Oberammergaus Passionsspiel — Wie nahe kommt es der Bibel?
Von unserem Korrespondenten in der Bundesrepublik Deutschland
OBERAMMERGAU ist ein schmucker bayrischer Gebirgsort. Viele seiner Einwohner haben Haare und Bart wachsen lassen, um sich auf ein Schauspiel vorzubereiten, an dem sie dieses Jahr teilnehmen werden. Mit dem Spiel setzen sie eine Tradition ihrer Vorväter fort, die 1633 ihren Ausgang nahm.
Damals drohte die Pest die Oberammergauer völlig hinzuraffen. Sie gelobten, falls sie davor bewahrt blieben, regelmäßig die Passion aufzuführen. Das Passionsspiel ist ein Brauch, der in der katholischen Kirche schon Jahrhunderte zuvor gepflegt wurde. Es stellt das Leiden und Sterben Christi dar.
Die Uraufführung fand in Oberammergau 1634 statt. Das Spiel zum 350jährigen Jubiläum im Jahre 1984 lockte insgesamt 443 000 Besucher aus aller Welt an. Das Passionsspiel wird dieses Jahr von Mai bis September aufgeführt.
In dem Dorf reihen sich Läden mit Holzschnitzereien und Souvenirs neben Hotels und Restaurants. Ohne Zweifel leben zahlreiche Oberammergauer von der Passion.
Warum kommen so viele? „Für mich ist das kein Schauspiel“, sagte ein Besucher, „sondern eher eine Andacht.“ Diese Ansicht teilen viele, obwohl nicht die Kirche das Spiel organisiert, sondern die Gemeinde.
Den Beifall der Menge suchen?
Zwei Geistliche schufen die modernere Version des Passionsspiels; der eine schrieb sie 1810, und der andere revidierte sie ein halbes Jahrhundert später. Der Text ist von Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz abgesegnet worden und „hält sich an die Evangelien“, wie es heißt.
Im Laufe der Jahre hat man jedoch in bezug auf die Evangelien Kompromisse gemacht, um bei keiner Religion, einschließlich der jüdischen, Anstoß zu erregen. Bis zu einem gewissen Grad wird der Text heute also vom Beifall des breiten Publikums diktiert. Beispielsweise wurden Stellen, die die Wut der jüdischen Führer auf Jesus hervorhoben, gestrichen, darunter Matthäus 21:43. Gemäß dem Text sagte Jesus zu den jüdischen Geistlichen: „Das Reich Gottes wird von euch genommen werden, und es wird einem Volke gegeben werden, welches dessen Früchte bringt.“
Gottes Name, Jehova, ist ebenfalls ein Opfer der Kompromißfreudigkeit geworden, obwohl Jesus im Passionsspiel zu Gott sagt: „Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart“ (Johannes 17:6). Im Textbuch von 1960 hieß es, daß Isaak „als Opfer bestimmt war nach dem Willen Jehovas“. Der Text von 1984 hingegen sagt „nach dem Willen des Herrn“.
Nicht genau nach den Evangelien
Das Spiel stellt zwar die Ereignisse um die Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Jesu richtig dar, doch Genauigkeit gemäß dem Bibelbericht spielt nicht immer die Hauptrolle. Eine Szene ist dem apokryphen Buch Tobias entnommen, das nicht einmal zum inspirierten Wort Gottes gehört (2. Timotheus 3:16). Mehrmals fällt das Wort „Ostern“, eine falsche Übersetzung für „Passah“.
Im Passionsspiel ist Judas Iskariot ein Opportunist, der sich von Jesu Feinden überreden läßt, seinen Herrn zu verraten. In Wirklichkeit ging er jedoch aus eigenem Antrieb zu den Oberpriestern und verriet Jesus aus Habsucht (Matthäus 26:14-16; vergleiche Johannes 12:4-6). Ein Vergleich von Johannes 13:21-30 mit Matthäus 26:20-29 zeigt, daß Judas den Raum bereits verlassen haben mußte, als Jesus das Abendmahl einsetzte. Das ist logisch, da Jesus mit seinem Verräter bestimmt keinen ‘Bund für ein Königreich’ geschlossen hätte (Lukas 22:29). Doch in Oberammergau ist Judas beim Abendmahl anwesend.
Biblische Wahrheiten erkennen
Wer sich eingehend mit der Bibel befaßt, kann in dem Spiel bestimmte biblische Wahrheiten erkennen, aber auch Falschdarstellungen. Ein Beispiel ist der Satz: „Des Neuen Bundes heilig Brot bewahrt die Seele vor dem Tod bei würdigem Genusse.“ Dies entspricht der biblischen Lehre, daß die Seele sterblich ist. Wer Jesu Opfer nicht „würdig“ betrachtet, wird seine Seele natürlich nicht vor dem Tod bewahren (Hesekiel 18:20).
Die wahre Identität Jesu ist zu erkennen, wenn er nach seiner Auferstehung zu Maria Magdalene sagt: „Ich fahre auf ... zu meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20:17). Daraus ist ersichtlich, daß Jesus einen Gott hatte. Somit konnte er nicht selbst Gott sein, wie die Dreieinigkeitslehre der Christenheit besagt. Der Text des Passionsspiels widerspricht also mitunter Kirchenlehren, wenn er sich an die biblische Ausdrucksweise hält.
Das Spiel läßt erkennen, was das Königreich Gottes ist. Philippus sagt zu Jesus: „Richte Gottes Reich auf in der ganzen Welt!“, worauf Christus antwortet: „Was ihr wünscht, wird geschehen zu seiner Zeit.“ Später fügt Jesus hinzu: „Ich werde von nun an von dem Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken, bis das Reich Gottes kommt.“ Thomas fragt: „Wird jedem ein eigenes Herrschaftsgebiet zugewiesen werden?“ Diese Dialoge zeigen, daß „Gottes Reich“ seine Regierung für die Erde ist und nicht einfach das ewige Leben oder etwas dem Menschen Innewohnendes, wie einige glauben. (Siehe Daniel 2:44; 7:13, 14; Lukas 22:18; Offenbarung 5:10.)
Am Schluß des Passionsspiels versucht der jüdische Rat vergeblich, zu erreichen, daß der Leichnam Jesu in die „Grube der Verbrecher“ geworfen wird. Das ist eine interessante Formulierung. Die Juden hielten Verbrecher nicht für würdig, in einem Grab beigesetzt zu werden, wo sich Gott ihrer erinnern würde, und warfen ihren Leichnam daher in das Tal Hinnom (Gehenna), wo ständig ein Feuer zur Verbrennung von Unrat unterhalten wurde. Gemäß der Bibel benutzte Jesus diesen Ort bei Jerusalem als Symbol für völlige Vernichtung ohne die Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten (Matthäus 18:8, 9).
Erst später, als der Abfall vom wahren Christentum aufgekommen war, verband man die Gehenna mit der heidnischen Vorstellung von einer feurigen Hölle. Der Text des Passionsspiels spiegelt diese unbiblische Tradition wider, wenn er sagt: „Aus der Hölle herauf steigen die Geister all“ und den Herrn wie folgt zitiert: „Zur Hölle will ich Satan stoßen.“ Biblische Lehren stehen also nicht im Rampenlicht.
Biblische Lehren nicht gefördert
Von Mai bis September werden die Oberammergauer alle 1 700 Mitwirkenden in dem sechsstündigen Spiel selbst stellen — jüdisches Volk, römische Soldaten, Jesus, Judas und die anderen Apostel. Und sie werden das Spiel etwa 100mal bei jedem Wetter auf der Freilichtbühne aufführen.
Das Passionsspiel wird erneut Hunderttausende von Besuchern anlocken. Wird es sie jedoch anregen, den auferstandenen Christus und das Königreich Gottes als die einzige Hoffnung für die Lösung der Probleme der Menschheit anzuerkennen? Nein, denn das im Spiel erwähnte „Reich Gottes“ bleibt im Grunde verborgen. Und der Teufel wird zwar in dem Spiel zweimal als der Herrscher oder „Fürst“ der Welt identifiziert, aber was mit ihm geschehen wird, wird nicht deutlich. Das Passionsspiel setzt sich also nicht mit den Schlüssellehren der Bibel auseinander; es widerspricht sogar einigen.
Die Bibel zeigt, daß Christus bald die Menschheit von Satan und seinem Einfluß, der Wurzel alles Bösen, befreien wird. Auch werden alle Unheilstifter auf der Erde beseitigt werden. Dann wird die Tausendjahrherrschaft des himmlischen Königreiches Gottes über die Erde beginnen (Offenbarung 20:4, 6). Durch diese Regierung Gottes wird die Erde zu einem Paradies umgestaltet werden, in dem gehorsame Menschen für immer in vollkommener Gesundheit und vollendetem Glück leben werden (Psalm 37:10, 11, 29; Römer 16:20).
[Kasten auf Seite 16]
Die Wurzeln des Passionsspiels?
Über Passionsspiele sagt die World Book Encyclopedia:
„Ein Passionsspiel ist die dramatische Aufführung des Todes und der Auferstehung eines Gottes. Die alten Ägypter führten dem Gott Osiris gewidmete Passionsspiele auf. Die alten Griechen hatten ähnliche Spiele für den Gott Dionysos.“
Gemeinde Oberammergau, Haag
[Bildnachweis auf Seite 16]
Gemeinde Oberammergau, Haag