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Erwachet! 1999
g99 22. 4. S. 20-25

Nach Sibirien verbannt

VON WASSILIJ KALIN ERZÄHLT

Mitten im Lärm explodierender Artilleriegeschosse liest ein Mann seelenruhig in der Bibel. Wer möchte nicht gern wissen, woher er die Ruhe nimmt? Genau diese Szene beobachtete mein Vater vor mehr als 56 Jahren.

ES WAR im Juli 1942. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange. Als die deutsche Frontlinie quer durch Wilschaniza (Ukraine) verlief, den Heimatort meines Vaters, ging mein Vater zu einigen älteren Dorfbewohnern. Überall schlugen Geschosse ein, doch der eingangs erwähnte Mann saß am Ofen, wärmte etwas Haferbrei auf und las in der Bibel.

Fünf Jahre später wurde ich geboren — unweit der schönen Stadt Iwano-Frankowsk in der Westukraine, die damals zur Sowjetunion gehörte. Später erzählte mir mein Vater von seiner denkwürdigen Begegnung mit dem Mann, einem Zeugen Jehovas, und von den schrecklichen Kriegsjahren. Die Menschen waren entkräftet und verzweifelt. Viele fragten sich: Warum gibt es so viel Ungerechtigkeit? Warum müssen Tausende Unschuldige sterben? Warum läßt Gott das alles zu? Warum? Warum? Warum?

Über solche Fragen führte mein Vater ein langes, offenes Gespräch mit dem zuvor erwähnten älteren Mann. Dieser schlug in seiner Bibel einen Text nach dem anderen auf und beantwortete die Fragen, die meinen Vater schon so lange beschäftigt hatten. Der Zeuge erklärte, Gottes Vorsatz bestehe darin, allen Kriegen zu der von ihm bestimmten Zeit ein Ende zu machen und die Erde in ein wunderschönes Paradies zu verwandeln (Psalm 46:9; Jesaja 2:4; Offenbarung 21:3, 4).

Mein Vater eilte nach Hause und rief aus: „Stellt euch vor, eine einzige Unterhaltung mit einem Zeugen Jehovas hat mir die Augen geöffnet! Ich habe die Wahrheit gefunden!“ Wie Vater sagte, sei er zwar regelmäßig in die katholische Kirche gegangen, doch kein Priester konnte jemals seine Fragen beantworten. So fing er an, die Bibel zu studieren, und meine Mutter schloß sich ihm an. Meine Eltern belehrten auch ihre drei Kinder — meine Schwester, die erst 2 Jahre alt war, und meine Brüder von 7 und 11 Jahren. Kurz danach wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen und so schwer beschädigt, daß nur noch ein einziges Zimmer bewohnbar war.

Meine Mutter stammte aus einer großen Familie. Sie hatte sechs Schwestern und einen Bruder. Ihr Vater gehörte zu den wohlhabenden Leuten in der Gegend; er war standesbewußt und legte Wert auf Ansehen. Daher waren die Verwandten anfangs gegen den neugefundenen Glauben unserer Familie. Doch nach und nach trennten sich viele dieser einstigen Gegner von unbiblischen religiösen Praktiken, wie dem Gebrauch von Ikonen, und sie schlossen sich meinen Eltern in der wahren Anbetung an.

Die Priester stachelten die Leute offen gegen die Zeugen auf. So kam es, daß Einheimische bei meinen Eltern die Fenster einschlugen und sie bedrohten. Ungeachtet dessen setzten sie das Bibelstudium fort. 1947, als ich geboren wurde, beteten meine Angehörigen Jehova bereits mit Geist und Wahrheit an (Johannes 4:24).

In die Verbannung

An die frühen Morgenstunden des 8. April 1951 kann ich mich noch lebhaft erinnern, obwohl ich damals erst 4 Jahre alt war. Soldaten mit Hunden betraten unsere Wohnung. Sie legten einen Ausweisungsbefehl vor und begannen mit einer Haussuchung. An der Haustür standen einige Soldaten mit Maschinengewehren und Hunden; Männer in Uniform saßen am Tisch und warteten, während wir uns beeilten, in zwei Stunden für den Abtransport fertig zu sein — soviel Zeit hatte man uns eingeräumt. Ich wußte nicht, was das alles zu bedeuten hatte, und fing an zu weinen.

Meine Eltern wurden aufgefordert, ein Schriftstück zu unterschreiben, in dem es hieß, sie seien keine Zeugen Jehovas mehr und würden in Zukunft nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Hätten sie unterschrieben, dann hätten sie in ihrer Heimat und somit in ihrer Wohnung bleiben können. Aber mein Vater erklärte fest entschlossen: „Ich bin davon überzeugt, daß unser Gott, Jehova, mit uns ist, ungeachtet, wohin Sie uns bringen.“

„Denken Sie doch an Ihre Familie, an Ihre Kinder“, sagte der Beamte eindringlich. „Sie werden schließlich nicht in ein Erholungsgebiet gebracht, sondern in den hohen Norden, in den ewigen Schnee, wo man auf der Straße Eisbären begegnet.“

Bei dem Wort „Sibirien“ dachte damals jeder an etwas Schreckliches und Mysteriöses. Doch der Glaube an Jehova und die tiefe Liebe zu ihm waren stärker als die Furcht vor dem Unbekannten. Unser Hab und Gut wurde auf einen Wagen geladen, und dann brachte man uns in die Stadt, wo wir zusammen mit 20 bis 30 Familien in Güterwagen gesteckt wurden. So begann unsere Reise in die weit entfernte Taiga, die Wildnis von Sibirien.

Unterwegs stießen wir an Bahnhöfen auf weitere Züge mit Menschen, die auf dem Weg in die Verbannung waren, und wir sahen an den Waggons Schilder mit der Aufschrift: „Zeugen Jehovas“. Das war ein Zeugnis von besonderer Art, denn auf diese Weise erfuhren viele, daß Tausende von Zeugen mit ihren Familien in nördliche und weit östlich gelegene Regionen deportiert wurden.

Es ist ausreichend dokumentiert, daß man im April 1951 einen Transport Zeugen Jehovas in die Verbannung schickte. Der Historiker Walter Kolarz schreibt darüber in seinem Buch Die Religionen in der Sowjetunion: „Das war nicht das Ende der Zeugen in Rußland, sondern nur der Beginn eines neuen Kapitels ihrer Bekehrungsversuche. Sie versuchten sogar, ihren Glauben zu verbreiten, wenn sie auf ihrem Weg ins Exil auf Bahnhöfen anhielten. Die Sowjetregierung konnte nichts Besseres für die Aussaat ihres Glaubens tun, als sie zu verschicken. Aus ihrer dörflichen Einsamkeit wurden die Zeugen in eine weitere Welt gebracht, selbst wenn dies die schreckliche Welt der Konzentrations- und Sklavenarbeitslager war.“

Unsere Familie hatte Glück, denn sie durfte einiges an Nahrungsmitteln mitnehmen: Mehl, Getreide und Bohnen. Meinem Großvater erlaubte man sogar, ein Schwein zu schlachten, so daß wir und andere Zeugen etwas zu essen hatten. Unterwegs hörte man den Gesang ergreifender Lieder, die aus den Eisenbahnwagen nach außen drangen. Jehova gab uns die Kraft zum Ausharren (Sprüche 18:10).

Fast drei Wochen lang reisten wir quer durch Rußland und erreichten schließlich das kalte, einsame und entlegene Sibirien. Man brachte uns bis zur Bahnstation Tareja in der Gegend von Tschunskij im Verwaltungsbezirk Irkutsk. Von dort ging es tiefer hinein in die Taiga zu einem Dörfchen, das in unseren Dokumenten als unsere „endgültige Wohnstätte“ bezeichnet wurde. Die Habseligkeiten von 15 Familien paßten mit Leichtigkeit auf einen Schlitten, der von einem Traktor durch den Schlamm (weil gerade Frühling war) gezogen wurde. Ungefähr 20 Familien wurden in langen Baracken untergebracht, die lediglich einen Korridor hatten, jedoch keine Trennwände. Die Behörden hatten die Einheimischen im voraus vor Jehovas Zeugen gewarnt und erklärt, es seien schreckliche Leute. Daher fürchteten sich die Nachbarn anfangs vor uns und scheuten sich, uns näher kennenzulernen.

Arbeit in der Verbannung

Jehovas Zeugen mußten unter den härtesten Bedingungen Bäume fällen. Das Sägen der Baumstämme und das Spalten sowie das Verladen auf Pferdewagen und das spätere Beladen der Eisenbahnwagen erfolgte von Hand. Was alles noch erschwerte, waren Schwärme von Stechmücken, vor denen man sich nicht retten konnte. Mein Vater hatte furchtbar zu leiden. Sein Körper war völlig verquollen. Er bat Jehova inständig um Kraft, damit er ausharren konnte. Trotz all der Schwierigkeiten bewahrte die große Mehrheit der Zeugen Jehovas jedoch einen unerschütterlichen Glauben.

Schon bald wurden wir nach Irkutsk gebracht; unsere Familie wohnte in einem ehemaligen Gefangenenlager und arbeitete in einer Ziegelei. Die Ziegel wurden mit bloßen Händen direkt aus großen, heißen Öfen geholt und verladen; das Arbeitspensum wurde ständig erhöht, so daß selbst Kinder ihren Eltern helfen mußten, das Geforderte zu schaffen. Das erinnerte uns an die Sklavenarbeit der Israeliten im alten Ägypten (2. Mose 5:9-16).

Es blieb nicht verborgen, daß Jehovas Zeugen hart arbeitende und ehrliche Leute waren, keine „Volksfeinde“, wie behauptet wurde. Es fiel auf, daß kein einziger Zeuge Behördenvertreter beleidigte oder sich gegen Entscheidungen der Obrigkeit auflehnte. Viele schätzten mit der Zeit sogar ihren Glauben.

Unser Glaubensleben

Die Zeugen wurden zwar häufig durchsucht — vor der Verbannung, unterwegs und auch am Bestimmungsort —, doch vielen gelang es, Wachtturm-Ausgaben und sogar Bibeln zu verstecken. Später wurden die Ausgaben von Hand und auf andere Weise vervielfältigt. In den Baracken fanden regelmäßig christliche Zusammenkünfte statt. Traf der Barackenkommandant eine Gruppe von uns singend an, befahl er uns, damit aufzuhören, was wir auch taten. Doch wenn er auf dem Weg zur nächsten Baracke war und daher außer Sicht- und Hörweite, sangen wir weiter. Es war unmöglich, uns zum Schweigen zu bringen.

Auch was unsere Predigttätigkeit betraf, gab es niemals einen Stillstand. Die Zeugen sprachen mit jedem und überall. Meine älteren Brüder und meine Eltern haben mir oft erzählt, was sie alles unternommen hatten, um mit anderen über die biblische Wahrheit zu sprechen. So kam es, daß aufrichtige Menschen allmählich für die biblische Wahrheit gewonnen werden konnten. Jehovas Königreich wurde also schon Anfang der 50er Jahre in Irkutsk und Umgebung bekanntgemacht.

Zunächst betrachtete man Jehovas Zeugen als politische Gegner, doch später erkannte man von offizieller Seite an, daß sie eine rein religiöse Organisation sind. Dennoch versuchten die Behörden, unserer Tätigkeit Einhalt zu gebieten. Um nicht entdeckt zu werden, versammelten wir uns deshalb in kleineren Gruppen von zwei oder drei Familien zum Bibelstudium. An einem Februarmorgen des Jahres 1952 erfolgte in aller Frühe eine gründliche Durchsuchung. Daraufhin wurden 10 Zeugen inhaftiert, und die übrigen wurden an verschiedene Orte gebracht. Unsere Familie kam in das Dorf Iskra, das etwa 100 Einwohner zählte und ungefähr 30 Kilometer von Irkutsk entfernt lag.

Ausharren unter sich ändernden Verhältnissen

Die Gemeindeverwaltung empfing uns unerwartet gastfreundlich. Die Menschen waren einfach und liebenswürdig — einige kamen sogar aus ihrer Wohnung, um uns behilflich zu sein. Wir waren die dritte Familie, die in einen kleinen Raum von etwa 17 Quadratmetern eingewiesen wurde. Kerosinlampen waren die einzige Lichtquelle.

Am nächsten Morgen fand eine Wahl statt. Meine Eltern erklärten, sie hätten bereits Gottes Königreich gewählt, was die Leute natürlich nicht verstanden. So erhielten alle Erwachsenen unserer Familie einen Tag Arrest. Danach wurden sie von mehreren Leuten über ihren Glauben befragt, wodurch sie eine ausgezeichnete Gelegenheit hatten, von Gottes Königreich, der einzigen Hoffnung für die Menschheit, zu erzählen.

In den vier Jahren, die wir in dem Dorf Iskra wohnten, gab es in der Nähe keine weiteren Zeugen Jehovas, mit denen wir Gemeinschaft pflegen konnten. Um das Dorf verlassen zu können, benötigten wir eine Sondergenehmigung des Kommandanten, der aber nur selten bereit war, eine solche auszustellen, denn der Hauptgrund unserer Deportation bestand ja darin, uns von anderen zu isolieren. Aber die Zeugen bemühten sich ständig um Kontakt zueinander, damit sie neue geistige Speise austauschen konnten.

Nach Stalins Tod im Jahre 1953 wurde das Strafmaß aller verurteilten Zeugen von 25 auf 10 Jahre herabgesetzt. Wer in Sibirien lebte, benötigte kein besonderes Dokument mehr, um sich frei bewegen zu können. Die Behörden waren jedoch schnell dabei, Haussuchungen vorzunehmen und Zeugen unter Arrest zu stellen, wenn sie herausfanden, daß sie Bibeln oder bibelerklärende Schriften besaßen. In der Gegend von Irkutsk richtete man besondere Lager für Zeugen Jehovas ein, in die etwa 400 Brüder und 200 Schwestern eingewiesen wurden.

Berichte von der Verfolgung in der Sowjetunion erreichten Jehovas Zeugen in der ganzen Welt. Auf 199 Bezirkskongressen, die von Mitte 1956 bis Februar 1957 weltweit stattfanden, stimmten daher 462 936 Anwesende einer Petition zu, die an den damaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Nikolaj A. Bulganin gerichtet war. Unter anderem ging es in der Petition darum, uns freizulassen und uns „zu ermächtigen, die Zeitschrift Der Wachtturm in Russisch, Ukrainisch und je nach Bedarf in anderen Sprachen zu empfangen und zu veröffentlichen, desgleichen weitere biblische Schriften, wie sie von Jehovas Zeugen in der ganzen Welt verwendet werden“.

In der Zwischenzeit hatte man unsere Familie in das entlegene Dorf Hudjakowo geschickt, etwa 20 Kilometer von Irkutsk entfernt. Dort blieben wir sieben Jahre. 1960 ging mein Bruder Fjodor nach Irkutsk; ein Jahr später heiratete mein älterer Bruder, und meine Schwester zog weg. 1962 wurde Fjodor dann wegen seiner Predigttätigkeit verhaftet und eingesperrt.

Mein geistiges Wachstum

Von Hudjakowo aus mußten wir etwa 20 Kilometer zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen, um mit anderen zum Bibelstudium zusammenzukommen. Weil wir mit anderen Zeugen engeren Kontakt pflegen wollten, bemühten wir uns, nach Irkutsk zu ziehen. Doch der Gemeindevorsteher war gegen unseren Umzug und unternahm alles ihm Mögliche, uns daran zu hindern. Nach einiger Zeit wurde er jedoch freundlicher, und wir zogen in das Dorf Piwowaricha, etwa 10 Kilometer von Irkutsk entfernt. Dort gab es eine Versammlung der Zeugen Jehovas, und für mich begann ein neues Leben. In Piwowaricha hatte man Buchstudiengruppen organisiert, und Brüder leiteten die theokratischen Aktivitäten. Wie froh ich darüber war!

Um diese Zeit hatte sich meine Liebe zur biblischen Wahrheit sehr vertieft, und ich wollte mich taufen lassen. Im August 1965 ging dann mein Wunsch in Erfüllung, als ich mich in dem kleinen Fluß Olchá untertauchen ließ. Dort wurden damals übrigens viele Zeugen getauft. Dem oberflächlichen Beobachter kam es wahrscheinlich so vor, als würden wir ein Picknick veranstalten und im Fluß baden. Es dauerte nicht lange, und ich wurde zum Aufseher der Theokratischen Predigtdienstschule ernannt. Im November 1965 gab es einen weiteren Grund zur Freude, als Fjodor aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Wie das Werk gedieh

Im Jahre 1965 rief man alle Verbannten zusammen und teilte ihnen mit, daß sie nun das Recht hätten, dorthin zu ziehen, wohin sie wollten. Damit war das Ende unserer „endgültigen Wohnstätte“ gekommen. Kann sich jemand unsere Freude vorstellen? Während viele von uns in andere Landesteile zogen, beschlossen andere, dort zu bleiben, wo Jehova sie in geistiger Hinsicht und in ihrer Tätigkeit gesegnet hatte. Viele von diesen haben ihre Kinder, Enkel und Urenkel in Sibirien aufwachsen sehen, in einer Gegend, die schließlich doch nicht so abschreckend war.

Es war 1967, als ich Maria kennenlernte, ein junges Mädchen aus der Ukraine, das mit seinen Angehörigen ebenfalls nach Sibirien verbannt worden war. Als Kinder wohnten wir beide in dem Dorf Wilschaniza. 1968 heirateten wir. Einige Zeit später wurde unser Sohn Jaroslaw geboren und später unsere Tochter Oksana.

Anlässe wie Beerdigungen und Hochzeiten nutzten wir auch weiterhin, um mit vielen anderen geistige Gemeinschaft zu pflegen. Bei solchen Gelegenheiten unterhielten wir uns mit Verwandten und Freunden, die keine Zeugen waren, über die biblische Wahrheit. Häufig waren bei diesen Anlässen — wenn wir an Hand der Bibel ganz offen über die Auferstehungshoffnung, über die von Jehova stammende Eheeinrichtung oder über die künftigen Segnungen in der neuen Welt sprachen — auch Sicherheitsbeamte anwesend.

Einmal hatte ich gerade eine Begräbnisansprache beendet, als ein Auto vorfuhr, die Türen aufflogen und einer der Insassen ausstieg und mir befahl einzusteigen. Ich hatte keine Angst. Schließlich waren wir ja keine Verbrecher, sondern glaubten lediglich an Gott. Doch in meiner Tasche hatte ich Dienstberichte von Verkündigern unserer Versammlung. Man hätte mich deshalb einsperren können. Deshalb fragte ich, ob ich meiner Frau Geld geben dürfe, bevor ich mit ihnen ginge. Direkt vor ihnen übergab ich daraufhin meiner Frau in aller Ruhe die Brieftasche und die Berichte der Versammlung.

Von 1974 an vervielfältigten Maria und ich in unserer Wohnung heimlich biblische Literatur. Aus Rücksicht auf unseren kleinen Sohn verrichteten wir die Arbeit spätabends; er sollte nichts davon merken. Aber neugierig, wie er war, gab er vor zu schlafen und beobachtete uns heimlich, um zu sehen, was vor sich ging. Später sagte er dann einmal: „Ich weiß, wer die Zeitschriften über Gott macht.“ Wir waren zwar deswegen etwas besorgt, doch baten wir Jehova immer wieder, unsere Familie in diesem wichtigen Werk zu beschützen.

Mit der Zeit verhielten sich die Behörden gegenüber Jehovas Zeugen toleranter. Wir machten daher Pläne, im Kunst- und Freizeitzentrum „Mir“ in der Stadt Ussolje-Sibirskoje eine große Zusammenkunft abzuhalten. Den Behörden versicherten wir, daß unsere Zusammenkünfte einzig und allein dem Bibelstudium und der christlichen Gemeinschaft dienen. Mehr als 700 Personen füllten im Januar 1990 den Saal, was in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte.

Nach der Zusammenkunft fragte ein Reporter: „Wann haben Sie die Kinder eigentlich geschult?“ Auch andere Besucher staunten, daß die Kinder bei dieser ersten öffentlichen Zusammenkunft vier Stunden lang aufmerksam zuhörten. Kurz danach erschien in der Tageszeitung ein ausgezeichneter Artikel über Jehovas Zeugen. Es hieß unter anderem: „Man kann wirklich etwas von ... [Jehovas Zeugen] lernen!“

Freude über wunderbares Wachstum

Im Jahre 1991 fanden in der Sowjetunion sieben Kongresse statt, die von 74 252 Personen besucht wurden. Später, nachdem ehemalige Sowjetrepubliken die Unabhängigkeit erlangt hatten, wurde ich von der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas beauftragt, nach Moskau zu gehen. Dort fragte man mich, ob ich in der Lage sei, meinen Anteil am Königreichswerk zu vergrößern. Zu diesem Zeitpunkt war Jaroslaw bereits verheiratet und hatte ein Kind, und Oksana war inzwischen eine Jugendliche. Daher nahmen Maria und ich 1993 in Moskau den Vollzeitdienst auf. Noch im selben Jahr wurde ich zum Koordinator des Verwaltungszentrums der regionalen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Rußland ernannt.

Jetzt leben und arbeiten Maria und ich in unserem neuen Zweigbüro außerhalb von St. Petersburg. Ich betrachte es als eine Ehre, zusammen mit anderen treuen Brüdern die Königreichsverkündiger in Rußland zu betreuen, die zahlenmäßig rapide zunehmen. Derzeit gibt es weit über 260 000 Zeugen Jehovas in den ehemaligen Sowjetrepubliken; allein in Rußland sind es mehr als 100 000!

Oft denken Maria und ich an unsere lieben Verwandten und Freunde, die ihren Dienst für das Königreich in Sibirien treu fortsetzen — ein Gebiet, das zu unserer geliebten Heimat geworden war. Dort werden jetzt regelmäßig große Kongresse abgehalten. In Irkutsk und Umgebung sind etwa 2 000 Zeugen tätig. Ja, auch in diesem Teil der Welt erfüllt sich die Prophezeiung aus Jesaja 60:22: „Der Kleine selbst wird zu einem Tausend werden und der Geringe zu einer mächtigen Nation.“

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Mein Vater und ich mit unseren Angehörigen und anderen Verbannten in Irkutsk (1959)

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Kinder in der Verbannung in Iskra

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Im Jahr unserer Eheschließung

[Bild auf Seite 25]

Maria und ich heute

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