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Das Gesetz des ChristusDer Wachtturm 1996 | 1. September
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Das Gesetz des Christus
„[Ich bin] unter Gesetz gegenüber Christus“ (1. KORINTHER 9:21).
1, 2. (a) Wie hätten im Verlauf der Menschheitsgeschichte viele Fehler vermieden werden können? (b) Welche Lehre hätte die Christenheit eigentlich aus der Geschichte des Judaismus ziehen müssen?
„VÖLKER und Regierungen [haben] niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt.“ Das sagte ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts. Der Verlauf der Menschheitsgeschichte wurde sogar schon als „Parade der Torheit“ bezeichnet, als eine Reihe entsetzlicher Irrtümer und Krisen, von denen viele hätten vermieden werden können, wenn die Menschheit nur bereit gewesen wäre, aus früheren Fehlern zu lernen.
2 In dieser Abhandlung über das göttliche Gesetz geht es ebenfalls um die Weigerung, aus früheren Fehlern zu lernen. Jehova Gott ersetzte das mosaische Gesetz durch ein noch besseres Gesetz — durch das Gesetz des Christus. Doch die Führer der Christenheit, die dieses Gesetz angeblich lehren und ausleben, haben versäumt, etwas aus der unglaublichen Torheit der Pharisäer zu lernen. Deshalb hat die Christenheit das Gesetz des Christus genauso verdreht und mißbraucht, wie es der Judaismus mit dem Gesetz Mose getan hat. Wie ist das möglich? Betrachten wir zunächst einmal dieses Gesetz — worum es sich dabei handelt und wen es leitet sowie das, was es vom mosaischen Gesetz unterscheidet. Anschließend werden wir uns damit beschäftigen, wie die Christenheit es mißbraucht hat. Mögen wir dadurch aus der Geschichte lernen und daraus Nutzen ziehen!
Der neue Bund
3. Was verhieß Jehova in bezug auf einen neuen Bund?
3 Wer außer Jehova könnte ein vollkommenes Gesetz verbessern? Der mosaische Gesetzesbund war vollkommen (Psalm 19:7). Trotzdem verhieß Jehova: „Siehe! Es kommen Tage ...[,] da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen; nicht einen wie den Bund, den ich mit ihren Vorvätern schloß.“ Die Zehn Gebote — der Kern des mosaischen Gesetzes — wurden auf Steintafeln geschrieben. Doch von dem neuen Bund sagte Jehova: „Ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen, und in ihr Herz werde ich es schreiben“ (Jeremia 31:31-34).
4. (a) Welches Israel ist in den neuen Bund aufgenommen worden? (b) Wer steht außer den geistigen Israeliten unter dem Gesetz des Christus?
4 Wer sollte in den neuen Bund aufgenommen werden? Gewiß nicht das buchstäbliche ‘Haus Israel’, das den Mittler dieses Bundes verwarf (Hebräer 9:15). Nein, das neue „Israel“ sollte das „Israel Gottes“ sein, eine Nation geistiger Israeliten (Galater 6:16; Römer 2:28, 29). Der kleinen Gruppe geistgesalbter Christen sollte sich später eine „große Volksmenge“ aus allen Nationen anschließen, die ebenfalls Jehova anbeten würde (Offenbarung 7:9, 10; Sacharja 8:23). Letztere würde zwar nicht in den neuen Bund aufgenommen werden, wäre aber trotzdem an das Gesetz gebunden. (Vergleiche 3. Mose 24:22; 4. Mose 15:15.) Als „e i n e Herde“ unter „e i n e m Hirten“ würden alle „unter Gesetz gegenüber Christus“ sein, wie der Apostel Paulus schrieb (Johannes 10:16; 1. Korinther 9:21). Paulus bezeichnete den neuen Bund als einen ‘besseren Bund’. Warum? Er ist unter anderem auf erfüllte Verheißungen gegründet statt auf prophetische Vorbilder (Hebräer 8:6; 9:11-14).
5. Was ist der Zweck des neuen Bundes, und warum wird er diesen Zweck auch erfüllen?
5 Was ist der Zweck des neuen Bundes? Durch ihn soll zum Segen der ganzen Menschheit eine Nation von Königen und Priestern hervorgebracht werden (2. Mose 19:6; 1. Petrus 2:9; Offenbarung 5:10). Unter dem mosaischen Gesetzesbund wurde diese Nation nie im eigentlichen Sinn hervorgebracht, da Israel als Ganzes rebellierte und seine Gelegenheit dadurch verspielte. (Vergleiche Römer 11:17-21.) Der neue Bund wird dagegen auf jeden Fall erfolgreich sein, weil er mit einem vollkommen andersartigen Gesetz in Verbindung steht. In welcher Hinsicht ist es anders?
Das Gesetz, das zur Freiheit gehört
6, 7. Inwiefern bietet das Gesetz des Christus größere Freiheit als das mosaische Gesetz?
6 Das Gesetz des Christus wird wiederholt mit Freiheit in Verbindung gebracht (Johannes 8:31, 32). Es wird als „das Gesetz eines freien Volkes“ bezeichnet und als „das vollkommene Gesetz, das zur Freiheit gehört“ (Jakobus 1:25; 2:12). Natürlich ist jegliche Freiheit unter den Menschen relativ. Trotzdem bietet dieses Gesetz weit größere Freiheit als sein Vorläufer, das mosaische Gesetz. Inwiefern?
7 Zum Beispiel kommt niemand durch Geburt unter das Gesetz des Christus zu stehen. Faktoren wie Rasse und Geburtsort spielen keine Rolle. Wer ein wahrer Christ wird, hat aus freien Stücken in seinem Herzen beschlossen, das Joch des Gehorsams gegenüber diesem Gesetz auf sich zu nehmen. Und wenn er es tut, stellt er fest, daß es ein sanftes Joch ist, eine leichte Last (Matthäus 11:28-30). Das mosaische Gesetz sollte dem Menschen bekanntlich vor Augen führen, daß er sündig ist und unbedingt ein Loskaufsopfer benötigt, das ihn erlöst (Galater 3:19). Das Gesetz des Christus lehrt dagegen, daß der Messias kam, sein Leben niederlegte, um den Loskaufspreis zu bezahlen, und uns die Möglichkeit eröffnete, von der furchtbaren Bedrückung durch Sünde und Tod befreit zu werden (Römer 5:20, 21). Damit wir aus diesem Opfer Nutzen ziehen können, müssen wir daran ‘Glauben ausüben’ (Johannes 3:16).
8. Was schließt das Gesetz des Christus ein, aber warum kann man danach leben, ohne sich Hunderte von Gesetzen einprägen zu müssen?
8 ‘Glauben ausüben’ schließt ein, gemäß dem Gesetz des Christus zu leben. Dazu gehört Gehorsam gegenüber allen Geboten Christi. Bedeutet das, sich Hunderte von Gesetzen und Geboten einprägen zu müssen? Nein. Im Gegensatz zu Moses, der als Mittler des alten Bundes das mosaische Gesetz niederschrieb, zeichnete Jesus, der Mittler des neuen Bundes, kein einziges Gesetz auf. Er lebte statt dessen dieses Gesetz. Durch seine vollkommene Lebensführung gab er ein Beispiel, das alle nachahmen sollten (1. Petrus 2:21). Möglicherweise deshalb wurde die Anbetung der ersten Christen als der „WEG“ bezeichnet (Apostelgeschichte 9:2; 19:9, 23; 22:4; 24:22). Das Gesetz des Christus wurde ihnen durch das Leben Christi veranschaulicht. Jesus nachzuahmen bedeutete, seinem Gesetz zu gehorchen. Die Christen bewiesen durch ihre innige Liebe zu Jesus, daß ihnen das Gesetz, wie vorausgesagt, tatsächlich auf das Herz geschrieben worden war (Jeremia 31:33; 1. Petrus 4:8). Und wer aus Liebe gehorcht, fühlt sich niemals unterdrückt — ein weiterer Grund dafür, warum das Gesetz des Christus als „das Gesetz eines freien Volkes“ bezeichnet werden kann.
9. Was ist das Wesentliche des Gesetzes des Christus, und inwiefern schließt dieses Gesetz ein neues Gebot ein?
9 Die Liebe, die schon im mosaischen Gesetz eine wichtige Rolle spielte, ist das Wesentliche des christlichen Gesetzes. Das Gesetz des Christus schließt daher ein neues Gebot ein — Christen müssen aufopferungsvolle Liebe zueinander haben. Sie müssen die gleiche Art der Liebe bekunden wie Jesus; er legte bereitwillig sein Leben für seine Freunde nieder (Johannes 13:34, 35; 15:13). Deshalb kann gesagt werden, daß das Gesetz des Christus ein noch erhabenerer Ausdruck der Theokratie ist, als es das Gesetz Mose war. Es verhält sich so, wie es in dieser Zeitschrift bereits erklärt wurde: „Theokratie ist Gottesherrschaft; Gott ist Liebe; Theokratie ist daher Herrschaft durch Liebe.“
Jesus und die Pharisäer
10. Welcher Gegensatz bestand zwischen den Lehrmethoden Jesu und denen der Pharisäer?
10 Es überrascht deshalb eigentlich nicht, daß Jesus seinerzeit mit den geistlichen Führern der Juden aneinandergeriet. Ein „vollkommene[s] Gesetz, das zur Freiheit gehört“, wäre den Schriftgelehrten und den Pharisäern niemals in den Sinn gekommen. Sie versuchten, das Volk durch menschliche Gebote zu beherrschen. Ihr Lehren war hart, tadelnd, negativ. Jesu Art zu lehren war dagegen in höchstem Maße erbauend und positiv. Er dachte praktisch und sprach die wahren Bedürfnisse und Interessen der Menschen an. Er lehrte auf einfache Art und Weise und mit echtem Mitgefühl, wobei er Veranschaulichungen aus dem täglichen Leben gebrauchte und sich auf die Autorität des Wortes Gottes stützte. Deshalb „waren die Volksmengen über seine Art zu lehren höchst erstaunt“ (Matthäus 7:28). Ja, Jesus erreichte durch sein Lehren ihr Herz.
11. Wie zeigte Jesus, daß das mosaische Gesetz eigentlich mit Vernünftigkeit und Barmherzigkeit hätte angewandt werden sollen?
11 Statt weitere Gebote zum mosaischen Gesetz hinzuzufügen, zeigte Jesus, wie die Juden das Gesetz eigentlich hätten anwenden sollen — mit Vernünftigkeit und Barmherzigkeit. Denken wir beispielsweise an jene Gelegenheit, als sich ihm eine Frau näherte, die mit einem Blutfluß behaftet war. Gemäß dem mosaischen Gesetz war jeder unrein, den sie berührte, weshalb es eigentlich unerhört war, daß sie sich unter eine Volksmenge mischte (3. Mose 15:25-27). Doch sie wünschte sich so sehr, geheilt zu werden, daß sie sich ihren Weg durch die Volksmenge bahnte und das äußere Gewand Jesu anrührte. Die Blutung kam unverzüglich zum Stillstand. Wies Jesus sie zurecht, weil sie das Gesetz übertreten hatte? Nein. Statt dessen bewies er Verständnis für ihre verzweifelte Lage und zeigte die Anwendung des hervorragendsten Gebotes des Gesetzes — das Gebot der Liebe. Mitfühlend sagte er zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh hin in Frieden, und sei von deiner lästigen Krankheit geheilt“ (Markus 5:25-34).
Ist das Gesetz des Christus liberal?
12. (a) Warum darf man Christus nicht für liberal halten? (b) Was zeigt, daß durch die Schaffung vieler Gesetze viele Schlupflöcher entstehen?
12 Sollten wir aus der Tatsache, daß das Gesetz des Christus „zur Freiheit gehört“, schließen, es sei liberal, wogegen die Pharisäer den Menschen durch all ihre mündlichen Traditionen zumindest in bezug auf den Lebenswandel strenge Einschränkungen auferlegten? Nein. In den heutigen Rechtssystemen ergibt sich häufig folgende Situation: Je mehr Gesetze es gibt, desto mehr Schlupflöcher finden die Menschen.a In Jesu Tagen ermunterte die Vielzahl an pharisäischen Regeln dazu, nach Schlupflöchern zu suchen, rein mechanisch und ohne jegliche Liebe Werke zu verrichten und ein selbstgerechtes Äußeres zu entwickeln, um die innere Verdorbenheit zu verbergen (Matthäus 23:23, 24).
13. Warum führt das Gesetz des Christus zu einem höheren Maßstab für den Lebenswandel als jede schriftlich festgehaltene Gesetzessammlung?
13 Das Gesetz des Christus fördert dagegen keine Einstellung dieser Art. Tatsächlich bewirkt der auf Liebe zu Jehova beruhende Gehorsam gegenüber einem Gesetz, dem man durch die Nachahmung der aufopferungsvollen Liebe Christi zu anderen gehorcht, einen weit höheren Maßstab für den Lebenswandel als die Einhaltung formeller gesetzlicher Regeln. Liebe sucht nicht nach Schlupflöchern; sie bewahrt uns davor, schädliche Dinge zu tun, Dinge, die gesetzliche Regeln nicht ausdrücklich verbieten mögen. (Siehe Matthäus 5:27, 28.) Deshalb wird uns das Gesetz des Christus veranlassen, etwas für andere zu tun — ihnen gegenüber großzügig zu sein und ihnen Gastfreundschaft und Liebe zu erweisen —, und zwar so, wie es kein formelles Gesetz von uns verlangen könnte (Apostelgeschichte 20:35; 2. Korinther 9:7; Hebräer 13:16).
14. Wie wirkte es sich auf die Christenversammlung des 1. Jahrhunderts aus, gemäß dem Gesetz des Christus zu leben?
14 In dem Maße, wie die einzelnen Glieder der Christenversammlung des 1. Jahrhunderts gemäß dem Gesetz des Christus lebten, herrschte in der Versammlung eine herzliche, liebevolle Atmosphäre, wodurch sie relativ frei war von der strengen, nörglerischen und heuchlerischen Einstellung, die in den Synagogen der damaligen Zeit vorherrschte. Die Glieder der neugegründeten Versammlungen müssen wirklich gespürt haben, daß sie gemäß dem „Gesetz eines freien Volkes“ lebten.
15. Was unternahm Satan zunächst, um die Christenversammlung zu verderben?
15 Satan war jedoch darauf aus, die Christenversammlung von innen heraus zu verderben, genauso wie er die Nation Israel verdorben hatte. Der Apostel Paulus warnte vor wolfsähnlichen Männern, die „verdrehte Dinge reden“ und die Herde Gottes bedrücken würden (Apostelgeschichte 20:29, 30). Er mußte sich mit Judaisten auseinandersetzen, die darauf aus waren, die relative Freiheit des Gesetzes des Christus gegen die Versklavung unter das mosaische Gesetz einzutauschen, das durch Christus erfüllt worden war (Matthäus 5:17; Apostelgeschichte 15:1; Römer 10:4). Nach dem Tod der Apostel gab es kein Hemmnis gegen solche Abtrünnigkeit mehr. Deshalb griff der Abfall um sich (2. Thessalonicher 2:6, 7).
Die Christenheit verunreinigt das Gesetz des Christus
16, 17. (a) Welche Formen nahm die Verdorbenheit in der Christenheit an? (b) Zu welcher verdrehten Ansicht über den Geschlechtsverkehr führten die Gesetze der katholischen Kirche?
16 Die Christenheit wurde genauso wie der Judaismus in mehrerer Hinsicht verdorben. Auch sie fiel falschen Lehren und Sittenlosigkeit zum Opfer. Und auch ihr Bemühen, die eigene Herde vor äußeren Einflüssen zu schützen, erwies sich oft als verderblich für den verbliebenen Rest reiner Anbetung. Strenge, unbiblische Gesetze nahmen überhand.
17 Vor allem die katholische Kirche schuf Unmengen von Kirchengesetzen. Diese Gesetze waren besonders verschroben, wenn es um geschlechtliche Dinge ging. Gemäß dem Buch Sexuality and Catholicism verleibte sich die Kirche die griechische Philosophie des Stoizismus ein, dem sämtliche Formen des Vergnügens verdächtig waren. Die Kirche begann zu lehren, daß jegliches sexuelle Vergnügen sündig sei, auch bei normalen ehelichen Beziehungen. (Vergleiche im Gegensatz dazu Sprüche 5:18, 19.) Der Geschlechtsverkehr sollte allein der Zeugung dienen, nichts anderem. Daher verurteilten die Kirchengesetze jede Form der Empfängnisverhütung als äußerst schwere Sünde, für die manchmal über Jahre hinweg Buße geleistet werden mußte. Außerdem verbot man den Priestern zu heiraten, was dazu führte, daß viele von ihnen außereheliche Geschlechtsbeziehungen pflegten und manche sogar Kinder mißbrauchten (1. Timotheus 4:1-3).
18. Was zog die Zunahme an Kirchengesetzen nach sich?
18 Als sich die Kirchengesetze mehrten, wurden sie in Büchern festgehalten. Diese Bücher drängten die Bibel in den Hintergrund und ersetzten sie. (Vergleiche Matthäus 15:3, 9.) Wie der Judaismus mißtraute der Katholizismus weltlichen Schriften und betrachtete sie vielfach als Bedrohung. Diese Ansicht ging bald weit über die vernünftigen Hinweise zur Vorsicht hinaus, die dazu in der Bibel gegeben werden (Prediger 12:12; Kolosser 2:8). Hieronymus, ein Kirchenschriftsteller des 4. Jahrhunderts u. Z., äußerte den Schwur: „Herr, wenn ich je wieder weltliche Handschriften besitze oder aus ihnen lese, dann will ich dich verleugnet haben.“ Mit der Zeit ging die Kirche dazu über, Bücher zu zensieren — auch solche über nichtreligiöse Themen. Deshalb wurde im 17. Jahrhundert der Astronom Galilei gerügt, weil er geschrieben hatte, die Erde würde um die Sonne kreisen. Das Beharren der Kirche, für alles die oberste Autorität zu sein — selbst in Fragen der Astronomie —, mußte letztlich dazu führen, das Vertrauen zur Bibel zu untergraben.
19. Wodurch wurde in den Klöstern ein strenger, autoritärer Geist gefördert?
19 Besonders in den Klöstern, wo sich Mönche von der Welt abkapselten, um in Selbstverleugnung zu leben, wurden immer neue Regeln erdacht. Die meisten katholischen Klöster befolgten die „Benediktinerregel“. Der Abt (ein Begriff, der von dem aramäischen Wort für „Vater“ abgeleitet wurde) herrschte mit absoluter Autorität. (Vergleiche Matthäus 23:9.) Wenn ein Mönch von seinen Eltern ein Geschenk erhielt, lag es beim Abt, zu entscheiden, ob jener Mönch es erhalten sollte oder jemand anders. Außer gewissen Unsitten verbot eine Regel alles belanglose Plaudern und Scherzen und legte fest: „Kein Schüler wird etwas dergleichen äußern.“
20. Was zeigt, daß auch der Protestantismus einen unbiblischen, autoritären Geist entwickelte?
20 Der Protestantismus, der den Katholizismus mit seinen unbiblischen Exzessen reformieren wollte, wurde bald ebenfalls ein Meister im Aufstellen autoritärer Regeln, die keine Grundlage im Gesetz des Christus hatten. Der führende Reformator Johannes Calvin wurde zum Beispiel als der „Gesetzgeber der erneuerten Kirche“ bezeichnet. Er beherrschte Genf mit einer Vielzahl strenger Gesetze, die von „Ältesten“ durchgesetzt wurden, deren „Amt“ es laut Calvin war, „das Leben jedes einzelnen zu beaufsichtigen“. (Siehe im Gegensatz dazu 2. Korinther 1:24.) Die Kirche kontrollierte die Gasthäuser und bestimmte, welche Gesprächsthemen zulässig waren. Es gab harte Strafen für Vergehen wie das Singen respektloser Lieder oder das Tanzen.b
Aus den Irrtümern der Christenheit lernen
21. Wozu hat die Neigung der Christenheit, ‘über das hinauszugehen, was geschrieben steht’, im wesentlichen geführt?
21 Haben all diese Gebote und Gesetze die Christenheit davor bewahren können, verdorben zu werden? Ganz im Gegenteil! Heute ist die Christenheit in Hunderte von Sekten aufgesplittert, deren Spektrum von extrem streng bis extrem liberal reicht. Sie alle sind auf die eine oder andere Art ‘über das hinausgegangen, was geschrieben steht’, indem sie zugelassen haben, daß die Herde von menschlichem Denken beherrscht wird, das im Widerspruch zum göttlichen Gesetz steht (1. Korinther 4:6).
22. Warum bedeutet das Versagen der Christenheit nicht das Ende des Gesetzes des Christus?
22 Doch mit dem Gesetz des Christus wird es keinesfalls ein tragisches Ende nehmen. Jehova Gott wird niemals zulassen, daß Menschen das göttliche Gesetz austilgen. Das christliche Gesetz ist heute unter wahren Christen vollständig in Kraft, und sie haben das große Vorrecht, gemäß diesem Gesetz zu leben. Nachdem wir untersucht haben, was der Judaismus und die Christenheit mit dem göttlichen Gesetz getan haben, könnten wir uns durchaus fragen: „Wie lebt man gemäß dem Gesetz des Christus, ohne dabei in die Schlinge zu geraten, Gottes Wort durch menschliche Überlegungen und Gebote zu verunreinigen, die eigentlich den Geist des göttlichen Gesetzes untergraben? Welche ausgeglichene Ansicht sollte das Gesetz des Christus uns heute vermitteln?“ Mit diesen Fragen wird sich der nächste Artikel beschäftigen.
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Gemäß dem Gesetz des Christus lebenDer Wachtturm 1996 | 1. September
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Gemäß dem Gesetz des Christus leben
„Fahrt fort, einander die Bürden zu tragen, und so erfüllt das Gesetz des Christus“ (GALATER 6:2).
1. Warum kann gesagt werden, daß das Gesetz des Christus heute einen nachhaltigen Einfluß zum Guten ausübt?
WÄHREND der ethnisch motivierten Massaker, zu denen es unlängst in Ruanda kam, nahmen Hutus und Tutsis, die Zeugen Jehovas waren, den Tod in Kauf, um einander zu schützen. Jehovas Zeugen in Kobe (Japan), die bei dem verheerenden Erdbeben Angehörige verloren hatten, waren über den Verlust erschüttert. Trotzdem gingen sie unverzüglich daran, Menschen zu retten. Ja, zu Herzen gehende Beispiele aus der ganzen Welt zeigen, daß das Gesetz des Christus heute in Kraft ist. Es übt einen nachhaltigen Einfluß zum Guten aus.
2. Inwiefern hat die Christenheit das Wesentliche des Gesetzes des Christus nicht begriffen, und was können wir tun, um dieses Gesetz zu erfüllen?
2 Allerdings erfüllt sich gegenwärtig auch die biblische Prophezeiung in bezug auf die kritische Zeit der „letzten Tage“. Viele haben „eine Form der Gottergebenheit“, erweisen sich aber „hinsichtlich deren Kraft als falsch“ (2. Timotheus 3:1, 5). Vor allem in der Christenheit ist die Religion oft nur eine Formsache, keine Herzensangelegenheit. Ist das deshalb der Fall, weil es zu schwer ist, gemäß dem Gesetz des Christus zu leben? Nein. Jesus hätte uns kein Gesetz gegeben, das wir nicht halten könnten. Die Christenheit hat einfach nur das Wesentliche dieses Gesetzes nicht begriffen. Sie hat es versäumt, folgende inspirierte Worte zu beachten: „Fahrt fort, einander die Bürden zu tragen, und so erfüllt das Gesetz des Christus“ (Galater 6:2). Wir ‘erfüllen das Gesetz des Christus’ nicht dadurch, daß wir die Pharisäer nachahmen und die Lasten unserer Brüder unzulässig vergrößern, sondern dadurch, daß wir einander die Bürden tragen.
3. (a) Welche Gebote schließt das Gesetz des Christus unter anderem ein? (b) Warum darf man nicht schlußfolgern, in der Christenversammlung dürfe es außer den direkten Geboten Christi keine Regeln geben?
3 Das Gesetz des Christus schließt alle seine Gebote ein — ob sie sich auf das Predigen und Lehren beziehen, darauf, das Auge rein und lauter zu bewahren, darauf, daß wir auf die Bewahrung des Friedens mit unserem Nächsten bedacht sein sollten, oder darauf, Unreinheit aus der Versammlung zu entfernen (Matthäus 5:27-30; 18:15-17; 28:19, 20; Offenbarung 2:14-16). Ja, Christen sind verpflichtet, alle Gebote der Bibel zu halten, die für Nachfolger Christi bestimmt sind. Und das ist noch nicht alles. Jehovas Organisation und die einzelnen Versammlungen müssen notwendige Regeln und Verfahrensweisen festlegen, damit die Ordnung erhalten bleibt (1. Korinther 14:33, 40). Schließlich könnten Christen nicht einmal zusammenkommen, wenn sie nicht festlegen würden, wann, wo und wie solche Zusammenkünfte abgehalten werden! (Hebräer 10:24, 25). Das Befolgen vernünftiger Richtlinien, die von denjenigen aufgestellt werden, die in der Organisation die Befugnis dazu erhalten haben, gehört ebenfalls dazu, das Gesetz des Christus zu erfüllen (Hebräer 13:17).
4. Was ist die treibende Kraft hinter der wahren Anbetung?
4 Wahre Christen lassen ihre Anbetung allerdings nicht von einem sinnlosen Regelwerk bestimmen. Sie dienen Jehova ja nicht deshalb, weil sie von einem Menschen oder von einer Organisation dazu aufgefordert werden. Die treibende Kraft hinter ihrer Anbetung ist vielmehr die Liebe. Paulus schrieb: „Die Liebe des Christus drängt uns“ (2. Korinther 5:14, Fußnote). Jesus gebot seinen Nachfolgern, einander zu lieben (Johannes 15:12, 13). Aufopferungsvolle Liebe ist die Grundlage des Gesetzes des Christus, und diese drängt oder motiviert wahre Christen auf jedem Gebiet, sei es in der Familie oder in der Versammlung. Wir wollen sehen, wie das geschieht.
In der Familie
5. (a) Wie können Eltern zu Hause das Gesetz des Christus erfüllen? (b) Was benötigen Kinder von ihren Eltern, und welche Hindernisse müssen manche Eltern in Verbindung damit überwinden?
5 Der Apostel Paulus schrieb: „Ihr Männer, liebt eure Frauen weiterhin, so wie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich für sie dahingegeben hat“ (Epheser 5:25). Wenn ein Mann Christus nachahmt und seine Frau liebevoll und verständnisvoll behandelt, erfüllt er wesentliche Aspekte des Gesetzes des Christus. Jesus bewies selbst kleinen Kindern gegenüber offen seine Zuneigung, indem er sie in die Arme schloß, ihnen die Hände auflegte und sie segnete (Markus 10:16). Eltern, die das Gesetz des Christus erfüllen, zeigen ebenfalls, daß sie ihre Kinder lieben. Es gibt allerdings Eltern, die sich damit schwertun, Jesus in diesem Punkt nachzuahmen. Manchen fällt es von Natur aus nicht leicht, ihre Gefühle zu zeigen. Ihr Eltern, laßt euch dadurch nicht davon abhalten, euren Kindern zu zeigen, wie sehr ihr sie liebt! Es genügt nicht, wenn ihr wißt, daß ihr eure Kinder liebt. Sie müssen es auch wissen. Solange ihr keine Möglichkeit findet, ihnen eure Liebe zu zeigen, wird ihnen das nämlich nicht bewußt sein. (Vergleiche Markus 1:11.)
6. (a) Müssen Eltern für ihre Kinder Regeln aufstellen, und warum antwortest du so? (b) Welchen eigentlichen Grund für häusliche Regeln müssen Kinder verstehen? (c) Welche Gefahren werden vermieden, wenn in einer Hausgemeinschaft das Gesetz des Christus vorherrscht?
6 Kinder benötigen allerdings auch Richtlinien, was bedeutet, daß ihre Eltern Regeln aufstellen und durchsetzen müssen — manchmal sogar mit Zucht (Hebräer 12:7, 9, 11). Den Kindern muß außerdem gezeigt werden, daß der eigentliche Grund für diese Regeln die Liebe ihrer Eltern ist. Und sie müssen lernen, daß es für sie keinen besseren Grund gibt, ihren Eltern zu gehorchen, als die Liebe (Epheser 6:1; Kolosser 3:20; 1. Johannes 5:3). Kluge Eltern möchten ihre Kinder schließlich lehren, ihre „Vernunft“ zu gebrauchen, damit sie einmal selbst gute Entscheidungen treffen können (Römer 12:1; vergleiche 1. Korinther 13:11). Allerdings sollten sich die Regeln in Grenzen halten, und die Zucht sollte nicht zu streng sein. Paulus sagte: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden“ (Kolosser 3:21; Epheser 6:4). Zucht, die in unbeherrschtem Zorn oder mit beißendem Sarkasmus erteilt wird, hat keinen Platz in einer Hausgemeinschaft, in der das Gesetz des Christus vorherrscht. In solch einem Zuhause fühlen sich Kinder sicher und ermuntert, nicht belastet oder herabgesetzt. (Vergleiche Psalm 36:7.)
7. Inwiefern können Bethelheime als Vorbild dienen, wenn zu Hause Regeln festgelegt werden müssen?
7 Einige, die Bethelheime irgendwo auf der Erde besucht haben, sagen, daß diese ein gutes Beispiel für Ausgewogenheit sind, was Regeln für eine Familie betrifft. Dort leben zwar Erwachsene, aber diese Einrichtungen funktionieren in vieler Hinsicht wie Familien.a Die Tätigkeiten eines Bethels sind komplex und erfordern eine ganze Reihe von Regeln — gewiß weit mehr, als für eine Durchschnittsfamilie nötig sind. Trotzdem bemühen sich die Ältesten, die in den Wohn-, Büro- und Druckereibereichen des Bethels die Führung übernehmen, das Gesetz des Christus anzuwenden. Sie betrachten es als ihre Aufgabe, nicht nur die Arbeit zu organisieren, sondern unter ihren Mitarbeitern auch Fortschritte in geistiger Hinsicht und „die Freude Jehovas“ zu fördern (Nehemia 8:10). Sie bemühen sich daher, alles auf positive und erbauende Weise zu tun und vernünftig zu sein (Epheser 4:31, 32). Kein Wunder, daß Bethelfamilien für ihren freudigen Geist bekannt sind!
In der Versammlung
8. (a) Was sollte in der Versammlung stets unser Ziel sein? (b) In Verbindung womit haben einige Regeln erbeten oder aufstellen wollen?
8 In der Versammlung ist es ebenfalls unser Ziel, einander im Geist der Liebe zu erbauen (1. Thessalonicher 5:11). Daher sollten alle Christen sorgfältig darauf achten, die Belastungen anderer nicht noch dadurch zu vergrößern, daß sie ihnen in Verbindung mit persönlichen Entscheidungen die eigenen Vorstellungen aufzudrängen suchen. Manche schreiben an die Gesellschaft und bitten um Regeln, wie sie beispielsweise bestimmte Filme, Bücher oder sogar Spielsachen betrachten sollten. Doch die Gesellschaft ist nicht befugt, solche Dinge zu untersuchen und zu beurteilen. In den meisten Fällen muß jeder einzelne beziehungsweise jedes Familienhaupt darüber entscheiden, gestützt auf Liebe zu biblischen Grundsätzen. Andere neigen dazu, aus Empfehlungen und Richtlinien der Gesellschaft Regeln zu machen. So wurde zum Beispiel im Wachtturm vom 15. März 1996 ein vorzüglicher Artikel veröffentlicht, durch den Älteste ermuntert wurden, bei den Gliedern einer Versammlung regelmäßig Hirtenbesuche zu machen. Geschah das in der Absicht, Regeln aufzustellen? Nein. Diejenigen, die die Empfehlungen anwenden können, werden zwar in vieler Hinsicht Nutzen daraus ziehen, aber manche Älteste werden nicht so vorgehen können. In ähnlicher Weise wurde im Wachtturm vom 1. April 1995 unter „Fragen von Lesern“ davor gewarnt, in Verbindung mit einer Taufe durch Extreme von der Würde des Anlasses abzulenken, zum Beispiel durch wildes Feiern oder durch Aufführen von Siegesparaden. Einige haben diesen wohldurchdachten Rat so extrem ausgelegt, daß sie es schon für verkehrt hielten, aus diesem Anlaß eine ermunternde Karte zu schreiben!
9. Warum müssen wir uns unbedingt davor hüten, überkritisch oder nörglerisch miteinander umzugehen?
9 Bedenken wir auch folgendes: Wenn „das vollkommene Gesetz, das zur Freiheit gehört“, in unserer Mitte vorherrschen soll, müssen wir anerkennen, daß nicht jedes christlich geschulte Gewissen gleich reagiert (Jakobus 1:25). Sollten wir aus der persönlichen Entscheidung anderer, durch die keine biblischen Grundsätze verletzt werden, eine Streitfrage machen? Nein, denn das könnte nur zu Spaltungen führen (1. Korinther 1:10). Paulus warnte davor, einen Mitchristen zu verurteilen, und sagte: „Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn. In der Tat, er wird zum Stehen veranlaßt werden, denn Jehova kann veranlassen, daß er steht“ (Römer 14:4). Wir laufen Gefahr, uns Gottes Mißfallen zuzuziehen, wenn wir wegen Dingen, die dem Gewissen des einzelnen zu überlassen sind, gegeneinander reden (Jakobus 4:10-12).
10. Wer ist beauftragt, über die Versammlung zu wachen, und wie sollten wir diese Personen unterstützen?
10 Denken wir auch daran, daß die Ältesten beauftragt sind, über die Herde Gottes zu wachen (Apostelgeschichte 20:28). Sie sind da, um zu helfen. Wir sollten uns frei fühlen, sie um Rat zu fragen, denn sie sind Erforscher der Bibel und mit dem vertraut, was in den Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft behandelt wurde. Wenn die Ältesten ein Verhalten bemerken, das leicht zu einer Verletzung biblischer Grundsätze führen kann, werden sie furchtlos erforderlichen Rat geben (Galater 6:1). Die Glieder der Versammlung befolgen das Gesetz des Christus dadurch, daß sie mit den liebevollen Hirten zusammenarbeiten, die in ihrer Mitte die Führung übernehmen (Hebräer 13:7).
Älteste wenden das Gesetz des Christus an
11. Wie wenden Älteste in der Versammlung das Gesetz des Christus an?
11 Älteste sind darauf bedacht, in der Versammlung das Gesetz des Christus zu erfüllen. Sie übernehmen die Führung beim Predigen der guten Botschaft, lehren auf eine Weise aus der Bibel, die das Herz erreicht, und reden als liebevolle, sanfte Hirten mit „bekümmerten Seelen“ (1. Thessalonicher 5:14). Sie hüten sich vor einem unchristlichen Verhalten, wie es in vielen Kirchen der Christenheit zu beobachten ist. Die heutige Welt verfällt zwar zusehends, und die Ältesten machen sich wahrscheinlich wie Paulus Sorgen um die Herde; doch sie bleiben ausgeglichen, während sie Probleme angehen (2. Korinther 11:28).
12. Wie wird ein Ältester wahrscheinlich reagieren, wenn ihn ein anderer Christ um Hilfe bittet?
12 Ein Christ könnte beispielsweise in einer wichtigen Angelegenheit, auf die in der Bibel nirgendwo direkt eingegangen wird oder bei der verschiedene christliche Grundsätze abgewogen werden müssen, den Rat eines Ältesten suchen. Vielleicht wurde ihm am Arbeitsplatz eine Beförderung angeboten, die eine höhere Bezahlung, aber auch größere Verantwortung mit sich bringt. Oder der ungläubige Vater eines jungen Christen stellt womöglich Forderungen an seinen Sohn, die sich auf dessen Predigtdienst auswirken könnten. In solchen Situationen wird sich der Älteste davor hüten, seine persönliche Meinung zu äußern. Wahrscheinlich wird er statt dessen die Bibel aufschlagen und dem Betreffenden helfen, über die entsprechenden Grundsätze nachzudenken. Er könnte, falls verfügbar, mit Hilfe des Index der Wachtturm-Publikationen ausfindig machen, was der „treue und verständige Sklave“ auf den Seiten des Wachtturms oder in anderen Veröffentlichungen zu dem Thema gesagt hat (Matthäus 24:45). Doch was ist, wenn der Christ anschließend eine Entscheidung trifft, die dem Ältesten nicht klug erscheint? Solange durch die Entscheidung nicht direkt biblische Grundsätze oder Gesetze übertreten werden, wird der Christ feststellen, daß der Älteste jedem das Recht zugesteht, eine solche Entscheidung zu treffen, da er weiß, daß ‘jeder seine eigene Last tragen wird’. Der Christ sollte allerdings auch folgendes bedenken: „Was immer ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Galater 6:5, 7).
13. Warum werden Älteste anderen helfen, Dinge zu durchdenken, statt Fragen direkt zu beantworten oder die eigene Meinung zu äußern?
13 Warum handelt der erfahrene Älteste so? Aus mindestens zwei Gründen. Erstens sagte Paulus zu einer Versammlung, daß er nicht ‘der Herr über ihren Glauben’ war (2. Korinther 1:24). Der Älteste hilft dem Bruder mit der gleichen Einstellung wie Paulus, das zu erwägen, was die Bibel sagt, damit dieser dann eine fundierte persönliche Entscheidung treffen kann. Dem Ältesten ist bewußt, daß seiner Autorität Grenzen gesetzt sind, wie sich auch Jesus dessen bewußt war, daß seine Autorität begrenzt war (Lukas 12:13, 14; Judas 9). Gleichzeitig geben Älteste bereitwillig hilfreichen — nötigenfalls sogar strengen — biblischen Rat. Zweitens schult der Älteste seinen Glaubensbruder. Der Apostel Paulus sagte: „Die feste Speise ... gehört reifen Menschen, denen, die ihr Wahrnehmungsvermögen durch Gebrauch geübt haben zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht“ (Hebräer 5:14). Damit wir zur Reife heranwachsen, müssen wir daher unser eigenes Wahrnehmungsvermögen gebrauchen und dürfen nicht nur darauf vertrauen, von anderen Antworten zu erhalten. Der Älteste hilft seinem Glaubensbruder, Fortschritte zu machen, indem er ihm zeigt, wie man auf die Bibel gestützte Schlüsse zieht.
14. Wie können reife Christen zeigen, daß sie auf Jehova vertrauen?
14 Wir können darauf vertrauen, daß Jehova Gott durch seinen heiligen Geist auf das Herz wahrer Anbeter einwirken wird. Reife Christen sprechen daher das Herz ihrer Brüder an, sie reden ihnen bittend zu, wie es der Apostel Paulus tat (2. Korinther 8:8; 10:1; Philemon 8, 9). Paulus wußte, daß zumeist nicht der Gerechte, sondern der Ungerechte detaillierte Gesetze benötigt, wenn er den Pfad der Tugend gehen möchte (1. Timotheus 1:9). Er war nicht argwöhnisch oder mißtrauisch, sondern vertraute seinen Brüdern. An eine Versammlung schrieb er: „Wir [haben] in bezug auf euch ... Zuversicht im Herrn“ (2. Thessalonicher 3:4). Der Glaube, das Vertrauen und die Zuversicht des Paulus trugen gewiß dazu bei, diese Christen zu motivieren. Älteste und reisende Aufseher verfolgen heute ähnliche Ziele. Welch eine Erfrischung diese treuen Männer doch bieten können, während sie die Herde Gottes liebevoll hüten! (Jesaja 32:1, 2).
Gemäß dem Gesetz des Christus leben
15. Welche Fragen könnten wir uns stellen, um uns zu vergewissern, ob wir in Verbindung mit unseren Brüdern das Gesetz des Christus anwenden?
15 Wir alle müssen durch eine regelmäßige Selbstprüfung feststellen, ob wir gemäß dem Gesetz des Christus leben und es hochhalten (2. Korinther 13:5). Es kann für uns alle tatsächlich von Nutzen sein, uns zu fragen: „Bin ich jemand, der andere erbaut, oder kritisiere ich nur? Bin ich ausgeglichen oder extrem? Nehme ich auf andere Rücksicht, oder bestehe ich auf meinen Rechten?“ Ein Christ versucht nicht, seinem Bruder vorzuschreiben, was er in Angelegenheiten, die in der Bibel nicht ausdrücklich behandelt werden, zu tun oder zu lassen hat (Römer 12:1; 1. Korinther 4:6).
16. Wie können wir Personen mit geringem Selbstwertgefühl helfen, wodurch wir einen wesentlichen Aspekt des Gesetzes des Christus erfüllen?
16 In den gegenwärtigen kritischen Zeiten ist es wichtig, daß wir nach Möglichkeiten suchen, einander zu ermuntern (Hebräer 10:24, 25; vergleiche Matthäus 7:1-5). Wenn wir unsere Brüder und Schwestern betrachten, sind uns dann nicht ihre guten Eigenschaften viel wichtiger als ihre Schwächen? Für Jehova ist jeder kostbar. Leider denken nicht alle so, manche nicht einmal in bezug auf die eigene Person. Viele neigen dazu, bei sich nur die Fehler und Unvollkommenheiten zu sehen. Könnten wir in dem Bemühen, die Betreffenden zu ermuntern, bei jeder Zusammenkunft mit ein oder zwei Personen sprechen und sie wissen lassen, warum wir ihre Anwesenheit und den wertvollen Beitrag schätzen, den sie in der Versammlung leisten? Welch eine Freude ist es doch, ihre Bürde auf diese Weise zu erleichtern und dadurch das Gesetz des Christus zu erfüllen! (Galater 6:2).
Das Gesetz des Christus ist wirksam!
17. Auf welchen verschiedenen Gebieten sehen wir in unserer Versammlung, daß das Gesetz des Christus wirksam ist?
17 Das Gesetz des Christus ist in der Christenversammlung wirksam. Wir können es täglich sehen — wenn Mitzeugen eifrig über die gute Botschaft sprechen, wenn sie einander trösten und ermuntern, wenn sie darum kämpfen, Jehova trotz schwierigster Probleme zu dienen, wenn sich Eltern bemühen, ihre Kinder so aufzuziehen, daß auch sie Jehova mit einem freudigen Herzen dienen, wenn Aufseher Gottes Wort mit Liebe und Herzlichkeit lehren und die Herde anspornen, glühenden Eifer zu haben, um Jehova für immer zu dienen (Matthäus 28:19, 20; 1. Thessalonicher 5:11, 14). Wie es doch das Herz Jehovas erfreut, wenn wir als einzelne das Gesetz des Christus in unserem Leben wirken lassen! (Sprüche 23:15). Er möchte, daß alle, die sein vollkommenes Gesetz lieben, für immer leben. Im künftigen Paradies wird einmal die Zeit kommen, in der die Menschheit vollkommen sein wird, eine Zeit ohne Gesetzesbrecher, eine Zeit, in der wir jede Neigung unseres Herzens beherrschen können. Welch eine herrliche Belohnung dafür, gemäß dem Gesetz des Christus zu leben!
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