden. Das Gesetz gestattet beispielsweise die Scheidung aus den verschiedensten Gründen, aber Jesus sagt jetzt: „Jeder, der sich von seiner Frau scheiden läßt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch, und wer eine von ihrem Mann Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch.“ Wie solche Äußerungen die Pharisäer doch verärgern müssen, denn sie lassen für eine Scheidung zahlreiche Gründe gelten.
An die Pharisäer gewandt, erzählt Jesus nun ein Gleichnis, in dem es um zwei Männer geht, deren Stellung oder Lage eine völlige Veränderung erfährt. Weißt du, wer durch diese Männer dargestellt wird und was ihre veränderte Lage bedeutet?
„Ein gewisser Mensch aber war reich“, sagt Jesus, „und er pflegte sich Purpur und Leinwand umzulegen und lebte Tag für Tag fröhlich und in Prunk. Ein gewisser Bettler aber namens Lazarus, der voller Geschwüre war, wurde jeweils an sein Tor gelegt und begehrte, sich mit dem zu sättigen, was vom Tisch des Reichen fiel. Ja auch die Hunde kamen und beleckten seine Geschwüre.“
Jesus benutzt hier den reichen Mann, um die geistlichen Führer der Juden darzustellen, zu denen nicht nur die Pharisäer und die Schriftgelehrten gehören, sondern auch die Sadduzäer und die Oberpriester. Sie sind reich an geistigen Privilegien und Möglichkeiten, und ihr Lebenswandel entspricht dem des reichen Mannes. Ihre Kleidung aus königlichem Purpur stellt ihre begünstigte Stellung dar und die weiße Leinwand ihre Selbstgerechtigkeit.
Diese stolze Klasse, dargestellt durch den reichen Mann, betrachtet die Armen, das gemeine Volk, mit äußerster Verachtung und nennt sie ‛am-ha’árez oder Menschen der Erde. Der Bettler Lazarus stellt somit jene Menschen dar, denen die geistlichen Führer eine angemessene geistige Ernährung und irgendwelche Vorrechte verwehren, ja sie blicken auf das gemeine Volk — wie auf den mit Geschwüren bedeckten Lazarus — als gleichsam geistig Kranke herab, deren einzig passende Gesellschaft Hunde sind. Doch diejenigen, die zur Lazarus-Klasse gehören, hungern und dürsten nach geistiger Speise und suchen daher am Tor das zu erhalten, was an Brosamen geistiger Speise vom Tisch des Reichen fällt.
Jesus beschreibt nun, daß sich sowohl in bezug auf den Zustand des reichen Mannes als auch den des Lazarus etwas ändert. Was sind das für Veränderungen, und was wird dadurch dargestellt?
Der reiche Mann und Lazarus erfahren eine Veränderung
Der Reiche stellt die geistlichen Führer dar, die aufgrund ihrer Vorrechte und Möglichkeiten begünstigt sind, und Lazarus das gemeine Volk, das nach geistiger Speise hungert. Jesus fährt mit seiner Erzählung fort und beschreibt eine dramatische Veränderung der Verhältnisse der beiden Männer.
„Nun starb im Laufe der Zeit der Bettler“, sagt Jesus, „und er wurde von den Engeln an den Busenplatz Abrahams getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Und im Hades erhob er seine Augen, da er in Qualen war, und er sah Abraham von fern und Lazarus am Busenplatz bei ihm.“
Da der reiche Mann und Lazarus keine buchstäblichen Personen sind, sondern für Klassen von Menschen stehen, ist ihr Tod ebenfalls symbolisch. Was wird dadurch dargestellt?
Jesus hatte unmittelbar vorher auf eine Veränderung der Verhältnisse hingewiesen, indem er sagte, daß ‘das GESETZ und die PROPHETEN bis zu Johannes dem Täufer waren, daß aber von da an das Königreich Gottes verkündigt wird’. Somit hat es mit der von Johannes und Jesus Christus durchgeführten Predigttätigkeit zu tun, daß sowohl der reiche Mann als auch Lazarus in bezug auf ihre früheren Umstände oder Verhältnisse sterben.
Diejenigen, die zur demütigen und reumütigen Lazarus-Klasse gehören, sterben in bezug auf ihren früheren geistig benachteiligten Zustand und gelangen in eine Stellung göttlicher Gunst. Während sie vorher zu den geistlichen Führern aufblicken mußten, um zu erhaschen, was von dem geistigen Tisch herabfiel, werden ihre Bedürfnisse nun durch die biblischen Wahrheiten, die Jesus ihnen vermittelt, befriedigt. Sie gelangen dadurch an den Busenplatz des größeren Abraham, d. h. in eine begünstigte Stellung bei Jehova Gott.
Diejenigen dagegen, die die Klasse des reichen Mannes bilden, ziehen sich Gottes Mißfallen zu, weil sie sich beharrlich weigern, die von Jesus gelehrte Königreichsbotschaft anzunehmen. Sie sterben deshalb in bezug auf ihre frühere Stellung scheinbarer Gunst. Von ihnen heißt es sogar, sie würden sinnbildliche Qualen leiden. Hören wir nun, was der reiche Mann sagt:
„Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle, denn ich leide Pein in diesem lodernden Feuer.“ Die feurigen Gerichtsbotschaften Gottes, die Jesu Jünger verkündigen, quälen die Glieder der Klasse des reichen Mannes. Sie möchten, daß die Jünger die Verbreitung dieser Botschaften einstellen, um so ein gewisses Maß an Erleichterung von ihren Qualen zu erwirken.
„Abraham aber sagte: ‚Kind, bedenke, daß du dein Gutes zu deinen Lebzeiten schon völlig empfangen hast, Lazarus aber entsprechend das Schlechte. Nun aber wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und außer all diesem ist zwischen uns und euch eine große Kluft festgelegt, so daß die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können, noch können Leute von dort zu uns herüberkommen.‘ “
Wie gerecht und wie angebracht, daß eine solch völlige Umkehrung der Verhältnisse der Lazarus-Klasse und der Klasse des reichen Mannes erfolgt! Diese Veränderung wird einige Monate später, zu Pfingsten 33 u. Z., vollzogen, als der alte Gesetzesbund durch den neuen Bund ersetzt wird. Zu diesem Zeitpunkt wird unmißverständlich klargemacht, daß die Jünger und nicht die Pharisäer oder die anderen geistlichen Führer von Gott begünstigt werden. Die „große Kluft“, die den sinnbildlichen reichen Mann von Jesu Jüngern trennt, stellt daher Gottes unveränderliches, gerechtes Gericht dar.
Der reiche Mann bittet „Vater Abraham“ als nächstes, Lazarus in das Haus seines Vaters zu senden, denn er habe fünf Brüder. Dadurch läßt der reiche Mann erkennen, daß er zu einem anderen Vater, bei dem es sich in Wirklichkeit um Satan, den Teufel, handelt, ein engeres Verhältnis hat. Er bittet darum, daß Lazarus Gottes Gerichtsbotschaften verwässern möge, damit seine „fünf Brüder“, seine religiösen Verbündeten, nicht „an diesen Ort der Qual kommen“.
„Abraham aber sprach: ‚Sie haben Moses und die Propheten; mögen sie auf diese hören.‘ “ Ja, wenn die „fünf Brüder“ der Qual entgehen möchten, brauchen sie nur die Schriften des Moses und der Propheten zu beachten, die Jesus als den Messias kennzeichnen, und dann seine Jünger zu werden. Der reiche Mann wendet jedoch ein: „Nicht doch, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen geht, werden sie bereuen.“
Ihm wird jedoch gesagt: „Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten hören, werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn einer von den Toten aufersteht.“ Gott wird keine besonderen Zeichen oder Wunder wirken, um solche Personen zu überzeugen. Sie müssen die Heilige Schrift lesen und anwenden, wenn sie in seine Gunst gelangen möchten. Lukas 16:14-31; Johannes 9:28, 29; Matthäus 19:3-9; Galater 3:24; Kolosser 2:14; Johannes 8:44.
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Aus Barmherzigkeit wieder nach JudäaDer größte Mensch, der je lebte
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Aus Barmherzigkeit wieder nach Judäa
EINIGE Wochen vorher, während des Festes der Einweihung, hatten die Juden in Jerusalem versucht, Jesus zu töten. Daher war er nordwärts gezogen, offensichtlich in ein Gebiet unweit des Galiläischen Meeres.
Jetzt ist er jedoch wieder auf dem Weg nach Süden, in Richtung Jerusalem. Unterwegs predigt er in den Dörfern von Peräa, einem Bezirk östlich des Jordan. Nachdem er sein Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus beendet hat, fährt er fort, seine Jünger Dinge zu lehren, über die er bereits früher in Galiläa gesprochen hat.
So sagt er beispielsweise, daß es für jemanden vorteilhafter wäre, „wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde“, als einen von Gottes „Kleinen“ zum Straucheln zu bringen. Er betont außerdem, daß es notwendig ist zu vergeben, indem er folgendes äußert: „Auch wenn er [ein Bruder] siebenmal am Tag gegen dich sündigt, und er kommt siebenmal zu dir zurück und sagt: ‚Ich bereue‘, sollst du ihm vergeben.“
Auf die Bitte der Jünger: „Gib uns mehr Glauben“ entgegnet Jesus: „Wenn ihr Glauben von der Größe eines Senfkorns hättet, würdet ihr zu diesem Schwarzen Maulbeerbaum sagen: ‚Werde entwurzelt und ins Meer verpflanzt!‘, und er würde euch gehorchen.“ Sogar ein geringer Glaube kann also große Dinge vollbringen.
Darauf zieht Jesus eine Situation aus dem Alltagsleben heran, um die richtige Einstellung eines Dieners des allmächtigen Gottes zu veranschaulichen. „Wer von euch, der einen Sklaven hat, der pflügt oder auf die Herde achtgibt, wird zu ihm sagen, wenn er vom Feld heimkommt: ‚Komm gleich her, und leg dich zu Tisch.‘? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: ‚Mache mir etwas zum Abendessen bereit, und bind dir eine Schürze um, und bedien mich, bis ich gegessen und getrunken habe, und danach kannst du essen und trinken.‘? Er wird sich dem Sklaven gegenüber doch nicht etwa zu Dank verpflichtet fühlen, weil er die ihm aufgetragenen Dinge getan hat? So auch ihr, wenn ihr alles, was euch aufgetragen worden ist, getan habt, sagt: ‚Wir sind unnütze Sklaven. Was wir getan haben, ist das, was wir zu tun schuldig gewesen sind.‘ “ Somit sollten Diener Gottes niemals denken, sie würden Gott dadurch, daß sie ihm dienen, einen Gefallen tun. Sie sollten es vielmehr stets als ein Vorrecht betrachten, ihn als vertrauenswürdige Glieder seines Hauses anzubeten.
Offensichtlich nur kurze Zeit nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hat, trifft ein Bote ein. Maria und Martha, die Schwestern des Lazarus, die in Bethanien in Judäa wohnen, haben ihn gesandt. „Herr, siehe, der, zu dem du Zuneigung hast, ist krank“, berichtet der Bote.
Jesus erwidert: „Der Zweck dieser Krankheit ist nicht der Tod, sondern die Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde.“ Jesus bleibt zunächst noch zwei Tage an dem Ort, wo er ist, und sagt dann zu seinen Jüngern: „Laßt uns wieder nach Judäa gehen.“ Sie erinnern ihn jedoch: „Rabbi, erst kürzlich suchten dich die Judäer zu steinigen, und du gehst wieder dorthin?“
„Gibt es nicht zwölf Stunden Tageslicht?“ entgegnet Jesus darauf. „Wenn jemand im Tageslicht wandert, stößt er nirgends an, weil er das Licht dieser Welt sieht. Wenn aber jemand in der Nacht wandert, stößt er irgendwo an, weil das Licht nicht in ihm ist.“
Damit will Jesus offensichtlich sagen, daß die ‘Stunden des Tageslichts’ — die Zeit, die Gott für Jesu irdischen Dienst bestimmt hat — noch nicht abgelaufen sind und daß ihm so lange niemand etwas anhaben kann. Er muß die kurze Zeit des „Tageslichts“, die ihm noch verbleibt, gut nutzen, da anschließend, wenn ihn seine Feinde getötet haben, die „Nacht“ kommt.
Jesus fügt noch hinzu: „Lazarus, unser Freund, ist zur Ruhe gegangen, doch begebe ich mich dorthin, um ihn aus dem Schlaf zu wecken.“
Die Jünger, die anscheinend glauben, daß Lazarus im Schlaf ruht, und dies als gutes Zeichen dafür deuten, daß er auf dem Weg der Besserung ist, entgegnen: „Herr, wenn er zur Ruhe gegangen ist, wird er gesund werden.“
Darauf sagt Jesus freiheraus zu ihnen: „Lazarus ist gestorben, und ich freue mich euretwegen, daß ich nicht dort war, damit ihr glaubt. Doch laßt uns zu ihm gehen.“
Thomas, der sich bewußt ist, daß Jesus in Judäa getötet werden könnte, ermuntert seine Mitjünger: „Laßt auch uns gehen, um mit ihm zu sterben.“ Die Jünger begleiten Jesus somit unter Lebensgefahr auf der Reise nach Judäa, die er aus Barmherzigkeit unternimmt. Lukas 13:22; 17:1-10; Johannes 10:22, 31, 40-42; 11:1-16.
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