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Einsamkeit — Das unsichtbare LeidErwachet! 1993 | 22. September
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Einsamkeit — Das unsichtbare Leid
SIND sie in einer Menschenmenge auszumachen? Sieht man es ihnen an? Verbergen sie es beim Begrüßen hinter einem Lächeln? Kann man es an ihrem Gang oder an ihrer Haltung erkennen? Der alte Mann, der ganz allein auf einer Parkbank sitzt, oder die junge Frau, die allein ein Kunstmuseum besucht — werden sie von Einsamkeit gepeinigt? Betrachten wir drei Generationen — eine Großmutter, die mit ihrer Tochter und dem Enkelkind durch ein Einkaufszentrum bummelt. Die drei scheinen glücklich zu sein, doch wie sicher läßt sich das sagen? Oder nehmen wir unsere Arbeitskollegen. In unseren Augen sind sie zufriedene Menschen; sie haben eine Familie, die sich um sie kümmert, und ein ausreichendes Einkommen, das es ihnen ermöglicht, ein angenehmes Leben zu führen. Könnte es jedoch sein, daß einer von ihnen offen sagt: „Ich bin einsam.“? Und der anscheinend zufriedene, lebhafte Teenager dort, leidet er vielleicht auch unter Einsamkeit? Die Antworten auf diese Fragen überraschen uns womöglich.
In dem Werk Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary heißt es, „einsam“ zu sein würde „ein Gefühl der Trostlosigkeit oder der Verlassenheit hervorrufen“. Wer einsam ist, hat das Gefühl, es fehle ihm irgend etwas; er verspürt eine innere Leere, was ihm allerdings nicht immer anzusehen ist. Eine Forscherin sagte: „In unserer Gesellschaft ist Einsamkeit ein sorgsam gehütetes Geheimnis, ein Geheimnis, das wir manchmal sogar vor uns selbst hüten. Einsamkeit haftet ein Stigma an. Im allgemeinen ist man der Ansicht, ein einsamer Mensch sei selbst schuld an seinem Zustand, denn sonst hätte er doch schließlich eine Menge Freunde.“ Manchmal trifft das zu, vor allem wenn wir von anderen zuviel erwarten oder fordern.
Einsame Frauen
Fachleute scheinen sich darin einig zu sein, daß Frauen aller Altersklassen — insbesondere verheiratete — mehr vom Leben erwarten als Männer. Verständlicherweise fühlen sich Witwen, Geschiedene und ältere alleinstehende Frauen ab und zu einsam. Wie steht es indes um Frauen mit einer Familie, die allem Anschein nach glücklich verheiratet sind? Hören wir uns zum Beispiel an, worüber sich eine 40jährige Lehrerin beklagte: „Mir bleibt keine Zeit für Freunde, und das fehlt mir schrecklich. Doch ich fühle mich unwohl, wenn ich das sage. Denn warum sollte ich mich über Einsamkeit beklagen ...? Schließlich bin ich glücklich verheiratet, habe reizende Kinder, ein wunderschönes Zuhause und eine Arbeit, die mir Freude macht. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Aber irgend etwas fehlt.“
Obwohl eine Frau ihren Mann wirklich lieben mag und ihm treu ist — und umgekehrt dies auch der Fall ist —, befriedigt diese Liebe nicht unbedingt vollständig ihr Bedürfnis nach Gemeinschaft. Die oben zitierte Lehrerin erklärte: „Mein Mann ist zwar mein bester Freund, aber seine Freundschaft kann keine echten Freundinnen ersetzen. Ein Mann hört sich vielleicht an, was man zu sagen hat, eine Frau hingegen hört wirklich zu. Mein Mann will gar nicht wissen, wie sehr mich ein Problem mitnimmt. Er hat sofort eine Lösung parat. Doch eine Freundin wird mir ihr Ohr leihen. Und manchmal muß ich eben einfach nur reden.“
Verliert eine Frau einen geliebten Menschen — sei es durch den Tod oder durch eine Scheidung —, kann sie einen schweren seelischen Schock erleiden. Dann überfällt sie Einsamkeit. Die trauernde Witwe oder die Geschiedene sollte nicht nur bei Angehörigen und Freunden Trost suchen, sondern sie muß auch in sich gehen und auf ihre eigene Kraft zurückgreifen, um sich der neuen Realität anzupassen. Der Verlust wird zwar von nun an ein Teil ihres Lebens sein, doch sie muß sich bewußt werden, daß dies kein Hinderungsgrund sein darf, auch zukünftig ein aktives Leben zu führen. Wie Experten festgestellt haben, überwinden starke Persönlichkeiten Einsamkeit oft schneller als andere.
Man ist sich allerdings nicht darüber einig, wer mehr leidet — die Witwe oder die Geschiedene. Die Zeitschrift 50 Plus berichtete: „Wann immer wir geschiedene Personen in unsere Selbsthilfegruppe für Verwitwete einladen, diskutieren beide Gruppen heftig über die Frage, wessen Schmerz größer ist. Die Verwitweten sagen zu den Geschiedenen: ‚Euer Partner lebt wenigstens noch!‘, worauf die Geschiedenen erwidern: ‚Dafür seid ihr aber von niemandem persönlich zurückgewiesen worden. Ihr habt nicht das Gefühl, versagt zu haben.‘“
Einsame Männer
Wenn es um Einsamkeit geht, können sich Männer nicht damit brüsten, das stärkere Geschlecht zu sein. „Männer verarbeiten etwas eher physisch als emotionell“, sagte Anne Studner, Expertin in einem Hilfsprogramm für verwitwete Personen im Rahmen der AARP (Amerikanische Seniorenvereinigung). „Eine Frau spricht immer und immer wieder über ihren Schmerz, ein Mann dagegen versucht, seine Frau zu ersetzen, statt Trauerarbeit zu leisten.“ Unter Umständen beginnt ein Mann, der seine Frau verloren hat und einen Berater aufsucht, erst beträchtliche Zeit später, mit diesem nach und nach über seine Gefühle zu sprechen.
Im Gegensatz zu Frauen vertrauen sich Männer eher jemandem vom anderen Geschlecht an, wie Experten außerdem herausgefunden haben. Dr. Ladd Wheeler von der Universität Rochester, ein Fachmann auf dem Gebiet der Einsamkeit, sagte, ein Mann würde sich einem anderen Mann innerlich nicht genug aufschließen, so daß eine emotionelle Verbindung entstehen könnte. „Die Tatsache, daß verwitwete oder geschiedene Männer das dringende Bedürfnis verspüren, der bedrückenden emotionellen Isolierung zu entkommen und Gedankenaustausch mit einer Frau zu pflegen, mag unter anderem erklären, warum Männer in der Regel wesentlich schneller wieder heiraten als Frauen“ (aus der Zeitschrift 50 Plus).
Einsame junge Menschen
Es gibt viele Gründe, warum sich Kinder und junge Erwachsene einsam fühlen — oft sind es ähnliche wie im Falle älterer Menschen. Der Umzug an einen anderen Ort und der damit verbundene Verlust von Freunden; Schulkameraden in einer neuen Schule, die einen nicht mögen; der religiöse oder ethnische Hintergrund; die Scheidung der Eltern; das Gefühl, von den Eltern nicht geliebt zu werden; das Empfinden, von Personen des anderen Geschlechts zurückgewiesen zu werden — all das kann wesentlich zur Einsamkeit beitragen.
Die Jüngeren brauchen Spielgefährten, emotionellen Beistand und Verständnis, Zuneigung und Selbstbestätigung. Sie brauchen die Gewißheit, daß andere zu ihnen stehen und vertrauenswürdig sind. Wenn sie geliebt werden, fühlen sie sich geborgen und lernen, ihrerseits Liebe zu zeigen. Diese sozialen Stützen können von verschiedenen Seiten geboten werden — von Angehörigen, von Gleichaltrigen oder sogar von Haustieren.
Schüler und Schülerinnen von den untersten bis zu den höchsten Klassen leiden häufig in gleichem Ausmaß unter Einsamkeit; oftmals kommt es dazu, wenn sie von Gleichaltrigen nicht akzeptiert werden. „Ich fühl’ mich mies, weil ich allein bin und mit niemandem rede“, jammerte eine High-School-Schülerin. „Ich höre den Lehrern zu, mache meine Hausaufgaben, und das war’s dann. In den Pausen sitz’ ich einfach nur herum und male oder mache etwas anderes. Alle unterhalten sich, nur mit mir redet keiner. ... Mir ist klar, daß ich mich nicht ewig verstecken kann. Aber im Moment weiß ich keine andere Lösung.“
Es ist allerdings nicht immer richtig, der Reserviertheit oder dem Snobismus anderer die Schuld zu geben. Vielleicht fällt es jemandem schwer, sich richtig zu verhalten oder mit anderen auszukommen — er ist extrem schüchtern oder sehr temperamentvoll und viel zu impulsiv, oder er verträgt sich nicht mit Gleichaltrigen. Auch eine Behinderung kann schlimme Auswirkungen haben; Jugendliche jeden Alters mögen sich aus diesem Grund einsam fühlen, sofern sie keine starke Persönlichkeit haben und nicht aus sich herausgehen.
Die Notwendigkeit, sich selbst zu helfen
Die Gesundheitspädagogin Dolores Delcoma von der California State University in Fullerton erwähnte eine grundlegende Wahrheit, als sie sich über den Versuch eines Mannes äußerte, seine Einsamkeit zu bekämpfen: „Die Anstrengung muß von ihm selbst kommen. Er muß sein Problem irgendwann begreifen, denn ganz gleich, wie sehr sich andere um ihn bemühen — nur er kann erreichen, daß er mehr aus sich herausgeht.“
Laut Dr. Warren Jones sind Menschen, denen es schwerfällt, Verhaltenskorrekturen vorzunehmen, für Einsamkeit anfällig. Er erklärte: „Solche Menschen tun unwissentlich Dinge, die sie daran hindern, sich anderen nahe zu fühlen. Einige können nicht zuhören und lassen ihren Gesprächspartner nicht zu Wort kommen. Sie neigen dazu, andere und sich selbst überkritisch zu beurteilen; sie stellen kaum Fragen und zerstören oftmals eine Freundschaft durch gemeine oder geschmacklose Äußerungen.“
Außer den Menschen mit zuwenig Selbstachtung gibt es noch diejenigen, denen es am nötigen Geschick im Umgang mit anderen fehlt. Über sie sagte die Therapeutin Evelyn Moschetta: „Einsame Menschen sind nicht sehr überzeugt von sich. Da sie von vornherein Ablehnung erwarten, bemühen sie sich erst gar nicht, auf andere zuzugehen.“
Entgegen der landläufigen Meinung haben Forscher herausgefunden, daß ältere Frauen und Männer seltener unter Einsamkeit leiden als junge Menschen. Man weiß nicht genau, warum dies so ist. Wie man ebenfalls feststellte, ist Einsamkeit unter älteren Menschen nicht so sehr auf einen Mangel an Verwandten, sondern eher auf einen Mangel an Freunden zurückzuführen. „Es ist nicht so, daß ältere Menschen kein Interesse an ihren Verwandten haben. Schließlich wenden sie sich an diese um Hilfe. Aber ganz gleich, wie groß ihre Familie ist und wie sehr sie von ihr unterstützt werden, können sie sich trotzdem schrecklich einsam fühlen, wenn sie keine Freunde haben.“
Der Wunsch nach engen Freunden
Manchmal geben enge Freunde einem Menschen, wie alt er auch ist, etwas, was die Familie und Verwandte nicht vermitteln können. Man braucht einen Freund, einen vertrauten Freund, dem man sich anvertrauen oder offenbaren kann, ohne Angst haben zu müssen, von ihm verletzt zu werden. Das Gefühl der Einsamkeit kann ohne einen solchen Freund stärker werden. Über ihn schrieb der amerikanische Essayist Ralph Waldo Emerson: „Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.“ Dieser Freund ist vertrauenswürdig, man kann sich ihm völlig offenbaren, ohne Angst vor einem Vertrauensbruch haben zu müssen oder davor, daß die mitgeteilten Vertraulichkeiten dazu mißbraucht werden, einen in Verruf zu bringen oder vor anderen lächerlich zu machen. Vielleicht sind einige, die man als treue Gefährten betrachtet hat, dem Vertrauen, das in sie gesetzt wurde, nicht gerecht geworden, aber es gibt einen „Freund“, der „nicht das vertrauliche Gespräch eines anderen“ offenbart, „der anhänglicher ist als ein Bruder“ (Sprüche 18:24; 25:9).
Andere wiederum tun gern so, als seien sie hart und brauchten niemanden. Sie behaupten, unabhängig und nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Trotzdem schließen sie sich oft in Gruppen von „harten Männern“ zusammen. Kinder sind in Vereinen, bauen Vereinshäuser und gründen Banden; ältere Jugendliche gehören Motorradbanden an; Kriminelle haben Kumpel, die nicht „singen“; Menschen mit Alkoholproblemen schließen sich den Anonymen Alkoholikern an, jene mit Gewichtsproblemen gehen zu den Weight Watchers. Da die Menschen gesellig sind, schließen sie sich zur gegenseitigen Unterstützung zusammen. Selbst wenn es ihnen schlechtgeht, suchen sie Gesellschaft. Und ausnahmslos alle hassen Einsamkeit. Was kann man also gegen Einsamkeit tun?
[Herausgestellter Text auf Seite 5]
„Einsame Menschen sind nicht sehr überzeugt von sich“
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Einsamkeit — Bist du entschlossen, den Kampf zu gewinnen?Erwachet! 1993 | 22. September
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Einsamkeit — Bist du entschlossen, den Kampf zu gewinnen?
BIST du einsam? Es gibt Momente im Leben, in denen es natürlich ist, sich einsam zu fühlen, ganz gleich, ob man verheiratet oder ledig, Mann oder Frau, alt oder jung ist. Denken wir auch daran, daß Alleinsein nicht unbedingt Einsamkeit hervorruft. Ein Gelehrter, der in eine Forschungsarbeit vertieft ist, ist nicht einsam, auch wenn er allein ist. Und ein Künstler, der ein Bild malt, hat ebenfalls keine Zeit, sich einsam zu fühlen. Beide würden eine stille Stunde begrüßen; die Einsamkeit wäre dann ihr bester Freund.
Das Gefühl echter Einsamkeit entsteht tief im Inneren eines Menschen und läßt sich nicht in erster Linie auf äußere Umstände zurückführen. Die Ursache dafür kann ein trauriges Ereignis sein — ein Todesfall, eine Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder irgendeine andere Tragödie. Wenn wir unser Inneres erleuchten, kann diese Einsamkeit abnehmen, mit der Zeit vielleicht sogar ganz verschwinden, und wir verarbeiten den Verlust, der uns bedrückt hat.
Gefühle entspringen den Gedanken. Nachdem ein Verlust verarbeitet worden ist und die damit verbundenen Gefühle in den Hintergrund getreten sind, ist es an der Zeit, sich auf positive Gedanken zu konzentrieren, auf Gedanken, die einem helfen, auch zukünftig ein aktives Leben zu führen.
Sporn dich an. Hab dich unter Kontrolle. Es gibt positive Dinge zu tun. Geh daher aus dir heraus. Ruf jemanden an, schreib einen Brief, oder lies ein Buch. Lad Gäste ein; pfleg Gedankenaustausch. Wer Freunde haben möchte, muß selbst freundlich sein. Geh zuerst in dich, um dann auf andere zuzugehen. Erweise anderen Gefälligkeiten. Teile mit ihnen einen ermutigenden geistigen „Leckerbissen“. Du wirst feststellen, wie recht Jesus hatte, als er sagte: „Beglückender ist Geben als Empfangen.“ Und folgendes Sprichwort wird sich ebenfalls bewahrheiten: „Wer andere reichlich tränkt, wird auch selbst reichlich getränkt werden“ (Apostelgeschichte 20:35; Sprüche 11:25).
Es hängt von dir ab
Ist dies schwer in die Tat umzusetzen? Leichter gesagt als getan? Alles Lohnenswerte läßt sich leichter sagen als tun. Genau deswegen ist es so befriedigend, wenn man es getan hat. Du mußt dir besondere Mühe geben. Wenn du etwas von dir gibst, wirst du größere Befriedigung und Freude verspüren. Es liegt bei dir, dich anzustrengen, um die Einsamkeit, die dich beherrschen will, zu vertreiben. Ein Autor schrieb in der Zeitschrift Modern Maturity: „Niemand sonst ist dafür verantwortlich, daß du einsam bist, aber du kannst etwas dagegen unternehmen. Du kannst dein Leben schon durch eine einzige Freundschaft bereichern. Du kannst jemandem vergeben, von dem du meinst, er habe dich verletzt. Du kannst einen Brief schreiben oder ein Telefongespräch führen. Nur du kannst dein Leben ändern. Es gibt keinen anderen Menschen, der das für dich tun kann.“ Dann zitierte er aus einem Brief, den er erhalten hatte und „der den Nagel auf den Kopf trifft: ‚Ich sage den Leuten immer, daß sie allein es in der Hand haben, sich selbst vor der Einsamkeit oder dem Unerfülltsein zu bewahren. Packen wir’s an!‘“
Zu den hilfreichen Freunden müssen nicht unbedingt nur Menschen zählen. Ein Tierarzt sagte: „Für ältere Menschen stellen nicht körperliche Leiden das größte Problem dar, sondern die Einsamkeit und die Ablehnung, die sie erfahren. Haustiere (auch Hunde) geben dem Leben Älterer durch ihre ... Gesellschaft in einer Zeit Sinn und Bedeutung, in der sich diese oft von der Gesellschaft entfremdet haben.“ In der Zeitschrift Better Homes and Gardens war zu lesen: „Haustiere sind bei der Behandlung psychisch Gestörter hilfreich; sie motivieren körperlich Kranke, Behinderte und Invaliden, und sie geben einsamen und älteren Menschen neuen Lebensmut.“ In einem anderen Artikel dieser Zeitschrift hieß es über Menschen, deren Interesse an Haustieren wieder geweckt worden war: „Die Angstgefühle der Patienten ließen nach, und sie konnten ihren Heimtieren Liebe zeigen, ohne Ablehnung befürchten zu müssen. Später öffneten sie sich auch Menschen, indem sie sich zuerst über die Pflege ihrer Heimtiere unterhielten. Sie entwickelten ein Verantwortungsgefühl. Sie hatten das Empfinden, gebraucht zu werden.“
Nur allzuoft nimmt sich ein unter Einsamkeit leidender Mensch nicht genug zusammen, um sich selbst zu helfen und aus seinem Verzweiflungstief herauszukommen. Er verspürt eine gewisse Trägheit, einen Widerwillen, so große Anstrengungen zu unternehmen; begreift er jedoch den wahren Grund für seine Einsamkeit, wird ihm nichts anderes übrigbleiben. Dr. James Lynch schrieb über die menschliche Neigung, sich Ratschlägen zu widersetzen, die man schwer akzeptieren kann: „Der Mensch neigt im allgemeinen dazu, sich Informationen, die ihm mißfallen, gar nicht erst anzuhören, oder er läßt sie zumindest in seinem Verhalten unberücksichtigt.“ Jemand möchte seiner Einsamkeit vielleicht entkommen, aber möglicherweise ist er nicht bereit, die nötige Willenskraft aufzubringen.
Handle so, daß du fühlst, was du fühlen möchtest
Um eine schwere Niedergeschlagenheit zu überwinden, muß man beharrlich echte Fröhlichkeit und Freundlichkeit anstreben. (Vergleiche Apostelgeschichte 20:35.) Das schließt ein, das festsitzende Gefühl der Vereinsamung zu besiegen, und zwar dadurch, daß man sich nicht der lähmenden Teilnahmslosigkeit ergibt, sondern genau das Gegenteil davon tut. Sei fröhlich, tanze durchs Zimmer oder sing ein lustiges Lied. Tu irgend etwas, was dich fröhlich stimmt. Halte dich nicht zurück, übertreibe es ruhig, verscheuche den Griesgram in dir durch erfreuliche Gedanken. Welche zum Beispiel?
Einige werden in Philipper 4:8 erwähnt: „Schließlich, Brüder, alles, was wahr, alles, was von ernsthaftem Interesse ist, alles, was gerecht, alles, was keusch, alles, was liebenswert ist, alles, worüber gut gesprochen wird, wenn es irgendeine Tugend und irgend etwas Lobenswertes gibt, diese Dinge erwägt weiterhin.“
Es kommt darauf an, dem Leben einen Sinn zu geben. Wenn du weißt, daß dein Leben einen gewissen Sinn hat, wird dich das anspornen, diesem Sinn entsprechend zu handeln. Dann wirst du nicht so leicht von dem Gefühl bedrückender Einsamkeit übermannt werden. Das wird in Viktor Frankls Buch Man’s Search for Meaning auf interessante Weise dargelegt. In Verbindung damit erwähnt er Häftlinge in den Konzentrationslagern Hitlers. Diejenigen, die keinen Sinn in ihrem Leben sahen, fielen der Einsamkeit zum Opfer, und ihnen fehlte der Lebenswille. Aber „das Wissen um die inneren Werte ist in höheren, mehr spirituellen Dingen verankert und kann durch das Leben im Lager nicht erschüttert werden“. Er fährt fort: „Das Leiden hört in dem Augenblick in gewissem Sinn auf, Leiden zu sein, wenn es einen Sinn dafür gibt, wie zum Beispiel, wenn es ein Opfer darstellt. ... Der Mensch ist nicht so sehr darum bemüht, Vergnügen zu finden oder Schmerzen aus dem Weg zu gehen, sondern vielmehr darum, einen Sinn im Leben zu sehen. Aus diesem Grund ist er sogar bereit, Leiden auf sich zu nehmen; er muß jedoch die Gewißheit haben, daß sein Leiden nicht sinnlos ist.“
Das kostbarste Verhältnis
Wer eine wirklich durch Glauben geprägte Lebensauffassung entwickeln möchte, sollte sich Gott und seinem Wort, der Bibel, zuwenden. Durch den Glauben an Gott und durch aufrichtige Gebete kann unser Leben einen Sinn erhalten. Auch wenn zwischenmenschliche Beziehungen zerbrechen, fühlen wir uns nicht allein gelassen und der Einsamkeit ausgeliefert. Wie Viktor Frankl sagte, kann man Leiden, die einen Sinn haben, ertragen, ja sie können sogar ein Grund zur Freude sein. Ein Beobachter der menschlichen Natur erklärte: „Ein Märtyrer am Pfahl kann eine Zufriedenheit verspüren, um die ihn ein König auf dem Thron beneiden mag.“
Die Apostel Christi verspürten eine von Jehova kommende Freude, als sie von Menschen verfolgt wurden; jene Leiden waren für sie von großer Bedeutung. „Glücklich sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt worden sind, da das Königreich der Himmel ihnen gehört. Glücklich seid ihr, wenn man euch schmäht und euch verfolgt und lügnerisch allerlei Böses gegen euch redet um meinetwillen. Freut euch, und springt vor Freude, da euer Lohn groß ist in den Himmeln; denn ebenso verfolgte man vor euch die Propheten“ (Matthäus 5:10-12). Eine ähnliche Reaktion wird in Apostelgeschichte 5:40, 41 beschrieben: „Sie riefen die Apostel herein, peitschten sie aus und befahlen ihnen, nicht mehr aufgrund des Namens Jesu zu reden, und ließen sie gehen. Diese nun gingen aus dem Sanhedrin hinweg, voll Freude, weil sie für würdig erachtet worden waren, um seines Namens willen in Unehre zu kommen.“
Wo man eine Rose züchtet, kann keine Distel wachsen
Füllen wir unseren Sinn mit dem Samen des Schönen und des Positiven; lassen wir keinen Raum für den Samen der düsteren Verzweiflung und der trostlosen Einsamkeit. (Vergleiche Kolosser 3:2; 4:2.) Fällt das schwer? Unter gewissen Umständen scheint es unmöglich zu sein. Eine Dichterin schrieb: „Wo du eine Rose züchtest, ... kann keine Distel wachsen.“ Das zeigt ebenfalls, wie notwendig positive Anstrengungen sind sowie die Entschlossenheit, Willenskraft einzusetzen. Doch man kann es schaffen, ja manche haben es bereits geschafft.
Betrachten wir das Beispiel von Laurel Nisbet. Sie infizierte sich mit dem Poliovirus und kam im Alter von 36 Jahren in eine eiserne Lunge, in der sie die folgenden 37 Jahre flach auf dem Rücken liegen mußte. Da sie vom Hals abwärts gelähmt war, konnte sie nur den Kopf bewegen. Zuerst war sie völlig verzweifelt. Nachdem sie sich einen Tag lang bemitleidet hatte, sagte sie sich: „Schluß damit!“ Sie mußte zwei Kinder großziehen und hatte einen Mann zu versorgen. Sie begann, ihr Leben neu zu organisieren, und lernte, die Arbeiten im Haushalt von der eisernen Lunge aus zu leiten.
Laurel schlief sehr wenig. Wie verbrachte sie die langen Nächte? Ließ sie sich von Einsamkeit übermannen? Nein. Sie betete zu ihrem himmlischen Vater Jehova. Sie bat um Kraft, betete für ihre christlichen Brüder und Schwestern und bat um Gelegenheiten, über Gottes Königreich Zeugnis geben zu können. Sie fand Wege, anderen zu predigen, und beeindruckte viele durch das Zeugnis, das sie für den Namen Jehovas ablegte. Sie ließ nicht zu, daß Disteln der Einsamkeit wuchsen; sie war viel zu sehr mit dem Züchten von Rosen beschäftigt.
Das war auch bei Harold King so, einem Missionar der Watch Tower Society. Da er zu fünf Jahren Einzelhaft in einem chinesischen Gefängnis verurteilt worden war, wäre es eigentlich normal gewesen, wenn er lange Zeit unter Einsamkeit gelitten hätte. Er sah hingegen nicht schwarz, sondern lenkte seinen Sinn bewußt in eine andere Richtung. Später schrieb er:
„Ich nahm mir etwas ‚Predigtdienst‘ vor ... Wem könnte ich jedoch in Einzelhaft predigen? Ich wollte verschiedene Predigten auf Grund der Dinge, an die ich mich noch erinnern konnte, ausarbeiten und sie Personen halten, die ich in meiner Phantasie vor mir sah. Ich stellte mir vor, daß ich in den Dienst hinauszog, an den Türen klopfte und den Wohnungsinhabern Zeugnis gab. Jeden Morgen sprach ich im Geiste an einigen Türen vor. Im Laufe der Zeit traf ich eine ‚Frau Carter‘ an, die Interesse bekundete. Nach einigen Besuchen konnte ein Heimbibelstudium vereinbart werden. Während des Studiums betrachteten wir die Hauptthemen im Buch ‚Gott bleibt wahrhaftig‘, wie ich sie noch in Erinnerung hatte. Ich sprach dieses alles laut vor mich hin, damit die Gedanken durch den Klang noch tiefer in meinen Sinn eindringen würden.“
Die Tausende von Zeugen Jehovas, die in Hitlers Konzentrationslagern inhaftiert waren, hätten ihre Freiheit zurückerhalten, wenn sie ihrem Glauben einfach abgeschworen hätten. Dies taten nur sehr wenige. Tausende starben in Treue — einige durch Hinrichtung, manche infolge von Krankheit oder Unterernährung. Josef, ein inhaftierter Zeuge, hatte zwei Brüder, die in anderen Lagern waren. Einer von ihnen mußte sich flach auf den Rücken legen, damit er das Beil sah, mit dem er enthauptet wurde. Josef berichtet: „Als die anderen Zeugen [im Lager] dies hörten, kamen sie und gratulierten mir. Ihre positive Einstellung berührte mich tief. Treu zu bleiben war für uns wichtiger, als zu überleben.“
Josefs anderer Bruder, der sich einem Exekutionskommando gegenübersah, wurde gefragt, ob er noch etwas sagen wolle. Er bat darum, beten zu dürfen, was ihm auch gestattet wurde. Er betete so inbrünstig und mit solch einer tiefempfundenen Freude, daß keiner der Soldaten dem Schießbefehl gehorchte. Der Befehl wurde wiederholt, worauf ein Schuß abgefeuert wurde, der ihn in den Leib traf. Wutentbrannt griff der zuständige Offizier zu seiner eigenen Pistole und beendete die Exekution.
Was dem Leben wirklich Sinn gibt
Alle diese geschilderten Fälle lassen einen starken Glauben an Gott erkennen. Selbst wenn alles mögliche ausprobiert wurde und sich nichts bewährt hat — Glaube kann Einsamkeit besiegen und einem bisher sinnlosen Leben Sinn geben. In den Augen der Welt führen heute viele ein sinnvolles Leben, doch in Wirklichkeit ist dem nicht so. Warum? Diese Menschen sterben irgendwann, kehren zum Staub zurück und geraten in Vergessenheit; sie heben sich nicht aus dem Menschenmeer heraus und hinterlassen keine Spuren in der Geschichte. In Prediger 9:5 heißt es: „Denn die Lebenden sind sich bewußt, daß sie sterben werden; was aber die Toten betrifft, sie sind sich nicht des geringsten bewußt, auch haben sie keinen Lohn mehr, denn die Erinnerung an sie ist vergessen.“ Der „Sinn“ eines Lebens, das man an den Vorsätzen Jehovas vorbeilebt, kann nur als hohl und leer bezeichnet werden.
Beim Betrachten des Sternenhimmels, dieses riesigen dunklen Gewölbes über uns, kommen wir uns ganz klein und unbedeutend vor. Dann können wir den Psalmisten David verstehen, der schrieb: „Wenn ich deine Himmel sehe, die Werke deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der sterbliche Mensch, daß du seiner gedenkst, und der Sohn des Erdenmenschen, daß du für ihn sorgst?“ Salomo, Davids Sohn, tat die Werke des Menschen mit den Worten ab: „Alles ist Nichtigkeit“, und er kam zu dem Schluß: „Der Abschluß der Sache, nachdem man alles gehört hat, ist: Fürchte den wahren Gott, und halte seine Gebote. Denn das ist des Menschen ganze Pflicht“ (Psalm 8:3, 4; Prediger 12:8, 13).
Wie kann also jemand, der sich einsam fühlt — und genaugenommen jeder Mensch —, seinem Leben überhaupt einen Sinn geben? Indem er ein gottesfürchtiges Leben führt und den Geboten Gottes gehorcht. Nur so kann er sich in die Vorsätze Gottes, des Schöpfers des unermeßlichen Universums, einfügen und seinen Platz in der ewigen göttlichen Ordnung ausfüllen.
Wenn Gott mit dir ist, bist du nie allein
Eine treue Zeugin Jehovas in Afrika sagte, nachdem sie schreckliche Verfolgung durchgemacht und sich im Stich gelassen gefühlt hatte, sie sei nicht allein gewesen, selbst dann nicht, als zwischenmenschliche Beziehungen versagten. Sie zitierte Psalm 27:10: „Falls mein eigener Vater und meine eigene Mutter mich verließen, würde ja Jehova selbst mich aufnehmen.“ Jesus empfand ebenso. „Seht! Die Stunde kommt, ja sie ist gekommen, da ihr zerstreut werdet, jeder zu seinem eigenen Haus, und ihr werdet mich allein lassen; und doch bin ich nicht allein, denn der Vater ist bei mir“ (Johannes 16:32).
Jesus hatte keine Angst vor dem Alleinsein. Er suchte oft die Abgeschiedenheit. Wenn er allein war, war er nicht einsam. Er ließ den Geist Gottes auf sich einwirken und fühlte sich Gott nahe, wenn er von dessen Schöpfungswerken umgeben war. Manchmal mied er die Gesellschaft anderer, um mit Gott allein zu sein. Er ‘nahte sich Gott’, und dieser nahte sich ihm (Jakobus 4:8). Zweifellos war er Gottes engster Freund.
Ein Freund, wie er in der Bibel beschrieben wird, ist etwas Kostbares (Sprüche 17:17; 18:24). Da Abraham absolutes Vertrauen zu Jehova hatte und ihm bedingungslos gehorchte, ‘wurde er Freund Jehovas genannt’ (Jakobus 2:23). Jesus sagte zu seinen Nachfolgern: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn ein Sklave weiß nicht, was sein Herr tut. Ich habe euch aber Freunde genannt, weil ich euch alle Dinge, die ich von meinem Vater gehört habe, bekanntgegeben habe“ (Johannes 15:14, 15).
Daher können alle, die Glauben bekunden und Jehova Gott und Christus Jesus zu Freunden haben, den Kampf gegen die Einsamkeit gewinnen.
[Bilder auf Seite 8, 9]
Zu beten und beschäftigt zu sein ist ein Schutz vor Einsamkeit
[Bilder auf Seite 10]
Der Fall von Harold King und die Erfahrungen Tausender Zeugen Jehovas, die in Konzentrationslagern waren, zeigen, daß der Glaube an Gott die Einsamkeit selbst unter den widrigsten Umständen besiegen kann
[Bildnachweis]
U.S. National Archives photo
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