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MalawiJahrbuch der Zeugen Jehovas 1999
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Schwierigkeiten kündigen sich an
Anfang der 60er Jahre nahm der Nationalismus in Malawi zusehends extremere Formen an. Gemäß einer Übereinkunft mit Großbritannien sollte Mitte 1964 — im Anschluß an allgemeine Wahlen — die volle Unabhängigkeit gewährt werden. In der Zwischenzeit wurde Dr. Banda als interner Premierminister der Kolonie eingesetzt. Vor den allgemeinen Wahlen ordnete die Regierung eine freiwillige Eintragung der Wähler an, die vom 30. Dezember 1963 bis zum 19. Januar 1964 stattfinden sollte.
In dieser Zeit sahen sich Jehovas Zeugen in Malawi zum erstenmal dem ausgesetzt, was die US-Zeitung San Francisco Examiner später als „religiösen Krieg“, als einen „sehr einseitigen Krieg, höllische Gewalt gegen Glauben“, bezeichnete. Diesen Krieg hatten nicht Jehovas Zeugen erklärt. Im Einklang mit biblischen Lehren beweisen sie Respekt gegenüber weltlichen Herrschern und bezahlen gewissenhaft ihre Steuern (Luk. 20:19-25; Röm. 13:1-7). Doch weil Jesus Christus sagte, daß seine Nachfolger „kein Teil der Welt“ sind, bewahren Jehovas Zeugen auch eine Haltung strikter Neutralität in bezug auf die Kriege und die Politik der Nationen (Joh. 17:16; Apg. 5:28, 29).
Sobald das Fieber der Wählerregistrierung das Land erfaßte, machten die Zeugen von ihrem Recht Gebrauch, sich nicht registrieren zu lassen. Als jedoch Parteifunktionäre ihre neutrale Haltung gewahr wurden, kam es zu gewalttätiger Verfolgung. Man versuchte, die Zeugen mit allen Mitteln zu zwingen, ihre Meinung zu ändern und Parteiausweise zu kaufen. Aus den Berichten, die in dieser Zeit im Zweigbüro eintrafen, ging hervor, daß mehr als 100 Königreichssäle und weit über 1 000 Häuser unserer Brüder niedergebrannt oder niedergerissen worden waren. Hunderte von Feldern und Nahrungsmittelspeichern hatte man in Brand gesetzt. Leider standen daraufhin viele Familien der Zeugen Jehovas ohne Lebensmittel da und hatten auch kein Dach mehr über dem Kopf. Einige flohen um ihr Leben in das benachbarte Mosambik. Viele wurden heftig geschlagen. Unter diesen war Kenneth Chimbaza, ein reisender Aufseher. Wenige Jahre nach den Mißhandlungen starb er, offensichtlich auf Grund der Verletzungen, die ihm zugefügt worden waren.
Lauterkeit unter Prüfungen bewahrt
Groß ist die Zahl der Erfahrungen, die diejenigen erzählen können, die unter Verfolgung die Lauterkeit bewahrten. Zum Beispiel lebten in der Nähe von Blantyre zwei Schwestern, die zusammen 11 Kinder zu versorgen hatten. Ihre Ehemänner hatten dem politischen Druck nachgegeben und Parteiausweise gekauft. Daraufhin wurden die Schwestern bedrängt, Ausweise zu kaufen. Sie lehnten es ab. Die Parteifunktionäre sagten ihnen, sie würden am nächsten Tag wiederkommen, um festzustellen, ob sie ihre Meinung geändert hätten. Tatsächlich kam am folgenden Morgen eine große Menschenmenge, um sie abzuholen. Sie wurden dann zu einem öffentlichen Platz gebracht, wo man drohte, sie zu vergewaltigen, und sie wurden geschlagen, weil sie es ablehnten, Parteimitgliedsausweise zu kaufen. Die Schwestern blieben standhaft. Ihnen wurde dann gestattet, nach Hause zu gehen, aber am nächsten Tag wurden sie doch wieder geholt. Man schlug sie erneut, und diesmal wurden sie vor der Volksmenge völlig entkleidet. Aber die Schwestern waren nicht bereit, Kompromisse zu machen.
Danach änderten die Verfolger ihre Taktik. „Wir haben mit eurem Büro telefoniert“, sagten sie, „und haben mit Johansson, McLuckie und Mafambana gesprochen. Sie sagten uns, ihr solltet euch eure Ausweise kaufen, genau wie sie und alle anderen Zeugen Jehovas in ... [Malawi] sich schon welche besorgt haben. Ihr seid somit die beiden einzigen Frauen im ganzen Land, die noch keine Ausweise gekauft haben. Ihr solltet euch jetzt besser eure holen.“ Die Schwestern antworteten: „Wir dienen nur Jehova Gott. Selbst wenn die Brüder im Zweigbüro Ausweise gekauft haben, so hat das für uns keine Bedeutung. Wir werden keinen Kompromiß schließen, nicht einmal, wenn ihr uns tötet!“ (Vergleiche Römer 14:12.) Letztendlich ließ man die beiden Schwestern ungehindert gehen.
Diese demütigen, treuen Schwestern konnten weder lesen noch schreiben, aber sie hatten tiefe Liebe zu Jehova und zu seinem Gesetz. Ihre Standhaftigkeit kommt in den Worten von Psalm 56:11 zum Ausdruck: „Auf Gott habe ich mein Vertrauen gesetzt, ich werde mich nicht fürchten. Was kann der Erdenmensch mir antun?“
Bemühungen, unseren Standpunkt genauer zu erklären
Als sich die folgenschweren Zwischenfälle ausweiteten, bemühte sich die Gesellschaft angestrengt, bei der Staatsführung darauf hinzuwirken, daß der Verfolgung Einhalt geboten wurde. Man wandte sich an das Büro des Premierministers, und am 30. Januar 1964 wurde eine Unterredung mit Dr. Banda gewährt. Bei dieser Gelegenheit konnte Jack Johansson deutlich die neutrale Haltung von Jehovas Zeugen erklären, wobei er seine Ausführungen auf Römer, Kapitel 13 stützte. Den Premierminister schien das Gesagte tatsächlich zufriedenzustellen, und als Bruder Johansson sich verabschiedete, dankte Dr. Banda ihm herzlich.
Nur 4 Tage später wurde jedoch eine Gruppe von Zeugen im Gebiet von Mulanje angegriffen. Elaton Mwachande wurde brutal ermordet. Mona Mwiwaula, einer älteren Zeugin, schoß man einen Pfeil durch den Hals und ließ sie dann liegen, da man annahm, sie sei tot. Diese Schwester überlebte jedoch, und ihre Zeugenaussage diente später dazu, die Übeltäter vor Gericht zu bringen. Als die Nachricht von diesem schrecklichen Zwischenfall das Zweigbüro erreichte, wurde ein dringendes Telegramm an das Büro des Premierministers gesandt.
Daraufhin kam es am 11. Februar 1964 zu einem weiteren Zusammentreffen mit Dr. Banda sowie zweien seiner Minister. Harold Guy und Alexander Mafambana begleiteten Jack Johansson. Diesmal herrschte jedoch eine ganz andere Stimmung. Dr. Banda sagte, während er das Telegramm hin und her schwenkte: „Herr Johansson, was denken Sie sich dabei, mir ein derartiges Telegramm zu schicken?“ Die Brüder versuchten ruhig, dem Premierminister unsere neutrale Haltung zu erklären und daß wir uns an die Gesetze des Landes halten. Aber der Premierminister und seine Gefolgsleute argumentierten, Jehovas Zeugen würden die Angreifer bewußt herausfordern. Das Treffen endete mit dem ungünstigen Ergebnis, daß Jehovas Zeugen die Schuld für die verworrene Situation im Land gegeben wurde. Bruder Johansson wurde sogar die sofortige Ausweisung angedroht. Doch allem Anschein nach richtete sich Dr. Bandas Zorn mehr gegen das Unvermögen seiner beiden Minister, die nicht in der Lage gewesen waren, schlüssige Beweise für Provokationen durch Zeugen Jehovas vorzulegen.
Interessanterweise sah es in der Gerichtsverhandlung nach dem Mord an Bruder Mwachande der Richter, Herr L. M. E. Emejulu, nicht als erwiesen an, daß Jehovas Zeugen ihre Angreifer in irgendeiner Weise herausgefordert hatten, wie die Regierung behauptete. Der Richter erklärte: „Ich sehe keine Beweise für eine Provokation. Es stimmt, daß Jehovas Zeugen entschieden ihren Glauben propagiert und andere zu bekehren versucht haben, aber sie sind ihren Bürgerpflichten stets nachgekommen und haben alles getan, wozu sie aufgefordert worden sind ... Sie haben sich lediglich geweigert, einer politischen Partei beizutreten.“
Als die Begeisterung für die Wählerregistrierung abebbte, rief der Premierminister zum Frieden und zur Ruhe im Land auf. „Weder den Europäern noch der Polizei, noch den Indern, nicht einmal Jehovas Zeugen sollten Schwierigkeiten gemacht werden“, sagte er. Und: „Vergebt ihnen!“ Im Juli 1964 herrschte große Begeisterung, als die Kolonie Njassaland eine unabhängige Republik wurde und ihren Namen auf Malawi änderte. Die Verfolgung hatte schließlich ein Ende, aber erst nachdem das Leben von 8 Dienern Jehovas brutal ausgelöscht worden war.
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MalawiJahrbuch der Zeugen Jehovas 1999
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Die Situation verschlechtert sich wieder
Im Anschluß an einen kurzen Sprachkurs wurde Keith Eaton zusammen mit seiner Frau Anne damit betraut, den Bezirksdienst durchzuführen. Zu Beginn hatten sie vorteilhafterweise den liebevollen Beistand von Kenneth Chimbaza und seinen Angehörigen. Der kleine Maimba wollte immer helfen, und er trug voller Begeisterung Bruder Eatons Predigtdiensttasche, wenn sie sich am Predigtdienst beteiligten.
Als Bruder Eaton im April 1967 auf einem Kreiskongreß in dem Dorf Thambo im Gebiet von Phalombe diente, hörte er eine beunruhigende Radiosendung. Dr. Banda beschuldigte Jehovas Zeugen, vorsätzlich Parteifunktionäre und Mitglieder der Jugendbewegungen, bekannt als „Junge Pioniere Malawis“ und „Bund der Jugend Malawis“, herauszufordern. Es wurde auch behauptet, die Zeugen würden es nicht nur selbst ablehnen, Parteiausweise zu kaufen, sondern auch andere überreden, es nicht zu tun.
Wie 1964 wurde der Streitpunkt wegen der Parteimitgliedsausweise in den Vordergrund gerückt. Obwohl der Erwerb dieser Ausweise freiwillig war, wurde die Weigerung, sie zu kaufen, von den Parteifunktionären als Akt der Respektlosigkeit betrachtet. Später wurde gesagt, der Kauf eines Ausweises sei „die eine Möglichkeit, wie wir als Volk dieses Landes ... [Dr. Banda] zeigen können, daß wir ihm für die Entwicklung Malawis dankbar sind“. Erzürnt über die Standhaftigkeit, die Jehovas Zeugen in dieser Angelegenheit bewiesen, erneuerten die Parteifunktionäre ihre Anstrengungen, die Brüder zum Einlenken zu zwingen. Wiederum erreichten Berichte das Zweigbüro, daß Brüder schikaniert und geschlagen worden waren.
Bei einer Gelegenheit wurde Malcolm Vigo von einigen Parteifunktionären gebeten, einen Bruder aus der Versammlung Jumbe zu besuchen, der verhaftet worden war, weil er es abgelehnt hatte, einen Parteiausweis zu kaufen. Bevor Bruder Vigo den Raum betrat, betete er im stillen. Von Anfang an war offensichtlich, daß die Funktionäre darauf hofften, von Bruder Vigo zu hören, die Watch Tower Society habe ihren Mitgliedern deutlich gesagt, es sei verkehrt, Parteiausweise zu erwerben. Statt dessen wies er darauf hin, daß die Gesellschaft niemandem vorschreibe, was er zu tun habe, und daß jeder in dieser Angelegenheit seine eigene Entscheidung treffen müsse. Die Parteifunktionäre gaben sich mit dieser Erklärung keineswegs zufrieden. Von allen Seiten wurde Bruder Vigo mit Fragen überschüttet. In ihrem Eifer, ihn in eine Falle zu locken, stellten die Funktionäre schon die nächste Frage, bevor er die vorherige beantwortet hatte. Nach zwei Stunden Befragung wurde der Bruder schließlich freigelassen. Es wurde kein Parteiausweis gekauft.
Verbot!
Während des jährlichen Kongresses der Regierungspartei, der Malawi Congress Party, im September 1967 spitzte sich die Situation zu. Einer der dort verabschiedeten Entschlüsse lautete: „[Wir] empfehlen dringend, die Glaubensgemeinschaft Jehovas Zeugen in unserem Land zu verbieten.“ Aus welchem Grund? In dem Entschluß hieß es, daß „sie die Stabilität, den Frieden und die Ruhe, die für die reibungslose Verwaltung des Staates unerläßlich sind, gefährdet“. Der Präsident verkündete dann in der Schlußansprache des Kongresses: „Jehovas Zeugen machen überall Schwierigkeiten. Deshalb wurde gestern auf diesem Kongreß ein Entschluß gefaßt, Jehovas Zeugen zu verbieten. Ich kann nur eines sagen: Die Regierung wird sich sehr schnell mit der Angelegenheit befassen.“
Waren Jehovas Zeugen wirklich eine Gefahr für die Stabilität Malawis? Wohl kaum! Die Zeugen in Malawi wurden später von einem Beobachter als „Musterbürger“ bezeichnet. „Sie zahlen pünktlich ihre Steuern, pflegen die Kranken, bekämpfen das Analphabetentum.“ Ungeachtet dessen befaßte sich die Regierung tatsächlich „sehr schnell mit der Angelegenheit“. Kurz darauf wurde durch einen Regierungserlaß ein Verbot verhängt, das am 20. Oktober 1967 in Kraft trat. Die ganze Nation wurde davon durch die Balkenüberschrift in Kenntnis gesetzt: „Malawi verbietet ‚gefährliche‘ Sekte“. Zwar wurde erklärt, das Vorgehen sei darin begründet, daß Jehovas Zeugen „für die gute Regierung Malawis gefährlich“ seien, aber in Wahrheit geschah es ganz offensichtlich deshalb, weil sie sich weigerten, Parteiausweise zu kaufen. Im Einklang mit ihrer unerschütterlichen, auf die Bibel gestützten Überzeugung entschieden sich Jehovas Zeugen lediglich dafür, „Gott, dem Herrscher, mehr [zu] gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5:28, 29).
Rechtzeitige Vorbereitung zahlt sich aus
Bevor das Verbot verhängt wurde, war den Brüdern im Zweigbüro bewußt, daß irgendein Vorgehen der Obrigkeit gegen Jehovas Zeugen zu erwarten war. Obwohl sie kein völliges Verbot erwarteten, begannen sie, Vorsorge zu treffen. Besondere Zusammenkünfte wurden in verschiedenen Teilen des Landes abgehalten, um den Kreis- und Bezirksaufsehern Anleitung zu geben und Ermunterung zuzusprechen. Praktische Richtlinien wurden gegeben in bezug auf Zusammenkünfte der Versammlungen, den Predigtdienst, Literaturvorräte und das Versenden von Briefen. Diese Informationen waren wirklich eine unschätzbare Hilfe, als sich die Situation verschlechterte.
Die Versammlungen bemühten sich eifrig, den Empfehlungen entsprechend vorzugehen, die an sie weitergegeben worden waren. So wurden keine Formulare der Gesellschaft mehr verwendet. Statt dessen wurde der Predigtdienstbericht der Versammlung auf ein einfaches Stück Papier geschrieben und durch Kuriere dem Zweigbüro überbracht. Die Zusammenkunftszeiten änderte man gemäß den Bedürfnissen jeder Versammlung. Eine Versammlung entschied sich, die Zusammenkünfte am Sonntagmorgen um 5.30 Uhr zu beginnen, bevor das übrige Dorf erwachte. Was das Predigtwerk betraf, konnte kein Verbot Jehovas Zeugen davon abhalten, die gute Botschaft vom Königreich zu verbreiten. Wie zur Zeit der Apostel standen unsere treuen Brüder und Schwestern auf dem Standpunkt: „Wir können nicht aufhören, von den Dingen zu reden, die wir gesehen und gehört haben“ (Apg. 4:20).
Kurz vor dem eigentlichen Verbot erhielt das Zweigbüro Informationen aus einer gutunterrichteten Quelle, daß für die Government Gazette die Ankündigung des Verbots der Zeugen Jehovas vorbereitet wurde. Die Brüder sorgten daraufhin unverzüglich dafür, daß alle wichtigen Unterlagen und Dokumente, sogar ein Teil der Ausrüstung, in die Häuser verschiedener Brüder gebracht wurden. Auch die Literaturvorräte wurden aus dem Zweigbüro in großen Mengen an Versammlungen im ganzen Land verteilt. Um die wertvolle geistige Speise zu schützen, wurden in einer Versammlung zwei große Ölfässer mit Büchern gefüllt und für den späteren Gebrauch vergraben. Als die Polizei im November schließlich in das Zweigbüro kam, um den Besitz zu beschlagnahmen, war sie offensichtlich überrascht, in welch geringem Umfang Veröffentlichungen, Unterlagen und Ausrüstung vorhanden waren.
Missionare abgeschoben
Wie erwartet, wurden die ausländischen Missionare aufgefordert, das Land zu verlassen. Bevor sie gingen, taten sie jedoch, was sie konnten, um die Brüder und Schwestern zu stärken, die ihnen sehr am Herzen lagen. Malcolm Vigo besuchte und ermunterte Brüder, deren Häuser von Wandalen zerstört worden waren. Das erlebte zum Beispiel auch Finley Mwinyere, ein Kreisaufseher. Bruder Vigo sagte: „Als wir ankamen, sahen wir Bruder Mwinyere, der sein ausgebranntes Haus betrachtete. Es war ermunternd, welch einen Geist er offenbarte. Sein Wunsch war, sofort weiterzumachen und andere in seinem Kreis, die Leiden erdulden mußten, zu stärken. Er war nicht übermäßig beunruhigt wegen seines eigenen Verlustes.“
Jack Johansson reiste nordwärts nach Lilongwe, um etwa 3 000 Brüder und Schwestern zu besuchen, die inhaftiert worden waren. Er konnte mit vielen von ihnen sprechen und sie ermuntern. Sie waren immer noch guten Mutes. Als er sie verließ, fühlte er sich sogar selbst erbaut, ja es war für ihn eine glaubensstärkende Erfahrung. Bruder Johansson erfuhr später von dem verantwortlichen Offizier, daß eine recht prekäre Situation entstanden war. Bei einem Zusammenbruch der Elektrizitätsversorgung in Lilongwe, erklärte der Offizier, würde man diese wahrscheinlich nicht mehr wiederherstellen können. Wegen des Verbots befanden sich nämlich die besten und zuverlässigsten Mitarbeiter im Gefängnis.
Die 8 ausländischen Missionare verließen Malawi keineswegs freiwillig. Aus ihrer Sicht hatten sie nichts Verkehrtes getan. Die Sharps und die Johanssons wurden mit einer Polizeieskorte direkt zum Flughafen gebracht und in ein Flugzeug gesetzt, das ins Ausland flog. Die beiden anderen Ehepaare lieferte man in das Chichiri-Gefängnis in Blantyre ein, wo sie einige Nächte zubrachten — Malcolm und Keith in einer Zelle und Linda Louise und Anne in einer anderen. Dann wurden auch sie mit einer Polizeieskorte zum Flughafen gebracht und nach Mauritius abgeschoben. Die Vigos wurden zusammen mit den Johanssons von der Gesellschaft schließlich nach Kenia gesandt und die Eatons nach Rhodesien.
Traurigen Herzens ließen die Missionare ihre lieben Brüder und Schwestern zurück. Doch die malawischen Zeugen wurden nicht ohne Hilfe gelassen. Es gab geistige Hirten, liebevolle Aufseher, in den 405 Versammlungen im ganzen Land (Jes. 32:2). Alex Mafambana beaufsichtigte das Werk vor Ort, und die Aufsicht über das malawische Gebiet wurde dem Zweigbüro in Simbabwe (damals Rhodesien) übertragen. In den folgenden Jahren sorgte das Zweigbüro in Harare (Simbabwe) dafür, daß die malawischen Kreisaufseher und andere, die die Führung übernahmen, nach Simbabwe reisen konnten, um Bezirkskongresse und Auffrischungskurse zu besuchen. Durch diese treuen Brüder wurden Kreis- und Bezirkskongreßprogramme an die Versammlungen weitergegeben.
Eine neue Welle von Greueltaten
Sobald das Verbot öffentlich bekannt wurde, übernahmen Parteifunktionäre und Mitglieder der „Jungen Pioniere Malawis“ sowie des Jugendbundes die Führung in einer neuen Welle brutaler Verfolgung. Die Polizei und die Gerichte waren trotz teilweiser Sympathie machtlos, der Gewalttätigkeit Einhalt zu gebieten, da Jehovas Zeugen jetzt im Land als ungesetzlich galten.
Als sich die Verfolgung verstärkte, wurden Königreichssäle, Häuser, Nahrungsmittelspeicher und Geschäfte der Zeugen Jehovas in allen Teilen des Landes zerstört. An einigen Orten kamen die Angreifer sogar mit Lastwagen, um den Besitz der Zeugen abzutransportieren. Auch wenn der Verlust, materiell gesehen, vielleicht nur sehr gering war, verloren unsere malawischen Brüder und Schwestern doch alles, was sie besaßen.
Auch Berichte darüber, daß Zeugen zusammengeschlagen worden waren, kamen aus ganz Malawi. Für einige unserer lieben Schwestern war die Verfolgung besonders grauenhaft. Vielfach sprachen die Berichte davon, daß Christinnen vergewaltigt, verstümmelt oder geschlagen worden waren. Die sadistischen Angreifer verschonten niemanden. Die älteren, die jungen und sogar einige schwangere Schwestern mußten solche grausamen Torturen durchmachen. Manche erlitten daraufhin Fehlgeburten. Wiederum sahen sich Tausende gezwungen, aus ihren Dörfern zu fliehen. Viele fanden Zuflucht im Busch. Andere gingen in ein vorübergehendes Exil in das benachbarte Mosambik. Bis Ende November 1967 hatte die Welle brutaler Angriffe auf Jehovas Zeugen mindestens 5 weiteren Personen das Leben gekostet.
Reaktion auf das Verbot
Selbst brutale Schläge konnten Jehovas Zeugen nicht abschrecken. Sehr wenige machten Kompromisse. Samson Khumbanyiwa zerstörte man nicht nur Haus und Möbel, sondern zerriß ihm auch seine gesamte Kleidung, sein Glaube nahm aber keinen Schaden. Voller Überzeugung sagte er: „Ich weiß, daß ich niemals allein bin, und Jehova hat mich beschützt.“ Die Lauterkeit solcher Männer und Frauen des Glaubens ist eine Ehre für Jehova — eine Antwort auf Satans höhnische Aussage: „Alles, was ein Mensch hat, wird er für seine Seele geben“ (Hiob 2:4).
Die Verfolgung rüttelte einige aufrichtiggesinnte Personen in Malawi wach. Das war im Einklang mit dem, was Jesus Christus selbst vorausgesagt hatte. Nachdem er seine Nachfolger warnend darauf hingewiesen hatte, daß sie verfolgt, ja sogar vor Herrscher geschleppt werden würden, schloß er mit folgenden ermunternden Worten ab: „Es wird euch zu einem Zeugnis ausschlagen“ (Luk. 21:12, 13).
Auf Grund der Verfolgung wurde einem Ehemann, der sich eine gewisse Zeit der Betätigung seiner Frau als einer Zeugin Jehovas widersetzt hatte, tatsächlich geholfen, die Dinge deutlicher zu erkennen. Eines Morgens, nicht einmal zwei Wochen nachdem das Verbot verhängt worden war, erschien ein Pöbelhaufen vor seinem Haus. Die Leute wußten, daß der Mann kein Zeuge war, und riefen, sie seien nur wegen seiner Frau gekommen. Zunächst wollte er die Tür nicht öffnen. Aber nachdem sie drohten, ihnen das Haus über dem Kopf anzuzünden, machte er widerstrebend auf. Plötzlich war er selbst mit Ketten gefesselt, und man forderte ihn auf, einen Parteiausweis zu kaufen. Da wurde ihm bewußt, daß seine Frau tatsächlich die wahre Religion haben mußte. Er lehnte es ab, an jenem Tag einen Ausweis zu kaufen. Man schlug ihn und seine Frau. Aber unmittelbar danach begann er, die Bibel zu studieren. Im folgenden Jahr gab sich der Mann Jehova hin und wurde wie seine Frau ein Diener Jehovas.
Innerhalb und außerhalb von Malawi äußerten Menschen ihre Besorgnis darüber, was unschuldigen Christen dort widerfuhr. Etliche hörte man sagen: „Jetzt wissen wir, daß das Ende der Welt bevorstehen muß, wenn Gottes Volk in unserem Land verboten ist!“ Die Artikel, die in den englischen Wachtturm- und Erwachet!-Ausgaben von Februar 1968 (deutsch: Mai 1968) erschienen, entfachten rund um die Welt einen Sturm der Entrüstung. Tausende von Briefen ergossen sich in das Land, in denen die Schreiber ihre Entrüstung äußerten und die Regierung aufforderten, den Greueltaten Einhalt zu gebieten. In einigen Postämtern wurde Hilfe benötigt, um mit diesem plötzlichen Zustrom an Post fertig zu werden. So intensiv und nachdrücklich war die internationale Reaktion auf diese Situation, daß der Präsident letztendlich einen Erlaß herausgab, in dem erklärt wurde, daß die Verfolgung enden müsse. Zu einem späteren Zeitpunkt sagte Dr. Banda sogar, niemand solle gezwungen werden, einen Parteiausweis zu kaufen. „Ich möchte, daß die Menschen freiwillig ihre Ausweise erneuern, aus ihrem eigenen Wunsch heraus, nicht aus Zwang“, erklärte er. Allmählich begann daher eine weitere Welle der Verfolgung abzuebben. Dies ermöglichte es einigen unserer Brüder, in ihre Häuser zurückzukehren und das wichtige Königreichspredigtwerk fortzusetzen — wobei sie sich jedoch unauffälliger Methoden bedienten, da das Verbot nicht aufgehoben worden war.
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