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  • Die Wunder Jesu — Geschichte oder Mythos?
    Der Wachtturm 1995 | 1. März
    • Die Wunder Jesu — Geschichte oder Mythos?

      „In der vierten Nachtwache kam er, über das Meer schreitend, auf sie zu“ (Matthäus 14:25).

      MILLIONEN Menschen auf der ganzen Welt ist der Glaube, daß Jesus Christus Wunder wirkte, fast so wichtig wie der Glaube an Gott. Die Evangelisten — Matthäus, Markus, Lukas und Johannes — berichten von etwa 35 Wundern Jesu. Allerdings deuten ihre Berichte darauf hin, daß er viele weitere übernatürliche Werke vollbrachte (Matthäus 9:35; Lukas 9:11).

      Diese Wunder dienten nicht der Unterhaltung der Leute. Sie waren untrennbar mit dem Anspruch Jesu verbunden, der Sohn Gottes und der lang erwartete Messias zu sein (Johannes 14:11). Moses hatte übernatürliche Zeichen vollbracht, als er sich dem versklavten Volk Israel vorgestellt hatte (2. Mose 4:1-9). Folgerichtig konnte man von dem Messias — der den Prophezeiungen zufolge größer sein sollte als Moses — ebenfalls erwarten, irgendein Zeichen zum Beweis der Unterstützung Gottes zu vollbringen (5. Mose 18:15). Und tatsächlich nennt die Bibel Jesus einen Mann, den Gott den Juden ‘durch Machttaten und Wunder und Zeichen öffentlich zeigte’ (Apostelgeschichte 2:22).

      Früher erkannte man allgemein die biblische Darstellung Jesu als jemand, der Wunder wirkte, kritiklos an. In den letzten Jahrzehnten jedoch sind die Evangelienberichte von Kritikern heftig angegriffen worden. Lloyd Graham nimmt in seinem Buch Deceptions and Myths of the Bible (Täuschung und Mythen in der Bibel) auf den Bibelbericht Bezug, gemäß dem Jesus auf dem Wasser wandelte, und versteigt sich zu der Aussage: „Es gehört schon eine ganze Menge Ignoranz dazu, buchstäblich an so etwas zu glauben, doch buchstäblich Millionen tun genau das. Brauchen wir uns da noch zu wundern, wenn mit unserer Welt etwas nicht stimmt? Kann man bei einer derartigen Ignoranz irgend etwas Besseres erwarten?“

      Unmöglich?

      Indes ist solche Kritik nicht vernünftig. Laut Definition des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache ist ein Wunder ein „nicht sofort erklärbarer, staunenerregender Vorgang, der den Gesetzmäßigkeiten in der Natur und Gesellschaft zu widersprechen scheint“. So gesehen hätte ein Farbfernsehgerät, ein Mobiltelefon oder ein Laptop vor nur hundert Jahren als Wunder gegolten. Klingt es plausibel, wenn jemand etwas dogmatisch als unmöglich bezeichnet, nur weil es nach den gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht erklärbar ist?

      Man beachte auch, daß das in der griechischen Sprache — in der das „Neue Testament“ ursprünglich geschrieben wurde — für „Wunder“ verwendete Wort dýnamis im Grunde „Kraft, Macht“ bedeutet. Es wird auch mit „Machttaten“ oder „Fähigkeit“ wiedergegeben (Lukas 6:19; 1. Korinther 12:10; Matthäus 25:15). Gemäß der Bibel kam durch die Wunder Jesu „die erhabene Macht Gottes“ zum Ausdruck (Lukas 9:43). Wären einem allmächtigen Gott, einem Gott, der über eine „Fülle dynamischer Kraft“ verfügt, solche Taten unmöglich? (Jesaja 40:26).

      Beweise für die Echtheit

      Untersucht man die vier Evangelien genau, findet man weitere Beweise für ihre Glaubwürdigkeit. Diese Berichte unterscheiden sich zum Beispiel deutlich von Märchen und Legenden. Betrachten wir etwa die unwahren Geschichten über Jesus, die in den Jahrhunderten nach seinem Tod in Umlauf kamen. In dem apokryphen „Thomasevangelium“ wird über den fünfjährigen Knaben Jesus berichtet: „Hernach ging er abermals durch das Dorf; da stieß ein heranlaufender Knabe an seine Schulter. Jesus wurde erbittert und sprach zu ihm: ‚Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!‘ Sogleich fiel der Knabe hin und starb.“ Daß es sich hier um eine frei erfundene Geschichte handelt, durchschaut man mühelos. Abgesehen davon weist das beschriebene launische und bösartige Kind keinerlei Ähnlichkeit mit dem in der Bibel beschriebenen Jesus auf. (Vergleiche im Gegensatz dazu Lukas 2:51, 52.)

      Betrachten wir andererseits die echten Evangelienberichte. In ihnen wird weder übertrieben noch etwas hinzugedichtet. Wenn Jesus Wunder wirkte, geschah dies nicht aus einer Laune heraus, sondern weil jemand wirklich in Not war (Markus 10:46-52). Niemals setzte Jesus seine Fähigkeiten zu seinem eigenen Vorteil ein (Matthäus 4:2-4). Auch nutzte er sie nie dazu, bei anderen Eindruck zu schinden. Im Gegenteil, als der neugierige König Herodes ein Zeichen von Jesus getan sehen wollte, gab dieser ihm keine Antwort (Lukas 23:8, 9).

      Die Wunder Jesu standen auch in krassem Gegensatz zu dem, was professionelle Illusionisten, Magier oder Wunderheiler vollführen. Durch Jesu Machttaten wurde stets Gott verherrlicht (Johannes 9:3; 11:1-4). Er wirkte seine Wunder ohne jegliche an die Gefühle appellierenden Rituale, ohne magische Beschwörungsformeln oder Sensationshascherei, noch bediente er sich irgendwelcher Tricks oder wandte Hypnose an. Als Jesus einen blinden Bettler namens Bartimäus traf, der ihm zurief: „Rabbuni, laß mich wieder sehend werden“, sagte Jesus einfach zu ihm: „‚Geh, dein Glaube hat dich gesund gemacht.‘ Und sogleich konnte er wieder sehen“ (Markus 10:46-52).

      Die Evangelien lassen erkennen, daß Jesus seine Machttaten ohne Requisiten, eine ausgeklügelte Inszenierung oder Lichteffekte ausführte. Er wirkte sie öffentlich, ja häufig sogar vor zahlreichen Augenzeugen (Markus 5:24-29; Lukas 7:11-15). Im Gegensatz zu den Versuchen heutiger Wunderheiler blieben Jesu Bemühungen, jemand zu heilen, nie erfolglos, weil es einem Kranken angeblich an Glauben gefehlt hätte. Statt dessen heißt es in Matthäus 8:16: „Er heilte alle, denen es schlechtging.“

      In dem Buch “Many Infallible Proofs:” The Evidences of Christianity („Viele unfehlbare Beweise“: Das Zeugnis des Christentums) schreibt der Gelehrte Arthur Pierson über die Wunder Christi: „Betrachtet man ihre Anzahl, den augenblicklichen und vollständigen Charakter der von ihm bewirkten Heilungen und das Fehlen jeglichen Mißerfolgs, sogar bei dem Versuch, Tote aufzuerwecken, dann liegen Welten zwischen jenen Wundern und den angeblichen Wundern der heutigen oder irgendeiner anderen Zeit.“

      Bestätigung in außerbiblischen Quellen

      Arthur Pierson führt noch ein weiteres Argument zur Unterstützung der Evangelienberichte an, wenn er sagt: „Bemerkenswerter als jede andere Bestätigung für die Wunder der Heiligen Schrift ist das Schweigen der Feinde.“ Die jüdischen Führer waren nur allzusehr darauf erpicht, Jesus in Mißkredit zu bringen, doch seine Wunder waren so gut bekannt, daß seine Widersacher es nicht wagten, sie zu leugnen. Bestenfalls konnten sie seine Großtaten der Macht von Dämonen zuschreiben (Matthäus 12:22-24). Noch Jahrhunderte nach Jesu Tod trauten die Verfasser des jüdischen Talmuds Jesus Wunderkräfte zu. Gemäß dem Buch Jewish Expressions on Jesus (Äußerungen der Juden über Jesus) taten sie ihn als jemand ab, der „magische Praktiken anwandte“. Hätte man sich zu einer solchen Bemerkung durchgerungen, wenn man auch nur den Hauch einer Chance gesehen hätte, die Wunder Jesu als bloße Mythen abzutun?

      Beweise liefert auch der Kirchenhistoriker Eusebius, der im vierten Jahrhundert lebte. Er zitiert in seiner Kirchengeschichte einen gewissen Quadratus, der dem Kaiser einen Brief zur Verteidigung des Christentums sandte. Quadratus schrieb: „Ständig waren in ihrer Tatsächlichkeit gegenwärtig die Werke unseres Erlösers: nämlich die Geheilten und die von den Toten Auferstandenen. Nicht nur hatte man sie im Augenblicke ihrer Heilung und ihrer Auferstehung geschaut, sondern immer waren sie zu sehen, nicht nur solange der Erlöser hienieden weilte, sondern noch geraume Zeit, nachdem er von der Erde gegangen. Sogar in unserer Zeit leben noch einige von ihnen.“ William Barclay bemerkte hierzu: „Quadratus sagt, man könne noch zu seiner Zeit auf Personen verweisen, an denen Wunder gewirkt worden seien. Hätte das nicht gestimmt, wäre es der römischen Regierung ein leichtes gewesen, dies als Lüge zu entlarven.“

      An die Wunder Jesu zu glauben entspricht der Logik, dem gesunden Menschenverstand und ist mit den Beweisen uneingeschränkt vereinbar. Jesu Wunder sind jedoch nicht bloß tote Geschichte. In Hebräer 13:8 wird uns gesagt: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und immerdar.“ Ja, Christus ist heute im Himmel am Leben und imstande, seine Wunderkräfte in weit größerem Ausmaß einzusetzen, als er es als Mensch auf der Erde tun konnte. Außerdem dienen die Evangelienberichte über Jesu Wunder erstens dazu, Christen heute praktische Lehren zu erteilen, zweitens offenbaren sie faszinierende Gesichtspunkte der Persönlichkeit Jesu, und sie weisen drittens auf die unmittelbar bevorstehende Zeit hin, zu der noch weitaus aufsehenerregendere Ereignisse eintreten werden.

      Diese Punkte werden im nächsten Artikel an Hand von drei allseits bekannten Bibelberichten verdeutlicht.

  • Was wir aus den Wundern Jesu lernen können
    Der Wachtturm 1995 | 1. März
    • Was wir aus den Wundern Jesu lernen können

      „NUN fand am dritten Tag ein Hochzeitsfest in Kana in Galiläa statt ... Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zum Hochzeitsfest eingeladen. Als der Wein ausging, sagte Jesu Mutter zu ihm: ‚Sie haben keinen Wein.‘“ Diese Begebenheit bildete den Rahmen für das erste Wunder, das Jesus wirkte (Johannes 2:1-3).

      War das nicht ein zu unbedeutendes, zu geringfügiges Problem, als daß Jesus sich damit hätte beschäftigen müssen? Ein Bibelgelehrter erklärt: „Gastfreundschaft war im Orient eine heilige Pflicht ... Überfluß war für echte Gastfreundschaft unerläßlich, besonders bei einer Hochzeitsfeier. Wären die Vorräte bei einem Hochzeitsfest knapp geworden, hätte diese Schande der Familie und dem jungen Paar ewig angehangen.“

      Deshalb unternahm Jesus etwas. Er sah, daß „sechs steinerne Wasserkrüge gemäß den Reinigungsvorschriften der Juden aufgestellt“ waren. Bei den Juden war es üblich, vor den Mahlzeiten rituelle Waschungen vorzunehmen, und für die anwesenden Gäste war ziemlich viel Wasser erforderlich. Jesus sagte zu denen, die die Gäste bedienten: „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser.“ Er war zwar nicht der Festleiter, doch er gab mit Bestimmtheit klare Anweisungen. In dem Bericht heißt es: „Als nun der Festleiter das Wasser kostete, ... [war es] zu Wein geworden“ (Johannes 2:6-9; Markus 7:3).

      Es erscheint vielleicht merkwürdig, daß etwas so Gewöhnliches wie eine Hochzeitsfeier den Rahmen für Jesu erstes Wunder bildete, doch verrät diese Begebenheit eine ganze Menge über Jesus. Er war ein unverheirateter Mann, und bei späteren Gelegenheiten sprach er mit seinen Jüngern über die Vorteile des Ledigseins (Matthäus 19:12). Seine Anwesenheit bei einer Hochzeitsfeier ließ jedoch erkennen, daß er die Ehe keineswegs ablehnte. Er war ausgeglichen und trat für die Eheeinrichtung ein; er betrachtete sie als ehrbar vor Gott. (Vergleiche Hebräer 13:4.)

      Jesus war nicht der strenge Asket, als den ihn Kirchenmaler später darstellten. Er war offensichtlich gern unter Menschen, einem geselligen Beisammensein durchaus nicht abgeneigt. (Vergleiche Lukas 5:29.) Sein Verhalten setzte Maßstäbe für seine Nachfolger. Jesus demonstrierte persönlich, daß sie nicht unnötig feierlich oder gar verdrießlich sein sollten — als ob man, um gerecht zu sein, keine Freude haben dürfte. Im Gegenteil, Christen wurde später geboten: „Freut euch allezeit im Herrn“ (Philipper 4:4). Christen heute achten darauf, der Entspannung vernünftige Grenzen zu setzen. Sie finden Freude im Dienst für Gott, doch Jesu Beispiel nachahmend, nehmen sie sich gelegentlich auch Zeit, sich bei einem geselligen Beisammensein der Gemeinschaft zu erfreuen.

      Ist uns überdies aufgefallen, wie einfühlsam Jesus war? Nichts verpflichtete ihn dazu, ein Wunder zu wirken. Es gab keine diesbezügliche Prophezeiung, die hätte erfüllt werden müssen. Offenbar gingen Jesus einfach die Sorge seiner Mutter und die verzweifelte Lage des Hochzeitspaares zu Herzen. Ihre Gefühle waren ihm wichtig, und er wollte ihnen eine große Peinlichkeit ersparen. Stärkt das nicht unser Vertrauen, daß sich Christus für jeden einzelnen von uns wirklich interessiert, selbst wenn es um Probleme des täglichen Lebens geht? (Vergleiche Hebräer 4:14-16.)

      Jeder der sechs Krüge konnte „zwei oder drei Maß Flüssigkeit fassen“, so daß bei dem Wunder Jesu sehr viel Wein, möglicherweise 390 Liter, entstand (Johannes 2:6). Was war der Grund dafür? Jesus wollte niemand animieren, sich zu betrinken, denn Trunkenheit wird in Gottes Wort verurteilt (Epheser 5:18). Vielmehr ahmte er die Freigebigkeit Gottes nach. Wein war ein alltägliches Getränk; was übrigblieb, konnte bei anderen Gelegenheiten getrunken werden. (Vergleiche Matthäus 14:14-20; 15:32-37.)

      Die ersten Christen ahmten Jesu Freigebigkeit nach. (Vergleiche Apostelgeschichte 4:34, 35.) Auch Jehovas Diener heute werden aufgefordert, ‘sich im Geben zu üben’ (Lukas 6:38). Das erste Wunder Jesu hatte außerdem prophetische Bedeutung. Es weist auf eine Zeit in der Zukunft hin, die Zeit, da Gott freigebig ‘ein Festmahl von Gerichten, reich an Öl, ein Festmahl von Wein, der auf den Hefen stehengelassen wurde’, bereiten und Hunger ein für allemal beseitigen wird (Jesaja 25:6).

      Wie steht es indes mit den vielen Wundern Jesu, durch die Menschen von Krankheiten geheilt wurden? Was können wir daraus lernen?

      Am Sabbat Gutes tun

      „Steh auf, heb dein Tragbett auf, und geh umher.“ Das sagte Jesus zu einem Mann, der 38 Jahre lang krank gewesen war. Weiter heißt es im Evangeliumsbericht: „Darauf wurde der Mensch sogleich gesund, und er hob sein Tragbett auf und begann umherzugehen.“ Überraschenderweise waren nicht alle über diese Veränderung erfreut. Der Bericht sagt: „Deswegen gingen die Juden daran, Jesus zu verfolgen, weil er diese Dinge am Sabbat tat“ (Johannes 5:1-9, 16).

      Der Sabbat war als Tag der Ruhe und der Freude für alle gedacht (2. Mose 20:8-11). Zur Zeit Jesu jedoch war aus dieser Einrichtung ein Labyrinth bedrückender, von Menschen erdachter Regeln geworden. Der Gelehrte Alfred Edersheim schrieb, in den ausführlichen Talmudabschnitten über das Sabbatgesetz würden „Angelegenheiten ernsthaft als von unerläßlicher religiöser Wichtigkeit behandelt, von denen man sich kaum vorstellen kann, daß jemand mit einem gesunden Menschenverstand ernsthaft einen Gedanken daran verschwendet“ (The Life and Times of Jesus the Messiah). Die Rabbis schrieben trivialen, willkürlichen Regeln lebenswichtige Bedeutung zu, die praktisch jeden Aspekt des Lebens eines Juden reglementierten — häufig jedes menschliche Gefühl schnöde mißachtend. In einer Sabbatregel wurde festgelegt: „Wenn Trümmer über jemand zusammengestürzt sind, und es ist zweifelhaft, ob er noch dort ist oder nicht, ob er lebt oder tot ist, ob es ein Heide oder ein Israelit ist, so lichtet man den Schutthaufen über ihm. Findet man ihn am Leben, erweitert man ihm die Oeffnung; ist er aber tot, lässt man ihn liegen“ (Traktat Joma, VIII 7, Die Mischnajot, übersetzt und erklärt von E. Baneth).

      Wie dachte Jesus über derlei legalistische Haarspaltereien? Als man ihn kritisierte, weil er am Sabbat heilte, erwiderte er: „Mein Vater hat bis jetzt fortwährend gewirkt, und ich wirke fortwährend“ (Johannes 5:17). Jesus verrichtete keine weltliche Arbeit mit dem Ziel, sich zu bereichern. Er tat vielmehr den Willen Gottes. Geradeso, wie die Leviten ihren heiligen Dienst am Sabbat fortsetzen durften, konnte Jesus den ihm von Gott übertragenen Aufgaben als Messias mit Recht nachkommen, ohne dadurch Gottes Gesetz zu übertreten (Matthäus 12:5).

      Jesu Heilungen am Sabbat stellten auch die jüdischen Schriftgelehrten und die Pharisäer als „allzu gerecht“ bloß, als starr und unausgeglichen in ihrem Denken (Prediger 7:16). Ganz gewiß war es nicht der Wille Gottes, daß gute Werke auf bestimmte Tage in der Woche beschränkt bleiben sollten, noch hatte Gott mit dem Sabbat ein sinnloses Exerzitium von Regeln beabsichtigt. Jesus sagte gemäß Markus 2:27: „Der Sabbat ist um des Menschen willen ins Dasein gekommen und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Statt willkürlich aufgestellter Regeln liebte Jesus die Menschen.

      Christen heute tun daher gut daran, in ihrem Denken nicht allzu starr zu sein oder schnell zu Regeln Zuflucht zu nehmen. Wer in der Versammlung Verantwortung trägt, der unterläßt es, anderen übertrieben viele von Menschen aufgestellte Regeln und Verfahrensweisen aufzubürden. Jesu Beispiel lehrt uns auch, nach Gelegenheiten zum Gutestun Ausschau zu halten. So würde ein Christ nie argumentieren, er werde mit anderen nur dann über die biblische Wahrheit sprechen, wenn er sich formell im Haus-zu-Haus-Dienst befindet oder von der Bühne aus eine Ansprache hält. Wie der Apostel Petrus sagt, sollten Christen ‘stets bereit sein zu einer Verteidigung vor jedermann, der von ihnen einen Grund für die Hoffnung verlangt, die in ihnen ist’ (1. Petrus 3:15). Dem Gutestun sind zeitlich keine Grenzen gesetzt.

      Eine Lektion in bezug auf Mitgefühl

      In Lukas 7:11-17 wird über ein weiteres bemerkenswertes Wunder berichtet. Gemäß dem Bericht zog Jesus „nach einer Stadt, Nain genannt, und seine Jünger und eine große Volksmenge zogen mit ihm“. Noch heute findet man Grabstätten im Südosten der arabischen Ortschaft Nein. „Als er sich nun dem Tor der Stadt näherte“, traf er auf eine geräuschvolle Kulisse: „Da, siehe, wurde ein Toter herausgetragen, der einziggezeugte Sohn seiner Mutter. Außerdem war sie eine Witwe. Auch war eine beträchtliche Volksmenge aus der Stadt bei ihr.“ H. B. Tristram bemerkte hierzu, seit alters habe „sich die Art und Weise, ein Begräbnis abzuhalten, nicht verändert“, und fügte hinzu: „Ich habe die Frauen beobachtet, die vor der Bahre hergehen, angeführt von den berufsmäßigen Klageweibern. Mit den ungestümsten Gebärden des Kummers werfen sie die Arme in die Höhe, reißen sich die Haare aus und stoßen mit spitzen Schreien den Namen des Verstorbenen aus“ (Eastern Customs in Bible Lands).

      Inmitten eines solchen lärmerfüllten Chaos ging eine trauernde Witwe, deren bloße Erscheinung ein einziges Bild des Schmerzes gewesen sein muß. Nach dem Verlust ihres Mannes betrachtete sie ihren Sohn, wie Herbert Lockyer schreibt, als „den Stab ihres Alters und den Trost ihrer Einsamkeit — die Stütze und Säule ihres Heims. Durch den Verlust ihres einzigen Sohnes war ihr letzter Halt fortgerissen worden“ (All the Miracles of the Bible). Wie reagierte Jesus? Ausdrucksvoll berichtet Lukas: „Als der Herr sie erblickte, wurde er von Mitleid mit ihr bewegt, und er sprach zu ihr: ‚Hör auf zu weinen.‘“ Die Formulierung „von Mitleid bewegt“ leitet sich von einem griechischen Wort her, das wörtlich „Eingeweide“ bedeutet. Es vermittelt den Sinn „in seinem Innersten bewegt sein“ (Vine’s Expository Dictionary of Old and New Testament Words). Jesus war also in seinem tiefsten Inneren bewegt.

      Offenbar war Jesu eigene Mutter inzwischen eine Witwe; demnach war Jesus wahrscheinlich durch den Tod Josephs, seines Adoptivvaters, mit den schmerzlichen Empfindungen Hinterbliebener vertraut. (Vergleiche Johannes 19:25-27.) Die Witwe mußte Jesus nicht erst um Hilfe anflehen. Spontan „trat er hinzu und rührte die Bahre an“, obwohl jemand, der einen Leichnam berührte, gemäß dem mosaischen Gesetz unrein wurde (4. Mose 19:11). Dank seiner Wunderkräfte konnte Jesus die eigentliche Ursache der Unreinheit beseitigen. „Er sprach: ‚Junger Mann, ich sage dir: Steh auf!‘ Und der Tote setzte sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter.“

      Welch ein Ansporn, mitfühlend zu sein! Christen sollten nicht die lieblose, kalte Einstellung nachahmen, die in den gegenwärtigen „letzten Tagen“ zu beobachten ist (2. Timotheus 3:1-5). Im Gegenteil, in 1. Petrus 3:8 werden wir aufgefordert: „Schließlich seid alle gleich gesinnt, bekundet Mitgefühl, habt brüderliche Zuneigung, zartes Erbarmen.“ Wenn ein Bekannter von uns stirbt oder ernstlich erkrankt, können wir weder eine Auferstehung bewirken noch den Kranken heilen. Wir können aber praktische Hilfe anbieten und Trost spenden, und sei es nur durch unsere Anwesenheit oder unsere Tränen (Römer 12:15).

      Diese bewegende Auferstehung, die Jesus bewirkte, deutet ebenfalls auf eine Zeit in der Zukunft hin, da „alle, die in den Gedächtnisgrüften sind, seine Stimme hören und herauskommen werden“ (Johannes 5:28, 29). Auf der ganzen Erde werden dann trauernde Hinterbliebene das Mitgefühl Jesu selbst erfahren, wenn verstorbene Mütter, Väter, Kinder und Freunde aus dem Grab zurückkehren werden.

      Was uns die Wunder lehren

      Jesu Wunder waren ganz eindeutig mehr als nur begeisternde Kundgebungen der Macht. Dadurch wurde Gott verherrlicht, was Christen als Beispiel dient, denn auch sie werden aufgefordert, ‘Gott zu verherrlichen’ (Römer 15:6). Durch die Wunder Jesu wurde dazu ermuntert, Gutes zu tun sowie freigebig und mitfühlend zu sein. Wichtiger noch, sie dienten als Vorschau auf die Machttaten, die Christus während seiner Millenniumsherrschaft vollbringen wird.

      Während seines Erdendaseins vollbrachte Jesus in einem verhältnismäßig kleinen Teil der Erde Machttaten (Matthäus 15:24). Seine Herrschergewalt als verherrlichter König erstreckt sich über den ganzen Erdball (Psalm 72:8). Wer damals von Jesus geheilt oder auferweckt wurde, mußte dennoch irgendwann sterben. Unter Jesu himmlischem Königtum wird Sünde und Tod völlig beseitigt und ewiges Leben ermöglicht werden (Römer 6:23; Offenbarung 21:3, 4). Jesu Wunder weisen also auf eine herrliche Zukunft hin. Mit der Hilfe von Jehovas Zeugen haben bereits Millionen Menschen die begründete Hoffnung erlangt, das zu erleben. Bis diese Zeit gekommen ist, geben uns die Wunder Jesu Christi einen begeisternden Vorgeschmack auf das, was in Kürze geschehen wird.

      [Bild auf Seite 7]

      Jesus verwandelt Wasser in Wein

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